Klagenfurt. Oder so.

Gastbeitrag der Innsbrucker Schriftstellerin C. H. Huber

Ein Brief ist gekommen, keine Mail, der du im Dialekt deines Heimatbundeslandes sofort wie dort üblich den unbestimmten sächlichen Artikel, also „das“ zuordnen würdest. Würdest also fast lieber schreiben, dass du ein Mail bekommen hast – was sogar der Duden in deinem Fall als österreichische Form erlaubt hätte. Du hast den Brief geöffnet und erfreut von der Wertschätzung deines literarischen Schaffens durch einen Herrn aus Kärnten erfahren, auch von seinem Angebot, einen kleinen Beitrag zum Thema Klagenfurt für seine literarische Zeitschrift einzusenden. Neulich seid ihr beide euch zum zweiten Mal begegnet, wieder bei der Generalversammlung jenes Vereines, der längst in Wien beheimatet ist, obwohl er Graz noch immer im Namen trägt. Hast jenem Herrn dabei einen deiner Lyrikbände gegeben, vielleicht auch etwas in Prosa, bist dir dessen aber nicht mehr sicher. Eine liebe Freundin aus Klagenfurt, ein Fan deiner Texte, hatte sie ihm bereits als lesenswert angekündigt. Irgendwann geht sich etwas in seinem Literaturdomizil bestimmt aus, hatte sie gemeint, ihm dann auch gleich zwei deiner Bücher geliehen und dir in Sachen Klagenfurt lange Zähne gemacht.
Wirst der Chance, die der Auch-Literaturveranstalter dir nun in seiner Zeitschrift geben will, nicht nachkommen können, aus verschiedenen Gründen, denkst du jetzt leicht frustriert, auch kennst du Klagenfurt ja nur von ein- oder zweimaligen Kürzest-Besuchen vor vielen Jahren. Etwas über diese Zeitschrift im Net zu erfahren könnte aber dennoch nicht schaden, weißt du. Error 404 meldet die Website der Nationalbibliothek bei mehrmaligen Versuchen, was dich erstaunt. Bist halt ein Net-Armutschkerl, denkst du und gibst auf, liest trotzdem auf anderen Seiten ein bisschen was über ihren Herausgeber, dessen Namen du eingegeben hast, weil er natürlich auch Schriftsteller ist. Okay, dort findest du doch etwas über die Zeitschrift, offenbar eine angesehene, sie ähnelt wegen der hohen Seitenzahl einem Buch, registrierst du. Schade also für dich, da auch wegen des Mangels an Material nicht mittun zu können.

In dir gräbt leichte Enttäuschung und du fragst dich, was dieses Klagenfurt mit dir macht, hörst du seinen Namen und in dich hinein. Auch wenn sommer- oder winterlich schöne Bilder zum Kärnten von damals auftauchen – kurzer Familienurlaub im Wochenendhaus von insgesamt nur zwei Mal besuchten Verwandten in Ferlach, dadurch auch ein paar Tage des Badens an Seen. Ein Mal gabs aber auch einen Schiurlaub in Bad Kleinkirchheim. Abgesehen von Minimundus, mit deinen damals noch kleinen Kindern während des Wochenendhaus-Urlaubs besucht, kannst du im Augenblick aber nichts persönlich Erlebtes mit Klagenfurt in Verbindung bringen. Dann schießt dir der Kärntner Schriftsteller und Schriftstellerinnenverband ein, der dort ansässig ist und damit auch seine neue, sehr gute Gedichte schreibende Vorsitzende, und natürlich der Herausgeber dieser buchartigen Zeitschrift, beide leben ja dort. Sonst warten nur Haider und seine Buberlpartie im Hirn auf dich und drängen sich vor, mitsamt dem vormaligen Mascherl-Kanzler, der ihn und manch einen seiner Gesinnungsfreunde in die Bundesregierung gehievt hatte. Und natürlich steigt dir sofort die Galle auf über das, was sie angerichtet haben, nicht nur der Schulden wegen, die du wie alle ÖsterreicherInnen in Sachen Hypo-Alpe-Adria–Pleite abzahlen musst, ob du willst oder nicht. Das Grausen kommt dir aber, denkst du an die blaubraune Färbung deines Staates, die seit diesem Wolf, der Kreide fraß, stetig zugenommen hat. Was man klarerweise nicht Klagenfurt anlasten kann und nur zeigt, wieviele leicht zu verführende Leute es überall im Staat gibt.

Egal, wie viel und was man auch gegen den Bärentaler und seine Anhänger an Fakten vorbrachte, setzten uns diese Volksverhetzer nach Jahren dann auch noch ihren ach so lieben und netten Präsidentschaftskandidaten vor die Nase, ärgerst du dich. Wie ist der doch charmant mit seinem Bubi-Lächeln und dem harmlosen Gerede, er bügelt sogar seine Hemden selbst, während seine Frau Kranke oder Alte pflegt, stand in den verzückten Gesichtern der gläubigen Wählerinnen. Außerdem, was kann er als Präsi schon anstellen, ist ja eh nur ein Ausgedinge- und Repräsentationsposten, dieses Amt, sagten die Denkzettelwähler und -wählerinnen. In der, zugegeben, oft berechtigten Kritik an anderen Parteien fühlten sie sich durch ihn und die seine bestätigt, verantwortungslose Medien hatten deren Angstmache ausgenützt und verstärkt. Zum Glück unterlag der Kandidat im Endeffekt aber doch dem dir wesentlich vertrauenswürdiger wirkenden Konkurrenten.

In diesem brauntrüben Tümpel schwimmen die Leute nach einer anderen Wahl nun aber erst recht, halten jeden Medienfurz der von ihnen Bewunderten für wohlriechend und wahr, wollen nicht merken, wohin die Reise geht und werden dann wieder von nichts gewusst haben, wenn ihnen irgendein starker Mann „die Wadl viridraht“ hat. Der Trump-Sieg in den USA gab zusätzlich allen Populisten der Welt Auftrieb, und einer, der sich nach dem legendenumwobenen Tod des Bärentalers als moderner An-Führer aufspielt, agiert nun bereits als Vizekanzler an der Seite des rasch auf türkis umgefärbten Wunderwuzis aus dem schwarzen Lager. Der sich nun mit Brille seriös und geläutert Gebende Vorsitzende der immer schon im Burschenschafts-Schlamm steckenden, auf Blau getrimmten Partei war noch vor nicht allzu langer Zeit in Videos oder auf Fotos mit Spielzeuggewehr in eindeutigen Posen zu sehen gewesen, die den Staatsschutz eigentlich in Tätigkeit hätten stürzen müssen. In Wald- und Wiesen-Actions früherer Tage hat er das Herrschen mit Gewalt vorsorglich eingeübt, sagst du. Ohne je an Derartiges gedacht zu haben oder wirklich nachweislich dabei gewesen zu sein, behaupten er und seine Blut-und-Boden-Genossen. Jetzt spielt er sich erfolgreich als Beschützer des einfachen Volkes auf, während er Gesetze mitträgt, die genau diesem die Butter vom Brot nehmen werden. Allerhöchstens eine Jugendsünde in den Augen Vieler, diese früheren Waffenspiele. Ebenso wie die steifen Handhebungen seiner Freunde und ihre postfaktischen Wortmeldungen und wahren Gerüchte werden sie toleriert oder ignoriert von der Masse, gerne auch von seinem neutürkisen Chef und dessen Anhängerschaft. Jedenfalls gehören diese Actions für jenen offenbar auch nur in die generelle Jugendsünden-oder Absolutions-Kategorie.

Weit haben es also die geistigen Erben des toten, ehemaligen Kärntner Landeshauptmannes gebracht, den du leider sofort mit Klagenfurt in Verbindung bringst. Sogar ein Richter im fernen Oberösterreich und der Justizminister fanden vor einiger Zeit nichts mehr dabei, einen Anwalt die Verbrechen der Nazis und die Gaskammern in Mauthausen leugnen zu lassen. – Zum Speiben ist das! Du denkst sofort an die Volksgerichtshof-Vorsitzenden, die nach dem Krieg unbehelligt weiter ihre Ämter und Pfründe behalten durften, auch an den Arzt Dr. Gross, der wie viele Helfer und Zuarbeiter dieser Gesinnung nie wirklich zur Rechenschaft gezogen wurde. Plötzlich war er zu alt und dement, nachdem er ein Mal bereits freigesprochen worden war. Er hatte anfangs Richter, Kollegen und ehemalige Schüler, die ihm nicht ans Bein pinkeln wollten, sagst du, zudem wusste er zuletzt ganz bestimmt, wie man Demenz simuliert. In Interviews war er im Gegensatz zum Gerichtssaal geistig noch ganz gut in Form, fandest nicht nur du. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Deine nie schrumpfende Wut auf diese Vorgänge in Vergangenheit und Gegenwart hat dich ziemlich weit von Klagenfurt entfernt, also Retourgang einlegen. Einen, wie dir scheint, relativ brauchbaren Landeshauptmann dort in seiner Kanzlei attestierst du der Stadt jetzt. Das jedenfalls signalisiert dir der momentane Blick von außen. Und nicht, dass man glaubt, du würdest dieser in deiner flüchtigen Erinnerung hübschen Stadt die Anerkennung in Anderem versagen. Hat nicht die Schönheit dieses Bundeslandes auf sie abgefärbt? Auch die Liebenswürdigkeit vieler Einwohner Kärntens und Klagenfurts Affinität zu Kultur, auch Literatur ist weitum bekannt.

In der Klagenfurter Umgebung – oder ist St. Rupprecht bereits eingemeindet? – hat Robert Musil das Licht der Welt erblickt. Und hat Klagenfurt nicht das Musilhaus, das dem großen Sohn durch Lesungen heutiger Literatur huldigt? Du verbindest natürlich auch sofort Ingeborg Bachmann mit Klagenfurt. Dem jährlich einmaligen – Achtung, Doppeldeutung möglich – Auftrieb aus der Literaturszene des deutschsprachigen Raumes kann und will sich ein Mensch wie du zumindest vor dem TV kaum verschließen. Schriftsteller und Schriftstellerinnen, beziehungsweise DichterInnen von Rang hat Kärnten hervorgebracht, siehe auch Christine Lavant, Peter Handke, Peter Turrini Und falls nicht direkt dort geboren, hat sie sich Klagenfurt oft später einverleibt oder beherbergt oder tut es noch. Manchmal suchten die angeblichen Nestbeschmutzer nicht nur, aber auch wegen der Angriffe auf sie als Folge ihres schonungslosen Anschreibens gegen Heimattümelei und Lüge allerdings das Weite. Durch ihr mittlerweile internationales oder zumindest europäisches Ansehen könnten sie diese Anfeindungen nun besser parieren, ganz ausgeblieben wären die aber bestimmt dennoch nicht. Josef Winkler ist das beste Beispiel dafür. Er, seines Zeichens Büchner-Preisträger und vieler anderer Auszeichnungen, geboren in Kamering, blieb bisher jedoch seiner Heimat Kärnten erhalten. Durch seine oft in einen beinah satirischen Kontext eingebundene Kritik in Reden und Schreibe zieht er sich immer wieder den Unmut der selbst ernannten Heimattreuen zu. Gerade eben wurde Strafanzeige gegen ihn eingebracht, hatte er doch wegen des Hypo-Bank-Desasters angeregt, die Urne Haiders in eine Gefängniszelle zu verlegen. Starker Tobak sind für viele Kärntner auch Texte wie jener, der sich „Lass dich heimgeigen, Vater, den Tod ins Herz mir schreiben“ betitelt. Du hast einen Ausschnitt daraus neulich im Radio auf Ö1 gehört und warst begeistert gewesen von der Sprache und natürlich auch von einer weiteren Facette zum Thema Nationalsozialismus und Verdrängung der Vergangenheit, die nicht nur in Kärnten immer noch weite Teile der Bevölkerung betreiben.

Geschätzte neue Dichter und Dichterinnen wachsen jedoch nach wie vor in erklecklicher Menge aus dieser Klagenfurter oder Kärntner Erde, hast du festgestellt, nachdem du einen winzigen Blick in den Kärntner Autor- und Autorinnen-Kosmos werfen durftest durch ein Literatur-Symposium in Gmünd. In Erinnerung wird es dir bleiben, der interessanten Beiträge und Gespräche zwischen Schreibenden aus dem Alpen-Adria-Raumes wegen, auch der großartigen Gastfreundschaft, die man den Mitwirkenden geboten hatte. Eingeprägt hat sich dir aber auch der Mut – oder solltest du besser die Aufmüpfigkeit sagen – eines Kärntner Autors. Ein Regionalpolitiker hatte in seiner Begrüßungsrede einen zutiefst braunen Sager losgelassen, und natürlich protestierte das Literatenpublikum durch lautstarkes Murren, doch erst der drastische Verweis dieses Autors trieb den ewig Gestrigen in die Flucht. Diese klaren Worte haben dir ungeheuer imponiert, selbst wenn man den enthemmenden Pegel gewisser Promille im Blut des Protestierenden einbezieht. Die halfen dem Zwischenrufer vermutlich ein wenig bei der Verwandlung jener Wörter in Sprache, die dir und anderen schwer im Magen oder schon auf der Zunge gelegen waren, machten sie zum befreiend Ausgespuckten.

Noch ein zweites Mal durftest du diese Gastfreundschaft genießen, auch eine kundige Führung durch die Galerien dieser kleinen Künstlerstadt hatte sie inkludiert. Bei überraschend strahlendem Herbstwetter nach einer langen Periode der Kälte und Sonnensehnsucht, bezauberte dich und die anderen Teilnehmer und Teilnehmerinnen die Vielfalt künstlerischen Ausdrucks in den Ateliers und Ausstellungsräumen der wunderschönen Altstadt mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten. Der fundierte Auftakt-Vortrag einer Sprachwissenschaftlerin aus Triest hatte den ersten Abend des Symposiums eröffnet, die Ohren wurden von der Tuba des Ausnahmemusikers John Sass vielseitig bespielt. Kurze Statements der Teilnehmenden zu ihrer Person und ihrem Schreiben, zumeist in Form eines ihrer Prosatexte oder Gedichte, überraschten durch die Themenwahl und dich ganz besonders durch die zumeist eingehaltene Zeitvorgabe. Was man alles in fünf Minuten sagen kann, zumeist noch dazu von hoher Qualität, ist erstaunlich, fandest nicht nur du. Genossen wurden auch die kulinarischen Angebote auf der Burg, mag sein, lösten sie die vielleicht vorher noch leicht verkrampften Zungen, man diskutierte miteinander und lachte zuweilen auch, schloss neue Bekanntschaften, manchmal wahrscheinlich auch Freundschaften. War es am ersten oder zweiten Tag, an dem der Leiter des Hermagoras-Verlages seine schwungvolle Rede über seinen Verlag mit allem was dazugehört hielt? Ihn hast du in besonders guter Erinnerung als mitreißenden Redner und sympathischen Menschen. Aber das gilt ganz besonders auch für die VeranstalterInnen vom Kärntner Schriftsteller und Schriftstellerinnen-Verband.

Ein Kapazunder der österreichischen Literatur, Peter Waterhouse, leitete den nächsten Vormittag mit der Lesung aus seinem noch unfertigen Roman-Manuskript ein. Kurzes Eingehen auf Fragen aus dem Publikum schloss sich an, nach der Mittagspause dann der besagte Stadtrundgang, dem abends die neuerliche, hervorragende Bewirtung auf der Burg und die Lesungen dreier Autorinnen folgten. Und am nächsten Vormittag, dem Tag der Abreise, sahst du dir in Eigenregie mit den weiteren TeilnehmerInnen aus Tirol, die dich im Auto mitfahren hatten lassen, noch das wirklich interessante und teilweise verblüffende „Haus des Staunens“ an. Denkst noch heute gerne an den selbst sehr originellen Führer durch die Exponate und Erlebniswelten.

Mehr hast du derzeit nicht im Köcher, viel war es nicht, was du zu Klagenfurt zu sagen hattest, wird dir nun wieder bewusst. Deine literarischen Giftpfeile sind dem gewünschten Thema nur marginal gerecht geworden. Auch dein Abschweifen nach Gmünd würde schulisch ein „Thema verfehlt“ ergeben. Doch vielleicht wird das ja noch was mit längeren Betrachtungen zu Klagenfurt und dir. Gab es inzwischen nicht bereits die Einladung zu einer Lesung mit einer kleinen Lyrik-Werkstatt anderntags, die du in Klagenfurt abhalten durftest? Hoffen wir, es kommt nichts dazwischen und man einigt sich wegen der Kosten-Aufteilung zwischen dem Zeitschriften-Herausgeber und seinem und deinem Literaturverein und der beneidenswert tüchtigen und liebenswerten Leiterin des Kärntner Vereines, hattest du vorher gedacht, denn nix ist fix. Natürlich gab es da Einiges, das dazwischen kam. Nicht aber hatte es deine Zufriedenheit, wie das alles dann vom KSV gelöst wurde und abgelaufen war, schmälern können. Aber das ist eine andere Geschichte.
© C.H. Huber

http://www.ceha.me/

Universitätscampus Klagenfurt

Fotos © russwurm-photo.com

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Jugend ist Zukunft – Eindrücke vom 26. Junior Bachmannpreis in Klagenfurt

„Nichts muss, nicht alles kann, vieles darf, noch mehr soll sein“ diese philosophischen Worte legte die Publikumspreisträgerin Karin Peschka, derzeit Klagenfurter Stadtschreiberin, ihren jungen Kolleginnen und Kollegen ans Dichterherz. Während die „großen“, auserwählten Autorinnen und Autoren sich von ihren lang kritisierten Lesungen während der Tage der deutschsprachigen Literatur erholten, zeigten die „Kleinen“ an einem Abend ihr Können im ORF Theater Klagenfurt ganz ohne Scheu. Am selben Ort mit der Aura eines der bedeutendsten Preise zur deutschsprachigen Literatur, der zum 42. Mal stattfand, organisierte das Bachmann-Gymnasium zum 26. Mal einen Schreibwettbewerb für Jugendliche. Damit leistet das Gymnasium und alle an dieser Veranstaltung Beteiligten einen großen Beitrag zur Nachwuchsförderung in Sachen Literatur.
„Jugend in (m)einer Stadt“ war das Thema.
In mehr als 400 eingereichten Texten erzählten junge Menschen aus Österreich und Deutschland von dem, was die Jugend heute beschäftigt. Bewegende Gefühle, Einsamkeit, Schicksale, Umwelt, Freundschaften, Enttäuschungen, Gesellschaftskritik, soziale Missstände, Bilder der jeweiligen Heimat- oder Traumstadt finden sich in den Texten der Jugendlichen.
In drei Alterskategorien wurden die Einreichungen eingeteilt und jeweils von einem Juryteam bewertet. Die jeweils drei Bestgereihten trugen bei der Festveranstaltung ihre Siegertexte vor, wo die „Großen“ es tagsüber taten und wurden für ihre beachtlichen Leistungen belohnt und ausgezeichnet, ganz nach dem Vorbild des Bachmannpreises.
„Kärnten besitzt eine große literarische Tradition“, bestätigt Jurorin Sabrina Mikitz, „für die KELAG Grund genug die literarische Zukunft zu unterstützen. Als Partner des Junior-Bachmann-Literaturwettbewerbs freut es uns sehr, zu sehen, wie viele begeisterte und engagierte Nachwuchsautoren an diesem Bewerb teilnehmen.“
In der Kategorie I, der 10- bis 12Jähigen gewannen: 1. Platz Livia Gössner, 2. Platz: Marisol Vollmer und 3. Platz: Kayra Cobbers
Bewertung zu den Texten Kategorie 2 (13- bis 15Jährige) speziell zu den drei Bestplatzierten (1. Platz Cara Spitzer, 2. Platz: Joshua Carstens und 3. Platz: Johannes Kapeller)
Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Einsamkeit – das sind die Begriffe, die allen Texten, die mir als Jurorin vorgelegt wurden, zuzuordnen sind. Die Grundstimmung „alles ist Scheiße“ berührt, vor allem deswegen, weil es sich um junge Menschen handelt und sie alle – offensichtlich – in derselben ordentlichen, sauberen und unauffälligen österreichischen Kleinstadt wohnen wie ich. „Verloren in einer Stadt ohne Zukunft“ hätte demnach das Thema lauten können. Beeindruckt hat mich die geschlossene, auf den Punkt gebrachte stilistische Form der kurzen Erzählungen, die keineswegs ausufern oder an unwichtigen Detailbeschreibungen hängenbleiben. Jede Geschichte beschreibt einen exakten Handlungsbogen und/oder eine tiefe innere (düstere) Stimmung. Dem negativen, enttäuschten Grundtenor wird klar formulierte Gesellschaftskritik beigemengt. Das ist gut und wichtig und nur so bekommt die depressive Haltung in den Geschichten gleichzeitig große Aussagekraft: mit dem Finger in die Wunde. Die authentischen Schilderungen haben machen traurig und nachdenklich. Die Texte sind ein Alarmsignal, dass die Verantwortlichen der Gesellschaft sofort aufnehmen sollten und darauf reagieren müssen. Damit kommt den Beiträgen dieser Jugendlichen eine große Aufgabe zu! (Jurorin Gabriele Russwurm-Biro)

Die Grußworte von der amtierenden Stadtschreiberin KARIN PESCHKA, die beim Bachmannpreis 2017 den Publikumspreis erhielt, wurden per Video zugespielt:

https://www.youtube.com/watch?v=dgqS5Sn2MeU

Den Hauptpreis gewann Nina Fischer (Europagymnasium) mit ihrem lyrischen Prosatext The Klagifornian Dream. Jurorin Ute Liepold fasste die Besonderheiten des Textes in ihrer Laudatio zusammen: „Der Text ist ein äußerst gelungener lyrischer Versuch. Er unternimmt es, auf fantasievolle und kritische Weise das Leben junger Menschen der Stadt Klagenfurt zu beleuchten. Es gelingt ihm, originell und gesellschaftspolitisch wach zu sein ohne abgedroschene moralische oder kitschige Motive zu bedienen. Der Text ist spielerisch, eigenständig und informiert. Mehr davon! Gratulation!“
1.Platz: Nina Fischer, 2. Platz: Julian Malle, 3. Platz: Dominik Vogt (Kategorie III: 16- bis 18Jährige)

Platz 1 ©Nina Fischer
The Klagifornian Dream

Lustlos lungern wir im Tanzcafé Treblinka
und zermalmen routiniert einen BigMac.
Wie blutdürstende Insekten schwaben wir später aus,
ziehen durch die Seitengässchen,
bis wir aufs Neue in das Tequilaglas ohne Boden fallen
– Mama, kannst du mich vom Bollwerk abholen?-
Wo THC so herrlich Grün
Durch meine jungen Lungen ziehn;

Mit einem an Verantwortungsbewusstsein grenzenden Schuldgefühl
lassen wir uns als Zugpferde vor das Hypo-Erbe spannen,
lechzend nach einem neuen Oberösterreicher der kommen möge,
um uns zu knechten.
Das erste Mal Eintauchen im Sommer
Die Hitze verraucht wie die Empörung über den Krieg
Doch die Zeit steht still;

Werden in einem Reagenzglas von einer Stadt herangezüchtet,
unter einer Stasi die sich der Dorftratsch nennt.
In weißem Rauch sich auflösende Kokettereien
Über dem Punschbecherrand und unter dem Lichterteppich;

Getrieben vom einzigen Wunsch wie vom Zerberus:
Die Flügel auszubreiten und in die Hauptstadt zu entfliehen,
in die Zivilisation, Nation der sich nicht Scherenden,
doch unsere Blicke fallen jedes mal in ein Loch,
wenn wir die Riesen suchen,
die einst unsere Kindheit umrahmten,
wie die kleinen nassen Kinderarme
das Wörtherseemandl bestehlen;

bis wir wieder an die Küste der teuersten Badewanne Österreichs gespült werden,
in der sich die Schickeria der Neureichen suhlt.
Nachts am See wir zwei,
die Sterne unsere Zeuginnen;

Wir, deren roter Faden seit Beginn der Zeiten nie die Karawanken überschreiten sollte.
Wir, die von den Rabenmüttern des Ostens ausgespien wurden.
Wir, Anna-Lena, Mohammed, Jenny, Lukas, Ali, Inge, Robert, Gert, Christine,…
Ich, die Nestbeschmutzerin,
in stiller Hingabe zum letzten im Buch versunkenden Herbsttag am Lendhafen,
dem französischen Film im Volkskino verschuldet,
in den historischen Hausfassaden träumend.
Nur deine beißende Luft die jemals meinen Durst zu stillen vermag

Ich, deren Heimatliebe für immer eine schmerzlich verächtliche Melancholie bleiben dürfte;

Junior Bachmann Literaturwettbewerb
Der Junior Bachmann Literaturwettbewerb ist ein Schreibwettbewerb für Kinder und Jugendliche aus Österreich und Deutschland, der 2018 zum 26. Mal stattfand! Für die Organisation dieser Veranstaltung ist das Ingeborg Bachmann Gymnasium in Klagenfurt verantwortlich. Jungautorinnen und Jungautoren haben hier die Möglichkeit, sich in den jeweiligen Kategorien schulübergreifend messen zu können und ihre Texte von einer fachkundigen, unabhängigen Jury bewerten zu lassen.
Die Gewinnerinnen und Gewinner erwartete eine Einladung zur Abschlussveranstaltung, die im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur im ORF-Theater stattfindet. Dort hatten die Preisträger die Möglichkeit, ihre Texte und sich zu präsentieren und bekamen ihren Gewinn in Form von Sachpreisen und Gutscheinen, überreicht. Ebenso wurden die Siegertexte und die besten bewerteten Texte in der Broschüre des Junior Bachmann Literaturwettbewerbs veröffentlicht.
Das Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen die Chance zu geben, ihr Können unter Beweis zu stellen und auch außerhalb schulischer Leistungen zu glänzen.
Kategorien:
Die literarischen Beiträge der Jugendlichen wurden in drei Kategorien eingeteilt und jeweils von einer eigenen Fachjury bewertet:
• 1. Kategorie: SchülerInnen der 1./2. Klassen
• 2. Kategorie: SchülerInnen der 3./4./5. Klassen
• 3. Kategorie: SchülerInnen der 6./7./8./9. Klassen
Als Jurorinnen und Juroren der eingereichten Texte fungieren Unterstützer der Schule und Personen des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens.

Thema 2018: „Jugend in (m)einer Stadt“

Das oben genannte Thema sollte den Schülern und Schülerinnen zur Inspiration dienen. Die Geschichten dürfen gerne eigene Titel bekommen, ebenso ist jede Textart erlaubt (Erzählung, Gedicht, …).Das Team des Literaturwettbewerbs kümmert sich um die Anonymisierung der Texte und leitet sie zur Bewertung an die Jurymitglieder weiter. Sobald die Ergebnisse vorliegen (Mai 2018) werden die Gewinnerinnen und Gewinner persönlich benachrichtigt. Ebenso können die Ergebnisse und Bewertungen auf der Homepage des IBG unter dem Link Literaturwettbewerb nachgelesen werden.

Juroren und Jurorinnen des Junior-Bachmann-Literaturwettbewerbs 2018

Kategorie 1 :
Mag. Angelika Kirchlehner(Verein Zonta)
Mag. Sabrina Mikitz (Kelag Kärnten)
Mag. Andreas Görgei (Wifi Kärnten)
Gerhard Fresacher (Regisseur)
Stefanie Sargnagel (Autorin)
Dr. Bernd Liepold-Mosser (Regisseur)

Kategorie 2 :
Dr. Andrea Nagele (Autorin)
Mag.phil. Gabriele Russwurm-Biro (Präsidentin des Kärntner Schriftstellerverbandes, Autorin)
Ingrid Schnitzer (Kulturforum Feldkirchen)
Mag. Andreas Hudelist (Uni Klagenfurt)
Sabine Tscharre (Kärntner Buchhandlung)

Kategorie 3 :
Univ. Prof. Dr. Anke Bosse (Leiterin des Musil-Institutes)
Prof. Engelbert Obernosterer (Autor)
Dr. Ute Liepold (Regisseurin)
Rudolf Altersberger (Bildungsdirektor)
Dr. Egyd Gstättner (Autor)
MMag. Manuela Tertschnig (Kulturabteilung Stadt)

Fotos© Bachmanngymnasium

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Die Vielfalt der Kunst – und die der Rolle der Frau

Gastbeitrag von Marlies Karner-Taxer, Obfrau der 2017 neu ins Leben gerufenen Kulturinitiaive text:art, die sich zur Aufgabe gestellt hat, Künstler*innen mit Doppelbegabungen der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Wer sich weder von dem drohenden Gewitter und der dadurch bedingten drückenden Schwüle, noch von gesperrten Brücken und großen Umwegen sowie rundum stattfindenden Sonnwendfeiern abhalten ließ, erlebte in der Villacher AHA-Seniorenresidenz Draupark zur Sommersonnenwende einen Abend von besonders emotionaler Dichte.

Die Kulturinitiative text:art lud auch dieses Mal Autor*innen mit Mehrfachbegabung ein. Sie setzten sich mit dem Thema „Die Rolle der Frau“ auseinander, und ohne sich abgesprochen zu haben, waren Freiheit und Selbstbestimmung bei allen Künstler*innen die übergeordneten Themen.

Martina Kircher beschrieb in ihrem bedruckenden Essay „Brandmale“ die vielen Selbstmordversuche einer älteren Frau, führte vor Augen, was ein stiller, verzweifelter Mensch alles unternimmt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Führte zur Frage, was wohl einen Menschen so schwer belasten kann, sich immer wieder das Leben nehmen zu wollen?

Die mündlich erzählte Geschichte „Das Mädchen ohne Hände“ handelte vom Einschränken der Rechte der Frau. Der Mann, der Vater, bestimmte, was zu sein hat, seine Selbstsucht führte zu Verstümmelung, Wegweisung und dennoch wieder zu Lebensfreude. Denn Märchen gehen immer gut aus. Dass der jungen Frau durch das Wachsen ihres Kindes auch die eigenen Hände wieder nachwuchsen ist als Metapher zu verstehen: Auch wenn uns Frauen etwas abgehackt wurde – es kann wieder nachwachsen.

Für die Villacher Naturpädagogin und Kärntens einzige Märchenerzählerin ist das mündliche Erzählen die älteste Form der Wissensvermittlung, eine intensive Begegnung mit dem Publikum und ein gemeinsames Eintauchen in eine andere Welt.

Ihre Bilder stellen die sieben Archetypen der Frau im Märchen dar. Die dabei verwendeten Flechten, Blätter und auch Rosshaar erzeugen 3D-Wirkung und schließen den Kreis der Talente der Künstlerin.

Anneliese Merkač-Hauser umrahmte den Abend am Klavier mit F. Schubert, J. S. Bach, Denes Agay, Joaquin Turina und Gerald Martin. Einfühlsam, dann wieder mächtig, im Finale sehr schwungvoll, bot sie beeindruckendes Können. Musizieren bedeutet für sie Empathie für die Welt, Nähe, nachfühlen, neu schöpfen; eintauchen in und neu schaffen von menschlichen Universen.
Die feine Lyrik der Autorin war kompakt, sehr gut beobachtend und meisterlich auf den Punkt gebracht. Ihr Ansatz, Intention, Gedanken, Gefühle, Zustände in neuen Sprachbildern möglichst konzentriert zu verdichten, war ihr – diesmal besonders über Frauen und deren Umfeld – sehr gelungen.

Moderatorin Karin Prucha (text:art-Vorstand) bedauerte im Interview, dass die Musikpädagogin erst so spät zum Schreiben kam, denn es könnte bereits viel mehr Gedichte der Autorin geben.
Das Leben führt uns zum richtigen Zeitpunkt zum richtigen Ort.

Anita Wiegele stellte an diesem Abend ihre „Kopfverklebung“ vor.
Der Kopf als Behältnis, das geschützt, eingehüllt, abgeschirmt wird, und doch sollte sein Inhalt verletzt, ja ausgelöscht werden, um Raum zu schaffen für das Neue, das Ungeborene, mit neuer Leichtigkeit zu ertragende Zukünftige.
Die dabei entstandene Skulptur wurde in der Entstehung fotografiert, diese Bilder führten zu Texten, beides zu einem Buch sowie einer Performance. In einer szenischen Lesung mit Alfred Woschitz – dem einzigen Mann auf der Bühne – gab die Künstlerin ihrem Empfinden Ausdruck.

Bei den ausgestellten Bildern war die Linie vorherrschend, denn diese bestimmt das Schaffen Wiegeles. „Durch ihre konsequente künstlerische Weiterentwicklung hat sie den Zwang eines ästhetischen Gefallenwollens hinter sich gelassen und vertraut auf die Kraft ihrer großen Leidenschaft“ (Barbara Rapp, 2012).
Und die Leidenschaft ist es, die Anita Wiegele beflügelt.

Ein abgerundeter Abend, wie ein Wiener Ehepaar, das in der Villacher Therme zur Kur weilte, im Gespräch mit Marlies Karner-Taxer (text:art-Vorstand) beschrieb: „Wenn wir gewusst hätten, was für ein besonderer Abend das wird, hätten wir einen Bus voll Leute aus der Therme mitgebracht.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer der Hinweis, die nächste Veranstaltung von text:art im Herbst 2018 nicht zu versäumen.

mkt2018

Karin Prucha als Moderatorin

Anneliese Merkac-Hauser
Martina Kircher
Anita Wiegele und Alfred Woschitz

alle Fotos © MKT/tex:art 2018

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„Ausweglosigkeit ist der Tod“ – historischer Roman zur Gewalt im slowenischen Bürgerkrieg

Die österreichische Schriftstellerin Ditha Brickwell hat einen beeindruckenden historischen Roman über die Verführung der Jugend zu Krieg und Gewalt verfasst und damit ein starkes Zeichen gegen jegliche Ideologie gesetzt.Erschienen ist der 421-Seiten starke Roman soeben im DRAVA Verlag (Klagenfurt/ Celovec).
„FEDJAS FLUCHT“ beschäftigt sich mit viel Empathie und mitreißenden Schilderungen mit den Auswirkungen des slowenischen Bürgerkriegs 1943 bis 1945. Philosophisch-essayistische Überlegungen und dramatische Gegebenheiten der exakt recherchierten historischen Fakten setzt die Autorin gekonnt zu einem Gesamtbild zusammen. Machtansprüche machen auch vor der Religion nicht halt.
Militante Ideologie frisst ihre Kinder…

Der jugendliche Ich-Erzähler in diesem Roman – Fedja – erlebt die Jahre des slowenischen Bürgerkriegs in seiner direkten Umgebung und Familie. Es ist eine Entwurzelung gegen Ende des 2. Weltkriegs. Dabei bekämpfen einander bürgerlich-katholische und kommunistischen Milizen, Partisanen rekrutieren Jugendliche und rüsten zum bewaffneten Kampf. Viermal muss die Familie flüchten. Das Kriegstreiben der Alten, die Waffenspiele der Kinder, das Töten im Namen von Religion und – die völlige Orientierungslosigkeit am Kriegsende. Die katholischen Milizen fliehen nach Kärnten; sie vertrauen der britischen Besatzungsmacht; doch anstatt dass sie nach Italien gebracht werden, finden sie sich auf einer Todesfahrt in die Arme der Partisanen wieder. Fedjas hellsichtige Mutter folgt ihnen und versucht in einer atemlosen Aktion, ihre Söhne noch auf Kärntner Boden herauszuholen. In starken Bildern verdichtet Brickwell die Erzählung von Zeitzeugen und historische Tatsachen. Das Thema ist leider derzeit in vielen Konflikten sehr aktuell wie die Berichte der Kriegsdramen in Syrien und Afghanistan täglich bestätigen.

Ditha Brickwell wurde 1941 in Wien geboren und ist dort aufgewachsen. Sie schreibt Romane, Essays sowie Erzählungen. Sie studierte in Wien, Berlin und New York, arbeitete in Berlin, Brüssel und Paris als Architektin und Stadtplanerin. Sie lebt seit 1964 in Berlin und Wien als freie Schriftstellerin.

https://www.ditha-brickwell.eu/

Brickwell über die Entstehung ihres Romans: „Die Namen in diesem Roman sind erfunden, die Personen und die Handlung sind es nicht; die Erzählung greift auf historische Tatsachen zurück, die ich im Gespräch erfahren hatte und in Büchern dokumentiert fand. Ich danke den Brüdern Eiletz, vor allem Silvin, dass sie mir beide geduldig ihre Erlebnisse für dieses Buch berichteten und Philomena Grassl, die mir Gespräche mit Zeitzeugen übersetzte. Boris Mlakar von der Historischen Kommission in Ljubljana hat mich beraten. Auch ihnen allen großen, herzlichen Dank. Ich war insgesamt dreimal in Slowenien, um mich mit allen Ereignisorten vertraut zu machen. Ich ging durch die Räume der Bezirkshauptmannschaft von Maribor, wo die Dienstwohnung der Familie Eiletz gewesen war und verfolgte ihren ersten Fluchtweg. Ich sah mich in Ljubljana um, besuchte die Schule, die 1943 zur Kaserne umgewandelt worden war, sodass die Schüler in ihren eigenen Klassen Soldaten spielen konnten, ich stand vor dem Haus, in dem die Familie gewohnt hatte und die unheimliche Nacht der Ungewissheit durchwachte, als die italienische Besatzung abgezogen war und die Deutsche Wehrmacht einmarschieren würde. Ich war auf der Burg und sah hinunter in die Altstadt von Ljubljana, wo sich 1945 der Tross der Flüchtenden staute, und ich besuchte zweimal die Burg Turjak, sah den Innenhof, in dem die Domobranzen vor der Eroberung der Burg gelagert hatten, ich fuhr durch die Dörfer auf der anderen Seite der Hügelkette und die Waldwege hinab, auf denen Silvin Eiletz und sein Freund durch Partisanenland auf klapprigen Rädern gefahren waren – und am Ende erkundete ich auch den Kočevski Rog.“

„Die Auseinandersetzung der slowenischen Bevölkerung mit diesen Ereignissen ist immer noch sehr verhalten…. und fast jeder Gesprächspartner und jede Gesprächspartnerin versuchte zunächst uns zu erklären, auf welcher Seite sie stünden… und die Frage, warum ich dieser Geschichte hinterher forsche, obwohl es sich doch um Nazi-Kollaborateure handele, brachte mich immer wieder in lange Erklärungsschleifen über das Menschenrecht auf eine individuelle Schuldzuweisung. Was war aber mein persönliches Motiv, das mich zwei Jahre lang an dieser Erzählung schreibend festhielt und mich veranlasste, meinen Hauptroman liegen zu lassen … warum bin ich dreimal in ein mir fremdes Land gefahren? Als mir Silvin Eiletz vor langer Zeit die Geschichte erzählte, wie seine Mutter ihn und seinen Bruder aus dem Todeszug holte – mit welcher Entschlossenheit sie dies tat (und doch nur die ihren und niemanden sonst rettete), und wie surreal die Szene zwischen dem britischen General ohne Soldaten und den jugendlichen Soldaten ohne Schutz und Gewähr anmutet, war mir klar, dass ich einmal darüber schreiben müsste – schließlich ist dies auch eine Geschichte über das begrenzte Versagen der Frauen, der Mütter. Ihren Mut und ihre Verantwortung sollen wir stärken… in dieser Welt der Kriege.“ (Ditha Brickwell)

https://www.drava.at/buch/fedjas-flucht/

https://de.wikipedia.org/wiki/Ditha_Brickwell

LESEPROBE: Ausschnitt aus dem II. Kapitel des Romans von Ditha Brickwell


(Erschienen in Literatur und Kritik,
Hrsg.: Karl Markus Gauß)
Ljubljana, 3. Mai 1945: Eine katholische slowenische Familie wird hinter den Deutschen her nach Österreich fliehen. Doch der fünfzehnjährige Fedja will zu den Partisanen gehen, zu seinem Cousin Mischa und dem Mädchen Serafina. In einem Stadtpalais wird er Zeuge eines Gesprächs zwischen Mischa und einem Abgesandten Titos über die Gewalt des slowenischen Bürgerkriegs. Die beiden Lager sind unversöhnlich, lernt Fedja, Utopien verurteilt zum Scheitern.
Die Kirche ist voller Menschen, er findet einen Platz an der Säule, der Vater hat sich umgewandt und ihn gesehen, wird ihn bis zum Ende der Messe nicht mehr suchen, es eilig haben, weiter regieren gehen – in dieser Zeit auch sonntags im Amt – die Mutter wird ihn bei anderen Familien vermuten, bis sie den Brief findet. Im Scharren am Beginn der Predigt, als sich alle für das Zuhören zurechtrücken, löst er sich aus der Bank, bewegt sich behutsam im Schatten des Seitenganges und schlüpft durch den schmalen Schlitz des Tores. Rennt, springt, über die Steinquader, Se-ra-fi-na, jetzt komme ich. Er schaut in jedes Frauengesicht, doch es sind zu Masken erstarrte Fratzen, aus Falten, Rissen und Wellen, mit stumpfen Augen, ins Irgendwo gedreht. Sie hocken auf Decken unter wackeligen Baldachinen, aus Schürzen oder Tüchern. Zeltstadt Dreibrücken. Schmale Pfade zwischen Lagernden. Auf der Straße nach Norden hin rucken die Fuhrwerke, die weiter fahren. Von dort her schwillt Schreien und Kreischen, hier ist ein Murren und Scharren, bis vor die Tür des Kaffeehauses hin. Der Kellner Sergej steht auf den Eingangsstufen und drängt Frauenschultern zurück, die sich gegen ihn schieben.
„Er ist drüben in der Altstadt!“ ruft ihm Sergej über drei Köpfe hinweg zu, „du wirst schon sehen, wo auf dem Platz die Leute hineingehen.“ Fedja, angestoßen, weicht zurück in eine Spalte zwischen Menschenleibern, lässt sich forttreiben, auf die Balustrade zu. Auf der Brücke findet der Fuß kaum einen Pfad zwischen Binkeln und Packen. Aufder Altstadtseite kommt er schneller voran, bis
auf den großen Platz, vor ein stuckgeschmücktes Tor, das Menschen aufnimmt und hergibt; er geht hinein, wie einer, der schon oft hier war, herein gehört, weiß, wohin er will. Er läuft, wie zehn andere, die breite Stiege hinauf und gegen das Licht und hinüber. In der Zimmerflucht liegen die Lichtstreifen aus hohen Fenstern quer, dunkel- hell-dunkel; Leute trappeln; ein sonnenglühendes Eckzimmer am Ende. Hinter Schattenbalken irgendwo sind Geheimtüren, andere Korridore, klappt eine niedrige Tapetentür auf, kommt ein Rauschen aus trüben Dienstbotengängen. Fedja bleibt im Hauptstrom der Säle und Kabinette, wo Männer in rauen, schmutzigen Röcken sich auf seidenen Sofas räkeln, an polierten Tischen schreiben, im Glanz der Zimmer aufgenommen als herber Schmuck. In einem kleinen Kabinett mit Eichentäfelung ausgeschlagen, klafft eine Tür zum Hintertrakt. „Wir sind die neue Macht“, spricht eine Stimme über Fedjas Schulter, „siehst du das?“ Neben Mischa steht ein Mensch, gewaltig wie ein Bär, „das ist mein kleiner Assistent Fedja und das hier Cyril, mein ältester Freund unter den Kroaten, wir gehen jetzt hinauf, wo Cyril sich ausschlafen kann.“ Durch die Paneeltür gelangen wir zu einer Spindelstiege, die ein fahles Licht von oben empfängt. Hier ist es still, nur die knarrenden Holzstufen geben den Takt der Schritte an, viele Windungen, Mauergeruch, Moderwolken, Holzduft. Wir stehen auf dem Dachboden. Zwischen den Balken und Sparren hängen Decken und Tücher, in den luftigen Kojen stehen Feldbetten, liegen Deckenstapel. Mischa führt uns in einen dämmrigen Winkel, der mit dunkelrot und weiß gemusterten Teppichen ausgelegt ist. Auf einem zierlichen Tischchen stehen Flaschen und Gläser. Wir kauern auf samtenen Polstern. Lass uns die Bequemlichkeit der versunkenen Zeit genießen… Mischa schenkt ein, für sich und für Cyril – und mit einem Seitenblick auch für Fedja. Er zündet eine Zigarette an: „Wir sind die neue Macht,“ sagt er und bläst zischend den Rauch weg, „die Menschen strömen uns zu, die Brigaden füllen sich auf, die Dienstboten der vormaligen Herren sind zuvorkommend zu uns, wir hasten durch die Schlösser zu eiliger Arbeit, bevor wir – oder die Deutschen – sie niederbrennen, so war das in der Gottschee, so ist es überall. Aber bevor du deine Ruhe nach der Reise bekommst, Cyril, trinken wir noch einen auf die neue Macht.“ Er schenkt ein, für sich und den Freund, Fedjas Glas ist noch voll, die vom Schnaps verätzten Lippen haben nicht mehr als einen Schluck in die Kehle gelassen. Mischa kippt den Kopf zurück, der Inhalt des Glases soll in einem Schwall schnell den Magen erreichen.
„Hast du Nachrichten für mich?“
„Eine Menge,“ sagt Cyril, seine Augen gleiten über Fedjas Gesicht, Fedja, der Assistent, hört nicht zu, macht sich klein, denkt an nichts, ergreift zwei leere Flaschen und räumt sie fort. Hockt sich hin und streicht Linien in den Staub. Ist in seinem eigenen Hohlraum von Aufmerksamkeit. „Warum musstet ihr sie allesamt hinrichten?“ „Cyril, du fragst wie der andere Genosse vom Obersten Stab.“ „Und was hat der Genosse Kardelj geantwortet?“ „Er sagte: das sollte sie demoralisieren! Und er lachte dabei, wie der Genosse Vorsitzende immer lacht, wenn er vollständig überzeugt ist.“ „Bist du überzeugt, Genosse?“ „Nein, Genosse, die Frage kommt immer wieder aus dem Hinterhalt: Warum alle töten ohne Prozess und ohne Rücksicht auf persönliche Schuld? Doch es folgt immer wieder die Einsicht, dass solche humanistischen Regungen nur ererbte Reflexe einer katholischen Kindheit sind. Wir sagen uns: die Kämpfer waren erbittert und müde, hatten selbst viele Genossen verloren. Ihnen kamen die Freudenfeste in den Sinn, mit denen die Dörfer an der Küste den Untergang des Faschismus feierten. Und sie dachten an die Deutschen, die näher rückten, die sie gerne aufgehalten hätten. Stattdessen würden sie gegen die Weißgardisten kämpfen, junge Burschen, wie sie selber, die sich von ihrer verräterischen Obrigkeit in Zucht nehmen ließen, diesen unverbesserlichen Alten, die mit ihren schändlichen Parolen die Jugend in den Kampf lockten und sich selbst in Luxushöhlen verkrochen. Die Genossen schlachteten diese unsere Brüder, weil sie sich verführen ließen und auf die falsche Seite gingen – und dortblieben, aus Angst vor uns. Das ist ihre ganze Schuld. Die deutschen Faschisten verdienten zuerst unseren Zorn, aber die Faschisten verlieren ohnehin an allen Fronten. Der internationale Imperialismus erlebt ein Inferno. Die sowjetischen Genossen kämpfen den entscheidenden Kampf. Wir hier haben unser Haus für die Revolution aufzuräumen, sauber zu machen. Jetzt und gründlich …
so sieht das zumindest der Genosse Kardelj. Wir Genossen müssen den Söhnen der alten Eliten unversöhnlich gegenüberstehen. Der Vorschlag der Weißen zu einem Nichtangriffsabkommen wäre abzuwehren gewesen, hätte er nicht den Genossen das Tor zu Scheinverhandlungen geöffnet, die sie klug zu nutzen wussten. Sie schickten Frauen zum Reden auf die Burg Turjak – die Frauen der Weißgardisten zusammen mit dem Wirten aus dem Dorf und einem Studenten als Führer. Die beiden hatten Seile im Rucksack. Ließen diese heimlich vom Turm herab. Der war nicht bewacht, vom steilen Absturz her erwarteten die Weißen keine Gefahr. In der Nacht kletterte ein Genosse an der Turmmauer empor und legte Sprengsätze an die angrenzende Mauer, das war die Schwachstelle der Burg. Von Süden her donnerte die Kanone, das Geschenk der Italiener. Die Ostmauer stürzte unvermutet ein, mitsamt der Kapelle. Was nützte noch der Turm? Mauer um Mauer wurde erkämpft und gesprengt – trotzdem hielten die Weißen in ihrer Verbohrtheit tagelang aus, das hat vielen Genossen das Leben gekostet, erst am 19. September am hohen Mittag haben sie die weiße Fahne gehisst und die Burg übergeben.“ „Wieviel Tote?“ fragt der Genosse Cyrill, und sein breiter Kopf, hoch aufgerichtet, bleibt im Dunkeln. Mischa schenkt sich wieder Schnaps ein, die anderen Gläser sind noch halbvoll. „Mit den toten Gefangenen: vielleicht siebenhundert.“ „Und wieviel tote Genossen?“ „Dreihundert oder mehr.“ Cyril steht auf, den Kopf unter die Dachschräge gebeugt fragt er: „Wo sagst du, Genosse, ist Wasser?“ „Geh in den Oberstock zurück, von der Boden- stiege aus links, wirst schon sehen.“ Die Schritte lassen die Holzstufen ächzen, die Tür schlägt auf, das Summen der unteren Säle schwillt herauf. Mischa trinkt, und es wird wieder still. (Die Tür ist zugefallen). „Deine Brüder waren in Turjak, Fedja, oder nicht?“ Mischas Lippen sind rund, die Silben fließen träge heraus. „Bo und Milovan, ich sehe sie an unserem Tisch, beim Weihnachtsessen in Lemberg. Bo unser Liebling – später in fremden Katakomben als Quäler unterwegs, und Milovan, der Zarte, mit einer Kokarde in falschen Farben auf dem Kopf, deine Brüder, Fedja, sind sie um- gekommen auf Turjak?“ „Nein, sie sind rechtzeitig abgezogen, waren bei den Bergbrigaden, die sind über die Höhen fort.“ Mischas Blick sucht die Teppichmuster ab.
„Unser beider Freund Matija, von dem ich meinen Partisanennamen habe, war dort.“ Mischa schenkt für sich Schnaps nach. „Mein Kinder- freund Matija, er kletterte zu rasch am Seil empor, zu hastig, wollte alles gut machen, schwingt übermütig vom Turm auf den Mauerbogen der Kapelle, eingeklammert in das Altarfenster legt er den Sprengsatz an und zündet – hatte die Lunte noch in der Hand als er schon starb, sagen sie,
die Bresche war groß genug, hat vielen anderen das Sterben erspart.“ (Das Gesicht des Matija, als die Steine stürzen, in Blitz und…) Mit Gepolter kommt der Genosse Cyril zurück. „Es besteht die Notwendigkeit der Einigkeit des Volkes“, spricht er (als hätte er die Worte im Waschraum erfahren). Sein Körper strömt Frische und Kälte aus. „Der Zusammenhalt ist jetzt, wo das Ziel näherkommt, wesentlich. Jeder Weißgardist, der lebt, ist ein Sprengsatz an der Zukunft. Jeder Tschetnik, der heute verschont wird, könnte später die neue Gesellschaft sabotieren. Deshalb war auch der Tötungsakt an den Gefangenen von Grčarice zu billigen…“ Mischa hat wieder zwei Gläser vollgeschenkt, Cyril ergreift eines und dreht es. „Aber warum sie abschießen wie Tiere?“ fragt Cyril und gibt sich atemlos die Antwort selbst: „Es fehlt den Genossen die Technik für den Übergang in die neue Zeit; sie haben keine Regel, wie mit der schuldigen Klasse zu verfahren sei. Sie sehen in der Theorie die neue Zeit vor sich, die Utopie schwebt im klaren Licht herab zur Wirklichkeit, aber der Weg dorthin ist noch im Dunkeln.“

„Ich sehe das klare Licht,“ lallt Mischa, kippt
den Kopf, setzt das Glas mit dem wasserhellen Schnaps an, trinkt und wärmt des Glas zwischen seinen Händen, „und ich sehe einen Graben und die Genossen am Rand mit steilgehaltenen Gewehren, nicht, wie man sie gegen Feinde hält.“ Das Glas schwebt zurück zum Tisch, wird vollgeschenkt und gleitet über die Knie zum Mund. „Doch was ist Töten? Ich war nicht vor Turjak. Ich habe in der Sutjeska gekämpft und niemanden erschossen. Ich zielte nur in eine Silberwand aus Rauch. Mein Feind war im röhrenden Wald, der hie und da vor Schmerz schrie, also hielt ich meine Feuergarbe dagegen, und die Antwort
kam in Donnerschlägen von da und dort. In der Stille danach, wenn das Pfeifen nur einen Seufzer lang aussetzte, sprang ich auf und hetzte dorthin, wo ich den Einschlag gesehen hatte. Sie treffen niemals das gleiche Loch, sie schwenken die Haubitze weiter und durchkämmen den Berghang. Ein Granattrichter ist der sicherste Ort in einem solchen Kampf, und willst du weiter, so hopst du wie ein Springbock von Knall zu Knall, von Deckung zu Deckung. Du siehst nichts in der Grube im Dampf, du hörst nur das Heulen und spürst den Einschlag – und auf geht’s, dorthin, wo die Staubwolke aufgetrieben ist. So überlebte ich den Kampf am Dragaš-Sattel, den Weg durch die Zelengora und hielt den letzten Durchlass für Tito und den Stab aus dem Kessel der Deutschen offen. Und wozu? Für ein neues Land, sage ich. Nur, dass mein gerechter Krieg hinter einer Wand von Rauch und Gestank irgendwo zurück geblieben ist. Also: Auf den Neuanfang.“ Cyril steht auf und schaut sich zwischen den baumelnden Tuch- wänden um, „der bewaffnete Kampf muss sein“, sagt er zerstreut. „Aber nicht mehr lange. Wir sind die neue Macht. Hast du nicht immer gesagt, wir slowenischen Genossen hätten keine kämpferische Kraft? Dass wir uns niemals allein befreien könnten? Also, wozu bist du jetzt da?“ „Als Untergrundkämpfer in der Stadt seid ihr stark. Der Genosse Kardelj ist lange Zeit nicht in den Wald gegangen, also ward ihr in der Stadt stark. Nur das planlose und irrtümliche Liquidieren war nicht so glücklich.“ Um das zu sagen ist er zu uns zurückgekommen. „Nicht so glücklich, “ auf Mischas Lippe platzt eine Speichelblase, „liquidieren heißt flüssigmachen. Prost.“ Er hebt sein Glas (das
aber leer ist). „Liquidieren, das ist Zerquetschen, du drückst, und der Saft quillt heraus. Aus den Leibern der Insekten schlappt der Saft. Liquidieren ist nicht Hinrichten. Hinrichten macht den Toten zum Verbrecher, Töten macht ihn zum Feind, Liquidieren zum Insekt. Prost. Wir sind die neue Macht. Gut organisiert und gut bewaffnet, weil: die Geschichte kommt als Verbündete auf uns zu. Wir schwächten den deutschen Aggressor. Die Briten zählten die Toten, rechneten sie uns zu und zählen jetzt auf uns. Glänzende Mathematik. Die einen besitzen und stürzen ins Verderben, die anderen haben nichts zu verlieren und kämpfen sorglos. Die Gleichung geht auf. Die Kollaboration wird den Klerikalen nicht verziehen. Die Unversöhnlichkeit der Genossen ist unauflösbar.“ „Wo, glaubst du, kann ich mich für eine Weile ausruhen?“ fragt Cyril, der eine zweite Schleife zwischen den Matratzen während der Rede des Mischa gedreht hat.
„Sieh selbst“, sagt Mischa, und sein Glas beschreibt einen Kreis, „die Matratzen, die wir
aus der Kaserne geholt haben, liegen da wie die Spielfelder auf einem Schachbrett, sind von weißen Kollaborantenköpfen eingedrückt und von Aggressorenärschen plattgewalzt. Jetzt werden sie von Partisanen-Rücken besetzt. Stell dich Läufer auf ein schwarzes Feld. Die Okkupanten haben gezogen, jetzt sind die Alliierten an der Reihe, die legen sogleich die Begrenzungslinien des Schachbretts neu aus, an der Drau, an der Save. Wir Genossen studieren die Mechanik des Spiels, das Volk berauscht sich am historischen Augenblick.“ Cyril schiebt mit der Fußspitze eine Matratze zurecht. „Ich schlafe gleich hier“, murmelt er. „Das Volk schreibt seine Geschichte selbst“, redet Mischa weiter mit leerem Blick, „das malten die Genossen auf ein Transparent in Kočevje, um es über den Köpfen der Delegierten anzubringen. Schreibt das Volk selbst? Oder wir, die Avantgarde, die für das Volk denkt und handelt – und es in tödliche Scharmützel entsendet? Oder sind es vielmehr die Spieler Churchill und Stalin, die uns längst an den Köpfen gepackt haben? Ah ja, es herrscht Aufbruch in Einmütigkeit und Begeisterung. Wir sind geleitet von einer neuen Theorie.“ Cyril lässt sich auf die Matratze fallen, streckt die Füße aus, legt den Kopf auf seinen linken Arm und schaut in das Dachgebälk hinein (vielleicht kommt von dort der Schutzengel und drückt dir die Augen zu, pflegte Marta, die Köchin, zu sagen; aber der Genosse hält die Augen offen und hört zu). „Der Utopismus der Theorie und die Widersprüche zur Wirklichkeit, wie lösen wir sie auf? Die neuen Machtblöcke in Europa sind schon jetzt hinter ideologischen Lügen verbarrikadiert, um sich vor unseren Aufbrüchen in die Zukunft zu schützen. Wieder werden zu alten Herren gewordene Kämpfer ihre idealistische Jugend gegen enthusiastische Jugend hetzen, bis zur Leerung des Kampffeldes, wie auf dem Schachbrett. Schub- laden tun sich auf, um die Toten zu verschlingen. Aber wir lassen dich jetzt ruhen, Genosse, dass dich der Schlaf verschluckt.“ Mischa packt die Flasche, in der noch ein Mundvoll Schnaps schwappt, legt mir die Hand auf den Kopf und dreht ihn zur Holzstiege, die zur Bodentüre hinunterführt. „Wir gehen jetzt dort hinaus.“ Er steht, richtet den Blick aus und geht mit zierlichen Schritten, weicht den Tüchern, Binkeln, Matratzen und sich über den Boden streckenden Quertramen aus, er stolpert nicht, passgenau tänzelt er durch die Unordnung. Am Geländer der Stiege hält er sich fest, das Licht aus dem Bodenfenster strahlt ihn an. Als er mich neben sich spürt, sagt er leise: „Woher diese Zweifel?“ Er wischt sie von der Stirn weg. „Immer wieder legen sich Zweifel in mein Gehirn, haben einen Gewohnheitsplatz da drinnen, von Kindheit an, haben sich in meinem frommen Kinderleben eingewöhnt, die Zweifel, durch tägliche Gewissenserforschung zur Nacht.“ Schritt für Schritt geht er die federnden Holzstufen abwärts. „Beichtgang jeden Freitag! Oh! Meine Genossen, die sind immer kampf- bereit, lustvoll neugierig auf das Kommende…“ Schritt, „Nachdenken und Entscheiden liegt in der Hand der führenden Genossen im Stabsquartier. Bedingungsloses Dazugehören.“ Schritt und Schritt. „Keine Bündnisse. Kein Wechsel der Parolen. Begreife doch die führende Rolle der Partei, Genosse. Sie hat immer recht. Aus ideologischen Gründen.“ Mischa öffnet die Bodentür, und wir stehen im lichten Stiegenhaus, über uns der gemalte Himmel des Deckenfreskos, schwelgende Frauen, von Luft gebauscht Kleider, ein Finger zeigt… auf was?
„Die Existenz Gottes“, sagt Mischa in das helle Stiegenhaus hinein, „die existentielle Frage ist ausgespart.“ Im großen Schwung sucht die Hand und findet das Geländer. Er lehnt gegen die Balustrade und beugt den Kopf weit hinaus über den Abgrund, das Gesicht dem gemalten Himmel zugewandt, gedehnt zum Staunen. Der Kopf wird wieder hergeholt und vorwärts gebeugt und rückt sich über dem Stiegenlauf zurecht. Abwärts gehen ist leicht, die Stufen sind breit und flach, Fuß vor Fuß setzend schreiten wir. „Ich liebe meine Zweifel“, raunt mir Mischa ins Ohr. „Die süßen lauen Zweifel am Ostermorgen: Der Auferstandene kommt und isst und geht, und sie erkennen ihn nicht, verwechseln ihn mit Gärtnern und Fischern. Und keiner darf ihn berühren, wenn er sie anredet, warum? Die müden, schönen Zweifel im Dunkel des Beichtstuhles… ich bekenne, dass zwischen meinem Glauben und der Welt draußen eine Kluft klafft, von unbekannter Länge und Tiefe; lass uns gemeinsam hineinleuchten, mein Sohn. Lass uns gemeinsam in die Sakristei gehen.“ Mischa salutiert, und der Mann, der an ihnen vorbei die Stiege heraufkommt, grüßt erschreckt zurück, wendet sich nur kurz um, und Mischa hat längst die Hand von der Stirn fortstürzen lassen. „Mein Herr Kaplan, mein Kinderkatechet, hatte die Sehnsucht nach dem Verstehen längst aufgelöst, er trieb in der Suppe der Gewohnheiten. Er überließ die Wahrheitsfindung dem Papst. Mein Herr Kaplan besaß Worthülsen, vom Papst überreicht, vom Bischof in die Pfarre weitergeben, vom Pfarrer eingepflanzt. Genauigkeit der Formel. Gewöhnung trägt die Gemeinde. Ich aber liebe die Einsamkeit des Zweifelns. Ich habe meinen Zorn!“ schreit Mischa auf und stützt sich auf die schräge Marmorplatte der Balustrade, dass er schauen kann, wer ihn bestaunt, doch im Geklapper der Schritte, im Lärm von aneinanderstoßenden Gerätschaften und Gerümpel horcht keiner zu, seine Rede ist eingemischt in das Durcheinander von Rufen und Schlägen. „Meinen Zorn über die Fortsetzung des Krieges, den Überfall auf die Sowjetunion, die Hilflosigkeit der Eltern.“ Er packt meinen Arm, schiebt mich vor sich her und vor das Tor.
„Der Zweifel ist das Seelenfutter. Hör zu: Zweifeln heißt, die Muster der Widersprüche immer eingehender verfolgen“, er grinst mich an, „und plötzlich schaut in der Nacht das Unfassbare herein. Was ist hinter dem Universum? Was zündet das Leben? Vorsichtig nie Gesagtes oder kaum Gefragtes in Worten formen – das ist ein Höhenweg voller Abstürze.“ Mischa redet zu sich, vielleicht auch zu mir von der Seite. Er biegt in eine Passage, die kühle Luft beschleunigt seine Schritte. „Immer oben bleiben, an der Kante entlang torkeln, so lange, bis das Unerwartete erscheint und dich tröstet. Zu mir ist es gekommen und nannte sich atheistischer Sozialismus. Der fügte in meinem Kopf alles zusammen, Gefühle, Analysen, Erlebnisse, Umwege. Bis eines Tages die Gewöhnung sich drohend zeigte. Ich erkannte diesen Schädling zuerst an der Sprache der Genossen. Die Sätze wurden abgegriffen und ausgelutscht weitergereicht, weil: Angesichts des Feindes gilt Zusammenhalt. Die Vorherrschaft der gemeinsamen Worte. Mögen sie falsch, unerhört oder gelogen sein. Keine Prüfung, keine Widersprüche und niemals Gegenreden. Die Genossen nahmen mir das Kostbarste, das ich bislang besaß: die Muße zum Zweifeln.“ „Was willst du bei uns?“ fragt er – und wir stehen auf den Stufen vor dem Tor. „Mitarbeiten für die neue Zeit.“ „Du bist noch ein Kind.“ „Ich bin Kind und erwachsen zugleich. Das ist mein Vorteil.“ „Du weißt alles. Gut. Dann behalte deine Übersicht und bleib weg von uns. Denn bei uns verlierst du deine bourgeoise Seele. Bist ausgeliefert.“ Er spürt meine Gegenwehr, er hört meine Fragen und Sätze, bevor ich sie spreche. „Du warst doch Ministrant. Siehst du – und bei uns bleibst du Ministrant, mit noch mehr Strenge und ohne den mystischen Schutz des Glaubens an die Ewigkeit.“ „Aber der Dichter Kocbek ist bei euch und hat seinen Glauben behalten, höre ich.“
„Ach der Kocbek. Die Genossen nehmen ihn nicht ernst – in seinem Traum vom linken Katholizismus. Und ich sage dir, sie haben recht.
Du kannst nicht den Gedankenschirm von Gott zum Menschenstreit spannen, der platzt sofort. Die christlich-sozialistischen Fadenspinner sind ihrem Wesen nach gewaltlos, also wehrlos, von Anfang an. Sie sind leidend, nicht handelnd. Sie ergeben sich: Wer um meinet willen Bruder und Schwester und Haus und Hof verlässt … nur dem verheißt Jesus die Erlösung im Himmelreich. In unserem Kampf geht es aber um Haus und Hof und Bruder und Schwester. Wer kann sie im Geist der Bergpredigt retten? Den Handlungsauftrag der Bergpredigt haben wir noch immer nicht verstanden oder können ihn hier zu Lande nicht anwenden: wenn dir einer den Mantel herunterreißt, lass ihm den Rock. Ein Verhaltenskodex, für den es in unserer Zeit keine Übersetzung gibt, keine Enträtselungsformel. Gewaltfreier Kampf ist nicht denkbar. Wenn sich der Feind an deiner Nachgiebigkeit ins Unermessliche steigert, bleibt dir in letzter Folge nur der Märtyrertod und das Himmelreich. Er besiegelt das radikale Ende vollkommener Friedfertigkeit. Selig-wer-um-meines- Namens-willen Verfolgung leidet. Ihm wird im dialektischen Sprung der Himmel offenbart. Das Versprechen des ewigen Lebens. Du glaubst, der Verweis ist nicht zu ertragen? Das hat die Kirche erkannt. Sie schart die ratlosen Nachfolger Christi um sich schon seit langem und schenkt den Friedfertigen den Begriff des gerechten Friedens. Das ist ein geteilter, bemessener, nach umstrittenem Maß zugeteilter Frieden, der Besitzansprüche und Trennlinien zeugt – um diese darf gekämpft werden. Seit Jahrhunderten sind wir aufgestellt und eingeteilt für den Krieg um den Frieden.
Wem aber gehört der so heiß umstrittene Frieden, dir oder mir? Die jungen Menschen vor und in der Burg Turjak, diese Bauernburschen und Studenten, die Intellektuellen der beiden Seiten, sie starben für weniger, als eine gerechte Zukunft oder ihr ewiges Leben… Sie gingen zugrunde für die Besitztümer alter Männer hier und für die unbekannten Ansprüche politischer Funktionäre dort. Sie alle haben unschuldig den Tod erlitten – für die Machtziele ihrer Eliten. Keiner wagte, die Friedfertigkeit als Kampfmittel weiterzudenken. Alle ergaben sich dem schamlosen Ansinnen, für jeweils andere zu kämpfen. Sie setzten dem Diktat der Gewalt nichts entgegen. Warum? Weil niemand den Erzählungen der alten Männer ausweichen konnte. Die blutigen Bilder aus dem großen Krieg … Isonzo … Verdun … und 1915 die Schlacht um Belgrad, die Namen der Toten, die Orte, wo sie starben … im kleinen Resonanzkasten der Familien klangen die Schrecken nach, erzeugten neue Bereitschaft zum Krieg. Alle waren sich einig, der Kampf ist unvermeidbar. Der Begriff der Unvermeidbarkeit nistete in allen Köpfen, die Waffen lagerten in den Kirchen und in den Scheunen.“
„Meine Mutter sagt, Ausweglosigkeit ist der Tod.“ Mischas Blick kommt von weit her, hält sich mit Mühe auf meinem Gesicht, „geh zu deiner Mutter, “ sagt er, „geh, und sei froh, dass du noch ein Kind bist und in eine andere Zeit entkommen kannst.“ „Ich will nicht, ich muss bei euch bleiben… um Serafina zu finden.“ „Die Kellnerin von Dreibrücken? Die mit den schönen langen Haaren, die bei uns Larissa hieß? Das Mädchen
ist tot.“ Mischa hört kein Seufzen und kein Schluchzen, weil Fedja ihm nicht glaubt, weil die Nachricht nicht ankommt und einschlägt. „Sie ist tot. Frauen, die lieben, sind immer zwischen den Fronten. Ich kenne ihre Geschichte. Sie ging mit einem italienischen Soldaten, darum schoren ihr die Nachbarn die Haare. Die Genossen brachten sie also mit – weil sie so nicht in der Stadt bleiben wollte. Vor Ţelimje geriet sie in Gefangenschaft, die Weißgardisten machen keine Gefangenen. Man hat sie und andere erschossen. Vielleicht war es einer deiner Brüder? Oder deren Freunde? Frag sie doch, ob sie im Erschießungskommando gestanden haben. Für Serafina und die andren Toten ist es gleich. Geh zu deiner Mutter, Fedja, schau, dass du entkommst!“ Und Mischa gibt mir einen Schlag auf die Schulter, deutet nach Norden, und ich beginne zu laufen, immer schneller, hüpfe zwischen den Fuhrwerken und Menschenknäueln hin und her, Fedja befreit sich von allen diesen Hindernissen und läuft am Ufer Ljubljanica hin, so schnell, dass er die Fugen nicht sehen, die Silben nicht mehr sagen kann: Se-ra-fi-na.
©Ditha Brickwell (Fedjas Flucht/ DRAVA 2018)

https://www.morawa-buch.at/detail/ISBN-9783854358688

Details
ISBN 978-3-85435-868-8

Gebunden
Verlag Drava Verlag
Erscheinungsjahr2018
Erscheinungsdatum 27.02.2018
Seiten 421 Seiten
Sprache Deutsch
€ 21,-

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Solidaritätserklärung für Josef Winkler des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes

Der Kärntner Schriftsteller*innenverband stellt sich hinter Josef Winkler

angesichts der Drohung einer Klage von Seiten der FPÖ Kärntens gegen den Kollegen Josef Winkler stellt sich der Kärntner SchriftstellerInnen Verband (KSV) mit einer Solidaritätserklärung für Josef Winkler gegen jegliche Versuche der FPÖ, berechtigte kritische Äußerungen eines Autors zu kriminalisieren. Im Sinne einer Schuldumkehr soll offensichtlich der Rufer angeklagt werden und von den eigentlichen Verursachern abgelenkt werden. Kritische Stimmen aus dem Kunstbereich sollen eingeschüchtert und zum Verstummen gebracht werden.
Wieder ist es scheinbar gelungen, literarische (!) Äußerungen von Künstlern politisch zu instrumentalisieren, um damit Stimmung gegen die Intelligenz des Landes und den gesamten Kunstbetrieb zu machen, die nicht FPÖ treu agieren.
Es herrschen Pressefreiheit und Meinungsfreiheit und selbstredend gilt: „Freiheit der Kunst“- nicht nur zwischen den Buchdeckeln, in der Zeitung oder bei Lesungen/ Ausstellungen/Theater- und Musikaufführungen/ Tanz/Performance oder virtuellen Medien, sondern auch im öffentlichen Raum, bei Veranstaltungen, Festakten etc…
Ganz allgemein richtet sich der KSV gegen jeglichen politisch motivierten Versuch der Zensurierung (seit 1918 verboten) und der Ausgrenzung von „nicht-ins-Konzept-passenden“ Schriftstellern und Künstlern anderer Sparten.

Gabriele Russwurm-Biro
KSV-Präsidentin e.h.
Regionalsprecherin für Kärnten der IG Autorinnen Autoren Österreich, Bundesvorstand

weiters schließt sich der KSV folgender Petition an, der wir voll inhaltlich unterstützen:

Die Aufregungen um Josef Winklers 500 Jahre Klagenfurt-Rede

Wir erklären generell unsere Unterstützung für unseren Schriftstellerkollegen Josef Winkler. Wir weisen ebenso vorsorglich und generell darauf hin, dass es sich bei der angekündigten Anzeige der FPÖ von Winkler wegen Verhetzung (lt. § 283 StGB mit bis zu zwei Jahren Freiheitsentzug unter Strafe gestellt) um eine Themenverfehlung handelt. Josef Winkler hat eigennützige und korrupte Politik und Politiker im Rahmen eines Festaktes gegeißelt und nicht zu feindseligen Handlungen gegenüber bzw. einer Beschneidung von Lebensrechten einer Bevölkerungsgruppe aufgefordert, und er hat nichts angesprochen, für das sich nicht auch Belege heranziehen lassen würden.

Auch wenn das Vertretern der FPÖ so ganz und gar nicht in das Bild passt, weil die Kritik Josef Winklers Politiker in ihrem Umfeld betrifft, Josef Winkler hat im eigenen Namen und nach eigener Wahrnehmung Festbilanz gezogen, als Schriftsteller und nicht als Vertreter oder Stellvertreter einer politischen Partei. Ob am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt und mit welchen Worten war und ist seine Entscheidung.

Josef Winkler hat im Gegensatz zu einigen seiner Kolleginnen und Kollegen Kärnten nie verlassen, auch in den vielen Jahren der unumschränkten Herrschaft der BZÖ-FPÖ-Regierungen nicht. Das hat aus ihm einen ebenso scharfen wie unerbittlichen Kritiker der Vertreter der Politik des BZÖ und der FPÖ gemacht, allen voran von Jörg Haider, gegen dessen bzw. deren Großmannssucht er immer und immer wieder das Wort ergriffen hat und deren Verantwortung er nicht wegfeiern lassen wollte und will. Das war schon bei seiner Bachmannpreisrede 2009 so und ist jetzt, 9 Jahre später, nicht anders.

Es ist notwendig, wenn bilanziert wird, nicht den Mantel des Schweigens über alles zu breiten, sondern vor allem auch auf Missstände und Fehlentwicklungen hinzuweisen. Wenn die Politik das nicht kann – die Literatur kann nicht darauf verzichten.

Gerhard Ruiss
IG Autorinnen Autoren
Wien

http://www.kleinezeitung.at/kaernten/klagenfurt/aktuelles_klagenfurt/5411553/Der-Tag-wird-kommen_Josef-Winklers-Rede-im-Wortlaut

Josef Winkler und die Zensurforderungen der FPÖ Kärnten

Egal, wie der Kärntner FPÖ-Landesvorsitzende Darmann seine Kritik an der Rede Josef Winklers dreht und wendet, am Ende seiner Empörung über diese Rede steht immer der Wunsch nach einer Verurteilung oder einem Verbot. Nach dem nicht durch ihn verhinderbaren Auftritt Winklers im Kärntner Landhaus möchte er nun, dass ein weiterer Auftritt Winklers im September dieses Jahres im Musil-Haus verboten wird. Verboten werden soll dieser Auftritt vom sozialdemokratischen Landeshauptmann Kaiser und/oder der sozialdemokratischen Bürgermeisterin von Klagenfurt Mathiaschitz. Darmann hat schon die Rede Winklers missbräuchlich verwendet und auch die Einwände gegen diese Rede durch seinen Autorenkollegen Egyd Gstättner, er fordert nun auch noch ganz offen die in Österreich seit 1918 verbotene Vorzensur.

Es wird immer deutlicher, dass der Kärntner FPÖ-Landesvorsitzende einen parteipolitischen Kampf auf dem Rücken von Künstler/inne/n und Kulturveranstaltern auszutragen vorhat, weil das Kunst- und Kulturressort nach der Wahl auf den sozialdemokratischen Landeshauptmann Kaiser übergegangen ist, und nicht nur Kärnten, sondern auch Klagenfurt sozialdemokratisch regiert wird. Er will möglicherweise auch gar niemanden anderen überzeugen, sondern nur die eigene Klientel fester um sich scharen, damit sie sich nach der Wahlniederlage nicht in alle Winde zerstreut.

Aber selbst, wenn man das alles ins Kalkül zieht, zieht der Sachverstand Grenzen. Warum es sich bei der Rede Winklers um „Verhetzung“ handeln soll, lässt sich mit Sachverstand nicht begründen. Und warum die an die Klagenfurter Staatsanwaltschaft geschickte Sachverhaltsdarstellung der IG Autorinnen Autoren ein „Schuldeingeständnis Winklers“ darstellen soll, wie es Darmann ausdrückt, versteht außer dem Kärntner FPÖ-Landesvorsitzenden wohl niemand mehr.

Die Konfliktkonstellation ist glasklar, Darmann will Autorinnen und Autoren, die ihm nicht ins Konzept passen, mundtot machen, die IG Autorinnen Autoren will das verhindern. Die IG Autorinnen Autoren wird nicht zulassen, dass die FPÖ Kärnten Autorinnen und Autoren oder Literaturveranstalter in ihren Möglichkeiten beschneiden darf. Weder darf die Freiheit der Kunst durch die FPÖ Kärnten beschnitten werden, noch dürfen Zensurwünsche der FPÖ Kärnten in Erfüllung gehen.

Gerhard Ruiss
IG Autorinnen Autoren
Wien, 3.5.2018

http://www.kleinezeitung.at/kultur/5415127/WinklerRede_Lydia-Mischkulnig-ueber-eine-hervorragende-Rede?cx_testId=4&cx_testVariant=cx_3&cx_artPos=1&cx_tag=contextual&cx_type=contextual#cxrecs_s

http://www.kleinezeitung.at/kultur/5415128/Josef-Winkler_Anna-Baar_Winkler-Themenverfehlung-vorzuwerfen

http://kaernten.orf.at/news/stories/2910288/

Foto (c) wikipedia/ Valvasor, Landhaus in Klagenfurt mit Fortunabrunnen, 1688 (Stich)

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Erstaunliche Bilder mit Sprache gemalt

Tinte im Weißwein lautet der geheimnisvolle Titel des neuen Erzählbandes von Maria Alraune Hoppe. Die Kärntner Autorin entführt die Lesenden mit unkonventionellen Wort- und Szenenkombinationen in eine Welt voll Überraschungen.
Maria Alraune Hoppe ist eine außergewöhnliche in Kärnten lebende Künstlerpersönlichkeit. Näheres über ihre biografischen Daten und ihren beruflichen Werdegang brauchen hier nicht angeführt werden, das finden Sie in ihrem neuen Buch alles aufgelistet. Sie ist eine starke Frau und beschäftigt sich seit dem Jahr 2000 mit Kunstprojekten aller Art. Das ist nicht nur die Literatur und der pointierte Einsatz der Sprache, das ist auch die Musikimprovisation.
„Tinte im Weißwein“, 2017 erschienen im „der wolf verlag“ heißt ihr neues Werk. Die 47 Erzählungen in diesem Band sind wie ein Beitrag zur Verbesserung der Welt, aber nicht in einem kitschigen, allgemein üblichen, sondern in einem sehr tiefsinnigen Sinne.

Hoppe stellt diesem Buch ein Zitat von Albert Einstein voran: „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle“. Und genau dieser Satz sollte den Lesenden das ganze Buch hindurch begleiten, weil es ebenso geheimnisvoll ist, was Maria Alraune Hoppe hier beschreibt, und den Leser mit auf eine Reise nimmt, wirklich mitnimmt ins Geheimnisvolle. Sogar das Coverfoto Hoppes entführt in entrückte Welten.

Es gibt überraschende, unerwartete Wendungen. Sie schafft es, erstaunliche Bilder mit Sprache zu malen. Man kommt im Grunde bei diesen kurzen Erzählungen und kurzen Geschichten kaum aus dem Staunen heraus.
Ich möchte das mit ein paar Beispielen untermauern: ein Satz hat mir besonders gut gefallen, weil er in sich geschlossen und sehr poetisch ist, poetischer und lyrischer, als man für eine Erzählung annimmt: „Und der Pinsel sang mit dem Papier sein Lied“.

Das könnte auch eine Gedichtzeile sein. Oder: „Die Dunkelheit scheint jetzt noch dunkler, als wäre es jenes Schwarz, das samtig weich und liebevoll alles verschlingt, was ein Eigenleben zu haben glaubte“. Wenn man über diese Sätze nachdenkt – und man kann nicht einfach nur so drüber lesen – das sind sehr tiefgründige Feststellungen und auch Erfahrungen. Mir ist auch aufgefallen, dass es Wortschöpfungen gibt, die sehr treffend bei Maria Alraune Hoppe sind, wie zum Beispiel: „Die Mit-mir-nicht-Seite“, die sollten wir alle auch immer gestärkt vor uns hertragen.
Und besonders beachtlich ist auch ihre Aussage, dass „Farben einnehmen einen stärken“ könnten. Und da sind wir schon beim Titel: Farben einnehmen, das heißt: Tinte im Weißwein. Also nicht Tintenfisch an Weißwein, wie man vielleicht mutmaßen könnte, sondern die Farbe Tinte im Weißwein, und wenn man die dann schluckt, dann ist man gestärkt, aber mehr verrate ich nicht.

Ich wollte Sie auf ganz beachtenswerte Überschriften hinweisen, die Sie hier in diesem Buch finden können: „Der Irrwitz des Tages“, „Das Türritzenamt“, „Geflimmertes Getuscheltier“.
Gestalten tauchen auf wie: „Der Geheimgangwärter“, „Der dünne Stimmchenpiepser“´, auch „Das Begierdengetier“. Wir kennen das Gemeinte alle sehr gut, aber richtig benannt – mit einem Augenzwinckern – hat es Maria Alraune Hoppe. Solche Wortschöpfungen machen neugierig und führen in eine empathisch subtile Poesiewelt.

https://www.heyn.at/list?cat=&quick=Maria+Alraune+Hoppe

Zur Person: http://www.kaerntner-schriftsteller.at/verband/mitglieder/maria-alraune-hoppe/

Maria Alraune Hoppe
TINTE IM WEISSWEIN
47 Erzählungen, 1000 Facetten von Leben

der wolf verlag | wolfsberg 2017
13 x 21 cm
160 Seiten
Pappband mit Schutzumschlag

ISBN 978-3-902608-79-6
 
21,80 €

https://www.raggernot.net/shop/
Foto © russwurm-photography

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Sprache – Verantwortung – Solidarität

Beschlüsse der Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren
24.–25.2.2018

Sprache – Verantwortung – Solidarität
Grundsatzerklärung

Sprache wurde immer schon missbraucht. Für alle Antidemokraten war die Herrschaft über die Sprache Voraussetzung für die Erreichung ihrer Ziele. Je autoritärer die Bestrebungen, desto manipulativer die Sprache. Wenn jemand in Internetforen „Humanismus ist heilbar“ als Username wählt, um seine Beiträge zu bewerben, spricht das für sich.

Heute sind wir mit einer Strategie der Doppelgleisigkeit konfrontiert: Unverblümt radikale Botschaften für die eigene Klientel und gleichzeitig allgemein akzeptable, freundliche Versionen für die breite Öffentlichkeit, die ihren autoritären, menschenverachtenden Gehalt höchst erfolgreich zu verbergen wissen.

Im Begriff Verantwortung stecken ‚Wort‘ und ‚Antwort‘. Erst das Wort, das Antwort findet und erträgt, ermöglicht den Dialog, Gemeinschaft und Demokratie. Wer sich dessen bewusst ist, der wird Identität und Selbstbestätigung nicht in der Ausgrenzung anderer suchen.

Schriftstellerinnen und Schriftsteller begleiten mit wachem Interesse gesellschaftliche Prozesse. Mit großer Sorge beobachten wir die Anzeichen, bewährte Strukturen, wie zum Beispiel die Selbstverwaltung der Krankenkassen und Kammern oder den unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, unter dem Deckmantel der Befreiung von Zwängen zu zerstören und die kümmerlichen Reste des ORF unter die Kontrolle der Regierung zu stellen. Damit lässt diese Regierung das Verständnis für Wesen und Grenzen des Wählerauftrages vermissen und beschreitet den gefährlichen Weg, die Meinungsfreiheit zu beschneiden und unbequeme Ansichten zu unterdrücken oder zu marginalisieren. Auch Sozialabbau ist ein Spiel mit dem Feuer. Er ist nicht durch ökonomische Zwänge bedingt, sondern Ausdruck eines inhumanen Menschenbildes, das den neoliberalen Ellbogenkapitalismus charakterisiert.

Achtsamkeit ist ein Gebot der Stunde. Wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller wollen, mit der gebotenen Vorsicht und Rücksicht, deutlich aussprechen, was Sache ist, ohne Alarmismus, ohne Resignation, in der Hoffnung auf die Renaissance des aus der Mode gekommenen Wortes Solidarität.

In diesem Sinne fasst die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren folgende Beschlüsse:

Die Freiheit der Kunst, die Freiheit des Wortes, die Freiheit der Presse

Es ist erschreckend, in welchem Ausmaß sich unter der Fahne angeblicher Auseinandersetzung mit dem Thema Sexismus neue Methoden der Zensur herausbilden resp. bereits herausgebildet haben und im Wortsinn schlagend werden.

Die Freiheit der Kunst, die Freiheit des Wortes, die Freiheit der Presse sind unverzichtbare Grundfesten einer demokratischen Gesellschaft. Kein fadenscheiniges Argument darf gegen diese Werte ins Treffen geführt werden. Es ist allerhöchste Zeit, mit der Zivilcourage – auch – im individuellen Denkprozess zu beginnen, die offenbar bereits gut internalisierten Scheren im Kopf zu verbannen, nicht im Sinne eines schwammigen political correctness-Begriffs besser zu zensurieren als jede staatliche Behörde. Eine sogenannte Diskussion über eine Gedichtzeile, über nackte (weibliche) Körper in der bildenden Kunst etc. ist unwürdig, erbärmlich, degoutant. Nicht die Kunst ist frivol, sondern die Anmaßung jener, die sich aufwerfen, über sie in zensorischer Manier zu befinden.

Eine Demokratie sollte längst gelernt haben, wohin eine derartige Entwicklung im worst case führen kann. Erst kratzt man Gedichtzeilen wie die von Eugen Gomringer von der Berliner Alice Salomon Schule, dann kratzt man alles andere Unliebsame aus dem Bild einer „sauberen“ Gesellschaft.

Wir fordern die Politik und sämtliche im Medien-, Kunst-, Kultur- und Bildungsbetrieb Tätigen auf, sich nicht nur entschieden gegen Zensur zu wenden, sondern auch den nötigen Respekt, die notwendige Feinfühligkeit im Umgang mit künstlerischer Produktion walten zu lassen.

Die Verpflichtungen in Landeskulturförderungsgesetzen

Die IG Autorinnen Autoren ist alarmiert von der sorglosen Auslegung der Landeskulturförderungsgesetze. Äußerungen in Tirol und Kärnten geben dazu berechtigten Anlass.

„Jeder hat einen andern Kunstbegriff, daher bin ich für das amerikanische System, das mit privaten Geldern arbeitet. Bei der Förderung von Kunst und Ausstellungen hat die öffentliche Hand wenig verloren. Queere und feministische Kunst braucht aus meiner Sicht keine öffentlichen Gelder. Die Tradition und das gelebte Heimatbewusstsein in Tirol wollen wir hingegen fördern, weil es kulturstiftend ist und man damit die Masse erreicht.“ (Markus Abwerzger, Der Standard 13.2.2018)
„Wir fördern Marterln, sonst haben wir morgen den Sichelmond.” (Christian Benger, Kleine Zeitung, 19.2.2018)
Kleine Zeitung: „Einsparungen fordern und mit öffentlichem Geld Marterln fördern. Wie passt das zusammen?”
Benger: „Das ist ein Betrag von unter 100.000 Euro. Die Wegzeichen mit dem Kreuz sind ein wichtiger Baustein unserer westlichen, christlichen Kultur und wir unterstützen all jene, die sich hier ehrenamtlich einbringen. Machen wir es nicht, dann kommen andere Kulturgüter.” (Christian Benger, Kleine Zeitung, 19.2.2018)

Anlässlich dieser Aussagen des Spitzenkandidaten der FPÖ Tirol und des Spitzenkandidaten und Kulturlandesrates der ÖVP in Kärnten verweisen wir entschieden auf die Verpflichtungen in den bestehenden Kulturförderungsgesetzen beider Länder.

Diese gesetzliche Verpflichtung der Länder zur Kunst- und Kulturförderung kann weder durch privates Sponsoring ersetzt werden, noch darf eine Gruppe oder ein Bereich von Kunst- und Kulturförderungen kategorisch ausgeschlossen werden. Die Landeskulturförderungsgesetze sind auch nicht dazu da, um christliche Werte durch Marterl-Förderungen zu verteidigen oder um Wahlwerbungen zu finanzieren, sie sind eine Selbstverpflichtung der Länder zur Förderung von Kunst und Kultur im Rahmen ihrer hoheitlichen Kunst- und Kulturverwaltung.

Weder kategorische Förderungsausschlüsse noch besonders weitreichende Auslegungen der zu fördernden Tätigkeiten entsprechen den Aufgaben der Landeskulturförderungsgesetze. Die IG Autorinnen Autoren fordert den gesetzeskonformen Umgang mit Landeskunst- und Kulturförderungsaufgaben und Landeskunst- und Kulturförderungsmitteln.

Die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen

Yvonne Gimpel, die Leiterin der nationalen Kontaktstelle zur Betreuung der „UNESCO-Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen”, wird mit Ende Februar 2018 ihren Posten abgeben. Frau Gimpel hat die Schaltstelle durch viele Jahre in vorbildlicher Weise betreut, die komplexe Materie durch regen Informationsfluss aufbereitet, aktuelle Entwicklungen vermittelt, die kulturelle Öffentlichkeit vernetzt und sich trotz der schwierigen Rahmenbedingungen nicht entmutigen lassen. Dafür bedankt sich die Interessengemeinschaft österreichischer Autorinnen Autoren herzlich.

Während die österreichische UNESCO-Kommission in vorbildlicher Weise und beispielgebend für viele Staaten ihre Verpflichtungen zur Umsetzung der Konventionsartikel eingehalten hat, ist die österreichische Bundesregierung auf beschämende Weise säumig. Das betrifft z. B. innerhalb des Landes – gerade auch in den aktuellen politischen Umbruchszeiten – die völkerrechtlich bindende Einbindung der kulturellen Zivilgesellschaft in alle sie betreffenden politischen Prozesse, international die bisher nicht umgesetzte Vorzugsbehandlung von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Süden bei der Visaerteilung.

Die IG Autorinnen Autoren geht davon aus, dass die österreichische UNESCO-Kommission auch in Zukunft die Anliegen der für uns Künstlerinnen und Künstler so wichtigen Konvention engagiert vertreten wird. Gleichzeitig fordert die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren die Bundesregierung auf, die Bestimmungen der Konvention einzuhalten bzw. endlich umzusetzen. Diese sind eine klassische Querschnittmaterie und bedürfen des konstruktiven Zusammenwirkens der einzelnen Ministerien sowie der Bundesländer, die im Fachbeirat Kulturelle Vielfalt der UNESCO vertreten sind.

Unterstützung für das „Festival Internacional de Poesía de Medellín”

Das „Festival Internacional de Poesía de Medellín”, das größte und bedeutendste Poesiefestival der Welt, ist in seinem Fortbestand gefährdet, da die Regierung Kolumbiens vor wenigen Wochen die Subventionen eingestellt hat. Tausende Autorinnen und Autoren aus aller Welt haben bereits Unterstützungserklärungen an das kolumbianische Kulturministerium gerichtet.

Das „Festival Internacional de Poesía de Medellín” hat seit seiner Gründung im Jahr 1991 einen wichtigen Einfluss auf den Friedensprozess in Kolumbien und versteht sich auch als Promotor für den globalen Frieden. 2006 wurde das Festival mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Wir Lyrikerinnen und Lyriker, Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Österreich unterstützen Fernando Rendón in seinen Bemühungen, den Fortbestand des Festivals zu sichern.

Österreichische Autor/inn/en und Übersetzer/innen für den Artikel 12 DSM COM/2016/0593

Die IG Autorinnen Autoren teilt nicht die Einwände anderer europäischer Schriftstellerorganisationen gegen den Artikel 12 des DSM COM/2016/0593. Vielmehr begrüßen wir die Regelung durch den Artikel 12, der die Möglichkeit einräumt, Verleger mit einem fairen Anteil an den Einnahmen der Verwertungsgesellschaften zu beteiligen.

Wir sind wie unsere Kolleg/inn/en in Deutschland der Meinung, dass Artikel 12 nur gültig sein sollte im Hinblick auf die unter Punkt (36) der erklärenden Einleitung des „Vorschlags für eine Richtlinie des europäischen Parlaments und des Rates über das Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt“ dargelegten Bedingungen. „Gemäß diesem Punkt (36) sollen EU Mitgliedstaaten nur dann Verlagen das Recht auf einen Anteil einräumen dürfen, soweit bereits ‚Systeme bestehen, um den durch eine Ausnahme oder Beschränkung entstandenen Schaden auszugleichen’“.

Unsere Erfahrungen mit unserer nationalen Verwertungsgesellschaft Literar-Mechana, der österreichischen Verwertungsgesellschaft für Autor/inn/en und literarische Übersetzer/innen, die von Autor/inn/en und Verlegern gemeinsam geleitet wird, zeigen die großen Vorteile einer gemeinsamen Verwertungsgesellschaft:

Autor/inn/en und Verleger gemeinsam bilden eine starke Interessenvertretung für Verhandlungen mit Internet-Plattformen und anderen mächtigen Akteuren wie Kopiergeräte- und Computer-Herstellern. Die daraus resultierenden Abgaben sind ein wichtiger Teil der Einnahmen von Verwertungsgesellschaften. Je geschlossener wir in Verhandlungen auftreten können, desto besser sind die Verhandlungsergebnisse, sowohl für Autor/inn/en, als auch Verlage.

Die Literar-Mechana ist unsere gemeinschaftliche Institution, in der wir als gleichberechtigte Partner im beiderseitigen Interesse handeln. Ihre demokratische Struktur gibt jeder Gruppe das gleiche Gewicht. Eine einzige Verwertungsgesellschaft in unserer Branche ist weit effizienter und kostengünstiger als zwei oder mehrere solcher Organisationen pro Land.

Verlage treten nicht an die Stelle von Urhebern, sie erhalten nur das Recht, das Werk des Autors/der Autorin zu verwenden. Sie beziehen aus der Tatsache, dass der Verlag das Werk herstellt und verbreitet, ihre Berechtigung für den Erhalt eines Anteils aus den Einnahmen der Verwertungsgesellschaften. Idealerweise wird die Höhe des Verlegeranteils innerhalb der Verwertungsgesellschaft durch deren demokratische Entscheidungsstrukturen selbst bestimmt, so wie das auf die Literar-Mechana zutrifft.

Es ist für uns selbstverständlich, dass Verlage, die ein Werk veröffentlichen und verbreiten, einen Anspruch auf einen fairen Anteil an den Einnahmen der Verwertungsgesellschaften haben. Aus diesem Grund heißen wir den Artikel 12 des DSM COM/2016/0593 („Die Mitgliedstaaten können festlegen …“) willkommen, der den Mitgliedstaaten ermöglicht:

– Verlegern einen fairen Anteil an den Einnahmen der Verwertungsgesellschaften einzuräumen
– von Autor/inn/en und Verlegern gemeinsam getragene Verwertungsgesellschaften zu erhalten
– spezifische nationale Strukturen der Verwertungsgesellschaften per Gesetz abzusichern.

in jenen Staaten, in denen dies bereits möglich war, und in dem Ausmaß, in dem dies möglich war – so interpretieren wir Nr (36) der erklärenden Einleitung zum Vorschlag für die Richtlinie.

Antragsformulare und Subventionsansuchen

Von Jahr zu Jahr werden die Antragsformulare für Subventionen komplizierter und unverständlicher. Das betrifft Gemeinden, Länder und den Bund. Die Anforderungen belasten besonders Künstler/innen und Literat/inn/en, die von der digitalen Bürokratie „erschlagen“ werden. Eine Kärntner Landesbeamtin hat angekündigt, dass die Anträge noch komplizierter werden würden und fast jeder Antragsteller einen Berater benötigen werde. Angesichts dieser Situation und Zukunftsaussichten fordert die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren: Es muss möglich sein, Anträge sowohl digital als auch in Papierform zu stellen. Antragsformulare müssen dem jeweiligen Förderungszweck angepasst werden und allgemein verständlich verfasst sein.

Hälfte-Steuersatz und niedrigste Mehrwertsteuer

Die IG Autorinnen Autoren fordert die steuerliche Gleichstellung mit Erfinder/inne/n und die Einbeziehung in die Mehrwertsteuersenkung für Hotelbetriebe. Für literarische Leistungen soll ebenfalls der unterste Mehrwertsteuersatz von 10 Prozent herangezogen werden und für Einnahmen aus Verkäufen urheberrechtlich geschützter literarischer Werke soll ebenfalls nur der Hälfte-Steuersatz in der Einkommensteuer zur Anwendung kommen: Die IG Autorinnen Autoren wird sich mit einem entsprechenden Schreiben an den Finanzminister wenden.

Ausschreibungen von Preisen und Stipendien

Die IG Autoren setzt sich für vermehrte Ausschreibungen

1. anonymisierter
und
2. altersunabhängiger

Preise und Stipendien von staatlicher, staatsnaher, gebietskörperschaftlicher und gebietskörpernaher Seite ein und wird dies auch bei Ausschreibungen von privater Seite anregen.

Unterstützung unserer Kärntner Kolleginnen und Kollegen

Wir unterstützen die Bemühungen unserer Kärntner Kolleginnen und Kollegen zur Herstellung von mehr Öffentlichkeit für Autorinnen, Autoren und Literatur. Die IG Autorinnen Autoren wird aktiv daran mitwirken. Sie beauftragt ihren Geschäftsführer zur Unterstützung der Aktivitäten der Kärntner Autorinnen und Autoren.

Notschlafstellen, wo immer sie gebraucht werden

Die IG Autorinnen Autoren unterstützt die Forderung des gemeinnützigen Vereins „Westbahnhoffnung Villach“, dringend Notschlafstellen für erwachsene Obdachlose in Villach einzurichten. Die winterliche Witterung verschärft die ohnehin prekäre Lage der Betroffenen. Der derzeitige Temperatursturz macht die Situation lebensbedrohlich und erfordert sofortiges Handeln.

Neuwahl

Die IG Autorinnen Autoren hat folgenden Vorstand mit folgenden Funktionen neu gewählt: Renate Welsh (Präsidentin), Peter Turrini (Vize-Präsident), Anna Mitgutsch (Vize-Präsidentin), Vorstandsmitglieder: Hellmut Butterweck, Manfred Chobot, Gregor Fink, Christl Greller, Margit Hahn, Nils Jensen, Hahnrei Wolf Käfer, Erika Kronabitter, Ludwig Laher, Werner Richter, Gerhard Ruiss (Geschäftsführung), Sylvia Treudl, Peter Paul Wiplinger, O.P. Zier, Kooptierungen: Gerhard Altmann (Burgenland), Robert Huez (Literaturhaus Wien), Gabriele Russwurm-Biro (Kärnten), Siljarosa Schletterer (Tirol), Konsulent/inn/en: Ulrike Längle (Felder-Archiv, Vorarlberg), Heinz Lunzer (wissenschaftliche Autor/inn/en), Christa Stippinger (Migrant/inn/en)

Literaturhaus Wien
25.2.2018

Foto © russwurm-photography 2018

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„Jedenfalls richtungsweisend“ – PFEILE im öffentlichen Raum

Auf die Plätze/ Na mesta war als eine thematisch gruppierte Dokumentation im Künstlerhaus Klagenfurt über Kunst im öffentlichen Raum konzipiert und bildete den Abschluss des gleichnamigen Schwerpunktjahres 2017. Sie zeigte in über 50 historischen wie aktuellen, temporären wie permanenten Projekten in Kärnten den Status Quo zeitgenössischer Kunstproduktion im öffentlichen Raum aus verschiedenen Blickrichtungen.
Kennst du die regeln? Wer hat hier das Sagen? Was hast du dagegen? Und: Bist du Teil davon? Waren einige der Fragen, die in der Ausstellung KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM von KünstlerInnen und KuratorInnen gestellt wurden.
Die TeilnehmerInnen des Literaturfrühstücks im Februar traten in den Dialog und beschäftigten sich mit den Fragen: Was ist privat? Was ist öffentlich? Wem gehört der öffentliche Raum und ist nicht auch dieser ein zivilisierter und daher artifizieller Raum im Gegensatz zur freien (nicht durch Menschenhand gestalteten oder veränderten) Natur?
„Der öffentliche Raum ist kein Freiraum, er sollte jedoch frei von Willkür sein“, meint Martin Fritz (Merz Akademie, Stuttgart) in seinem Statement.
Neben dem Sichtbarmachen von Selbstverständlichem der Kunst im öffentlichen Raum, dem Aufzeigen von Aneignungsprozessen sowie von Spuren der Zeit, stand die gegenwärtige Kontextualisierung der Arbeiten im Vordergrund.
Claudia Büttner (Freie Kuratorin aus München) stellte Fragen an die Künstler: Bist du Teil davon? „Wenn die Kunst einen Platz in der Öffentlichkeit beansprucht, dann indem ihre ProduzentInnen den gesellschaftlichen Verhandlungsspielraum anerkennen. Denn sie konkurrieren mit Stadtmöblierung, Werbung und kommerziellen Events um Straßen und Plätze. Mit Plakaten, Fotografie, Licht, Design und Installationen, mischen sie sich in die Alltagswelt“. Künstler werden also Teil der Öffentlichkeit, indem sie sich Publikum in der Öffentlichkeit suchen und in einen kreativen Prozess treten, um auf die Gestaltung und Veränderung von gesellschaftlichen Strukturen hinzustreben. Außerdem soll das Interesse an Teilhabe in der Öffentlichkeit neu geweckt werden.
Bist du verantwortlich? hinterfragte Elisabeth Fiedler (Kunst im öffentlichen Raum, Steiermark): „Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher oder sozialer Schichten sowie von Kulturen in permanenter Auseinandersetzung ist ein Spannungsfeld, dessen wir uns bewusst sein und mit dem wir umgehen müssen“.
Statements, Dokumentationen und Textbeiträge führten zu einem anregenden Dialog zwischen Autorinnen und Autoren und BildhauerInnen. Die verschiedenen Themenbereiche inspirierten zu Gedichten, Reflexionen und einer Sprechperformance.

Dialog beim Literaturfrühstück des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes Februar 2018

Mit dabei die Bildhauerinnen Meina Schellander und Marianne Oberwelz, die Kärntner SchriftstellerInnen Christine Tidl, Maria Alraune Hoppe, Karin Prucha, Edgar Hättich, Christa Raich, Rosemarie Lederer und Projektleiter Alfred Woschitz.

Karin Prucha, Klagenfurt
Die Tage vergehen, sie zieht schwarz die Spur nach auf weißem Grund. Der schwarze Vogel im weißen Schnee. Leuchtet sichtbar in der weißen Weite. Schneller Atem, die Eistropfen im Gesicht. Der Hauch friert vor dem Mund und die Eiskristalle weben einen Schal. Die Farbe wird nicht frieren, mit all dem Frostschutz. Der Vogel steht synonym da, für all den Frost, die Eiseskälte in der Gesellschaft des kleinen Dorfes, das die ausgrenzt, die sich nicht an die Regeln halten. Der Dorfnarr, der Behinderte, die Frau mit den roten Haaren, der Junge mit dem Wunsch, Tänzer zu werden, das Mädchen, das mit Buben spielt, die Frau, die ihre Augen zu stark schminkt, blau, wie ihre Augen, zusammengeschlagen, der Journalist, der Wallraff spielt im alten Kohlewerk.
Die hamm doch alle an Vogel, die Deppaten da. Was wollns denn ? Weg mit ihnen ! Ausse ! Abholen !
Schneller wird sie, bevor das Schwarz ausgeht. Der Frostschutz, zugefügt im Warmen, im Hellen, im Weißen des Raumes. Jetzt wird das Schwarze zu Eis, im Schnee der vergangenen Tage. Eingefroren in der Helligkeit der Atemraubung, ihr Dickicht an Gefühlen mitgeschwärzt. […] Zurück ein kurzer Blick, kein Mensch zu sehen, sie fährt fort im Schwärzen, mit dem Eimer schüttet sie die Gefühle aus. Ins Weiß, holt tief Luft. Drüben über dem Berg wird der Himmel licht, die Nacht fließt ihre Dunkelheit in den beginnenden Morgen. Konzentriert und schnell arbeitet sie fertig, das Gefieder ist luftig, der Vogel möchte abheben.
Was ist schwarz, was ist weiß ? Was ist gut, was ist schlecht ? Und dann die einfachen Antworten auf die komplizierten Fragen, die sie in die Schwärze treiben, aber jetzt nicht mehr, nicht mehr.
Die schwarzen Farbreste glänzen auf ihrer Jacke, sie holt ihren Atem ein, der vor ihr friert, zurück zum Ufer, dem sie ihren Vogel hinterläßt, zehn Meter groß und breit. Atemholen. Ich habe es getan. Der Schal der Atemkristalle ist kalt, doch die Freiheit ist mit Leidenschaft geboren, noch vor dem Tag ! Der Weg ist hell genug, im weißen Licht des Mondes reflektiert die ausgeschobene Spur dunkel. Sie steigt über den Einstieg aus dem gefrorenen See mit ihren schwarzgefärbten Flügeln. (©Karin Prucha)

Christine Tidl (Seeboden, Kärnten)
Auf die Plätze, na mesta
Zu Füßen des Dichters, seiner Liebe zu Lulija und den Geschichten der Stadt, Musikanten und Gaukler auf dem Platz vor dem Denkmal. Junge Menschen im Sonnenschein zu beiden Seiten des Flusses. Wer ist von hier? Kdo je od tod? Hier wie dort Brücken über Gräben zum anderen Ufer. Drachen in Grünspann zeigen den Weg in die Altstadt, auf die Plätze, na mesta. Kunstvoll der Garten im Ziehbrunnenhof. Rosengirlanden auf Leinwand gemalt warten auf Leben durch Nadel und Garn. Liegen noch Schatten auf alten Fassaden, erhellt sich der Himmel über der Burg. Fremde dort im Café, beobachtet Mirko, erinnert sich manch früher Sätze. Ich bin Mirko. Wer bist du? Jaz sem Mirko. Kdo ti si? Das deutsche Zeitung!
Wohin jetzt? Kam pa zdaj? Bunt ist das Treiben drüben am Markt.
Die Frau beim Gemüsestand greift in den Bottich. Sauer die Rüben. Eine Handvoll. Kein Wort. Sie zeigt auf den Preis. „Koroška?“ In den weichen Lauten, im Singsang der Sprache die Melodie meiner Heimat. Ich nicke: „Celovec!“ Wir lächeln uns zu. Alte Bekannte.
(©Christine Tidl, Feber 2018)

KUNST MUSS, meint der bildende Künstler Wendelin Pressl aus Wien, der die Plakatständer mit den Pfeilen in der Ausstellung und im Goethepark installiert hat und so die öffentliche Parkanlage zwischen Künstlerhaus und dem Haus der Architektur Klagenfurt zu einem KUNST-Raum umgewandelt hat.
„Was für Kunst gilt, kommt mir vor, gilt für Kunst im öffentlichen Raum noch viel mehr. Weil die Schwelle niedriger ist, ja beinahe fehlt, weil sie näher an die BetrachterInnen kommt…eine Kunst für alle“. (Wendelin Pressl)

Edgar Hättich (Klagenfurt)

PFEILE
Jedenfalls richtungsweisend
gut ausgerichtet
dem Pfeil folgen
aufrecht immer
eben richtig
aufrichtig
zeigt in richtige richtung
zum richtfest der richtigen
sich an ihnen aufrichten
schiedsrichter
richtung verloren
richtungslos
in die zielgerade

© Edgar Hättich

Auch Maria Alraune Hoppe (Klagenfurt) reagierte spontan in ihrer Sprachperformance auf die Plakatständer mit den großen schwarzen Pfeilen, die maßgeblich den Charakter und die Wahrnehmung der Ausstellung im und um das Künstlerhaus beeinflussten.


Rosemarie Lederer (Klagenfurt)
Drop sculteres

Aufgestellt im Raum
Öffentlich
Fragestellung
Nutzungsfrage
Kunst
Sich selbst genügend
Und verrückbar
Austauschbar
Und doch
Knotenpunkt
Und Angelhaken
An den der Blick
Sich hängt
Und dich drängt
Zum Innehalten
Aufgestellt
Im öffentlichen Raum
Und kaum
Zu übersehen
Irritierend
Und verwirrend
Drängt sich auf
Und
Mischt sich ein

Bin ich von hier?

Bin ich von hier
Oder doch nur zugezogen
Hierher verfrachtet
Ungeachtet
Meiner Kindheitsräume
Bin ich eigen
Oder fremd
Im fremden Raum
Hab´ ich mein Fremdes
Hier verortet
Hier im Raum
Den andere „eigen“ nennen
Und beharren
Auf ihr Eigentum
Hab´ ich vermischt
Sprache und Kultur
Geöffnet
Einen neuen Raum
Im Miteinander

Was hast du dagegen?

Du
Der festsitzt auf dem Stuhl der Sattheit
Den nicht hungert
Nach dem Ungesagten
Kaum Gefragten
Was hast du dagegen
Sag
Rede
Streite
Schrei
Auf die Plätze
Achtung
Fertig
Los
Nichts ist festgeschrieben
Hier im öffentlichen Raum
Den wir teilen
Und verweilen
Um die Spur der Zeit zu lesen
Und den Wandel der Gesinnung
Und das Totgeschwieg’ ne
Sichtbar machen
Was hast du dagegen
Komm
Und sieh

©Rosemarie Lederer

Alfred Woschitz (Wien und Kärnten) stellte sein Projekt vor: THE CHLEBNIKOV PROJECT (welches er über den russischen Futuristen Velimir Chlebnikov zusammen mit Josef KA, Chris Haderer als Work in Progress gestaltet):

Der Mann auf dem Zugdach
„Heute gehe ich wieder

Dorthin – aufs Leben, auf die Auktion, auf den Markt,

und das Heer der Lieder führe ich.“
(Velimir Chlebnikov, Aurelia)

Es war einmal ein Mann, der saß auf einem Zug. Mit rußigem Dampf in den Augen ließ er Moskau hinter sich; es war Frühling, er wollte in den Süden. Jahre später kehrte Viktor Vladímirovič Chlebnikov zurück, krank, gezeichnet und bald schon tot. Das war im Jahr 1922. „Velimir Chlebnikov war zwei Jahre unterwegs, er machte mit unserer Armee alle Rückzüge und Vormärsche in Persien mit, bekam einen Typhus nach dem anderen. Diesen Winter kam er zurück, im Waggon für Epileptiker, überanstrengt und abgerissen, in einem Krankenkittel“ schrieb Vladimir Majakovskij nach seinem Tod. „Auf seinen Reisen machte er sich aus Manuskripten ein Kissen, auf diesem Kopfkissen schlief der Reisende Chlevbnikov, und dann verlor er das Kissen.“ Von seiner letzten Reise, so Majakovskij, brachte er keine einzige Zeile mit.
Am Ende von Chlebnikovs Texten stand eine neue Poesie; eine Evolution der Sprache, der (misslungene) Versuch das Leben an einer Sternenmathematik festzumachen. Aber da war auch noch der Visionär Chlebnikov, der mit der „Zukunft des Radios“ schon das globale Dorf vorwegnahm und der in Kriegen lieber „Traumwaffen“ zum Einsatz gebracht hätte als scharfe Munition. „Chlebnikovs Ruhm als Dichter ist unermesslich viel geringer als seine Bedeutung“, schrieb Vladimir Majakovskij. „Von den hundert, die ihn gelesen haben, nannten ihn fünfzig einfach einen Graphomanen, vierzig haben ihn als Unterhaltung gelesen und sich gewundert, weshalb sie von all dem keine Unterhaltung hatten, und nur zehn (die Futuristen-Dichter, die Philosophen des „Opojaz“) kannten und liebten diesen Kolumbus neuer poetischer Kontinente, die jetzt von uns besiedelt und urbar gemacht werden.“
Das work-in-progress-Projekt unter der Leitung von Alfred Woschitz mit Beteiligung der russischen Performance-Künstlerin Josef Ka und des Filmemachers und Autors Chris Haderer folgt diesem „Kolumbus neuer poetischer Kontinente“, vermisst sie neu und stellte den Bezug zu einer Gegenwart her, die uns selbst noch zu wenig bekannt ist.(Alfred Woschitz)

www.lunaSteam.com/rosta.html

WIR UND DIE HÄUSER (Vladímirovič Chlebnikov)
„Häuser werden nach der bekannten Regel für Kanonen errichtet: Man nehme ein Loch und gieße einen Mantel aus Gusseisen herum. Und ebenso wird ein Plan genommen und mit Stein ausgefüllt, d.h. sie multiplizieren das Grundverhältnis zwischen Stein und leerem Raum mit einer negativen Größe, weshalb zu den hässlichsten Gebäuden oft die schönsten Pläne gehören. Das muss ein Ende haben.
Nur wenigen ist bisher aufgefallen, dass die Überlassung der Straßen an die Habgier- und Dummheitsbünde der Hausbesitzer und das Recht, sie Häuser bauen zu lassen, bedeuten, sein Leben schuldlos in Einzelhaft zu verbringen.“

Fotos © russwurm-photography

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Mit den Leuten ins Gespräch kommen

Die Schriftstellerin und Kärntner Lyrikpreisträgerin Monika Grill widmet sich seit Oktober 2017 einer neuen Passion – dem Radiomachen. Ihre Sendung “Sprache. Wurzeln. Sterne –Gespräche und Begegnungen“ ist auf RADIO AGORA 105,5 sowie livestream auf radioagora.at am ersten Sonntag des Monats um 18 Uhr zuhören.

Wie kommt man als Schriftstellerin dazu, eine Radiosendung zu produzieren und zu moderieren?

Im September 2017 postete Hemma Schliefnig auf Facebook eine Anfrage bezüglich einer Koproduzentin für ihre Sendung “Sprachwurzelgeschichten“. In diesem Format hatte sich die Unterkärntner Autorin und Landwirtin zwei Jahre lang mit der Zweisprachigkeit in Kärnten auseinandergesetzt und, wie sie sagte, Menschen eine Stunde lang zugehört, wie sie über ihre eigenen Erfahrungen mit diesem Thema plauderten. Nun stellte sie sich die Frage, ob sie die Sendereihe beenden oder sie mit jemandem als Koproduzenten fortsetzen wollte. Ich fand den Begriff Sprachwurzeln spannend und wie es meine Art ist, entwickelten sich in meinem Kopf sofort Assoziationsketten, die auf unendlich viele Möglichkeiten hinwiesen, mit diesem Thema umzugehen.
Hemma fand meinen Ansatz interessant und lud mich ein, die Sendung abwechselnd mit ihr zu gestalten. In der Folge produzierte ich zwei Sendungen im Rahmen der Sprachwurzelgeschichten. Ende 2017 stellte Hemma fest, dass sie alles gesagt hatte, was sie sagen wollte, und dass es für sie an der Zeit war, die bereits geführten Gespräche in Buchform unter die Menschen zu bringen. So beschloss ich, das Thema der Kommunikation weiter zu spinnen und im Rahmen meiner eigenen Sendereihe zu erweitern und zu vertiefen.

Schriftsteller und Autoren gelten als eher introvertiert. Wie war es für Sie, in diese neue Rolle zu schlüpfen?

Mit Leuten ins Gespräch zu kommen, sich über interessante Themen auszutauschen und nachzufragen, was im persönlichen Leben so alles passiert, ist grundsätzlich nichts Neues für mich. Meine Lebensgeschichte hat mich zu einem offenen, neugierigen Menschen gemacht, für den es selbstverständlich ist, über alles ehrlich zu sprechen. Aus meinem früheren Beruf bin ich es gewohnt, Vorträge zu halten und auf verschiedensten Ebenen zu kommunizieren. Viele Autoren schreiben, um sich auszudrücken, sich selbst kennen zu lernen und ihre Gedanken und Erfahrungen zu ordnen. Sie sind glücklich mit dem Blatt Papier, das vor ihnen liegt und dem sie alles mitteilen können. In meinen jungen Jahren teilte ich diese Ansicht. Jetzt aber geht es mir um den Austausch, der in Lesungen und Veranstaltungen stattfindet. Ich bin am glücklichsten, wenn das gesprochene Wort Raum einnimmt und ich sehen und spüren kann, was es in meinen Zuhörern bewirkt. So gesehen ist das Radiomachen einfach eine weitere Form dieser Begegnung auf menschlicher Ebene.

“Sprache. Wurzeln. Sterne“ ist eine sehr lyrische und weitgreifende Beschreibung für eine Radiosendung. Worum geht es Ihnen eigentlich?

Das Leitmotiv der Sendereihe sind Gespräche und Begegnungen mit Menschen, die sich aufgrund ihrer Interessen und Fähigkeiten mit diversen Kommunikationsformen beschäftigen (Kunst, Musik, Literatur, Architektur) oder die in einer besonderen Art der Kommunikation mit ihrem Umfeld, der Welt und dem Kosmos stehen. Einbezogen in das Thema Sprache sind unter anderem auch Tiere, Pflanzen, Landschaften, Städte.
Mein Ansatz ist es, dass sich in einem lockeren Austausch um ein Thema herum ein roter Faden entwickelt, der in unerwartete Bereiche führt und den Zuhörern neue Blickwinkeln öffnet. Wesentlich für mich ist eine entspannte Atmosphäre, in der sehr persönliche und tiefgreifende Fragen möglich sind.
Mein Wunsch ist es, dass sich die Zuhörer als Teil eines interessanten und ehrlichen Gespräches erleben, dessen Bogen sich vom Kleinen zum Großen, vom Regionalen zum Globalen, von der Vergangenheit in die Zukunft erstreckt. Das Ziel− Geist und Herz für das Andere und Unbekannte zu öffnen und dem Vertrauten auf eine neue Weise zu begegnen.
Auch das Ansprechen von schwierigen Thematiken und von Sachverhalten, die unser persönliches und soziales Leben prägen, gehört dazu.

In den USA sind Sie viele Jahre im Bereich der Alternativen Heilkunst tätig gewesen und haben diese Arbeit als Berufung erlebt. Ich nehme an, dass man die Tätigkeiten und Gedankenansätze eines halben Lebens nicht einfach beiseitelegen kann. Wie zeigt sich Ihre Vergangenheit in dem, was Sie jetzt tun?

In meiner Rolle als Heilpraktikerin und Hypnosetherapeutin ist es für mich in der Vergangenheit selbstverständlich gewesen, mit meinen Klienten das Wesentliche in deren Leben zu besprechen und freizulegen. In meiner Rolle als Schriftstellerin und Lyrikerin spinne ich jetzt diesen Faden weiter und erzähle Geschichten über das Menschsein in all seinen Facetten. Mit dieser Radioproduktion möchte ich diesen Ansatz weiter verfolgen.

Ihre erste Sendung “Mit Tieren sprechen“ wurde am 5. Jänner ausgestrahlt. Worum ging es?

Ich bin eine überzeugte Tierschützerin und stehe mit der natürlichen Welt in einer innigen Verbindung. Deshalb ist es für mich eine Herzenssache, den Menschen das Wesen der Tiere näher zu bringen und für ein besseres Zusammenleben zu plädieren.
Im Gespräch mit der Tierkommunikatorin Evelin Illitsch stelle ich unseren Umgang mit Tieren in Frage und möchte wissen, was Tiere brauchen und sich von uns wünschen. Erzählt wird unter anderem von kleinen Wundern und schmerzhaften Realitäten, von Respekt, einem würdigen Tod und der Sprache des Herzens.

Mit Tieren sprechen : https://cba.fro.at/357489

Sie haben über 30 Jahre in den USA gelebt, den Großteil davon in Kalifornien. Wie wirken sich ihre Erfahrungen auf die Gestaltung dieser Sendung aus?

Natürlich bin ich stark von meinem Leben in Kalifornien geprägt ist. In der Metropole Los Angeles zu leben bedeutet, allen Kulturen der Welt im täglichen Leben zu begegnen und die ethnische, spirituelle und sprachliche Vielfalt als selbstverständlich zu erleben. Dazu kommen die klimabedingte extrovertierte Lebensweise, die Freude am Experimentieren und der typisch amerikanische Pragmatismus. In der Folge neige ich zu einer weltoffenen Perspektive, die im Lokalen und Regionalen verankert ist. Mehrsprachigkeit, kulturelle Vielfalt und Offenheit für Neues sind für mich in diesem Zusammenhang selbstverständlich. Mich interessieren weitläufige Zusammenhänge, Verbindendes und Grenzüberschreitendes. Das Menschliche steht im Mittelpunkt, denn es erlaubt die Auseinandersetzung mit schwierigen Themen auf Augenhöhe und ohne Polemik. In meiner Sprache bin ich direkt und kenne keine Hemmschwellen oder Tabuthemen.

In Ihrer Biografie sprechen Sie von Ihrer Zusammenarbeit mit Musikern. Was ist Ihnen daran wichtig und wie wird diese Vorliebe in Ihre Sendung einfließen?

Ich bin mit Musik aus dem Radio aufgewachsen. Mein Vater war ein wunderbarer lyrischer Tenor, der im Singen auflebte. Wie meine beiden Schwestern spielte ich Klavier und erhielt über 8 Jahre Musikstunden am Konservatorium Klagenfurt. Die Liedermacher meiner Jugend haben in mir die Freude an der Poesie geweckt und mir die Musikalität der Sprache ans Herz gelegt. Musik und Stimme berühren auf tiefster Ebene und erzeugen eine Verbindung unabhängig vom Inhalt. Ich denke, dass aus diesem Grund das Lyrische eine große Rolle in meinem eigenen literarischen Schaffen spielt und sich auch in meinem Sprachmustern zeigt.
Ich habe auch festgestellt, dass Menschen eine Lesung viel mehr genießen, wenn sie von Musik umrahmt oder begleitet wird. Die musikalische „Pause“ ermöglicht es, Worte und Informationen zu „verdauen“ und einsinken zu lassen. Für meine Sendungen bemühe ich mich um musikalische Einlagen, die das Thema ergänzen und die Zuhörer berühren.

Eine Sendung, die der Welt des Klanges gewidmet ist, können sie hier nachhören.

Die Welt klingt https://cba.fro.at/357495

Sie nehmen auch immer wieder am Literaturfrühstück im Künstlerhaus Klagenfurt (in Kooperation mit dem Kärntner SchriftstellerInneverband, dessen Mitglied Sie auch sind) teil, für das Autoren und Autorinnen Texte verfassen, die von den ausgestellten Werken inspiriert sind. Was mögen Sie an der bildenden Kunst, und wie findet sich diese Vorliebe in ihrer Sendung wieder?

Bilder, Skulpturen, Installationen – sie machen Freude, überraschen und eröffnen gedanklich und emotionell neue Dimensionen. Ich mag Kunst die klug ist, mich überrascht und spielerische Komponenten zeigt. Auch Mut, gutes Handwerk und Menschlichkeit sind mir wichtig. Persönlich liebe ich Farbe und verweigere ein Leben in weißgestrichenen Räumen.
Ich bin ein Mensch, dessen Geist sehr wendig ist und der Assoziationen liebt. Wenn der Moment stimmt, lösen Worte oder visuelle Elemente in mir Gedankenkaskaden aus, die sich zu Bildern formieren. Und wenn ich auf Kunst treffe, die eine Geschichte erzählt, freue ich mich und erlaube es mir, davon angeregt zu werden.
Während mir als jungem Menschen die atmosphärische Literatur und Andeutungen gefallen haben, ist mir mit zunehmendem Alter eine klare und direkte Sprache wichtig geworden. Dazu gehören Wortkonstruktionen, die im Kopf Bildabläufe erzeugen. Für mich ist das ein Merkmal guter und effektiver Kommunikation – dass der Leser/Zuhörer sieht was ich sehe, und damit die Zusammenhänge versteht und der Geschichte folgen kann.

http://www.kaerntner-schriftsteller.at/verband/mitglieder/monika-grill/

Welche Themen und Sendungen können wir für das Jahr 2018 erwarten?

Am 4. Februar wird mein Gespräch mit dem international bekannten Mode- und Werbefotografen Jens August ausgestrahlt. Seit einem Jahr betreibt er die Galerie August in der Künstlerstadt Gmünd und hat sich mit seiner Frau Tatjana auf einer Almhütte im Maltatal niedergelassen. Wir plaudern über seine Entwicklung als Künstler und Mensch, und wie es ist, angekommen zu sein.

Weiteres wünsche ich mir Gespräche über Spiritualität in einer scheinbar gottlosen Welt, Begegnungen mit slowenisch sprechenden Künstlern und Literaten, einen Besuch im Zitrusgarten am Faakersee, und Einblick in das Leben von Menschen, die den Anforderungen der Zeit konstruktiv, gütig und mutig begegnen.

http://agora.at/Sendungen/Sprache-Wurzeln-Sterne

https://www.facebook.com/moderationgrill/

http://monikagrill.com/

Fotocredit © Hannes Pacheiner, Villach

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Bleiburg ist bereits traditionell im Spätherbst der Mittelpunkt des Literaturgeschehens

Literaturwettbewerb Bleiburg 2017 / literarni natečaj Pliberk 2017

Zum 8. Mal wurde in Bleiburg der zweisprachige Literaturwettbewerb Kärnten wortwörtlich/Koroška v besedi ausgelobt. Seit 2010 bewährt sich diese ambitionierte Kulturinitiative der Stadtgemeinde Bleiburg/Pliberk zur Förderung der Literatur in beiden Kärntner Landessprachen Deutsch und Slowenisch und über die Grenzen hinweg (Slowenien und Deutschland). Eva M. Verhnjak-Pikalo, Initiatorin und Leiterin des Organisationsteams, freut sich über immer mehr Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Auch Autoren und Autorinnen, die nicht aus der Region oder nicht aus Kärnten stammen, reichen vermehrt ein.
Themeneinschränkungen gibt es keine, daher eine Vielzahl von differenzierten Ansätzen und Schilderungen lyrischer Art und als Prosatexte.
Im Rahmen des Tages der Offenen Tür im Werner Berg Museum Bleiburg/Pliberk fand am 29. Oktober 2017 um 11 Uhr die feierlich gestaltete Preisverleihung an die Gewinner des Literaturwettbewerbes  statt.
Eine Fachjury hat in einer langen Sitzung anhand der 54 eingereichten Texte eine Bewertung vorgenommen (Vorsitz Lyrik Deutsch Ilse Gerhardt, Obfrau IG Autorinnen Autoren Kärnten, Vorsitz Prosa Deutsch Gabriele Russwurm-Biro, Präsidentin des Kärntner SchriftstellerInnen-Verband und Vorsitz slowenische Lyrik und Prosa Matija Rihter):

Gewinner/zmagovalci:
 
1. Platz/mesto – Lyrik Deutsch / lirika v nemškem jeziku – 
Wolfgang Oertl
 
1. Platz/mesto – Prosa Deutsch / proza v nemškem jeziku – 
Stefan Feinig
 

1. Platz/mesto – Lyrik Slowenisch / lirika v slovenskem jeziku – 
Ramiz Velagić
 
1. Platz/mesto – Prosa Slowenisch / proza v slovenskem jeziku – 
Martina Podričnik
 
 
Jurybegründung und Laudatio für Platz 1 Stefan Feinig/ Prosa Deutsch von Jurorin Gabriele Russwurm-Biro:
„Die gefährlichste Störung, an der man heutzutage so leiden kann“, ist es, arbeitslos zu sein.Frustration in einem krankhaften Gesellschaftssystem. Versager sein. Auswegloses Warten im Arbeitsamt. Warten bis man aufgerufen wird – man ist nur eine Nummer im System. Die Nummer 400. Das ist das Thema dieser ausdrucksstarken Milieustudie von Stefan Feinig.
„Das Leben ist Scheiße“, und das merkt man in der Warteschlange. Enttäusche Hoffnungen, das Ringen um einen Job und Geld, um einen Platz in der Gesellschaft.
Man ist nicht allein, trotzdem sind alle Einzelkämpfer, der Ausschuss der Menschheit im Wartesaal des AMS. Stefan Feinig stellt seine bedrückende Schilderung in eine strenge literarische Form und lässt die Zahl 400 zum rhythmisierenden und durch immerwährende Wiederholungen zum bedrohlichen Korsett werden – auch oder gerade im Textbild. Extrem kurze Sätze akzentuieren die losen Handlungsfolgen, Dialogfetzen zwischen Menschen, die alle in der selben verzweifelten Situation im Wartesaal sitzen.
Die Sprache Stefan Feinigs ist bewusst realistisch und milieubezogen gewählt, wird teilweise bedrohlich eingesetzt und bildet aggressiv die verzweifelte Emotionalität und jene bedrückende Realität ab, die sich an Wochentagen von 8 – 13:00 Uhr in jeder AMS Filiale in Österreich zuträgt.
Diese Sprache ist demnach an der Situation gemessen adäquat.
Gefühle wie Hass, Aggression, Neid, Mitleid kommen im Text vor, alle im Kontext der Verzweiflung. Wer von uns das schon erlebt hat, kann mitfühlen, kann bestätigen und bedrückt nicken. Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack.
Als Pflichtlektüre empfohlen für Sozialpolitiker und all jene etablierten Mitmenschen, die meinen, Arbeitslose wären bloß Schmarotzer und arbeitsscheu; und müssten daher aus der Wohlstandsgesellschaft wegrationalisiert werden“.

Nominierte/nominirani:
 
Lyrik Deutsch / lirika v nemškem jeziku:
Sigune Schnabel
Anneliese Merkač-Hauser
Anita Wiegele
 
Prosa Deutsch / proza v nemškem jeziku:
Sieglind Demus
Maria Matheusch
 
Lyrik Slowenisch / lirika v slovenskem jeziku:
Lidija Golc
Štefan Šumah
 
Prosa Slowenisch / proza v slovenskem jeziku:
Anja Mugerli
Milojka B. Komprej

Im Rahmen der Preisverleihung im Werner Berg Museum Bleiburg/Pliberk lasen die GewinnerInnen ihre Texte, begeisterten das zahlreich erschienene Publikum und konnten die Preise entgegennehmen.
V okviru prireditve so nagrajenci/nagrajenke prebrali na prvo mesto uvrščena besedila iz področja lirike ter proze v nemškem ter slovenskem jeziku.
 
Für die musikalische Umrahmung sorgte Arthur Ottowitz auf seiner Mundharmonika.
Z glasbo je Arthur Ottowitz zaokrožil prireditev literarnega natečaja.
 
Moderator Raimund Grilc konnte als Ehrengäste u.a. StR Markus Trampusch sowie Michael Jernej seitens der Raiffeisenbank Bleiburg begrüßen.
Kot častne goste je moderator Raimund Grilc pozdravil mestnega svetnika Markusa Trampuscha ter Michaela Jerneja s strani Raiffeisenbank Bleiburg.
 
Die Beiträge der Sieger und Siegerinnen kann man auf der Website der Stadtgemeinde Bleiburg nachlesen:
http://www.bleiburg.gv.at/kulturundtourismus/literaturwettbewerb.html

Foto der Sieger und Siegerinnen © Katja Podgornik/Stadtgemeinde Beliburg

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