Kategorie: Berichte

ANTONIO FIAN – Meister des Dramoletts feiert seinen 60. Geburtstag

Das Musil-Institut der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt veranstaltete eine Feier zum 60. Geburtstag des in Kärnten geborenen Literaten Antonio Fian. Es war nicht nur eine Lesung aus dem soeben neu erschienen Dramolettenband Fians „Schwimmunterricht“ (Droschl, 2016), sondern auch eine amikale Laudatio von Gustav Ernst, langjährigem Freund, Autor und KOLIG-Literaturzeitschrift-Herausgeber – selbst ein Meister der feinen Klinge der Zwischentöne.

„Lieber Toni! Ich bin der Einzige, der dich so nennt!“, beginnt Gustav Ernst seine Laudatio. Mit der liebevollen Kurzform „Toni“ wurde Antonio Fian, als er 1976 als junger Mann nach Wien kam, kurzerhand von Gustav Ernst „eingewienert“. In diesen frühen Jahren traf sich der damalige „Wespennest-Herausgeber“ mit vielen jungen Autoren. Im Café Hummel in der Josefstädter Straße im 8. Bezirk wurden die Nächte lang. „Wir blödelten und zogen alles und jeden durch den Kakao, exzessiv mit Verschmähungen und Verunglimpfungen. Wir hatten es sehr lustig. Fian schrieb damals Gedichte“ , berichtet sein Wegbegleiter und Mentor Gustav Ernst.

Die Lust am Komischen hätten sie gemeinsam, Gustav Ernst und Antonio Fian, ebenso „die Lust an Kitsch und am Tiefsinn, die sich gegen Dummheit und Ignoranz richten“. Das Bloßstellen und Abreagieren hätten sie auch in der Praxis fleißig geübt.
„Es wäre schlimm,“ schreibt Walter Fanta bereits im Jahr 2007 zu den Dramoletten Fians, „würde Fian aufhören, uns Österreicher und unser österreichisches Leben mit seinen Dramoletten zu begleiten.“ Fian selbst sieht in seinen Minidramen, die er als gleichberechtigt mit Gedichten und Erzählungen sieht, nicht bloß einen witzigen Kommentar oder eine Glosse zur Tagespolitik, er sieht sich in der Tradition der Satiren eines Karl Kraus und eines absurden Theaters von Samuel Beckett.

In den Erzählungen Fians spielen Komik und Leichtigkeit eine große Rolle. Seine Dramolette zur Lage der Nation sind zahlreich in den Medien (Der Standard) erschienen.
http://derstandard.at/r5244/Antonio-Fian-Dramolette

Jetzt ist ein neuer Band (VI) bei Droschl herausgekommen, aus dem Antonio Fian einige seiner Milieustudien und Familienaufstellungen vorträgt. Wie alle 5 Dramolette-Bände davor, sind sie das Ergebnis privater und öffentlicher Ereignisse. Gustav Ernst charakterisiert das so: „Zwielichtiges neu erzählt von gemeinen und gefinkelten Querulanten. Unverschämt wird die Wirklichkeit offenlegt und dem Leser rücksichtslos aufs Auge gedrückt.“ Denn: „Das Erkenntnislachen ist das schönste Lachen“, betont der Laudator.

Fians virtuose Komik entstehe, „durch den Einsatz von Kontrasten, eine Art Direktmontage, durch das Wichtignehmen einer offensichtlichen Nebensache, durch die Technik der Wiederholung, wörtliches Zitieren in einer Mundart, durch die Technik der Verkürzung und nicht zuletzt der Übertreibung“.
Kann Antonio Fian nach vielen Dramoletten, die er seit ungefähr 25 Jahren in verlässlicher Regelmäßigkeit in Zeitschriften und Büchern veröffentlicht, noch immer überraschen?
Je länger wir Fians Minidramen folgen, desto genauer hören wir, wie man in Österreich spricht: in Wien, in Kärnten…. (der Ur-Wiener, der Ur-Kärntner…..).
Die einen reden viel zu viel – die anderen wiederum fast gar nichts; und in allen Fällen wird durch die Kunst des Autors hörbar, was offenbar nicht gesagt werden kann oder darf.

„Möge dir dein aufsässiger Witz auch in den nächsten 60 Jahren nicht abhanden kommen!“ meinte abschließend Gustav Ernst und das hoffen wir selbstverständlich alle mit ihm.

Blog-Fian-Porträt-groß

Antonio Fian, geboren 1956 in Klagenfurt, lebt seit 1976 in Wien. Er ist Autor von Romanen, Erzählungen, Essays und den sog. Dramoletten, Minidramen, mit denen er in unregelmäßigen Abständen überwiegend in der Tageszeitung »Der Standard« das österreichische Kultur- und Geistesleben kommentiert.
Für sein Werk wurde ihm 1990 der österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik, außerdem u. a. der Johann-Beer-Literaturpreis (2009) und der Humbert-Fink-Literaturpreis (2014) in Klagenfurt verliehen. Mit seinem Roman „Das Polykrates-Syndrom“ (Droschl, 2014) war er auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis.
Antonio Fians Texte von der durch ihn erst definierten Gattung »Dramolett« leben im ständigen Spannungsverhältnis zwischen Literatur und Wirklichkeit. Seine Prosa bemächtigt sich in realistischer Manier der ganz konkreten Ereignisse, um sie unversehens zu Versatzstücken seiner literarisch-satirischen Absichten zu machen.

http://www.droschl.com/buch/schwimmunterricht/

Gustav Ernst, geboren 1944 in Wien, lebt als Schriftsteller, Dramatiker und Drehbuchautor ebendort. Studium der Philosophie, Geschichte und Germanistik. Seit 1997 Herausgeber der Literaturzeitschrift „kolik“ (gem. mit Karin Fleischanderl). Als Autor zuletzt ausgezeichnet mit dem Preis der Stadt Wien für Literatur (2013).

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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MANNSBILDER – Ein IG-Lesemarathon-Abend mit Augenzwinkern

„Nur die mutigsten Literaten wagen den Lesemarathon der IG Autorinnen Autoren“, der im April im Musilhaus Klagenfurt vor erlesenem Publikum stattgefunden hat. Wie es in der Ausschreibung der IG-Chefin Kärnten, Ilse Gerhardt, verlautbart wurde, standen „jedem der schreibenden Herren genau 5 Minuten zur Verfügung“, um sich der Hörerschaft mit neuen Texten zu präsentieren. Gelesen wurde aus allen Disziplinen der Literatur: Lyrik, Prosa, Essay und Märchen. Diese „Männerlesung“ ist Vorhut für die in der Walpurgisnacht stattfindenden, bereits traditionellen „Frauenlesung“ unter den gleichen Voraussetzungen: Ebenfalls ein IG Marathon für Kurzlesungen, dann aber der weiblichen Art. Die Liste der zehn teilnehmenden Autoren las sich wie das Who-Is-Who der Literaturszene Kärntens.

Josef K. Uhl, eröffnete als Erster den Lesereigen. Er ist Mitbegründer der IG Autorinnen Autoren Österreich (1975) und Regionalleiter der GAV – Grazer Autorinnen/Autorenversammlung Kärnten, Mitbegründer des „Literaturcafés beim Perstinger“ (1979) und Herausgeber der Literaturzeitschrift UNKE seit 1972, arbeitete als Korrektor, Lektor und Journalist. Zur „Männerlesung“, bei der die Texte pointiert und satirisch gehalten werden sollten, steuerte Josef K. Uhl (Spitznamen „die Unke“) folgenden eindringlichen, politisch akzentuierten Hymnus/Aufruf bei:

„ICH WILL EUCH NACHRICHT GEBEN
über meine große wie gebenedeite Stadt
über meine kleinen darin lebenden Politiker
über meine Künstlerfreunde
über meine ach so braven Künstlerinnen
WEG MIT DEM DRECK
Ich will euch Nachricht geben
über die desolaten Häuser meiner Stadt
über die kaputt gefahrenen Straßen
über die vielen leerstehenden Wohnhäuser
über die nicht gepflegten Grünanlagen
über den nicht zu übersehenden Abfall in den Gassen
WEG MIT DEM DRECK
Ich will euch Nachricht geben
über das Wasser, das nicht mehr gesund
über den Wind, der über meine Stadt weht
über die nichtigen Kulturgespräche, die geführt werden
über Kulturpolitiker und Trittbrettfahrer
in diversen Löchern dieser Stadt
WEG MIT DEM DRECK
und ich will euch Nachricht geben
über den Spielball namens Kultur
über die kleinkarierten Kulturjournalisten
und ihre Miniatur-Medien
über Musiker und Wald- und Wiesenpoeten
über Wahrheiten und Lügen
WEG MIT DEM DRECK
UND NOCH EINS; ICH WILL EUCH Nachricht geben,
dass es noch nicht zu spät ist – Umkehr zu finden.
Dann ist der Dreck weg und die wahren Künstler
wären zu erkennen, die in jedem Hause vor sich hindichten
darüber will ich Nachricht geben
dass der ganze Dreck endgültig weg ist.“ (©Josef K. Uhl, April 2016)

Bertram Karl Steiner, ein ebenso bedeutender Kulturjournalist wie Autor, erstellte unter der Leitung von Humbert Fink für die Kronen Zeitung Beiträge, wurde später zum ersten Kärnten Korrespondenten der Zeitung „Der Standard“, ab 1990 Redakteur der KTZ (Kärntner Tageszeitung), zuerst als Ressortchef für Politik, dann bis 2014 Kulturressortchef und hat mehrere Publikationen u. a. auch zu Kärnten, Slowenien und Venedig verfasst. Sein besonderer Rückzugsort der letzten Jahre ist Piran an der slowenischen Mittelmeerküste. Diesem verträumten mediterranen Ort, in dem der Schriftsteller auch ansässig ist, hat er seinen neuen poesievollen Text gewidmet.

Edgar Hättich
lebt seit 1987 als Psychotherapeut in freier Praxis in Klagenfurt. Seine Lyrikinterpretationen und Sendungen mit eigener Lyrik in den vergangenen Jahrzehnten wurden an verschiedenen deutschen Rundfunksendern und im ORF ausgestrahlt. Er zählt zu den interessantesten Dichtern derzeit in Kärnten und wurde 2014 mit dem 3. Platz des STW-Lyrikpreises Klagenfurt ausgezeichnet. Professor Hättich las beim „Männerabend“ aus seinem Buch „Der Regen sagt Silben“ (Hermagoras 2009) sowie neue Gedichte und führte seine Zuhörerschaft in wunderbare poetische Empfindungswelten.

Jozej Strutz
stammt aus Ruden und studierte an der Uni Klagenfurt. Er beendete sein Studium mit einer Dissertation über Robert Musil 1981; Als Professor unterrichtete er an der HAK Klagenfurt 1978-2010. Zahlreiche Publikationen ua. auch Kriminalromane stammen aus seiner Feder. Er schreibt Prosa und Lyrik. 2008 erhielt er als Erster den damals neu ins Leben gerufenen Lyrikpreis der Klagenfurter Stadtwerke. Zur „Männerlesung“ las er einen beachtlichen Prosabeitrag vor.

Horst Dieter Sihler
ist als langjähriger Filmkritiker und Kinomacher in der österreichischen Filmszene bekannt („Vater der alternativen Kinoszene Österreichs“) und stellte sein Talent mit unzähligen Filmessays, Kritiken und Festivalberichten unter Beweis. Er unternahm zahlreiche Reisen zu Filmfestivals in Ost- und Westeuropa, trat als Organisator von unzähligen Filmveranstaltungen in Erscheinung, war Lehrbeauftragter für Medienkunde (Universität Klagenfurt), Gründer des Vereins Alternativkino (heute Volkskino) und der Österreichischen Filmtage (heute Diagonale).
Er las ein interessantes Kapitel mit Anekdoten aus seinem soeben im Wieser-Verlag Klagenfurt/Celovec erschienenen Buch MEIN KINO DES 20. JAHRHUNDERTS – Erlebte Kinogeschichte.

G. Apo Stadler tritt seit einigen Jahren als Reiseschriftsteller, Fotograf und Maler in Erscheinung. Die Inhalte von seinen Reisetagebüchern werden in Kurzgeschichten veröffentlicht, z.B. „Kontschuk“, „Mit Geduld und Spucke“, „Gobi“, „Oleg und Wolk“, „Als die Zeit still stand“. Mitglied der Kärntner Schreiberlinge, der IG Autorinnen Autoren und BUCH 13 ist er ein Allroundtalent mit angenehmem Erzählstil. Er nahm die Zuhörerschaft beim „Männerabend“ auf eine abenteuerliche Zugsfahrt mit , auf der Reise von Klagenfurt nach Friesach.

Arnulf Ploder wurde 1986 das Ernst-Willner-Stipendium beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und 1988 der Literaturförderpreis des Landes Kärnten zuerkannt. Seither zählt Ploder zu jenen Schriftstellern in Kärnten, die wahrgenommen werden und das zu Recht. Im Brotberuf (mit Leidenschaft) ist er Deutsch- und Philosophieprofessor und unterrichtet am BRG Mössingerstraße in Klagenfurt. Er publiziert regelmäßig, besonders in Anthologien. 2010 wurde sein Drama „Gegenliebe“ an der neuenbuehnevillach uraufgeführt. Beim IG-„Männerabend“ überzeugte er das Publikum mit seinem Können durch sensible Schilderungen von Empfindungszuständen verbunden mit Natur-Detailbeobachtungen.

Heinz Zitta sagt von sich selbst: „Ich schreibe gerne Kurzgeschichten und Reiseberichte. Meistens humorvoll. Ernstes und Trauriges liegt mir nicht. Ich entdeckte die Lust am Schreiben durch die Teilnahme an „Kreativ Schreiben“ Kursen im Urlaub, im Angebot einer Sommerakademie auf der griechischen Insel Zakynthos. Das Schreiben in der Gruppe mit dem Vorlesen und Besprechen der Texte machte mir großen Spaß, so dass ich darauffolgend weitere Schreib-Kurse besuchte, um meinen schreiberischen Horizont zu erweitern.“ Er gibt auch Tipps zum Schreiben: 1. Mach den Leser mit dem ersten Satz bereits neugierig und 2. nimm deinen Leser an die Hand (ent)führe ihn in deine Geschichte und lass ihn mit deinen Augen sehen, was du erzählst. Das ist ihm bei dem IG-Männer-Marathon humorvoll/satirisch gelungen.

Gerhard Pleschberger trat bereits mehre Male mit dem Verein BUCH 13 in Erscheinung. Er lebt in Bad Kleinkirchheim und hat sich der pointiert kritischen Mundart verschrieben. Er verfasst Lyrik und Prosa und hat sich auch bereits bei Poetry-Slam-Veranstaltungen einen Namen gemacht. Pleschberger tritt oft als Sprecher bei diversen Kulturveranstaltungen (Lesung eigener und fremder Werke) auf und konnte beim „Männerabend“ mit einem typisch weiblichen „Vater Unser“ auf trumpfen, welches gnadenlos die Schwächen der Weiblichkeit freilegte und mit kabarettistischen Qualitäten vorgetragen wurde.

Del Vede trat als letzter Literat bei dieser Veranstaltung auf und brillierte sprachgewaltig als phantastischer Märchenerzähler, als der er in den letzten Jahren bekannt und sehr beliebt wurde. Von 1983 bis 1987 war Del Vede (als DEL Vedernjak) Regionaldelegierter der IG Autoren für Kärnten und veranstaltete in dieser Zeit jährlich das Literatur-Festival KÄRNTNER FRÜHLING. Dieser hatte sich aus einer literarischen Initiative einiger junger Kärntner Autoren heraus zu einer Veranstaltung entwickelt, die in der literarischen Öffentlichkeit auch außerhalb des Landes steigende Beachtung und Anerkennung fand. Er beschloss den Abend mit einem Märchen für „die Buben in uns“:

„Ich lese einen Auszug aus dem Kapitel eines größeren Textes, aus einem größeren Zusammenhang ironisch gebeugter Helden. Einige verknappte vom vorchristlichen Wendischen inspirierte Episoden, eine Art Märchen für Buben und Mädchen, das die Leser aufregen soll.

Für die „Buben in uns“, die wir Mannsbildern behalten haben, für diese Bubenseelen, die in uns eingeschlossen sind, wie unsere Vorfahren in den Ziegen, Schafen, Rindern, Schlangen, Bäumen oder Steinen eingeschlossen sind, wie wir selbst demnächst in Fell, Schlangenhaut, Borke oder Stein eingeschlossen sein werden – eine schöne Vorstellung, die uns schon damals besser machte als wir waren! – , denn eines Tages oder schon morgen
w e r d e n w i r Ziegen, Schafe, Kühe, Rinder, Schlangen, Bäume oder Steine keine Erinnerung an uns haben, Gott sei Dank!, doch wir werden besinnungslos, trunken und voller Kraft da sein, i m m e r da sein…jaja…

Das Wendische Umfeld der Episoden
Die Glan ist schon 1400 Jahre lang auch Glina, die Lehmführende, die noch vor Kurzem durch Feistritz im Glantal floss, heute Liebenfels. Der Lorenziberg wurde früher Rob genannt, der randständige Berg. Der Wolschartwald ist ein Vovsart, ein Wolfs- oder Ochsenwald. Knes hießen unsere alten Fürsten, die große Ländereien besaßen zB. um Köttmannsdorf (Fürst Hotimir) oder weit um die Gnesau (Knesove) oder um Bischofshofen, vormals Hofen, vormals Dvor, der Fürstenhof, ich meine den Fürstenbesitz Pongove – Pongau ist auch kein Gau wie die Wachau keine Au ist. Boris ist der Kämpferische. Tomaz ist Thomas. Die Kazasen waren das von der Großmacht der Awaren abgekupferte Militär, ein bäuerlicher Adel, der ursprünglich den Fürsten aus seinen Reihen wählte. So mancher stets als karolingisches Flechtwerk bezeichneter Kirchenstein war nicht von Germanen, sondern von einem dem Christentum beigetretenen Karantaner als Altarschranke in seiner Eigenkirche aufgestellt worden. Stan ist ein Schafsstall am Berg. Eine Troje steckt im Eigenamen Troyer – und ist eine Pferch. An der Schule von Lind ob Karnburg war noch in den 1980er Jahren eine Tafel des „Deutschen Schulvereines Südmark“ befestigt gewesen. Sie verschwand nach der Renovierung durch die Gemeinde.“
(©Del Vede, April 2016)


Foto© IG-Autorinnen Autoren Kärnten/ Plakatgestaltung

Ich danke den beiden Kärntner Autoren Josef K. Uhl und Del Vede für die Erlaubnis ihre Texte an dieser Stelle veröffentlichen zu dürfen.

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MAGDALENA SÜNDERIN – ein Werkstattgespräch mit Lilian Faschinger

Da steht es frisch poliert, das Puch 800 Motorrad mit gelb lackiertem Beiwagen Baujahr 1937, ein seltenes Exemplar, im ersten Stock des Robert-Musil-Institutes Klagenfurt.
Was hat aber dieses Motorrad mit der bekannten Kärntner Schriftstellerin Lilian Faschinger zu tun? Die Autorin wurde 1950 an den Ufern des Ossiachersees geboren und trat in den Achzigerjahren mit literarischen Veröffentlichungen in Erscheinung. Der literarische Durchbruch gelang ihr mit ihrem dritten Roman MAGDALENA SÜNDERIN (Erstveröffentlichung im Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1995, 351 Seiten, Neuausgabe 2006 im Deutschen Taschenbuch Verlag, dtv München).

Die bemerkenswerte Puch-Beiwagenmaschine spielt eine bedeutende Rolle in ihrem Roman, zu dessen 20-Jahr-Jubiläum die Schriftstellerin zu einem „Werkstattgespräch“ mit Prof. Dr. Anke Bosse und zwei Studentinnen des Germanistikinstitutes der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt in das Robert-Musil-Institut eingeladen wurde.
http://www.dtv.de/buecher/magdalena_suenderin_13468.html

Lilian Faschinger beschreibt wie schnell man sich von seinen Gefühlen verleiten lassen kann. In ihrem Roman geht um eine schöne junge rotlockige Frau, die ihre Heimat (Kärnten) verlässt, ihre Habe verkauft, sich eine Puch 800 – Beiwagenmaschine zulegt und wie eine Nomadin umherreist. Als sie zurückkommt und in einer kleinen Kirche in Osttirol den Priester entführt, fährt sie mit ihm in den Wald, fesselt und knebelt ihn. Sie möchte gerne beichten: 7 Morde an ihren sieben Männern. Sie hatte mit den verschiedensten Männern Verhältnisse begonnen, die aber alle sieben tragisch endeten. Magdalena geriet an einen depressiven Holländer, einen eifersüchtigen Russen, einen untreuen Portugiesen, einen englischen Vampir, einen tschechischen Jehova, einen alten masochistischen Baron und an einen Mann mit drei Ehefrauen. Jetzt ist es an der Zeit sich Gehör zu verschaffen, nachdem Magdalena Leitner sieben Morde begangen hatte.

Blog-Fschinger-Motorrad

„Und jetzt werden Sie mich anhören, Hochwürden. Es wird Zeit, dass Sie auch mir Ihr Ohr leihen, Ihr auf allen Nuancen schwerer und läßlicher Sünde abgestimmtes katholisches Priesterohr, das schon so vielen verständnisvoll zugeneigt worden ist.“

Ein ironischer Unterton zieht sich durch diesen Roman und unglaublicher Einfallsreichtum. Es gibt zwei Ich-Erzähler, einerseits Magdalena, die IHR LEBEN UND IHRE SÜNDEN beichtet. Als zweiter Erzähler fungiert der Priester, der sein Verhältnis zu dieser Frau reflektiert und wie es sich im Laufe der Beichte verändert. Von reiner Angst über ein gewisses Verständnis bis hin zur Liebe. Die Verführung, vor allem die Verführung durch die Sprache steht im Mittelpunkt (wie schon im ersten Roman Lilian Faschingers).

Wie kommt man zu so einer Idee? Drängt sich da die Frage an die Autorin auf.
„Ich hatte das Bild eines gefesselten Priesters im Kopf, wusste aber zuerst nicht, was ich machen könnte. Zuerst wollte ich eine psychologische Geschichte von männlichen Autoritätspersonen erzählen“, meint Faschinger. Der Zorn in diesem Werk soll nicht übersehen werden, denn Magdalena Leitner wurde nie angehört.

Zur Entstehung des Romans erzählt die Autorin folgendes: „Ich wollte an einem ruhigen Ort dieses Buch schreiben, wo mich keiner kennt – so war ich neun Monate in einem Studio in Paris. Eine richtige Schwangerschaft war das für diesen Roman. Bei einem Frisörbesuch ist mir die Struktur aufgegangen, denn eigentlich ist das eine Zehn-kleine-Negerlein-Geschichte.“

Lilian Faschinger schreibt gerne an verschiedenen Orten: zu Hause in Graz, die Gedichte im Bett in der Nacht, einen Roman im Studio in Paris. In Wien ginge das nicht so besonders gut. Eine gewisse Distanz brauche man, aber man könne nicht immer flüchten.
„Ich bin sehr viel gereist, jetzt bin ich etwas müde“, erklärt Faschinger.

Und zu ihrer Arbeitsweise: „Bei einer Erzählung handelt es sich um eine viel ruhigere Arbeit als bei einem Roman. Man könnte diese Arbeit mit Musik vergleichen: Der Roman ist dabei wie eine Oper mit einer dramatische Frauenstimme. Ein Gedichte ist wie eine Skulptur, die im Raum steht und an der man herumbastelt. Bei meinen Inhalten geht es häufig um das Zu-viel-Reden und um das Verstummen. Dieser Roman wurde mit einer ungewöhnlich hohen Energie geschrieben. Ich schreibe immer nur an einem Werk, nicht parallel; momentan an keinem Werk. Ich muss mich mit einer Geschichte immer identifizieren und brauche einen gewissen Freiraum, damit nicht alles ganz klar ist. Ich beschäftige mich eigentlich mit Büchern, die ich geschrieben habe, dann nicht mehr, außer bei Veranstaltungen. Sie werden ad acta gelegt. Das erste Buch hat mir das Leben gerettet, so wie einmal Gert Jonke gesagt hat: jedes Buch rettet einem das Leben. Von Jonke wissen wir, dass er nicht loslassen konnte, da gab es eine völlige Einheit zwischen Leben und Kunst.“ (MAGDALENA SÜNDERIN wurde in 17 Sprachen übersetzt und von Ute Liepold dramatisiert. Das Theater WOLKENFLUG brachte im November 2013 in der Burgkapelle Klagenfurt das Stück zur Aufführung).

Jeder entwickelt eigene Arbeitsweise, fertig ist man, wenn der Verlag drängt, denn verbessern könnte man immer noch, meint Faschinger.
Zum Thema der Magdalena ist zu sagen, dass sie ursprünglich in der Bibel nicht gewertet wurde. Erst später entwickelte sich eine negative Sicht dieser weiblichen Figur, und sie wurde unterschiedlich bei den Evangelien beleuchtet.
„Sie wird als Sünderin dargestellt und es ging mir um die Rehabilitation der Frau in diesem Roman!“ Die Hauptfigur sucht jemanden zum Zuhören, am Ende entführt sie den Priester, der zuhören muss, es geht um eine Form der Absolution oder einfach ums Reden.
Die narrative Struktur wird dadurch gerechtfertigt. Die Zahl Sieben hat selbstverständlich eine gewisse Bedeutung in der Religion und in diesem Roman. Die sieben Todsünden werden in den sieben Männern dargestellt und außerdem hat Jesus aus Maria Magdalena sieben Dämonen ausgetrieben. Eine gewisse Zahlensymbolik steht daher hinter diesem Werk. Der einzige Mann, der schweigt, ist der Priester, deswegen hat er am Ende überlebt.

Blog-Faschinger-Gespräch

„Magdalena Sünderin wurde in einer sehr spielerischen Haltung geschrieben und wirkt auch zynisch“, erklärt Faschinger. Die Männer werden bei der Autorin extrem – wie als Karikaturen dargestellt. Diese Geschichte lässt sich weiterspinnen, das sei typisch für weibliches Schreiben: die zyklische Struktur. Die psychologischen Beschreibungen sind sehr genau. „Damals habe ich das gerne so geschrieben. Man schreibt ein Buch, um sich selber zu amüsieren! Ich stehe noch total zu diesem Buch, aber man hat sich in 20 Jahren so stark verändert, dass man das Gefühl hat, es habe jemand anderer geschrieben…“ , meint die Autorin. Vieles ist ernst zu nehmen, vieles aber nicht ernst gemeint…. das sei die Quintessenz des Romans MAGDALENA SÜNDERIN. Mehrere Ebenen spielen zusammen, ein Vexierspiel, das mit jedem Leser wechselt….

Alle Fotos (c) Gabriele Russwurm-Biro

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„Kärnten ist überall“- Lesung und Gespräch mit GERALD ESCHENAUER aus der Reihe Literatur um 8 im Dinzlschloss Villach

„Mit Schreiben rechtfertige ich den Raum, den ich auf dem Planeten Erde einnehme,“ sagte der US-amerikanische Bestsellerauto John Updike einmal. Beim gesellschaftskritischen Kärntner Autor Gerald Eschenauer ist es ähnlich und er greift mit seinem nunmehr vierten Buch MIEFKE SAGA III weit in den literarischen Raum.
Das Unaussprechliche, das Ekelhafte, das Allgegenwärtige, alles rund um uns herum wird durch den Kakao gezogen und vor den Spiegel gezerrt. Die tiefen Abgründe der menschlichen Seele öffnen sich. Der unbequeme, gnadenlos scharf beobachtende Autor teilt kräftig aus und will uns die Augen für seine „Heimat“ öffnen.

In seinen bisherigen Publikationen postuliert Gerald Eschenauer erbarmungslos desillusionierende Stellungnahmen zur eigenen kleinkarierten hinterwäldnerischen Heimat, die vor Sarkasmus und Ironie nur so strotzen. Zeitkritik gegenüber dem offiziellen Land Kärnten rangiert ganz oben, aber auch der ganz normale Bürger und Mitmensch wird unter das bissige Vergrößerungsglas genommen. Er gibt tiefe Einblicke in die menschliche Seele, besonders in die Kärntner Seele, denn „Kärnten ist überall….“. Nun haben sich schon andere mit der Kärntner Seele eingehend beschäftigt, aber es gibt offensichtlich noch immer genug Absonderlichkeiten zu berichten.

2015 ist der dritte Teil der Eschenauer-Trilogie MIEFKE SAGA III – AUCH FÜR ALLERGIKER im Mitgift – Verlag erschienen und umfasst das Eschnauer ´sche Welt- und Heimatbild auf knapp 90 Seiten in Kurzgeschichten und Gedichten. „Vom Mittelmaß“/ „Brückengespräche mit Rückgrat“/ „Von der Kunst Größe zu zeigen“/ oder auch „Die Sünden dieses Landes“/ lauten die Titel der Kurzgeschichten, 30 an der Zahl.

„Wås geht dås mi ån? Kärnten ist überall…“ so heißt es im Vorwort. „Machen Sie sich nichts vor. Anzunehmen, dass exemplarisch regionale Beschreibung vor eigenem territorialem Gebiet haltmacht, ist schlicht und einfach falsch. In Ihrer verfickten Region sieht es nämlich nicht anders aus. Die idyllischen Dörfer im österreichischen Bundesgebiet sind ebenso davon betroffen wie Regionen in Ost- und Westdeutschland, auszuweiten auf Europa und die ganze Welt. Nehmen Sie das Geschriebene in diesem Buch daher ruhig persönlich. Kärnten ist überall….“
(S 7).

„Seine Texte haben sich deutlich verändert und heben sich von den schon bekannten der beiden vorigen Teile I / II der MIEFKE-SAGA-TRILOGIE ab. Der schnelle Lacher ist nicht mehr das, um was es Eschenauer in seinen Texten geht. Das Erzählerische kommt stärker in den Vordergrund, hebt Germanist Arno Rußegger in seiner Einleitung zum Leseabend im Dinzlschloss hervor. Der Ton ist rauer geworden, es geht ans Eingemachte, das Lachen bleibt oft einmal im Hals stecken. Der Autor selbst meint dazu: “Ich bin erwachsen geworden, obwohl ich nie erwachsen werden wollte!“

„Eschenauer wurde in Zweikirchen geboren, ganz in der Nähe des berühmt berüchtigten Ulrichsberges. Das ist symbolträchtig für die Konzeption seiner Literatur, sozusagen ein doppelter Fokus, doppelter Blick, übliche konventionelle Bedeutung und den gewissen anderen Blick hinter die Kulissen. Zum Satierekonzept gehört offenbar auch die optische Aufmachung: die Plakate und die Gestaltung des Buchcovers zeigen das. Die Augenpartie wird betont, wodurch die Wirkung de-fokussierend erscheint. Man fühlt sich selbst in Frage gestellt. Dabei gibt es keine endgültigen Feststellungen, alles wird verschoben, das Allgemeine und Besondere wird vereint,“ erklärt Rußegger.

Dennoch bleibt wie in den vorangegangenen Veröffentlichungen die Liebe zur kurzen Form. Eschenauer meint dazu mit einem Augenzwinkern: “ Ich bin vergesslich, daher ist das mit Romanen eher beschwerlich…“

Eschenauer hat Philosophie studiert, aber seine Denkart ist nach Arno Rußeggers Einschätzung nicht abstrakt theoretisch, sondern, immer nah an den Vorkommnissen. Er übersteigt die äußere Realität mit einer Frage, wodurch eine gewisse Parabelhaftigkeit wirksam werde. Kärnten wird zum Sinnbild oder Unsinn-Bild, das keine Grenzen mehr kennt, „senza confini“ sozusagen. Texte bestehen aus Kurzprosa und Gedichten mit politischer Schärfe, sie treten nun kompromisslos hervor…

Ján Kubis am Akkordeon und Gerald Eschenauer bei der Lesung "Literatur um 8"
Ján Kubis am Akkordeon und Gerald Eschenauer bei „Literatur um 8“

MIEFKE SAGA III ist keine Fortsetzung, mehr logische Konsequenz, heißt es im Klappentext: „Die Summe der Ergebnisse. Der Autor schielt nicht nach Verständnis für eine allgemeine Situation, er legt vielmehr offen, wie erbärmlich wir handeln. Niemand bleibt unberührt, niemand ausgenommen. Regionalität wird aufgehoben. Freiheit ist längst eine Lüge. Und doch gibt es Hoffnung….“

„Ich bin ein gesellschaftspolitischer Autor und deswegen nehme ich Stellung“, charakterisiert sich der Villacher Autor. „Das ist im kulturellen Bereich nicht mehr üblich – es wird nicht mehr gepflegt. Früher wurden Meinungen kund getan (wie Karl Krauß das etwa getan hatte). Heute ist das überhaupt nicht mehr der Fall“, bedauert Eschenauer. „Ich nehme es niemandem übel, wenn er sich nicht äußert. Ich will mich aber äußern zu Dingen, die falsch laufen.“ Das beginnt bei Subventionsansuchen, geht weiter mit Ausreden und Absagen, einer gewissen „Systemtrottelei“, und dem vorherrschenden „Selbstbeweihräucherungsapparat“, letztendlich ist es die Dekadenz und die Zügellosigkeit, „koste es, was es wolle“, die den Autor aufrütteln, der Zustand der Gesellschaft – eben : „Die Sünden dieses Landes“.

In „Vom Alles-Dürfen“ schreibt er wie folgt:

Denken wir doch nicht mehr daran, solange es uns gut geht. Und es geht uns gut, nicht? Fett und zufrieden sitzen wir da. Der Kärntner Schweinsbraten auf dem Tisch. Öffnen wir den Kärntner Kühlschrank, bis oben hin gefüllt mit Kärntner Milch, Kärntner Speck, Kärntner Joghurt, Kärntner Glundnem Kas und faulen Eiern. Eingekauft in der Kärntner Landesregierung und ihren Zweigstellen. Schieben wir die Tür des original Kärntner Kleiderschranks rasant nach rechts. Voll ist er mit Kärntner Kilts, Kärntner Pleamlan. Kärntner Anzügen, Kärntner Löwen und Kärntner Dirndln. Sehen wir uns selbst im Spiegel und damit ins wahre Antlitz unserer erbärmlichen, intoleranten, von Neid und Missgunst zerfressenen, missmutig wirkenden Kärntner Kleingeist-Bergundtal-Seeundwald-Seele.
Wir dürfen alles. Uns nur nicht erwischen lassen…..
(S19)

Gegenüber anderen Medien hat es die Literatur heutzutage schwer. Ist die Literatur nun in der Defensive? wird der Autor gefragt.
„Der Mut fehlt – bei den Entscheidungsträgern und Förderstellen“ , betont Eschenauer. Davon kann er als ambitionierter Veranstalter in seiner Eigenschaft als Obmann des 2013 von ihm gegründeten „Vereins BUCH13 zur Förderung heimischer Literatur-Kultur“ ein Liedchen singen. „Bei Lesungen mit unbekannten Autoren und Autorinnen bekommt man keine Förderungen oder Sponsorengelder. Was zu tun ist? Es trotzdem machen! Wie soll etwas Neues entstehen, wenn man die Möglichkeit als Literaturschaffender nicht bekommt? Gegen die bestehende Überheblichkeit muss man eben ankämpfen. Die Gesellschaft lässt alles über sich ergehen – Der Literatur käme da eine besondere Stellung zu!“

Gerald Eschenauer, Jahrgang 1972 wurde in der Mittelkärntner 500 Seelengemeinde Zweikirchen, am Fuße des Ulrichsberg, als jüngstes von insgesamt acht Kindern geboren. Mehrere Jahre arbeitete Eschenauer im Rundfunk. Schauspiel, Theater, die Literatur und Philosophie sind seither seine steten Begleiter.

http://www.eschenauer.at

BLOG-Eschenauer-4

Bisher erschienen:
MIEFKE SAGA
2012, Bibliothek der Provinz, Weitra
ISBN 978-3-99028-119-2

MIEFKE SAGA II – PASSIONEN
2013, Bibliothek der Provinz, Weitra
ISBN 978-3-99028-239-7

DAS SCHLACHTEN DER SCHWEINE
2014, Malandro Verlag, Klagenfurt
ISBN 978-3-902973-06-1

MIEFKE SAGA III – AUCH FÜR ALLERGIKER
2015, Mitgift Verlag, Wien
ISBN 978-3-903095-00-7
90 Seiten
€ 13,-

http://www.mitgift.at/de/autoren

http://www.mitgift.at/de/buecher

Die Lesereihe LITERATUR UM 8 wird von der Kulturabteilung der Stadt Villach im Dinzlschloss, Schlossgasse 11, 9500 Villach veranstaltet. Literatur nimmt in der Stadt Villach einen hohen Stellenwert ein, was sich im Budget ausdrückt. http://www.villach.at/inhalt/185117.asp

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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„Kopf hoch!“ – Ein literarischer Heimatabend zu Ehren Gert Jonkes (1946- 2009)

Prof. Dr. Klaus Amann, ehemaliger Leiter des Musil-Instituts der Alpe-Adria-Universität Klagenfurt, begann den Gedächtnisabend zu Ehren einer der letzten wahrhaften Dichter-Existenzen unter den deutschsprachigen Autoren, mit folgenden Worten:
„Gert Jonke war ein Dichter. Wenn man mit diesem Wort jemanden bezeichnet, der in und aus der Sprache die Welt neu erschafft, das heißt uns die Welt anders neu sehen lässt. Jemand, der in seinem Denken und Tun die Poesie verkörpert und dessen Poesie ein Abbild seines Wesens ist.“
In Kooperation mit dem Robert Musil-Institut veranstaltete das klagenfurter ensemble nach einem Konzept von Wilhelm Huber und Alexander Mitterer am 6. Februar einen Abend in memoriam des großen österreichischen Dichters mit dem Titel: „Das Vergessen kann in diesem Fall nicht möglich sein“. Bella Ban gestaltete die Bühne in der Theaterhalle 11 in Klagenfurt.

In drei Teilen präsentierten österreichische Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Elfriede Jelinek, Christoph W. Bauer ( „Ein poetischer Vagantengruß an Gert Jonke“), Alois Hotschnig, Josef Winkler, Anna Baar („Gruß an Jonke“) und der Verleger Jochen Jung Texte und Beiträge zu Gert Jonke.

Dietmar Pickl, langjähriger Jonke-Freund, sang das „Neue Kärntner Lied mit alter Weise“ von Antonio Fian. Oliver Welter interpretierte den Text „Im Zimmer“ von Gert Jonke. Am Klavier brachte Karen Asatrian Kompositionen und Improvisationen zu Gehör, ebenso spielten Johannes Brummer am Klavier und Gilbert Sabitzer am Altsaxophon das „Opus für Klavier und Saxophon“ von Alfred Stingl.

Klaus Aman, der als Moderator durch den würdigen Abend führte, machte das sehr aufmerksame Publikum auf die „tiefe Verachtung der Gier und Besitzkrankheit und die Lust an der Sprache Jonkes sowie die unerschöpfliche Erfindungsgabe“ aufmerksam,
dessen Leben und Schreiben eine untrennbare Einheit war. Und betonte wie wichtig die Musik im Leben Gert Jonkes war: „Sprachgewalt, Rhythmus und Musikalität“ zeichneten ihn aus, er sah die Musik als „Existenzgrund“.
Jonkes „Dasein als pausenloses Auf- und Abgehen in einem Zimmer – Beginn einer Verzweiflung“ blieb Josef Winkler bis heute unvergesslich. Mit gestohlenem Geld hat sich Winkler als Gymnasiast Gert Jonkes Buch gekauft: „Beginn einer Verzweiflung von G. F. Jonke war mir damals als halbwüchsigem Bauernjungen in einer Villacher Buchhandlung sofort ins Auge gefallen, in dem G. F. Jonke auf der für mich bis heute unvergesslichen letzten Seite schreibt, dass er oft stundenlang pausenlos in seinem Zimmer auf- und abgehe, ohne zu wissen, warum er stundenlang pausenlos in seinem Zimmer auf- und abgehe, und mir beim Lesen dieser letzten Seite von Beginn einer Verzweiflung sofort einfiel, dass ich, ein paar Jahre vorher, bevor mir dieses Buch in die Hände fiel, im großelterlichen Zimmer, als meine dicke Großmutter mit offenem Mund laut schnarchend im Bett lag, pausenlos in meinem Zimmer auf- und abging, ohne zu wissen, warum ich im großelterlichen Zimmer pausenlos auf- und abging und erst in dem Moment mit meinem pausenlosen Auf- und Abgehen innehielt, als meine Großmutter aufwachte und mir mitteilte, von den durchdringenden Schreien des Totenvogels aufgeweckt worden zu sein …“ (Josef Winkler/1995). An diesem Abend las Winkler diesen Text zum ersten Mal öffentlich.

Jochen Jung , ein langjähriger treuer Freund, Wegbegleiter, Ratgeber, Lektor und Verleger Gert Jonkes brachte die Persönlichkeit eindrücklich auf den Punkt: „Gert Jonke war wie ein heimlicher Engel unter den Dichtern Österreichs. Kein solcher kam ihm nach.“ Er las sein Essay: Der Wunsch Zauberer zu werden:
„Gert Jonke ist unter den Autoren, die in deutscher Sprache schreiben, der Fremdeste. Wenn Fremdsein das ist, was uns immer rätselhaft bleibt, gerade weil wir etwas darin wittern, was tief in uns selbst steckt, sich mit den üblichen Formeln aber nicht erschließen lässt, dann ist er der Fremdeste. Und darum ist er uns auch der Nächste. Er lässt uns ahnen, dass diese Fremde – wie bei Gorgo Medusa – hinter seinem ersten Schrecken etwas verbirgt und dann auf einmal leuchtend zeigt, was hier nicht Glück heißen soll oder Erfüllung oder Utopie, sondern Poesie. Und Poesie zielt immer direkt in unsere Mitte…..In Klagenfurt geboren zu werden, bedeutet, ein Kärntner zu sein, und irgendwann ist man so alt, dass man weiß, was das heißt. Natürlich ist es schön, ein Kärntner zu sein, so schön wie als Sachse oder Appenzeller auf die Welt zu kommen. Andererseits ist es aber auch nicht schön, denn einige Kärntner mögen andere Kärntner überhaupt nicht und zeigen das auch sehr gern. Das geht dann vor sich wie überall auf der Welt, für die anderen Kärntner aber besonders schlimm…. „(Jochen Jung)

Gert Jonke sagte in einem Gespräch zu ihm:
„Wahrscheinlich gab es von Anfang an den Wunsch Zauberer zu werden. Ja, zaubern zu können …das war es. Gedichte sind ja nichts anderes als Zaubersprüche, die bewirken, dass du außer dir bist. Dass du neben dir stehst und dich betrachtest und von dir betrachtet wirst, während etwas, was noch in dir drinnen ist und von dem du rätselst, was das sein kann, aus dir herausgetreten ist, und du stehst neben dir und schaust, wie das heraustritt. Das ist ein Punkt von Erkenntnis, glaube ich, ein Punkt, eine Sekunde, in der du begreifst zu verstehen, wie die ganze Welt, der Kosmos zusammengesetzt ist. …“ (Gert Jonke).

Jonke ist gerne Zug gefahren und besuchte vor seiner Abreise oft Klaus Amann im Musilhaus am Bahnhof. „Kopf hoch!“, schrieb Jonke seinem guten Freund, dem es im Moment der Begegnung gerade nicht gut ging, in ein druckfrisches Exemplar von „Der Ferne Klang“ ohne Ratschläge und kommentarlos, aber nicht anteilslos. Die zwei Worte sind für Amann Trost, weil er als Jonke-Experte weiß, wie dessen Texte zu lesen sind.

Alexander Mitterer interpretierte den Jonke-Text: Ein anderes Kärntner Lied“. Aus dem Publikum kamen viele Lacher zu dieser Charakterisierung Kärntens.

Im letzten Teil las Alois Hotschnig , der 2011 als erster Preisträger des Gert-Jonke-Preises ausgezeichnet wurde, einen virtuosen Text zu Ehren Jonkes. „Schreiben statt reden“. Klaudia Reichenbacher brachte danach die Laudatio zur Verleihung des Erich-Fried-Preises 1997 an Gert Jonke „Das Verhalten auf sinkenden Schiffen“ von Ilse Aichinger zu Gehör. Oliver Welter interpretierte Gert Jonkes Gedicht „Vogel Schau“ und Alexander Mitterer las den Jonketext „Quer durch das arktische Eis des Papiers.

Danach trug Reichenbacher auch zwei Texte von Elfriede Jelinek vor:
Allzu schneller Rücklauf: „Mit betrügerischer Leichtigkeit und ahnungslos sind Gert Jonke und ich einander (vor Jahren) ein letztes Mal begegnet. Im einem Zug der Westbahn, zwischen Linz und St. Pölten (Orte, die er nicht erfunden hat. Sonst hat er aber alles erfunden), ich war eingenickt und bin aus dem Leichtschlaf hochgeschreckt, da habe ich ihn durch die gläserne Abteiltür hindurch gesehen. Es traf sich irgendwas, das noch außer mir war (ich war noch nicht ganz da, aber auch nicht ganz weg, habe den Gert aber sofort erkannt), er war nicht außer sich, außer mir hat er niemanden dort im Abteil gekannt, musste er auch nicht, es war ohnedies alles von ihm, alles war von ihm erfunden; ich wollte aufstehen und zu ihm hinaus auf den Gang, und er hat gesehen, dass ich etwas ver-rückt bin, noch nicht ganz in der Wirklichkeit, und er hat eine begütigende Bewegung gemacht: Schlaf weiter! Jetzt schläft er, sehr viel weiter. Ich habe ihn seither nicht mehr wiedergesehen. …“ (Elfriede Jelinek)

Reichenbacher las einen Text, der für diesen Abend extra geschrieben wurde: „ Das Vergessen kann in diesem Fall nicht möglich sein“ – eine poetische Liebeserklärung. Den Abschluss bildeten Oliver Welter und Karen Asatrian mit ihrer sprachmusilkalischen Jonke-Interpretation „Auf den Telegrafendrähten“.

Foto: Porträt Gert Jonkes von ©Bella Ban

http://jungundjung.at/content.php?id=3&a_id=7

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Eine Suche nach 1000 Fundstücken – CLEMENS J. SETZ über seine Arbeitsweise

Der Grazer Autor erzählt als Gast im Musilinstitut Klagenfurt souverän und mit einem gewissen „coolen“ Charme Anekdoten aus seinem Leben als aufstrebender junger Schriftsteller. Er sieht seine bisherigen Biografie als „verstrebert und gefallsüchtig“ und gewährt Einblicke in seine Arbeitsweise.
Darunter ist auch folgende Geschichte, nämlich die, dass er früher gerne in Lesesäle ging, so getan hatte, als würde er lesen, um eigentlich nur die Geräusche zu belauschen … zufällige Klangnester oder der Trompetenton eines rutschenden Stuhls.

„Ich lese gerne Bücher, die anders sind“, meint Setz. Und solche schreibt er auch gerne. Mit seinem Lyrikband DIE VOGELSTRAUSSTROMPETE präsentierte er Gedichte, die nicht kalt lassen sollen. Sie sind „prosa-nah“ konzipiert und gekennzeichnet mit einer Nichtbeachtung der Normen. Es sind Fundstücke, Kuriositäten, die er ansammelt, Einträge auf Wikipedia, zu Collagen arrangiert, Verschiedenstes kombiniert.

In jedem seiner Bücher komme er selbst als Figur vor, aber das könne man nicht ständig machen – meint Clemens J. Setz. In seinem neuen Roman DIE STUNDE ZWISCHEN FRAU UND GITARRE (Suhrkamp 2015) tritt der Autor als „sanftmütiger Hase“ auf. Das ist die Übersetzung seines Namens „Clemens“ bedeute sanftmütig im Lateinischen und „Setz“ heißt in Slowenisch der Hase. „So bin ich in diesem Roman verewigt und war ganz glücklich über diese Idee.“

„Wenn man tausend Seiten schreibt, ist es nicht zu rechtfertigen, wenn nicht etwas Nützliches dabei ist!“ betont Setz. Was er sich einmal ausgedacht habe im Zivildienst: Man sollte bei überdehnten Gelenken, unsichtbare Tiere auf Schultern und Nacken setzen, das trage zur Genesung und zur Straffung der schmerzenden Rückenmuskeln bei. Zum Beispiel eine unsichtbare Maus auf die Schulter setzen. Sie bliebe zudem leichter im Gedächtnis, wenn man ihr einen Namen gibt und, wenn man es ganz allein für sich macht, muss man sich nicht genieren, sondern entwickelt ein gesundheitsförderndes Balancebewusstsein.

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Für die Vertreterin der Lesegruppe der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Carmen Heller, die bei diesem Gespräch die Moderation führte, ergaben sich aus dem kollektiven Lesen dieser anspruchsvollen Lektüre viele Fragen. Zum Beispiel zu den Sprach- und Namensspielen, zu den skurrilen Dingen, die in diesem Roman eingebaut wurden und zu dem Blick in die menschliche Psyche. „Woher kommt das Bedürfnis sich mit psychopathologischen Studien zu beschäftigen und diese einfließen zu lassen?“

Das habe, so Setz, mit seiner Biografie zu tun und seiner Zeit beim Zivildienst. Er hatte ein Jahr mit Menschen mit Behinderung gearbeitet und entwickelte dabei (und auch später immer wieder) eine Vorliebe und Zuneigung für Menschen, die ein abweichendes Schicksal haben. Die geschlossene Welt in einem Wohnheim habe ihn beeindruckt.

„Ich brauche Zonen, wo Leute reinkommen. Alles was taugt von mir, spielt in Zonen“. –
„Mich befreit die enge Form“, sagt der Autor, denn eine Geschichte ohne Form sei leblos – so habe er das in einem Workshop bei Josef Winkler gelernt. Später erkannte er, wie wichtig die Form sei. Je strenger die Form, desto klarer könne man sich ausdrücken.
Lese man seinen Roman wie einen spannenden Thriller, dann hätte man einen anderen Zugang. „Es kommt auf die Schleusen an, die man sich macht“.

Die Geschichte der Protagonistin Natalie Reinegger, die als Betreuerin in einem Wohnheim für behinderte Menschen arbeitet, und die sich um den als „schwierig“ geltenden Alexander Dorm, an den Rollstuhl gebunden, kümmert, wird konventionell und traditionell beschrieben. Der erzählerische Raum ist genau abgesteckt, zudem sind klassisch Zeit und Handlung mit dem Raum eins. Es schien Clemens J. Setz am natürlichsten, die Geschichte linear darzustellen, da der Vorgang schwer anders wiederzugeben wäre. „Meine Dialoge sind nicht wie Theaterdialoge. Man muss viel nachfragen, wo der Faden ständig verloren geht“, erklärt der Autor, „und das ist sicher anstrengend“.

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Definitiv würde ihm auch die Mathematik, die er studiert habe, mehr beim Bücherschreiben helfen, als die Germanistik, sein zweites Fach an der Universität Graz. Man lernt eines: „Die Mathematik zieht einen aus der Flatterhaftigkeit heraus. Man lernt die Genießerfähigkeit mit dem Umgang von kleinen Textabschnitten, die Mathematik hilft beim Komponieren von Texten – beim Microblick, denn der kleine Text ist „unlangweilbar“. So wie das Strukturmaterial bei Bäumen sei auch die Struktur im Blatt, im Kleinen wie im Großen, deswegen muss bei ihm ein Absatz dieselbe Dichte haben wie das gesamte Werk. Er hat in diesen Roman viel mehr Arbeit investiert, als in seine vorherigen Werke, damit er lesbar werde.
Clemens J. Setz arbeitet viel Versatzstücken, mit kleinen Textteilen aus Twitter – auch Interviews fließen in seine Romane ein. Als „Vorübung“ verwendete er auch Facebook als Notizbuch für seine Texte. Übrigens muss man seinen Roman mit beinahe tausend Seiten nicht auf einmal lesen. „Man wird für Abwesenheit nicht bestraft, man darf das
Buch auch einmal weglegen und ein paar Tage später weiterlesen.“

http://www.suhrkamp.de/autoren/clemens_j_setz_8336.html

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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MEIN BUCH – prägende Erlebnisse mit Literatur – Lesereihe im Robert Musil-Institut Klagenfurt

Die neue Lesereihe des Robert Musil-Instituts Klagenfurt beschäftigt sich mit jeweils drei wichtigen Büchern im Leben eines prominenten Gastes aus dem Bereich der Wirtschaft und der Politik. Die vorgestellten und von den Gästen präsentierten Bücher haben Bedeutung und Auswirkungen auf Leseverhalten und persönliche Entwicklung. Das Publikum wird auf diese Lesereise, die in der Kindheit beginnt und in der Gegenwart endet, mitgenommen. Gastgeberin und Gesprächspartnerin der in unregelmäßigen Abständen angesetzten Veranstaltung ist Univ.-Prof. Dr. Anke Bosse, Leiterin des Robert Musil-Institutes für Literaturforschung/Literaturarchiv Kärnten.
Als erster Gast wurde Landeshauptmann Dr. Peter Kaiser eingeladen, über „Mein Buch“ zu referieren.
Blog-Plakat

Das Buch, das Peter Kaiser in der Jugend zur Literatur geführt hat, ist KARL MAYS (1842-1912) Winnetou – Teil I (erschienen erstmals 1893; herausgegeben von Lothar Schmid, Hans Wollschläger, Karl-May-Verlag 1992, Bamberg). http://www.blickinsbuch.de/3780200074&account=4907031511 Wie viele Kinder seiner Generation hat Peter Kaiser dieses Buch von seiner Oma im Alter von sieben Jahren geschenkt bekommen. Die Großmutter war es auch, die ihm aus „Enkelliebe frühzeitig das Lesen beigebracht“ hatte. Die Sprache Karl Mays empfindet Kaiser als deskriptive Liebeserklärung – wenn er es heute als Erwachsener liest und bewusster liest – fast homoerotisch. Das Edle und Besondere galt es zu entdecken. Über viele Seiten lang wird eine Erwartungshaltung hergestellt (Anmerkung Anke Bosse „Supertrick“), erst auf Seite 60 erscheint Winnetou, die Lieblingsfigur Peter Kaisers von allen Karl May Bänden. Aus der Erzählsicht von Blutsbruder Old Shatterhand wird Winnetou zum „edlen“ Wilden, der allen Weißen moralisch überlegen ist.
„Das idealisierte Bild war Karl May wichtig, der ja viele Jahre in Haft verbracht hat“, so Kaiser. Auch die Filme der 1960er-Jahre mit Pierre Brice in der Hauptrolle haben bei der Visualisierung der Figuren für Generationen von jungen Lesern eine wichtige Rolle gespielt. Peter Kaiser hat „die ganze Palette von Karl May gelesen“ und danach die Entdeckerromane von Hans Otto Meißner (1909 – 1992). Diese Lektüre war dann „besser als Geographieunterricht“. In seiner Jugend hat sich Kaiser mit Winnetou identifiziert, aber nicht wegen der Silberbüchse. „Ich nehme für mich in Anspruch, viele Werte dieser Bücher angeeignet zu haben ohne sie politisch zu interpretieren.“ Aber eines steht fest, so Kaiser:“ Wenn Winnetou gewählt hätte, weiß ich, was er gewählt hätte!“

Das zweite Buch, das Peter Kaiser nachhaltig geprägt hat, ist „Alle Menschen sind sterblich“ 1946 von SIMONE DE BEAUVOIR verfasst (1908-1986). Titel der Originalausgabe: »Tous les hommes sont mortels« http://www.sf-fan.de/rezensionen/simone-de-beauvoir-alle-menschen-sind-sterblich.html Über einen „romantischen Pfad“, geleitet vor vielen Jahren von seiner damaligen Partnerin , gelangte Peter Kaiser zu diesem existenzialistischen Roman. Die Unsterblichkeit ist nicht die Gnade, die man sich oft wünscht! So könnte man die philosophische Grundaussage auf den Punkt bringen. Es handelt von Raimondo Fosca, der 1279 geboren einen Unsterblichkeitstrank zu sich nimmt und danach acht Jahrhunderte lang lebt – leben muss. „Bitterer geht es kaum“, meint Peter Kaiser und Anke Bosse merkt an, dass die Sterblichkeit oder den Tod zu überwinden in allen Religionen steckt, die Unsterblichkeit aber ein Fluch ist. Zitat: „Ich lebe und habe kein Leben. Ich werde niemals sterben und habe doch keine Zukunft. Ich bin niemand. Ich habe keine Geschichte und habe kein Gesicht – sagte Fosca“. Interessiert die Frage der Unsterblichkeit mehr als die Geschichtlichkeit ? fragt Anke Bosse ihren Gast. „Fosca erfährt Zeitbegriffe, die für andere völlig andere Bedeutung haben. Wenn man was Großes geleistet hat, möchte man den Moment festhalten. Für Fosca geht es immer weiter, das führt zu einer unheimlichen Gleichgültigkeit“, betont Kaiser und sieht das Werk als religionskritisch an. Der Roman macht sehr deutlich, nur durch den Tod, der unausweichlich ist, sind wir in der Lage unser Leben wertzuschätzen, haben wir Gelegenheit, unsere Zeit sinnvoll zu nutzen. Simone de Beauvoir hat das Werk 1946 gleich nach dem 2. Weltkrieg (Vernichtungskrieg) geschrieben, aber weder diesen noch den 1. Weltkrieg in die Beschreibung einbezogen. Für Peter Kaiser ist „Alle Menschen sind sterblich“ ein Plädoyer für ein sinnvolles Leben. Auch Anke Bosse ist überzeugt davon, dass dieser Roman ein positives Buch ist.

Das dritte Buch, das aktuell Peter Kaiser beeinflusst und verändert hat, ist die beinahe tausend Seiten starke Ausgabe „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von THOMAS PIKETTY (2013 im französischen Original publiziert, entwickelte sich das Buch nach Erscheinen auf Englisch im Frühjahr 2014 zum internationalen Bestseller mit mehreren hunderttausend verkauften Exemplaren; auf Deutsch im Oktober 2014 erschienen, aus dem Französischen von Ilse Utz und Stefan Lorenzer im C. H. Beck Verlag). http://verteilungsfrage.org/piketty/ Verteilungsdebatten sind aktuell wie nie. Die Ungleichheit ist das neue Megathema in der Politik und erschüttert die Ökonomie, die sich zu lange um diese Diskussion gedrückt hat. Das wissenschaftliche Buch handelt aus ökonomischer Sicht davon, wie es zur ungleichen Verteilung von Vermögen kommt. Die historische Entwicklung wird dabei länderübergreifend und vergleichend aufgezeigt. Umfangreiches, empirisches Datenmaterial sorgt für eine fundierte, wissenschaftliche Basis der Erkenntnisse. Fazit ist: Kapitaleinkommen steigen schneller als die Arbeitseinkommen. Diese Ungleichheit zwischen den hohen und den Normaleinkommen wird sich in Zukunft radikal verschärfen. „Keiner weiß, wie sich die Destabilisierung zeigen wird!“

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Für Peter Kaiser „ist das eine Muss-Lektüre, wenn man Verteilungspolitik betreiben will.“ Die Ungleichheit wächst stündlich, die Schere zwischen arm und reich wird immer größer, eine radikale Entwertung von Arbeit und Leistung geht damit einher. Das alles wirkt automatisch radikal destabilisierend. Bei Piketty kommt am Ende klar heraus, dass es möglich ist, die Dinge zu ändern. Dabei muss die Politik die Vorherrschaft über die Ökonomie haben. „Über das Tabu VERMÖGEN zu reden, ist schon fast ein Verbrechen – noch schlimmer ist es bei der Erbschaftssteuer (mit all ihren Mythen – obwohl man weiß, dass es ins Verderben führt)“, erklärt Kaiser, der in seiner politischen Funktion auch bei den Verhandlungen zur Steuerreform eingebunden war. „Wenn wir uns als Kulturkontinent sehen, dann müssen wir Handlungen setzen“, so Kaiser. Es gäbe viele Möglichkeiten Transaktionssteuern und andere Vermögenssteuern und damit auch politisch global regulierende Strukturen einzusetzen, die diese Ungleichheit regeln könnten – nur derzeit gibt es in der EU keine Bereitschaft. Daher ist die Bewusstmachung dieses Problems (durch dieses Buch!) so wichtig, denn die Lage ist nicht hoffnungslos!
http://www.capital.de/meinungen/ungleichheit-das-neue-mega-thema-2273.html
Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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„Lyrik boomt“ – Verleihung des 8. Kärntner Lyrikpreises

Die kleine Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt kann seit einigen Jahren gleich mit zwei Literatur-Fixsternen pro Jahr auftrumpfen: Beide Veranstaltungen zählen zu den „Highlights“ der Kultur in Kärnten in Bezug auf Geschriebenes. Im Juli finden seit 1977 die Tage der deutschsprachigen Literatur im ORF-Theater statt – der international beachtete und renommierte „Bachmannpreis“ zu Ehren der großen Dichterin Ingeborg Bachmann. Jeweils Anfang Dezember wird seit acht Jahren auch die Gattung Lyrik preisgekrönt und mittels einer anonymen sechsköpfigen Jury bewertet. 2015 befanden sich unter den 170 Teilnehmern und Teilnehmerinnen (gebürtig aus Kärnten) auch viele, die in Übersee und außerhalb Kärntens leben.

Am 3. Dezember 2015 erfolgte die feierliche Übergabe des „8. Kärntner Lyrikpreises der Stadtwerke Klagenfurt Gruppe“ im Klagenfurter ORF-Theater an die Autorin, Journalistin und Fotografin Gabriele Russwurm-Biro. „Gerade in schwierigen Zeiten mit drückenden Schulden und harten Sparmaßnahmen in Kärnten darf man nicht überall den Rotstift ansetzen – etwa bei der Kultur! Deshalb bauen wir weiterhin auf gefühlvolle Literatur, kritische Verse und die Macht der Wörter!“, erklärte Stadtwerke-Vorstand und Rilke-Fan Romed Karré am Abend der Preisverleihung in der Kärntner Landeshauptstadt. Karré bezeichnete den Lyrikpreis für deutsche und slowenische Autoren als „erfolgreichen kleinen Bruder des Bachmann-Wettbewerbs“.
Gastgeberin ORF-Landesdirektorin Karin Bernhard verwies auf Kultur-Aktivitäten des Kärntner Landesstudios und bundesweit ausgestrahlte Beiträge „in Sachen Kultur“.

Jury-Vorsitzender Manfred Posch dankte den Klagenfurter Stadtwerken für ihr vorbildliches Engagement für eine ganz besondere Literaturgattung mit folgenden Worten:

„Lyrik boomt: Die Poetry-Slam-Welle beispielsweise schwappt von Kontinent zu Kontinent, wogt erfrischend schäumend auch in Kärnten. Vor wenigen Jahren ging der Literatur-Nobelpreis an einen Lyriker. Lyrik findet sich im Alltag und längst auch in der Werbung. Schauen Sie sich beispielsweise das Projekt Babelsprech an, eine Vernetzung junger Lyriker aus Deutschland, der Schweiz und Österreich. Unter dieser Adresse präsentieren poetisierende Autoren erstaunliche lyrische Vielfalt und Qualität.

Die renommierte Wochenzeitschrift „Die Zeit“ hat den Babelsprech-Poeten unlängst wohlmeinende Beachtung geschenkt, sich mit dem Verzicht der Autoren auf „feste und vorgegebene Strukturen“ beschäftigt. Und erlauben Sie, dass ich jetzt die aktuelle „Kärntner Lyrikpreis-Siegerin“, Gabriele Russwurm-Biró, erwähne: Auch sie folgt diesem Verzichts- und Brechungstrend, dieser Absage ans Formale, legt wunderbar poetische Gebilde vor. Ich gratuliere dir, liebe Gabriele, als Vorsitzender der Jury herzlichst zum 1. Preis. Verdient hast du ihn NICHT! Verdienste erwirbt man, was irgendwie mit Profanem, mit Diesseitigem zusammenhängt. Du hast dir diesen Preis, diese Seelen-, diese Herzensergießung ERDICHTET.“

Und weiter: „Die Jury hatte auch diesmal viel zu tun. Es galt, 170 Einsendung zu sichten, zu beurteilen, zu prüfen, zu gewichten. Sie müssen wissen, dass der Jury keine Namen, keine Autorenidentitäten vorliegen. Wir, also die Juroren, müssen sich mit den Nummern der Einsendungen begnügen. Nachdem nun aber längst alles geklärt ist, wir zur Preisüberreichung schreiten, darf ich verraten, dass die Nummer 110, also Gabriele Russwurm-Biros Geheimsignatur, vier von sechs Jurymitglidern schon beim ersten Durchgang vorne hatten. Ich danke den Jurymitgliedern für deren verantwortungsvolles und kenntnisreiches Wirken.“

Der Anerkennungspreis für sein Lebenswerk gestiftet von der Kulturabteilung des Landes Kärnten ging an den Klagenfurter Autor Alexander Widner. Jurymitglied Ilse Gerhardt hob in der Laudatio die lesenswerten Werke des Geehrten hervor. Ebenfalls für seine umfangreichen Leistungen „in Sachen Literatur“ wurde der Klagenfurter „Kulturarbeiter“ Josef K. Uhl geehrt. Er erhielt von Kulturreferentin Bürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz den Preis der Landeshauptstadt Klagenfurt. Manfred Posch wies dabei auf die zahlreichen Kulturveranstaltungen hin, die UNKE-Gründer Josef K. Uhl in den letzten Jahrzehnten auf die Beine gestellt hat und auf seinen Gedichtband Rock`n Roll des Herzens.

Alexander Widner
Alexander Widner
Josef K. Uhl
Josef K. Uhl

Die sechs ersten Plätze des Lyrikwettbewerbes gingen an folgende Lyrikerinnen:

1. Gabriele Russwurm-Biro aus Klagenfurt: Autorin, Journalistin und Fotografin: studierte Kunstgeschichte und veröffentlichte bereits zwei Kinderbücher und drei themenbezogene Anthologien (Literatur-Fotobände) mit Kärntner Schriftstellern.
2. Elisabeth Hafner, Lehrerin an der Schule für Sozialberufe 2 in Klagenfurt
3. Waltraud More, Lehrerin aus Seeboden
4. Barbara Juch, in Wien lebende Regieassistentin (Preis der PosterService GmbH)
5. Miriam H. Auer, Lektorin am Institut für Anglistik Universität Klagenfurt, aus Arnoldstein (Preis der Kraftwerkserrichtungs- und Betriebsgesellschaft)
6. Susanne Axmann, Trainerin aus St. Donat (Sternenpreis des Planetariums)

Die weiteren Anerkennungspreise gingen an Erik Adam aus Klagenfurt, Verena Gotthard aus Klagenfurt, Vera Wutti-Incko aus Ferlach, Rebekka Scharf aus Klagenfurt, Angelika Stallhofer aus Seeboden und Christine Tidl aus Seeboden.
Insgesamt wurden Geldpreise im Gesamtwert von 12.000,- € vergeben.

Die Lyrikpreis-Jury: Vorsitzender Prof. Manfred Posch, Schriftsteller und Büchnerpreisträger Dr. h.c. Josef Winkler, Mag. Katharina Herzmansky, Ilse Gerhardt, Dr. Richard Götz, Dr. Günter Schmidauer und Dr. Harald Raffer (ohne Stimmrecht). Der „Kärntner Lyrikpreis der STW Gruppe“ wurde selbst bereits drei Mal mit dem Maecenas ausgezeichnet.

Fotos (c) Gabriele Russwurm-Biro

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