Die COVID-19 Krise aus einer Global Citizenship Perspektive

Gastbeitrag von Werner Wintersteiner

Die Natur beherrschen? Der Mensch ist noch nicht einmal in der Lage, seine eigene Natur unter Kontrolle zu haben, deren Narrheit ihn dazu treibt, die Natur zu beherrschen und dabei die Beherrschung seiner selbst zu verlieren. […] Er kann Viren vernichten, doch ist er neuen Viren gegenüber machtlos, sie widerstehen seinen Zerstörungsversuchen, verwandeln und erneuern sich … Selbst bezüglich der Bakterien und Viren muß er mit dem Leben und mit der Natur verhandeln und wird das auch weiterhin müssen. (Edgar Morin)1 

Das Virus führt uns den Zustand der Welt vor Augen. (Steve McQueen)2

______________________________________________________________________________

Mit dem nationalen Tunnelblick 

Eine Global Citizenship Perspektive einzunehmen – das meint nicht den allumfassenden „Weltbürgerstandpunkt“, den gibt es nämlich gar nicht, sondern es bedeutet, über den nationalen Denkrahmen hinaus die Verbindungen und Verflechtungen wahrzunehmen und dem „Reflex“ des Nationalismus, des Lokalpatriotismus und des Gruppenegoismus zumindest bei der Wahrnehmung Widerstand zu leisten. Es bedeutet ferner, auch beim Urteilen und Handeln die Haltung „America first, Europe first, Austria first usw.“ zu überwinden und sich an der Leitidee der globalen Gerechtigkeit zu orientieren. Das wird nur ansatzweise gelingen, und auch nur durch permanente Selbstbeobachtung und selbstkritisches Überschreiten des vorherrschenden eurozentrischen Denkrahmens. 

Dass das noch nie leicht war, dazu eine literarische Illustration – das Theaterstück Der Weltuntergang (1936) des österreichischen Dichters Jura Soyfer. Vor dem Hintergrund des Aufstiegs des Nationalsozialismus zeichnet er ein Szenario der absoluten Bedrohlung – nämlich die Gefahr der Auslöschung der Menschheit. Doch wie reagieren die Menschen? Es lassen sich drei Phasen ablesen: Die erste Reaktion ist Leugnung, dann kommt die Panik, und schließlich eine (wenig rationale) Aktivität um jeden Preis.3 Zunächst glauben die Politiker den Warnungen der Wissenschaft nicht. Als sich die Katastrophe aber unleugbar nähert, ist keinerlei Solidarität zu bemerken, um gemeinsam die Gefahr vielleicht doch noch abzuwenden. Weder zwischen den Staaten, noch innerhalb der einzelnen Gesellschaften. Vielmehr schlagen die Reichsten noch einmal Profit aus der Situation, in dem sie eine „Weltuntergangsanleihe“ auflegen und in ein sündteures Raumschiff investieren, um sich individuell zu retten. Das Stück ist ein indirekter, aber sehr eindringlicher Appell an die globale Solidarität. 

Heute ist natürlich alles ganz anders. Die COVID-19 Krise ist kein Weltuntergang, und nicht nur in Österreich ist die Regierung bemüht, die Auswirkungen sozial und was die Generationen betrifft halbwegs gerecht abzufedern und alle Maßnahmen zu ergreifen, die geboten scheinen, um die Ausbreitung des Virus so weit zu verlangsamen, dass inzwischen Gegenkräfte aufgebaut werden können. Es wäre hochmütig und verfehlt, an jedem einzelnen Schritt der Regierung beckmesserische Kritik zu üben oder sich von einem Generalverdacht gegen „die da oben“ leiten zu lassen. Allerdings dürfen wir gerade in einer Ausnahmesituation wie dieser nicht gänzlich in der Bewältigung des Alltags aufgehen, sondern wir brauchen mehr denn je das kritische Beobachten und das kritische Denken.4 

Wir können uns zum Beispiel fragen: Ist wirklich alles ganz anders als im Stück von Jura Soyfer? Kennen wir die Verhaltensweisen, die der Dichter schildert – Leugnung, Panik, Aktionismus – nicht bereits von der Klimakrise? Wiederholen wir nun manchen Fehler, der bislang verhindert hat, dass wir den Klimawandel wirksam eindämmen? Vor allem: Wo bleibt die Solidarität der viel beschworenen „irdischen Schicksalsgemeinschaft“? 

Denn eines ist klar. Das Virus verbreitet sich global, und seine Bekämpfung würde globale Anstrengungen auf vielen Ebenen erfordern. Doch die Staaten reagieren weitgehend national. Schlimmer noch: Immer wieder siegt die (nationalistische) Ideologie über die Vernunft, manchmal selbst über die beschränkte ökonomische Vernunft. 

______________________________________________________________________________

  • 1 Edgar Morin/Anne Brigitte Kern: Heimatland Erde. Wien: Promedia 1999, S. 200. 
  • 2 Steve McQueen: „Wir schießen uns ins eigene Knie“. Im Gespräch mit Ivona Jelćić. In: Der Standard, 20. 3. 2020, S. 19. 
  • 3 Vgl. dazu auch den Hinweis auf den Soziologen Philipp Strong, der ganz ähnliche Verhaltensweisen in Krisen diagnostiziert hat, in: https://www.wired.com/story/opinion-we-should-deescalate-the-war-on-the-coronavirus/ 
  • 4 Gerade hat dazu zum Beispiel eine „Initiative Coview-19“ die Arbeit aufgenommen. 
  • 5 https://www.politico.com/news/2020/03/18/trump-pandemic-drumbeat-coronavirus-135392 
  • 6 Einen globalen Gesamtüberblick findet man in der NZZ vom 19. 3. 2020: https://www.nzz.ch/wissenschaft/coronavirus-weltweit-die-neusten-entwicklungen-nzz-ld.1534367 

____________________________________________________________________________

Ein „chinesisches Virus“? 

Der enge (nationale oder eurozentrische) Blick ist schon bei der Wahrnehmung des Problems selbst bemerkbar. Wochenlang, wenn nicht monatelang haben wir die Corona-Epidemie beobachten können, aber wir haben sie als chinesische Angelegenheit wahrgenommen, die uns nur peripher betrifft. Präsident Trump spricht heute noch ganz gezielt vom „Chinese Virus“, nachdem er es ursprünglich als „foreign virus“ tituliert hatte.5 Und erinnern wir uns an die ersten „Erklärungen“ für den Ausbruch der Krankheit – die fragwürdigen Essgewohnheiten der Chinesen und die schlechten sanitären Bedingungen auf den Wildmärkten. Der moralisierende und auch rassistische Unterton war nicht zu überhören. Erst als die Epidemie auf Italien übergesprungen ist, haben wir uns wieder erinnert, dass Globalisierung komplexe Verflechtung bedeutet – und eben nicht nur von Waren- und Kapitalströmen, sondern auch von Viren. Aber dass unsere Methoden der Massentierhaltung bereits mit einer gewissen Regelmäßigkeit Epidemien verursachen und eine noch wenig thematisierte, aber bereits jährlich tausendfach tödliche Resistenz von Bakterien gegen Antibiotika fördern, dass also unsere gesamte Lebensweise bestehende Risiken ins Globale steigert, das wollen wir auch jetzt noch nicht zur Kenntnis nehmen. 

„Rette sich, wer kann“ als Lösung? 

Leider hat sich gezeigt, was schon im Vorjahr anlässlich der erstmals wirklich weltweiten Diskussion über die Klimakrise zu bemerken war: Globale Gefährdungen bewirken nicht automatisch globale Solidarität. In jeder Krise reagieren wir prinzipiell, d.h. wenn wir nicht vorher andere Mechanismen aufgebaut haben, nicht nach dem Motto „zusammenhalten“, sondern nach der Maxime „Rette sich, wer kann, jede*r einzeln“. So ist es auch kein Wunder, dass die meisten Staaten Grenzschließungen als erste und probateste Maßnahme ansahen, um die Ausbreitung von Corona einzudämmen, ebenso wie die Bevorzugung der eigenen Landsleute bei Rücktransporten einer nationalistischen Logik folgt.6 Man wird sagen, dass Grenzschließungen eine vernünftige Entscheidung sind, denn die Gesundheitssysteme seien nun einmal national organisiert und es stehe auch gar kein anderes Instrumentarium zur Verfügung. Das ist richtig, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Wäre es, statt pauschaler Grenzsperren, nicht sinnvoller, betroffene „Regionen“ abzusperren, und zwar ausschließlich nach Maßgabe der gesundheitlichen Gefährdung, also durchaus auch grenzüberschreitend? Dass das derzeit nicht möglich ist, daran zeigt sich schließlich, wie unvollkommen unser internationales System ist. Wir haben globale Probleme erzeugt, aber keine Mechanismen für globale Lösungen. Es gibt die Weltgesundheitsorganisation WHO, aber sie hat nur sehr wenige Kompetenzen, ist finanziell von privaten Donors, darunter auch Pharmakonzernen, abhängig und ihre bisherige Rolle in der Corona-Krise ist umstritten. Und nicht einmal die Mitgliedstaaten der EU haben bisher ein funktionierendes gesamteuropäisches Gesundheitssystem aufbauen können. Deshalb reagieren wir wie bei der „Flüchtlingskrise“ – Abschottung. Aber es funktioniert halt bei einem Virus noch viel weniger als bei Menschen auf der Flucht. 

Der (nationale) Egoismus geht noch weiter. Ein besonderes Beispiel ist wohl der Fall der Tiroler Wintersportgebiete, vor allem Ischgl. Wie der Standard recherchiert hat, ist die Säumigkeit der Tiroler Tourismusindustrie und der Gesundheitsbehörden für dutzende Infektionen internationaler Skiurlauber*innen verantwortlich, was für einen Schneeballeffekt in etlichen Ländern sorgte. Trotz der Warnungen der Notärzt*innen, der isländischen Gesundheitsbehörden und des Robert-Koch-Instituts wurde weder der Skibetrieb sofort eingestellt noch wurden die Gäste in Ischgl isoliert. Standard Journalist Thomas Mayer ortet Gier und Systemmängel als Ursache für diese Katastrophe.7 „Man hat das Virus sehenden Auges aus Tirol in die Welt getragen. Es wäre überfällig, sich das einzugestehen und sich dafür zu entschuldigen“, meinte völlig zurecht ein Innsbrucker Hotelier.8 Er spricht damit vorbildlich die internationale Verantwortung Österreichs und damit die Idee der weltweiten Solidarität an. 

Wie negativ sich diese Haltung der nationalen Abschottung, die Österreich mitträgt, auf uns selbst auswirkt, ist in den Krisenwochen Mitte März 2020 sichtbar geworden: Das nach Protesten wieder aufgehobene deutsche Ausfuhrverbot für medizinisches Equipment hat eine Woche lang verhindert, dass dringend benötigtes und bereits bezahltes Material nach Österreich importiert werden darf.9 Diese mangelnde auch nur europäische Solidarität wurde in einer Schlagzeile so auf den Punkt gebracht: „China mit Italien solidarisch, Berlin nicht“.10 Noch gravierender ist die häusliche Pflege alter und kranker Menschen, bei der unser Land auf Pfleger*nnen aus EU-(Nachbar-)Staaten angewiesen ist. Doch diese können wegen der Grenzschließungen nicht mehr in gewohnter Weise ihren Turnus versehen. Inzwischen gibt es Bemühungen, den Handel innerhalb der EU mit medizinischer Ausrüstung wieder voll zu liberalisieren und zugleich die Ausfuhr aus der Union einzuschränken.11

Ein Lernprozess? Vielleicht. Doch ist das nicht in letzter Konsequenz statt eines nationalen ein europäischer Egoismus? 

______________________________________________________________________________

  • 7 Der Standard online, 15. 3. 2020 
  • 8 Steffen Arora, Laurin Lorenz, Fabian Sommavilla in: Der Standard online, 17.3.2020. 
  • 9 https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/oesterreich/2054840-Deutschland-genehmigte-Ausfuhr-von-Schutzausruestung.html 
  • 10 Die Presse, 14. 3. 2020 in Bezug auf das deutsche Exportverbot für medizinische Schutzausrüstung. 
  • 11 NZZ, 17. 3. 2020. 

______________________________________________________________________________

Ein besonders krasses Beispiel ist die Situation auf der irischen Insel, wo – solange der Brexit noch nicht vollständig vollzogen ist – die Grenze zwischen der Republik und dem britischen Nordirland im Alltag nicht spürbar ist. Corona hat das drastisch geändert. Denn während Dublin, wie die meisten EU Staaten, strenge Kontaktbeschränkungen einführte, hielt Großbritanniens Premier Boris Johnson dies die längste Zeit nicht nötig (Ideologie der „Herdenimmunität“) und ließ die Schulen geöffnet, auch in Nordirland. Dies veranlasste den ORF-Korrespondenten zu folgendem Kommentar: „Es geht einmal mehr darum zu zeigen, wie britisch man ist. […] Beim Coronavirus offenbar steht die Identität selbst über der Geographie. […] Es ist bizarr, dass eine unsichtbare Grenze darüber entscheiden soll, ob Kinder zur Schule gehen oder nicht.“12 

______________________________________________________________________________

Wer spricht noch von den Geflüchteten? 

Bei allen Maßnahmen der österreichischen Regierung, so sinnvoll sie auch sein mögen, fällt auf, dass kaum noch die Rede von den Ärmsten und Rechtlosesten in der Gesellschaft ist – von Menschen, die bei uns in Flüchtlingsquartieren mitunter auf engstem Raum leben und im Falle einer Ansteckung wohl besonders gefährdet sind. Asyl und Migration sind auch aus dem Fokus der Berichterstattung verschwunden. Das Flüchtlingselend wie etwa auf Lesbos – also ebenfalls innerhalb der EU – scheint nun, wo wir so mit uns selbst beschäftigt sind, aus der Tagesaktualität verdrängt zu sein. Staaten wie Deutschland, die sich noch vor kurzem bereit erklärt hatten, unbegleitete Jugendliche und Familien aufzunehmen, haben das Vorhaben gestoppt. Und Österreich wollte sich an dieser Initiative ohnehin niemals beteiligen. In der Krise zeitigt der nationale Tunnelblick eben besonders fatale Folgen. Der Schriftsteller Dominik Barta zeigt sehr drastisch, was fehlende citizenship im Falle der Coronakrise praktisch bedeutet: 

Der Mailänder Bürger, der am Coronavirus stirbt, stirbt in seinem Land, unter der Hand von erschöpften Ärzten und Ärztinnen, die, solange es eben ging, Italienisch mit ihm sprachen. Er wird in seiner Gemeinde begraben und von seiner Familie betrauert werden. Der Flüchtling auf Lesbos wird sterben, ohne dass ihn je ein Arzt gesehen hat. Fernab seiner Familie wird er, wie man sagt, verenden. Ein namenloser Toter, den man in einem Plastiksack aus dem Lager schaffen wird. Der syrische oder kurdische oder afghanische oder pakistanische oder somalische Flüchtling wird nach seinem Tod eine Leiche sein, aufgehoben in keinem personalisierten Grab. Wenn überhaupt, wird er in die anonymen Zahlenreihen der Statistik Eingang finden. […] Haben wir Europäer, gerade in Krisenzeiten, ein Gefühl für den Skandal der völlig entrechteten Existenz?13 

„Krieg“ gegen Corona? 

Regierungen auf der ganzen Welt haben dem Coronavirus „den Krieg erklärt“. China hat den Anfang gemacht, mit Präsident Xi Jinpings Slogan, „die Fahne der Partei möge hoch fliegen an der Frontlinie des Schlachtfelds”.14 Noch ein paar Kostproben: „South Korea declares ‚war‘ on the coronvirus”; “Israel Wages War on Coronavirus and Quarantines Visitors”; “Trump’s War Against the Coronavirus Is Working” usw. Und Präsident Macron in Frankreich: “Wir sind im Krieg, im Gesundheitskrieg wohlgemerkt, wir kämpfen […] gegen einen unsichtbaren Feind. […] Und weil wir im Krieg sind, muss von nun an jede Aktivität der Regierung und des Parlaments auf den Kampf gegen die Epidemie ausgerichtet werden“.15 

___________________________________________________________________________

  • 12 Martin Alioth, ORF Mittagsjournal, 17. 3. 2020. 
  • 13 Dominik Barta: Viren, Völker, Rechte. In: Der Standard, 20. 3. 2020, S. 23. 
  • 14 China Daily, zitiert nach: https://www.wired.com/story/opinion-we-should-deescalate-the-war-on-the-coronavirus/ 
  • 15 https://fr.news.yahoo.com/ (eigene Übersetzung). 

______________________________________________________________________________

Diese Militarisierung der Sprache, die der Sache – der Bekämpfung einer Pandemie – überhaupt nicht angemessen ist, hat trotzdem eine Funktion. Zum einen soll sie die gesellschaftliche Akzeptanz für drastische Maßnahmen, die die bürgerlichen Freiheiten einschränken, erhöhen. In einem Krieg müssten wir so etwas eben akzeptieren! Zum anderen wird damit auch die Illusion erzeugt, wir könnten das Virus ein für alle Mal unter Kontrolle bekommen. Denn Kriege werden geführt, um sie zu gewinnen. „Wir werden gewinnen, und wir werden moralisch stärker dastehen als zuvor“, hat etwa der aufgrund seiner Sozialpolitik innenpolitisch schwer bedrängte Emmanuel Macron großspurig verkündet. Dass das Virus gekommen ist, um zu bleiben, und wir wohl dauerhaft mit ihm werden leben müssen, das sagt er nicht.

Mit der Rede vom Krieg ist es wie mit den Grenzschließungen. Beides hat auch eine nicht zu unterschätzende symbolische Bedeutung. Damit wird eine Rückkehr der Staatssouveränität gefeiert. Denn die Globalisierung der Wirtschaft der letzten Jahrzehnte hat ja dazu geführt, dass nationale Regierungen immer weniger Einfluss auf globale wirtschaftliche Entwicklungen haben und sie ihren Bürger*nnen auch kaum Schutz vor Deklassierung, Arbeitslosigkeit und einschneidenden Veränderungen des Lebens bieten können. Mit den Maßnahmen gegen die Corona-Krise und aufgrund der Renationalisierung der Politik ist zumindest wieder ein Spielraum gegeben. Und wer von Kriegen redet, die er gewinnen will, will damit verkünden, wie mächtig er ist. 

Wir brauchen einen „politischen Kosmopolitismus“ 

Gegenwärtig ist, nicht nur meiner Beobachtung nach, sehr viel Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und innergesellschaftliche Solidarität in der Bevölkerung zu spüren. In den 18 Uhr Sing-, Musizier- und Klatschaktivitäten hat diese positive Stimmung bereits einen öffentlichen Ausdruck gefunden. Allerdings verhindern die heutigen politischen Strukturen und der „methodische Nationalismus“ derzeit noch, dass diese Solidaritätsbereitschaft auch entsprechend globalisierte Formen annehmen kann. Es ist bezeichnend, dass eine der wenigen Stimmen, die konsequent globale Vorschläge zur Eindämmung von Corona machen, ausgerechnet der Milliardär Bill Gates ist, der bereits im Februar (als bei uns noch viele hofften, halbwegs ungeschoren davon zu kommen) in einem Artikel im New England Journal of Medicine16 forderte, dass die reichen Staaten den ärmeren helfen sollten. Deren schwache Gesundheitssysteme könnten schnell überfordert sein und sie hätten auch weniger Mittel, die wirtschaftlichen Folgen abzufangen. Medizinische Ausrüstung und vor allem Impfstoffe dürften nicht möglichst gewinnbringend verkauft werden, sondern müssten zunächst den Regionen zur Verfügung gestellt werden, die sie am dringendsten brauchen. Die Gesundheitsversorgung der Staaten mit geringem und mittlerem Einkommen (LMICs) müsse mit Hilfe der Weltgemeinschaft strukturell auf ein höheres Niveau gehoben werden, um gegen weitere Pandemien gewappnet zu sein. Hier wiederholt sich in geradezu klassischer Weise die problematische Konstellation, dass die Staaten – die Demokratie und soziale Gerechtigkeit für sich reklamieren – eine eng nationalistische Politik verfolgen, während sie das globale Engagement den großen Konzernen (und deren Interessen) überlassen. Auch die Bill Gates-Stiftung, deren Einsatz für Gesundheitsfragen unbestritten ist, finanziert sich teilweise aus Gewinnen von Unternehmen, die – Junkfood produzieren.17 

______________________________________________________________________________

  • 16 https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMp2003762?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=newsletter_axiosam&stream=top 
  • 17 https://www.infosperber.ch/Artikel/Gesundheit/Corona-Virus-Das-Dilemma-der-WHO 

_____________________________________________________________________________

Nun mag die Kritik an den nationalen Sonderwegen wie ein aussichtsloser moralischer Appell wirken. Und tatsächlich spricht etwa der deutsche Philosoph Henning Hahn von einem „moralischen Kosmopolitismus“, der wichtig sei, aber nicht ausreiche. Wir bräuchten vielmehr auch einen „politischer Kosmopolitismus“18 Er tritt für die „realistische Utopie eines globalen Menschenrechtsregimes“ ein. In unserem konkreten Fall heißt das, dass wir

außerhalb der Krisenzeiten Strukturen und Mechanismen schaffen oder bestehende wie die WHO stärken müssen, damit diese globale Koordination und gegenseitige Hilfe bei Seuchen und Pandemien leisten. Denn das ist die unabdingbare Voraussetzung dafür, den „Rette sich, wer kann“-Reflex tatsächlich zu überwinden. Und schließlich haben Gesundheitsexpert*nnen spätestens bei der Ebola Krise 2015 davor gewarnt, dass es keine Frage des Ob, sondern nur eine Frage des Wann sei, bis die nächste Pandemie ausbricht.19 

__________________________________________________________________________

„Lernen, da zu sein auf dem Planeten“ 

Gedankenlos genießen wir die Vorteile der Globalisierung. Die Klimakrise und politische Bewegungen wie Fridays for Future haben uns nachdrücklich daran erinnert, dass wir dabei auf Kosten der großen Masse der Ärmeren auf der Welt und auf Kosten künftiger Generationen leben. Entsprechende Konsequenzen hat diese vage Einsicht bislang nicht gezeitigt. Wir wollen unsere „imperiale Lebensweise“ (Ulrich Brand) nicht so leicht aufgeben. Vielleicht kann uns aber die jetzige Pandemie zu einer tieferen Erkenntnis führen. Schließlich haben wir uns jetzt in wenigen Tagen zu drastischen Maßnahmen durchgerungen, während wir den Kampf gegen den Klimawandel nur allzu zögerlich angegangen sind. Und so neu wäre die Erkenntnis, dass wir gemeinsam handeln müssen, ja auch wieder nicht. Schon vor 30 Jahren hat Milan Kundera vor der Euphorie der “einen Welt“ gewarnt, die letztlich nur eine „Weltrisikogesellschaft“ (Ulrich Beck) darstelle: 

______________________________________________________________________________

  • 18 Henning Hahn: Politischer Kosmopolitismus. Praktikabilität, Verantwortung, Menschenrechte. Berlin/Boston: De Gruyter 2017. 

_____________________________________________________________________________

Heute bildet die Geschichte unseres Planeten endlich ein unteilbares Ganzes, aber es ist der Krieg, ein schleichender, fortwährender Krieg, der dieses seit langem erträumte Einssein der Menschheit verwirklicht und gewährleistet. Das Einssein der Menschheit bedeutet: Niemand kann irgendwohin entkommen.20 

Ausgehend von ähnlichen Überlegungen hat der französische Philosoph Edgar Morin die Begriffe „irdische Schicksalsgemeinschaft“ und „Heimatland Erde“21 geprägt. Wenn wir eine Zukunft haben wollen – so seine Argumentation – so kommen wir um einen radikalen Wandel unserer Lebensgewohnheiten, unserer Wirtschaftsweise wie auch unserer politischen Organisation nicht herum. Ohne auf die Nationalstaaten zu verzichten, sei es doch nötig, transnationale und globale Strukturen zu schaffen. Aber wir müssten auch eine andere Kultur entwickeln, um diese Strukturen mit Leben zu füllen. Die „irdische Schicksalsgemeinschaft“ ernst zu nehmen, bedeute: 

Wir müssen lernen, da zu sein auf dem Planeten. Lernen zu sein bedeutet: lernen zu leben, teilzuhaben, zu kommunizieren, ein Gefühl der Gemeinsamkeit zu entwickeln; es ist das, was man in den und durch die in sich abgeschlossenen Kulturen gelernt hat. Jetzt müssen wir in unserer Rolle als Menschen des Planeten Erde lernen zu sein, teilzuhaben, zu kommunizieren und ein Gefühl der Gemeinsamkeit zu entwickeln. Nicht nur einer Kultur anzugehören, sondern der Erde.22 

Wenn die Corona Krise dazu dient, diese Einsicht zu verbreiten, dann haben wir wohl das Beste daraus gemacht, was man aus so einer Katastrophe machen kann.23 

______________________________________________________________________________

20. 3. 2020  ©Werner Wintersteiner

  • 19 https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMp1502918 
  • 20 Milan Kundera: Die Kunst des Romans. Frankfurt: Fischer 1989, 19. 
  • 21 Terre Patrie – Heimatland Erde. Siehe Anmerkung 1. 
  • 22 Morin 1999, wie Anmerkung 1, S. 201. 
  • 23 Ich danke meinen KollegInnen vom Leitungsteam des ULG „Global Citizenship Education“ für die vielen Anregungen zur ersten Version dieses Textes, die die Endfassung wesentlich verbessert haben. 
Facebooktwittergoogle_plus
Facebooktwittergoogle_plus