Kategorie: Gastbeiträge

Michael Douglas kommt nach Celovec und kauft sich einen Hut

Text + Fotos Chris Haderer, Gastbeitrag

Am 28. Februar gab es Wahlen in Klagenfurt.Unabhängig davon, wie sie bei der bevorstehenden Stichwahl ausgehen werden: In der Landeshauptstadt wird gestern alles so sein, wie es morgen schon war.

Ein Stadtrundgang zwischen Kärntner Anzug und Kärntner Volksseele.

Würde morgen die Sonne vom Himmel fallen und die Welt untergehen, aber ein winziges Stück von Kärnten die Apokalypse überstehen – was könnte es sein? Eine Landschaft? Ein Gedanke wie der des Klagenfurter Autors Horst Dieter Sihler, dass «damit der germanische slawische romanische Mittelpunkt Europas dahin wäre?» Für den Musiker und Lyriker Edgar Hättich «muss die Zweisprachigkeit erhalten bleiben». Auch für Tanja Prušnik, Kärntner Präsidentin des Wiener Künstlerhauses, und darüber hinaus «die ganze Kraft, welche die südliche Region ausmacht: diese kulturelle Vielfalt und die künstlerische Diversität». Anders Dagmar Cechak: Die Autorin wünscht sich nur «ein Stück Ufer am Wörthersee, wo ich sitzen kann und aufs Wasser schauen, in dem sich die untergegangene Welt spiegeln kann». Willkommen in Klagenfurt; nein, in Klagenfurt am Wörthersee, wie es seit 2008 korrekt heißt, um etwaigen Verwechslungen vorzubeugen, sollten die Chines_innen es einmal nachbauen wollen: Dobrodošli v Celovec ob Vrbskem jezeru. 

Ortstafeln, vor allem zweisprachige, sind ein Thema, bei dem sich die Kärntner Volksseele gerne die Schädel einschlägt. Für Auswärtige ist das eher schwer nachvollziehbar; vor allem für Wiener_innen, da in manchen Bezirken der Bundeshauptstadt bis zu fünf Sprachen Usus sind. 100 Jahre und vier Monate nach der Kärntner Volksabstimmung, bei der sich die slowenischen Grenzregionen gegen Jugoslawien und für die Zugehörigkeit zu Österreich entschieden, sollte das kein Thema mehr sein, sollte man meinen. Dass die Zweisprachigkeit 1955 im Staatsvertrag fixiert, aber nicht umgesetzt wurde; dass Bruno Kreisky 1972 die Aufstellung im Ansatz beschloss, die Ortstafeln daraufhin von «Deutsch-Kärntnern» in Kärntner Anzügen gestürmt wurden und es seither mehr oder weniger verhalten brodelt, ist zumindest ein Beweis für die unendliche Geduld von Papier. Derzeit sollten 164 zweisprachige Ortstafeln in Kärnten herumstehen, die von Klagenfurt ist seit der Umbenennung in Klagenfurt am Wörthersee im 16:9-Format und Full-HD. 

Man darf sich das schon ein bisschen dramatisch vorstellen, das Klagenfurt der frühen 90er-Jahre: Da wandelte ein echter Filmstar aus Hollywood durch die Straßen von Celovec, ging über den Alten Platz und erwarb unter heftiger Anteilnahme der lokalen Weltpresse eine Kopfbedeckung.

Von da an war der Alte Platz nicht mehr derselbe, vor allem weil Huthändler Orasch sofort ein Schild in seiner Auslage platzierte, auf dem er sich bis zur Schließung des Geschäfts darüber freute, dass Michael Douglas einen Hut bei ihm gekauft hatte. Der Sohn des großen Kirk Douglas war im November 1990 ins Heilige Land gekommen, um einige Szenen des Nazi-Agententhrillers Wie ein Licht in dunkler Nacht (Shining Through) abzudrehen. Landeshauptmann Jörg Haider freute sich einen Kärntner Anzug, dass sein Land als Filmkulisse in der Zeitung stand und nicht schon wieder wegen des Ortstafelstreits. Dass Klagenfurt im Film gar nicht zu sehen und Kärnten kein österreichisches Bundesland war, sondern die Schweizer Grenze mimte, an der Melanie Griffith erleichtert in die Arme von Michael Douglas sinken durfte, stellte sich erst heraus, als der schon über alle Berge war und nicht mehr zur Rede gestellt werden konnte. Der Hut von Michael Douglas ist zur urbanen Legende geworden, und wer vor dem Spiegel im Strandbad drei Mal seinen Namen nennt, dem erscheint er. 

Foto © Chris Haderer

Kärnten, so sagt die Volksseele, sei ein Land der Dichter. Weil Peter Handke in Klagenfurt das humanistische Gymnasium besuchte, freut man sich dort, dass er den letzten Literaturnobelpreis nach einem holprigen Rückpass dann doch nach Koroška und nicht nach Serbien geholt hat (nach der Volksabstimmung ein weiterer Punkt für Kärnten). Eine Stadtbibliothek mit einer Werksammlung der lokalen Autor_innen gibt es in Klagenfurt nicht – das Künstlerische versteckt sich eher kleinteilig im Stadtbild, wie dem Cafe Robert Musil, das so heißt, weil es sich im Nachbarhaus des Robert-Musil-Literatur-Museums gegenüber dem Bahnhof befindet. Den Dichter kann man allerdings nur schwer als «großen» Sohn der Stadt rechnen, weil die Familie ein knappes Jahr nach seiner Geburt das Weite suchte und nach Komotau (Chomutov) in Nordwestböhmen übersiedelte. Das Museum ist auch ein Heim für Christine Lavant und Ingeborg Bachmann: Nicht umsonst wird in Klagenfurt jährlich der Bachmannpreis der deutschsprachigen Literatur vergeben, aber nur selten an Einheimische.

«Eines ist mir völlig unverständlich», sagt der ursprünglich aus der DDR stammende Autor Peter Wawerzinek, der 2010 den Bachmannpreis gewann und ein halbes Jahr Stadtschreiber von Klagenfurt war. «Wann werden sie endlich das ‹h› aus dem Wörthersee rausstreichen?» Sie, die Klagenfurter_innen, und speziell der Kärntner SchriftstellerInnenverband als wichtigste Literaturvereinigung des Landes, könnten damit ein weithin sichtbares intellektuelles Zeichen setzen, während andere Städte nur Altnazis aus den Straßennamen entfernen. 

Foto © Chris Haderer

Als Landeshauptstadt ist Klagenfurt quasi der politische Nabel Kärntens, und als solcher fest damit verbunden (der geografische liegt ein Stück nordwestlich von Villach in Arriach). Das nahe Villach betrachtet man trotz gleicher Parteilinie eher mit Bedacht. Außer Eisenstadt ist Klagenfurt die einzige Landeshauptstadt ohne ordentlichen Fluss. Darum wurde schon kurz vor der Erfindung des Massentourismus mit dem Bau des Wörthersees begonnen. Durch ihn gelangten auch kulturell und architektonisch eher schlichte Orte wie Pörtschach oder Velden zu deutschland-weiter Bekanntheit. Die Glan, die im Norden vergeblich einen Bogen um Klagenfurt zu machen versucht, ist beim besten Willen nur ein Bach – hingegen streckt sich die Glanfurt, der von der Kärntner Volksseele Sattnitz genannte Abfluss des Wörthersees, immer öfter nach der Decke und führt Hochwasser. In zehn Jahren wird man vom Strandbad direkt zum Wörthersee Stadion hinüberschwimmen können.

Ins Stadtzentrum kann man das jetzt schon, denn der vier Kilometer lange Arm des Sees, der Lendkanal, reicht vom Schloss Loretto am Seeufer bis kurz vor die Innenstadt: vorbei am Europaschutzgebiet Lendspitz-Maiernigg an der Ostbucht des Sees, dem Klagenfurter Kinomuseum, dem Tramway-Museum und dem Buffet zur Tramway: Dort werden in einer umgebauten Straßenbahngarnitur, die bis 1967 noch zwischen Strandbad und Heiligengeistplatz unterwegs war, Würste gebraten und Bier aus dem suspekten Villach gereicht. Der Lendkanal wurde nach einem Stadtbrand im Jahr 1518 künstlich ausgehoben, versorgte damals den Stadtgraben mit Wasser und endet heute am Lendhafen, der mit seinen Lokalen und kleinteiligen Häuserarrangements durchaus ein mediterranes Künstler_innenviertel auf  450 Meter Seehöhe sein könnte. Leider bleibt es beim Konjunktiv. Im Gegensatz zum Wörthersee friert der Lendkanal zumindest jedes Jahr zu und macht aus dem Hafen einen malerischen Eislaufplatz. Denkt man sich den Verkehrslärm weg und dämpft das Licht, kann man sich nach ein oder zwei Gläschen Gurktaler fühlen, als wäre es Weihnachten in Venedig.

Schwerwiegend zählt, dass Klagenfurt eine Landeshauptstadt ohne Bahnhofsrestaurant oder einem dem Bahnhof zurechenbaren Tschocherl ist. Die entlang der Südbahn für ihr Gulasch bekannte «Reste» musste im Frühjahr schließen: Den Todesstoß versetzen die ÖBB mit dem bahnhofsweiten Rauchverbot und die vier pandemischen Reiter mit dem ersten Lockdown. «Da kann man gleich den ganzen Bahnhof schließen und das Reisen an sich verbieten», kommentiert Peter Wawerzinek, den es einmal im Jahr nach Klagenfurt verschlägt: «Weil in Klagenfurt – in Kärnten, in Österreich – nichts so ist, wie man glaubt. Es kommt immer anders.»

Unbestreitbar sind aber die beeindruckenden Monumente, auf die man unweigerlich stößt. Landesweit gelten der Großglockner, der Dobratsch und die Glock-Plakatwerbung in Treffen als solche. In Klagenfurt sind es das Wörthersee Stadion, die Seebühne und das Haider-Memorial bei Lambichl, wo der Landeshauptmann im Oktober 2008 schneller als das Licht sein wollte. Das Kärntner Heimatwerk in Klagenfurt verlor damit seinen populärsten Markenbotschafter für Kärntner Anzüge, in die sich Haider gerne kleidete und in denen laut dem Dichter Bernhard C. Bünker «das innere Erscheinungsbild des aufrechten Kärntners seinen sichtbaren, augenfälligen Niederschlag findet».

Zumindest den Grabausstatter_innen hat er ein auch in Coronazeiten krisensicheres Zubrot beschert, denn die Unfallstelle wird gehegt wie kein anderes Stück Gehsteig in Kärnten. Es geht sogar das Gerücht, dass die Sonne wirklich vom Himmel fällt, wenn in Lambichl die letzte Kerze erlischt.

Bis es so weit ist, soll es im Klagenfurter Alternativkino zu «Vorführungen alternativer Filme» kommen, so eine kühne Forderung der Klagenfurter Volkspartei für die Wahlen am 28. Februar. Obwohl, da sollte man genau drauf schauen: Schon in den 1950er- Jahren hätten die «alternativen» Wandfresken von Giselbert Hoke, die heute in der Halle am Hauptbahnhof unter Denkmalschutz stehen, beinahe den ersten Bürger_innenkrieg nach dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Bei der Malerin Maria Lassnig wurde schon besser aufgepasst: Zeitlebens erhielt sie nur ein Mal eine Auszeichnung, 1985 in Klagenfurt den Landespreis, und trotz vieler Bestrebungen gibt es 40 Jahre später immer noch kein offizielles Lassnig-Museum. Dort, wo ihr Atelier war, in der Klostergasse, gibt es jedoch ein Gedenkschild. Aber wird in Klagenfurt immer alles gestern so sein, wie es morgen geblieben ist?

Ich sitze am Rücken des Lindwurms allein an einem Corona_Sonntag am Neuen Platz mit dem vor Einsamkeit weinenden Babydrachen und lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Ja! Die Sonne, die immer noch nicht vom Himmel gefallen ist! Oder ist es gar eine neue? Wenn ja, dann war es eine gute Investition in die Zukunft. Seien wir ehrlich. Egal was Ihnen nebochante Nestbeschmutzer_innen an bizarren und oft auch frei erfundenen Geschichten erzählen: In Wahrheit ist Klagenfurt eine der neun schönsten Landeshauptstädte der Alpenrepublik.

Zaupaj mi. Dober dan

Chris Haderer, Februar 2021

Erstveröffentlichung in der Zeitschrift AUGUSTIN 522/ Februar 2021/ Seite 16

https://augustin.or.at/kontakt/

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Bis zu Sankt Nimmerlein …

Zum Thema Lockdownverlängerung für Kunst und Kultur

Gastbeitrag von Gerhard Ruiss

IG AutorinnenAutoren


Bis zum Tag X oder bis zu Sankt Nimmerlein

Kunst und Kultur haben seit Anfang November Pause und das bleibt vorläufig auch so. Die Kunst- und Kulturbetriebe mussten in der ersten Jahreshälfte 2020 für insgesamt 11 Wochen komplett schließen, die derzeitige Schließung des Kulturveranstaltungsbetriebs hat inkl. der nunmehr verfügten Verlängerung eine Dauer von insgesamt 14  bis 17 Wochen, 11 Wochen bis heute, von heute an noch weitere 3 bis 6 Wochen.

Das stellt alle nicht voll subventionierten Betriebe vor fast nicht mehr lösbare Probleme. Auszugehen ist davon, dass Bund und Länder ihre schon bisher finanziell getragenen Betriebe weiter finanziell tragen sowie die Verluste, die sie durch die Sperren erlitten haben, ausgleichen werden. Ganz anders sieht es bei den nicht voll subventionierten Betrieben aus, sie hängen, was ihre Zukunft betrifft, vollkommen in der Luft, das betrifft sowohl feste Häuser als auch die nirgendwo fix verankerte Freie Szene. Ein Teil von ihnen wird nach der Beendigung des Lockdowns weiterhin Subventionen erhalten, aber auf Grund der Einschränkungen den notwendigen anderen Teil zur Finanzierung nicht erwirtschaften können, und der nicht-subventionierte Kunst- und Kulturbetrieb wird nach dem Auslaufen der Unterstützungsleistungen ohne irgendeine Chance auf relevante Einnahmen überhaupt nur noch auf seinen Zusatzbelastungen und Zusatzkosten sitzen bleiben.

Bei der ersten Schließung 2020 wurde ein Betretungs- und Veranstaltungsverbot verhängt, bei der zweiten „nur noch“ ein Veranstaltungsverbot. Zudem durften zeitweilig die größtenteils dem Bund, den Ländern und Gemeinden gehörenden Museen, Ausstellungshäuser, Bibliotheken und Büchereien wieder öffnen. Das hat den Eindruck erweckt, es wäre im zweiten Lockdown zu einer geringeren Schließungsdauer in der Kunst und Kultur als im ersten Lockdown gekommen. Das ist nicht der Fall. Auch nun heisst es, die Lokdownverlängerung beträgt zwei Wochen, das stimmt wieder nur für Museen, Ausstellungshäuser, Bibliotheken und Büchereien, für den Kulturveranstaltungsbetrieb (Theater, Konzerthäuser, Literaturhäuser, Kinos usw.) ist sie mit weiteren 6 Wochen anberaumt.
Es ist vor allem die Aussicht, dass der Kunst- und Kulturbereich der letzte bleiben wird, der an irgendeinem Tag X oder auch am Sankt Nimmerleinstag wieder aufgesperrt werden darf, die die Lage für die meisten Kunst- und Kulturbetriebe schon jetzt aussichtslos erscheinen lässt. Ihr Niedergang zieht die Kunst- und Kulturschaffenden mit sich, die ihre Veranstaltungsorte, Honorare, Gagen, Gewinnbeteiligungen und Tantiemen verlieren, nicht nur für die Zeit, in der sie Überbrückungshilfen erhalten, sondern auf Dauer.
Es gibt trotz der sich zuspitzenden Situation aber keinerlei Anzeichen für Überlegungen, wie es nach der Beendigung des Lockdowns und dem Ende der Pandemie mit den Kunst- und Kulturbetrieben weitergehen soll. Wenn jedoch jetzt nicht die Zeit ist, die Arbeiten und Beratungen zur im letzten und auch im jetzigen Regierungsprogrammen angekündigten Kunst- und Kulturstrategie aufzunehmen, wann dann?

Im seit mehr als einem Jahr gültigen Regierungsprogramm 2020 ist sie als allererstes Kunst- und Kultur-Vorhaben aufgelistet und soll „in einem strukturierten Verfahren unter Einbeziehung aller Gebietskörperschaften und mit Partizipation der Kulturinitiativen, Künst­lerinnen bzw. Künstler sowie Kulturarbeiterinnen und Kulturarbeiter ent­wickelt werden.“ Davon zu hören und zu sehen ist bis jetzt nichts.

Kunst und Kultur und ihre Notwendigkeiten wurden und werden bei den Entscheidungen der Regierung bisher vielfach ignoriert. Das liegt mit Sicherheit nicht an der zu geringen Unterstützung des Kunst- und Kulturbereichs durch das Kunst- und Kulturstaatssekretariat bzw. die Ressortverantwortliche Andrea Mayer, es liegt am zu geringen Interesse der Regierungsspitze. Die Wörter Kunst und Kultur sind bei der Pressekonferenz des Bundeskanzlers und Gesundheitsministers mit den Landeshauptleuten zur Bekanntgabe der Verschärfungen und Verlängerung des Lockdowns kein einziges Mal vorgekommen.

Daran muss sich dringend und nachhaltig etwas ändern, soll es nicht zu einer dauerhaften Beschädigung des Kunst- und Kulturbetriebes kommen, die in einer Kulturnation letztlich eine Selbstbeschädigung ist. 

Gerhard Ruiss
IG Autorinnen Autoren
Wien, 18.1.2021

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Wir werden wie Crusoe

Gastbeitrag von Peter Wawerzynek aus der roten Zone in Rom

Alle Räder stehen still, weil Corona es so will. Vor zwei Tagen sind wir noch ausgebüxt und ins Zentrum gelaufen, um die Leere am Trevi-Brunnen zu genießen. Vorbei: Herumstromern und Spazierengehen verboten. Demnächst wird das wohl auch in Deutschland per Dekret durchgesetzt werden. Die Völker Europas unterm Coronabogen. Überall die gleichen Gebote und Maßnahmen gegen das Virus als gemeinsamen Feind. Vorbei die Zeiten der festen Gewohnheiten. Man umarmt sich in Italien nicht mehr, hält einen Meter Abstand, knurrt und bellt, wenn jemand zu nahe kommt.

Wir Gäste der Villa Massimo sitzen in der roten Zone fest. Schneller als gedacht, beruhigen wir die Lieben daheim, wird es in ganz Deutschland wie hier in Rom zugehen. »VillArrest CoROMa« schreibe ich mit blutroter Tinte auf mein Tagebuch und notiere hinter den Mauern der Residenz, dass Bus oder Bahn nur noch fährt, wer das unbedingt muss. Der Rest läuft zu Fuß auf kürzestem Weg durch menschenleere Gegenden. Alle Läden, die nicht Lebensmittel verkaufen, sind dicht, auch Restaurants und Bars. Wir schleppen ein Papier mit uns herum: Name, Wohnort und zuständige Person für den Notfall. Auf Nachfrage der Polizei ist das zu zücken. Und man wird kontrolliert, muss mit Geldstrafen rechnen und damit, zum Zwangstest mitgenommen zu werden.

Alle, die für kürzere Besuche in der Villa waren, sind rechtzeitig vor Einstellung des Flugverkehrs abgereist. Die Angestellten arbeiten von zu Hause aus, ohne Verdienstausfall. Sie üben auf engstem Raum Familienleben. Nur die Chefin ist noch bei uns, als Kapitänin an Bord. Wir hocken in unseren Studios und waschen die Hände, um uns vor uns selbst zu schützen. Die ewige Stadt ist so fern. Einmal am Tag treffen wir Stipendiaten uns im Garten mit reichlich Abstand zueinander, um das Neuste zu besprechen. Es ist stiller geworden, sagt einer. Es fliegen deutlich weniger Verkehrsmaschinen, vielleicht bald keine mehr, über das Gelände der Villa hinweg. Nur noch dieser Hubschrauber da, der den Tag lang schon über uns kreist.

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Wir treffen uns jetzt täglich, sitzen beisammen, trinken Kaffee, essen Kuchen, Kekse, tauschen Neuigkeiten aus. Es ist keine Pflicht, aber gut, um zu sehen, wie die anderen so drauf sind, wer von uns nicht da ist, was los sein könnte. Gestern wurde mit viel Beifall jene Familie begrüßt, die nun nach vierzehn Tagen Quarantäne wieder unter uns weilen darf. Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Alles gut verlaufen. Einkauf und sonstige Besorgungen wurden durch andere Stipendiaten perfekt abgewickelt. Es hat ihnen an nichts gefehlt, außer eben an Spaziergängen hinaus, in die Parks, durch Straßen und Gassen, zu Plätzen und Freunden, solche Sachen eben.

Der Vater sagt, er habe als Komponist eine überaus glückliche Phase erlebt, so ungestört, ganz wunderbar komponieren können. Die Ideen, die ihm gekommen seien – unersetzbar. Um einiges kostbarer und enger schien ihm das Familienleben abzulaufen. Die Gelassenheit, die sie umfing. Ob wir es mitbekommen hätten, mittags, zwölf Uhr? Was denn nur? Die Römer auf ihren Balkons, auf die sie hinaustreten und sofort zu singen beginnen. »Azzurro!« Wär’s doch das ganze Jahr lang so, Sommer mit blauem Himmel, müsste man sich nicht so plagen, hätte genug Freizeit, um beieinander zu sein. Könnt’ ich in aller Ruhe und voll Erwartung mich auf dich freuen! »Azzurro« – das ist in jenem Moment die Welt für alle Sänger, die in den letzten Tagen gemerkt haben, wie schlimm es für sie ist, nicht bei den Lieben zu sein. Nur Anrufe, Mails, Wünsche, Sehnen, Hoffen, Daumendrücken.

Wir haben uns den Text des Liedes ausgedruckt und sind, weil es sich bis zu uns herumgesprochen hat, dass noch einmal gesungen wird, um achtzehn Uhr auf dem Balkon der Chefin der Villa zusammengekommen, haben laut und befreit gesungen. Ich träume von langen Ferien mit weiten Reisen irgendwo hin, mit nur einem Koffer, Pyjamas und genügend Geld darin. Doch bis das wieder wahr wird, wollen wir froh und glücklich beisammen die harten Prüfungen in Balkonien verbringen.

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Wir leben und arbeiten hier in zehn Studios. Etwas entfernt von uns steht das schmale Haupthaus, in ihm sind die Büros, und in besseren Zeiten wirbeln hier zig Mitarbeiter herum. Lieferanten, Kurzbesucher, Gäste, Römer, Ehemalige, Haushandwerker, Gärtner gehen ein und aus. Jetzt nicht mehr. Jetzt gibt es dort nur noch einen Praktikanten, den Mann für alles und die Chefin.

Die Bewohnerin von Studio Nummer eins war zu der Zeit, als Italien gesperrt wurde, in Berlin. Sie meint, Anfang April wieder bei uns zu sein. Wir lassen sie in diesem irren Glauben. Wir haben uns aus ihrem Kühlschrank bedient, ihre Pflanzen zu uns genommen. Die zwei von Nummer fünf sind gestern in aller Herrgottsfrühe mit ihren Fahrrädern ins leere Rom geradelt, angezogen wie Sportler beim Training, zur Tarnung. Sie wurden zeitweise von fünf Polizisten begleitet. Was sie uns von der entvölkerten Metropole zu berichten hätten, wollen wir wissen. Alles sehr gespenstisch, die touristischen Stätten verwaist, nur noch Obdachlose in den Straßen, sonst niemand weiter zu sehen. Ob sie ihre Dokumente vorzeigen mussten? Name, Geburtsort, Herkunftsland, Wohnort in Rom, Telefonnummern, Mailadresse, erreichbare Kontaktpersonen. Mussten sie nicht, hatten sie aber brav dabei, wie wir alle, von der Deutschen Botschaft dazu verdonnert.

Einkaufen dürfen wir, aber immer nur eine Person und in der nächstliegenden Einrichtung. Andrea und ich sind trotzdem zu zweit los und statt dessen in den nahen Markt gegangen. Solange er noch geöffnet hat. Unendlich viel Zeit damit zugebracht, in einer superlangen Schlange in Riesenabständen zu stehen. Glück für uns, die kleine Markthalle. Polizei und Aufpasser auch dort allgegenwärtig. Gehen richtig dazwischen, fordern die Leute auf, Abstand zu halten. Am Stand die Nummer ziehen, nichts anfassen, nur drauf zeigen, sich vom Personal bedienen lassen.

Am Abend haben wir dann ein Essen gegeben, den Praktikanten aus Nummer drei, den Komponisten aus Nummer vier und die Nummer fünf ebenfalls eingeladen, weil sie allein in ihren Studios hocken, im Vergleich zu uns die härteren Lebensprüfungen durchstehen müssen. Es gab Kohlrouladen, für die Vegetarier Linsensuppe mit Ingwer. Wir haben über alles gesprochen, auch darüber, wie es danach sein wird. Einhellige Zustimmung erhielt ich für den Satz: Es gibt kein nach Corona, weil es kein vor Corona gegeben hat.

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Ich schicke E-Mails herum, an Freunde, Bekannte, Verwandte, Kollegen. Sie sagen, ich hielte mich im goldenen Käfig auf, Umstände und Bedingungen seien bestens für mich, genügend Zeit da zu schreiben. Das alles mit Blick auf Bäume. Sie dagegen könnten es sich nicht so gutgehen lassen und fürchten, dass die Menschen recht bald durchzudrehen begännen.

Unser Mann für alles geht jeden Tag hinaus, um die Zeitungen zu holen. Ich lese sie, wie all die Tage vorher auch schon, im Raum neben seinem Büro. Er sagt, es werde für ihn immer unerträglicher, die Römer in Gummihandschuhen und mit diesen Binden im Gesicht zu sehen. Manche zu groß, andere verkehrt herum umgebunden, mit verdrehten und über Kreuz gelegten Bändern, die ihre Ohren wie bei jungen Hunden nach vorne knicken. Die sonst so lustigen, verquasselten Italiener, jetzt stehen sie meterweit auseinander vor den Lebensmittelzentren und wirken so deprimiert. So langsam sickert die Erkenntnis durch, dass alles noch sehr viel länger dauern wird. Für die Kinder ist Schule in der Familie daheim. Kaum Zeit dafür vorhanden, sich aufeinander einzuspielen. Haufenweise Probleme, und man kann sich nicht aus dem Wege gehen. Schon steigen die Scheidungsraten weltweit an. Wie soll das alles nur enden?

Ich möchte wissen, was zu Hause los ist. Ich frage bei meinem Verlag an, wie es so zugeht, wenn Buchhandlungen schließen, die Vertreter nicht mehr herumreisen, von ihren Schreibtischen aus virtuell arbeiten müssen. Weil doch mein Leben hier in der Quarantäne-Villa in gewohnten Bahnen abläuft. Alles wie gehabt. Ich wache auf, schreibe drauflos, halte Mittag, lese Erich Mühsams Gefängnistagebücher, lege mich kurz hin, arbeite weiter. Schon ist es Abend. Wir kommen auf der großen Terrasse zusammen, singen Balkonlieder, tauschen Neuigkeiten aus. Das funktioniert und erinnert alles doch eher an Zoogehege, nur eben ohne Besucher. Letzte Nachricht. Roms Spanische Treppe wird für Filmaufnahmen in England nachgebaut, was schon eine teure Sache ist, aber deutlich günstiger, als die Arbeit auf Monate zu verschieben. So einfach geht das.

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Um es einmal deutlich auszudrücken, und ich spreche da sicherlich im Namen aller Anwesenden, wir sind unter uns und in der Villa Massimo gut aufgehoben. Mitten in Rom leben wir abgeschottet von der Stadt. Wir bekommen weiterhin die Stipendien ausgezahlt. Wir können arbeiten und uns auf dem Gelände frei bewegen. Wir halten untereinander solidarischen Kontakt. Jeden Tag werden wir über aktuellste Entwicklungen informiert. Heute war die Familienzusammenführung das große Thema. Zwei Stipendiaten möchten in diesen Zeiten lieber mit ihren Lebenspartnern zusammen sein. Ob es Einwände gibt, wurden wir reihum gefragt. Natürlich sprachen sich alle dafür aus. Und so werden sie also demnächst zu uns stoßen und unter Wahrung der üblichen Sicherheitsgebote mit uns unter einem Dach wohnen.

Wie sich die Dinge entwickeln werden, kann man nicht sagen. Termine werden verschoben, immer wieder sehen wir unsere Vorhersagen von unerwarteten Vorgängen ad absurdum geführt und als hinfällig entkräftet. Die Realität übertrifft sich selbst. Die Amerikanische Akademie, heißt es im Garten der Villa, schickt ihre Stipendiaten nach Hause. Betroffenes Schweigen am großen Tisch. Unsere Aufenthaltsdauer endet in gut drei Monaten. Dann fahren wir nach Hause, und die Villa bereitet sich auf die Neuen vor. Was aber, wenn es, wie so oft, wieder ganz anders kommt? Wenn die Neuen nicht nach Rom einreisen dürfen, man uns einfach nicht aus Italien rauslassen will?

Unsere Vorhaben für die nahe Zukunft werden zu Papier und von der Realität geschreddert. Niemand von uns will absichtlich den Teufel an die Wand malen, doch der Rotstift, mit dem unsere Pläne, Ziele, Absichten durchkreuzt werden, ist der, mit dem man Beelzebub die Hörner pinselt. Je intensiver ich mich so hineinsteigere, desto seltsamer erscheint mir der Anfang meines gerade geschriebenen Textes. Um es einmal deutlich auszudrücken, und ich spreche da sicherlich im Namen aller Anwesenden, wir sind unter uns und in der Villa Massimo gut aufgehoben.

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Die Leinwand ist unser neuester Einfall. Am Abend laufen die ersten Tests. Danach wird sie oberhalb der langen Terrasse aufgebaut, gesichert und bespielt. Wir haben einen super Platz ausgesucht – sehr weit einsehbar. Für maximal eine halbe Stunde präsentieren wir uns nacheinander auf dieser Schauwand, damit die Leute sehen, was wir so tun. Nummer fünf würde die Leinwand am liebsten live bemalen, Nummer zwei ein Sinfonieorchester auftreten lassen oder am Flügel ein Solokonzert geben. Das Piano über die hellen Kieselsteine dorthinzuwuchten ist allerdings schier unmöglich. Dann also doch eher Maul- oder Blechtrommel, Mundharmonika und Blockflöte. Ich selbst würde die Kieselsteinteppiche auf den Wegen auf unserem Villagelände zu gern zerstören. Juckt mich schon lange in den Fingern. Mit den Stöcken, die der Sohn des Komponisten, Paul, gesammelt hat. Die eignen sich bestens dafür, richtige Wäschestangen sind das. Oder gleich mit dem Spaten brutale Furchen ziehen, so richtig wüten und mich dabei filmen lassen. Dem Frust freien Lauf lassen. Vielleicht werde ich auch einen Text hinlegen. So eine Art Aufruf, Hilfeschrei, Slogan, der meiner wilden Spontanaktion Sinn verleiht. Die einen lachen über meine Idee, die anderen fragen, was bitte die Kieselsteine dafür können. Ich mache die War-nur-so-ein-Gedanke-Geste. Wir sind hier schließlich für unbestimmte Zeit aufeinander angewiesen, sitzen alle im selben Boot und treiben hoffentlich nicht auf dem Coronazonas einem Wasserfall entgegen. Die Leinwand ist unsere Funkstation, vielleicht sollte ich ein letztes SOS senden? Und obwohl ich selbst dazugehöre, unterschreibe ich statt dessen Hilfsaufrufe für bedrohte Kollegen. Eine Mail stimmt mich richtig froh. Mein Verlag will mir ein Buchpaket nach Rom schicken. Na endlich, denke ich, so langsam schnallen die in Berlin, worum es geht.

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Jeder Tag ein Sonntag. Wie auf dem Lande. Keine Autos zu hören, die deine Ruhe stören. Herrlicher Sonnenschein, beinahe Windstille. Was uns nicht erspart bleibt, ist der über allem kreisende Hubschrauber. Taucht unvermittelt auf, ist bedrohlich lange da und verschwindet übelgelaunt wie ein erhobener Lehrerzeigefinger. Zwei Kinder sind in der uns auferlegten Idylle unser einziges Unterhaltungsprogramm. Sie fühlen sich völlig unbeobachtet, kichern sorglos. Sie streiten sich kurz, vertragen sich rasch, lachen, summen und toben auf irgendeinem Balkon. Die Bäume davor sorgen dafür, dass wir sie nicht sehen, nur als tolles Hörerlebnis wahrnehmen.

Am Abend dann sind wir bereit, das Lied des Tages mitzusingen. Achtzehn Uhr verstreicht. Nicht ein Mucks. Es ist so seltsam wie unerhört. Sie singen nicht mehr von ihren Balkonen. Fragt man sich prompt, was mag der Grund dafür sein? Ist jemand gestorben, etwas passiert, wovon wir nichts wissen, oder wird im Block gegenüber unter den Anwohnern ein Ereignis begangen, das Schweigen gebietet? Sind sie alle weggezogen, die Häuser verwaist, und nur wir haben es noch nicht bemerkt? Wir lassen das Abendlied aus unserer Box halblaut erschallen und sitzen verloren in der Gegend herum. Auch später ist kein Mucks von draußen zu hören, nicht ein zaghafter Sangeston. Einzig das dumpfe Brummen einer wuchtigen Flugmaschine mit vier Propellern. Der fliegende Ruhestörer ähnelt einem dieser Rosinenbomber damals in Berlin. Geschichtswissen. Luftbrückenversorgung und so.

Wir gehen wortkarg auseinander und jeder für sich die eigenen Dinge an. Wer in der Nacht erwacht, den erschreckt die Stille. Du trittst zur Tür hinaus und empfängst sie mit süßer Schärfe. Die Disco von nebenan hat ausgedient, statt dessen Grabesstille. Bis endlich ein einzelnes Fahrzeug die Lautlosigkeit stört, durch sie hindurch fährt. Du atmest auf und legst dich wieder hin. Die Fenster offen, freust du dich auf das Zwitschern der frühen Vögel, die irgendwie lebhafter als üblich zu Werke gehen.

Entwurf

Der Aufenthalt auf dem Villagelände nimmt Züge von Inselleben an, wird zur Robinsonade. Im sicheren Fort hinter Palisaden erklimmen wir ab und an den Hügel und schauen durchs Fernrohr. Da ist nichts weiter zu erspähen, als die beiden trügerischen Blaus von Wasser und Himmel. Der kurze Gang zum Supermarkt ist unser Strandbesuch. Jeder darf für kurz in die Gegend stieren, niemand baden, sich sonnen, nichts. Und blinkte am Horizon ein Segel, so keimte bei allen die Hoffnung auf, es werde gleich Schluss sein, man selber heimgeholt. Der treue Papagei hockt einem jeden auf der Seele und hört längst nicht mehr auf den Namen Freitag. Er will Incertezza (Ungewissheit) gerufen werden. Und obendrein ist noch Frühlingsanfang. Viele Möwen fliegen frei herum, scheißen uns mit neusten Nachrichten zu. Vermengt mit sich widersprechenden Gerüchten und Vermutungen prasseln Exkremente auf uns ein, die ausreichen würden, eine ganze Zeitung zu füllen. Wir müssen kühlen Kopf bewahren und setzen auf Normalität. Wir haben den Umstand zu ignorieren, dass wir Gestrandete und gefangen sind, nicht abhauen können. Also begnügen wir uns mit täglicher Routine, um uns von diesem Fakt abzulenken. Zum Tagesablauf gehört, dass wir uns regelmäßig treffen und Informationen zur Infektion austauschen. Nummer sieben traut sich nicht mehr zum Einkaufen hinaus. Das erledigen wir für sie. Die Reinigungsfrauen, heißt es, werden gestern das letzte Mal hier gewesen sein. Das macht uns alle deutlich Crusoer als so schon. Noch habe ich keine Angst vor meinem Spiegelbild. Noch denke ich nicht von ihm, es könnte mich anstecken, wenn wir uns nahekommen. Doch ab und an erwische ich mich dabei, Augenfarbe und Hautbeschaffenheit zu überprüfen, ob schon Anzeichen auszumachen sind, die vielleicht eine Sonderform von Ansteckung darstellen. Ich finde natürlich nichts und attestiere mir weder Fieber, noch bedenkliches Kratzen im Hals. Da ist nur dieses seltsam optimistische Lächeln in meinem Gesicht, von dem ich häufiger meine, es wäre aufgesetzt, soll mich täuschen und in Sicherheit wiegen. Schon springt dieser Geistesblitz von meinem Spiegelbild aus auf mich über. Ich weiß nicht mehr zu sagen, wer von uns beiden das Sagen hat. Mag sein, das alles rührt vom Film Joker her, den wir uns in der Nacht angesehen haben. Da weiß man ja auch nie genau, was Einbildung ist und Wirklichkeit. Solch ein irrer Wechsel von Realität zu Wahnvorstellung und retour bestimmt allmählich auch unser Leben hier, möchte ich sagen, nur drückt eine dritte Hand mir hinterrücks den Mund zu.

Ausführung

Der Aufenthalt auf dem Villagelände hat etwas von Inselleben, wird zur Robinsonade. Hinter Palisaden erklimmen wir ab und an den Hügel und schauen durchs Fernrohr. Da ist nichts weiter zu erspähen, als die beiden trügerischen Blaus von Wasser und Himmel. Der kurze Gang zum Supermarkt ist unser Strandbesuch. Jeder darf für kurz in die Gegend stieren, niemand baden, sich sonnen, nichts. Und blinkte am Horizont ein Segel, so keimte bei allen die Hoffnung auf, es werde gleich Schluss sein, man werde heimgeholt. Der treue Papagei hockt einem jeden auf der Seele und hört längst nicht mehr auf den Namen Freitag. Er will Incertezza (Ungewissheit) gerufen werden.

Obendrein ist noch Frühlingsanfang. Viele Möwen fliegen frei herum, scheißen uns mit neusten Nachrichten zu. Vermengt mit sich widersprechenden Gerüchten und Vermutungen prasseln Exkremente auf uns ein, die ausreichen würden, eine ganze Zeitung zu füllen. Wir müssen kühlen Kopf bewahren und setzen auf Normalität. Wir haben den Umstand zu ignorieren, dass wir Gestrandete und gefangen sind, nicht abhauen können. Also begnügen wir uns mit täglicher Routine, um uns abzulenken. Zum Tagesablauf gehört, dass wir uns regelmäßig treffen und Informationen austauschen. Nummer sieben traut sich nicht mehr zum Einkaufen hinaus. Das erledigen wir für sie. Die Reinigungsfrauen, heißt es, werden gestern das letzte Mal hier gewesen sein. Wir werden wie Crusoe. Noch habe ich keine Angst vor meinem Spiegelbild. Noch denke ich nicht, es könnte mich anstecken, wenn wir uns zu nahe kommen.

Doch ab und an erwische ich mich dabei, Augen und Hautbeschaffenheit zu überprüfen, ob schon Anzeichen einer Ansteckung auszumachen sind. Ich finde natürlich nichts und habe weder Fieber noch bedenkliches Kratzen im Hals. Da ist nur dieses seltsam optimistische Lächeln in meinem Gesicht, von dem ich häufiger meine, es wäre aufgesetzt – es soll mich täuschen und in Sicherheit wiegen. Ich weiß nicht mehr zu sagen, wer von uns beiden das Sagen hat. Mag sein, diese Gedanken rühren vom Film »Joker« her, den wir uns in der Nacht angesehen haben. Bei dem weiß man ja auch nie genau, was Einbildung ist und was Wirklichkeit. Solch ein irrer Wechsel bestimmt allmählich auch unser Leben hier, möchte ich sagen. Nur drückt eine dritte Hand mir hinterrücks den Mund zu.

©Peter Wawerzynek, derzeit auf einem Literaturstipendium in der Villa Massimo in Rom.

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Die COVID-19 Krise aus einer Global Citizenship Perspektive

Gastbeitrag von Werner Wintersteiner

Die Natur beherrschen? Der Mensch ist noch nicht einmal in der Lage, seine eigene Natur unter Kontrolle zu haben, deren Narrheit ihn dazu treibt, die Natur zu beherrschen und dabei die Beherrschung seiner selbst zu verlieren. […] Er kann Viren vernichten, doch ist er neuen Viren gegenüber machtlos, sie widerstehen seinen Zerstörungsversuchen, verwandeln und erneuern sich … Selbst bezüglich der Bakterien und Viren muß er mit dem Leben und mit der Natur verhandeln und wird das auch weiterhin müssen. (Edgar Morin)1 

Das Virus führt uns den Zustand der Welt vor Augen. (Steve McQueen)2

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Mit dem nationalen Tunnelblick 

Eine Global Citizenship Perspektive einzunehmen – das meint nicht den allumfassenden „Weltbürgerstandpunkt“, den gibt es nämlich gar nicht, sondern es bedeutet, über den nationalen Denkrahmen hinaus die Verbindungen und Verflechtungen wahrzunehmen und dem „Reflex“ des Nationalismus, des Lokalpatriotismus und des Gruppenegoismus zumindest bei der Wahrnehmung Widerstand zu leisten. Es bedeutet ferner, auch beim Urteilen und Handeln die Haltung „America first, Europe first, Austria first usw.“ zu überwinden und sich an der Leitidee der globalen Gerechtigkeit zu orientieren. Das wird nur ansatzweise gelingen, und auch nur durch permanente Selbstbeobachtung und selbstkritisches Überschreiten des vorherrschenden eurozentrischen Denkrahmens. 

Dass das noch nie leicht war, dazu eine literarische Illustration – das Theaterstück Der Weltuntergang (1936) des österreichischen Dichters Jura Soyfer. Vor dem Hintergrund des Aufstiegs des Nationalsozialismus zeichnet er ein Szenario der absoluten Bedrohlung – nämlich die Gefahr der Auslöschung der Menschheit. Doch wie reagieren die Menschen? Es lassen sich drei Phasen ablesen: Die erste Reaktion ist Leugnung, dann kommt die Panik, und schließlich eine (wenig rationale) Aktivität um jeden Preis.3 Zunächst glauben die Politiker den Warnungen der Wissenschaft nicht. Als sich die Katastrophe aber unleugbar nähert, ist keinerlei Solidarität zu bemerken, um gemeinsam die Gefahr vielleicht doch noch abzuwenden. Weder zwischen den Staaten, noch innerhalb der einzelnen Gesellschaften. Vielmehr schlagen die Reichsten noch einmal Profit aus der Situation, in dem sie eine „Weltuntergangsanleihe“ auflegen und in ein sündteures Raumschiff investieren, um sich individuell zu retten. Das Stück ist ein indirekter, aber sehr eindringlicher Appell an die globale Solidarität. 

Heute ist natürlich alles ganz anders. Die COVID-19 Krise ist kein Weltuntergang, und nicht nur in Österreich ist die Regierung bemüht, die Auswirkungen sozial und was die Generationen betrifft halbwegs gerecht abzufedern und alle Maßnahmen zu ergreifen, die geboten scheinen, um die Ausbreitung des Virus so weit zu verlangsamen, dass inzwischen Gegenkräfte aufgebaut werden können. Es wäre hochmütig und verfehlt, an jedem einzelnen Schritt der Regierung beckmesserische Kritik zu üben oder sich von einem Generalverdacht gegen „die da oben“ leiten zu lassen. Allerdings dürfen wir gerade in einer Ausnahmesituation wie dieser nicht gänzlich in der Bewältigung des Alltags aufgehen, sondern wir brauchen mehr denn je das kritische Beobachten und das kritische Denken.4 

Wir können uns zum Beispiel fragen: Ist wirklich alles ganz anders als im Stück von Jura Soyfer? Kennen wir die Verhaltensweisen, die der Dichter schildert – Leugnung, Panik, Aktionismus – nicht bereits von der Klimakrise? Wiederholen wir nun manchen Fehler, der bislang verhindert hat, dass wir den Klimawandel wirksam eindämmen? Vor allem: Wo bleibt die Solidarität der viel beschworenen „irdischen Schicksalsgemeinschaft“? 

Denn eines ist klar. Das Virus verbreitet sich global, und seine Bekämpfung würde globale Anstrengungen auf vielen Ebenen erfordern. Doch die Staaten reagieren weitgehend national. Schlimmer noch: Immer wieder siegt die (nationalistische) Ideologie über die Vernunft, manchmal selbst über die beschränkte ökonomische Vernunft. 

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  • 1 Edgar Morin/Anne Brigitte Kern: Heimatland Erde. Wien: Promedia 1999, S. 200. 
  • 2 Steve McQueen: „Wir schießen uns ins eigene Knie“. Im Gespräch mit Ivona Jelćić. In: Der Standard, 20. 3. 2020, S. 19. 
  • 3 Vgl. dazu auch den Hinweis auf den Soziologen Philipp Strong, der ganz ähnliche Verhaltensweisen in Krisen diagnostiziert hat, in: https://www.wired.com/story/opinion-we-should-deescalate-the-war-on-the-coronavirus/ 
  • 4 Gerade hat dazu zum Beispiel eine „Initiative Coview-19“ die Arbeit aufgenommen. 
  • 5 https://www.politico.com/news/2020/03/18/trump-pandemic-drumbeat-coronavirus-135392 
  • 6 Einen globalen Gesamtüberblick findet man in der NZZ vom 19. 3. 2020: https://www.nzz.ch/wissenschaft/coronavirus-weltweit-die-neusten-entwicklungen-nzz-ld.1534367 

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Ein „chinesisches Virus“? 

Der enge (nationale oder eurozentrische) Blick ist schon bei der Wahrnehmung des Problems selbst bemerkbar. Wochenlang, wenn nicht monatelang haben wir die Corona-Epidemie beobachten können, aber wir haben sie als chinesische Angelegenheit wahrgenommen, die uns nur peripher betrifft. Präsident Trump spricht heute noch ganz gezielt vom „Chinese Virus“, nachdem er es ursprünglich als „foreign virus“ tituliert hatte.5 Und erinnern wir uns an die ersten „Erklärungen“ für den Ausbruch der Krankheit – die fragwürdigen Essgewohnheiten der Chinesen und die schlechten sanitären Bedingungen auf den Wildmärkten. Der moralisierende und auch rassistische Unterton war nicht zu überhören. Erst als die Epidemie auf Italien übergesprungen ist, haben wir uns wieder erinnert, dass Globalisierung komplexe Verflechtung bedeutet – und eben nicht nur von Waren- und Kapitalströmen, sondern auch von Viren. Aber dass unsere Methoden der Massentierhaltung bereits mit einer gewissen Regelmäßigkeit Epidemien verursachen und eine noch wenig thematisierte, aber bereits jährlich tausendfach tödliche Resistenz von Bakterien gegen Antibiotika fördern, dass also unsere gesamte Lebensweise bestehende Risiken ins Globale steigert, das wollen wir auch jetzt noch nicht zur Kenntnis nehmen. 

„Rette sich, wer kann“ als Lösung? 

Leider hat sich gezeigt, was schon im Vorjahr anlässlich der erstmals wirklich weltweiten Diskussion über die Klimakrise zu bemerken war: Globale Gefährdungen bewirken nicht automatisch globale Solidarität. In jeder Krise reagieren wir prinzipiell, d.h. wenn wir nicht vorher andere Mechanismen aufgebaut haben, nicht nach dem Motto „zusammenhalten“, sondern nach der Maxime „Rette sich, wer kann, jede*r einzeln“. So ist es auch kein Wunder, dass die meisten Staaten Grenzschließungen als erste und probateste Maßnahme ansahen, um die Ausbreitung von Corona einzudämmen, ebenso wie die Bevorzugung der eigenen Landsleute bei Rücktransporten einer nationalistischen Logik folgt.6 Man wird sagen, dass Grenzschließungen eine vernünftige Entscheidung sind, denn die Gesundheitssysteme seien nun einmal national organisiert und es stehe auch gar kein anderes Instrumentarium zur Verfügung. Das ist richtig, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Wäre es, statt pauschaler Grenzsperren, nicht sinnvoller, betroffene „Regionen“ abzusperren, und zwar ausschließlich nach Maßgabe der gesundheitlichen Gefährdung, also durchaus auch grenzüberschreitend? Dass das derzeit nicht möglich ist, daran zeigt sich schließlich, wie unvollkommen unser internationales System ist. Wir haben globale Probleme erzeugt, aber keine Mechanismen für globale Lösungen. Es gibt die Weltgesundheitsorganisation WHO, aber sie hat nur sehr wenige Kompetenzen, ist finanziell von privaten Donors, darunter auch Pharmakonzernen, abhängig und ihre bisherige Rolle in der Corona-Krise ist umstritten. Und nicht einmal die Mitgliedstaaten der EU haben bisher ein funktionierendes gesamteuropäisches Gesundheitssystem aufbauen können. Deshalb reagieren wir wie bei der „Flüchtlingskrise“ – Abschottung. Aber es funktioniert halt bei einem Virus noch viel weniger als bei Menschen auf der Flucht. 

Der (nationale) Egoismus geht noch weiter. Ein besonderes Beispiel ist wohl der Fall der Tiroler Wintersportgebiete, vor allem Ischgl. Wie der Standard recherchiert hat, ist die Säumigkeit der Tiroler Tourismusindustrie und der Gesundheitsbehörden für dutzende Infektionen internationaler Skiurlauber*innen verantwortlich, was für einen Schneeballeffekt in etlichen Ländern sorgte. Trotz der Warnungen der Notärzt*innen, der isländischen Gesundheitsbehörden und des Robert-Koch-Instituts wurde weder der Skibetrieb sofort eingestellt noch wurden die Gäste in Ischgl isoliert. Standard Journalist Thomas Mayer ortet Gier und Systemmängel als Ursache für diese Katastrophe.7 „Man hat das Virus sehenden Auges aus Tirol in die Welt getragen. Es wäre überfällig, sich das einzugestehen und sich dafür zu entschuldigen“, meinte völlig zurecht ein Innsbrucker Hotelier.8 Er spricht damit vorbildlich die internationale Verantwortung Österreichs und damit die Idee der weltweiten Solidarität an. 

Wie negativ sich diese Haltung der nationalen Abschottung, die Österreich mitträgt, auf uns selbst auswirkt, ist in den Krisenwochen Mitte März 2020 sichtbar geworden: Das nach Protesten wieder aufgehobene deutsche Ausfuhrverbot für medizinisches Equipment hat eine Woche lang verhindert, dass dringend benötigtes und bereits bezahltes Material nach Österreich importiert werden darf.9 Diese mangelnde auch nur europäische Solidarität wurde in einer Schlagzeile so auf den Punkt gebracht: „China mit Italien solidarisch, Berlin nicht“.10 Noch gravierender ist die häusliche Pflege alter und kranker Menschen, bei der unser Land auf Pfleger*nnen aus EU-(Nachbar-)Staaten angewiesen ist. Doch diese können wegen der Grenzschließungen nicht mehr in gewohnter Weise ihren Turnus versehen. Inzwischen gibt es Bemühungen, den Handel innerhalb der EU mit medizinischer Ausrüstung wieder voll zu liberalisieren und zugleich die Ausfuhr aus der Union einzuschränken.11

Ein Lernprozess? Vielleicht. Doch ist das nicht in letzter Konsequenz statt eines nationalen ein europäischer Egoismus? 

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  • 7 Der Standard online, 15. 3. 2020 
  • 8 Steffen Arora, Laurin Lorenz, Fabian Sommavilla in: Der Standard online, 17.3.2020. 
  • 9 https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/oesterreich/2054840-Deutschland-genehmigte-Ausfuhr-von-Schutzausruestung.html 
  • 10 Die Presse, 14. 3. 2020 in Bezug auf das deutsche Exportverbot für medizinische Schutzausrüstung. 
  • 11 NZZ, 17. 3. 2020. 

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Ein besonders krasses Beispiel ist die Situation auf der irischen Insel, wo – solange der Brexit noch nicht vollständig vollzogen ist – die Grenze zwischen der Republik und dem britischen Nordirland im Alltag nicht spürbar ist. Corona hat das drastisch geändert. Denn während Dublin, wie die meisten EU Staaten, strenge Kontaktbeschränkungen einführte, hielt Großbritanniens Premier Boris Johnson dies die längste Zeit nicht nötig (Ideologie der „Herdenimmunität“) und ließ die Schulen geöffnet, auch in Nordirland. Dies veranlasste den ORF-Korrespondenten zu folgendem Kommentar: „Es geht einmal mehr darum zu zeigen, wie britisch man ist. […] Beim Coronavirus offenbar steht die Identität selbst über der Geographie. […] Es ist bizarr, dass eine unsichtbare Grenze darüber entscheiden soll, ob Kinder zur Schule gehen oder nicht.“12 

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Wer spricht noch von den Geflüchteten? 

Bei allen Maßnahmen der österreichischen Regierung, so sinnvoll sie auch sein mögen, fällt auf, dass kaum noch die Rede von den Ärmsten und Rechtlosesten in der Gesellschaft ist – von Menschen, die bei uns in Flüchtlingsquartieren mitunter auf engstem Raum leben und im Falle einer Ansteckung wohl besonders gefährdet sind. Asyl und Migration sind auch aus dem Fokus der Berichterstattung verschwunden. Das Flüchtlingselend wie etwa auf Lesbos – also ebenfalls innerhalb der EU – scheint nun, wo wir so mit uns selbst beschäftigt sind, aus der Tagesaktualität verdrängt zu sein. Staaten wie Deutschland, die sich noch vor kurzem bereit erklärt hatten, unbegleitete Jugendliche und Familien aufzunehmen, haben das Vorhaben gestoppt. Und Österreich wollte sich an dieser Initiative ohnehin niemals beteiligen. In der Krise zeitigt der nationale Tunnelblick eben besonders fatale Folgen. Der Schriftsteller Dominik Barta zeigt sehr drastisch, was fehlende citizenship im Falle der Coronakrise praktisch bedeutet: 

Der Mailänder Bürger, der am Coronavirus stirbt, stirbt in seinem Land, unter der Hand von erschöpften Ärzten und Ärztinnen, die, solange es eben ging, Italienisch mit ihm sprachen. Er wird in seiner Gemeinde begraben und von seiner Familie betrauert werden. Der Flüchtling auf Lesbos wird sterben, ohne dass ihn je ein Arzt gesehen hat. Fernab seiner Familie wird er, wie man sagt, verenden. Ein namenloser Toter, den man in einem Plastiksack aus dem Lager schaffen wird. Der syrische oder kurdische oder afghanische oder pakistanische oder somalische Flüchtling wird nach seinem Tod eine Leiche sein, aufgehoben in keinem personalisierten Grab. Wenn überhaupt, wird er in die anonymen Zahlenreihen der Statistik Eingang finden. […] Haben wir Europäer, gerade in Krisenzeiten, ein Gefühl für den Skandal der völlig entrechteten Existenz?13 

„Krieg“ gegen Corona? 

Regierungen auf der ganzen Welt haben dem Coronavirus „den Krieg erklärt“. China hat den Anfang gemacht, mit Präsident Xi Jinpings Slogan, „die Fahne der Partei möge hoch fliegen an der Frontlinie des Schlachtfelds”.14 Noch ein paar Kostproben: „South Korea declares ‚war‘ on the coronvirus”; “Israel Wages War on Coronavirus and Quarantines Visitors”; “Trump’s War Against the Coronavirus Is Working” usw. Und Präsident Macron in Frankreich: “Wir sind im Krieg, im Gesundheitskrieg wohlgemerkt, wir kämpfen […] gegen einen unsichtbaren Feind. […] Und weil wir im Krieg sind, muss von nun an jede Aktivität der Regierung und des Parlaments auf den Kampf gegen die Epidemie ausgerichtet werden“.15 

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  • 12 Martin Alioth, ORF Mittagsjournal, 17. 3. 2020. 
  • 13 Dominik Barta: Viren, Völker, Rechte. In: Der Standard, 20. 3. 2020, S. 23. 
  • 14 China Daily, zitiert nach: https://www.wired.com/story/opinion-we-should-deescalate-the-war-on-the-coronavirus/ 
  • 15 https://fr.news.yahoo.com/ (eigene Übersetzung). 

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Diese Militarisierung der Sprache, die der Sache – der Bekämpfung einer Pandemie – überhaupt nicht angemessen ist, hat trotzdem eine Funktion. Zum einen soll sie die gesellschaftliche Akzeptanz für drastische Maßnahmen, die die bürgerlichen Freiheiten einschränken, erhöhen. In einem Krieg müssten wir so etwas eben akzeptieren! Zum anderen wird damit auch die Illusion erzeugt, wir könnten das Virus ein für alle Mal unter Kontrolle bekommen. Denn Kriege werden geführt, um sie zu gewinnen. „Wir werden gewinnen, und wir werden moralisch stärker dastehen als zuvor“, hat etwa der aufgrund seiner Sozialpolitik innenpolitisch schwer bedrängte Emmanuel Macron großspurig verkündet. Dass das Virus gekommen ist, um zu bleiben, und wir wohl dauerhaft mit ihm werden leben müssen, das sagt er nicht.

Mit der Rede vom Krieg ist es wie mit den Grenzschließungen. Beides hat auch eine nicht zu unterschätzende symbolische Bedeutung. Damit wird eine Rückkehr der Staatssouveränität gefeiert. Denn die Globalisierung der Wirtschaft der letzten Jahrzehnte hat ja dazu geführt, dass nationale Regierungen immer weniger Einfluss auf globale wirtschaftliche Entwicklungen haben und sie ihren Bürger*nnen auch kaum Schutz vor Deklassierung, Arbeitslosigkeit und einschneidenden Veränderungen des Lebens bieten können. Mit den Maßnahmen gegen die Corona-Krise und aufgrund der Renationalisierung der Politik ist zumindest wieder ein Spielraum gegeben. Und wer von Kriegen redet, die er gewinnen will, will damit verkünden, wie mächtig er ist. 

Wir brauchen einen „politischen Kosmopolitismus“ 

Gegenwärtig ist, nicht nur meiner Beobachtung nach, sehr viel Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und innergesellschaftliche Solidarität in der Bevölkerung zu spüren. In den 18 Uhr Sing-, Musizier- und Klatschaktivitäten hat diese positive Stimmung bereits einen öffentlichen Ausdruck gefunden. Allerdings verhindern die heutigen politischen Strukturen und der „methodische Nationalismus“ derzeit noch, dass diese Solidaritätsbereitschaft auch entsprechend globalisierte Formen annehmen kann. Es ist bezeichnend, dass eine der wenigen Stimmen, die konsequent globale Vorschläge zur Eindämmung von Corona machen, ausgerechnet der Milliardär Bill Gates ist, der bereits im Februar (als bei uns noch viele hofften, halbwegs ungeschoren davon zu kommen) in einem Artikel im New England Journal of Medicine16 forderte, dass die reichen Staaten den ärmeren helfen sollten. Deren schwache Gesundheitssysteme könnten schnell überfordert sein und sie hätten auch weniger Mittel, die wirtschaftlichen Folgen abzufangen. Medizinische Ausrüstung und vor allem Impfstoffe dürften nicht möglichst gewinnbringend verkauft werden, sondern müssten zunächst den Regionen zur Verfügung gestellt werden, die sie am dringendsten brauchen. Die Gesundheitsversorgung der Staaten mit geringem und mittlerem Einkommen (LMICs) müsse mit Hilfe der Weltgemeinschaft strukturell auf ein höheres Niveau gehoben werden, um gegen weitere Pandemien gewappnet zu sein. Hier wiederholt sich in geradezu klassischer Weise die problematische Konstellation, dass die Staaten – die Demokratie und soziale Gerechtigkeit für sich reklamieren – eine eng nationalistische Politik verfolgen, während sie das globale Engagement den großen Konzernen (und deren Interessen) überlassen. Auch die Bill Gates-Stiftung, deren Einsatz für Gesundheitsfragen unbestritten ist, finanziert sich teilweise aus Gewinnen von Unternehmen, die – Junkfood produzieren.17 

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  • 16 https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMp2003762?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=newsletter_axiosam&stream=top 
  • 17 https://www.infosperber.ch/Artikel/Gesundheit/Corona-Virus-Das-Dilemma-der-WHO 

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Nun mag die Kritik an den nationalen Sonderwegen wie ein aussichtsloser moralischer Appell wirken. Und tatsächlich spricht etwa der deutsche Philosoph Henning Hahn von einem „moralischen Kosmopolitismus“, der wichtig sei, aber nicht ausreiche. Wir bräuchten vielmehr auch einen „politischer Kosmopolitismus“18 Er tritt für die „realistische Utopie eines globalen Menschenrechtsregimes“ ein. In unserem konkreten Fall heißt das, dass wir

außerhalb der Krisenzeiten Strukturen und Mechanismen schaffen oder bestehende wie die WHO stärken müssen, damit diese globale Koordination und gegenseitige Hilfe bei Seuchen und Pandemien leisten. Denn das ist die unabdingbare Voraussetzung dafür, den „Rette sich, wer kann“-Reflex tatsächlich zu überwinden. Und schließlich haben Gesundheitsexpert*nnen spätestens bei der Ebola Krise 2015 davor gewarnt, dass es keine Frage des Ob, sondern nur eine Frage des Wann sei, bis die nächste Pandemie ausbricht.19 

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„Lernen, da zu sein auf dem Planeten“ 

Gedankenlos genießen wir die Vorteile der Globalisierung. Die Klimakrise und politische Bewegungen wie Fridays for Future haben uns nachdrücklich daran erinnert, dass wir dabei auf Kosten der großen Masse der Ärmeren auf der Welt und auf Kosten künftiger Generationen leben. Entsprechende Konsequenzen hat diese vage Einsicht bislang nicht gezeitigt. Wir wollen unsere „imperiale Lebensweise“ (Ulrich Brand) nicht so leicht aufgeben. Vielleicht kann uns aber die jetzige Pandemie zu einer tieferen Erkenntnis führen. Schließlich haben wir uns jetzt in wenigen Tagen zu drastischen Maßnahmen durchgerungen, während wir den Kampf gegen den Klimawandel nur allzu zögerlich angegangen sind. Und so neu wäre die Erkenntnis, dass wir gemeinsam handeln müssen, ja auch wieder nicht. Schon vor 30 Jahren hat Milan Kundera vor der Euphorie der “einen Welt“ gewarnt, die letztlich nur eine „Weltrisikogesellschaft“ (Ulrich Beck) darstelle: 

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  • 18 Henning Hahn: Politischer Kosmopolitismus. Praktikabilität, Verantwortung, Menschenrechte. Berlin/Boston: De Gruyter 2017. 

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Heute bildet die Geschichte unseres Planeten endlich ein unteilbares Ganzes, aber es ist der Krieg, ein schleichender, fortwährender Krieg, der dieses seit langem erträumte Einssein der Menschheit verwirklicht und gewährleistet. Das Einssein der Menschheit bedeutet: Niemand kann irgendwohin entkommen.20 

Ausgehend von ähnlichen Überlegungen hat der französische Philosoph Edgar Morin die Begriffe „irdische Schicksalsgemeinschaft“ und „Heimatland Erde“21 geprägt. Wenn wir eine Zukunft haben wollen – so seine Argumentation – so kommen wir um einen radikalen Wandel unserer Lebensgewohnheiten, unserer Wirtschaftsweise wie auch unserer politischen Organisation nicht herum. Ohne auf die Nationalstaaten zu verzichten, sei es doch nötig, transnationale und globale Strukturen zu schaffen. Aber wir müssten auch eine andere Kultur entwickeln, um diese Strukturen mit Leben zu füllen. Die „irdische Schicksalsgemeinschaft“ ernst zu nehmen, bedeute: 

Wir müssen lernen, da zu sein auf dem Planeten. Lernen zu sein bedeutet: lernen zu leben, teilzuhaben, zu kommunizieren, ein Gefühl der Gemeinsamkeit zu entwickeln; es ist das, was man in den und durch die in sich abgeschlossenen Kulturen gelernt hat. Jetzt müssen wir in unserer Rolle als Menschen des Planeten Erde lernen zu sein, teilzuhaben, zu kommunizieren und ein Gefühl der Gemeinsamkeit zu entwickeln. Nicht nur einer Kultur anzugehören, sondern der Erde.22 

Wenn die Corona Krise dazu dient, diese Einsicht zu verbreiten, dann haben wir wohl das Beste daraus gemacht, was man aus so einer Katastrophe machen kann.23 

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20. 3. 2020  ©Werner Wintersteiner

  • 19 https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMp1502918 
  • 20 Milan Kundera: Die Kunst des Romans. Frankfurt: Fischer 1989, 19. 
  • 21 Terre Patrie – Heimatland Erde. Siehe Anmerkung 1. 
  • 22 Morin 1999, wie Anmerkung 1, S. 201. 
  • 23 Ich danke meinen KollegInnen vom Leitungsteam des ULG „Global Citizenship Education“ für die vielen Anregungen zur ersten Version dieses Textes, die die Endfassung wesentlich verbessert haben. 
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Klagenfurt. Oder so.

Gastbeitrag der Innsbrucker Schriftstellerin C. H. Huber

Ein Brief ist gekommen, keine Mail, der du im Dialekt deines Heimatbundeslandes sofort wie dort üblich den unbestimmten sächlichen Artikel, also „das“ zuordnen würdest. Würdest also fast lieber schreiben, dass du ein Mail bekommen hast – was sogar der Duden in deinem Fall als österreichische Form erlaubt hätte. Du hast den Brief geöffnet und erfreut von der Wertschätzung deines literarischen Schaffens durch einen Herrn aus Kärnten erfahren, auch von seinem Angebot, einen kleinen Beitrag zum Thema Klagenfurt für seine literarische Zeitschrift einzusenden. Neulich seid ihr beide euch zum zweiten Mal begegnet, wieder bei der Generalversammlung jenes Vereines, der längst in Wien beheimatet ist, obwohl er Graz noch immer im Namen trägt. Hast jenem Herrn dabei einen deiner Lyrikbände gegeben, vielleicht auch etwas in Prosa, bist dir dessen aber nicht mehr sicher. Eine liebe Freundin aus Klagenfurt, ein Fan deiner Texte, hatte sie ihm bereits als lesenswert angekündigt. Irgendwann geht sich etwas in seinem Literaturdomizil bestimmt aus, hatte sie gemeint, ihm dann auch gleich zwei deiner Bücher geliehen und dir in Sachen Klagenfurt lange Zähne gemacht.
Wirst der Chance, die der Auch-Literaturveranstalter dir nun in seiner Zeitschrift geben will, nicht nachkommen können, aus verschiedenen Gründen, denkst du jetzt leicht frustriert, auch kennst du Klagenfurt ja nur von ein- oder zweimaligen Kürzest-Besuchen vor vielen Jahren. Etwas über diese Zeitschrift im Net zu erfahren könnte aber dennoch nicht schaden, weißt du. Error 404 meldet die Website der Nationalbibliothek bei mehrmaligen Versuchen, was dich erstaunt. Bist halt ein Net-Armutschkerl, denkst du und gibst auf, liest trotzdem auf anderen Seiten ein bisschen was über ihren Herausgeber, dessen Namen du eingegeben hast, weil er natürlich auch Schriftsteller ist. Okay, dort findest du doch etwas über die Zeitschrift, offenbar eine angesehene, sie ähnelt wegen der hohen Seitenzahl einem Buch, registrierst du. Schade also für dich, da auch wegen des Mangels an Material nicht mittun zu können.

In dir gräbt leichte Enttäuschung und du fragst dich, was dieses Klagenfurt mit dir macht, hörst du seinen Namen und in dich hinein. Auch wenn sommer- oder winterlich schöne Bilder zum Kärnten von damals auftauchen – kurzer Familienurlaub im Wochenendhaus von insgesamt nur zwei Mal besuchten Verwandten in Ferlach, dadurch auch ein paar Tage des Badens an Seen. Ein Mal gabs aber auch einen Schiurlaub in Bad Kleinkirchheim. Abgesehen von Minimundus, mit deinen damals noch kleinen Kindern während des Wochenendhaus-Urlaubs besucht, kannst du im Augenblick aber nichts persönlich Erlebtes mit Klagenfurt in Verbindung bringen. Dann schießt dir der Kärntner Schriftsteller und Schriftstellerinnenverband ein, der dort ansässig ist und damit auch seine neue, sehr gute Gedichte schreibende Vorsitzende, und natürlich der Herausgeber dieser buchartigen Zeitschrift, beide leben ja dort. Sonst warten nur Haider und seine Buberlpartie im Hirn auf dich und drängen sich vor, mitsamt dem vormaligen Mascherl-Kanzler, der ihn und manch einen seiner Gesinnungsfreunde in die Bundesregierung gehievt hatte. Und natürlich steigt dir sofort die Galle auf über das, was sie angerichtet haben, nicht nur der Schulden wegen, die du wie alle ÖsterreicherInnen in Sachen Hypo-Alpe-Adria–Pleite abzahlen musst, ob du willst oder nicht. Das Grausen kommt dir aber, denkst du an die blaubraune Färbung deines Staates, die seit diesem Wolf, der Kreide fraß, stetig zugenommen hat. Was man klarerweise nicht Klagenfurt anlasten kann und nur zeigt, wieviele leicht zu verführende Leute es überall im Staat gibt.

Egal, wie viel und was man auch gegen den Bärentaler und seine Anhänger an Fakten vorbrachte, setzten uns diese Volksverhetzer nach Jahren dann auch noch ihren ach so lieben und netten Präsidentschaftskandidaten vor die Nase, ärgerst du dich. Wie ist der doch charmant mit seinem Bubi-Lächeln und dem harmlosen Gerede, er bügelt sogar seine Hemden selbst, während seine Frau Kranke oder Alte pflegt, stand in den verzückten Gesichtern der gläubigen Wählerinnen. Außerdem, was kann er als Präsi schon anstellen, ist ja eh nur ein Ausgedinge- und Repräsentationsposten, dieses Amt, sagten die Denkzettelwähler und -wählerinnen. In der, zugegeben, oft berechtigten Kritik an anderen Parteien fühlten sie sich durch ihn und die seine bestätigt, verantwortungslose Medien hatten deren Angstmache ausgenützt und verstärkt. Zum Glück unterlag der Kandidat im Endeffekt aber doch dem dir wesentlich vertrauenswürdiger wirkenden Konkurrenten.

In diesem brauntrüben Tümpel schwimmen die Leute nach einer anderen Wahl nun aber erst recht, halten jeden Medienfurz der von ihnen Bewunderten für wohlriechend und wahr, wollen nicht merken, wohin die Reise geht und werden dann wieder von nichts gewusst haben, wenn ihnen irgendein starker Mann „die Wadl viridraht“ hat. Der Trump-Sieg in den USA gab zusätzlich allen Populisten der Welt Auftrieb, und einer, der sich nach dem legendenumwobenen Tod des Bärentalers als moderner An-Führer aufspielt, agiert nun bereits als Vizekanzler an der Seite des rasch auf türkis umgefärbten Wunderwuzis aus dem schwarzen Lager. Der sich nun mit Brille seriös und geläutert Gebende Vorsitzende der immer schon im Burschenschafts-Schlamm steckenden, auf Blau getrimmten Partei war noch vor nicht allzu langer Zeit in Videos oder auf Fotos mit Spielzeuggewehr in eindeutigen Posen zu sehen gewesen, die den Staatsschutz eigentlich in Tätigkeit hätten stürzen müssen. In Wald- und Wiesen-Actions früherer Tage hat er das Herrschen mit Gewalt vorsorglich eingeübt, sagst du. Ohne je an Derartiges gedacht zu haben oder wirklich nachweislich dabei gewesen zu sein, behaupten er und seine Blut-und-Boden-Genossen. Jetzt spielt er sich erfolgreich als Beschützer des einfachen Volkes auf, während er Gesetze mitträgt, die genau diesem die Butter vom Brot nehmen werden. Allerhöchstens eine Jugendsünde in den Augen Vieler, diese früheren Waffenspiele. Ebenso wie die steifen Handhebungen seiner Freunde und ihre postfaktischen Wortmeldungen und wahren Gerüchte werden sie toleriert oder ignoriert von der Masse, gerne auch von seinem neutürkisen Chef und dessen Anhängerschaft. Jedenfalls gehören diese Actions für jenen offenbar auch nur in die generelle Jugendsünden-oder Absolutions-Kategorie.

Weit haben es also die geistigen Erben des toten, ehemaligen Kärntner Landeshauptmannes gebracht, den du leider sofort mit Klagenfurt in Verbindung bringst. Sogar ein Richter im fernen Oberösterreich und der Justizminister fanden vor einiger Zeit nichts mehr dabei, einen Anwalt die Verbrechen der Nazis und die Gaskammern in Mauthausen leugnen zu lassen. – Zum Speiben ist das! Du denkst sofort an die Volksgerichtshof-Vorsitzenden, die nach dem Krieg unbehelligt weiter ihre Ämter und Pfründe behalten durften, auch an den Arzt Dr. Gross, der wie viele Helfer und Zuarbeiter dieser Gesinnung nie wirklich zur Rechenschaft gezogen wurde. Plötzlich war er zu alt und dement, nachdem er ein Mal bereits freigesprochen worden war. Er hatte anfangs Richter, Kollegen und ehemalige Schüler, die ihm nicht ans Bein pinkeln wollten, sagst du, zudem wusste er zuletzt ganz bestimmt, wie man Demenz simuliert. In Interviews war er im Gegensatz zum Gerichtssaal geistig noch ganz gut in Form, fandest nicht nur du. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Deine nie schrumpfende Wut auf diese Vorgänge in Vergangenheit und Gegenwart hat dich ziemlich weit von Klagenfurt entfernt, also Retourgang einlegen. Einen, wie dir scheint, relativ brauchbaren Landeshauptmann dort in seiner Kanzlei attestierst du der Stadt jetzt. Das jedenfalls signalisiert dir der momentane Blick von außen. Und nicht, dass man glaubt, du würdest dieser in deiner flüchtigen Erinnerung hübschen Stadt die Anerkennung in Anderem versagen. Hat nicht die Schönheit dieses Bundeslandes auf sie abgefärbt? Auch die Liebenswürdigkeit vieler Einwohner Kärntens und Klagenfurts Affinität zu Kultur, auch Literatur ist weitum bekannt.

In der Klagenfurter Umgebung – oder ist St. Rupprecht bereits eingemeindet? – hat Robert Musil das Licht der Welt erblickt. Und hat Klagenfurt nicht das Musilhaus, das dem großen Sohn durch Lesungen heutiger Literatur huldigt? Du verbindest natürlich auch sofort Ingeborg Bachmann mit Klagenfurt. Dem jährlich einmaligen – Achtung, Doppeldeutung möglich – Auftrieb aus der Literaturszene des deutschsprachigen Raumes kann und will sich ein Mensch wie du zumindest vor dem TV kaum verschließen. Schriftsteller und Schriftstellerinnen, beziehungsweise DichterInnen von Rang hat Kärnten hervorgebracht, siehe auch Christine Lavant, Peter Handke, Peter Turrini Und falls nicht direkt dort geboren, hat sie sich Klagenfurt oft später einverleibt oder beherbergt oder tut es noch. Manchmal suchten die angeblichen Nestbeschmutzer nicht nur, aber auch wegen der Angriffe auf sie als Folge ihres schonungslosen Anschreibens gegen Heimattümelei und Lüge allerdings das Weite. Durch ihr mittlerweile internationales oder zumindest europäisches Ansehen könnten sie diese Anfeindungen nun besser parieren, ganz ausgeblieben wären die aber bestimmt dennoch nicht. Josef Winkler ist das beste Beispiel dafür. Er, seines Zeichens Büchner-Preisträger und vieler anderer Auszeichnungen, geboren in Kamering, blieb bisher jedoch seiner Heimat Kärnten erhalten. Durch seine oft in einen beinah satirischen Kontext eingebundene Kritik in Reden und Schreibe zieht er sich immer wieder den Unmut der selbst ernannten Heimattreuen zu. Gerade eben wurde Strafanzeige gegen ihn eingebracht, hatte er doch wegen des Hypo-Bank-Desasters angeregt, die Urne Haiders in eine Gefängniszelle zu verlegen. Starker Tobak sind für viele Kärntner auch Texte wie jener, der sich „Lass dich heimgeigen, Vater, den Tod ins Herz mir schreiben“ betitelt. Du hast einen Ausschnitt daraus neulich im Radio auf Ö1 gehört und warst begeistert gewesen von der Sprache und natürlich auch von einer weiteren Facette zum Thema Nationalsozialismus und Verdrängung der Vergangenheit, die nicht nur in Kärnten immer noch weite Teile der Bevölkerung betreiben.

Geschätzte neue Dichter und Dichterinnen wachsen jedoch nach wie vor in erklecklicher Menge aus dieser Klagenfurter oder Kärntner Erde, hast du festgestellt, nachdem du einen winzigen Blick in den Kärntner Autor- und Autorinnen-Kosmos werfen durftest durch ein Literatur-Symposium in Gmünd. In Erinnerung wird es dir bleiben, der interessanten Beiträge und Gespräche zwischen Schreibenden aus dem Alpen-Adria-Raumes wegen, auch der großartigen Gastfreundschaft, die man den Mitwirkenden geboten hatte. Eingeprägt hat sich dir aber auch der Mut – oder solltest du besser die Aufmüpfigkeit sagen – eines Kärntner Autors. Ein Regionalpolitiker hatte in seiner Begrüßungsrede einen zutiefst braunen Sager losgelassen, und natürlich protestierte das Literatenpublikum durch lautstarkes Murren, doch erst der drastische Verweis dieses Autors trieb den ewig Gestrigen in die Flucht. Diese klaren Worte haben dir ungeheuer imponiert, selbst wenn man den enthemmenden Pegel gewisser Promille im Blut des Protestierenden einbezieht. Die halfen dem Zwischenrufer vermutlich ein wenig bei der Verwandlung jener Wörter in Sprache, die dir und anderen schwer im Magen oder schon auf der Zunge gelegen waren, machten sie zum befreiend Ausgespuckten.

Noch ein zweites Mal durftest du diese Gastfreundschaft genießen, auch eine kundige Führung durch die Galerien dieser kleinen Künstlerstadt hatte sie inkludiert. Bei überraschend strahlendem Herbstwetter nach einer langen Periode der Kälte und Sonnensehnsucht, bezauberte dich und die anderen Teilnehmer und Teilnehmerinnen die Vielfalt künstlerischen Ausdrucks in den Ateliers und Ausstellungsräumen der wunderschönen Altstadt mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten. Der fundierte Auftakt-Vortrag einer Sprachwissenschaftlerin aus Triest hatte den ersten Abend des Symposiums eröffnet, die Ohren wurden von der Tuba des Ausnahmemusikers John Sass vielseitig bespielt. Kurze Statements der Teilnehmenden zu ihrer Person und ihrem Schreiben, zumeist in Form eines ihrer Prosatexte oder Gedichte, überraschten durch die Themenwahl und dich ganz besonders durch die zumeist eingehaltene Zeitvorgabe. Was man alles in fünf Minuten sagen kann, zumeist noch dazu von hoher Qualität, ist erstaunlich, fandest nicht nur du. Genossen wurden auch die kulinarischen Angebote auf der Burg, mag sein, lösten sie die vielleicht vorher noch leicht verkrampften Zungen, man diskutierte miteinander und lachte zuweilen auch, schloss neue Bekanntschaften, manchmal wahrscheinlich auch Freundschaften. War es am ersten oder zweiten Tag, an dem der Leiter des Hermagoras-Verlages seine schwungvolle Rede über seinen Verlag mit allem was dazugehört hielt? Ihn hast du in besonders guter Erinnerung als mitreißenden Redner und sympathischen Menschen. Aber das gilt ganz besonders auch für die VeranstalterInnen vom Kärntner Schriftsteller und Schriftstellerinnen-Verband.

Ein Kapazunder der österreichischen Literatur, Peter Waterhouse, leitete den nächsten Vormittag mit der Lesung aus seinem noch unfertigen Roman-Manuskript ein. Kurzes Eingehen auf Fragen aus dem Publikum schloss sich an, nach der Mittagspause dann der besagte Stadtrundgang, dem abends die neuerliche, hervorragende Bewirtung auf der Burg und die Lesungen dreier Autorinnen folgten. Und am nächsten Vormittag, dem Tag der Abreise, sahst du dir in Eigenregie mit den weiteren TeilnehmerInnen aus Tirol, die dich im Auto mitfahren hatten lassen, noch das wirklich interessante und teilweise verblüffende „Haus des Staunens“ an. Denkst noch heute gerne an den selbst sehr originellen Führer durch die Exponate und Erlebniswelten.

Mehr hast du derzeit nicht im Köcher, viel war es nicht, was du zu Klagenfurt zu sagen hattest, wird dir nun wieder bewusst. Deine literarischen Giftpfeile sind dem gewünschten Thema nur marginal gerecht geworden. Auch dein Abschweifen nach Gmünd würde schulisch ein „Thema verfehlt“ ergeben. Doch vielleicht wird das ja noch was mit längeren Betrachtungen zu Klagenfurt und dir. Gab es inzwischen nicht bereits die Einladung zu einer Lesung mit einer kleinen Lyrik-Werkstatt anderntags, die du in Klagenfurt abhalten durftest? Hoffen wir, es kommt nichts dazwischen und man einigt sich wegen der Kosten-Aufteilung zwischen dem Zeitschriften-Herausgeber und seinem und deinem Literaturverein und der beneidenswert tüchtigen und liebenswerten Leiterin des Kärntner Vereines, hattest du vorher gedacht, denn nix ist fix. Natürlich gab es da Einiges, das dazwischen kam. Nicht aber hatte es deine Zufriedenheit, wie das alles dann vom KSV gelöst wurde und abgelaufen war, schmälern können. Aber das ist eine andere Geschichte.
© C.H. Huber

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Universitätscampus Klagenfurt

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Die Vielfalt der Kunst – und die der Rolle der Frau

Gastbeitrag von Marlies Karner-Taxer, Obfrau der 2017 neu ins Leben gerufenen Kulturinitiaive text:art, die sich zur Aufgabe gestellt hat, Künstler*innen mit Doppelbegabungen der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Wer sich weder von dem drohenden Gewitter und der dadurch bedingten drückenden Schwüle, noch von gesperrten Brücken und großen Umwegen sowie rundum stattfindenden Sonnwendfeiern abhalten ließ, erlebte in der Villacher AHA-Seniorenresidenz Draupark zur Sommersonnenwende einen Abend von besonders emotionaler Dichte.

Die Kulturinitiative text:art lud auch dieses Mal Autor*innen mit Mehrfachbegabung ein. Sie setzten sich mit dem Thema „Die Rolle der Frau“ auseinander, und ohne sich abgesprochen zu haben, waren Freiheit und Selbstbestimmung bei allen Künstler*innen die übergeordneten Themen.

Martina Kircher beschrieb in ihrem bedruckenden Essay „Brandmale“ die vielen Selbstmordversuche einer älteren Frau, führte vor Augen, was ein stiller, verzweifelter Mensch alles unternimmt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Führte zur Frage, was wohl einen Menschen so schwer belasten kann, sich immer wieder das Leben nehmen zu wollen?

Die mündlich erzählte Geschichte „Das Mädchen ohne Hände“ handelte vom Einschränken der Rechte der Frau. Der Mann, der Vater, bestimmte, was zu sein hat, seine Selbstsucht führte zu Verstümmelung, Wegweisung und dennoch wieder zu Lebensfreude. Denn Märchen gehen immer gut aus. Dass der jungen Frau durch das Wachsen ihres Kindes auch die eigenen Hände wieder nachwuchsen ist als Metapher zu verstehen: Auch wenn uns Frauen etwas abgehackt wurde – es kann wieder nachwachsen.

Für die Villacher Naturpädagogin und Kärntens einzige Märchenerzählerin ist das mündliche Erzählen die älteste Form der Wissensvermittlung, eine intensive Begegnung mit dem Publikum und ein gemeinsames Eintauchen in eine andere Welt.

Ihre Bilder stellen die sieben Archetypen der Frau im Märchen dar. Die dabei verwendeten Flechten, Blätter und auch Rosshaar erzeugen 3D-Wirkung und schließen den Kreis der Talente der Künstlerin.

Anneliese Merkač-Hauser umrahmte den Abend am Klavier mit F. Schubert, J. S. Bach, Denes Agay, Joaquin Turina und Gerald Martin. Einfühlsam, dann wieder mächtig, im Finale sehr schwungvoll, bot sie beeindruckendes Können. Musizieren bedeutet für sie Empathie für die Welt, Nähe, nachfühlen, neu schöpfen; eintauchen in und neu schaffen von menschlichen Universen.
Die feine Lyrik der Autorin war kompakt, sehr gut beobachtend und meisterlich auf den Punkt gebracht. Ihr Ansatz, Intention, Gedanken, Gefühle, Zustände in neuen Sprachbildern möglichst konzentriert zu verdichten, war ihr – diesmal besonders über Frauen und deren Umfeld – sehr gelungen.

Moderatorin Karin Prucha (text:art-Vorstand) bedauerte im Interview, dass die Musikpädagogin erst so spät zum Schreiben kam, denn es könnte bereits viel mehr Gedichte der Autorin geben.
Das Leben führt uns zum richtigen Zeitpunkt zum richtigen Ort.

Anita Wiegele stellte an diesem Abend ihre „Kopfverklebung“ vor.
Der Kopf als Behältnis, das geschützt, eingehüllt, abgeschirmt wird, und doch sollte sein Inhalt verletzt, ja ausgelöscht werden, um Raum zu schaffen für das Neue, das Ungeborene, mit neuer Leichtigkeit zu ertragende Zukünftige.
Die dabei entstandene Skulptur wurde in der Entstehung fotografiert, diese Bilder führten zu Texten, beides zu einem Buch sowie einer Performance. In einer szenischen Lesung mit Alfred Woschitz – dem einzigen Mann auf der Bühne – gab die Künstlerin ihrem Empfinden Ausdruck.

Bei den ausgestellten Bildern war die Linie vorherrschend, denn diese bestimmt das Schaffen Wiegeles. „Durch ihre konsequente künstlerische Weiterentwicklung hat sie den Zwang eines ästhetischen Gefallenwollens hinter sich gelassen und vertraut auf die Kraft ihrer großen Leidenschaft“ (Barbara Rapp, 2012).
Und die Leidenschaft ist es, die Anita Wiegele beflügelt.

Ein abgerundeter Abend, wie ein Wiener Ehepaar, das in der Villacher Therme zur Kur weilte, im Gespräch mit Marlies Karner-Taxer (text:art-Vorstand) beschrieb: „Wenn wir gewusst hätten, was für ein besonderer Abend das wird, hätten wir einen Bus voll Leute aus der Therme mitgebracht.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer der Hinweis, die nächste Veranstaltung von text:art im Herbst 2018 nicht zu versäumen.

mkt2018

Karin Prucha als Moderatorin

Anneliese Merkac-Hauser
Martina Kircher
Anita Wiegele und Alfred Woschitz

alle Fotos © MKT/tex:art 2018
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Auf einer Reise zu keinem bestimmten Ziel

… und hinter mir mein land
mit Gabriele Russwurm-Biro auf einer Reise zu keinem bestimmten Ziel

Gastbeitrag von Gernot Ragger

Man kann Bücher lesen, um sich in einer Geschichte zu verlieren, man kann Bücher lesen, um Antworten auf Fragen zu bekommen, und man kann Bücher „einfach so“ lesen – keine Erwartungen, keine Enttäuschungen – soweit so gut, aber wer schützt einen vor Überraschungen.
So kann es passieren, dass ein Buch vorerst keine Antworten gibt sondern erst Fragen stellt, und wenn dann ein Buch mit dem Titel „und hinter mir mein land“ vor einem liegt, dann baut sich ein Berg aus Fragen vor einem auf. Was gibt es „davor“, das die Autorin Gabriele Russwurm-Biro dem Leser nicht von Beginn an mitteilen will.
… vielleicht „Vor mir lag diese große Weite und hinter mir mein Land“ …
… oder steht das Land „buchstäblich“ hinter der Autorin und stärkt ihr den Rücken …
… oder lässt sie ihr Land einfach zurück, um sich ganz auf das Davor einzulassen ..
… oder liegt die Betonung vielleicht auf dem Wort „mein“, hebt die Autorin „ihr“ Land aus der Masse vieler Länder hervor …
Doch egal, ob der Titel nun geographische oder zeitliche Bedeutung hat, er öffnet nicht nur ein Buch, sondern eine Welt voller Bücher, wie die Texte die Vielfalt der beschriebenen Zustände und Wahrnehmungen gerecht werden. Jede Seite eine Welt, verbunden mit allen anderen und doch einzigartig.
Und als wäre das noch nicht genug an Erforschungsmaterial stellt Russwurm ihren lyrischen Statements Fotografien an die Seite. Und auch hier stellen die knappen Ausschnitte des großen Lebens erst viele Fragen, bevor sie zu Erklärungen bereit sind. Das Leben in all seinen Facetten – Momentaufnahmen, die über das Daneben, das Davor, das Warum, das Wann, das Wo nur Spekulationen zulassen. Fremdes erscheint einem bekannt, auf den ersten Blick Vertrautes verändert sich zu etwas, das erforscht werden will – Worte saugen einen in den Text, Details fesseln einen ans Motiv. Bild und Text vermischen sich als Dimensionen und Ebenen, fließen ineinander zu etwas erst durch das Lesen und Betrachten entstehenden Neuem.

Manche Bücher geben Antworten und stellen Fragen zugleich, und manchmal erzählen sie dabei auch noch eine Geschichte. Gabriele Russwurm-Biros Buch ist so ein Buch, und kein Titel würde besser dazu passen als der, den sie dem Buch gegeben hat.
Meine persönliche Antwort kann nur für mich allein gültig sein – aber, kann man nicht auf der Suche nach einem neuen „meinem Land“ leicht vom Weg abkommen und sich in einer großen kurvenreichen Wanderung seinem alten „meinem Land“ vom Dahinter nähern. Dann ist das Dahinter plötzlich das Davor – das Gleiche wie das Vergangene, aber doch um so viele Eindrücke angereichert und verändert – und immer noch meins.

© Gernot Ragger

Zum Autor:
https://www.raggernot.net/%C3%BCber-uns/

Zum Buch
https://www.raggernot.net/shop/
https://www.heyn.at/list?cat=HCTB&quick=Russwurm-Biro

© Gabi Russwurm-Biro

Foto und Cover: ©russwurm-photographyFacebooktwittergoogle_plus

Die SiegerInnen aus dem langen Tal der Kurzgeschichten

Die Preisverleihung des „Mölltaler Geschichten Festivals 2017: Das lange Tal der Kurzgeschichten“ wurde am Freitag, den 6. Oktober 2017, abends im Kultursaal der Marktgemeinde Obervellach von Frau Bürgermeisterin Anita Gössnitzer und dem Obervellacher Chor-Ensemble Mölltonal – unter Leitung von Michaela Steiner – eröffnet.
Im Publikum waren Landeshauptmannstellvertreterin Beate Prettner, Kultur-Landesrat Christian Benger, Nationalratsabgeordneter und mitveranstaltender Bürgermeister Erwin Angerer in Vertretung von Landesrat Darmann, die Bürgermeister Peter Suntinger und Ferdinand Hueter, Peter Rupitsch vom Nationalpark Hohe Tauern in Kärnten, ProMÖLLTAL Obfrau Sabine Seidler, Gebhart Oberbichler von der Kärntner Sparkasse, Maria Tronigger von der Raiffeisenkasse Oberes Mölltal und der ehemaliger Präsident der Kärntner Landarbeiterkammer Josef Winkler .
Sie alle verfolgten gespannt den Ankündigungen der ModeratorInnen des Abends, Gustav Tengg von der Nationalparkmittelschule Winklern, Vizebürgermeisterin Karoline Taurer aus Mühldorf, und Barbara Steiner und Autor Andreas Ulbrich aus Winklern.

Die Mölltaler SchreibADER, ein Mölltaler Stein mit goldenen Adern, wurde den Siegergeschichten, die sich alle um das Thema „Aufbruch“ drehen, in den folgenden Kategorien verliehen:
o Nachwuchsautorinnen-Preis des Nationalparks Hohe Tauern In Kärnten
o Publikumspreis
o Fachjury-Preis der Kärntner Sparkasse
o Mölltaler Preis

Die Gewinnerin des NACHWUCHSAUTORiNNEN PREIS DES NATIONALPARKS HOHE TAUERN IN KÄRNTEN wurde von der Fachjury und dem Publikum bei den Lesungen gewählt und erhielt Ihren Preis und Geschenke aus der Hand des Nationalparkdirektors Peter Rupitsch.
Katharina Galler „DER FEUERSTEIN UND DIE WIRKLICH WICHTIGEN DINGE“ (eine Gruppe Kinder kann einen Drachen befreien)
Weitere großartige Geschichten wurden von Ronja Kerschbaumer, Sophia Radziwon und Anja Suntinger erfunden

Den PUBLIKUMSPREIS der Zuhörer bei den 4 Lesungen gewann
1. Platz: Anna Fercher „EIN STÜCK ERINNERUNG“ (ein Mann gedenkt seiner verstorbenen Frau.)
2. Platz: Constantin Schwab “NACH DEM NEONGELB” (Davon-Laufen wird manchmal zum Hinzu-Laufen.)
3. Platz: Gerhard Pleschberger „I CAN GET NO SATISFACTION“ (über die erotischen Abenteuer einer Rolling Stones Fangruppe)

Der FACHJURY-PREIS DER KÄRNTNER SPARKASSE wurde von der Krimi-Autorin Andrea Nagele, dem Lektor Arnold Klaffenböck, dem Verleger Gerald Klonner, der Redakteurin Martina Pirker-Tragatschnig und der Buchhändlerin Annegret Lackner-Spitzer bestimmt.
Martina Pirker-Tragatschnig und Andrea Nagele hielten die Laudatios auf die 3 erstplatzierten Geschichten.
1. Platz: Katharina Springer „MONTANA“ (eine Elegie über die Beziehung eines Fliegenfischers mit der Möll)
2. Platz: Eileen Heerdegen „IRMA“ (Die Erinnerungsplakette, die eine junge Frau gerne hätte, ist nicht die, die sie nach ihrem Tod bekommt)
3. Platz: Wolfgang Machreich „DIE EISRINNE“ (über einen alten Bergführer und seine Beziehung zur Pallavicini-Rinne)

Den MÖLLTALER PREIS für die Geschichte, die am besten das Mölltal repräsentiert, erhielt:
1. Platz: Gerhard Benigni „KAFKAS CHINAREISE“ (eine humorvolle Google Earth-Reise durchs Mölltal)
2. Platz: Reinhard Gnettner „DIE ALTE MÖLLTALERIN“ (Ein junger Mölltaler hat ein Erlebnis, das ihn dazu bringt, im Mölltal zu bleiben)
3. Platz: Wolfgang Machreich „DIE EISRINNE“ (wie oben)

Zu Nach-lesen werden die 30 besten Geschichten des Festivals im Buch vom Verlag Anton Pustet, das Ostern 2018 herauskommen wird, sein.
Das Mölltaler Geschichten Festival ist ein Projekt von ProMölltal in Kooperation mit den Mölltaler Gemeinden, unterstützt vom Land Kärnten und der Initiative von Kärnten.

Gastbeitrag von Melitta Fitzer

Bildtitel: die Preisträger Kathrina Galler – Gerhard Benigni – Katharina Springer – Anna Fercher (v. li.)
Foto © Christian SengerFacebooktwittergoogle_plus

„Sei du selbst! Hubert Maria Moran, das ist für dich…“ Geleit von Miriam H. Auer

Gastbeitrag von Miriam H. Auer zur Buchpräsentation „Reflexionen“ von Hubert Maria Moran Im Musilhaus Klagenfurt am 7. Juni 2017

1. Sei du selbst! Hubert Maria Moran, das ist für dich …
[Miriam H. Auer spricht und performt als Hubert Maria Moran]

„Ich steh’ heut hier von euch und Ihnen
wie geschmiert und wie auf Schienen
als ein Mann mit vollen siebzig Jahren
und fast ganz so vollen Haaren.
Mehrere Bücher hab ich für uns alle geschrieben,
Worte zum Hoffen, Denken, Lieben.
Wenn alles im Fluss ist, bei mir heißt das dann,
ich liebe meine Frau und das Tal der Glan,
genauso inspiriert mich auch die Tiebel,
Worte springen über die Feder in meine Fibel,
denn die Räder tragen mich immer noch weit –
desholb segts ihr mi do heit!
Meine Bilder haben viele Namen
und die meisten fanden kreative Rahmen.
Doch nicht sagen kann ich, nicht ergründen im Stillen,
nicht beim allerbesten Willen,
was in mir diese Worte wohl grad spricht,
denn ein Unbescheidener bin ich weißgott nicht …

Es ist ein Wunder, auf dieser Welt zu wohnen,
eine Aufgabe auch, deswegen les’ ich heut aus meinen REFLEXIONEN.
Heiter bis wolkig ist das Leben doch fast immer,
aber aufgeben würd’ ich es nie und nimmer.
Ich bin ein tapferer Mann, „a Monn“, „ a man“ –
and sometimes it feels like I’m seventeen again …
Doch du kannst nicht immer siebzehn sein,
Künstler, das kannst du nicht!
Gerne will ich über siebzig sein,
dank euch, die mich „lesen“, niemals allein!
Familie, Freund*innen, die großartige Vanessa Thun-Hohenstein, die kleine Miriam Auer,
ihr vertreibt für heute alle Schauer!
Danke auch an Josef K. Uhl und Roman Till,
Danke Hermagoras und Haus des Musil!
Vielen Dank für die Musik – an Elisabeth Weber, wunderbar und schick!
Sei die Kunst heut unser größtes Glück,
in all ihrer Buntheit, all ihren Facetten!
Schön wird’s werden, darauf trau ich mich zu wetten!
Erlebt diesen Abend hier mit uns allen,
genießt ihn – nichts könnt’ uns mehr gefallen!
Jetzt ruf ich mir die Frau Auer her,
Miriam, erzähl uns mehr!
Wie denkst du über die Moran-REFEXIONEN?
Tät ein Buchkauf sich wohl lohnen?“

[Miriam wird von Hubert wieder zu sich selbst und öffnet ihren Zopf.]

„Sie fragen sich wohl – was tut die jetzt hier!?
Nun, ich kenne gut und mag, was ich lektorier’!“

2. Manchmal les‘ ich mich in dir
(zum Geleit)

Ich finde ihn in deinen Seiten, den Mann, der das Leben in allen Facetten kennt. Lese es aus deinen Zeilen, das Kind, das du gewesen, das du geblieben bist. Höre den erfahrenen Mann, der erklärt, dass vieles unabänderlich ist. In deinen Worten sehe ich die Farben, die Bilder eines Malers, eines Bildhauers, eines Dichters und Denkers, der genau beobachtet, der Schönheit ebenso erkennt wie menschliche Makel. Du bist einer, der in Sanftheit ironisiert. Bist jemand, der mit Liebe beschreibt. Mit Hoffnung erbaut. Sich mit Sehnsucht und Leidenschaft nach allen Seiten umblickt. Du vergisst jene nicht, die am Rand stehen. Du holst sie in deine Wohnung, in deine Worte. Dort werden sie unsterblich. Und all das, lieber Hubert Maria Moran, all das bewegt uns. Uns, die wir „dich“ lesen. Ja, manchmal, da les‘ ich mich in dir …

Du legst die Werkzeuge deiner Künste nicht weg, nur weil du nicht mehr 25 bist. Du machst weiter, erschaffst und erlebst stets Neues. Wenn einmal Werkzeugnisverteilung sein wird – egal durch wen, egal woran man glaubt – und du zurückdenkst an den Buben von einst, an den Mann von vor ein paar Jahrzehnten, an den Künstler von vor ein paar Tagen, wirst du voll Freude und Frieden sagen können: „Ja, das habe ich gerne gemacht.“ Und Widerständen hast du getrotzt ohne hart zu werden.

Du fühlst dich, du schreibst dich in die Menschen ein. Weil du noch Worte findest, wo manche schon glauben, es gäbe nichts mehr zu sagen. Aus Angst vielleicht, aus Resignation womöglich. Aber du, lieber Hubert, du gehst mit deinen Gefühlen auf ein neues Blatt, schreibst einen Vers darauf, eine Geschichte, die immer auch irgendwie deine ist.

So sind wir, die Künstler. So sind wir, die Menschen. So sind wir, die Schwachen, die Starken, die Geselligen, die Einsamen, die Träumenden, die Hoffenden, die im Gestern, die im Morgen Lebenden. Aber heute, heute schreiben wir. Malen Bilder von einer besseren Welt. Und du, lieber Hubert, du zeigst denen, die zu schnell aufgegeben haben, dass es immer möglich ist, zu tun was man liebt. Weil man liebt. Solange man liebt. Danke für deine Worte, deinen Mut, deine Bücher. Denn manchmal, lieber Hubert, da les‘ ich mich in dir …

Und Sie, und ihr, ihr lieben Lesenden, erlebt ihn, den immer wieder neuen Hubert Maria Moran!

Herzlichst,
Miriam H. Auer

Zum Autor Hubert Maria Moran lesen Sie hier:
https://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/autor_detail/hubert-maria-moran

Reflexionen

Hubert Maria Moran
Lyrische Lebensreise IV

Seiten: 176
Bindung:Broschur
Format:14,5 x 21 cm
ISBN:978-3-7086-0941-6
Verlag: Hermagoras Verlag Klagenfurt/Celovec

Zur Laudatorin Miraim H. Auer
http://www.meerauge.at/autor_inn_en/miriam-h-auerFacebooktwittergoogle_plus

Staatenlos – Die Geschichte von Joe alias Giovanni alias Jean

Univ. Prof. Dr. Alois Brandstetter zu Ilse Gerhardts Roman „Staatenlos“

Ilse Gerhardt ist ein Multitalent. Ihr primärer Beruf und ihre ursprüngliche „Berufung“ war der Journalismus, Schwerpunkt Kultur. Ihr Ehrgeiz und ihre Expertise gingen aber immer über bloßes „Berichterstatten“ hinaus. Nun in ihrem „Unruhestand“ sind Ihre wöchentlichen Kolumnen und Kommentare etwa in der „Kärntner Woche“ inzwischen legendär geworden.
Man erwartet sie mit Spannung und Interesse: Wen oder was wird sie loben, vor allem aber wen oder was wird sie tadeln. Was heißt tadeln! Anprangern, geißeln oder auch verspotten… Oder auch mit Humor, mit Ironie oder Sarkasmus bedenken… Thematisch sind sie weitgespannt und „raumgreifend“. Sie reichen vom Lokalen, sagen wir von den Schlaglöchern der Villacher Straße bis ins Hochpolitische, sagen wir einmal die Abgründe der Kärntner Seele, mit Erwin Ringel gesprochen. Was ihre Agenden betrifft, steht in der rückwärtigen Klappe ihres letzten Buches, um das es heute geht: „Sie ist Kulturjournalistin, Galeristin, Sängerin, Veranstalterin und Organisatorin von Kunstreisen, Jurorin beim Kärntner Lyrikpreis und Obfrau der IG Autorinnen und Autoren Kärnten.

Literarisch widmet sie sich Menschenschicksalen nach dem Zweiten Weltkrieg“. Nach ihrem Buch über ihren Vater, „Mischling“, und dem Buch „Aus Trümmern zusammengewürfelt“ (mit Edith Darnhofer-Demar) nun also „Staatenlos“, die Geschichte eines ihr bekannten Kellners am Klopeiner See, eines Mannes, der als Kind einer italienischen Partisanin bei Kriegsende durch die Ungunst der Umstände „weggelegt“, als Findling von einem englischen Besatzungssoldaten aufgenommen, über und nach seiner Kindheit in England wieder nach Kärnten zurückkehrt und sich in Italien in Monfalcone auf die Suche nach seiner Mutter macht, die er schließlich auch findet, Freude und Enttäuschung zugleich. Enttäuschung über die mangelnde Freude der eher hartherzigen „Mutter“… Es handelt sich nicht eigentlich um einen Tatsachenroman, aber auch keine fiktionale Geschichte.

Auch „Schlüsselroman“ trifft es nicht ganz. Weil sich die Autorin über Leerstellen des Berichtes des Betroffenen mit Konjekturen und plausiblen Vermutungen behilft, um etwas, was man mit einem literaturwissenschftlichen Ausdruck heute gern als „Faktion“ bezeichnet, was aber nicht mit englisch Fake („Schwindel“) in Fakenews zu tun hat, wenn auch die Etymologie in beiden Fällen auf lateinisch factum führt…Das Leben dieses Giovanni, des Kindes der italienischen Mutter, des Joe, wie ihn sein englischer Ziehvater, des Jean, wie ihn schließlich sein französischer, leiblicher Vater, ein als junger Resistance-Kämpfer Gefangengenommener und nach Kärnten Gelangter, der nach dem Krieg nach Frankreich, Nimes, zurückgekehrt und dort zu einer Malerberühmtheit geworden, nennt, ist wahrlich abenteuerlich. Ilse Gerhard hat also gewissermaßen einen Abenteuerroman geschrieben, das Gewußte und Mitgeteilte und das Vermutete mit großer sozialer Empathie zu einem ansprechenden poetischen Amalgam komponiert, das heißt ja „zusammengestellt“… Stilistisch kennzeichnet den Roman, durchaus zu seinem Vorzug, die journalistische Profession der Autorin (Reportage, auch ein wenig „Kolportage“).

Die im Roman thematisierte „Staatenlosigkeit“ ist ein literarisches Desiderat. Man kann vielleicht an Josef Winklers „Die Verschleppung“ oder auch an Brigitte Schwaigers „Die Galizianerin“ denken, vielleicht auch als schelmische Variante an Albert Drachs „Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum“…. Ganz besonders aber mußte ich an die betroffen machenden Berichte des Oberösterreichers Martin Kranzl-Greineckers über die „Kinder von Etzelsdorf“ denken, jenes Kinderheimes in Schloß Etzelsdorf, wo in der Nazizeit die Babys der Zwangsarbeiterinnen „untergebracht“, den Müttern also weggenommen und medizinisch schlechtest versorgt wurden, -und wenn sie nicht gestorben sind (viele liegen in Pichl in anonymen Kindergräbern), nach dem Krieg groß geworden und verzweifelt in Polen oder sonstwo in Europa nach ihren Müttern gesucht haben. Viele haben keine Eltern gefunden. So gesehen handelt Ilse Gerhards Roman „Staatenlos“ eigentlich von einem singulären Glücksfall. Wenn auch ihre Geschichte tödlich endet…

© Alois Brandstetter, April 2017

Kurzinformation zum Buch: „Staatenlos“ erzählt die Lebensgeschichte eines Mannes, der nach der Geburt zum Findelkind einer britischen Offiziersfamilie und zum Waisen wird. Joe, so sein Name, erlernt den Kellnerberuf und wird später zum Oberkellner in einem Hotel. Ein scheuer, aber nobler und gebildeter Charakter. Joes Besonderheit ist, dass er von Geburt auf staatenlos ist. Er ist ein in Österreich geborener Sohn einer ehemaligen italienischen Partisanin und Zwangsarbeiterin und eines französischen Kriegsgefangenen. Als junger Mann macht er sich auf die Suche nach seinen Eltern. Die Mutter findet er in Italien und den Vater, einen anerkannten Künstler, in Frankreich. Dennoch endet Joes Eltern- und Identitätssuche fatal.
Ilse Gerhardt erzählt die berührende und tragische Geschichte eines Staatenlosen nach einer realen Lebensgeschichte und führt den Leser von Südösterreich aus in die italienische Werftenstadt Monfalcone an der Isonzomündung, in die Römerstadt Nimes und die felsigen Cevennen in Südfrankreich.

Ilse Gerhardt
Staatenlos
Roman
128 Seiten, Broschur mit Klappen,
€ 19,90,
ISBN 978-3-7086-0933-1
Hermagoras Verlag 2017

Zur Autorin: Ilse Gerhardt

https://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/autor_detail/ilse-gerhardt

Zum Buch: Staatenlos, Hermagoras Verlag, Klagenfurt/ Celovec 2017
https://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/detail/staatenlos
Zum Verfasser des Gastbeitrags: Univ.Prof. Dr. Alois Brandstetter:

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