Wir werden wie Crusoe

Gastbeitrag von Peter Wawerzynek aus der roten Zone in Rom

Alle Räder stehen still, weil Corona es so will. Vor zwei Tagen sind wir noch ausgebüxt und ins Zentrum gelaufen, um die Leere am Trevi-Brunnen zu genießen. Vorbei: Herumstromern und Spazierengehen verboten. Demnächst wird das wohl auch in Deutschland per Dekret durchgesetzt werden. Die Völker Europas unterm Coronabogen. Überall die gleichen Gebote und Maßnahmen gegen das Virus als gemeinsamen Feind. Vorbei die Zeiten der festen Gewohnheiten. Man umarmt sich in Italien nicht mehr, hält einen Meter Abstand, knurrt und bellt, wenn jemand zu nahe kommt.

Wir Gäste der Villa Massimo sitzen in der roten Zone fest. Schneller als gedacht, beruhigen wir die Lieben daheim, wird es in ganz Deutschland wie hier in Rom zugehen. »VillArrest CoROMa« schreibe ich mit blutroter Tinte auf mein Tagebuch und notiere hinter den Mauern der Residenz, dass Bus oder Bahn nur noch fährt, wer das unbedingt muss. Der Rest läuft zu Fuß auf kürzestem Weg durch menschenleere Gegenden. Alle Läden, die nicht Lebensmittel verkaufen, sind dicht, auch Restaurants und Bars. Wir schleppen ein Papier mit uns herum: Name, Wohnort und zuständige Person für den Notfall. Auf Nachfrage der Polizei ist das zu zücken. Und man wird kontrolliert, muss mit Geldstrafen rechnen und damit, zum Zwangstest mitgenommen zu werden.

Alle, die für kürzere Besuche in der Villa waren, sind rechtzeitig vor Einstellung des Flugverkehrs abgereist. Die Angestellten arbeiten von zu Hause aus, ohne Verdienstausfall. Sie üben auf engstem Raum Familienleben. Nur die Chefin ist noch bei uns, als Kapitänin an Bord. Wir hocken in unseren Studios und waschen die Hände, um uns vor uns selbst zu schützen. Die ewige Stadt ist so fern. Einmal am Tag treffen wir Stipendiaten uns im Garten mit reichlich Abstand zueinander, um das Neuste zu besprechen. Es ist stiller geworden, sagt einer. Es fliegen deutlich weniger Verkehrsmaschinen, vielleicht bald keine mehr, über das Gelände der Villa hinweg. Nur noch dieser Hubschrauber da, der den Tag lang schon über uns kreist.

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Wir treffen uns jetzt täglich, sitzen beisammen, trinken Kaffee, essen Kuchen, Kekse, tauschen Neuigkeiten aus. Es ist keine Pflicht, aber gut, um zu sehen, wie die anderen so drauf sind, wer von uns nicht da ist, was los sein könnte. Gestern wurde mit viel Beifall jene Familie begrüßt, die nun nach vierzehn Tagen Quarantäne wieder unter uns weilen darf. Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Alles gut verlaufen. Einkauf und sonstige Besorgungen wurden durch andere Stipendiaten perfekt abgewickelt. Es hat ihnen an nichts gefehlt, außer eben an Spaziergängen hinaus, in die Parks, durch Straßen und Gassen, zu Plätzen und Freunden, solche Sachen eben.

Der Vater sagt, er habe als Komponist eine überaus glückliche Phase erlebt, so ungestört, ganz wunderbar komponieren können. Die Ideen, die ihm gekommen seien – unersetzbar. Um einiges kostbarer und enger schien ihm das Familienleben abzulaufen. Die Gelassenheit, die sie umfing. Ob wir es mitbekommen hätten, mittags, zwölf Uhr? Was denn nur? Die Römer auf ihren Balkons, auf die sie hinaustreten und sofort zu singen beginnen. »Azzurro!« Wär’s doch das ganze Jahr lang so, Sommer mit blauem Himmel, müsste man sich nicht so plagen, hätte genug Freizeit, um beieinander zu sein. Könnt’ ich in aller Ruhe und voll Erwartung mich auf dich freuen! »Azzurro« – das ist in jenem Moment die Welt für alle Sänger, die in den letzten Tagen gemerkt haben, wie schlimm es für sie ist, nicht bei den Lieben zu sein. Nur Anrufe, Mails, Wünsche, Sehnen, Hoffen, Daumendrücken.

Wir haben uns den Text des Liedes ausgedruckt und sind, weil es sich bis zu uns herumgesprochen hat, dass noch einmal gesungen wird, um achtzehn Uhr auf dem Balkon der Chefin der Villa zusammengekommen, haben laut und befreit gesungen. Ich träume von langen Ferien mit weiten Reisen irgendwo hin, mit nur einem Koffer, Pyjamas und genügend Geld darin. Doch bis das wieder wahr wird, wollen wir froh und glücklich beisammen die harten Prüfungen in Balkonien verbringen.

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Wir leben und arbeiten hier in zehn Studios. Etwas entfernt von uns steht das schmale Haupthaus, in ihm sind die Büros, und in besseren Zeiten wirbeln hier zig Mitarbeiter herum. Lieferanten, Kurzbesucher, Gäste, Römer, Ehemalige, Haushandwerker, Gärtner gehen ein und aus. Jetzt nicht mehr. Jetzt gibt es dort nur noch einen Praktikanten, den Mann für alles und die Chefin.

Die Bewohnerin von Studio Nummer eins war zu der Zeit, als Italien gesperrt wurde, in Berlin. Sie meint, Anfang April wieder bei uns zu sein. Wir lassen sie in diesem irren Glauben. Wir haben uns aus ihrem Kühlschrank bedient, ihre Pflanzen zu uns genommen. Die zwei von Nummer fünf sind gestern in aller Herrgottsfrühe mit ihren Fahrrädern ins leere Rom geradelt, angezogen wie Sportler beim Training, zur Tarnung. Sie wurden zeitweise von fünf Polizisten begleitet. Was sie uns von der entvölkerten Metropole zu berichten hätten, wollen wir wissen. Alles sehr gespenstisch, die touristischen Stätten verwaist, nur noch Obdachlose in den Straßen, sonst niemand weiter zu sehen. Ob sie ihre Dokumente vorzeigen mussten? Name, Geburtsort, Herkunftsland, Wohnort in Rom, Telefonnummern, Mailadresse, erreichbare Kontaktpersonen. Mussten sie nicht, hatten sie aber brav dabei, wie wir alle, von der Deutschen Botschaft dazu verdonnert.

Einkaufen dürfen wir, aber immer nur eine Person und in der nächstliegenden Einrichtung. Andrea und ich sind trotzdem zu zweit los und statt dessen in den nahen Markt gegangen. Solange er noch geöffnet hat. Unendlich viel Zeit damit zugebracht, in einer superlangen Schlange in Riesenabständen zu stehen. Glück für uns, die kleine Markthalle. Polizei und Aufpasser auch dort allgegenwärtig. Gehen richtig dazwischen, fordern die Leute auf, Abstand zu halten. Am Stand die Nummer ziehen, nichts anfassen, nur drauf zeigen, sich vom Personal bedienen lassen.

Am Abend haben wir dann ein Essen gegeben, den Praktikanten aus Nummer drei, den Komponisten aus Nummer vier und die Nummer fünf ebenfalls eingeladen, weil sie allein in ihren Studios hocken, im Vergleich zu uns die härteren Lebensprüfungen durchstehen müssen. Es gab Kohlrouladen, für die Vegetarier Linsensuppe mit Ingwer. Wir haben über alles gesprochen, auch darüber, wie es danach sein wird. Einhellige Zustimmung erhielt ich für den Satz: Es gibt kein nach Corona, weil es kein vor Corona gegeben hat.

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Ich schicke E-Mails herum, an Freunde, Bekannte, Verwandte, Kollegen. Sie sagen, ich hielte mich im goldenen Käfig auf, Umstände und Bedingungen seien bestens für mich, genügend Zeit da zu schreiben. Das alles mit Blick auf Bäume. Sie dagegen könnten es sich nicht so gutgehen lassen und fürchten, dass die Menschen recht bald durchzudrehen begännen.

Unser Mann für alles geht jeden Tag hinaus, um die Zeitungen zu holen. Ich lese sie, wie all die Tage vorher auch schon, im Raum neben seinem Büro. Er sagt, es werde für ihn immer unerträglicher, die Römer in Gummihandschuhen und mit diesen Binden im Gesicht zu sehen. Manche zu groß, andere verkehrt herum umgebunden, mit verdrehten und über Kreuz gelegten Bändern, die ihre Ohren wie bei jungen Hunden nach vorne knicken. Die sonst so lustigen, verquasselten Italiener, jetzt stehen sie meterweit auseinander vor den Lebensmittelzentren und wirken so deprimiert. So langsam sickert die Erkenntnis durch, dass alles noch sehr viel länger dauern wird. Für die Kinder ist Schule in der Familie daheim. Kaum Zeit dafür vorhanden, sich aufeinander einzuspielen. Haufenweise Probleme, und man kann sich nicht aus dem Wege gehen. Schon steigen die Scheidungsraten weltweit an. Wie soll das alles nur enden?

Ich möchte wissen, was zu Hause los ist. Ich frage bei meinem Verlag an, wie es so zugeht, wenn Buchhandlungen schließen, die Vertreter nicht mehr herumreisen, von ihren Schreibtischen aus virtuell arbeiten müssen. Weil doch mein Leben hier in der Quarantäne-Villa in gewohnten Bahnen abläuft. Alles wie gehabt. Ich wache auf, schreibe drauflos, halte Mittag, lese Erich Mühsams Gefängnistagebücher, lege mich kurz hin, arbeite weiter. Schon ist es Abend. Wir kommen auf der großen Terrasse zusammen, singen Balkonlieder, tauschen Neuigkeiten aus. Das funktioniert und erinnert alles doch eher an Zoogehege, nur eben ohne Besucher. Letzte Nachricht. Roms Spanische Treppe wird für Filmaufnahmen in England nachgebaut, was schon eine teure Sache ist, aber deutlich günstiger, als die Arbeit auf Monate zu verschieben. So einfach geht das.

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Um es einmal deutlich auszudrücken, und ich spreche da sicherlich im Namen aller Anwesenden, wir sind unter uns und in der Villa Massimo gut aufgehoben. Mitten in Rom leben wir abgeschottet von der Stadt. Wir bekommen weiterhin die Stipendien ausgezahlt. Wir können arbeiten und uns auf dem Gelände frei bewegen. Wir halten untereinander solidarischen Kontakt. Jeden Tag werden wir über aktuellste Entwicklungen informiert. Heute war die Familienzusammenführung das große Thema. Zwei Stipendiaten möchten in diesen Zeiten lieber mit ihren Lebenspartnern zusammen sein. Ob es Einwände gibt, wurden wir reihum gefragt. Natürlich sprachen sich alle dafür aus. Und so werden sie also demnächst zu uns stoßen und unter Wahrung der üblichen Sicherheitsgebote mit uns unter einem Dach wohnen.

Wie sich die Dinge entwickeln werden, kann man nicht sagen. Termine werden verschoben, immer wieder sehen wir unsere Vorhersagen von unerwarteten Vorgängen ad absurdum geführt und als hinfällig entkräftet. Die Realität übertrifft sich selbst. Die Amerikanische Akademie, heißt es im Garten der Villa, schickt ihre Stipendiaten nach Hause. Betroffenes Schweigen am großen Tisch. Unsere Aufenthaltsdauer endet in gut drei Monaten. Dann fahren wir nach Hause, und die Villa bereitet sich auf die Neuen vor. Was aber, wenn es, wie so oft, wieder ganz anders kommt? Wenn die Neuen nicht nach Rom einreisen dürfen, man uns einfach nicht aus Italien rauslassen will?

Unsere Vorhaben für die nahe Zukunft werden zu Papier und von der Realität geschreddert. Niemand von uns will absichtlich den Teufel an die Wand malen, doch der Rotstift, mit dem unsere Pläne, Ziele, Absichten durchkreuzt werden, ist der, mit dem man Beelzebub die Hörner pinselt. Je intensiver ich mich so hineinsteigere, desto seltsamer erscheint mir der Anfang meines gerade geschriebenen Textes. Um es einmal deutlich auszudrücken, und ich spreche da sicherlich im Namen aller Anwesenden, wir sind unter uns und in der Villa Massimo gut aufgehoben.

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Die Leinwand ist unser neuester Einfall. Am Abend laufen die ersten Tests. Danach wird sie oberhalb der langen Terrasse aufgebaut, gesichert und bespielt. Wir haben einen super Platz ausgesucht – sehr weit einsehbar. Für maximal eine halbe Stunde präsentieren wir uns nacheinander auf dieser Schauwand, damit die Leute sehen, was wir so tun. Nummer fünf würde die Leinwand am liebsten live bemalen, Nummer zwei ein Sinfonieorchester auftreten lassen oder am Flügel ein Solokonzert geben. Das Piano über die hellen Kieselsteine dorthinzuwuchten ist allerdings schier unmöglich. Dann also doch eher Maul- oder Blechtrommel, Mundharmonika und Blockflöte. Ich selbst würde die Kieselsteinteppiche auf den Wegen auf unserem Villagelände zu gern zerstören. Juckt mich schon lange in den Fingern. Mit den Stöcken, die der Sohn des Komponisten, Paul, gesammelt hat. Die eignen sich bestens dafür, richtige Wäschestangen sind das. Oder gleich mit dem Spaten brutale Furchen ziehen, so richtig wüten und mich dabei filmen lassen. Dem Frust freien Lauf lassen. Vielleicht werde ich auch einen Text hinlegen. So eine Art Aufruf, Hilfeschrei, Slogan, der meiner wilden Spontanaktion Sinn verleiht. Die einen lachen über meine Idee, die anderen fragen, was bitte die Kieselsteine dafür können. Ich mache die War-nur-so-ein-Gedanke-Geste. Wir sind hier schließlich für unbestimmte Zeit aufeinander angewiesen, sitzen alle im selben Boot und treiben hoffentlich nicht auf dem Coronazonas einem Wasserfall entgegen. Die Leinwand ist unsere Funkstation, vielleicht sollte ich ein letztes SOS senden? Und obwohl ich selbst dazugehöre, unterschreibe ich statt dessen Hilfsaufrufe für bedrohte Kollegen. Eine Mail stimmt mich richtig froh. Mein Verlag will mir ein Buchpaket nach Rom schicken. Na endlich, denke ich, so langsam schnallen die in Berlin, worum es geht.

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Jeder Tag ein Sonntag. Wie auf dem Lande. Keine Autos zu hören, die deine Ruhe stören. Herrlicher Sonnenschein, beinahe Windstille. Was uns nicht erspart bleibt, ist der über allem kreisende Hubschrauber. Taucht unvermittelt auf, ist bedrohlich lange da und verschwindet übelgelaunt wie ein erhobener Lehrerzeigefinger. Zwei Kinder sind in der uns auferlegten Idylle unser einziges Unterhaltungsprogramm. Sie fühlen sich völlig unbeobachtet, kichern sorglos. Sie streiten sich kurz, vertragen sich rasch, lachen, summen und toben auf irgendeinem Balkon. Die Bäume davor sorgen dafür, dass wir sie nicht sehen, nur als tolles Hörerlebnis wahrnehmen.

Am Abend dann sind wir bereit, das Lied des Tages mitzusingen. Achtzehn Uhr verstreicht. Nicht ein Mucks. Es ist so seltsam wie unerhört. Sie singen nicht mehr von ihren Balkonen. Fragt man sich prompt, was mag der Grund dafür sein? Ist jemand gestorben, etwas passiert, wovon wir nichts wissen, oder wird im Block gegenüber unter den Anwohnern ein Ereignis begangen, das Schweigen gebietet? Sind sie alle weggezogen, die Häuser verwaist, und nur wir haben es noch nicht bemerkt? Wir lassen das Abendlied aus unserer Box halblaut erschallen und sitzen verloren in der Gegend herum. Auch später ist kein Mucks von draußen zu hören, nicht ein zaghafter Sangeston. Einzig das dumpfe Brummen einer wuchtigen Flugmaschine mit vier Propellern. Der fliegende Ruhestörer ähnelt einem dieser Rosinenbomber damals in Berlin. Geschichtswissen. Luftbrückenversorgung und so.

Wir gehen wortkarg auseinander und jeder für sich die eigenen Dinge an. Wer in der Nacht erwacht, den erschreckt die Stille. Du trittst zur Tür hinaus und empfängst sie mit süßer Schärfe. Die Disco von nebenan hat ausgedient, statt dessen Grabesstille. Bis endlich ein einzelnes Fahrzeug die Lautlosigkeit stört, durch sie hindurch fährt. Du atmest auf und legst dich wieder hin. Die Fenster offen, freust du dich auf das Zwitschern der frühen Vögel, die irgendwie lebhafter als üblich zu Werke gehen.

Entwurf

Der Aufenthalt auf dem Villagelände nimmt Züge von Inselleben an, wird zur Robinsonade. Im sicheren Fort hinter Palisaden erklimmen wir ab und an den Hügel und schauen durchs Fernrohr. Da ist nichts weiter zu erspähen, als die beiden trügerischen Blaus von Wasser und Himmel. Der kurze Gang zum Supermarkt ist unser Strandbesuch. Jeder darf für kurz in die Gegend stieren, niemand baden, sich sonnen, nichts. Und blinkte am Horizon ein Segel, so keimte bei allen die Hoffnung auf, es werde gleich Schluss sein, man selber heimgeholt. Der treue Papagei hockt einem jeden auf der Seele und hört längst nicht mehr auf den Namen Freitag. Er will Incertezza (Ungewissheit) gerufen werden. Und obendrein ist noch Frühlingsanfang. Viele Möwen fliegen frei herum, scheißen uns mit neusten Nachrichten zu. Vermengt mit sich widersprechenden Gerüchten und Vermutungen prasseln Exkremente auf uns ein, die ausreichen würden, eine ganze Zeitung zu füllen. Wir müssen kühlen Kopf bewahren und setzen auf Normalität. Wir haben den Umstand zu ignorieren, dass wir Gestrandete und gefangen sind, nicht abhauen können. Also begnügen wir uns mit täglicher Routine, um uns von diesem Fakt abzulenken. Zum Tagesablauf gehört, dass wir uns regelmäßig treffen und Informationen zur Infektion austauschen. Nummer sieben traut sich nicht mehr zum Einkaufen hinaus. Das erledigen wir für sie. Die Reinigungsfrauen, heißt es, werden gestern das letzte Mal hier gewesen sein. Das macht uns alle deutlich Crusoer als so schon. Noch habe ich keine Angst vor meinem Spiegelbild. Noch denke ich nicht von ihm, es könnte mich anstecken, wenn wir uns nahekommen. Doch ab und an erwische ich mich dabei, Augenfarbe und Hautbeschaffenheit zu überprüfen, ob schon Anzeichen auszumachen sind, die vielleicht eine Sonderform von Ansteckung darstellen. Ich finde natürlich nichts und attestiere mir weder Fieber, noch bedenkliches Kratzen im Hals. Da ist nur dieses seltsam optimistische Lächeln in meinem Gesicht, von dem ich häufiger meine, es wäre aufgesetzt, soll mich täuschen und in Sicherheit wiegen. Schon springt dieser Geistesblitz von meinem Spiegelbild aus auf mich über. Ich weiß nicht mehr zu sagen, wer von uns beiden das Sagen hat. Mag sein, das alles rührt vom Film Joker her, den wir uns in der Nacht angesehen haben. Da weiß man ja auch nie genau, was Einbildung ist und Wirklichkeit. Solch ein irrer Wechsel von Realität zu Wahnvorstellung und retour bestimmt allmählich auch unser Leben hier, möchte ich sagen, nur drückt eine dritte Hand mir hinterrücks den Mund zu.

Ausführung

Der Aufenthalt auf dem Villagelände hat etwas von Inselleben, wird zur Robinsonade. Hinter Palisaden erklimmen wir ab und an den Hügel und schauen durchs Fernrohr. Da ist nichts weiter zu erspähen, als die beiden trügerischen Blaus von Wasser und Himmel. Der kurze Gang zum Supermarkt ist unser Strandbesuch. Jeder darf für kurz in die Gegend stieren, niemand baden, sich sonnen, nichts. Und blinkte am Horizont ein Segel, so keimte bei allen die Hoffnung auf, es werde gleich Schluss sein, man werde heimgeholt. Der treue Papagei hockt einem jeden auf der Seele und hört längst nicht mehr auf den Namen Freitag. Er will Incertezza (Ungewissheit) gerufen werden.

Obendrein ist noch Frühlingsanfang. Viele Möwen fliegen frei herum, scheißen uns mit neusten Nachrichten zu. Vermengt mit sich widersprechenden Gerüchten und Vermutungen prasseln Exkremente auf uns ein, die ausreichen würden, eine ganze Zeitung zu füllen. Wir müssen kühlen Kopf bewahren und setzen auf Normalität. Wir haben den Umstand zu ignorieren, dass wir Gestrandete und gefangen sind, nicht abhauen können. Also begnügen wir uns mit täglicher Routine, um uns abzulenken. Zum Tagesablauf gehört, dass wir uns regelmäßig treffen und Informationen austauschen. Nummer sieben traut sich nicht mehr zum Einkaufen hinaus. Das erledigen wir für sie. Die Reinigungsfrauen, heißt es, werden gestern das letzte Mal hier gewesen sein. Wir werden wie Crusoe. Noch habe ich keine Angst vor meinem Spiegelbild. Noch denke ich nicht, es könnte mich anstecken, wenn wir uns zu nahe kommen.

Doch ab und an erwische ich mich dabei, Augen und Hautbeschaffenheit zu überprüfen, ob schon Anzeichen einer Ansteckung auszumachen sind. Ich finde natürlich nichts und habe weder Fieber noch bedenkliches Kratzen im Hals. Da ist nur dieses seltsam optimistische Lächeln in meinem Gesicht, von dem ich häufiger meine, es wäre aufgesetzt – es soll mich täuschen und in Sicherheit wiegen. Ich weiß nicht mehr zu sagen, wer von uns beiden das Sagen hat. Mag sein, diese Gedanken rühren vom Film »Joker« her, den wir uns in der Nacht angesehen haben. Bei dem weiß man ja auch nie genau, was Einbildung ist und was Wirklichkeit. Solch ein irrer Wechsel bestimmt allmählich auch unser Leben hier, möchte ich sagen. Nur drückt eine dritte Hand mir hinterrücks den Mund zu.

©Peter Wawerzynek, derzeit auf einem Literaturstipendium in der Villa Massimo in Rom.

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