Kategorie: Rezensionen

„Ausweglosigkeit ist der Tod“ – historischer Roman zur Gewalt im slowenischen Bürgerkrieg

Die österreichische Schriftstellerin Ditha Brickwell hat einen beeindruckenden historischen Roman über die Verführung der Jugend zu Krieg und Gewalt verfasst und damit ein starkes Zeichen gegen jegliche Ideologie gesetzt.Erschienen ist der 421-Seiten starke Roman soeben im DRAVA Verlag (Klagenfurt/ Celovec).
„FEDJAS FLUCHT“ beschäftigt sich mit viel Empathie und mitreißenden Schilderungen mit den Auswirkungen des slowenischen Bürgerkriegs 1943 bis 1945. Philosophisch-essayistische Überlegungen und dramatische Gegebenheiten der exakt recherchierten historischen Fakten setzt die Autorin gekonnt zu einem Gesamtbild zusammen. Machtansprüche machen auch vor der Religion nicht halt.
Militante Ideologie frisst ihre Kinder…

Der jugendliche Ich-Erzähler in diesem Roman – Fedja – erlebt die Jahre des slowenischen Bürgerkriegs in seiner direkten Umgebung und Familie. Es ist eine Entwurzelung gegen Ende des 2. Weltkriegs. Dabei bekämpfen einander bürgerlich-katholische und kommunistischen Milizen, Partisanen rekrutieren Jugendliche und rüsten zum bewaffneten Kampf. Viermal muss die Familie flüchten. Das Kriegstreiben der Alten, die Waffenspiele der Kinder, das Töten im Namen von Religion und – die völlige Orientierungslosigkeit am Kriegsende. Die katholischen Milizen fliehen nach Kärnten; sie vertrauen der britischen Besatzungsmacht; doch anstatt dass sie nach Italien gebracht werden, finden sie sich auf einer Todesfahrt in die Arme der Partisanen wieder. Fedjas hellsichtige Mutter folgt ihnen und versucht in einer atemlosen Aktion, ihre Söhne noch auf Kärntner Boden herauszuholen. In starken Bildern verdichtet Brickwell die Erzählung von Zeitzeugen und historische Tatsachen. Das Thema ist leider derzeit in vielen Konflikten sehr aktuell wie die Berichte der Kriegsdramen in Syrien und Afghanistan täglich bestätigen.

Ditha Brickwell wurde 1941 in Wien geboren und ist dort aufgewachsen. Sie schreibt Romane, Essays sowie Erzählungen. Sie studierte in Wien, Berlin und New York, arbeitete in Berlin, Brüssel und Paris als Architektin und Stadtplanerin. Sie lebt seit 1964 in Berlin und Wien als freie Schriftstellerin.

https://www.ditha-brickwell.eu/

Brickwell über die Entstehung ihres Romans: „Die Namen in diesem Roman sind erfunden, die Personen und die Handlung sind es nicht; die Erzählung greift auf historische Tatsachen zurück, die ich im Gespräch erfahren hatte und in Büchern dokumentiert fand. Ich danke den Brüdern Eiletz, vor allem Silvin, dass sie mir beide geduldig ihre Erlebnisse für dieses Buch berichteten und Philomena Grassl, die mir Gespräche mit Zeitzeugen übersetzte. Boris Mlakar von der Historischen Kommission in Ljubljana hat mich beraten. Auch ihnen allen großen, herzlichen Dank. Ich war insgesamt dreimal in Slowenien, um mich mit allen Ereignisorten vertraut zu machen. Ich ging durch die Räume der Bezirkshauptmannschaft von Maribor, wo die Dienstwohnung der Familie Eiletz gewesen war und verfolgte ihren ersten Fluchtweg. Ich sah mich in Ljubljana um, besuchte die Schule, die 1943 zur Kaserne umgewandelt worden war, sodass die Schüler in ihren eigenen Klassen Soldaten spielen konnten, ich stand vor dem Haus, in dem die Familie gewohnt hatte und die unheimliche Nacht der Ungewissheit durchwachte, als die italienische Besatzung abgezogen war und die Deutsche Wehrmacht einmarschieren würde. Ich war auf der Burg und sah hinunter in die Altstadt von Ljubljana, wo sich 1945 der Tross der Flüchtenden staute, und ich besuchte zweimal die Burg Turjak, sah den Innenhof, in dem die Domobranzen vor der Eroberung der Burg gelagert hatten, ich fuhr durch die Dörfer auf der anderen Seite der Hügelkette und die Waldwege hinab, auf denen Silvin Eiletz und sein Freund durch Partisanenland auf klapprigen Rädern gefahren waren – und am Ende erkundete ich auch den Kočevski Rog.“

„Die Auseinandersetzung der slowenischen Bevölkerung mit diesen Ereignissen ist immer noch sehr verhalten…. und fast jeder Gesprächspartner und jede Gesprächspartnerin versuchte zunächst uns zu erklären, auf welcher Seite sie stünden… und die Frage, warum ich dieser Geschichte hinterher forsche, obwohl es sich doch um Nazi-Kollaborateure handele, brachte mich immer wieder in lange Erklärungsschleifen über das Menschenrecht auf eine individuelle Schuldzuweisung. Was war aber mein persönliches Motiv, das mich zwei Jahre lang an dieser Erzählung schreibend festhielt und mich veranlasste, meinen Hauptroman liegen zu lassen … warum bin ich dreimal in ein mir fremdes Land gefahren? Als mir Silvin Eiletz vor langer Zeit die Geschichte erzählte, wie seine Mutter ihn und seinen Bruder aus dem Todeszug holte – mit welcher Entschlossenheit sie dies tat (und doch nur die ihren und niemanden sonst rettete), und wie surreal die Szene zwischen dem britischen General ohne Soldaten und den jugendlichen Soldaten ohne Schutz und Gewähr anmutet, war mir klar, dass ich einmal darüber schreiben müsste – schließlich ist dies auch eine Geschichte über das begrenzte Versagen der Frauen, der Mütter. Ihren Mut und ihre Verantwortung sollen wir stärken… in dieser Welt der Kriege.“ (Ditha Brickwell)

https://www.drava.at/buch/fedjas-flucht/

https://de.wikipedia.org/wiki/Ditha_Brickwell

LESEPROBE: Ausschnitt aus dem II. Kapitel des Romans von Ditha Brickwell


(Erschienen in Literatur und Kritik,
Hrsg.: Karl Markus Gauß)
Ljubljana, 3. Mai 1945: Eine katholische slowenische Familie wird hinter den Deutschen her nach Österreich fliehen. Doch der fünfzehnjährige Fedja will zu den Partisanen gehen, zu seinem Cousin Mischa und dem Mädchen Serafina. In einem Stadtpalais wird er Zeuge eines Gesprächs zwischen Mischa und einem Abgesandten Titos über die Gewalt des slowenischen Bürgerkriegs. Die beiden Lager sind unversöhnlich, lernt Fedja, Utopien verurteilt zum Scheitern.
Die Kirche ist voller Menschen, er findet einen Platz an der Säule, der Vater hat sich umgewandt und ihn gesehen, wird ihn bis zum Ende der Messe nicht mehr suchen, es eilig haben, weiter regieren gehen – in dieser Zeit auch sonntags im Amt – die Mutter wird ihn bei anderen Familien vermuten, bis sie den Brief findet. Im Scharren am Beginn der Predigt, als sich alle für das Zuhören zurechtrücken, löst er sich aus der Bank, bewegt sich behutsam im Schatten des Seitenganges und schlüpft durch den schmalen Schlitz des Tores. Rennt, springt, über die Steinquader, Se-ra-fi-na, jetzt komme ich. Er schaut in jedes Frauengesicht, doch es sind zu Masken erstarrte Fratzen, aus Falten, Rissen und Wellen, mit stumpfen Augen, ins Irgendwo gedreht. Sie hocken auf Decken unter wackeligen Baldachinen, aus Schürzen oder Tüchern. Zeltstadt Dreibrücken. Schmale Pfade zwischen Lagernden. Auf der Straße nach Norden hin rucken die Fuhrwerke, die weiter fahren. Von dort her schwillt Schreien und Kreischen, hier ist ein Murren und Scharren, bis vor die Tür des Kaffeehauses hin. Der Kellner Sergej steht auf den Eingangsstufen und drängt Frauenschultern zurück, die sich gegen ihn schieben.
„Er ist drüben in der Altstadt!“ ruft ihm Sergej über drei Köpfe hinweg zu, „du wirst schon sehen, wo auf dem Platz die Leute hineingehen.“ Fedja, angestoßen, weicht zurück in eine Spalte zwischen Menschenleibern, lässt sich forttreiben, auf die Balustrade zu. Auf der Brücke findet der Fuß kaum einen Pfad zwischen Binkeln und Packen. Aufder Altstadtseite kommt er schneller voran, bis
auf den großen Platz, vor ein stuckgeschmücktes Tor, das Menschen aufnimmt und hergibt; er geht hinein, wie einer, der schon oft hier war, herein gehört, weiß, wohin er will. Er läuft, wie zehn andere, die breite Stiege hinauf und gegen das Licht und hinüber. In der Zimmerflucht liegen die Lichtstreifen aus hohen Fenstern quer, dunkel- hell-dunkel; Leute trappeln; ein sonnenglühendes Eckzimmer am Ende. Hinter Schattenbalken irgendwo sind Geheimtüren, andere Korridore, klappt eine niedrige Tapetentür auf, kommt ein Rauschen aus trüben Dienstbotengängen. Fedja bleibt im Hauptstrom der Säle und Kabinette, wo Männer in rauen, schmutzigen Röcken sich auf seidenen Sofas räkeln, an polierten Tischen schreiben, im Glanz der Zimmer aufgenommen als herber Schmuck. In einem kleinen Kabinett mit Eichentäfelung ausgeschlagen, klafft eine Tür zum Hintertrakt. „Wir sind die neue Macht“, spricht eine Stimme über Fedjas Schulter, „siehst du das?“ Neben Mischa steht ein Mensch, gewaltig wie ein Bär, „das ist mein kleiner Assistent Fedja und das hier Cyril, mein ältester Freund unter den Kroaten, wir gehen jetzt hinauf, wo Cyril sich ausschlafen kann.“ Durch die Paneeltür gelangen wir zu einer Spindelstiege, die ein fahles Licht von oben empfängt. Hier ist es still, nur die knarrenden Holzstufen geben den Takt der Schritte an, viele Windungen, Mauergeruch, Moderwolken, Holzduft. Wir stehen auf dem Dachboden. Zwischen den Balken und Sparren hängen Decken und Tücher, in den luftigen Kojen stehen Feldbetten, liegen Deckenstapel. Mischa führt uns in einen dämmrigen Winkel, der mit dunkelrot und weiß gemusterten Teppichen ausgelegt ist. Auf einem zierlichen Tischchen stehen Flaschen und Gläser. Wir kauern auf samtenen Polstern. Lass uns die Bequemlichkeit der versunkenen Zeit genießen… Mischa schenkt ein, für sich und für Cyril – und mit einem Seitenblick auch für Fedja. Er zündet eine Zigarette an: „Wir sind die neue Macht,“ sagt er und bläst zischend den Rauch weg, „die Menschen strömen uns zu, die Brigaden füllen sich auf, die Dienstboten der vormaligen Herren sind zuvorkommend zu uns, wir hasten durch die Schlösser zu eiliger Arbeit, bevor wir – oder die Deutschen – sie niederbrennen, so war das in der Gottschee, so ist es überall. Aber bevor du deine Ruhe nach der Reise bekommst, Cyril, trinken wir noch einen auf die neue Macht.“ Er schenkt ein, für sich und den Freund, Fedjas Glas ist noch voll, die vom Schnaps verätzten Lippen haben nicht mehr als einen Schluck in die Kehle gelassen. Mischa kippt den Kopf zurück, der Inhalt des Glases soll in einem Schwall schnell den Magen erreichen.
„Hast du Nachrichten für mich?“
„Eine Menge,“ sagt Cyril, seine Augen gleiten über Fedjas Gesicht, Fedja, der Assistent, hört nicht zu, macht sich klein, denkt an nichts, ergreift zwei leere Flaschen und räumt sie fort. Hockt sich hin und streicht Linien in den Staub. Ist in seinem eigenen Hohlraum von Aufmerksamkeit. „Warum musstet ihr sie allesamt hinrichten?“ „Cyril, du fragst wie der andere Genosse vom Obersten Stab.“ „Und was hat der Genosse Kardelj geantwortet?“ „Er sagte: das sollte sie demoralisieren! Und er lachte dabei, wie der Genosse Vorsitzende immer lacht, wenn er vollständig überzeugt ist.“ „Bist du überzeugt, Genosse?“ „Nein, Genosse, die Frage kommt immer wieder aus dem Hinterhalt: Warum alle töten ohne Prozess und ohne Rücksicht auf persönliche Schuld? Doch es folgt immer wieder die Einsicht, dass solche humanistischen Regungen nur ererbte Reflexe einer katholischen Kindheit sind. Wir sagen uns: die Kämpfer waren erbittert und müde, hatten selbst viele Genossen verloren. Ihnen kamen die Freudenfeste in den Sinn, mit denen die Dörfer an der Küste den Untergang des Faschismus feierten. Und sie dachten an die Deutschen, die näher rückten, die sie gerne aufgehalten hätten. Stattdessen würden sie gegen die Weißgardisten kämpfen, junge Burschen, wie sie selber, die sich von ihrer verräterischen Obrigkeit in Zucht nehmen ließen, diesen unverbesserlichen Alten, die mit ihren schändlichen Parolen die Jugend in den Kampf lockten und sich selbst in Luxushöhlen verkrochen. Die Genossen schlachteten diese unsere Brüder, weil sie sich verführen ließen und auf die falsche Seite gingen – und dortblieben, aus Angst vor uns. Das ist ihre ganze Schuld. Die deutschen Faschisten verdienten zuerst unseren Zorn, aber die Faschisten verlieren ohnehin an allen Fronten. Der internationale Imperialismus erlebt ein Inferno. Die sowjetischen Genossen kämpfen den entscheidenden Kampf. Wir hier haben unser Haus für die Revolution aufzuräumen, sauber zu machen. Jetzt und gründlich …
so sieht das zumindest der Genosse Kardelj. Wir Genossen müssen den Söhnen der alten Eliten unversöhnlich gegenüberstehen. Der Vorschlag der Weißen zu einem Nichtangriffsabkommen wäre abzuwehren gewesen, hätte er nicht den Genossen das Tor zu Scheinverhandlungen geöffnet, die sie klug zu nutzen wussten. Sie schickten Frauen zum Reden auf die Burg Turjak – die Frauen der Weißgardisten zusammen mit dem Wirten aus dem Dorf und einem Studenten als Führer. Die beiden hatten Seile im Rucksack. Ließen diese heimlich vom Turm herab. Der war nicht bewacht, vom steilen Absturz her erwarteten die Weißen keine Gefahr. In der Nacht kletterte ein Genosse an der Turmmauer empor und legte Sprengsätze an die angrenzende Mauer, das war die Schwachstelle der Burg. Von Süden her donnerte die Kanone, das Geschenk der Italiener. Die Ostmauer stürzte unvermutet ein, mitsamt der Kapelle. Was nützte noch der Turm? Mauer um Mauer wurde erkämpft und gesprengt – trotzdem hielten die Weißen in ihrer Verbohrtheit tagelang aus, das hat vielen Genossen das Leben gekostet, erst am 19. September am hohen Mittag haben sie die weiße Fahne gehisst und die Burg übergeben.“ „Wieviel Tote?“ fragt der Genosse Cyrill, und sein breiter Kopf, hoch aufgerichtet, bleibt im Dunkeln. Mischa schenkt sich wieder Schnaps ein, die anderen Gläser sind noch halbvoll. „Mit den toten Gefangenen: vielleicht siebenhundert.“ „Und wieviel tote Genossen?“ „Dreihundert oder mehr.“ Cyril steht auf, den Kopf unter die Dachschräge gebeugt fragt er: „Wo sagst du, Genosse, ist Wasser?“ „Geh in den Oberstock zurück, von der Boden- stiege aus links, wirst schon sehen.“ Die Schritte lassen die Holzstufen ächzen, die Tür schlägt auf, das Summen der unteren Säle schwillt herauf. Mischa trinkt, und es wird wieder still. (Die Tür ist zugefallen). „Deine Brüder waren in Turjak, Fedja, oder nicht?“ Mischas Lippen sind rund, die Silben fließen träge heraus. „Bo und Milovan, ich sehe sie an unserem Tisch, beim Weihnachtsessen in Lemberg. Bo unser Liebling – später in fremden Katakomben als Quäler unterwegs, und Milovan, der Zarte, mit einer Kokarde in falschen Farben auf dem Kopf, deine Brüder, Fedja, sind sie um- gekommen auf Turjak?“ „Nein, sie sind rechtzeitig abgezogen, waren bei den Bergbrigaden, die sind über die Höhen fort.“ Mischas Blick sucht die Teppichmuster ab.
„Unser beider Freund Matija, von dem ich meinen Partisanennamen habe, war dort.“ Mischa schenkt für sich Schnaps nach. „Mein Kinder- freund Matija, er kletterte zu rasch am Seil empor, zu hastig, wollte alles gut machen, schwingt übermütig vom Turm auf den Mauerbogen der Kapelle, eingeklammert in das Altarfenster legt er den Sprengsatz an und zündet – hatte die Lunte noch in der Hand als er schon starb, sagen sie,
die Bresche war groß genug, hat vielen anderen das Sterben erspart.“ (Das Gesicht des Matija, als die Steine stürzen, in Blitz und…) Mit Gepolter kommt der Genosse Cyril zurück. „Es besteht die Notwendigkeit der Einigkeit des Volkes“, spricht er (als hätte er die Worte im Waschraum erfahren). Sein Körper strömt Frische und Kälte aus. „Der Zusammenhalt ist jetzt, wo das Ziel näherkommt, wesentlich. Jeder Weißgardist, der lebt, ist ein Sprengsatz an der Zukunft. Jeder Tschetnik, der heute verschont wird, könnte später die neue Gesellschaft sabotieren. Deshalb war auch der Tötungsakt an den Gefangenen von Grčarice zu billigen…“ Mischa hat wieder zwei Gläser vollgeschenkt, Cyril ergreift eines und dreht es. „Aber warum sie abschießen wie Tiere?“ fragt Cyril und gibt sich atemlos die Antwort selbst: „Es fehlt den Genossen die Technik für den Übergang in die neue Zeit; sie haben keine Regel, wie mit der schuldigen Klasse zu verfahren sei. Sie sehen in der Theorie die neue Zeit vor sich, die Utopie schwebt im klaren Licht herab zur Wirklichkeit, aber der Weg dorthin ist noch im Dunkeln.“

„Ich sehe das klare Licht,“ lallt Mischa, kippt
den Kopf, setzt das Glas mit dem wasserhellen Schnaps an, trinkt und wärmt des Glas zwischen seinen Händen, „und ich sehe einen Graben und die Genossen am Rand mit steilgehaltenen Gewehren, nicht, wie man sie gegen Feinde hält.“ Das Glas schwebt zurück zum Tisch, wird vollgeschenkt und gleitet über die Knie zum Mund. „Doch was ist Töten? Ich war nicht vor Turjak. Ich habe in der Sutjeska gekämpft und niemanden erschossen. Ich zielte nur in eine Silberwand aus Rauch. Mein Feind war im röhrenden Wald, der hie und da vor Schmerz schrie, also hielt ich meine Feuergarbe dagegen, und die Antwort
kam in Donnerschlägen von da und dort. In der Stille danach, wenn das Pfeifen nur einen Seufzer lang aussetzte, sprang ich auf und hetzte dorthin, wo ich den Einschlag gesehen hatte. Sie treffen niemals das gleiche Loch, sie schwenken die Haubitze weiter und durchkämmen den Berghang. Ein Granattrichter ist der sicherste Ort in einem solchen Kampf, und willst du weiter, so hopst du wie ein Springbock von Knall zu Knall, von Deckung zu Deckung. Du siehst nichts in der Grube im Dampf, du hörst nur das Heulen und spürst den Einschlag – und auf geht’s, dorthin, wo die Staubwolke aufgetrieben ist. So überlebte ich den Kampf am Dragaš-Sattel, den Weg durch die Zelengora und hielt den letzten Durchlass für Tito und den Stab aus dem Kessel der Deutschen offen. Und wozu? Für ein neues Land, sage ich. Nur, dass mein gerechter Krieg hinter einer Wand von Rauch und Gestank irgendwo zurück geblieben ist. Also: Auf den Neuanfang.“ Cyril steht auf und schaut sich zwischen den baumelnden Tuch- wänden um, „der bewaffnete Kampf muss sein“, sagt er zerstreut. „Aber nicht mehr lange. Wir sind die neue Macht. Hast du nicht immer gesagt, wir slowenischen Genossen hätten keine kämpferische Kraft? Dass wir uns niemals allein befreien könnten? Also, wozu bist du jetzt da?“ „Als Untergrundkämpfer in der Stadt seid ihr stark. Der Genosse Kardelj ist lange Zeit nicht in den Wald gegangen, also ward ihr in der Stadt stark. Nur das planlose und irrtümliche Liquidieren war nicht so glücklich.“ Um das zu sagen ist er zu uns zurückgekommen. „Nicht so glücklich, “ auf Mischas Lippe platzt eine Speichelblase, „liquidieren heißt flüssigmachen. Prost.“ Er hebt sein Glas (das
aber leer ist). „Liquidieren, das ist Zerquetschen, du drückst, und der Saft quillt heraus. Aus den Leibern der Insekten schlappt der Saft. Liquidieren ist nicht Hinrichten. Hinrichten macht den Toten zum Verbrecher, Töten macht ihn zum Feind, Liquidieren zum Insekt. Prost. Wir sind die neue Macht. Gut organisiert und gut bewaffnet, weil: die Geschichte kommt als Verbündete auf uns zu. Wir schwächten den deutschen Aggressor. Die Briten zählten die Toten, rechneten sie uns zu und zählen jetzt auf uns. Glänzende Mathematik. Die einen besitzen und stürzen ins Verderben, die anderen haben nichts zu verlieren und kämpfen sorglos. Die Gleichung geht auf. Die Kollaboration wird den Klerikalen nicht verziehen. Die Unversöhnlichkeit der Genossen ist unauflösbar.“ „Wo, glaubst du, kann ich mich für eine Weile ausruhen?“ fragt Cyril, der eine zweite Schleife zwischen den Matratzen während der Rede des Mischa gedreht hat.
„Sieh selbst“, sagt Mischa, und sein Glas beschreibt einen Kreis, „die Matratzen, die wir
aus der Kaserne geholt haben, liegen da wie die Spielfelder auf einem Schachbrett, sind von weißen Kollaborantenköpfen eingedrückt und von Aggressorenärschen plattgewalzt. Jetzt werden sie von Partisanen-Rücken besetzt. Stell dich Läufer auf ein schwarzes Feld. Die Okkupanten haben gezogen, jetzt sind die Alliierten an der Reihe, die legen sogleich die Begrenzungslinien des Schachbretts neu aus, an der Drau, an der Save. Wir Genossen studieren die Mechanik des Spiels, das Volk berauscht sich am historischen Augenblick.“ Cyril schiebt mit der Fußspitze eine Matratze zurecht. „Ich schlafe gleich hier“, murmelt er. „Das Volk schreibt seine Geschichte selbst“, redet Mischa weiter mit leerem Blick, „das malten die Genossen auf ein Transparent in Kočevje, um es über den Köpfen der Delegierten anzubringen. Schreibt das Volk selbst? Oder wir, die Avantgarde, die für das Volk denkt und handelt – und es in tödliche Scharmützel entsendet? Oder sind es vielmehr die Spieler Churchill und Stalin, die uns längst an den Köpfen gepackt haben? Ah ja, es herrscht Aufbruch in Einmütigkeit und Begeisterung. Wir sind geleitet von einer neuen Theorie.“ Cyril lässt sich auf die Matratze fallen, streckt die Füße aus, legt den Kopf auf seinen linken Arm und schaut in das Dachgebälk hinein (vielleicht kommt von dort der Schutzengel und drückt dir die Augen zu, pflegte Marta, die Köchin, zu sagen; aber der Genosse hält die Augen offen und hört zu). „Der Utopismus der Theorie und die Widersprüche zur Wirklichkeit, wie lösen wir sie auf? Die neuen Machtblöcke in Europa sind schon jetzt hinter ideologischen Lügen verbarrikadiert, um sich vor unseren Aufbrüchen in die Zukunft zu schützen. Wieder werden zu alten Herren gewordene Kämpfer ihre idealistische Jugend gegen enthusiastische Jugend hetzen, bis zur Leerung des Kampffeldes, wie auf dem Schachbrett. Schub- laden tun sich auf, um die Toten zu verschlingen. Aber wir lassen dich jetzt ruhen, Genosse, dass dich der Schlaf verschluckt.“ Mischa packt die Flasche, in der noch ein Mundvoll Schnaps schwappt, legt mir die Hand auf den Kopf und dreht ihn zur Holzstiege, die zur Bodentüre hinunterführt. „Wir gehen jetzt dort hinaus.“ Er steht, richtet den Blick aus und geht mit zierlichen Schritten, weicht den Tüchern, Binkeln, Matratzen und sich über den Boden streckenden Quertramen aus, er stolpert nicht, passgenau tänzelt er durch die Unordnung. Am Geländer der Stiege hält er sich fest, das Licht aus dem Bodenfenster strahlt ihn an. Als er mich neben sich spürt, sagt er leise: „Woher diese Zweifel?“ Er wischt sie von der Stirn weg. „Immer wieder legen sich Zweifel in mein Gehirn, haben einen Gewohnheitsplatz da drinnen, von Kindheit an, haben sich in meinem frommen Kinderleben eingewöhnt, die Zweifel, durch tägliche Gewissenserforschung zur Nacht.“ Schritt für Schritt geht er die federnden Holzstufen abwärts. „Beichtgang jeden Freitag! Oh! Meine Genossen, die sind immer kampf- bereit, lustvoll neugierig auf das Kommende…“ Schritt, „Nachdenken und Entscheiden liegt in der Hand der führenden Genossen im Stabsquartier. Bedingungsloses Dazugehören.“ Schritt und Schritt. „Keine Bündnisse. Kein Wechsel der Parolen. Begreife doch die führende Rolle der Partei, Genosse. Sie hat immer recht. Aus ideologischen Gründen.“ Mischa öffnet die Bodentür, und wir stehen im lichten Stiegenhaus, über uns der gemalte Himmel des Deckenfreskos, schwelgende Frauen, von Luft gebauscht Kleider, ein Finger zeigt… auf was?
„Die Existenz Gottes“, sagt Mischa in das helle Stiegenhaus hinein, „die existentielle Frage ist ausgespart.“ Im großen Schwung sucht die Hand und findet das Geländer. Er lehnt gegen die Balustrade und beugt den Kopf weit hinaus über den Abgrund, das Gesicht dem gemalten Himmel zugewandt, gedehnt zum Staunen. Der Kopf wird wieder hergeholt und vorwärts gebeugt und rückt sich über dem Stiegenlauf zurecht. Abwärts gehen ist leicht, die Stufen sind breit und flach, Fuß vor Fuß setzend schreiten wir. „Ich liebe meine Zweifel“, raunt mir Mischa ins Ohr. „Die süßen lauen Zweifel am Ostermorgen: Der Auferstandene kommt und isst und geht, und sie erkennen ihn nicht, verwechseln ihn mit Gärtnern und Fischern. Und keiner darf ihn berühren, wenn er sie anredet, warum? Die müden, schönen Zweifel im Dunkel des Beichtstuhles… ich bekenne, dass zwischen meinem Glauben und der Welt draußen eine Kluft klafft, von unbekannter Länge und Tiefe; lass uns gemeinsam hineinleuchten, mein Sohn. Lass uns gemeinsam in die Sakristei gehen.“ Mischa salutiert, und der Mann, der an ihnen vorbei die Stiege heraufkommt, grüßt erschreckt zurück, wendet sich nur kurz um, und Mischa hat längst die Hand von der Stirn fortstürzen lassen. „Mein Herr Kaplan, mein Kinderkatechet, hatte die Sehnsucht nach dem Verstehen längst aufgelöst, er trieb in der Suppe der Gewohnheiten. Er überließ die Wahrheitsfindung dem Papst. Mein Herr Kaplan besaß Worthülsen, vom Papst überreicht, vom Bischof in die Pfarre weitergeben, vom Pfarrer eingepflanzt. Genauigkeit der Formel. Gewöhnung trägt die Gemeinde. Ich aber liebe die Einsamkeit des Zweifelns. Ich habe meinen Zorn!“ schreit Mischa auf und stützt sich auf die schräge Marmorplatte der Balustrade, dass er schauen kann, wer ihn bestaunt, doch im Geklapper der Schritte, im Lärm von aneinanderstoßenden Gerätschaften und Gerümpel horcht keiner zu, seine Rede ist eingemischt in das Durcheinander von Rufen und Schlägen. „Meinen Zorn über die Fortsetzung des Krieges, den Überfall auf die Sowjetunion, die Hilflosigkeit der Eltern.“ Er packt meinen Arm, schiebt mich vor sich her und vor das Tor.
„Der Zweifel ist das Seelenfutter. Hör zu: Zweifeln heißt, die Muster der Widersprüche immer eingehender verfolgen“, er grinst mich an, „und plötzlich schaut in der Nacht das Unfassbare herein. Was ist hinter dem Universum? Was zündet das Leben? Vorsichtig nie Gesagtes oder kaum Gefragtes in Worten formen – das ist ein Höhenweg voller Abstürze.“ Mischa redet zu sich, vielleicht auch zu mir von der Seite. Er biegt in eine Passage, die kühle Luft beschleunigt seine Schritte. „Immer oben bleiben, an der Kante entlang torkeln, so lange, bis das Unerwartete erscheint und dich tröstet. Zu mir ist es gekommen und nannte sich atheistischer Sozialismus. Der fügte in meinem Kopf alles zusammen, Gefühle, Analysen, Erlebnisse, Umwege. Bis eines Tages die Gewöhnung sich drohend zeigte. Ich erkannte diesen Schädling zuerst an der Sprache der Genossen. Die Sätze wurden abgegriffen und ausgelutscht weitergereicht, weil: Angesichts des Feindes gilt Zusammenhalt. Die Vorherrschaft der gemeinsamen Worte. Mögen sie falsch, unerhört oder gelogen sein. Keine Prüfung, keine Widersprüche und niemals Gegenreden. Die Genossen nahmen mir das Kostbarste, das ich bislang besaß: die Muße zum Zweifeln.“ „Was willst du bei uns?“ fragt er – und wir stehen auf den Stufen vor dem Tor. „Mitarbeiten für die neue Zeit.“ „Du bist noch ein Kind.“ „Ich bin Kind und erwachsen zugleich. Das ist mein Vorteil.“ „Du weißt alles. Gut. Dann behalte deine Übersicht und bleib weg von uns. Denn bei uns verlierst du deine bourgeoise Seele. Bist ausgeliefert.“ Er spürt meine Gegenwehr, er hört meine Fragen und Sätze, bevor ich sie spreche. „Du warst doch Ministrant. Siehst du – und bei uns bleibst du Ministrant, mit noch mehr Strenge und ohne den mystischen Schutz des Glaubens an die Ewigkeit.“ „Aber der Dichter Kocbek ist bei euch und hat seinen Glauben behalten, höre ich.“
„Ach der Kocbek. Die Genossen nehmen ihn nicht ernst – in seinem Traum vom linken Katholizismus. Und ich sage dir, sie haben recht.
Du kannst nicht den Gedankenschirm von Gott zum Menschenstreit spannen, der platzt sofort. Die christlich-sozialistischen Fadenspinner sind ihrem Wesen nach gewaltlos, also wehrlos, von Anfang an. Sie sind leidend, nicht handelnd. Sie ergeben sich: Wer um meinet willen Bruder und Schwester und Haus und Hof verlässt … nur dem verheißt Jesus die Erlösung im Himmelreich. In unserem Kampf geht es aber um Haus und Hof und Bruder und Schwester. Wer kann sie im Geist der Bergpredigt retten? Den Handlungsauftrag der Bergpredigt haben wir noch immer nicht verstanden oder können ihn hier zu Lande nicht anwenden: wenn dir einer den Mantel herunterreißt, lass ihm den Rock. Ein Verhaltenskodex, für den es in unserer Zeit keine Übersetzung gibt, keine Enträtselungsformel. Gewaltfreier Kampf ist nicht denkbar. Wenn sich der Feind an deiner Nachgiebigkeit ins Unermessliche steigert, bleibt dir in letzter Folge nur der Märtyrertod und das Himmelreich. Er besiegelt das radikale Ende vollkommener Friedfertigkeit. Selig-wer-um-meines- Namens-willen Verfolgung leidet. Ihm wird im dialektischen Sprung der Himmel offenbart. Das Versprechen des ewigen Lebens. Du glaubst, der Verweis ist nicht zu ertragen? Das hat die Kirche erkannt. Sie schart die ratlosen Nachfolger Christi um sich schon seit langem und schenkt den Friedfertigen den Begriff des gerechten Friedens. Das ist ein geteilter, bemessener, nach umstrittenem Maß zugeteilter Frieden, der Besitzansprüche und Trennlinien zeugt – um diese darf gekämpft werden. Seit Jahrhunderten sind wir aufgestellt und eingeteilt für den Krieg um den Frieden.
Wem aber gehört der so heiß umstrittene Frieden, dir oder mir? Die jungen Menschen vor und in der Burg Turjak, diese Bauernburschen und Studenten, die Intellektuellen der beiden Seiten, sie starben für weniger, als eine gerechte Zukunft oder ihr ewiges Leben… Sie gingen zugrunde für die Besitztümer alter Männer hier und für die unbekannten Ansprüche politischer Funktionäre dort. Sie alle haben unschuldig den Tod erlitten – für die Machtziele ihrer Eliten. Keiner wagte, die Friedfertigkeit als Kampfmittel weiterzudenken. Alle ergaben sich dem schamlosen Ansinnen, für jeweils andere zu kämpfen. Sie setzten dem Diktat der Gewalt nichts entgegen. Warum? Weil niemand den Erzählungen der alten Männer ausweichen konnte. Die blutigen Bilder aus dem großen Krieg … Isonzo … Verdun … und 1915 die Schlacht um Belgrad, die Namen der Toten, die Orte, wo sie starben … im kleinen Resonanzkasten der Familien klangen die Schrecken nach, erzeugten neue Bereitschaft zum Krieg. Alle waren sich einig, der Kampf ist unvermeidbar. Der Begriff der Unvermeidbarkeit nistete in allen Köpfen, die Waffen lagerten in den Kirchen und in den Scheunen.“
„Meine Mutter sagt, Ausweglosigkeit ist der Tod.“ Mischas Blick kommt von weit her, hält sich mit Mühe auf meinem Gesicht, „geh zu deiner Mutter, “ sagt er, „geh, und sei froh, dass du noch ein Kind bist und in eine andere Zeit entkommen kannst.“ „Ich will nicht, ich muss bei euch bleiben… um Serafina zu finden.“ „Die Kellnerin von Dreibrücken? Die mit den schönen langen Haaren, die bei uns Larissa hieß? Das Mädchen
ist tot.“ Mischa hört kein Seufzen und kein Schluchzen, weil Fedja ihm nicht glaubt, weil die Nachricht nicht ankommt und einschlägt. „Sie ist tot. Frauen, die lieben, sind immer zwischen den Fronten. Ich kenne ihre Geschichte. Sie ging mit einem italienischen Soldaten, darum schoren ihr die Nachbarn die Haare. Die Genossen brachten sie also mit – weil sie so nicht in der Stadt bleiben wollte. Vor Ţelimje geriet sie in Gefangenschaft, die Weißgardisten machen keine Gefangenen. Man hat sie und andere erschossen. Vielleicht war es einer deiner Brüder? Oder deren Freunde? Frag sie doch, ob sie im Erschießungskommando gestanden haben. Für Serafina und die andren Toten ist es gleich. Geh zu deiner Mutter, Fedja, schau, dass du entkommst!“ Und Mischa gibt mir einen Schlag auf die Schulter, deutet nach Norden, und ich beginne zu laufen, immer schneller, hüpfe zwischen den Fuhrwerken und Menschenknäueln hin und her, Fedja befreit sich von allen diesen Hindernissen und läuft am Ufer Ljubljanica hin, so schnell, dass er die Fugen nicht sehen, die Silben nicht mehr sagen kann: Se-ra-fi-na.
©Ditha Brickwell (Fedjas Flucht/ DRAVA 2018)

https://www.morawa-buch.at/detail/ISBN-9783854358688

Details
ISBN 978-3-85435-868-8

Gebunden
Verlag Drava Verlag
Erscheinungsjahr2018
Erscheinungsdatum 27.02.2018
Seiten 421 Seiten
Sprache Deutsch
€ 21,-

Facebooktwittergoogle_plus

Erstaunliche Bilder mit Sprache gemalt

Tinte im Weißwein lautet der geheimnisvolle Titel des neuen Erzählbandes von Maria Alraune Hoppe. Die Kärntner Autorin entführt die Lesenden mit unkonventionellen Wort- und Szenenkombinationen in eine Welt voll Überraschungen.
Maria Alraune Hoppe ist eine außergewöhnliche in Kärnten lebende Künstlerpersönlichkeit. Näheres über ihre biografischen Daten und ihren beruflichen Werdegang brauchen hier nicht angeführt werden, das finden Sie in ihrem neuen Buch alles aufgelistet. Sie ist eine starke Frau und beschäftigt sich seit dem Jahr 2000 mit Kunstprojekten aller Art. Das ist nicht nur die Literatur und der pointierte Einsatz der Sprache, das ist auch die Musikimprovisation.
„Tinte im Weißwein“, 2017 erschienen im „der wolf verlag“ heißt ihr neues Werk. Die 47 Erzählungen in diesem Band sind wie ein Beitrag zur Verbesserung der Welt, aber nicht in einem kitschigen, allgemein üblichen, sondern in einem sehr tiefsinnigen Sinne.

Hoppe stellt diesem Buch ein Zitat von Albert Einstein voran: „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle“. Und genau dieser Satz sollte den Lesenden das ganze Buch hindurch begleiten, weil es ebenso geheimnisvoll ist, was Maria Alraune Hoppe hier beschreibt, und den Leser mit auf eine Reise nimmt, wirklich mitnimmt ins Geheimnisvolle. Sogar das Coverfoto Hoppes entführt in entrückte Welten.

Es gibt überraschende, unerwartete Wendungen. Sie schafft es, erstaunliche Bilder mit Sprache zu malen. Man kommt im Grunde bei diesen kurzen Erzählungen und kurzen Geschichten kaum aus dem Staunen heraus.
Ich möchte das mit ein paar Beispielen untermauern: ein Satz hat mir besonders gut gefallen, weil er in sich geschlossen und sehr poetisch ist, poetischer und lyrischer, als man für eine Erzählung annimmt: „Und der Pinsel sang mit dem Papier sein Lied“.

Das könnte auch eine Gedichtzeile sein. Oder: „Die Dunkelheit scheint jetzt noch dunkler, als wäre es jenes Schwarz, das samtig weich und liebevoll alles verschlingt, was ein Eigenleben zu haben glaubte“. Wenn man über diese Sätze nachdenkt – und man kann nicht einfach nur so drüber lesen – das sind sehr tiefgründige Feststellungen und auch Erfahrungen. Mir ist auch aufgefallen, dass es Wortschöpfungen gibt, die sehr treffend bei Maria Alraune Hoppe sind, wie zum Beispiel: „Die Mit-mir-nicht-Seite“, die sollten wir alle auch immer gestärkt vor uns hertragen.
Und besonders beachtlich ist auch ihre Aussage, dass „Farben einnehmen einen stärken“ könnten. Und da sind wir schon beim Titel: Farben einnehmen, das heißt: Tinte im Weißwein. Also nicht Tintenfisch an Weißwein, wie man vielleicht mutmaßen könnte, sondern die Farbe Tinte im Weißwein, und wenn man die dann schluckt, dann ist man gestärkt, aber mehr verrate ich nicht.

Ich wollte Sie auf ganz beachtenswerte Überschriften hinweisen, die Sie hier in diesem Buch finden können: „Der Irrwitz des Tages“, „Das Türritzenamt“, „Geflimmertes Getuscheltier“.
Gestalten tauchen auf wie: „Der Geheimgangwärter“, „Der dünne Stimmchenpiepser“´, auch „Das Begierdengetier“. Wir kennen das Gemeinte alle sehr gut, aber richtig benannt – mit einem Augenzwinckern – hat es Maria Alraune Hoppe. Solche Wortschöpfungen machen neugierig und führen in eine empathisch subtile Poesiewelt.

https://www.heyn.at/list?cat=&quick=Maria+Alraune+Hoppe

Zur Person: http://www.kaerntner-schriftsteller.at/verband/mitglieder/maria-alraune-hoppe/

Maria Alraune Hoppe
TINTE IM WEISSWEIN
47 Erzählungen, 1000 Facetten von Leben

der wolf verlag | wolfsberg 2017
13 x 21 cm
160 Seiten
Pappband mit Schutzumschlag

ISBN 978-3-902608-79-6
 
21,80 €

https://www.raggernot.net/shop/
Foto © russwurm-photography

Facebooktwittergoogle_plus

Feinheiten des Kärntner Literaturwettbewerbs – nachzulesen in der neuen KSV-Anthologie

Seit 2002 schreibt der Kärntner Schriftstellerinnen-Verband jedes zweite Jahr einen Preis für neue Literatur aus. 2016 war das bereits die achte Ausschreibung. Damit zählt der KSV-Literaturpreis neben dem Bachmannpreis, der international angelegt ist und in Klagenfurt im Rahmen der „Tage der deutschsprachigen Literatur“ vergeben wird, und dem Kärntner Lyrik-Preis der STW Klagenfurt seit 2008, zu den wichtigsten und beständigsten Wettbewerben für neue Literatur in Kärnten.

Vor nunmehr 14 Jahren wurde im Zuge einer Neuorientierung und Umorganisation des Verbandes durch den damaligen Präsidenten Gerard Kanduth dieser Preis des Kärntner Schriftstellerverbandes für neue Literatur ins Leben gerufen, vor allem auch, um noch unentdeckte literarische Talente im Lande aufzuspüren und ihnen ein Podium bieten zu können. Wettbewerbe zählen immer noch zu den wichtigen Gelegenheiten im Literaturbetrieb, um „entdeckt“ zu werden. Ganz besonders, wenn die Beiträge in einer Publikation dokumentiert und nachvollziehbar werden. Das ist nun erstmals dem KSV gelungen, um die Einsendungen, die von hoher Qualität sind, auch „greifbar“ zu machen.

Auf eine Themenvorgabe wurde verzichtet, als Form wurde Prosa vorgegeben. Immerhin kamen 35 Texte zu den unterschiedlichsten Themen, Ansätzen mit unterschiedlichen Stilformen als Einreichungen. Es fällt nicht leicht aus dieser Menge sehr guter Texte eine Longlist von 16 Beiträgen und daraus eine Shortlist von fünf besten auszuwählen.

Die vier Siegertexte und weitere besondere Beiträge von der Longlist sind nun in Buchform mit dem Titel „Feinheiten“ im Kärntner „der wolf-verlag“ 2017 erschienen, um nachlesen und die Juryentscheidungen nachvollziehen zu können.

Mit Texten von: Greta Lauer (1. Platz), Angelika Stallhofer (2. Platz), Paul Auer (3. Platz) und Miriam H. Auer (4. Platz). Sowie ( in alphabetischer Reihung): Helena Maria Drexler, Stefan Feinig, Ronny Goerner, Tatjana Gregoritsch, Maria Alraune Hoppe, Christina Jonke, Bianca Kos, Eva Possnig, Hugo Ramnek, Rebekka Scharf und Christne Tidl.

Die jährlich wechselnde Jury setzte sich beim letzten Wettbewerb aus den Vorstandsmitgliedern Engelbert Obernosterer (Vorsitz), Reinhard Kacianka, sowie Arnulf Ploder zusammen. Eine Veröffentlichung der eingereichten Texte wurde bereits 2014 angedacht. Für alle ausgewählten Autorinnen und Autoren bietet die Anthologie ein Forum der Veröffentlichungsmöglichkeit.

Diese vorliegende Publikation stellt den Beginn einer eigenen KSV-Literaturwettbewerbs-Edition dar, die alle zwei Jahre die besten der eingereichten Texte zugänglich macht. Damit soll sich ein Gesamtbild der Kärntner Literaturszene ergeben und dokumentiert werden. Zudem sollen den Autorinnen und Autoren, die oft noch nicht publiziert haben oder von der Öffentlichkeit noch nicht ausreichend wahrgenommen wurden, eine Plattform geboten werden, um sie zu fördern und vorzustellen.

Die neue Edition soll auch einen Anreiz bieten, an dem Wettbewerb künftig teilzunehmen.

Die nach den neuen Förderrichtlinien des Landes entscheidenden Kriterien wie zeitgenössisch, Förderung des Künstlernachwuchses und Kärntenbezug haben wir bei der Ausrichtung unseres Wettbewerbs schon immer als Auftrag und Zielrichtung verstanden und umgesetzt.

Unser Dank gilt dem Land Kärnten für die jährliche Subvention, dem Bundekanzleramt (BKA) und den rund 70 Mitgliedern, die durch die Beitragszahlungen dem Verband zu Eigenmitteln verhelfen, die angespart und für besondere Verwendungen eingesetzt werden und uns die Ausschreibung eines solchen Wettbewerbs erst ermöglichen.

Die bisherigen Gewinner des SV-Literaturwettbewerbs waren:

2002 (Barbara Grascher),
2004 (Simone Schönett),
2006 (Jürgen Lagger),
2008 (Hugo Ramnek),
2010 (Christoph W. Bauer),
2012 (Harald Schwinger)
2014 (Anna Baar, 2. Miriam Auer, 3. Ursula Wiegele)
2016 Die fünf Bestgereihten (in alphabetischer Reihung):
Miriam Auer, Paul Auer, Greta Lauer, Elke Laznia und Angelika Stallhofer

Der nächste Wettbewerb des KSV, an dem Autorinnen und Autoren, die in Kärnten geboren wurden oder mindestens seit 5 Jahren in Kärnten ihren Lebensmittelpunkt haben, unveröffentlichte Prosatexte einsenden können, wird im März 2018 vom Kärntner SchriftstellerInnen Verband ausgeschrieben.

http://www.kaerntner-schriftsteller.at/termine-2/

Feinheiten

Ausgewählte Texte des
KSV-Literaturwettbewerbs 2016
Herausgegeben vom
Kärntner SchriftstellerInnen Verband
Gabriele Russwurm-Biro
der wolf verlag 2017
ISBN 978-3-902608-63-5
157 Seiten
€ 12,-

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

Facebooktwittergoogle_plus

Zeile für Zeile innige Freundschaft – Briefe Maria Theresias an Sophie Enzenberg

Als Machtpolitikerin und geschickte Managerin des großen Habsburgerreichs tritt uns die historische Erscheinung und Politikerin Maria Theresia zu ihrem 300. Geburtstag entgegen. Eine bedeutende Frauenpersönlichkeit ihrer Zeit und als Vorbild darüber hinaus. Die Berichte und Dokumentationen überschlagen sich vor und nach dem Geburtsdatum 13. Mai von der Monarchin. Als wäre nicht längst schon alles gesagt worden zu dieser herausragenden Persönlichkeit. Aber das stimmt so nicht: kleine Wunder ereignen sich auch in der Geschichtsforschung. Deswegen ist eine unter den zahlreichen interessanten Maria-Theresia-Neuerscheinungen besonders zu empfehlen, da sie durch einen privaten Schriftverkehr die persönlichen Aspekte der Politikerin in den Vordergrund stellt.

Die gebürtige Kärntnerin Monika Czernin lebt als freie Autorin und Filmemacherin in München und beschäftigte sich intensiv in letzter Zeit mit großen Frauenpersönlichkeiten (zuletzt mit Anna Sacher und ihrem Hotel).
Ihr neu erschienenes Buch „Liebet mich immer – Maria Theresia – Briefe an ihre engste Freundin“ erschienen im Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2017, und dokumentiert einfühlsam einen bedeutenden historischen Fund aus dem Privatleben der Kaiserin.

Die empathische Autorin Monika Czernin hat zusammen mit dem Historiker Jean-Pierre Lavandier vorliegendes Buch mit dem in Vergessenheit geratenen Originalbriefwechsel Maria Theresias für ein breites kulturinteressiertes Publikum aufgearbeitet.

Es sind private Briefe, offenherzig und ehrlich, frei von allen äußeren Zwängen zwischen zwei engen Freundinnen Maria Theresia und ihre ehemalige Hofdame Sophie Enzenberg zwischen 1745 und 1780. Alle Mitteilungen, Wünsche, und Befindlichkeiten im Vertrauen geschrieben und mit der Auflage, die Briefe zu verbrennen. Es zählt also zu den großen Glücksfällen für die Geschichtsforschung, solche wertvollen handgeschriebenen Dokumente zu entdecken.

1745 wird Sophie Baronin Schack von Schackenburg (spätere Gräfin Enzenberg) Hofdame von Kaiserin Maria Theresia und es entsteht eine Freundschaft. Auch als Sophie ihrer Heirat wegen Wien verlässt und nach Innsbruck übersiedelt, bleibt das Vertrauensverhältnis bestehen. Maria Theresia wird die Patin des Sohnes der Gräfin Sophie, der als „schöner Franzl“ Bekanntheit in Kärnten erlangte.

Jenes Patenkind, Franz Joseph von Enzenberg, wurde später Obersthofmeister der in Klagenfurt residierenden ältesten Tochter der Kaiserin, Maria Anna. Das prächtige Denkmal auf dem Neuen Platz verdanken die Klagenfurter einer Reise der Monarchin im Juli 1765. Es blieb der einzige Besuch Maria Theresias. Sie war mit dem Hofstaat auf dem Weg nach Innsbruck. Dort ereilte sie das Schicksal und ihr Mann Kaiser Franz Stephan von Lothringen starb unvorhergesehen.

http://kaernten.orf.at/tv/stories/2836769/

86 größtenteils unveröffentlichte Briefe wurden in Schloss Tratzberg über 100 Jahre im Stillen aufbewahrt. Maria Theresia gewährt in diesen Dokumenten einen Blick hinter die Kulissen des repräsentativen Hoflebens und einen Einblick in ihre Persönlichkeit.
Die Briefe geben deutlich Auskunft über die Seelenzustände der Monarchin in den 1760er Jahren, eine neue Quelle für eine neue Sicht auf die Lebenssituation der Kaiserin. Die Jahre ab 1765 sind durch den Verlust ihres geliebten Mannes gezeichnet.

„Ein Teil der Briefe ist mit Fehlern vor mehr als einem Jahrhundert von Maria Theresias Biografen Alfred von Arneth auf Französisch und nur ein paar wenige Briefe auch auf Deutsch publiziert worden, danach sind sie wieder in Vergessenheit geraten und einem über 100-jährigen Dornröschenschlaf auf Schloss Tratzberg anheimgefallen. Ulrich Goess-Enzenberg, dem 7-fachen Urenkel jener Gräfin und heutigem Besitzer von Tratzberg ist es zu verdanken, dass wir die kostbaren Briefe, basierend auf der von Jean-Pierre Lavandier editierten wissenschaftlichen Gesamtausgabe der französischen Originale, nun komplett neu aus dem Französischen ins Deutsche übersetzen konnten.“ (Czernin Seite 9)

Wir lesen von Sorgen um die Kinder, von den Leiden der Einsamkeit der Macht, von Heiratsplänen, aber auch von Alltäglichem wie Mode, Bekleidung, sogar von Seltenem wie Schokolade, die man damals für Medizin hielt.
Die immer stärker werdenden Stimmungsschwankungen der Kaiserin treten in den Briefen zu Tage, ein unmittelbares, unverfälschtes Dokument einer schweren Lebenskrise. Nur ihrer Freundin gegenüber schreibt Maria Theresia offen, in den Briefen an die Kinder oder anderen Vertrauten treten ihre Seelenzustände nicht so deutlich hervor.

„Meine Tochter möge auch so glücklich wie ich sein und ihren Mann nicht überleben…..“
„Die Kaiserin trägt mein Collier und die Girandolen, die Sie in Innsbruck gesehen haben, und all meine Töchter auch, denn ich besitze keinen einzigen Diamanten mehr. Ich habe alles verteilt …“
(Maria Theresia, Brief 23, 26. 12. 1765)/ (Czernin Seite 87)

Um die Jahreswende 1765/66 ist ein deutliches Absinken Maria Theresias in eine Depression zu bemerken. Immer stärker zog sie sich zurück. Ihre Räumlichkeiten ließ die Monarchin mit grauer Seide bespannen zum Zeichen ihrer großen Trauer.

Am 12. Februar 1766 schrieb Maria Theresia in einem Brief an ihre Freundin Sophie (es wäre der 30. Hochzeitstag gewesen):

„Ich habe diesen glücklichen Tag alleine verbracht, vis-à-vis von mir selbst, in meinem Kabinett eingeschlossen, umgeben von den Porträts unseres lieben und großen Herrn, und ich bin glücklich, dass ich ihn noch weiter lieben darf, um mich von dieser Liebe zu ernähren. Alle Stunden habe ich mich mit meinem vergangenen Glück beschäftigt und habe dabei bedauert, nicht genug von der Zeit mit ihm profitiert zu haben, die Zeit von 30 Jahren erscheint mir wie 10 Jahre, während die fünf Monate seit unserem gemeinsamen Unglück mir wie 20 Jahre vorkommen.“ (Maria Theresia, Brief 25/ Czernin Seite 88)

https://www.morawa-buch.at/detail/ISBN-9783800076642/Czernin-Monika-Lavandier-Jean-Pierre/Maria-Theresia—Liebet-mich-immer

,

Monika Czernin,
Jean-Pierre Lavandier

Maria Theresia – Liebet mich immer
Briefe an ihre engste Freundin
Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2017
200 Seiten
ISBN: 978-3-8000-7664-2
€ 21,95
http://www.ueberreuter-sachbuch.at/shop/maria-theresia-liebet-mich-immer/

Monika Czernin

Monika Czernin, 1965 in Klagenfurt geboren, studierte Pädagogik, Politikwissenschaften, Philosophie und Publizistik in Wien und arbeitete für den ORF und als Kulturredakteurin bei der Tageszeitung „Die Presse“. Seit 1996 lebt sie als freie Autorin und Filmemacherin in München. Zahlreiche Bücher und Filme zu historischen Themen. Ihr letztes Buch „Anna Sacher und ihr Hotel“ kam auf die Spiegel-Bestsellerliste.

https://de.wikipedia.org/wiki/Monika_Czernin

Ich danke dem Verlag Carl Ueberreuter, Wien, und der Kärntner Buchhandlung (Landhausbuchhandlung)in der Wiesbadenerstrasse, Klagenfurt, für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Foto© Gabriele Russwurm-Biro

Facebooktwittergoogle_plus

„Alles, was ich in mir vorgefunden habe…“ – Das blaue Dingsda – Literaturminiaturen von Engelbert Obernosterer

„In dieses Buch habe ich alles hineingerettet, was ich an Einsichten, Ehrlichkeit, Gründlichkeit und Unerschrockenheit in mir vorgefunden habe. Nun ist das Projekt abgeschlossen und liegt in Form von bedrucktem Papier ruhig auf dem Tisch. Schon deswegen, weil, was einmal unfassbar war, hier fassbar geworden ist, ist es ein gutes Buch. Darüber hinaus verdient es auch deswegen gut genannt zu werden, weil das in Auflösung Begriffene hier noch einmal zum Stillstand gezwungen ist.“ Mit diesen seinen eigenen (Schluss)Worten begründet der Kärntner Schriftsteller Engelbert Obernosterer den neu vorgelegten Band mit Miniaturen DAS BLAUE DINGSDA (2016 Kitab-Verlag Klagenfurt).
Auf 153 Seiten führt uns Obernosterer, der Ende Dezember seinen 80. Geburtstag feiert, in vielen kleinen Episoden in das Reich seiner Erzählkunst und lässt den Leser an seiner Gailtaler Welt teilhaben. Zwei Jahre hat er an diesem Manuskript gearbeitet und meint resümierend zu seinem Werk: „Wohl kaum zu erwarten, dass in Hinkunft noch einmal etwas Neues in mich eindringen wird. Von den häuslichen Obliegenheiten nach ihren Erfordernissen von einem Gegenstand zum anderen geschoben, spüre ich: Es ist nichts als nackte Zeit, was da an die Stelle des Schreibens tritt, nichts als Sekunden und Minuten!“ (S 151)
Der Leserschaft treten kurze Texte, Einfälle, Gedanken, Anmerkungen, Kurzgeschichten, Anekdoten in diesem Buch entgegen, lebhaft und mit viel Humor beschrieben. Die kleinen Dinge des Lebens sind da im „blauen Dingsda“ verewigt, die sich still verhalten und kaum zu bewegen scheinen, die aber genaue Beobachtungen und Regungen der Mitmenschen, der Umgebung, des Alltäglichen, Gedanken aus der Kindheit widerspiegeln. Einmal aus der Perspektive des Ich-Erzählers, einmal aus der Sicht des beobachtenden Allwissenden. Das Dörfliche, die Gegensätze der Charaktere, unvermutete Wendungen und die Liebe zum Unaufgeregten machen diese Erzählungen interessant.
„Hier, wo früher einmal der Dorfbrunnen gestanden ist und daneben ein paar Sitzgelegenheiten aus ungefügen Lärchenstämmen vor sich hingemodert haben, hätte laut einem Wahlversprechen der stimmenstärksten Partei eine neue Sitzgruppe aus massiven Lärchenholz aufgestellt werden sollen, natürlich nur für den Fall, dass sie den Bürgermeistersessel erringt….“ (S 37)
Die Lebensformen aus der unmittelbaren Umgebung des Schriftstellers im Gailtal werden reflektiert und zu literarischen Betrachtungen verarbeitet. Nicht zum ersten Mal setzt Obernosterer so seiner Heimat ein Denkmal, macht nachdenklich, neugierig und lässt oft ein Schmunzeln aufsteigen.
„Bei meiner Ankunft auf der Welt in einer vor Aufregung überhitzen Bauernstube, wie ich mir vorstelle, sträubte ich mich gegen alles, was da war. Ungut fühlte es sich an, rau, einmal zu heiß, dann wieder zu kalt. Ich plärrte aus vollem Hals. Die Welt entsprach nicht meinen Bedürfnissen. Ich wollte sie anders haben, freundlicher, mir gänzlich zugetan….“ (S 35)

Der Schriftsteller selbst betrachtet diesen Band als sein letztes Werk: „Das Ordnen gelingt mir nicht mehr wie früher; einzelne Texte wollen sich nicht fügen, machen Anstalten, ihrer eigenen Wege zu gehen, reißen aus, verabschieden sich und das ohne jede Manier! Das hätten sie früher nicht gewagt! Die letzten rufen mir zurück: War nett, Sie kennengelernt zu haben, Herr Obernosterer! Dann höre ich nur noch ihr sarkastisches Gelächter im Wald. „ (S 5)

Und wahrlich: nach dem Lesen der Lektüre hat man das Gefühl, Engelbert Obernosterer ein Stückchen näher kennengelernt zu haben! Mit seiner Akribie, Detailverliebtheit, mit seinem Humor und seiner Ironie. Ein Stückchen Gailtal, ein Abbild Kärntens an den steilen Berghängen gelegen. Wir sind für die Einblicke in seine Erinnerungen und die Schilderung seiner Umgebung sehr dankbar, weil es uns so vorkommt, als könnten wir so ein Stückchen Weg gemeinsam gehen!

Prof. h.c. Engelbert Obernosterer
Er wurde am 28.12. 1936 als jüngstes von sieben Kindern eines Bergbauern in Sankt Lorenzen im Lesachtal in Kärnten geboren. Er besuchte das konfessionelle Gymnasium Tanzenberg bei Klagenfurt (Internat). Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte in Wien arbeitete er ab 1965 als Volks- und Hauptschullehrer, ab 1975 AHS-Kunsterzieher in Hermagor im Gailtal.
1974 erhielt er den Förderungspreis des Landes Kärnten für Literatur, 1977 das österreichische Staatsstipendium für Literatur.
1975 erschien sein Heimatroman „Ortsbestimmung“ (Wien-München), 1980 die Kurzgeschichten „Der senkrechte Kilometer“ enthalten „Studien zum Landleben“ – die sich kritisch mit den Begleiterscheinungen des Fremdenverkehrs auseinandersetzen und auch in Filmszenen umgesetzt wurden -, 1988 „Am Zaun der Welt“, 1990 der Roman „Die Bewirtschaftung des Herrn R.“ und 1993 der Roman „Verlandungen“.
In die Kategorie der satirisch-kritischen Heimatliteratur fällt auch das Buch „Vom Ende der Steinhocker“ (1998) sowie „Grün. Eine Verstrickung“ (2001).
Die Werk-Ausgabe im kitab-Verlag in Klagenfurt begann mit der Miniaturensammlung „Die Mäher und die Grasausreißer“ (2002) und „Bodenproben“ (2003). 2004 veröffentlichte er das Theaterstück „Paolo Santonino“, das in Dellach im Gailtal uraufgeführt wurde. 2005 setzte er seiner Heimat in seinem Buch „Mythos Lesachtal“ ein Denkmal. Danach folgten noch viele Werke im kitab-Verlag.
Zuletzt: 2015 „Der Kampf der Engel“ und „Das grüne Brett vor meinem Kopf“

blaues-dingsda-cover

Engelbert Obernosterer
Das blaue Dingsda
Miniaturen
Cover: Mag. Herbert Brunner
155 Seiten
kitab-Verlag Klagenfurt-Wien 2016
ISBN 978-3-902878-75-5

http://www.kitab-verlag.com/webshop/pg3.html

https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=108373436

Ich danke Engelbert Obernosterer für die Zurverfügungstellung des Rezensionsexemplars.

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

Facebooktwittergoogle_plus

Mordfall Eisjüngling – ein „Heimatroman“ von A. W. Grill über die Abgründe der Kärntner Seele

Namengebend für diesen Kriminalroman des Kärntner Autors A. W. Grill (2015 erschienen im Malandro-Verlag) ist das wohl bekannteste Klavierwerk des böhmischen Komponisten Antonín Dvořák. Die Humoreske Nr. 7 poco lento e grazioso in Ges-Dur 1894 wird zu den populärsten Klavierstücken überhaupt gezählt.
Der Roman ist bewusst als Humoreske – wie der Titel ausdrückt – angelegt. Ein Heimatroman, der bewusst den herkömmlichen Heimat-Roman dekonstruiert und aus der Masse des Klischeebehafteten angenehm hervortritt. Der in Wien lebende Autor schreibt selbst zur Erklärung in seiner Einleitung des 460 Seiten starken Druckwerks eine treffende Charakteristik:

„Es wurde eine Kriminalroman, weil er (der Verfasser) in einer kriminellen Gesellschaft lebte und lebt, die im Begehen der sieben Hauptsünden ihr Überleben sichert – wo wäre die moderne Marktwirtschaft ohne Habgier, Völlerei, Wollust, Neid, Hochmut, Zorn und Trägheit? Es wurde ein Horrorthriller, weil das eigentlich zum Fürchten ist. Eine Satire, weil der Humor das geistige Überleben sichert. Ein Lebensratgeber. Nicht weil er über das Wissen verfügt, einen Rat zu erteilen, aber weil er darum gebeten hat, dass dieser Roman dem einen oder anderen Leser einen Rat erteilen mag. Ein Katastrophenroman und nicht zuletzt ein Heimatroman.“ (Seite 9)

Die Handlung spielt in einem Dorf im tiefsten Gurktal. Eine kalte Woche im Februar. Ein unbekannter Toter im Wald. Revierinspektorin Ines Weiß von der Mordkommission Klagenfurt ermittelt vor Ort und wird dabei von dem alten Dorfpolizisten Hans Leitner unterstützt. Von „Montag“ bis „Sonntag“ ist das Werk in sieben Kapitel geteilt und diese wiederum durch Zeitangaben in Unterkapitel. Ein Glossar mit der Erklärung der Kärntner Dialektausdrücke hilft dem nicht so sattelfesten oder nicht ansässigen Leser in die nuancenreiche Sprache des südlichsten Bundeslandes von Österreich.
Verschiedene „urkärntner“ Charaktere werden detailgetreu und mit einer Hingabe zum Sarkasmus beschrieben. Die Handlungsebenen sind fein verflochten, die Figuren agieren nachvollziehbar, manchmal überraschend und unvorhersehbar. So wird es nie langweilig auf immerhin 460 Seiten. Zu den schillernden Persönlichkeiten in dieser Humoreske zählen Leitner, Debelak und auch ein mächtiger Landespolitiker, El Haraldo, den man (als Kärntenkenner) unschwer samt seinem parteipolitischen Umfeld entlarven kann.

„Dort traf er auf weitere Bürschchen, dünn wie die Flatscreens vor denen sie saßen, höchstwahrscheinlich außerstande mit Tschechows Kirschgarten irgendetwas anderes zu verbinden als einen Cherry Wodka in Rainers Bar am Monte Carlo Platz in Pörtschach. Dafür goldbraun, wie die in Schmalz herausgebackenen Mäuse seiner Schwiegermutter. Debelak ekelte sich. Das unverschämte Parfüm des Parteisekretärs stieg ihm zu Kopf.“ (Seite 164)

Unbarmherzig seziert A. W. Grill den Kärntner, die Kärntnerin schlechthin bis hin zur Lächerlichkeit. Lacher, Kopfnicken und zumindest Schmunzeln sind dem Autor sicher, sofern die Leserschaft mit Kärntner Gegebenheiten oder der Kärntner Bevölkerung vertraut ist. Große Teile des Buches sind im strengen mittelkärntner Dialekt geschrieben, ein ungewöhnliches Stilmittel, das die Lesbarkeit für Nichtkärntner erschwert, für „Nativspeaker“ aber zum Gaudium macht.
Ursprünglich wollte A. W. Grill den gesamten Roman in der Sprache der Region um Klein St. Veit, Weitensfeld, Gurk verfassen, um der Gegend seiner Kindheit, „dem wilden Gurktal“, ein Denkmal zu setzen. Einer allgemeinen Verständlichkeit geschuldet werden die Dialektdialoge sehr lebendig, aber nicht durchgehend eingesetzt.

„Klein St. Veit kam an diesem Tag groß raus. Die regionalen Medien brachten den Eisjüngling als Aufmacher und auch Restösterreich wurde ausführlich und inbrünstig über den rätselhaften Mord informiert. Die aufgrund fehlender Fakten schreiend inhaltsarmen Berichte schmückten dabei meist zwei Bilder. Eines, das den Wald zeigte, in dem das Opfer gefunden wurde und eines vom Ortskern mit der spätgotischen Kirche im Mittelpunkt. Dieses beschauliche, idyllische, friedliche, romantische Dorf wurde Schauplatz eines brutalen, furchtbaren, grausamen, blutrünstigen, bestialischen Verbrechens.“ (Seite 156)

Bald erkennen die Ermittler, dass ein Verbrechen aus der Vergangenheit aufgeklärt werden muss, um den Mordfall zu lösen. Allmählich verliert das idyllische Dorf die Maske einer Unschuld, die es in Wirklichkeit nie besaß. Alle Untiefen der Kärntner Seele werden von A. W. Grill aufgedeckt und sichtbargemacht, immer mit einer großen Portion Humor und einem Augenzwinkern der Heimat und Herkunft gegenüber.
Besonders Klagenfurt und seine Bevölkerung hat der Autor durchschaut und deckt alle Schwächen und Eitelkeiten auf. Empfehlenswert!

„In Klagenfurt wurde dieser Rausch zum Delirium. Ein Beispiel gefällig? Da baute man auf der Hundewiese nächst dem Strandbad eine Beachvolleyballarena, ließ den Pöbel gratis halbnackte Sandwürmer begaffen, die man aus allen Teilen der Welt einfliegen ließ und erklärte sich kurzerhand zum Mekka des Beachvolleyballs….Beachvolleyball, in der Skala der bekanntesten Sportarten irgendwo zwischen Tontaubenschießen und Fingerhakeln gereiht, wird als Top-Event verkauft, das aufgrund seiner vorgeblich immensen Wichtigkeit natürlich nur in Klagenfurt stattfinden kann. Und von Klagenfurt breitet sich das Virus über das ganze Land aus. In Weitensfeld feiert man ein Literaturfestival deutscher Klassiker, wenn die Karl-May Spiele anstehen und ein Türke in der Rolle des Winnetou durchs wilde Gurktal reitet, in Spittal (an der Drau) wird Hochkultur zelebriert, wenn die Komödienspiele Porcia dreihundertfünfzig Jahre alte Pointen aufwärmen. Von den wirtschaftlichen und politischen Erfolgen ganz zu schweigen. So glauben die Kärntner, insbesondere die Klagenfurter – und nur sie – dass sie die besten Liebhaber sind, den besten Schmäh führen, den meisten Alk vertragen (das könnte eventuell sogar stimmen), die wagemutigsten Politiker haben, den höchsten Lebensstandard genießen… Ist Kärnten – wie gerne von Kärntnern behauptet – die kleine Welt, in der die große Probe hält, kann man nur hoffen, dass möglichst viele Aufführungen abgesagt werden.“ (Seiten 178 – 179)

A. W. Grill

ist Kärntner und lebt derzeit mit seiner Familie in Wien. Grill schrieb Theaterstücke und Drehbücher. Zu seinen Freunden zählte der im Jahr 2000 früh verstorbene Schriftsteller Georg Timber-Trattnig. Seit 2009 schreibt Walter Grill Junior Bücher. Sein Erstlingswerk, das Doku-Drama yamamoto airlines Black Box: die großen Siege, 1996 – 2000 erschien als Sonderbeilage im Online Magazin Transporter.
„Humoreske“ ist sein erster Roman. Ein Heimatroman – wie es sich für einen selbsternannten Heimatdichter ziemt. Derzeit arbeitet er an einem weiteren Roman mit Kärntenbezug..
Da ihn die Kulturgremien der öffentlichen Stellen und privaten Stiftungen bislang nicht mit Subventionen und Preisen überschütteten, arbeitete er u. a. als Matrose, Erntehelfer, Bühnentechniker, Dramaturg, Nachtportier und – worauf er besonders stolz ist – als Eisenbahner bei den ÖBB.

http://www.heimatdichter.org/blank

http://pingeb.org/111-a-w-grill-humoreske-op-101-nr-7/

Blog-Cover-humoreske_0

A. W. Grill
HuMORESKE
Op. 101 Nr.7
Kriminalroman
Malandro Verlag Klagenfurt 2015
Taschenbuch
460 Seiten
Euro 18,00
ISBN: 978-3-902973-21-4

http://malandro.at/buch/humoreske-op101-nr7

https://www.youtube.com/watch?v=H3dhH5goUyE

© Foto Gabriele Russwurm-Biro

Facebooktwittergoogle_plus

Das unberechenbare Leben anhand zehn Erzählungen: MIRÓS MÄDCHEN von Harald Schwinger

Harald Schwingers neuer Erzählband MIRÒS MÄDCHEN (Edition Meerauge, Klagenfurt 2016) gibt einen unkonventionellen Einblick in das nicht immer planmäßig verlaufende Leben von Menschen in unserem Umfeld. Wie du und ich? fragt man sich da. Die Figuren seiner Lebensgeschichten scheinen auf den ersten Blick unauffällig, wie aus dem Leben gegriffen: Pechvögel, Einzelgänger, Burnoutkandidaten, Drogenabhängige, Beziehungsgestörte… und dann eben auch ein bisschen darüber hinaus.
Eines ist allen zehn Geschichten gemeinsam: das Unvorhersehbare, die unerwarteten Wendungen, die bizarren Situationen, die spannenden Konstellationen der einzelnen Protagonisten untereinander. Alles ist mit allem verwoben. Untrennbar, unglaublich…
In diesem Band des Kärntner Schriftstellers und Journalisten wird schonungslos freigelegt, was sich hinter den Fassaden verbirgt, da fallen Masken und jede Form von Hüllen. Es brodelt in den fein gesponnenen Erzählungen nur so vor Beziehungsproblemen, Sehnsucht, Neid, Sex, Hass, Ohnmacht und Machtgelüsten….
Die Titel der einzelnen Erzählungen lassen tief in die Abgründe der menschlichen Existenz blicken und sind präzise gewählt:
Mirós Mädchen /Wenn ich Sex will, kriege ich den/ Nackt, auf dem Bauch liegend/ Und wer beschützt unsere Frauen?/ Diktatorische Landschaft/ Wer ist wo /Vorsicht mit Namen/ Ein Freund in der Stadt/ Helps/ Der Tag, an dem ein Toter nachts spazieren ging
Das Lesen eines Schwingertextes ist wie die Berührung mit einer Brennessel: Zurerst streift man ganz sanft seine schön gebauten fast lyrisch anmutenden Anfangssätze, dann wird man immer mehr hineingezogen ins turbulente und spannende Geschehen (über sensible Charakterisierungen und skurrile oder erschütternde Beschreibungen der Umstände und Gefühlslandschaften) und am Schluss fühlt man es doch: das gewisse Nachbrennen.
Schonungslos wird die Spezies Mensch freigelegt: abgründig, vielschichtig und aufregend. Jede dargestellte und feingemeißelte Existenz bleibt fragil und unergründbar. Was bleibt sind Fragen, Ahnungen… auf jeden Fall keinerlei Langeweile.
Leseprobe (aus „Diktatorische Landschaft“):

„Ich stehe am Hotelzimmer. Lehne mich nach vor, eiskalter Wind fährt mir ins Gesicht. Es riecht nach Achselschweiß. Oder nach Fußschweiß. Oder nach beidem. Und der Geruch geht nicht von mir aus. Er geht von der Landschaft aus. Es ist nicht meine, so viel ist sicher. Noch weiß ich nicht, wie oder ob ich wieder zurückfinde. Fünfter Stock. Immerhin. Das würde reichen, auf alle Fälle. Ich habe mich überschätzt. Vielleicht hat mich die Unzufriedenheit leichtsinnig gemacht, überheblich. War ich unzufrieden? Ich weiß nicht mehr. Was es auch war, es hat mich dazu verleitet, meine inneren Grenzen verschieben zu wollen. Überrascht mich das wirklich? Meine Selbstüberschätzung? Nein.“
(S 55)
Seine letzte Erzählung in diesem Prosaband „Der Tag, an dem ein Toter nachts spazieren ging“ (S 145) wurde im Jahr 2012 vom Kärntner SchriftstellerInnenverband mit dem 1. Platz beim KSV- Literaturwettbewerb für neue Literatur in Kärnten ausgezeichnet.
Der Juryvorsitzende Engelbert Obernosterer meinte dazu in seiner Laudatio:
„Seine (Schwingers) Kurzgeschichte besticht durch die Direktheit, mit der er den Leser ab dem ersten Satz packt und gnadenlos in eine tödliche Drift hinein zieht. Die Gegenkräfte, die gut gemeinten Worte, die da Brücken über das Abgründige hin zu bauen versuchen, tragen nicht recht. Hohl klingt es unter der Oberfläche der Worte und am Ende stirbt von zwei Freunden der zuerst, der gerade dabei war, eine Grabrede für seinen todkranken Freund zu konzipieren. Im Ganzen führt der Text vor, wie jäh das Unberechenbare in unsere durchgerechnete Welt einbrechen und den aus den Geleisen werfen kann, der meinte, das Steuer des Handelns fest in der Hand zu halten.“

Harald Schwinger wurde 1964 geboren, es folgte ein Studium der Anglistik, Amerikanistik und Medienkommunikation. Nun lebt er als freischaffender Journalist und Schriftsteller mit Frau und Tochter in Wernberg bei Villach und schreibt vorzugsweise Prosa, aber auch dramatische Texte und Lyrik sowie neuerdings auch Kinderliteratur (Der Schnarchesel / Osel smrčač, Drava 2016).
Schwinger ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV) und Mitbegründer des Kunstkollektivs WORT-WERK, das den experimentellen Literaturwettbewerb Die Nacht der schlechten Texte veranstaltet und u. a. die Anthologie „Best of worst“ (Edition Meerauge 2010) herausgegeben hat.
Diverse Veröffentlichungen von Kurzprosa und Lyrik in Zeitschriften und Anthologien (u.a. in Territorien des Selbst, Anja Bohnhof/Johannes Puch, Heyn 2015, literatur trifft fokus sammlung 04: TIERE, Museum Moderner Kunst Kärnten 2013; Salz, Zeitschrift für Literatur Nr. 140, Salzburg 2010)
Prosa:
Mirós Mädchen. Erzählungen, Edition Meerauge 2016
Die Farbe des Schmerzes. Roman, Edition Meerauge 2013
Zuggeflüster. Erzählungen, Edition Meerauge 2011
Das dritte Moor. Roman, Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2006
Theaterstücke/Drehbücher (Auswahl):
ZALA, Drama in sieben Bildern / Drama v sedmih slikah, Edition Meerauge 2011 (gemeinsame Autorenschaft mit Simone Schönett, Auftragswerk für das zweisprachige teatr trotamora unter der Regie von Marjan Štikar)
Innere Liebe, Drehbuch (gemeinsame Autorenschaft mit Simone Schönett)
Auszeichnungen (Auswahl):
2016: Projektstipendium des Österreichischen Bundeskanzleramts Abteilung Kunst und Kultur
2014: Zweiter Platz beim Kärntner Lyrikpreis der STW Klagenfurt Gruppe
2012: Preis des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes für die Erzählung „Der Tag, an dem ein Toter nachts spazieren ging“

Blog-Cover-Schwinger_Miros Maedchen_

Harald Schwinger
Mirós Mädchen
Erzählungen
152 Seiten,
bibliophiles Lesebändchen
Edition Meerauge,
Johannes Heyn-Verlag
Klagenfurt/Celovec 2016,
ISBN 978-3-7084-0577-3,
€ 21,90

www.meerauge.at

http://www.meerauge.at/assets/files/Leseproben%20PDF/Harald%20Schwinger_Miros%20Maedchen_Leseprobe.pdf

Ich danke der Edition Meerauge für das Rezensionsexemplar.

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

Facebooktwittergoogle_plus

„Kino-Kultur bewegt Kärnten“ – Horst Dieter Sihler über das Kino im 20. Jahrhundert

„Eigentlich hätte dieses Kinobuch schon in den 90er-Jahren, gegen Ende des letzten Jahrhunderts erscheinen sollen, aber eine schwere Krankheit verhinderte das. Nach Jahren aufgetaucht aus dieser bewusstlosen Zeit, aus meinem ganz persönlichen schwarzen Loch, schrieb ich im ersten Hoch – zur Überraschung aller – mein Poesiebuch AM ANFANG WAR DIE POESIE (Meine Gedichte des 20. Jahrhunderts) – und konnte jetzt, fast zehn Jahre später, in meinem zweiten Hoch, endlich mein Kinobuch fertigstellen“, erklärt der Kärntner Autor, Filmkritiker und Gründer der DIAGONALE Horst Dieter Sihler die Umstände, die dieses Buch entstehen ließen, in seinem Nachwort.

Sihler bewertet seine 391 Seiten Kinoliteratur als eine „subjektive, aber ehrliche Rückschau“, er sieht sich selbst nicht als Filmhistoriker, auch nicht als Filmwissenschaftler, sondern nur als einen Filmjournalisten, „einen stets neugierigen Sucher nach dem Neuen und Humanen in der Filmkunst, wo immer es auftritt“ (S 391). Wie alles für den jungen Journalisten 1969 begann, kann man auf Seite 200 nachlesen: „Kino-Kultur bewegt Kärnten“.
70 Jahre Filmgeschichte im Überblick werden in 13 Kapiteln in fesselnden Berichten nachvollziehbar gemacht: Auszüge aus Essays, Filmkritiken und Festivalberichten, die in der Presse und im ORF erschienen sind, können nun nachgelesen werden. Zwischen den Analysen eingeflochten sind immer wieder autobiographische Splitter („Nachruf auf mich selbst – Vorzutragen beim Abschiedsfest nach meinem Ableben“ S 312), das Beste aus dem „Filmtagebuch von hds“, aufgelockert durch Gedichte Sihlers, Anekdoten aus einem erlebnisreichen Journalistenleben und einer historisch wertvollen Fotogalerie zur Dokumentation. Daher kann man diese Sammlung auch als enormes zeitgeschichtliches Dokument verstehen und nachlesen, wie die Kulturpolitik mit dem Medium Film umgegangen ist: Erlebte und genau dokumentierte Filmgeschichte. Man erfährt auch von den Förderern in Graz und jenen aus Klagenfurt (Humbert Fink/ Trude Polley/ Walter Novotny) (S 292) und Sihlers Begegnung mit Christine Lavant (S 293). Diesen Überblick über 70 Jahre Kino legt man nicht kurzerhand zur Seite, es interessiert den Leser vom Anfang bis zum Ende.

Von den ersten Filmerfahrungen bei der Nazi-Wochenschau, über jugoslawische Filmvisionen, der Kamera als Waffe bis zu den heimischen Film- und Kinokämpfen deckt Sihler ein breites Spektrum ab. „Wir sind alle kleine Mephistos“ schreibt Sihler zu István Szabós Erfolgsfilm:
„MEPHISTO markiert einen Neubeginn. Die Wahl des Themas – der unpolitische Künstler, der sich zum Aushängeschild einer politischen Macht machen läßt – sichert das Interesse im Westen. Aber jede Interpretation ist naiv, die nur das Thema Künstler im Dritten Reich sieht. Szabós Schlüsselfilm über das Verhältnis des Künstlers zur Macht geht weit über die Satire von Klaus Mann hinaus. Sein MEPHISTO zielt auch auf den Künstler unter Stalin und vor allem – und das macht seine eigentliche Bedeutung aus – auch auf alle Anpassungskünstler, Kompromissler und Opportunisten in unseren westlichen Demokratien. MEPHISTO trifft auch den Kulturbetrieb im Westen und die Alibifunktion bürgerlicher Fassadenkultur. Um es mit den Worten Szabós zu sagen: MEPHISTO ist ein Grundtyp, den jedes mangelhaft funktionierende politische System für sich nutzen kann. Wir sind alle kleine MEPHISTOS.“ (S 103)

Horst Dieter Sihler: Geboren 1938 in Klagenfurt. Sihler ist bekannt als Vater der alternativen Kinoszene in Österreich, als Programmkinoleiter und als Gründer der DIAGONALE.
Ursprünglich war er Maschinenbau-Ingenieur, gleichzeitig Kulturkritiker und auch Poet, Lehrbeauftragter und Kinomacher. Filmkritiker für die regionale und überregionale Presse („Neue Zeit“, „Kleine Zeitung“, ORF, FAZ usw.). Zahlreiche Reisen zu Filmfestivals in West- und Osteuropa seit 1966.
Organisator unzähliger Filmveranstaltungen. 1977 „1. Österreichische Filmtage“ (heute „Diagonale“) in Velden gegründet, 1982 „1. Österreichische Kino-Tagung“ in Tainach/Tinje. 1979 Gründer des Vereins Alternativkino. Programmkinoleiter (Neues Volkskino Klagenfurt). Medien-Kulturpreis des Landes Kärnten 2008, Kärntner Lyrikpreis. Veröffentlichungen: Gedichte in „manuskripte“, „Frage und Formel“, „Literatur und Kritik“. „Am Anfang war die Poesie“ (Meine Gedichte des 20. Jahrhunderts, Wieser-Verlag 2009).

Blog-Foto-Cover

Horst Dieter Sihler
Mein Kino des 20. Jahrhunderts
Erlebte Filmgeschichte
Wieser Verlag,
Klagenfurt 2016
ca. 400 Seiten, gebunden,
ISBN: 978-3-99029-181-8
29,95 €

https://www.wieser-verlag.com/buch/mein-kino-des-20-jahrhunderts/

Ich danke Horst Dieter Sihler und dem Wieser-Verlag Klagenfurt für das Rezensionsexemplar.

Alles Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

Facebooktwittergoogle_plus

„Vielleicht erbreche ich dann mein Schweigen …“ – Anna Baars beeindruckender Debütroman: DIE FARBE DES GRANATAPFELS

Bei Anna Baars Debütroman „Die Farbe des Granatapfels“ (Wallstein Verlag, Göttingen 2015) geht es um eine weibliche Ich-Erzählerin, die ihre Familiengeschichte vom Kleinkind bis ins Erwachsenenalter erzählt und das Leben ihrer dominanten kroatischen Großmutter, der sie in Hassliebe und Abhängigkeit verbunden ist.

In dieser in rhythmischer, empathischer Sprache dargestellten Geschichte in vier Teilen geht es um Zugehörigkeit zu Muttersprache oder Vaterland, um Entfremdung, Identitätsfindung und die Zerrissenheit zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen. Es geht auch um Zwänge, Ekel und hingebungsvolle Liebe, an der sich ein Kind bis zum Erwachsenenalter stößt, um am Ende sich selbst hingebungsvoll an diese Beziehung zu klammern und die Großmutter nicht verlieren will.
Die Schauplätze ihrer eigenen Kindheit, pendelnd zwischen einer rauen, entbehrungsreichen, kargen Inselwelt in Kroatien und einer behüteten winterkalten wohlhabenden Welt in Österreich (Kärnten) bei den Eltern.

Für die besitzergreifende Großmutter NADA ist die kleine ANUSCHKA jeden Sommer ihr liebstes Kind, das sie erziehen und zurechtbiegen will nach kroatischer Art und nicht so wie die verwöhnten „Esterreicher“. Schon als Kleinkind leidet Anuschka unter den Eskapaden und Eigenarten der Großmutter, besonders unter dem ständigen Rauchen und den verdorbenen, weil aus Sparsamkeit zu lange aufgehobenen Lebensmitteln, die stets Erbrechen zur Folge haben. NADA hält das Kind mit Ängsten in Schach. Da erscheint die Hexe Baba Roga und macht den Kindern Angst. Anuschka leidet unter der Abwesenheit der Mutter – „wann kommst sie? BALD!“ und unter der Abscheu der Großmutter gegenüber ihrem Vaterland Österreich. Sie wird innerlich zerrissen, sucht Halt im Winter in Kärnten bei den Kinderfrauen, im Sommer bei NADA in Kroatien.

„Sag du mir, was ich sagen soll, wie du es immer getan hast, vielleicht erbreche ich dann mein Schweigen, weil meine Wirklichkeit so schlecht auf deine passt. Vielleicht speie ich dir dann alles Verheimlichte vor die schlecht durchbluteten Füße oder klappe meine Schädeldecke auf – mein Kopf dann ein aufgeplatzter Granatapfel, aus dem Millionen kleiner, fleischiger Kerne explodieren. Los prügle Wort für Wort aus mir!“ ( S 94)

Was nach Großmutters zähem Liebeskampf um die jeden Sommer geborgte Anuschka aussieht, stellt Identitätsfragen in den Mittelpunkt: Was ist Vaterland? Kann man zweimal Heimat spüren und sich zuhause fühlen? „Da unten“ in Kroatien feiert man noch immer den Sieg gegen die „Ibermenschen“ – die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Und macht jenen, die jetzt Touristen sind, trotzdem das Frühstück, weil sie Geld bringen und auch die Großmutter widerwillig Fremdenzimmer betreibt.

Die dichten und mit starken Ambivalenzen spielenden Textfolgen sind durchsetzt mit Aussprüchen und Weisheiten der Großmutter: Die meisten davon in Kroatisch, dadurch wird die Vehemenz unmittelbar spürbar, auch dann, wenn man nicht jedes Wort versteht.
Durch die sprachlichen Verschränkungen mit dem Kroatischen und den vielen Redensarten, die die Großmutter ihrer Anuschka einhämmert, wird diese Person genau charakterisiert und die Bindung, die das Kind zur Großmutter hat, Zeile für Zeile erfassbar gemacht. Durchbrochen sind die einzelnen Textblöcke durch Einschübe direkter Rede zwischen Großmutter (Sie) und Anuschka (ich)

„Sie: Wen liebt Nona am meisten? – Sag: Mich!
Ich: Mich.
Sie: Wer ist Nonas ganzes Glück? – Sag: Ich!
Ich: Ich!“ ( S 114)

Ein weiteres Stilmittel (besonders für das Vaterland und die „hohe Sprache“, die „Mördersprache“ dort) setzt Anna Baar ein, um Wortgruppen mehr Nachdruck zu geben: Die Zusammenziehung von Wortfolgen zu einem Ganzen, das gleichzeitig als entfremdete Worthülse optisch auftritt: „Nichtvordenkindern!“, „Dassagtmannicht“, Dastutmannicht“, „Machdasichnichtsterbe“ oder „Ichhabeesdirgleichgesagt!“.

Das erinnert an die 1908 von Rainer Maria Rilke verwendet Form des Zusammenziehens in seinem Gedicht DIE ENTFÜHRUNG aus: DER NEUEN GEDICHTE ANDERER TEIL. Dabei setzt Rilke im letzten Absatz dieses Stilmittel ein, um durch das Zusammenziehen bekannter Worte wie „ ich bin bei dir“ optisch die Entfremdung darzustellen:

„Sie kroch in ihren Mantelkragen
und befühlte ihr Haar, als bliebe es hier,
und hörte fremd einen Fremden sagen:
Ichbinbeidir“

http://gutenberg.spiegel.de/buch/rainer-maria-rilke-der-neuen-gedichte-anderer-teil-828/45

Auf das Drängen der Großmutter reagiert das Kind aus Trotz mit Sprachlosigkeit. Im Text wird aber gerade durch die Sprache der Großmutter (Kroatisch) die ständige Umklammerung spürbar, einerseits das Bedrängen und die Erpressungen durch ständig geforderte Liebesbeweise.

Sie: Wer ist mein Augenlicht?
Ich schweige. Zähneknirschend.
Sie dann: Sag: Ich!
Den Teufel werd ich tun.

„Nada bedauerte das Kind, so still, wie es geworden war. Nur wenn sie seiner vaterländischen Unarten überdrüssig wurde, wenn es bei Tisch zu steif saß oder eine Speise rühmte oder von Gott sprach oder allzu grüblerisch war, blies sie ihm den Rauch ins Gesicht, und wenn es sich darüber beklagte, stritt sie jede Absicht ab – Uch, das ist doch nichts!“ (S 155)

Als Anuschka herangewachsen ist, fragt sie die Großmutter nach dem Krieg und der Leser erfährt von drastischen Schicksalen während der Kriegsjahre. Seitenlang erzählt die Großmutter von Kampfhandlungen, vom Lazarett und von Beppe, dem Großvater.
Die Erzählungen sind eindrücklich geschildert, mit starken Worten verdichtet und verleihen der Frauengestalt der Großmutter plötzlich Größe durch das erfahrene Leid.

Der Literaturkritiker Stefan Gmünder, der Anna Baar 2015 zum Bachmannpreis eingeladen hatte, meinte zu seiner Autorin, dass sei ein Text, „der aufs Ganze geht“, „ein strukturell und sprachlich sehr gut und präzise gearbeiteter Text“. Die zeitgeschichtlichen Spots und Bilder in dem Text findet er „subtil und schön, ohne aufdringlich zu sein“. Auch der zweite österreichische Juror beim Bachmannpreis, Klaus Kastberger, fand Gefallen an der Stilistik des Textes. „Die präzise Art und Weise der Beschreibungen“ fand er ebenso gelungen wie, dass sich der Text auf Paradoxa einlasse. Deshalb halte er den letzten Satz der Geschichte („Denn so wie mich die Worte würgen, berausch ich mich daran.“) für „aufrichtig“.
2016 gewann ANNA BAAR den 2. Platz beim Rotahorn-Literaturpreis. Die Jurorin Barbara Frischmuth begründet ihre Bewertung folgendermaßen: „Was mir so gefällt ist, dass sie so eine direkt wirkende, sehr rhythmische Sprache verwendet – und dass sie Empathie gar nicht verleugnet.“

Die Kärntner Schriftstellerin Anna Baar wurde als Tochter eines österreichischen Vaters und einer kroatischen Mutter aus Dalmatien 1973 in Zagreb geboren und wuchs zweisprachig in Wien, Klagenfurt und auf der Insel Brač auf. Nach der Matura am Musikzweig des Stiftsgymnasiums Viktring studierte sie Publizistik, Slawistik, Theaterwissenschaft und Öffentlichkeitsarbeit an den Universitäten Wien und Klagenfurt. 2008 promovierte sie an der Universität Klagenfurt zum Dr. phil. Schon während des Studiums schrieb sie für Presse und Rundfunk. Anna Baar lebt in Klagenfurt.
Auf Einladung des Literaturkritikers Stefan Gmünder nahm Baar am Ingeborg-Bachmann-Preis 2015 teil. 2016 erhielt sie den 2. Platz beim Rotahorn-Literaturpreis für ihren Debütroman.

http://steiermark.orf.at/news/stories/2794650/

Blog-Granatapfel-Cover
Anna Baar
Die Farbe des Granatapfels
Roman
Wallstein Verlag, Göttingen 2015
320 Seiten
ISBN: 978-3-8353-1765-9 (2015)
€ 20, 50

http://www.wallstein-verlag.de/9783835317659-anna-baar-die-farbe-des-granatapfels.html

Alle Fotos (c) Gabriele Russwurm-Biro

Facebooktwittergoogle_plus

„Ein Stück Himmel in tiefem Blau“ – Carina Nekolnys beeindruckender Roman FINGERSPITZEN

Ein Tabu-Thema steht im Mittelpunkt des einfühlsamen und souverän verfassten Romans der österreichischen Schriftstellerin Carina Nekolny, der im Klagenfurter Johannes Heyn-Verlag/ Edition MEERAUGE 2016 erschienen ist: Das Leben mit einem Kind mit besonderen Bedürfnissen.
Eine Familie lebt in Oberösterreich auf dem Land und bewirtschaftet einen Hof im Nebenerwerb, der Vater ist als Maurer berufstätig, die Mutter versorgt die Kühe, den Hof und Gästezimmer. Und da sind noch zwei Buben, Thomas und Toni. Sie leben mit Kühen, Katzen mitten in Streuobstwiesen und harter Arbeit. Aber da ist noch etwas, was diese Familie zu bewältigen hat: der größere Sohn Thomas, mittlerweile 18 Jahre alt, ist taubblind. Er lebt in einer engen eigenen Welt, die seine Umgebung jeden Tag aufs Neue vor schwierige Herausforderungen stellt. Er sieht und hört nichts – aber er spürt fast alles. Er ist auf die Vertrautheit der Familienmitglieder angewiesen, auf Berührungen, auf eingelernte gewohnte Handlungsabläufe. Jedes Abweichen, jede neue Situation bringt Thomas völlig durcheinander. Der jüngere Bruder Toni ist erst zehn Jahre alt und muss in diesem Familiengefüge viel mittragen. Er muss seine Mutter unterstützen, hilft ihr bei der Stall- und Hausarbeit und betreut liebevoll den Bruder, wenn er aus der Schule kommt. Der Vater kommt meist nur an den Wochenenden nach Hause, die Mutter bricht langsam unter der physischen und psychischen Belastung zusammen. Aus reiner Verzweiflung wird das behinderte Kind stundenlang in seine Kammer eingesperrt, um es vor Verletzungen und Gefahren zu bewahren, die im Haus und im Garten lauern.
Kapitelweise wechselt die Erzählerperspektive:
Aus der Sicht des kleinen Tonis, der sich tapfer in sein Schicksal fügt und alles für die Mutter macht: Er spürt die Belastung, die sie zu tragen hat und gerät selbst in eine Abwärtsspirale. Er kämpft und spricht sich immer wieder Mut zu, verteidigt seinen Bruder, tut sein Bestes, aber läuft dabei Gefahr, sich völlig zu verausgaben. Toni spricht in der Sprache eines Zehnjährigen, er spürt, wie sehr die Mutter von seiner Hilfe abhängig ist und wird davon erdrückt. Er ändert sein Verhalten den Mitschülern und der Lehrerin gegenüber, er zieht sich zurück, er kapselt sich ab und ändert sein Verhalten außerhalb der Familie.
Aus der Sicht der Mutter, die ihren geliebten Thomas bestens versorgen will und ihn nicht in ein Heim abgeben möchte: Sie hat die Jahre übersehen und, dass Thomas ein Erwachsener geworden ist, der professionelle Hilfe braucht. Sie trägt schwer an der Last und belastet die gesamte Familie. Sie bricht letztendlich unter dieser Konstellation zusammen und klammert sich an ihren jüngeren Sohn Toni ohne den sie den Alltag nicht mehr meistern kann.
Und aus der Sicht des Vaters, der miterleben muss, wie sich die Situation mit seinem taubblinden Kind, seiner überlasteten Ehefrau und dem emotional stark eingeklemmten jüngeren Sohn immer mehr zuspitzt. Für ihn ist die Sorgepflicht für den älteren Sohn eine überfrachtete Herausforderung. Zu wenig Zeit, zu wenig Geld für einen Umbau, der auch die Wohnsituation von Thomas erleichtern würde. Er flüchtet in seinen Beruf, versucht seine Frau zu unterstützen und kann den Zusammenbruch nicht verhindern.
Auch die Lehrerin, die sich für Toni und seine Schulkarriere einsetzt, hat eine Stimme und eine Außenperspektive. Der Aufstieg ins Gymnasium würde aber bedeuten, dass Toni seine Familie verlassen muss und ins Internat kommt. Dann könnte er seiner Mutter nicht mehr am Hof und mit Thomas helfen.
Die Beschreibungen wie Menschen mit allen Sinnen mit einem Menschen mit besonderen Bedürfnissen umgehen, wie sie versuchen zu helfen, auszugleichen, eine eigene Kommunikationsform zu finden und zu unterstützen ist in diesem Roman sehr berührend und in starken einprägsamen Bildern geschildert. Der Leser lebt mit: Die Angstzustände der Mutter, die Sorgen (auch finanzielle) des Vaters und die Belastung des Volksschulkindes Toni, der gelernt hat, mit einer großen Verantwortung und unter ständiger Anspannung zu leben.
Nach 18 Jahren durchwurschteln bricht das Konstrukt zusammen und die Familie muss sich durchringen eine andere Betreuungsform zu finden, damit sich auch Thomas weiterentwickeln und eine Fingersprache lernen kann. Das fällt besonders der Mutter schwer. Das Schicksal der gesamten Familie steht auf der Kippe.
„Vielleicht hatte Thomas an den Fingerspitzen Augen“, denkt sich Toni, der sich in jede Bewegung, in jede Reaktion seines Bruders hineindenkt.
„Die Mama wird immer ganz still, wenn der Doktor aus Linz so etwas sagt. Bis ihn der Papa hinausschmeißt. Papa macht der Doktor wütend. Dann knallt er die Türen zu und schimpft. Egal ob jemand da ist oder nicht. Er schimpft einfach mit der Luft. Während die Mama ganz still wird. Nur der Thomas wird dann unruhig. Weil er spürt, dass etwas nicht stimmt. Dann fällt er hin und tut sich weh und alle müssen sich um ihn kümmern. Durch das Kümmern wird alles wie sonst. Was bei uns eben normal ist. Wenn die Mama aber gar nicht wegen dem Thomas traurig ist, sondern wegen mir? Wenn sie gemerkt hat, dass ich manchmal möchte, dass der Thomas einfach weg ist. Oder wenn sie weiß, dass ich manchmal gemein zu Thomas bin.“ (Seite 99-100)
Carina Nekolny fesselt ihre Leserschaft mit eindrücklichen stark emotionalen Schilderungen. Man lebt besonders mit dem kleinen tapferen Toni mit, der sein Schicksal beschreibt und damit zurechtzukommen versucht. Seine Verlustangst, sein Streben nach der Liebe der Mutter, nach Aufmerksamkeit, seine Eifersucht, weil alles für den kranken Bruder gemacht wird und er zurückstehen muss.
Man leidet mit der unglücklichen Mutter, die die kleinen fröhlichen Momente eines Tages genießt, wenn sie überhaupt vorkommen, und nicht mehr weiß, was Unbeschwertheit heißt. Sie arbeitet hart, um nicht an die Zukunft denken zu müssen. In ihrem Handeln und ihren Denken stützt sie sich stark auf das zweite, gesunde Kind, ohne zu merken, wie Toni darunter leidet. Ihr Mann ist zu selten daheim.
Stilistisch wird man vom ersten Satz an in die Familiengeschichte hineingezogen. Die Sätze sind kurz und prägnant. Die Protagonisten sprechen offen und es tritt eine Ehrlichkeit zu Tage, die manchmal sehr hart anmutet. Man lebt sich in die Charaktere sehr gut ein, begleitet sie emotional. Die Auseinandersetzung mit einem sehr tabuisierten Thema in unserer Gesellschaft zeichnet diesen Roman aus. Wie schafft das eine Familie, wenn ein Kind besondere Bedürfnisse hat und die ganze Aufmerksamkeit beansprucht?
Der Roman FINGERSPITZEN gibt die Antwort und zeigt empathisch wie Menschen mit solchen Herausforderungen zurecht kommen und umgehen, welche Fehler sie machen, welche Lösungen sie finden.

Carina Nekolny, geboren 1963 in Linz, studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Historische Anthropologie, lebt als Schriftstellerin, Redakteurin der ZeitschriftAUF und Puppenspielerin in Wien. Sie schreibt Prosa, Hörspiele, Dramolette, Lyrics (Kantaten, Madrigale, Wiener Lieder, Porno Lyrics, Pamphlet Poetry) sowie Kinderbücher.Die Absolventin der wiener schule für dichtung hat in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien publiziert, wurde zu einschlägigen Festivals (z. B. Luaga & Losna 2007 und 2009) eingeladen und tritt immer wieder mit Performances auf.
Carina Nekolny ist u. a. Mitglied der IG Autorinnen Autoren, der Sisters in Crime, der Lyrikerinnengruppe wientouristinnen in.form, des Lyrikerinnenkollektivssappho.net und der kunstkolchose ahoj.
Prosa: Stimmen/Ränder. Erzählungen (2006), Yunnan. Unter südlichem Himmel (2008), Fress-Schach. Ein bulgarischer Winterkrimi (2011), Orpheus Traum.Mythologische Erzählungen (2011),Ausgleichende Gerechtigkeit. Ein Wiener Erwachsenenbildungskrimi (2012),Fremdheit und Nähe. Die erotische Mystik der süddeutschen Dominikanerinnen im Mittelalter (2013)
Auszeichnungen (Auswahl): Limburg-Preis 2003, Exil-Literaturpreis Schreiben zwischen den Kulturen und Wiener Autorenstipendium 2006, Paul-Maar-Stipendium 2008, Literaturstipendium der Stadt München (Villa Waldberta) 2013, Rom-Stipendium der österreichischen Bundesregierung 2016
FINGERSPITZEN ist der zehnte Band der Edition MEERAUGE des Klagenfurter Verlags Johannes Heyn. 99 handnummerierte und signierte Exemplare sind reserviert für das Abonnement der Reihe.
Interessenten wenden sich bitte an abonnement@edition-meerauge.at

Blog-Finger-Cover

Carina Nekolny
Fingerspitzen
Roman
Verlag Johannes Heyn
Edition Meerauge
Klagenfurt/Celovec 2016
253 Seiten
fester Einband, geripptes Surbalin,
Lesebändchen
ISBN: 978-3-7084-0560-5
€ 24,90
http://www.meerauge.at/die_reihe/fingerspitzen

http://www.meerauge.at/assets/files/Leseproben%20PDF/Carina%20Nekolny_Fingerspitzen_Leseprobe.pdf

Ich danke dem Verlag Johannes Heyn für das Rezensionsexemplar.
Alles Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

Facebooktwittergoogle_plus