Kategorie: Rezensionen

„Wer zuletzt lacht“ – ein Faschings-Krimi aus Kärnten von Wilhelm Kuehs

Der Villacher Fasching und seine mörderischen Schattenseiten stehen im Mittelpunkt von spannenden 335 Seiten Krimilektüre. In dem neu erschienenen Roman „Wer zuletzt lacht“ wird der Niedergang des Landes anhand von Einzelschicksalen gezeigt.
Der gebürtige Wolfsberger Wilhelm Kuehs (Germanist und ehemaliger Journalist in Kärnten) zeichnet akribisch in seinem mittlerweile zweiten Kärnten-Krimi, das ausgelassene Faschingstreiben und einen bis ins letzte Detail geplanten, hinterhältigen Mord am Villacher Bürgermeister! Ein Skandal – gerade zur Villacher Hochsaison – im Fasching. Ein Mord, genau während einer der so beliebten Faschingssitzungen, als bizarre Kulisse für Macht und Machenschaften.
„Wer in diesen Wochen durch Villachs Straßen spaziert, dem erscheinen oft seltsame Gestalten. Kobolde und Gnome treiben sich in den Gassen herum. Ein Zug von Narren mit goldenen Kappen schreitet über den Hauptplatz …“ (S 162). Absonderheiten werden von Wilhelm Kuehs geschildert und viele Kärntner „Besonderheiten“.

Mit einem Satz könnte man die Romanfigur, den selbst ernannten Ermittler, Ernesto Valenti, Journalist und Sensationsreporter bei der „Kärntner Tagespost“, so charakterisieren, wie in einem Dialog aus dem Kapitel 30: „Wenn Sie aus Villach berichten wollen, müssen Sie unbedingt einen Witz erzählen können“ (S 149). Das kann und will Valenti nicht – muss er nicht, denn das Lachen bleibt einem beim Lesen sowieso im Hals stecken, bei all den halbseidenen Seilschaften der Faschingsgilde. Hartnäckig und unbestechlich bleibt Valenti dran, bis er seine „Geschichte“ für die Zeitung hat, keinen Politikern über den Weg traut und überdies den Mordfall klären will!

„Handlungen und Personen sind keine Abbildung unserer gemeinsamen Wirklichkeit. Denn ein Roman ist keine Reportage. Elemente der Wirklichkeit werden transferiert, modelliert und manchmal bis zur Kenntlichkeit entstellt, um ein sekundäres System, eine narrative Welt zu schaffen,“ erklärt der Autor selbst in seiner Nachbemerkung (S 333).

BLog-Porträt-Kuehs

Spannend und in einem angenehm flüssigen Stil geschrieben, lässt der Autor als Medieninsider und Kärntenpolitik-Kenner ein treffendes Bild von Machenschaften, dubiosen Projekten, geplanten und verhinderten Einkaufszentren, Bordellen und Prostituierten, vor den staunenden Augen der Leserschaft entstehen. Der Aufdeckerjournalist Valenti hat es im Roman mit zwielichtigen Gestalten zu tun: „Das ist doch kein Mann. Wo andre Leute ein Herz haben, hat er eine Brieftasche. Nur Geld, Geld, Geld. Keine Werte, kein Anstand und keine Ehre“ (S 139). Kuehs trifft damit den Zeitgeist einer Gesellschaftsschicht, die sich verbrecherisch etabliert hat und über alles drüber fahren kann und will, was im Weg steht, koste es, was es wolle.
Der Autor zeichnet auch ein genaues Bild einer lokalen Zeitungsredaktion, von einem Alltag als Reporter und von Kärnten, speziell die beiden Städte Villach und Klagenfurt, das Einheimischen und Eingeweihten manchmal ein Schmunzeln herauslockt. Ein analytischer Blick und detektivisches Denken führen den Lesenden schnell durch die Geschichte. Wer (wirklich) zuletzt lacht in diesem Krimi, wird nicht verraten!

Der Autor, Mag. Dr. Wilhelm Kuehs, wurde 1972 in Wolfsberg geboren und lebt mit seiner Familie in Völkermarkt. Er studierte Germanistik und Komparatistik an der Universität Klagenfurt, hat jahrelang als Journalist gearbeitet und wurde vor allem durch seine Beschäftigung mit den Kärntner Sagen bekannt. 2014 gewann er den 1. Platz beim Literaturwettbewerb Kärnten wortwörtlich/Koroška v besedi mit der Erzählung „Sarajevo Falling“.
Dem ersten Roman („Der letzte Rock hat keine Taschen“, Haymon tb 2015) und vorliegenden zweiten („Wer zuletzt lacht“ Haymon tb 2016) mit Ernesto Valenti als Protagonisten wird bald ein dritter Kärnten-Krimi folgen, dann ist die Trilogie perfekt.

http://magazin.haymonkrimi.at/2015/12/03/im-land-der-herunterfallenden-sonne/

Ich danke Mag. Dr. Wilhelm Kuehs für das Rezensionsexemplar.

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

Blog-Buch-Kuehs-Titel-

Wilhelm Kuehs
Wer zuletzt lacht
Kriminalroman
336 Seiten
Paperback, Taschenbuch
ISBN 978-3-7099-7824-5
Haymon Taschenbuch 2016
12,95 €

http://www.haymonkrimi.at/page.cfm?vpath=buchdetails&titnr=7824

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„Irgendwann wird man traurig vom Warten “ – WINTERS GARTEN von Valerie Fritsch– eine Rezension

Die junge österreichische Autorin Valerie Fritsch hat mit ihrem zweiten Roman WINTERS GARTEN, (Suhrkamp 2015), viel Aufmerksamkeit durch ihre melodische, ausdrucksstarke Sprache erregt. Sie ist der Shootingstar der österreichischen Literaturszene schlechthin.
Die sympathische Schriftstellerin ist 1989 in Graz geboren und studierte an der Akademie für angewandte Photographie. Sie arbeitet als Autorin (Prosa und Lyrik) und gleichzeitig als Fotokünstlerin, ist viel und gerne auf Reisen in fernen Ländern, das spürt man auch in ihrem Roman. Ihre enge Beziehung zur Bildsprache, zu einem drastisch symbolischen Ausdruck, lässt sich in ihrem Text nachspüren. Virtuos und sinnlich, voller lebendiger Eindrücke und Gefühle, genaue Beobachtungen – auf einen Blick eindeutig identifizierbar, aber auch voller Verzweiflung.

In dem 154 Seiten langen Roman WINTERS GARTEN beschreibt die Autorin in acht Kapiteln lyrisch bewegt die Geschichte von Anton Winter. Im 1. Kapitel taucht man in einen Idealgarten als Rückzugsort ein, eine Idylle einer Jugend schlechthin mit allen Details einer glücklichen Kindheit. Ein Seelengarten voller Geborgenheit, mit Großmutter und Großvater. Die Fülle der Natur und das Entdecken einer wunderbaren Welt stehen im Mittelpunkt des kleinen aufgeweckten Buben.
„Für Anton Winter war die Kindheit vollgestopft mit hohen Gräsern und Teerosen und grünen Äpfeln in den Bäumen, die man den ganzen Sommer über so begehrlich ansah, dass sie irgendwann schüchtern erröteten“ (Seite 11). Im 2. Kapitel ist Anton erwachsen und lebt als einsamer Vogelzüchter in der Stadt, „dünn vor Sorge“ wie die übrigen Bewohner dieser beängstigenden Umgebung in einer Welt, die aus den Fugen gerät. Die Welt steht kurz vor der Apokalypse und es gibt kein Entrinnen. „Man wurde blind über Nacht. Es wurde schwarz vor dem inneren Auge. Wer träumte, sah nichts mehr, und statt der Bilder drängten sich Töne in den Schlaf, wuchsen sich aus zu einer Kakophonie markerschütternder Laute, die den Menschen im Schädel hallten und die Ohren betäubten“ (Seite 41). Im 3. Kapitel lernt Anton mit 42 Jahren Friderike kennen und erstmals lernt er zu lieben. Wer sie war bleibt ein Rätsel. Sie stürzen sich in eine aussichtslose Liebe ohne Zukunft mit all ihren sakralen Augenblicken und den menschlichen, fast tierischen. „Während draußen die Welt in tausend Stücke fiel, schliefen die Menschen miteinander, weil sie nichts anderes anzufangen wussten mit ihren heilgebliebenen Körpern, als sie zusammenzukleben zwischen all den Scherben.“ (Seite 60). Weiter geht es im Kapitel 5 mit dem Gebärhaus, in dem Friderike arbeitet. Anton ist dort Totengräber.

Jeder Satz bei Valerie Fritsch ist schlüssig und gibt das Große und Ganze wieder. Die Gegensatzpaare Leben und Tod, Tag und Nacht, Grauen und Schönheit werden lyrisch und klangvoll aufbereitet. Prosa voller Todessehnsucht und Weltuntergangsstimmung. Man könnte den Text auch Singen, sosehr nimmt die Satzmelodie und der Sprachrhythmus den Leser ein. Eine Wortkomposition, eine Klangreise in die Tiefen des Textes. „Den einsamsten aller Planeten hat mein Großvater die Erde genannt, weil hier jeder für sich allein kämpft und jeder für etwas stirbt, für das man so gerne leben würde“ ( Seite 70).

Die junge Autorin hat 2015 sehr erfolgreich am 39. Bachmann-Wettbewerb teilgenommen. (http://bachmannpreis.orf.at/stories/2709005/).
Ihr Text „Das Bein“, eine Erzählung über einen ehemaligen Tänzer, der den Verlust seines Beines nie überwinden konnte, wurde mit dem zweiten Preis (KELAG-Preis) und vom Publikum zum besten Text gewählt. Klagenfurt steht einmal im Jahr im Mittelpunkt der deutschsprachigen Literaturszene. 2016 wird vom 29. Juni bis 3. Juli das Jubiläum 40 Jahre Bachmann-Preis (http://bachmannpreis.orf.at/stories/2746380/)
gefeiert und an die vielen überragenden Preisträger erinnert, wie auch die beiden Kärntner Schriftsteller Gert Jonke (1977) und Maja Haderlap (2011), die den begehrten Preis gewonnen haben.
Valerie Fritschs Sicht auf dieses Wettlesen ist allerdings sehr ambivalent: „Das waren absonderliche Tage an einem absonderlichen Ort. In dieser kleinen Provinz, wo sich dann alles um Literatur dreht oder zu drehen glaubt. Und ständig darüber geredet wird. Das ist ein Literaturtribunal in der Öffentlichkeit“, bemerkt sie in ihrem Interview mit Eva Straka in der Ausgabe 4/ 2015 des Kultur-Magazins PORTRAIT S 53 (http://magazin-portrait.at). Literatur mache eben schon nach ein paar Tagen sehr müde, besonders, wenn man auf der Präsentierscheibe stehe, so Fritsch.
Ihr Roman WINTERS GARTEN macht nicht müde und fasziniert den Leser, der sich auf ihre wundersame Welt einlässt.

Eine Übersicht über ihre Werke und einen Eindruck von ihren Fotos erlangt man auf ihrer eigenen Homepage http://valeriefritsch.at/index.php?id=werkeusgezeichnet
Die Autorin erhielt zahlreiche Stipendien und Förderpreise.

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

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Valerie Fritsch
Winters Garten
Roman,
154 Seiten
ISBN: 978-3-518-42471-1
Suhrkamp 2015
€ 17,50

http://www.suhrkamp.de/buecher/winters_garten-valerie_fritsch_42471.html

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