Die Vielfalt der Kunst – und die der Rolle der Frau

Gastbeitrag von Marlies Karner-Taxer, Obfrau der 2017 neu ins Leben gerufenen Kulturinitiaive text:art, die sich zur Aufgabe gestellt hat, Künstler*innen mit Doppelbegabungen der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Wer sich weder von dem drohenden Gewitter und der dadurch bedingten drückenden Schwüle, noch von gesperrten Brücken und großen Umwegen sowie rundum stattfindenden Sonnwendfeiern abhalten ließ, erlebte in der Villacher AHA-Seniorenresidenz Draupark zur Sommersonnenwende einen Abend von besonders emotionaler Dichte.

Die Kulturinitiative text:art lud auch dieses Mal Autor*innen mit Mehrfachbegabung ein. Sie setzten sich mit dem Thema „Die Rolle der Frau“ auseinander, und ohne sich abgesprochen zu haben, waren Freiheit und Selbstbestimmung bei allen Künstler*innen die übergeordneten Themen.

Martina Kircher beschrieb in ihrem bedruckenden Essay „Brandmale“ die vielen Selbstmordversuche einer älteren Frau, führte vor Augen, was ein stiller, verzweifelter Mensch alles unternimmt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Führte zur Frage, was wohl einen Menschen so schwer belasten kann, sich immer wieder das Leben nehmen zu wollen?

Die mündlich erzählte Geschichte „Das Mädchen ohne Hände“ handelte vom Einschränken der Rechte der Frau. Der Mann, der Vater, bestimmte, was zu sein hat, seine Selbstsucht führte zu Verstümmelung, Wegweisung und dennoch wieder zu Lebensfreude. Denn Märchen gehen immer gut aus. Dass der jungen Frau durch das Wachsen ihres Kindes auch die eigenen Hände wieder nachwuchsen ist als Metapher zu verstehen: Auch wenn uns Frauen etwas abgehackt wurde – es kann wieder nachwachsen.

Für die Villacher Naturpädagogin und Kärntens einzige Märchenerzählerin ist das mündliche Erzählen die älteste Form der Wissensvermittlung, eine intensive Begegnung mit dem Publikum und ein gemeinsames Eintauchen in eine andere Welt.

Ihre Bilder stellen die sieben Archetypen der Frau im Märchen dar. Die dabei verwendeten Flechten, Blätter und auch Rosshaar erzeugen 3D-Wirkung und schließen den Kreis der Talente der Künstlerin.

Anneliese Merkač-Hauser umrahmte den Abend am Klavier mit F. Schubert, J. S. Bach, Denes Agay, Joaquin Turina und Gerald Martin. Einfühlsam, dann wieder mächtig, im Finale sehr schwungvoll, bot sie beeindruckendes Können. Musizieren bedeutet für sie Empathie für die Welt, Nähe, nachfühlen, neu schöpfen; eintauchen in und neu schaffen von menschlichen Universen.
Die feine Lyrik der Autorin war kompakt, sehr gut beobachtend und meisterlich auf den Punkt gebracht. Ihr Ansatz, Intention, Gedanken, Gefühle, Zustände in neuen Sprachbildern möglichst konzentriert zu verdichten, war ihr – diesmal besonders über Frauen und deren Umfeld – sehr gelungen.

Moderatorin Karin Prucha (text:art-Vorstand) bedauerte im Interview, dass die Musikpädagogin erst so spät zum Schreiben kam, denn es könnte bereits viel mehr Gedichte der Autorin geben.
Das Leben führt uns zum richtigen Zeitpunkt zum richtigen Ort.

Anita Wiegele stellte an diesem Abend ihre „Kopfverklebung“ vor.
Der Kopf als Behältnis, das geschützt, eingehüllt, abgeschirmt wird, und doch sollte sein Inhalt verletzt, ja ausgelöscht werden, um Raum zu schaffen für das Neue, das Ungeborene, mit neuer Leichtigkeit zu ertragende Zukünftige.
Die dabei entstandene Skulptur wurde in der Entstehung fotografiert, diese Bilder führten zu Texten, beides zu einem Buch sowie einer Performance. In einer szenischen Lesung mit Alfred Woschitz – dem einzigen Mann auf der Bühne – gab die Künstlerin ihrem Empfinden Ausdruck.

Bei den ausgestellten Bildern war die Linie vorherrschend, denn diese bestimmt das Schaffen Wiegeles. „Durch ihre konsequente künstlerische Weiterentwicklung hat sie den Zwang eines ästhetischen Gefallenwollens hinter sich gelassen und vertraut auf die Kraft ihrer großen Leidenschaft“ (Barbara Rapp, 2012).
Und die Leidenschaft ist es, die Anita Wiegele beflügelt.

Ein abgerundeter Abend, wie ein Wiener Ehepaar, das in der Villacher Therme zur Kur weilte, im Gespräch mit Marlies Karner-Taxer (text:art-Vorstand) beschrieb: „Wenn wir gewusst hätten, was für ein besonderer Abend das wird, hätten wir einen Bus voll Leute aus der Therme mitgebracht.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer der Hinweis, die nächste Veranstaltung von text:art im Herbst 2018 nicht zu versäumen.

mkt2018

Karin Prucha als Moderatorin

Anneliese Merkac-Hauser
Martina Kircher
Anita Wiegele und Alfred Woschitz

alle Fotos © MKT/tex:art 2018

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