Kategorie: Rezensionen

Bis ans Ende der Welt – Berichte prominenter Kärntner von Katharina Springer

„Bereits in meiner Kindheit faszinierten mich Geschichten der Großeltern über den Krieg, über das Leben ´früher und vor allem von Reisen“, erklärt die Autorin und Biografin Katharina Springer zu ihrem Buch MIT DEM FAHRRAD NACH ROM ein außergewöhnlicher „Reiseführer“, der in die Erlebniswelt bekannter Persönlichkeiten führt. Behutsam dokumentiert von der Kärntner Autorin, die damit den Startschuss zu ihrer literarischen Laufbahn tätigte. 110 Fotografien, zum Teil sehr aussagekräftige Porträts des Klagenfurter Fotografen Bernhard Horst, der Katharina Springer zu ihren Interviewpartnern begleitete, zum anderen historische Fotografien, Dokumentations- und Erinnerungsbilder der einzelnen Prominenten von ihren erstaunlichen Reisen.

Ihr erstes Buch „Mit dem Fahrrad nach Rom. Reiseberichte prominenter Kärntner“ ist im November 2009 im Carinthia Verlag Klagenfurt erschienen und liegt jetzt rechtzeitig zur Sommerferienzeit als ergänzte und aktualisierte ZWEITAUFLAGE in Paperback und Hardcover (Morawa Lesezirkel 2016) vor.

Es lohnt sich mit Katharina Springer in 12 sehr lebendig erzählte Lebens- und Reisegeschichten von gut bekannten Kärntnerinnen und Kärntnern einzutauchen und sich zu (erstaunlichen) fernen und ausgefallenen Reisezielen entführen zu lassen.
Auf 196 Seiten gelangt die Leserschaft mit Paula Putzi nach Rom, dem Klagenfurt Altbürgermeister Leopold Guggenberger nach Amerika, mit der schillernden Schauspielgröße Adrienne Pokorny nach Paris, mit dem Abenteurer und Großwildjäger Hellmuth Reichel sen. nach Bhutan.
Sehr interessant sind auch die Berichte von Carina Harrer, die Frau der Bergsteigerlegende Heinrich Harrer aus Knappenberg, dem Expeditionisten Bobby Ehrlich und der beliebten Schauspielerin Heidelinde Weis.

Theo Kelz, berühmt durch die Transplantation seiner beiden Hände im Jahr 2000, fuhr mit seinem Motorrad rund um die Welt, die Schriftstellerin Maria Pink nach Äthiopien und Paul Springer erzählte von seinem ersten Reisebus. Weitere Reportagen beschäftigen sich mit dem „Nichtverreisenwollen“ von Helga-Duffek-Kopper und mit den Musikreisen von der Kärntner-Lied-Legende Gretl Komposch.

Die Autorin und Biografin erzählt, wie es zu diesem, ihren ersten Buch kam: „Im Jahr 2002 lernte ich eine nette ältere Dame kennen, die mir erzählte, dass sie 1936 mit dem Fahrrad nach Rom gefahren ist. Zusammen mit einer Freundin unternahm sie eine unglaublich mutige Reise, die ich festhalten wollte. Im Jahr 2008 führte ich dann elf weitere Interviews mit prominenten Kärntnerinnen und Kärntnern, die mir ihre ganz persönlichen Reisen aus der Vergangenheit schilderten.“

Jedes Kapitel startet mit einer Kurzbeschreibung des Interviewten, danach folgen die Berichte im typischen Denk-, Sprach- und Schreibstil der jeweiligen Persönlichkeiten, einfühlsam, flüssig und nicht beschönigend.
Die zahlreichen historisch interessanten Fotos sind als Dokumentationsmaterial von unschätzbarem Wert und runden den Gesamteindruck ab. Die historisch-dokumentarische Bedeutung dieser Reiseaufzeichnungen stellt sich schon nach den wenigen Jahren seit der Ersterscheinung 2009 dar.

Leseprobe aus dem Kapitel „Auf der Fährte des Blue Sheep“ von Hellmuth Reichel sen. (Seite 63-65): „Es war auf unserer ersten Reise, als uns Prinz Namgyal Wangchuck am Abend zu einem besonderen Fest im Inneren des Dzong (Klosterburg) abholte. Wie alle Bhutanesen trug er an diesem Tag seine Tracht mit einem Schwert und einem wallenden orangen Tuch über der Schulter, wie es seinem Stand entsprach. Auch wir waren festlich gekleidet, als wir das eisenbeschlagene Tor und die königliche Leibwache passierten. Die Klosterburg war von innen noch beeindruckender als von außen, denn viele dieser Dzongs haben wir auf der Fahrt hierher schon passiert. In jedem Tal, an den strategisch günstigen Orten stehen diese Wehrburgen, die ältesten aus dem 13. Jahrhundert. Sie sind Zentren der Verwaltung und der Religion und haben die tibetischen und chinesischen Invasoren über Jahrhunderte davon abgehalten, dieses Land einzunehmen. ….“

Katharina Springer
Sie wurde 1975 in Villach geboren und arbeitete in einem Reisebüro vor ihrem Publizistikstudium in Klagenfurt. Seit 2006 ist sie freie Journalistin und Autorin für verschiedene Magazine in Kärnten und Deutschland tätig.
Ihr erstes Buch „Mit dem Fahrrad nach Rom“ erschien 2009 im Carinthia Verlag. 2010 folgte „Lebensbilder. Porträts von 90 Politikerinnen aus Kärnten“ (Drava Verlag). Etliche Artikel in Anthologien beim Memoiren Verlag Bauschke, zudem bei den Verlagen Hermagoras und Drava. Seit 2010 ist sie als Ghostwriterin tätig und hat etliche Biografien und Chroniken verfasst. Außerdem arbeitet sie als Schreibtrainerin und als Buchcoach von der Privatbiografie für den Familienkreis bis hin zur Veröffentlichung im großen Stile. Seit 2015 bringt sie auch Gemeindechroniken heraus.

www.diebiografin.com

Blog-Cover-Springer

Katharina Springer
Mit dem Fahrrad nach Rom.
Reiseberichte prominenter Kärntner
196 Seiten
110 Fotografien in SW
Verlag Morawa Lesezirkel Wien
ISBN: 978-3-99057-121-7 (Paperback)
19.90 €
ISBN: 978-3-99057-122-4 (Hardcover)
24,90 €
https://publish-books.tredition.de/mymorawa/Customer/ProductList.aspx?PageMethod=OpenBibliography&userId=5171&userRoleId=1

Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

Ich danke Katharina Springer und dem Morawa-Verlag für das Rezensionsexemplar

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„Gedichte senden / an all die Engel“ Manfred Poschs lyrisches Vermächtnis

In den letzten Junitagen 2016 kurz vor dem Tod des Klagenfurter Journalisten und Lyrikers Manfred Posch erschien im Hermagoras Verlag Klagenfurt sein Vermächtnis an die Lyrikwelt Kärntens. In „Letzte Silben“ veröffentlichte Posch auf 144 Seiten seine letzten Haiku-Gedichte, die der strengen japanischen Silbenreihung 5-7-5 folgen. Als erklärendes Element sind den Haiku da und dort erläuternde Fußnoten beigestellt, um den Hintergrund und die Bedeutungsebene der einzelnen Begriffe erfassbar zu machen – eine interessante Erweiterung der reinen Lyrikebene um die der Information und kulturwissenschaftlichen Ergänzung. Das war das Anliegen des umfassend gebildeten und interessierten Autors und Chefredakteurs einer bekannten Kärntner Tageszeitung (KTZ), die vor zwei Jahren eingestellt werden musste.

Eine weitere Ergänzung bilden die Fotografien, die auf Wunsch des Autors seinem Haiku-Korpus beigefügt wurden. Wie bereits in seinem ersten Haiku-Band „Milchstraßenschimmer“, der 2015 im Wolfverlag erschienen ist, folgen die Fotos von Gabriele Russwurm-Biro den Themen der Kapitel.

Alois Brandstetter, Schriftsteller und langjähriger Vertrauter Poschs, schreibt in seinem Vorwort zu diesem Band: „Manfred Poschs „Letzte Silben“ sind ein Haiku-Gebirge, ein Gebirgszug, eine poetische Milchstraße, ein Sternenhaufen, ein Konglomerat von Natur- und Bildungserlebnissen, Erlesenem im doppelten Wortsinn, Erlebtem und Erfahrenem. Und auch Erfahrung bewahrt in Poschs Fall ihren tiefen Sinn, wo er doch die Welt bereist hat und auf tausend Gipfeln gestanden ist… Das letzte Kapitel, das dem ganzen Unternehmen den Namen gibt, deutet auf etwas lebensgeschichtlich Definitives, testamentarisch Abschließendes und Ernstes hin.“

Günter Schmidauer, ebenfalls ein guter Freund, verfasste das Nachwort „Die Rückkehr des Manfred Posch“, indem er ihn als einen „homme de lettres“ charakterisiert.

Das Vorausahnen des Todes, die unausweichliche Tatsache der Unheilbarkeit, Trugbilder und Halluzinationen, hervorgerufen durch Medikamente, haben in der späten Lyrik Poschs ergreifend Niederschlag gefunden. Die einzelnen Kapitel spiegeln die Stationen und Leidenschaften des Autors wider: „Sphären“ verweist auf seine Hingabe zur Astronomie und der Himmelsbeobachtung, „Gebirge“ auf seine Liebe und Verbundenheit zu den Bergwelten. Das Kapitel „Klagenfurt“ ist seiner Heimatstadt gewidmet, die Gedichte im Abschnitt „Notturno“ beschäftigen sich mit Tod und Sterben. In „Trugbilder“ wird das Phänomen Halluzination beleuchtet und „Letzte Silben“, das letzte Kapitel und das gesamte Werk, hat er als Requiem seiner geliebten Familie gewidmet.

Als Motto für seine lyrische Tätigkeit, die ihm gerade in den letzten Jahren, auch als Juryvorsitzender des „Kärntner Lyrikpreises STW Klagenfurt“ besonders viel Freude bereitet hat, könnte folgendes Haiku gelten:

GEDICHTE SENDEN
AN DIE SONNE DIE STERNE
AN ALL DIE ENGEL

(© Manfred Posch)

Blog-Porträt-Posch

Manfred Posch: Geboren 1943 in Wien, wuchs er in Klagenfurt auf, wo er auch seine gesamte erfolgreiche journalistische Berufszeit verbrachte. Sein erster Lyrikband erschien 1963. Als junger Dichter war er in renommierten Anthologien präsent. Er galt in den sechziger und siebziger Jahren als große Kärntner Zukunftshoffnung in der Lyrik. Während seiner Berufszeit entstanden mehrere Bücher über die Kärntner Chor- und Volkstumsszene. Einige seiner Werke sind dem Alpinismus gewidmet. 1000 Gipfel hat er bezwungen und war der Bergwelt mit Leib und Seele zugetan.

Weit über 40 Jahre währte seine journalistische bzw. Redaktionstätigkeit im Kultur-, Kärnten- und Politikressort. Vielen von uns war er als versierter Chefredakteur der Kärntner Tageszeitung (2001 – 2006) väterlicher Freund und Vorbild in beruflicher wie menschlicher Hinsicht.

Gleichzeitig engagierte er sich in der Erwachsenenbildung mit zahlreichen Führungen als langjähriger Obmann der Astronomischen Vereinigung Kärntens und Leiter der Sternwarte Klagenfurt. Für sein himmelskundliches Wirken wurde er von der Internationalen Astronomischen Union ausgezeichnet. Das an der Harvard University geführte Minor Planet Center benannte einen 1991 entdeckten Asteroiden 1991 RC3 nach Posch (32821). Dieser läuft innerhalb des sich zwischen den Planeten Mars und Jupiter befindlichen Asteroidengürtels um die Sonne. Der Himmelskörper ist vermutlich zwischen vier und sechs Kilometer groß.

Posch bekam das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Kärnten, weiters den Professorentitel von der Republik Österreich verliehen und wurde mit einem der höchsten päpstlichen Orden (Ritter vom Heiligen Papst Silvester) ausgezeichnet. Seit 2008 stand er als Vorsitzender der Jury des „Kärntner Lyrikpreises der STW Klagenfurt“ vor und übernahm diese Aufgabe jedes Mal mit großer Leidenschaft. Er setzte alles daran, dass aus Kärnten ein „Land der Lyrik“ werde.

https://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Posch

„Ich hatte ein sehr schönes Leben“, betonte Manfred Posch ohne mit seinem Schicksal zu hadern in einem seiner letzten Gespräche kurz vor seinem Tod. Er war trotz seiner schweren Krankheit bis zu seinem Ableben am 1. Juli 2016 noch voller literarischer Pläne und voller Tatendrang. Mit dem Erscheinen des Lyrikbandes „letzte Silben“ Ende Juni ging sein letzter Wunsch in Erfüllung.

Bllog-Posch-Cover

Manfred Posch
Letzte Silben
HAIKU
Mit Fotografien von Gabriele Russwurm-Biro
Hermagoras Verlag Klagenfurt/Celovec
144 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-7086-0921-8
23 €
http://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/detail/letzte-silben

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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„wir spielen auf zeit“ – Ludwig Lahers Lyrik

Der Roman-Schriftsteller und Lyriker LUDWIG LAHER ist gemeinsam mit Friederike Kretzen und Julia Schoch heuer als Tutor beim 20. Literaturkurs Klagenfurt vom 26. bis 29. Juni im Vorfeld des 40. Bachmann Wettbewerbs tätig.

http://www.musilmuseum.at/index.php?p=klagenfurter-literaturkurs

Als Germanist beschäftigt er sich intensiv mit der Sprachform, was er als Lyriker unter Beweis stellt. In seinem neuen Gedichtband WAS HÄLT MICH, 2015 im Wallsteinverlag erschienen, gibt er auf 80 Seiten Einblick in sein lyrisches Werk.
Seine insgesamt 67 Gedichte sind kurz und prägnant und Ergebnis eines Abstraktionsprozesses mit einem gewissen Hang zur Askese in der Wortwahl. Die einzelnen Gedichte sind reduziert, verdichtet und formal sehr streng ausgebildet. Es bleibt aber genug Interpretationsspielraum. Aufschreie, Bitten, schwebende Assoziationen, Liebesgedichte und auch Politisches. Weitere Themen sind Selbstreflexion, Sprache und Schreiben, Gesellschaft und Natur.
Bei seiner Lesung im Mai aus diesem bibliophil gestalteten Bändchen im Musilhaus Klagenfurt wurden die Gedichte parallel zum Vortrag an der Wand projiziert, um damit auch die grafische Qualität erfassbar zu machen. Eine sehr gute Unterstützung optisch der Lyrik zu folgen und die strenge Formalität gleichzeitig zu sehen und zu hören.

Laher ist hauptsächlich als Autor dokumentarisch-kritischer Romane in sozialpolitisch engagierter Form aufgetreten. So schrieb er in seinem Roman „Bitter“ (2014) über einen NS-Massenmörder. Politisches fehlt auch in seiner Lyrik nicht, steht aber in diesem Band nicht im Vordergrund. Klare Botschaften begleiten den Leser bei den Gedichten Lahers.

Im Klappentext heißt es: „Neben seinen Romanen hat Ludwig Laher immer Gedichte geschrieben; vielleicht als eine Art Gegengewicht zum strengen, oft dem Dokumentarischen nahen Erzählen. In seinen Gedichten nimmt er die Sprache beim Wort und ihre Bestandteile auseinander, dreht sie und verdreht sie und macht so immer neue unerwartete Sinnschichten sichtbar. Kurz und konzentriert sind die meisten Gedichte, (Selbst-)Vergewisserungen, (Selbst-)Infragestellungen, Einladungen zu gemeinsamem Nachdenken und Nachspüren.“

wir spielen auf zeit
lösen probleme auf
geduldigem papier
wo ein schlagwort
wie geschmiert das
andere gibt und
die rechnungen
auf den wirt gehen
oder aufgehen
ohne den wirt


wegen nichts
auf der flucht
vor niemanden

und trotzdem
auf der flucht
nirgendwohin

(© Ludwig Laher)
Frauke Kühn (Beirat des Literatur Netzwerks Vorarlberg) klassifiziert sein lyrisches Werk so: “Ludwig Lahers Gedichte offenbaren sprachspielerische Spannungsfelder, von denen Impulse des Widerspruchs, der Überraschung und Bedeutungsvielfalt ausgehen.“

Ludwig Laher wurde 1955 geboren und studierte in Salzburg Germanistik, Anglistik und klassische Philologie. Ab 1979 arbeitete er als Lehrer, Übersetzer und Autor von Romanen, Erzählungen, Lyrik, Essays, Hörspielen, Drehbüchern.
Seit 1998 ist er hauptberuflich als freier Schriftsteller tätig und lebt in St. Pantaleon im Grenzbereich Salzburg/Bayern/ Oberösterreich und in Wien. Übersetzungen seiner Bücher erschienen auf Englisch, Französisch, Japanisch Kroatisch und Spanisch.
Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und Stipendien. 2011 wurde er für den deutschen Buchpreis nominiert. 2016 Empfehlungsliste für den Evangelischen Buchpreis.
Laher ist Vorstandsmitglied der IG- Autorinnen Autoren in Wien und Tutor beim Literaturkurs Klagenfurt 2016.

In der Woche von 11.bis 16. Juli 2016 wird Ludwig Laher täglich vor dem Morgenjournal um 6.55 Uhr in Ö1 GEDANKEN FÜR DEN TAG beisteuern. Unter dem Motto BEIM WORT GENOMMEN geht er einzelnen Begriffen auf den Grund.
http://www.ludwig-laher.com/index2.htm

Ludwig Laher
was hält mich
Gedichte
Wallstein Verlag 2015
80 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-8353-1738-3 (2015)
€ 19,50

Blog-Cover-Laher

http://www.wallstein-verlag.de/9783835317383-ludwig-laher-was-haelt-mich.html

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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„Es gibt Tage, die besser nicht angebrochen wären“ – DER TROST DES NACHTHIMMELS – Dževad Karahasans Roman als dreiteiliges Erzähl-Epos

Der neueste Roman des bosnischen Schriftstellers Dzevad Karahasan mit dem Titel DER TROST DES NACHTHIMMELS (erschienen im Suhrkamp Verlag Berlin 2016) spielt im alten Persien in Stadt Isfahan im 11. Jahrhundert. Im Mittelpunkt dieses Epos steht der Hofastronom Omar Chayyan, eine historische Persönlichkeit (1048–1131) zu Diensten des Sultans am Hof von Isfahan.
Deswegen ist der Roman aber noch lange kein historischer im herkömmlichen Sinne, aber auch keine Biografie des Hofastronomen. Der Roman geht darüber hinaus, sprengt die üblichen Grenzen, erweitert sich zu einem literarischen Universum.

Mit diesen Sätzen beginnt Dževad Karahasan seine Romantrilogie:
„Es gibt Tage, die besser nicht angebrochen wären. Aber wenn sie schon anbrechen müssen, wenn der Anbruch eines jeden Tages unabwendbar ist, müsste es eine Möglichkeit geben, den Tag, den man ganz gewiss nicht braucht, zu meiden, etwa indem man gar nicht erst aufwacht oder ihm sonstwie fernbleibt…“ (S 9).

Zehn Jahre hat der Schriftsteller an diesem Werk gearbeitet und unglaublich viele Detailszenen zu einem epischen Ganzen verwoben. Chayyan, als zentrale Figur und roter Faden, der sich durch die drei Teile des Romans hindurchzieht, ist Poet und Astronom und ein hoch angesehener Mann, ein HAKIM, ein Gelehrter, ein Mensch, der in vielen Gebieten bewandert ist wie das umfangreiche und sehr aufschlussreiche Glossar den Leser belehrt und sein Wissen über das alte Persien erweitert.

Karahasan ist ein Meister der Erzählkunst und knüpft viele Handlungsfäden zusammen zu einem Gesamtwerk. Im Teil I des vielschichtigen Romans DER SAMEN DES TODES wird Omar Chayyan mit dem Giftmord am Vater seines besten Freundes konfrontiert. Der Harem, die Konstruktion dieses Haushalts, die Traditionen, alles verdichtet sich in diesem Familiendrama, in das Omar hineinstößt und nachgräbt – und auch die Lösung findet, die ihm gar nicht lieb ist und ihn letztendlich belastet. Der Roman beginnt also wie ein Krimi, das allein wäre aber zu wenig, um das Werk zu charakterisieren. Omar Chayyam hatte am Hof des Sultans unter der Obhut des gelehrten Wesirs Nizam al-Mulk die Aufgabe ein Observatorium einzurichten und den Kalender zu reformieren. Der Nachthimmel begleitet die Hauptfigur daher ein Leben lang:

„…nachts beobachteten sie gemeinsam den Himmel. Aber es gab nicht mehr das, was er, Chayyam den Trost des Nachthimmels genannt hatte. Wenn du den Nachthimmel lange genug beobachtest, begreifst du, dass jeder Stern allein und unendlich weit vom nächsten entfernt ist, aber dass sie alle einem Gesetz unterliegen und dass dieses Gesetz ihre Einsamkeit aufhebt. Es verbindet, stellt Beziehungen zwischen ihnen her, es beginnt ein Gespräch unter ihnen, selbst wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. So muss es auch mit den Menschen sein, hatten er und Musaffer philosophiert. Wir sind tatsächlich allein und jeder für sich, aber wir wissen, dass es ein Gesetz gibt, das uns verbindet, weil wir ihm alle unterliegen.“ (S 155)

Im zweiten Teil DER DUFT DER ANGST wird dem Leser ein ganzes, orientalisches Universum erschlossen mit wunderbaren Detailschilderungen, aber auch furchtbaren Grausamkeiten bis ins Detail beschrieben, die politische Dimension des 11. Jahrhunderts in Persien rückt ins Bild: Die Karmaten, eine radikalisierte Volksgruppe, die das Seldschukenreich bedrohen, stellen den Anfang des Zerfalls dar, falsche Ratgeber, Intriganten, Krieg und Folter. Der Sultan lehnt die Gründung eines Nachrichtendienstes zur Bekämpfung innerer und äußerer Feinde ab – ein folgenschwerer Fehler für das angreifbar gewordene Reich. Es kommt zu Ermordungen, Säuberungen, mysteriösen Todesfällen. Eine Terrororganisation , angeführt von einem ehemaligen Freund Chayyams, trägt zum Verfall des Reiches bei und versetzt die Bevölkerung in Angst.

Der angesehene und einflussreiche Sufi Abu Said tritt als das „Gewissen“ seiner Zeit auf und gibt Einblicke in Glauben und Religion, den philosophischen Aspekt des Romans.
„… der Mensch wurde um des Gedächtnisses willen erschaffen, damit er das Gedächtnis der Welt sei, rief Abu Said nach einer längeren erwartungsvollen Pause triumphierend aus. Kein vernünftiger Mensch sollte sich beklagen, dass ihn der Fluss oder der Tisch nicht im Gedächtnis behalten haben, weil der Mensch da ist, um etwas im Gedächtnis zu behalten, nicht sie. Könnte ein Quittenbaum dieses Jahr Frucht bringen, wenn er die letztjährige im Gedächtnis hätte? Könnte er Blätter treiben, wenn er jedem Blatt vom letzten Jahr seinen Platz bewahren wollte?“ (S 363)

Im dritten Teil BEKENNTNISSE AUS DER ASCHE ist Omar ein alter Mann ohne Familie und trifft auf einen jungen Bosnier, Vukac, der ihm dient und ihn verehrt und Omars Lebensgeschichte aufschreibt – ihn bis zum letzten Atemzug liebevoll begleitet. Mit einem Bekenntnis von Vukac, der wieder in seine bosnische Heimat zurückkehrt, endet der Roman und mit einer Herausgeberfiktion über die im Jahr 1200 verfasste Handschrift über Chayyams Leben, die 1992 in der Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina in Sarajewo im Folge des Jugoslawienkrieges verbrannte.

Karahasan beschreibt in vielen Handlungssträngen vom Niedergang eines Staates, vom Aufkeimes des Fundamentalismus, vom Zerfall geordneter Strukturen und von der Wissenschaft im 11. Jahrhundert.
Die Darstellung der handelnden Personen ist eindrücklich und zeitlos, auch seine Hingabe an die (beinahe altpersische) Erzählkunst nimmt den Leser voll in Beschlag und macht das Erzählen zum wichtigsten Thema in diesem Roman. Der Zauber altorientalischer Märchen schwingt mit, Schönheit und Grausamkeit liegen eng beieinander.

Dževad Karahasan, 1953 in Duvno/Jugoslawien geboren ist ein grandioser Erzähler, Dramatiker und Essayist. Die Belagerung Sarajevos war Thema seines in zehn Sprachen übersetzten Tagebuchs der Aussiedlung (1993) und seiner beiden Romane Schahrijârs Ring (1997) und Sara und Serafina (2000). Für den Essayband „Das Buch der Gärten“wurde er 2004 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Karahasan lebt in Graz und Sarajevo.
Auf der Flucht vor dem Jugoslawienkrieg in Bosnien-Herzegowina kam Karahasan nach Kärnten, wo er auf den Theatermacher Herbert Gantschacher von ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater traf.

http://www.suhrkamp.de/autoren/dzevad_karahasan_2324.html

Literatur.Report/Kärnten bat den Leiter von ARBOS, Regisseur und Intendant Herbert Gantschacher, um die Wiedergabe seiner Erlebnisse und seiner Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Karahasan, der auch für Kärnten durch seine nachhaltige literarische Tätigkeit als Dramaturg und Dramatiker besondere Bedeutung bekommen hat:

Gantschacher schreibt: „Als ich 1993 die Inszenierung der Oper „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ von Viktor Ullmann in der Originalfassung des Komponisten als Österreichische Erstaufführung vorbereitete, tobte in Bosnien-Herzegowina der Krieg. Um des Überlebens willen fasste der damalige Dekan der Akademie der Szenischen Künste in Sarajevo und Dichter Dževad Karahasan den Entschluss, aus Sarajevo zu fliehen. In Klagenfurt angekommen traf ich ihn vor Probenbeginn zu Ullmanns Oper, damals sah ich zum ersten Mal Menschen auf der Flucht, der mit nichts als seiner Feder in der Tasche den Gräueln des Krieges entkommen ist. Karahasan ist seit damals Dramaturg und Dramatiker für ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater. Karahasan und ich entwickelten jenes Spielkonzept für Ullmanns Oper, die dann von 1993 bis 2001 in Österreich, Tschechien, Schweden, Deutschland, Kanada und den USA gespielt worden ist. Dabei kam es zu mehreren denkwürdigen und geschichtsträchtigen Erstaufführungen, 1993 in Prag im Národní Památník unter Anwesenheit des ersten Tod-Darstellers aus Theresienstadt, Karel Berman. Die Inszenierung wurde 1993 Musiktheateraufführung des Jahres in der Tschechischen Republik. Am 23.Mai 1995 ist Theresienstadt 51 Jahre nach der Generalprobe erstmals die Ullmanns Oper am Ort der Fertigstellung von Libretto und Musik durch ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater gespielt worden. In weiterer Folge kam es zu Erstaufführungen von Ullmanns Oper in der Originalfassung des Komponisten in Schweden (Kulturhuset in Stockholm), in Kanada (National Arts Centre in Ottawa) und in den USA (United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C.). Die Ullmann-Rezeption und Wiederentdeckung der Originalfassung der Oper Ullmanns aus Theresienstadt ist weltweit auch der Tatsache geschuldet, dass ich gemeinsam mit Karahasan dieses Spielkonzept entwickelt habe, das dem Werk Ullmanns seinen Respekt zollt.
2014 kam es zur Neuinszenierung von Ullmanns Oper „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ als Puppentheater wiederum mit Karahasan als Dramaturgen und der Weiterentwicklung des szenischen Konzeptes. Diese Inszenierung ist nun Teil des Viktor Ullmann Projektes geworden, das in Kombination von Ausstellung und Vorstellung 2015 im Clam-Gallas Palais des Prager Stadtarchivs wiederum international Kärnten kulturell Bedeutung verschafft. Die Inszenierungen der Ullmannschen Musiktheaterwerke aus Theresienstadt, nämlich „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ und „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ durch ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater sind Kärntens bedeutendste internationale künstlerische Präsenz geworden, die nun bis Australien führen, denn das Radio der Australian Broadcasting Company hat Ullmanns Oper in der Aufnahme von ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater australienweit einem breiteren Publikum bekannt gemacht.
Karahasan ist somit Teil des bedeutendsten künstlerischen Projektes aus Kärnten, das nun seit Jahrzehnten weltweit für Kärnten für Aufsehen und Ansehen sorgt.
Als Dramaturg hat Karahasan seit 1993 an folgenden Produktionen gearbeitet:
Viktor Ullmann „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ 1993
Herbert Lauermann „Das Ehepaar“ 1995/Viktor Ullmann „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ 1996/Viktor Ullmann „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ Inszenierung für Puppentheater 2014-2019
Als Autor hat Karahasan für ARBOS – Gesellschaft folgende Stücke geschrieben, die auch uraufgeführt worden sind:
„Al-Mukaffa“ 1994 /„Der Gesang der Narren von Europa“ 1994/„Der entrückte Engel“ 1995 (auch als Hörspiel für das Radioprogramm Ö 1)/„Das Konzert der Vögel“ 1997/„Babylon oder Die Reise der schönen Jutte“ 1999/„Die Fremden“ 2001/„UROBOS: Project Time“ 2001/„Schnee und Tod“ 2002/„Am Rande der Wüste“ 2003/„Eine alte orientalische Fabel“ 2004/„Die einen und die anderen“ 2005/„Gastmahl“ 2005/„Die Landkarten der Schatten“ 2011/„Prinzip Gabriel“ 2014/ Dazu kommen noch zwei Klassikerbearbeitungen durch Karahasan für ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater: „Der Tod des Empedokles“ von Friedrich Hölderlin 2005/ „Woyzeck“ von Georg Büchner 2007 (©Herbert Gantschacher 2016)
http://www.arbos.at/web_tv/kategorie_1.html

Blog-Cover-Foto2

Dževad Karahasan
Der Trost des Nachthimmels
Roman
Aus dem Bosnischen von
Katharina Wolf-Grießhaber
Gebunden,
724 Seiten
Suhrkamp-Verlag Berlin
ISBN 978-3-518-42531-2
€ 27,70
http://www.suhrkamp.de/buecher/der_trost_des_nachthimmels-dzevad_karahasan_42531.html

http://www.suhrkamp.de/download/Blickinsbuch/9783518425312.pdf


Ich danke Herbert Gantschacher für die Verfassung und Genehmigung zur Veröffentlichung seines Textes zur Tätigkeit und Bedeutung Dževad Karahasan als Dramatiker und Autor in Kärnten.

Ich danke dem Suhrkamp Insel Verlag für das Rezensionsexemplar.

Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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„Ich träume von einer Zukunft, auf der kein Gestern liegt.“ – DINGE AUS ANGST von Ingram Hartinger

Angst ist Grundthema der Menschheit. Alle Menschen empfinden Angst und finden sich oft in den ausweglosen Ecken dieses bedrängenden Zustandes. Als Grundbestandteil der menschlichen Emotionen kann die Angst überall sitzen: im Nacken, in den Knochen im Gedärm…. Kein Dichter, der sich nicht mit diesem Gefühl auseinandergesetzt hätte. Die „Dinge aus Angst“ werden bei Ingram Hartinger beim Namen genannt und sie haben hunderte Namen und Beschreibungen. Die Gedichte Hartingers lehren einen aber nicht das Fürchten, sondern das Hineinhorchen in die Poesie. Dort wo Angst ist, kann keine Liebe sein… bei Hartinger ist das nicht ganz so. „Ein verletzter und verletzbarer Ingram H. wird fast ohne verhüllende Literarisierung sichtbar“, heißt es im Klappentext. Die Grundstimmung der Gedichte kann man aus den verschiedenen Titeln erahnen:

Die drei Kapitel „Der Menschentag ist kein Spiel“ / „Schmerz, Flut von Wut“ / „Unbebilderte Fläche und Rand“ überschreiben jeweils ca. 50 unterschiedliche Gedichte. Als Einleitung zu den Kapiteln stehen kurze Prosatexte wie zB. „Ein weiterer See für Wörter, die vom Blatt rinnen.“ (S 13) oder „Schwarz.“

„Die schwarze Nacht hat aufgehört schwarze Nacht zu sein. So hell ist sie, dass ihre Kleider brennen. Solange der Fluss noch da ist, kann mit dem Wortgewehr noch geschossen werden. Dem Dunkel zu, wo Wörter sich zu Strichen rotten, zur radikal autonomen Tatsache.“ (S 14).

Die einzelnen Gedichte sind formal gesehen lange Dreizeiler, kurze geblockte Siebenzeiler, manchmal 4-zeilige Blöcke und Fünfzeiler, teilweise mit eingerückten Strophen und gestuften Einzügen – also von der Form her völlig frei und jedes Gedicht optisch anders gestaltet. Viele Widmungen oder Zitate folgen den lyrischen Titeln, die selbst wie eine Widmung wirken („Formlos verschrumpft“). Bei vielen Gedichten folgt ein abschließender Absatz, eine Art Rand-oder Schlussbemerkung, die sich am Ende meist auch selbst auf den Dichter bezieht.

„Dinge, die Angst verbreiten. Wie/ die Flutwelle der Selbstmörder oder/ das Ungleichgewicht der Dinge. Ein/ Schiffbruch ohne Boot. Das düstere/ Spiel vom Kommen und Gehen. Mir/ schwere Tropfen aus den Wimpern fallen./“ (S 80).
Oder auch: „Ingram findet, es sei Zeit für ein Gedicht oder/ einen kurzen Versuch. Über Ecken und Kanten/ wandernd, nähert er sich mit jedem Atemzug/ dem Horizont. Ich träume von einer Zukunft,/ auf der kein Gestern liegt./“ (S 167).

Es ist ein Abtasten der rüden Realität, verwandelt in einen behutsamen lyrischen Weg, der den Leser durch die Gefühle und Seelenzustände eines ewig Suchenden leitet, ewig suchend so wie wir alle. Eine Wortmetamorphose im unendlichen Reich der Assoziationen, „Die Gesänge der Seele“ (S 150). Das „Aufsammeln zerbrochener Seelenteile“ (S 110) und „menschliche Entfremdung“ gehören ebenso zum Repertoire Hartingers wie mit „Trockener Kehle“ (S 72) sich dem „Rhythmus der Angst“ einfach hinzugeben und einzutauchen.
Hartingers Lyrik besteht aus prosanahen Gedichten, deren Lesefluss über mehrere Zeilen hinwegführen kann und oft mit überraschenden Wendungen endet. Sie spiegeln Erinnerungen, Sinneseindrücke und Reflexionen, manchmal auch Erkenntnisse vom Leben und Sterben.

„Was lässt sich sagen von/ Süßsauren Schatten des Lebens/ Am Gaumen klebt die Seele/ Des Angsthasen zitternd vor/ Schreck“ (S 97).
Der Lesende fließt – ganz ohne Angst – durch die Gedichtstrophen und lyrischen Hymnen Hartingers in eine achtsame, dennoch zerbrechliche Poesiewelt, in der es viele Seelenzustände zu entdecken und zu erkennen gibt – ein Innehalten.

Blog-Hartinger-Porträt

Dr. phil. Ingram Hartinger, geb. am 28.12.1949 in Saalfelden (Pinzgau, Land Salzburg), lebt seit 1979 in Klagenfurt. Studierte Psychologie, Philosophie und Romanistik an der Universität Salzburg. 1979 – 2009 war er Krankenhauspsychologe am LKH Klagenfurt. Bisher über fünfzehn Prosabände (beim Droschl-, Folio- und Wieser-Verlag), sechs Gedichtsammlungen (u. a. bei Thanhäuser), Radiosendungen für den ORF (Tonspuren, Hörbilder). Zuletzt bei WIESER Dinge aus Angst (2015). Österreichisches Staatsstipendium für Literatur und Lyrikpreis der Stadtwerke Klagenfurt 2009.
https://de.wikipedia.org/wiki/Ingram_Hartinger
Blog-Hartinger-Cover-2
Ingram Hartinger
Dinge aus Angst
Gedichte
Wieser Verlag
Klagenfurt/Celovec 2015
ISBN 978 -3-99029-163-4
S 180
Gebunden, Lesebändchen
€ 19,50

https://www.wieser-verlag.com/buch/dinge-aus-angst/

Ich danke dem Wieser-Verlag Klagenfurt/Celovec für das Rezensionsexemplar.

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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„Wir sind die Zugabe. Wir dürfen spielen“ – Alfred Goubrans Roman DAS LETZTE JOURNAL

„Alles noch einmal in die Hand nehmen. Ein letztes, ein allerletztes Journal schreiben. Dann das Buch zuklappen und alles, was man darin aufgezeichnet hat, vergessen“. (S 318).

Dieser Gedanke könnte den Roman Alfred Goubrans grob umschreiben: Die Lebensgeschichte eines Mannes (Aumeier) und einer Frau (Terés) und drei historische Betrachtungen miteingeschlossen. Dabei die Erlösung von all den entsetzlichen Untiefen der Vergangenheit im Neubeginn (in einem anderen Land) suchen… Nur das mit dem Vergessen wird nicht klappen. In diesem aufwühlenden „Journal“ folgt der Leser den tagbuchähnlichen Eintragungen und langen historischen Reflexionen des Schriftstellers Aumeier beginnend mit November 2008 bis in den Juli 2009. Gleichzeitig wird man mit drei Erzählsträngen aus der (schwerbelasteten) europäischen Geschichte konfrontiert und vereinnahmt.

„Die meisten Menschen sind aus Angst gemacht“, resümiert der Protagonist Aumeier als Schriftsteller in seinem Journal (S 72) und weiter: “Die Dichter preisen Gott, doch Gott lobt die Dichter nicht. Vielleicht, weil sie den Magiern verwandt sind, den fremden Priestern, den Nekromanten und Sterndeutern? Vielleicht, weil wir allesamt falsche Propheten sind – aber Propheten sind wir, Terése. Jeder Dichter ist ein Orakel, aus dem sich das Unerschaffene in die Welt spricht. Jeder Dichter wirkt durch die unsichtbare Welt und weiß Dinge, die er nicht wissen kann – und das steht durchaus in der Tradition der Dichter, der ich mich verbunden fühle.“
( S 193).

Der 65-Jährige Schriftsteller, der sich gerade so durchschlägt, trifft nach 41 Jahren seine Jugendliebe Terése wieder und zieht zu ihr auf ein schlossartiges Anwesen mit Orchideentreibhaus mitten in Wien. Die Vergangenheit der beiden Protagonisten erschließt sich dem Leser langsam in Gesprächen und durch Rückblicke. Es kommt zu überraschenden Enthüllungen und bleibt bis zum Schluss spannend und in keiner Weise vorhersehbar, eher unfassbar. Aumeier plant mehr und mehr einen Neuanfang zusammen mit Terése und zieht zuvor Bilanz über sein Dasein und einen Schlussstrich unter die Ereignisse aus der gemeinsamen Vergangenheit. Das Spiel wird zum reinen Kampf.
In der großzügigen Bibliothek (seines einstigen Widersachers Schwarzkogler, dem das Anwesen gehört und auf dem Terése nur geduldet ist), findet Aumeier Zugang zu diversen historischen Schilderungen, die in das Journal aufgenommen werden: Man liest vom ersten Pogrom gegen Prager Juden im Jahr 1369, Teile aus der Biografie (bis zur Hinrichtung) von Jan Hus und von der menschenverachtenden Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei („Prager Aufstand 1945“).

Individuum und Geschichte treten in einen schmerzlichen Wettstreit mit der erdrückenden Gewissheit, dass man nur einen kleinen unbedeutenden Faktor im großen Geschehen darstellen kann und zu allen Zeiten die Grausamkeit menschlicher Abgründe über das einzelne Individuum hinwegschwappt.

„Es gibt Tage, Terése, Stunden, Augenblicke, da fühlt man sich in einen Abgrund geworfen. Da möchte man an den Menschen verzweifeln, an ihren Taten, an ihrer Bösartigkeit. Und an sich selbst.“ (S 125).
Philosophische Ansätze durchziehen den Roman und zeigen Aumeier als Selbstzweifler, als Künstler und als Aufzeiger. Mit dem Hass auf alles Deutsche in sich selbst, gegen die Angst, gegen die Falschheit und Verlogenheit. Desillusioniert von Politik, Gesellschaft und vom oberflächlichen Kulturbetrieb. Mit scharfer Beobachtung und spitzer Feder schreibt Aumeier und damit auch Alfred Goubran sich den Ärger von der Seele.

„Habe ich erreicht, was ich wollte – was wollte ich? Was sind das für Spiele, die man mit sich selbst spielt? – Wetten gegen das Schicksal, gegen die Wahrscheinlichkeit, Schwüre, die man sich als Kind gibt, Versprechen und kleine Gegengeschäfte mit Gott. All diese Eide, die man sich geschworen hat …jeder kommt doch einmal an diesen Punkt, wo er, ganz für sich, ins Dunkel hinausjammert, um Schonung oder Erlösung fleht, irgend etwas anfleht, damit der Schmerz aufhört, damit es nicht noch tiefer hinuntergeht, irgendetwas anbietet, um der Ausgeliefertheit zu entgehen….“ (S 270/71).

Ein Roman, der auf 383 Seiten Einblick in zwei außergewöhnliche Schicksale und auf eine Vergangenheit gestattet, verwoben mit authentischen Dialogen, voller lebendiger Beschreibungen und philosophischer Betrachtungen. Darin eingebettet aufwühlende Originaldokumente aus der realen Geschichte. Das grausame historische Geschehen aufgezeichnet für die Ewigkeit in einem “allerletzten Journal“. Die scharfe Beobachtungsgabe unterstützt den mitreißenden Lesefluss und zerrt den Lesenden an die Abgründe des menschlichen Daseins.

Alfred Goubran, Autor, Verleger Foto Copyright by  Johannes Puch www.johannespuch.at
Alfred Goubran, Autor, Verleger
Foto Copyright by Johannes Puch www.johannespuch.at

Alfred Goubran, wurde 1964 in Graz geboren und wuchs in Kärnten auf. Erste Veröffentlichungen in literarischen Zeitschriften, Performances und Lesungen ab 1981. 1993 gründet er in Klagenfurt den Verlag edition selene. 1998 Übersiedlung nach Wien, das auch zum neuen Standort des Verlages wird. 2010 stellt der Verlag die Geschäftstätigkeit ein. Im selben Jahr erschien Goubrans Erzählband „Ort“ und der Debütroman „Aus.“, beides im Braumüller-Verlag. Es folgten „Kleine Landeskunde“, Essai, Wien 2012, „Der gelernte Österreicher“, Idiotikon, Wien 2013 und „Durch die Zeit in meinem Zimmer“, Roman, Wien 2015 – alle im Braumüller-Verlag erschienen. Seit 2010 betreibt er das Musikprojekt [goubran].
www.goubran.com

Blog-Goubran-Rezension-Buchtitel

Alfred Goubran
Das letzte Journal
Roman
Braumüller Verlag
Wien 2016
ISBN: 978-3-99200-133-0
384 Seiten, Halbleinen
€ 21,90

http://www.braumueller.at/shop/catalog/information.php?info_id=54&navsection=3&autorenID=3325&osCsid=rts6ve9u0v9nukqkjrjuo2nev0

Foto (Beitrag) © Gabriele Russwurm-Biro
Foto (Porträt) © Johannes Puch

Ich danke dem Braumüllerverlag für das Rezensionsexemplar

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Ingeborg Bachmann und ihre prägenden Wiener Jahre – von Joseph McVeigh

Das Bild der Dichterin Ingeborg Bachmann während der Jahre 1946 bis 1953, als sie als junges Mädchen mit 19 Jahren von Kärnten nach Wien übersiedelte, um in der Großstadt Philosophie zu studieren, blieb bisher lückenhaft dokumentiert und daher nicht frei von Mythen. Obwohl im letzten Jahrzehnt viele Texte und Korrespondenzen (Briefwechsel) veröffentlicht wurden, darunter jene mit Hans Weigel, ihrem Mentor der Wiener Jahre, mit dem Geliebten Paul Celan, ihr Kriegstagebuch mit Briefen an Jack Hameshs, die Skripten der Hörspielreihe „Die Radiofamilie“ für den Sender Rot-Weiß-Rot, blieben die frühen Jahre und ihre Bedeutung für das literarische Schaffen Bachmanns wenig erforscht. Das wurde nun mit Joseph McVeighs Buch INGEBORG BACHMANNS WIEN (Insel Verlag 2016) über die Studienjahre 1946 bis 1953 in Wien nachgeholt und gründlich literaturwissenschaftlich dargelegt.

Für den Werdegang Bachmanns ist Wien eine wichtige Station, bevor ihre unruhigen Wanderjahre nach Ischia, Rom, Berlin, München und Zürich folgten. In einem späten Interview 1973 spielte sie sogar mit dem Gedanken nach Wien zurückzukehren.
Der US-Germanist Joseph McVeigh hat mithilfe mehrerer Nachlassverwalter (Weigel, Löcker, Dor) die Nachkriegsjahre erforscht – u. a. unterstützte Univ.-Prof Alexander Batthyany das Projekt, als Inhaber der Rechte des Nachlasses von Viktor Frankl – dem berühmten Psychologen und engen Freund Ingeborg Bachmanns. Weiters stellten Isolde Moser, Heinz Bachmann und Christine Moser unveröffentlichte Briefe und Unterlagen aus den Jahren 1946 bis 1953 zur Verfügung (Lückenlose Quellenangaben im Anhang).

Es ist das große Verdienst McVeighs, dass er sechs der Erzählungen und Zeitungsartikel von Bachmann dieser Wiener Zeit der interessierten Leserschaft in dieser Publikation wieder zugänglich gemacht hat. Er eröffnet damit einen interessanten und bedeutenden Aspekt auf das frühe Schaffen der österreichischen Schriftstellerin.

Die Wiener Jahre 1946–1953, als Bachmann studierte und für das Radio arbeitete, wurden mit zahlreichen Zitaten aus Briefen belegt und gestaltet. Ein lebendiges Bild der Zustände im damaligen stark zerstörten Nachkriegswien und der damaligen im Aufbau befindlichen Literaturszene wird geschildert. Bachmanns Arbeit für die Hörspielreihe „Die Radiofamilie“ wird bis ins Detail mit einzelnen Szenen dargebracht. Geldsorgen, Alltägliches, Unterkunft, Freunde und Freundinnen und die Zustände für junge Schriftsteller, die in Hans Weigel ihren Förderer gefunden haben – besonders auch die junge Kärntnerin Bachmann, die mit ihm eine Beziehung eingegangen ist. Sie gehört zum engeren Kreis um Hans Weigel im Café Raimund und lernt eine Reihe von Persönlichkeiten kennen: Paul Celan, Ilse Aichinger, Milo Dor, Otto Mauer, Hilde Polsterer und ihre Freundin und Gönnerin Bobbie Löcker, bei der sie von März 1949 bis Juli 1953 zur Untermiete wohnte (S 63).

Die sorgfältig ausgewählten Quellen und die Schilderung der äußeren Umstände – wie sie sich als Studentin durchschlagen musste – erzählen authentisch wie eng Leben und Werk der Dichterin in dieser Zeit verbunden waren, wie viele existenzielle Sorgen sie begleiteten und dass ihr Weg zu einem „Leben in der Dichtung“ angesichts der Verhältnisse im besetzten Wien der späten Vierziger und frühen Fünfziger Jahre, einiger Rückschläge im Privaten und beruflicher Fehleinschätzungen nicht zielgerichtet verlaufen konnte. Man erfährt auch von einem ersten Roman, verfasst, aber in letzter Minute von Bachmann selbst zurückgezogen und doch nicht veröffentlicht. Dieser Rückzieher hatte auch den Bruch ihrer Freundschaft mit Hans Weigel zur Folge.

Von Klagenfurt und ihrer Jugend in dieser Kleinstadt ist kaum mehr die Rede bei Bachmanns Dokumenten, die überliefert sind und aufgearbeitet wurden, obwohl sie die Klagenfurter als große Tochter der Stadt verehren und heuer zum 40. Mal den renommierten Literaturwettbewerb „Tage der deutschsprachigen Literatur“ zu Ehren Ingeborg Bachmanns veranstalten. Zudem befindet sich auch das Grab der Dichterin auf dem Annabichler Friedhof in Klagenfurt.

„Ingeborg Bachmanns Anspruch auf eine Zugehörigkeit zur weiblichen Elite des Wiener Kulturlebens mag anmaßend wirken und war zu der Zeit – im Sommer 1948 – noch eher ein Wunschbild als Realität, zumal sie bis dahin weder literarische Texte publiziert noch den Doktorgrad (Philosophie) erworben hatte. Zwar genoss sie schon damals nicht nur den Schutz Hans Weigels, sondern auch ein gewisses öffentliches Ansehen als seine rechte Hand. Dennoch konnte sie diesen früh erhobenen Anspruch – auch an sich selbst – erst 1952, mit der Aufnahme in die Gruppe 47, einlösen.“ (S 228).

Ingeborg Bachmann hat sich in Wien stark verändert, das belegt diese vorliegende Biografie. Ihre Erlebnisse in Wien haben ihren Blick auf die Menschen und ihre Lebenswelt verändert bzw. geprägt, auch ihr Bezug zur Dichtung unterliegt dieser Metamorphose. Sie studierte und arbeitete als Journalistin, Rundfunkredakteurin und Script Writer sowie als Schriftstellerin. Sie verliebte sich in zwei Männer (Schriftsteller) gleichzeitig – Hans Weigel und Paul Celan – eine junge Frau voller Widersprüche, die bald zwischen zwei Sesseln sitzt. Erst als ihr Traum zerbricht will sie Wien verlassen. Hans Weigels Indiskretionen zu seiner Beziehung zu Bachmann in seinem Schlüsselroman „Unvollendete Symphonie“ wurden von der jungen Dichterin toleriert und sie brach deswegen nicht mit ihm. Er nannte sie in seinem Roman sogar als „sein Geschöpf“ (S 224). Ihre „Kämpfernatur“ als Dichterin und Intellektuelle kam ihr in den kritischen Jahren 1951 – 1953 zugute, als sie sich von dem übermächtigen Weigel und Wien abwandte (S 225).

In ihre Heimat wollte sie nicht mehr zurückkehren. Bachmann sprach ganz offen von ihrer Entfremdung von ihrem Herkunftsland im Juli 1949 aus Vellach (Kärnten):

„Alles außer Wien ist ja unmöglich, hier musst ich ein Sonderling werden oder zugrunde gehen. Ich mag nicht mehr hier sein oder hierher zurück. Wien hat mir den Urwald verleidet, ich sitze hier ganz fremd und starre die Wilden so ehrlich entgeistert an, als ob ich nicht dazu gehört hätte. Auch Gedichte möchte ich wieder schreiben, aber drin soll kein Grasliches mehr vorkommen, das >auf feuchter, fruchtbarer Erde < usw. (Bachmann/ HW, 10.7.1949)/ (S 228). Wien hat demnach die junge Schriftstellerpersönlichkeit geprägt, die hier den Grundstein zu ihrer Karriere legte. Nach der Rückkehr von der Maitagung der Gruppe 47 im Juni 1952 reifte der Wunsch, Wien zu verlassen und ins Ausland zu gehen. Diese Flucht ins Ausland war für die Nachwuchsschriftsteller des Café-Raimund- Kreises eine Option, denn alle suchten neben Publikationsmöglichkeiten in Österreich auch Gelegenheit, sich in Deutschland zu präsentieren. Nach 1953 fand Bachmann einen neuen Stil und einen neuen Ton. „Erfolg als irrationales Phänomen - keiner der deutschsprachigen Nachkriegsautoren hat einen auch nur annähernd so erstaunlichen Beitrag geliefert wie die Österreicherin Ingeborg Bachmann. In einziger schmaler Gedichtband, „Die gestundete Zeit“, 1953 erschienen, und schon war ihr Name allen bekannt, auch solchen, für die Lyrik sonst nicht eben zum täglichen Brot gehört. Die Zeile, die bleibt, das Wort, das nie schal wird, die große Strophen haben ihren Ursprung dort, wo Leidenschaft und Leiderfahrung auf den Formwillen und das Formvermögen einer trotz aller Sensitivität im Kern unbeirrbaren Natur treffen“, so charakterisiert Günter Blöcker die Schriftstellerin in der Frankfurter Allgemeinen. Als Schlussgedanke sei ein Zitat von Ingeborg Bachmann zu ihren Wiener Jugendjahren, über die McVeigh so ausführlich berichtet und uns Einblick in ihr Handeln gewährt, ans Ende gestellt:
„Die Jugendjahre sind, ohne daß ein Schriftsteller es anfangs weiß, sein wirkliches Kapital. Die ersten Begegnungen mit Menschen, einer Umwelt. Was später dazukommt, was man für viel interessanter hält, bringt seltsamerweise fast nichts ein. Nur daß man erst in späteren Jahren überhaupt zu begreifen anfängt, was man mit dem ersten Blick gesehen hat.“ (Bachmann/ GuI, 79)/ (S 223).

Joseph McVeigh ist Professor für Germanistik am Smith College in Northampton Massachusetts. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der deutschen und österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts sowie auf den deutsch-amerikanischen Kulturbeziehungen nach 1945. 2011 erschien im Suhrkamp Verlag der von ihm herausgegebene Band Ingeborg Bachmann: Die Radiofamilie.
http://www.smith.edu/german/faculty_mcveigh.php

Blog-Bachmann-Buch-2

Joseph McVeigh
Ingeborg Bachmanns Wien
Mit sechs Texten, 1948/1949 für Zeitungen geschrieben.
Insel Verlag 2016
ISBN: 978-3-458-17645-9
314 Seiten, gebunden
€ 25,70
http://www.suhrkamp.de/buecher/ingeborg_bachmanns_wien_–joseph_mcveigh_17645.html
Ich danke dem Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.
Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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„Der Himmel wird ihn nie berühren“ – DER WEISSE ZORN von Axel Karner – eine Rezension

DER WEISSE ZORN ist ein Gedicht über 25 Seiten, eines, das im Ganzen zu lesen und zu denken ist, eine prägnante, eindringliche Geschichte in 17 Kapiteln mit Prolog und Epilog. Sehr kurze Sätze sind untereinander angeordnet. Sie bestehen oft nur aus einem oder zwei Worten – aus rudimentären KURZVERSIONEN – dabei entfaltet ein einziges Wort ein ganzes Gedankenuniversum vor dem geistigen Auge. In Stakkato-Kürze und treffsicherer Heftigkeit zieht es den Leser in eine verknappte und beschnittene Welt. Und es wächst sich zwischen den Zeilen Ungeheuerliches aus:
Bigotte Religiosität, kleinbürgerliche Enge, vermeintliche Alltagsbeobachtungen, unterdrückte Wut, Zerbrechlichkeit, Jähzorn, Unerwartetes. Dialoge, Zitate, abrupte Wendungen und immer ist man der Verdammung nahe. Auch vom Allmächtigen ist hinlänglich die Rede…

Das gesamte Gedicht, dessen Stärke in der Prägnanz und Heftigkeit liegt, steht unter dem Motto des weltweit bekannten amerikanischen Singer-Songwriters Steve Earle: „I´ll never get out of this world alive“. Eine unumstößliche (Lebens-)Weisheit zum Thema Tod, deren Logik man sich nicht entziehen kann. Ein weiterer Songtext (Lyrics) würde zu diesem Inhalt von Axel Karner passen, nämlich von der amerikanischen Alternativ-Rock-Band „My Chemical Romance“ (2001-2013) aus ihrem Song „Mama“, der lautet: „Mama, we all go to hell.“

Im Klappentext verheißt die Einleitung folgendes zum Inhalt: „Der Stammhalter wird geboren. Eine musikalische Laufbahn ist vorgezeichnet. Die bigotte Harmonie birgt jedoch eine zornige Welt. Ehrgeiz, Ohnmacht, Trauer. Enttäuscht lässt die Mutter das Kind verkümmern – umschließt den Erzwungenen. Feingeschichtetes springt.“

Zitate sind im Text eingefügt und werden Teil des Ganzen, Teil der Geschichte. Aus Werken von Hans Christian Anderson, Max Aub, Walter Kohl, Ali Podrimja, Alexander Widner und anderen sowie auch die Kantaten von Johann Sebastian Bach wie „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen „ (BWV12) und „Warum betrübst du mich, mein Herz“ (BWV 138) werden integriert.


Er kann es nicht lassen.
Schlug mit dem Schädel aufs Eis.
Da erzitterte der Spiegel. Sein Grinsen.
Barst. Blendend, blinkend Glas.
Die Augen blitzten – sternenklar,
Ruhe und Rast.
Königin zur Nacht.

Axel Karners Bibliographie hat in Klagenfurt beim ehemaligen Alecto-Velag Klagenfurt (Gratzer/ Zefferer) begonnen. Dort hat er – wie später auch beim Verlag Bibliothek der Provinz (Weitra/ NÖ) und seit seinen „Lissabonner Gedichten“ beim Wieser-Verlag Klagenfurt/Celovec – Gedichtbände in Dialekt und Schriftsprache veröffentlicht. Karner ist seinem Lektor Gerhard Maierhofer stets treu geblieben. Auch in diesem vorliegenden Band. Auch sein Interesse an Abstrusen, an den schroffen Gegensätzen ist gleich geblieben und spannt in diesem Lesebändchen einen poetischen Bogen über die Geschichte eines Jungen.

Cornelius Hell, Literaturkritiker und Essayist sagt in seiner Laudatio zur Verleihung deS Gert-Jonke-Preises 2015 in Klagenfurt folgendes zum Thema Lyrik:
„Darum ist es ein Schaden und eine Schande, dass Gedichte zumindest im deutschsprachigen Raum kaum mehr etwas zu gelten scheinen, dass in öffentlichen Literaturgesprächen nur mehr über Romane gesprochen wird, dass wichtige Zeitungen kaum mehr Gedichtbände rezensieren und vor allem, dass die neue Zentralmatura und das dahinterstehende Konzept des Deutschunterrichts nicht nur Gedichte, sondern gleich der Literatur überhaupt das Wasser abgraben, das sie auch für kommende Generationen fruchtbar machen könnte.“

Blog-Axel-Karner-Porträt-text

Axel Karner wurde 1955 in Zlan/Kärnten geboren, lebt und arbeitet als Autor und Lehrer für Evang. Religion, Darstellendes Spiel und Soziales Lernen in Wien. Schreibt Lyrik und Kurzprosa in Dialekt und Schriftsprache. Mitglied u.a. bei der GAV (Grazer Autoren Autorinnen Versammlung), beim Literaturkreis Podium und beim ÖDA (Österreichische DialektautorInnen Archive). Ausgezeichnet u. a. mit dem BEWAG Literaturpreis und dem Kärntner Lyrikpreis. Publikationen in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften.

A meada is aa lei a mensch. Gedichte. Alekto Verlag, Klagenfurt 1991 (vergriffen)
A ongnoglts kind. Gedichte. Alekto Verlag, Klagenfurt 1995
Georg Schurl. Mörder. Kriminalgeschichten. Alekto Verlag, Klagenfurt 1997
Kreuz. Gedichte. Illustriert mit Scherenschnitten von Joseph Kühn.
Bibliothek der Provinz, Weitra 2003
Schottntreiba. Gedichte. Illustriert von Ingeborg Kofler. Bibliothek der Provinz, Weitra 2004
Vom ersten Durchblick des Gewebes am zehnten November und danach. Kriminalgeschichten. Bibliothek der Provinz, Weitra 2007
Die Stacheln des Rosenkranzes.
Lissabonner Gedichte. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2007
Das Gedächtnis der Ameisen. Erzählung. Evangelischer Presseverband, Wien 2007
Chanson Grillée. Gedichte.
Illustriert von Anne Seifert. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2010
Der rosarote Balkon. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2012

Blog-Axel-Karner-Cover

Der weiße Zorn.
Ein Gedicht.
42 Seiten, gebunden,
Lesebändchen
ISBN: 978-3-99029-162-7
Wieser Verlag,
Klagenfurt/ Celovec 2015

14,80 €

https://www.wieser-verlag.com/buch/der-weisse-zorn/

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

Ich danke dem Wieser-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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„Wer zuletzt lacht“ – ein Faschings-Krimi aus Kärnten von Wilhelm Kuehs

Der Villacher Fasching und seine mörderischen Schattenseiten stehen im Mittelpunkt von spannenden 335 Seiten Krimilektüre. In dem neu erschienenen Roman „Wer zuletzt lacht“ wird der Niedergang des Landes anhand von Einzelschicksalen gezeigt.
Der gebürtige Wolfsberger Wilhelm Kuehs (Germanist und ehemaliger Journalist in Kärnten) zeichnet akribisch in seinem mittlerweile zweiten Kärnten-Krimi, das ausgelassene Faschingstreiben und einen bis ins letzte Detail geplanten, hinterhältigen Mord am Villacher Bürgermeister! Ein Skandal – gerade zur Villacher Hochsaison – im Fasching. Ein Mord, genau während einer der so beliebten Faschingssitzungen, als bizarre Kulisse für Macht und Machenschaften.
„Wer in diesen Wochen durch Villachs Straßen spaziert, dem erscheinen oft seltsame Gestalten. Kobolde und Gnome treiben sich in den Gassen herum. Ein Zug von Narren mit goldenen Kappen schreitet über den Hauptplatz …“ (S 162). Absonderheiten werden von Wilhelm Kuehs geschildert und viele Kärntner „Besonderheiten“.

Mit einem Satz könnte man die Romanfigur, den selbst ernannten Ermittler, Ernesto Valenti, Journalist und Sensationsreporter bei der „Kärntner Tagespost“, so charakterisieren, wie in einem Dialog aus dem Kapitel 30: „Wenn Sie aus Villach berichten wollen, müssen Sie unbedingt einen Witz erzählen können“ (S 149). Das kann und will Valenti nicht – muss er nicht, denn das Lachen bleibt einem beim Lesen sowieso im Hals stecken, bei all den halbseidenen Seilschaften der Faschingsgilde. Hartnäckig und unbestechlich bleibt Valenti dran, bis er seine „Geschichte“ für die Zeitung hat, keinen Politikern über den Weg traut und überdies den Mordfall klären will!

„Handlungen und Personen sind keine Abbildung unserer gemeinsamen Wirklichkeit. Denn ein Roman ist keine Reportage. Elemente der Wirklichkeit werden transferiert, modelliert und manchmal bis zur Kenntlichkeit entstellt, um ein sekundäres System, eine narrative Welt zu schaffen,“ erklärt der Autor selbst in seiner Nachbemerkung (S 333).

BLog-Porträt-Kuehs

Spannend und in einem angenehm flüssigen Stil geschrieben, lässt der Autor als Medieninsider und Kärntenpolitik-Kenner ein treffendes Bild von Machenschaften, dubiosen Projekten, geplanten und verhinderten Einkaufszentren, Bordellen und Prostituierten, vor den staunenden Augen der Leserschaft entstehen. Der Aufdeckerjournalist Valenti hat es im Roman mit zwielichtigen Gestalten zu tun: „Das ist doch kein Mann. Wo andre Leute ein Herz haben, hat er eine Brieftasche. Nur Geld, Geld, Geld. Keine Werte, kein Anstand und keine Ehre“ (S 139). Kuehs trifft damit den Zeitgeist einer Gesellschaftsschicht, die sich verbrecherisch etabliert hat und über alles drüber fahren kann und will, was im Weg steht, koste es, was es wolle.
Der Autor zeichnet auch ein genaues Bild einer lokalen Zeitungsredaktion, von einem Alltag als Reporter und von Kärnten, speziell die beiden Städte Villach und Klagenfurt, das Einheimischen und Eingeweihten manchmal ein Schmunzeln herauslockt. Ein analytischer Blick und detektivisches Denken führen den Lesenden schnell durch die Geschichte. Wer (wirklich) zuletzt lacht in diesem Krimi, wird nicht verraten!

Der Autor, Mag. Dr. Wilhelm Kuehs, wurde 1972 in Wolfsberg geboren und lebt mit seiner Familie in Völkermarkt. Er studierte Germanistik und Komparatistik an der Universität Klagenfurt, hat jahrelang als Journalist gearbeitet und wurde vor allem durch seine Beschäftigung mit den Kärntner Sagen bekannt. 2014 gewann er den 1. Platz beim Literaturwettbewerb Kärnten wortwörtlich/Koroška v besedi mit der Erzählung „Sarajevo Falling“.
Dem ersten Roman („Der letzte Rock hat keine Taschen“, Haymon tb 2015) und vorliegenden zweiten („Wer zuletzt lacht“ Haymon tb 2016) mit Ernesto Valenti als Protagonisten wird bald ein dritter Kärnten-Krimi folgen, dann ist die Trilogie perfekt.

http://magazin.haymonkrimi.at/2015/12/03/im-land-der-herunterfallenden-sonne/

Ich danke Mag. Dr. Wilhelm Kuehs für das Rezensionsexemplar.

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

Blog-Buch-Kuehs-Titel-

Wilhelm Kuehs
Wer zuletzt lacht
Kriminalroman
336 Seiten
Paperback, Taschenbuch
ISBN 978-3-7099-7824-5
Haymon Taschenbuch 2016
12,95 €

http://www.haymonkrimi.at/page.cfm?vpath=buchdetails&titnr=7824

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„Irgendwann wird man traurig vom Warten “ – WINTERS GARTEN von Valerie Fritsch– eine Rezension

Die junge österreichische Autorin Valerie Fritsch hat mit ihrem zweiten Roman WINTERS GARTEN, (Suhrkamp 2015), viel Aufmerksamkeit durch ihre melodische, ausdrucksstarke Sprache erregt. Sie ist der Shootingstar der österreichischen Literaturszene schlechthin.
Die sympathische Schriftstellerin ist 1989 in Graz geboren und studierte an der Akademie für angewandte Photographie. Sie arbeitet als Autorin (Prosa und Lyrik) und gleichzeitig als Fotokünstlerin, ist viel und gerne auf Reisen in fernen Ländern, das spürt man auch in ihrem Roman. Ihre enge Beziehung zur Bildsprache, zu einem drastisch symbolischen Ausdruck, lässt sich in ihrem Text nachspüren. Virtuos und sinnlich, voller lebendiger Eindrücke und Gefühle, genaue Beobachtungen – auf einen Blick eindeutig identifizierbar, aber auch voller Verzweiflung.

In dem 154 Seiten langen Roman WINTERS GARTEN beschreibt die Autorin in acht Kapiteln lyrisch bewegt die Geschichte von Anton Winter. Im 1. Kapitel taucht man in einen Idealgarten als Rückzugsort ein, eine Idylle einer Jugend schlechthin mit allen Details einer glücklichen Kindheit. Ein Seelengarten voller Geborgenheit, mit Großmutter und Großvater. Die Fülle der Natur und das Entdecken einer wunderbaren Welt stehen im Mittelpunkt des kleinen aufgeweckten Buben.
„Für Anton Winter war die Kindheit vollgestopft mit hohen Gräsern und Teerosen und grünen Äpfeln in den Bäumen, die man den ganzen Sommer über so begehrlich ansah, dass sie irgendwann schüchtern erröteten“ (Seite 11). Im 2. Kapitel ist Anton erwachsen und lebt als einsamer Vogelzüchter in der Stadt, „dünn vor Sorge“ wie die übrigen Bewohner dieser beängstigenden Umgebung in einer Welt, die aus den Fugen gerät. Die Welt steht kurz vor der Apokalypse und es gibt kein Entrinnen. „Man wurde blind über Nacht. Es wurde schwarz vor dem inneren Auge. Wer träumte, sah nichts mehr, und statt der Bilder drängten sich Töne in den Schlaf, wuchsen sich aus zu einer Kakophonie markerschütternder Laute, die den Menschen im Schädel hallten und die Ohren betäubten“ (Seite 41). Im 3. Kapitel lernt Anton mit 42 Jahren Friderike kennen und erstmals lernt er zu lieben. Wer sie war bleibt ein Rätsel. Sie stürzen sich in eine aussichtslose Liebe ohne Zukunft mit all ihren sakralen Augenblicken und den menschlichen, fast tierischen. „Während draußen die Welt in tausend Stücke fiel, schliefen die Menschen miteinander, weil sie nichts anderes anzufangen wussten mit ihren heilgebliebenen Körpern, als sie zusammenzukleben zwischen all den Scherben.“ (Seite 60). Weiter geht es im Kapitel 5 mit dem Gebärhaus, in dem Friderike arbeitet. Anton ist dort Totengräber.

Jeder Satz bei Valerie Fritsch ist schlüssig und gibt das Große und Ganze wieder. Die Gegensatzpaare Leben und Tod, Tag und Nacht, Grauen und Schönheit werden lyrisch und klangvoll aufbereitet. Prosa voller Todessehnsucht und Weltuntergangsstimmung. Man könnte den Text auch Singen, sosehr nimmt die Satzmelodie und der Sprachrhythmus den Leser ein. Eine Wortkomposition, eine Klangreise in die Tiefen des Textes. „Den einsamsten aller Planeten hat mein Großvater die Erde genannt, weil hier jeder für sich allein kämpft und jeder für etwas stirbt, für das man so gerne leben würde“ ( Seite 70).

Die junge Autorin hat 2015 sehr erfolgreich am 39. Bachmann-Wettbewerb teilgenommen. (http://bachmannpreis.orf.at/stories/2709005/).
Ihr Text „Das Bein“, eine Erzählung über einen ehemaligen Tänzer, der den Verlust seines Beines nie überwinden konnte, wurde mit dem zweiten Preis (KELAG-Preis) und vom Publikum zum besten Text gewählt. Klagenfurt steht einmal im Jahr im Mittelpunkt der deutschsprachigen Literaturszene. 2016 wird vom 29. Juni bis 3. Juli das Jubiläum 40 Jahre Bachmann-Preis (http://bachmannpreis.orf.at/stories/2746380/)
gefeiert und an die vielen überragenden Preisträger erinnert, wie auch die beiden Kärntner Schriftsteller Gert Jonke (1977) und Maja Haderlap (2011), die den begehrten Preis gewonnen haben.
Valerie Fritschs Sicht auf dieses Wettlesen ist allerdings sehr ambivalent: „Das waren absonderliche Tage an einem absonderlichen Ort. In dieser kleinen Provinz, wo sich dann alles um Literatur dreht oder zu drehen glaubt. Und ständig darüber geredet wird. Das ist ein Literaturtribunal in der Öffentlichkeit“, bemerkt sie in ihrem Interview mit Eva Straka in der Ausgabe 4/ 2015 des Kultur-Magazins PORTRAIT S 53 (http://magazin-portrait.at). Literatur mache eben schon nach ein paar Tagen sehr müde, besonders, wenn man auf der Präsentierscheibe stehe, so Fritsch.
Ihr Roman WINTERS GARTEN macht nicht müde und fasziniert den Leser, der sich auf ihre wundersame Welt einlässt.

Eine Übersicht über ihre Werke und einen Eindruck von ihren Fotos erlangt man auf ihrer eigenen Homepage http://valeriefritsch.at/index.php?id=werkeusgezeichnet
Die Autorin erhielt zahlreiche Stipendien und Förderpreise.

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

42471_Fritsch

Valerie Fritsch
Winters Garten
Roman,
154 Seiten
ISBN: 978-3-518-42471-1
Suhrkamp 2015
€ 17,50

http://www.suhrkamp.de/buecher/winters_garten-valerie_fritsch_42471.html

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