Kategorie: Berichte

Jugend ist Zukunft – Eindrücke vom 26. Junior Bachmannpreis in Klagenfurt

„Nichts muss, nicht alles kann, vieles darf, noch mehr soll sein“ diese philosophischen Worte legte die Publikumspreisträgerin Karin Peschka, derzeit Klagenfurter Stadtschreiberin, ihren jungen Kolleginnen und Kollegen ans Dichterherz. Während die „großen“, auserwählten Autorinnen und Autoren sich von ihren lang kritisierten Lesungen während der Tage der deutschsprachigen Literatur erholten, zeigten die „Kleinen“ an einem Abend ihr Können im ORF Theater Klagenfurt ganz ohne Scheu. Am selben Ort mit der Aura eines der bedeutendsten Preise zur deutschsprachigen Literatur, der zum 42. Mal stattfand, organisierte das Bachmann-Gymnasium zum 26. Mal einen Schreibwettbewerb für Jugendliche. Damit leistet das Gymnasium und alle an dieser Veranstaltung Beteiligten einen großen Beitrag zur Nachwuchsförderung in Sachen Literatur.
„Jugend in (m)einer Stadt“ war das Thema.
In mehr als 400 eingereichten Texten erzählten junge Menschen aus Österreich und Deutschland von dem, was die Jugend heute beschäftigt. Bewegende Gefühle, Einsamkeit, Schicksale, Umwelt, Freundschaften, Enttäuschungen, Gesellschaftskritik, soziale Missstände, Bilder der jeweiligen Heimat- oder Traumstadt finden sich in den Texten der Jugendlichen.
In drei Alterskategorien wurden die Einreichungen eingeteilt und jeweils von einem Juryteam bewertet. Die jeweils drei Bestgereihten trugen bei der Festveranstaltung ihre Siegertexte vor, wo die „Großen“ es tagsüber taten und wurden für ihre beachtlichen Leistungen belohnt und ausgezeichnet, ganz nach dem Vorbild des Bachmannpreises.
„Kärnten besitzt eine große literarische Tradition“, bestätigt Jurorin Sabrina Mikitz, „für die KELAG Grund genug die literarische Zukunft zu unterstützen. Als Partner des Junior-Bachmann-Literaturwettbewerbs freut es uns sehr, zu sehen, wie viele begeisterte und engagierte Nachwuchsautoren an diesem Bewerb teilnehmen.“
In der Kategorie I, der 10- bis 12Jähigen gewannen: 1. Platz Livia Gössner, 2. Platz: Marisol Vollmer und 3. Platz: Kayra Cobbers
Bewertung zu den Texten Kategorie 2 (13- bis 15Jährige) speziell zu den drei Bestplatzierten (1. Platz Cara Spitzer, 2. Platz: Joshua Carstens und 3. Platz: Johannes Kapeller)
Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Einsamkeit – das sind die Begriffe, die allen Texten, die mir als Jurorin vorgelegt wurden, zuzuordnen sind. Die Grundstimmung „alles ist Scheiße“ berührt, vor allem deswegen, weil es sich um junge Menschen handelt und sie alle – offensichtlich – in derselben ordentlichen, sauberen und unauffälligen österreichischen Kleinstadt wohnen wie ich. „Verloren in einer Stadt ohne Zukunft“ hätte demnach das Thema lauten können. Beeindruckt hat mich die geschlossene, auf den Punkt gebrachte stilistische Form der kurzen Erzählungen, die keineswegs ausufern oder an unwichtigen Detailbeschreibungen hängenbleiben. Jede Geschichte beschreibt einen exakten Handlungsbogen und/oder eine tiefe innere (düstere) Stimmung. Dem negativen, enttäuschten Grundtenor wird klar formulierte Gesellschaftskritik beigemengt. Das ist gut und wichtig und nur so bekommt die depressive Haltung in den Geschichten gleichzeitig große Aussagekraft: mit dem Finger in die Wunde. Die authentischen Schilderungen haben machen traurig und nachdenklich. Die Texte sind ein Alarmsignal, dass die Verantwortlichen der Gesellschaft sofort aufnehmen sollten und darauf reagieren müssen. Damit kommt den Beiträgen dieser Jugendlichen eine große Aufgabe zu! (Jurorin Gabriele Russwurm-Biro)

Die Grußworte von der amtierenden Stadtschreiberin KARIN PESCHKA, die beim Bachmannpreis 2017 den Publikumspreis erhielt, wurden per Video zugespielt:

https://www.youtube.com/watch?v=dgqS5Sn2MeU

Den Hauptpreis gewann Nina Fischer (Europagymnasium) mit ihrem lyrischen Prosatext The Klagifornian Dream. Jurorin Ute Liepold fasste die Besonderheiten des Textes in ihrer Laudatio zusammen: „Der Text ist ein äußerst gelungener lyrischer Versuch. Er unternimmt es, auf fantasievolle und kritische Weise das Leben junger Menschen der Stadt Klagenfurt zu beleuchten. Es gelingt ihm, originell und gesellschaftspolitisch wach zu sein ohne abgedroschene moralische oder kitschige Motive zu bedienen. Der Text ist spielerisch, eigenständig und informiert. Mehr davon! Gratulation!“
1.Platz: Nina Fischer, 2. Platz: Julian Malle, 3. Platz: Dominik Vogt (Kategorie III: 16- bis 18Jährige)

Platz 1 ©Nina Fischer
The Klagifornian Dream

Lustlos lungern wir im Tanzcafé Treblinka
und zermalmen routiniert einen BigMac.
Wie blutdürstende Insekten schwaben wir später aus,
ziehen durch die Seitengässchen,
bis wir aufs Neue in das Tequilaglas ohne Boden fallen
– Mama, kannst du mich vom Bollwerk abholen?-
Wo THC so herrlich Grün
Durch meine jungen Lungen ziehn;

Mit einem an Verantwortungsbewusstsein grenzenden Schuldgefühl
lassen wir uns als Zugpferde vor das Hypo-Erbe spannen,
lechzend nach einem neuen Oberösterreicher der kommen möge,
um uns zu knechten.
Das erste Mal Eintauchen im Sommer
Die Hitze verraucht wie die Empörung über den Krieg
Doch die Zeit steht still;

Werden in einem Reagenzglas von einer Stadt herangezüchtet,
unter einer Stasi die sich der Dorftratsch nennt.
In weißem Rauch sich auflösende Kokettereien
Über dem Punschbecherrand und unter dem Lichterteppich;

Getrieben vom einzigen Wunsch wie vom Zerberus:
Die Flügel auszubreiten und in die Hauptstadt zu entfliehen,
in die Zivilisation, Nation der sich nicht Scherenden,
doch unsere Blicke fallen jedes mal in ein Loch,
wenn wir die Riesen suchen,
die einst unsere Kindheit umrahmten,
wie die kleinen nassen Kinderarme
das Wörtherseemandl bestehlen;

bis wir wieder an die Küste der teuersten Badewanne Österreichs gespült werden,
in der sich die Schickeria der Neureichen suhlt.
Nachts am See wir zwei,
die Sterne unsere Zeuginnen;

Wir, deren roter Faden seit Beginn der Zeiten nie die Karawanken überschreiten sollte.
Wir, die von den Rabenmüttern des Ostens ausgespien wurden.
Wir, Anna-Lena, Mohammed, Jenny, Lukas, Ali, Inge, Robert, Gert, Christine,…
Ich, die Nestbeschmutzerin,
in stiller Hingabe zum letzten im Buch versunkenden Herbsttag am Lendhafen,
dem französischen Film im Volkskino verschuldet,
in den historischen Hausfassaden träumend.
Nur deine beißende Luft die jemals meinen Durst zu stillen vermag

Ich, deren Heimatliebe für immer eine schmerzlich verächtliche Melancholie bleiben dürfte;

Junior Bachmann Literaturwettbewerb
Der Junior Bachmann Literaturwettbewerb ist ein Schreibwettbewerb für Kinder und Jugendliche aus Österreich und Deutschland, der 2018 zum 26. Mal stattfand! Für die Organisation dieser Veranstaltung ist das Ingeborg Bachmann Gymnasium in Klagenfurt verantwortlich. Jungautorinnen und Jungautoren haben hier die Möglichkeit, sich in den jeweiligen Kategorien schulübergreifend messen zu können und ihre Texte von einer fachkundigen, unabhängigen Jury bewerten zu lassen.
Die Gewinnerinnen und Gewinner erwartete eine Einladung zur Abschlussveranstaltung, die im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur im ORF-Theater stattfindet. Dort hatten die Preisträger die Möglichkeit, ihre Texte und sich zu präsentieren und bekamen ihren Gewinn in Form von Sachpreisen und Gutscheinen, überreicht. Ebenso wurden die Siegertexte und die besten bewerteten Texte in der Broschüre des Junior Bachmann Literaturwettbewerbs veröffentlicht.
Das Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen die Chance zu geben, ihr Können unter Beweis zu stellen und auch außerhalb schulischer Leistungen zu glänzen.
Kategorien:
Die literarischen Beiträge der Jugendlichen wurden in drei Kategorien eingeteilt und jeweils von einer eigenen Fachjury bewertet:
• 1. Kategorie: SchülerInnen der 1./2. Klassen
• 2. Kategorie: SchülerInnen der 3./4./5. Klassen
• 3. Kategorie: SchülerInnen der 6./7./8./9. Klassen
Als Jurorinnen und Juroren der eingereichten Texte fungieren Unterstützer der Schule und Personen des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens.

Thema 2018: „Jugend in (m)einer Stadt“

Das oben genannte Thema sollte den Schülern und Schülerinnen zur Inspiration dienen. Die Geschichten dürfen gerne eigene Titel bekommen, ebenso ist jede Textart erlaubt (Erzählung, Gedicht, …).Das Team des Literaturwettbewerbs kümmert sich um die Anonymisierung der Texte und leitet sie zur Bewertung an die Jurymitglieder weiter. Sobald die Ergebnisse vorliegen (Mai 2018) werden die Gewinnerinnen und Gewinner persönlich benachrichtigt. Ebenso können die Ergebnisse und Bewertungen auf der Homepage des IBG unter dem Link Literaturwettbewerb nachgelesen werden.

Juroren und Jurorinnen des Junior-Bachmann-Literaturwettbewerbs 2018

Kategorie 1 :
Mag. Angelika Kirchlehner(Verein Zonta)
Mag. Sabrina Mikitz (Kelag Kärnten)
Mag. Andreas Görgei (Wifi Kärnten)
Gerhard Fresacher (Regisseur)
Stefanie Sargnagel (Autorin)
Dr. Bernd Liepold-Mosser (Regisseur)

Kategorie 2 :
Dr. Andrea Nagele (Autorin)
Mag.phil. Gabriele Russwurm-Biro (Präsidentin des Kärntner Schriftstellerverbandes, Autorin)
Ingrid Schnitzer (Kulturforum Feldkirchen)
Mag. Andreas Hudelist (Uni Klagenfurt)
Sabine Tscharre (Kärntner Buchhandlung)

Kategorie 3 :
Univ. Prof. Dr. Anke Bosse (Leiterin des Musil-Institutes)
Prof. Engelbert Obernosterer (Autor)
Dr. Ute Liepold (Regisseurin)
Rudolf Altersberger (Bildungsdirektor)
Dr. Egyd Gstättner (Autor)
MMag. Manuela Tertschnig (Kulturabteilung Stadt)

Fotos© Bachmanngymnasium

Facebooktwittergoogle_plus

Solidaritätserklärung für Josef Winkler des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes

Der Kärntner Schriftsteller*innenverband stellt sich hinter Josef Winkler

angesichts der Drohung einer Klage von Seiten der FPÖ Kärntens gegen den Kollegen Josef Winkler stellt sich der Kärntner SchriftstellerInnen Verband (KSV) mit einer Solidaritätserklärung für Josef Winkler gegen jegliche Versuche der FPÖ, berechtigte kritische Äußerungen eines Autors zu kriminalisieren. Im Sinne einer Schuldumkehr soll offensichtlich der Rufer angeklagt werden und von den eigentlichen Verursachern abgelenkt werden. Kritische Stimmen aus dem Kunstbereich sollen eingeschüchtert und zum Verstummen gebracht werden.
Wieder ist es scheinbar gelungen, literarische (!) Äußerungen von Künstlern politisch zu instrumentalisieren, um damit Stimmung gegen die Intelligenz des Landes und den gesamten Kunstbetrieb zu machen, die nicht FPÖ treu agieren.
Es herrschen Pressefreiheit und Meinungsfreiheit und selbstredend gilt: „Freiheit der Kunst“- nicht nur zwischen den Buchdeckeln, in der Zeitung oder bei Lesungen/ Ausstellungen/Theater- und Musikaufführungen/ Tanz/Performance oder virtuellen Medien, sondern auch im öffentlichen Raum, bei Veranstaltungen, Festakten etc…
Ganz allgemein richtet sich der KSV gegen jeglichen politisch motivierten Versuch der Zensurierung (seit 1918 verboten) und der Ausgrenzung von „nicht-ins-Konzept-passenden“ Schriftstellern und Künstlern anderer Sparten.

Gabriele Russwurm-Biro
KSV-Präsidentin e.h.
Regionalsprecherin für Kärnten der IG Autorinnen Autoren Österreich, Bundesvorstand

weiters schließt sich der KSV folgender Petition an, der wir voll inhaltlich unterstützen:

Die Aufregungen um Josef Winklers 500 Jahre Klagenfurt-Rede

Wir erklären generell unsere Unterstützung für unseren Schriftstellerkollegen Josef Winkler. Wir weisen ebenso vorsorglich und generell darauf hin, dass es sich bei der angekündigten Anzeige der FPÖ von Winkler wegen Verhetzung (lt. § 283 StGB mit bis zu zwei Jahren Freiheitsentzug unter Strafe gestellt) um eine Themenverfehlung handelt. Josef Winkler hat eigennützige und korrupte Politik und Politiker im Rahmen eines Festaktes gegeißelt und nicht zu feindseligen Handlungen gegenüber bzw. einer Beschneidung von Lebensrechten einer Bevölkerungsgruppe aufgefordert, und er hat nichts angesprochen, für das sich nicht auch Belege heranziehen lassen würden.

Auch wenn das Vertretern der FPÖ so ganz und gar nicht in das Bild passt, weil die Kritik Josef Winklers Politiker in ihrem Umfeld betrifft, Josef Winkler hat im eigenen Namen und nach eigener Wahrnehmung Festbilanz gezogen, als Schriftsteller und nicht als Vertreter oder Stellvertreter einer politischen Partei. Ob am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt und mit welchen Worten war und ist seine Entscheidung.

Josef Winkler hat im Gegensatz zu einigen seiner Kolleginnen und Kollegen Kärnten nie verlassen, auch in den vielen Jahren der unumschränkten Herrschaft der BZÖ-FPÖ-Regierungen nicht. Das hat aus ihm einen ebenso scharfen wie unerbittlichen Kritiker der Vertreter der Politik des BZÖ und der FPÖ gemacht, allen voran von Jörg Haider, gegen dessen bzw. deren Großmannssucht er immer und immer wieder das Wort ergriffen hat und deren Verantwortung er nicht wegfeiern lassen wollte und will. Das war schon bei seiner Bachmannpreisrede 2009 so und ist jetzt, 9 Jahre später, nicht anders.

Es ist notwendig, wenn bilanziert wird, nicht den Mantel des Schweigens über alles zu breiten, sondern vor allem auch auf Missstände und Fehlentwicklungen hinzuweisen. Wenn die Politik das nicht kann – die Literatur kann nicht darauf verzichten.

Gerhard Ruiss
IG Autorinnen Autoren
Wien

http://www.kleinezeitung.at/kaernten/klagenfurt/aktuelles_klagenfurt/5411553/Der-Tag-wird-kommen_Josef-Winklers-Rede-im-Wortlaut

Josef Winkler und die Zensurforderungen der FPÖ Kärnten

Egal, wie der Kärntner FPÖ-Landesvorsitzende Darmann seine Kritik an der Rede Josef Winklers dreht und wendet, am Ende seiner Empörung über diese Rede steht immer der Wunsch nach einer Verurteilung oder einem Verbot. Nach dem nicht durch ihn verhinderbaren Auftritt Winklers im Kärntner Landhaus möchte er nun, dass ein weiterer Auftritt Winklers im September dieses Jahres im Musil-Haus verboten wird. Verboten werden soll dieser Auftritt vom sozialdemokratischen Landeshauptmann Kaiser und/oder der sozialdemokratischen Bürgermeisterin von Klagenfurt Mathiaschitz. Darmann hat schon die Rede Winklers missbräuchlich verwendet und auch die Einwände gegen diese Rede durch seinen Autorenkollegen Egyd Gstättner, er fordert nun auch noch ganz offen die in Österreich seit 1918 verbotene Vorzensur.

Es wird immer deutlicher, dass der Kärntner FPÖ-Landesvorsitzende einen parteipolitischen Kampf auf dem Rücken von Künstler/inne/n und Kulturveranstaltern auszutragen vorhat, weil das Kunst- und Kulturressort nach der Wahl auf den sozialdemokratischen Landeshauptmann Kaiser übergegangen ist, und nicht nur Kärnten, sondern auch Klagenfurt sozialdemokratisch regiert wird. Er will möglicherweise auch gar niemanden anderen überzeugen, sondern nur die eigene Klientel fester um sich scharen, damit sie sich nach der Wahlniederlage nicht in alle Winde zerstreut.

Aber selbst, wenn man das alles ins Kalkül zieht, zieht der Sachverstand Grenzen. Warum es sich bei der Rede Winklers um „Verhetzung“ handeln soll, lässt sich mit Sachverstand nicht begründen. Und warum die an die Klagenfurter Staatsanwaltschaft geschickte Sachverhaltsdarstellung der IG Autorinnen Autoren ein „Schuldeingeständnis Winklers“ darstellen soll, wie es Darmann ausdrückt, versteht außer dem Kärntner FPÖ-Landesvorsitzenden wohl niemand mehr.

Die Konfliktkonstellation ist glasklar, Darmann will Autorinnen und Autoren, die ihm nicht ins Konzept passen, mundtot machen, die IG Autorinnen Autoren will das verhindern. Die IG Autorinnen Autoren wird nicht zulassen, dass die FPÖ Kärnten Autorinnen und Autoren oder Literaturveranstalter in ihren Möglichkeiten beschneiden darf. Weder darf die Freiheit der Kunst durch die FPÖ Kärnten beschnitten werden, noch dürfen Zensurwünsche der FPÖ Kärnten in Erfüllung gehen.

Gerhard Ruiss
IG Autorinnen Autoren
Wien, 3.5.2018

http://www.kleinezeitung.at/kultur/5415127/WinklerRede_Lydia-Mischkulnig-ueber-eine-hervorragende-Rede?cx_testId=4&cx_testVariant=cx_3&cx_artPos=1&cx_tag=contextual&cx_type=contextual#cxrecs_s

http://www.kleinezeitung.at/kultur/5415128/Josef-Winkler_Anna-Baar_Winkler-Themenverfehlung-vorzuwerfen

http://kaernten.orf.at/news/stories/2910288/

Foto (c) wikipedia/ Valvasor, Landhaus in Klagenfurt mit Fortunabrunnen, 1688 (Stich)

Hier klicken: Antworten oder Weiterleiten

Facebooktwittergoogle_plus

Sprache – Verantwortung – Solidarität

Beschlüsse der Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren
24.–25.2.2018

Sprache – Verantwortung – Solidarität
Grundsatzerklärung

Sprache wurde immer schon missbraucht. Für alle Antidemokraten war die Herrschaft über die Sprache Voraussetzung für die Erreichung ihrer Ziele. Je autoritärer die Bestrebungen, desto manipulativer die Sprache. Wenn jemand in Internetforen „Humanismus ist heilbar“ als Username wählt, um seine Beiträge zu bewerben, spricht das für sich.

Heute sind wir mit einer Strategie der Doppelgleisigkeit konfrontiert: Unverblümt radikale Botschaften für die eigene Klientel und gleichzeitig allgemein akzeptable, freundliche Versionen für die breite Öffentlichkeit, die ihren autoritären, menschenverachtenden Gehalt höchst erfolgreich zu verbergen wissen.

Im Begriff Verantwortung stecken ‚Wort‘ und ‚Antwort‘. Erst das Wort, das Antwort findet und erträgt, ermöglicht den Dialog, Gemeinschaft und Demokratie. Wer sich dessen bewusst ist, der wird Identität und Selbstbestätigung nicht in der Ausgrenzung anderer suchen.

Schriftstellerinnen und Schriftsteller begleiten mit wachem Interesse gesellschaftliche Prozesse. Mit großer Sorge beobachten wir die Anzeichen, bewährte Strukturen, wie zum Beispiel die Selbstverwaltung der Krankenkassen und Kammern oder den unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, unter dem Deckmantel der Befreiung von Zwängen zu zerstören und die kümmerlichen Reste des ORF unter die Kontrolle der Regierung zu stellen. Damit lässt diese Regierung das Verständnis für Wesen und Grenzen des Wählerauftrages vermissen und beschreitet den gefährlichen Weg, die Meinungsfreiheit zu beschneiden und unbequeme Ansichten zu unterdrücken oder zu marginalisieren. Auch Sozialabbau ist ein Spiel mit dem Feuer. Er ist nicht durch ökonomische Zwänge bedingt, sondern Ausdruck eines inhumanen Menschenbildes, das den neoliberalen Ellbogenkapitalismus charakterisiert.

Achtsamkeit ist ein Gebot der Stunde. Wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller wollen, mit der gebotenen Vorsicht und Rücksicht, deutlich aussprechen, was Sache ist, ohne Alarmismus, ohne Resignation, in der Hoffnung auf die Renaissance des aus der Mode gekommenen Wortes Solidarität.

In diesem Sinne fasst die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren folgende Beschlüsse:

Die Freiheit der Kunst, die Freiheit des Wortes, die Freiheit der Presse

Es ist erschreckend, in welchem Ausmaß sich unter der Fahne angeblicher Auseinandersetzung mit dem Thema Sexismus neue Methoden der Zensur herausbilden resp. bereits herausgebildet haben und im Wortsinn schlagend werden.

Die Freiheit der Kunst, die Freiheit des Wortes, die Freiheit der Presse sind unverzichtbare Grundfesten einer demokratischen Gesellschaft. Kein fadenscheiniges Argument darf gegen diese Werte ins Treffen geführt werden. Es ist allerhöchste Zeit, mit der Zivilcourage – auch – im individuellen Denkprozess zu beginnen, die offenbar bereits gut internalisierten Scheren im Kopf zu verbannen, nicht im Sinne eines schwammigen political correctness-Begriffs besser zu zensurieren als jede staatliche Behörde. Eine sogenannte Diskussion über eine Gedichtzeile, über nackte (weibliche) Körper in der bildenden Kunst etc. ist unwürdig, erbärmlich, degoutant. Nicht die Kunst ist frivol, sondern die Anmaßung jener, die sich aufwerfen, über sie in zensorischer Manier zu befinden.

Eine Demokratie sollte längst gelernt haben, wohin eine derartige Entwicklung im worst case führen kann. Erst kratzt man Gedichtzeilen wie die von Eugen Gomringer von der Berliner Alice Salomon Schule, dann kratzt man alles andere Unliebsame aus dem Bild einer „sauberen“ Gesellschaft.

Wir fordern die Politik und sämtliche im Medien-, Kunst-, Kultur- und Bildungsbetrieb Tätigen auf, sich nicht nur entschieden gegen Zensur zu wenden, sondern auch den nötigen Respekt, die notwendige Feinfühligkeit im Umgang mit künstlerischer Produktion walten zu lassen.

Die Verpflichtungen in Landeskulturförderungsgesetzen

Die IG Autorinnen Autoren ist alarmiert von der sorglosen Auslegung der Landeskulturförderungsgesetze. Äußerungen in Tirol und Kärnten geben dazu berechtigten Anlass.

„Jeder hat einen andern Kunstbegriff, daher bin ich für das amerikanische System, das mit privaten Geldern arbeitet. Bei der Förderung von Kunst und Ausstellungen hat die öffentliche Hand wenig verloren. Queere und feministische Kunst braucht aus meiner Sicht keine öffentlichen Gelder. Die Tradition und das gelebte Heimatbewusstsein in Tirol wollen wir hingegen fördern, weil es kulturstiftend ist und man damit die Masse erreicht.“ (Markus Abwerzger, Der Standard 13.2.2018)
„Wir fördern Marterln, sonst haben wir morgen den Sichelmond.” (Christian Benger, Kleine Zeitung, 19.2.2018)
Kleine Zeitung: „Einsparungen fordern und mit öffentlichem Geld Marterln fördern. Wie passt das zusammen?”
Benger: „Das ist ein Betrag von unter 100.000 Euro. Die Wegzeichen mit dem Kreuz sind ein wichtiger Baustein unserer westlichen, christlichen Kultur und wir unterstützen all jene, die sich hier ehrenamtlich einbringen. Machen wir es nicht, dann kommen andere Kulturgüter.” (Christian Benger, Kleine Zeitung, 19.2.2018)

Anlässlich dieser Aussagen des Spitzenkandidaten der FPÖ Tirol und des Spitzenkandidaten und Kulturlandesrates der ÖVP in Kärnten verweisen wir entschieden auf die Verpflichtungen in den bestehenden Kulturförderungsgesetzen beider Länder.

Diese gesetzliche Verpflichtung der Länder zur Kunst- und Kulturförderung kann weder durch privates Sponsoring ersetzt werden, noch darf eine Gruppe oder ein Bereich von Kunst- und Kulturförderungen kategorisch ausgeschlossen werden. Die Landeskulturförderungsgesetze sind auch nicht dazu da, um christliche Werte durch Marterl-Förderungen zu verteidigen oder um Wahlwerbungen zu finanzieren, sie sind eine Selbstverpflichtung der Länder zur Förderung von Kunst und Kultur im Rahmen ihrer hoheitlichen Kunst- und Kulturverwaltung.

Weder kategorische Förderungsausschlüsse noch besonders weitreichende Auslegungen der zu fördernden Tätigkeiten entsprechen den Aufgaben der Landeskulturförderungsgesetze. Die IG Autorinnen Autoren fordert den gesetzeskonformen Umgang mit Landeskunst- und Kulturförderungsaufgaben und Landeskunst- und Kulturförderungsmitteln.

Die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen

Yvonne Gimpel, die Leiterin der nationalen Kontaktstelle zur Betreuung der „UNESCO-Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen”, wird mit Ende Februar 2018 ihren Posten abgeben. Frau Gimpel hat die Schaltstelle durch viele Jahre in vorbildlicher Weise betreut, die komplexe Materie durch regen Informationsfluss aufbereitet, aktuelle Entwicklungen vermittelt, die kulturelle Öffentlichkeit vernetzt und sich trotz der schwierigen Rahmenbedingungen nicht entmutigen lassen. Dafür bedankt sich die Interessengemeinschaft österreichischer Autorinnen Autoren herzlich.

Während die österreichische UNESCO-Kommission in vorbildlicher Weise und beispielgebend für viele Staaten ihre Verpflichtungen zur Umsetzung der Konventionsartikel eingehalten hat, ist die österreichische Bundesregierung auf beschämende Weise säumig. Das betrifft z. B. innerhalb des Landes – gerade auch in den aktuellen politischen Umbruchszeiten – die völkerrechtlich bindende Einbindung der kulturellen Zivilgesellschaft in alle sie betreffenden politischen Prozesse, international die bisher nicht umgesetzte Vorzugsbehandlung von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Süden bei der Visaerteilung.

Die IG Autorinnen Autoren geht davon aus, dass die österreichische UNESCO-Kommission auch in Zukunft die Anliegen der für uns Künstlerinnen und Künstler so wichtigen Konvention engagiert vertreten wird. Gleichzeitig fordert die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren die Bundesregierung auf, die Bestimmungen der Konvention einzuhalten bzw. endlich umzusetzen. Diese sind eine klassische Querschnittmaterie und bedürfen des konstruktiven Zusammenwirkens der einzelnen Ministerien sowie der Bundesländer, die im Fachbeirat Kulturelle Vielfalt der UNESCO vertreten sind.

Unterstützung für das „Festival Internacional de Poesía de Medellín”

Das „Festival Internacional de Poesía de Medellín”, das größte und bedeutendste Poesiefestival der Welt, ist in seinem Fortbestand gefährdet, da die Regierung Kolumbiens vor wenigen Wochen die Subventionen eingestellt hat. Tausende Autorinnen und Autoren aus aller Welt haben bereits Unterstützungserklärungen an das kolumbianische Kulturministerium gerichtet.

Das „Festival Internacional de Poesía de Medellín” hat seit seiner Gründung im Jahr 1991 einen wichtigen Einfluss auf den Friedensprozess in Kolumbien und versteht sich auch als Promotor für den globalen Frieden. 2006 wurde das Festival mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Wir Lyrikerinnen und Lyriker, Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Österreich unterstützen Fernando Rendón in seinen Bemühungen, den Fortbestand des Festivals zu sichern.

Österreichische Autor/inn/en und Übersetzer/innen für den Artikel 12 DSM COM/2016/0593

Die IG Autorinnen Autoren teilt nicht die Einwände anderer europäischer Schriftstellerorganisationen gegen den Artikel 12 des DSM COM/2016/0593. Vielmehr begrüßen wir die Regelung durch den Artikel 12, der die Möglichkeit einräumt, Verleger mit einem fairen Anteil an den Einnahmen der Verwertungsgesellschaften zu beteiligen.

Wir sind wie unsere Kolleg/inn/en in Deutschland der Meinung, dass Artikel 12 nur gültig sein sollte im Hinblick auf die unter Punkt (36) der erklärenden Einleitung des „Vorschlags für eine Richtlinie des europäischen Parlaments und des Rates über das Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt“ dargelegten Bedingungen. „Gemäß diesem Punkt (36) sollen EU Mitgliedstaaten nur dann Verlagen das Recht auf einen Anteil einräumen dürfen, soweit bereits ‚Systeme bestehen, um den durch eine Ausnahme oder Beschränkung entstandenen Schaden auszugleichen’“.

Unsere Erfahrungen mit unserer nationalen Verwertungsgesellschaft Literar-Mechana, der österreichischen Verwertungsgesellschaft für Autor/inn/en und literarische Übersetzer/innen, die von Autor/inn/en und Verlegern gemeinsam geleitet wird, zeigen die großen Vorteile einer gemeinsamen Verwertungsgesellschaft:

Autor/inn/en und Verleger gemeinsam bilden eine starke Interessenvertretung für Verhandlungen mit Internet-Plattformen und anderen mächtigen Akteuren wie Kopiergeräte- und Computer-Herstellern. Die daraus resultierenden Abgaben sind ein wichtiger Teil der Einnahmen von Verwertungsgesellschaften. Je geschlossener wir in Verhandlungen auftreten können, desto besser sind die Verhandlungsergebnisse, sowohl für Autor/inn/en, als auch Verlage.

Die Literar-Mechana ist unsere gemeinschaftliche Institution, in der wir als gleichberechtigte Partner im beiderseitigen Interesse handeln. Ihre demokratische Struktur gibt jeder Gruppe das gleiche Gewicht. Eine einzige Verwertungsgesellschaft in unserer Branche ist weit effizienter und kostengünstiger als zwei oder mehrere solcher Organisationen pro Land.

Verlage treten nicht an die Stelle von Urhebern, sie erhalten nur das Recht, das Werk des Autors/der Autorin zu verwenden. Sie beziehen aus der Tatsache, dass der Verlag das Werk herstellt und verbreitet, ihre Berechtigung für den Erhalt eines Anteils aus den Einnahmen der Verwertungsgesellschaften. Idealerweise wird die Höhe des Verlegeranteils innerhalb der Verwertungsgesellschaft durch deren demokratische Entscheidungsstrukturen selbst bestimmt, so wie das auf die Literar-Mechana zutrifft.

Es ist für uns selbstverständlich, dass Verlage, die ein Werk veröffentlichen und verbreiten, einen Anspruch auf einen fairen Anteil an den Einnahmen der Verwertungsgesellschaften haben. Aus diesem Grund heißen wir den Artikel 12 des DSM COM/2016/0593 („Die Mitgliedstaaten können festlegen …“) willkommen, der den Mitgliedstaaten ermöglicht:

– Verlegern einen fairen Anteil an den Einnahmen der Verwertungsgesellschaften einzuräumen
– von Autor/inn/en und Verlegern gemeinsam getragene Verwertungsgesellschaften zu erhalten
– spezifische nationale Strukturen der Verwertungsgesellschaften per Gesetz abzusichern.

in jenen Staaten, in denen dies bereits möglich war, und in dem Ausmaß, in dem dies möglich war – so interpretieren wir Nr (36) der erklärenden Einleitung zum Vorschlag für die Richtlinie.

Antragsformulare und Subventionsansuchen

Von Jahr zu Jahr werden die Antragsformulare für Subventionen komplizierter und unverständlicher. Das betrifft Gemeinden, Länder und den Bund. Die Anforderungen belasten besonders Künstler/innen und Literat/inn/en, die von der digitalen Bürokratie „erschlagen“ werden. Eine Kärntner Landesbeamtin hat angekündigt, dass die Anträge noch komplizierter werden würden und fast jeder Antragsteller einen Berater benötigen werde. Angesichts dieser Situation und Zukunftsaussichten fordert die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren: Es muss möglich sein, Anträge sowohl digital als auch in Papierform zu stellen. Antragsformulare müssen dem jeweiligen Förderungszweck angepasst werden und allgemein verständlich verfasst sein.

Hälfte-Steuersatz und niedrigste Mehrwertsteuer

Die IG Autorinnen Autoren fordert die steuerliche Gleichstellung mit Erfinder/inne/n und die Einbeziehung in die Mehrwertsteuersenkung für Hotelbetriebe. Für literarische Leistungen soll ebenfalls der unterste Mehrwertsteuersatz von 10 Prozent herangezogen werden und für Einnahmen aus Verkäufen urheberrechtlich geschützter literarischer Werke soll ebenfalls nur der Hälfte-Steuersatz in der Einkommensteuer zur Anwendung kommen: Die IG Autorinnen Autoren wird sich mit einem entsprechenden Schreiben an den Finanzminister wenden.

Ausschreibungen von Preisen und Stipendien

Die IG Autoren setzt sich für vermehrte Ausschreibungen

1. anonymisierter
und
2. altersunabhängiger

Preise und Stipendien von staatlicher, staatsnaher, gebietskörperschaftlicher und gebietskörpernaher Seite ein und wird dies auch bei Ausschreibungen von privater Seite anregen.

Unterstützung unserer Kärntner Kolleginnen und Kollegen

Wir unterstützen die Bemühungen unserer Kärntner Kolleginnen und Kollegen zur Herstellung von mehr Öffentlichkeit für Autorinnen, Autoren und Literatur. Die IG Autorinnen Autoren wird aktiv daran mitwirken. Sie beauftragt ihren Geschäftsführer zur Unterstützung der Aktivitäten der Kärntner Autorinnen und Autoren.

Notschlafstellen, wo immer sie gebraucht werden

Die IG Autorinnen Autoren unterstützt die Forderung des gemeinnützigen Vereins „Westbahnhoffnung Villach“, dringend Notschlafstellen für erwachsene Obdachlose in Villach einzurichten. Die winterliche Witterung verschärft die ohnehin prekäre Lage der Betroffenen. Der derzeitige Temperatursturz macht die Situation lebensbedrohlich und erfordert sofortiges Handeln.

Neuwahl

Die IG Autorinnen Autoren hat folgenden Vorstand mit folgenden Funktionen neu gewählt: Renate Welsh (Präsidentin), Peter Turrini (Vize-Präsident), Anna Mitgutsch (Vize-Präsidentin), Vorstandsmitglieder: Hellmut Butterweck, Manfred Chobot, Gregor Fink, Christl Greller, Margit Hahn, Nils Jensen, Hahnrei Wolf Käfer, Erika Kronabitter, Ludwig Laher, Werner Richter, Gerhard Ruiss (Geschäftsführung), Sylvia Treudl, Peter Paul Wiplinger, O.P. Zier, Kooptierungen: Gerhard Altmann (Burgenland), Robert Huez (Literaturhaus Wien), Gabriele Russwurm-Biro (Kärnten), Siljarosa Schletterer (Tirol), Konsulent/inn/en: Ulrike Längle (Felder-Archiv, Vorarlberg), Heinz Lunzer (wissenschaftliche Autor/inn/en), Christa Stippinger (Migrant/inn/en)

Literaturhaus Wien
25.2.2018

Foto © russwurm-photography 2018

Facebooktwittergoogle_plus

„Jedenfalls richtungsweisend“ – PFEILE im öffentlichen Raum

Auf die Plätze/ Na mesta war als eine thematisch gruppierte Dokumentation im Künstlerhaus Klagenfurt über Kunst im öffentlichen Raum konzipiert und bildete den Abschluss des gleichnamigen Schwerpunktjahres 2017. Sie zeigte in über 50 historischen wie aktuellen, temporären wie permanenten Projekten in Kärnten den Status Quo zeitgenössischer Kunstproduktion im öffentlichen Raum aus verschiedenen Blickrichtungen.
Kennst du die regeln? Wer hat hier das Sagen? Was hast du dagegen? Und: Bist du Teil davon? Waren einige der Fragen, die in der Ausstellung KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM von KünstlerInnen und KuratorInnen gestellt wurden.
Die TeilnehmerInnen des Literaturfrühstücks im Februar traten in den Dialog und beschäftigten sich mit den Fragen: Was ist privat? Was ist öffentlich? Wem gehört der öffentliche Raum und ist nicht auch dieser ein zivilisierter und daher artifizieller Raum im Gegensatz zur freien (nicht durch Menschenhand gestalteten oder veränderten) Natur?
„Der öffentliche Raum ist kein Freiraum, er sollte jedoch frei von Willkür sein“, meint Martin Fritz (Merz Akademie, Stuttgart) in seinem Statement.
Neben dem Sichtbarmachen von Selbstverständlichem der Kunst im öffentlichen Raum, dem Aufzeigen von Aneignungsprozessen sowie von Spuren der Zeit, stand die gegenwärtige Kontextualisierung der Arbeiten im Vordergrund.
Claudia Büttner (Freie Kuratorin aus München) stellte Fragen an die Künstler: Bist du Teil davon? „Wenn die Kunst einen Platz in der Öffentlichkeit beansprucht, dann indem ihre ProduzentInnen den gesellschaftlichen Verhandlungsspielraum anerkennen. Denn sie konkurrieren mit Stadtmöblierung, Werbung und kommerziellen Events um Straßen und Plätze. Mit Plakaten, Fotografie, Licht, Design und Installationen, mischen sie sich in die Alltagswelt“. Künstler werden also Teil der Öffentlichkeit, indem sie sich Publikum in der Öffentlichkeit suchen und in einen kreativen Prozess treten, um auf die Gestaltung und Veränderung von gesellschaftlichen Strukturen hinzustreben. Außerdem soll das Interesse an Teilhabe in der Öffentlichkeit neu geweckt werden.
Bist du verantwortlich? hinterfragte Elisabeth Fiedler (Kunst im öffentlichen Raum, Steiermark): „Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher oder sozialer Schichten sowie von Kulturen in permanenter Auseinandersetzung ist ein Spannungsfeld, dessen wir uns bewusst sein und mit dem wir umgehen müssen“.
Statements, Dokumentationen und Textbeiträge führten zu einem anregenden Dialog zwischen Autorinnen und Autoren und BildhauerInnen. Die verschiedenen Themenbereiche inspirierten zu Gedichten, Reflexionen und einer Sprechperformance.

Dialog beim Literaturfrühstück des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes Februar 2018

Mit dabei die Bildhauerinnen Meina Schellander und Marianne Oberwelz, die Kärntner SchriftstellerInnen Christine Tidl, Maria Alraune Hoppe, Karin Prucha, Edgar Hättich, Christa Raich, Rosemarie Lederer und Projektleiter Alfred Woschitz.

Karin Prucha, Klagenfurt
Die Tage vergehen, sie zieht schwarz die Spur nach auf weißem Grund. Der schwarze Vogel im weißen Schnee. Leuchtet sichtbar in der weißen Weite. Schneller Atem, die Eistropfen im Gesicht. Der Hauch friert vor dem Mund und die Eiskristalle weben einen Schal. Die Farbe wird nicht frieren, mit all dem Frostschutz. Der Vogel steht synonym da, für all den Frost, die Eiseskälte in der Gesellschaft des kleinen Dorfes, das die ausgrenzt, die sich nicht an die Regeln halten. Der Dorfnarr, der Behinderte, die Frau mit den roten Haaren, der Junge mit dem Wunsch, Tänzer zu werden, das Mädchen, das mit Buben spielt, die Frau, die ihre Augen zu stark schminkt, blau, wie ihre Augen, zusammengeschlagen, der Journalist, der Wallraff spielt im alten Kohlewerk.
Die hamm doch alle an Vogel, die Deppaten da. Was wollns denn ? Weg mit ihnen ! Ausse ! Abholen !
Schneller wird sie, bevor das Schwarz ausgeht. Der Frostschutz, zugefügt im Warmen, im Hellen, im Weißen des Raumes. Jetzt wird das Schwarze zu Eis, im Schnee der vergangenen Tage. Eingefroren in der Helligkeit der Atemraubung, ihr Dickicht an Gefühlen mitgeschwärzt. […] Zurück ein kurzer Blick, kein Mensch zu sehen, sie fährt fort im Schwärzen, mit dem Eimer schüttet sie die Gefühle aus. Ins Weiß, holt tief Luft. Drüben über dem Berg wird der Himmel licht, die Nacht fließt ihre Dunkelheit in den beginnenden Morgen. Konzentriert und schnell arbeitet sie fertig, das Gefieder ist luftig, der Vogel möchte abheben.
Was ist schwarz, was ist weiß ? Was ist gut, was ist schlecht ? Und dann die einfachen Antworten auf die komplizierten Fragen, die sie in die Schwärze treiben, aber jetzt nicht mehr, nicht mehr.
Die schwarzen Farbreste glänzen auf ihrer Jacke, sie holt ihren Atem ein, der vor ihr friert, zurück zum Ufer, dem sie ihren Vogel hinterläßt, zehn Meter groß und breit. Atemholen. Ich habe es getan. Der Schal der Atemkristalle ist kalt, doch die Freiheit ist mit Leidenschaft geboren, noch vor dem Tag ! Der Weg ist hell genug, im weißen Licht des Mondes reflektiert die ausgeschobene Spur dunkel. Sie steigt über den Einstieg aus dem gefrorenen See mit ihren schwarzgefärbten Flügeln. (©Karin Prucha)

Christine Tidl (Seeboden, Kärnten)
Auf die Plätze, na mesta
Zu Füßen des Dichters, seiner Liebe zu Lulija und den Geschichten der Stadt, Musikanten und Gaukler auf dem Platz vor dem Denkmal. Junge Menschen im Sonnenschein zu beiden Seiten des Flusses. Wer ist von hier? Kdo je od tod? Hier wie dort Brücken über Gräben zum anderen Ufer. Drachen in Grünspann zeigen den Weg in die Altstadt, auf die Plätze, na mesta. Kunstvoll der Garten im Ziehbrunnenhof. Rosengirlanden auf Leinwand gemalt warten auf Leben durch Nadel und Garn. Liegen noch Schatten auf alten Fassaden, erhellt sich der Himmel über der Burg. Fremde dort im Café, beobachtet Mirko, erinnert sich manch früher Sätze. Ich bin Mirko. Wer bist du? Jaz sem Mirko. Kdo ti si? Das deutsche Zeitung!
Wohin jetzt? Kam pa zdaj? Bunt ist das Treiben drüben am Markt.
Die Frau beim Gemüsestand greift in den Bottich. Sauer die Rüben. Eine Handvoll. Kein Wort. Sie zeigt auf den Preis. „Koroška?“ In den weichen Lauten, im Singsang der Sprache die Melodie meiner Heimat. Ich nicke: „Celovec!“ Wir lächeln uns zu. Alte Bekannte.
(©Christine Tidl, Feber 2018)

KUNST MUSS, meint der bildende Künstler Wendelin Pressl aus Wien, der die Plakatständer mit den Pfeilen in der Ausstellung und im Goethepark installiert hat und so die öffentliche Parkanlage zwischen Künstlerhaus und dem Haus der Architektur Klagenfurt zu einem KUNST-Raum umgewandelt hat.
„Was für Kunst gilt, kommt mir vor, gilt für Kunst im öffentlichen Raum noch viel mehr. Weil die Schwelle niedriger ist, ja beinahe fehlt, weil sie näher an die BetrachterInnen kommt…eine Kunst für alle“. (Wendelin Pressl)

Edgar Hättich (Klagenfurt)

PFEILE
Jedenfalls richtungsweisend
gut ausgerichtet
dem Pfeil folgen
aufrecht immer
eben richtig
aufrichtig
zeigt in richtige richtung
zum richtfest der richtigen
sich an ihnen aufrichten
schiedsrichter
richtung verloren
richtungslos
in die zielgerade

© Edgar Hättich

Auch Maria Alraune Hoppe (Klagenfurt) reagierte spontan in ihrer Sprachperformance auf die Plakatständer mit den großen schwarzen Pfeilen, die maßgeblich den Charakter und die Wahrnehmung der Ausstellung im und um das Künstlerhaus beeinflussten.


Rosemarie Lederer (Klagenfurt)
Drop sculteres

Aufgestellt im Raum
Öffentlich
Fragestellung
Nutzungsfrage
Kunst
Sich selbst genügend
Und verrückbar
Austauschbar
Und doch
Knotenpunkt
Und Angelhaken
An den der Blick
Sich hängt
Und dich drängt
Zum Innehalten
Aufgestellt
Im öffentlichen Raum
Und kaum
Zu übersehen
Irritierend
Und verwirrend
Drängt sich auf
Und
Mischt sich ein

Bin ich von hier?

Bin ich von hier
Oder doch nur zugezogen
Hierher verfrachtet
Ungeachtet
Meiner Kindheitsräume
Bin ich eigen
Oder fremd
Im fremden Raum
Hab´ ich mein Fremdes
Hier verortet
Hier im Raum
Den andere „eigen“ nennen
Und beharren
Auf ihr Eigentum
Hab´ ich vermischt
Sprache und Kultur
Geöffnet
Einen neuen Raum
Im Miteinander

Was hast du dagegen?

Du
Der festsitzt auf dem Stuhl der Sattheit
Den nicht hungert
Nach dem Ungesagten
Kaum Gefragten
Was hast du dagegen
Sag
Rede
Streite
Schrei
Auf die Plätze
Achtung
Fertig
Los
Nichts ist festgeschrieben
Hier im öffentlichen Raum
Den wir teilen
Und verweilen
Um die Spur der Zeit zu lesen
Und den Wandel der Gesinnung
Und das Totgeschwieg’ ne
Sichtbar machen
Was hast du dagegen
Komm
Und sieh

©Rosemarie Lederer

Alfred Woschitz (Wien und Kärnten) stellte sein Projekt vor: THE CHLEBNIKOV PROJECT (welches er über den russischen Futuristen Velimir Chlebnikov zusammen mit Josef KA, Chris Haderer als Work in Progress gestaltet):

Der Mann auf dem Zugdach
„Heute gehe ich wieder

Dorthin – aufs Leben, auf die Auktion, auf den Markt,

und das Heer der Lieder führe ich.“
(Velimir Chlebnikov, Aurelia)

Es war einmal ein Mann, der saß auf einem Zug. Mit rußigem Dampf in den Augen ließ er Moskau hinter sich; es war Frühling, er wollte in den Süden. Jahre später kehrte Viktor Vladímirovič Chlebnikov zurück, krank, gezeichnet und bald schon tot. Das war im Jahr 1922. „Velimir Chlebnikov war zwei Jahre unterwegs, er machte mit unserer Armee alle Rückzüge und Vormärsche in Persien mit, bekam einen Typhus nach dem anderen. Diesen Winter kam er zurück, im Waggon für Epileptiker, überanstrengt und abgerissen, in einem Krankenkittel“ schrieb Vladimir Majakovskij nach seinem Tod. „Auf seinen Reisen machte er sich aus Manuskripten ein Kissen, auf diesem Kopfkissen schlief der Reisende Chlevbnikov, und dann verlor er das Kissen.“ Von seiner letzten Reise, so Majakovskij, brachte er keine einzige Zeile mit.
Am Ende von Chlebnikovs Texten stand eine neue Poesie; eine Evolution der Sprache, der (misslungene) Versuch das Leben an einer Sternenmathematik festzumachen. Aber da war auch noch der Visionär Chlebnikov, der mit der „Zukunft des Radios“ schon das globale Dorf vorwegnahm und der in Kriegen lieber „Traumwaffen“ zum Einsatz gebracht hätte als scharfe Munition. „Chlebnikovs Ruhm als Dichter ist unermesslich viel geringer als seine Bedeutung“, schrieb Vladimir Majakovskij. „Von den hundert, die ihn gelesen haben, nannten ihn fünfzig einfach einen Graphomanen, vierzig haben ihn als Unterhaltung gelesen und sich gewundert, weshalb sie von all dem keine Unterhaltung hatten, und nur zehn (die Futuristen-Dichter, die Philosophen des „Opojaz“) kannten und liebten diesen Kolumbus neuer poetischer Kontinente, die jetzt von uns besiedelt und urbar gemacht werden.“
Das work-in-progress-Projekt unter der Leitung von Alfred Woschitz mit Beteiligung der russischen Performance-Künstlerin Josef Ka und des Filmemachers und Autors Chris Haderer folgt diesem „Kolumbus neuer poetischer Kontinente“, vermisst sie neu und stellte den Bezug zu einer Gegenwart her, die uns selbst noch zu wenig bekannt ist.(Alfred Woschitz)

www.lunaSteam.com/rosta.html

WIR UND DIE HÄUSER (Vladímirovič Chlebnikov)
„Häuser werden nach der bekannten Regel für Kanonen errichtet: Man nehme ein Loch und gieße einen Mantel aus Gusseisen herum. Und ebenso wird ein Plan genommen und mit Stein ausgefüllt, d.h. sie multiplizieren das Grundverhältnis zwischen Stein und leerem Raum mit einer negativen Größe, weshalb zu den hässlichsten Gebäuden oft die schönsten Pläne gehören. Das muss ein Ende haben.
Nur wenigen ist bisher aufgefallen, dass die Überlassung der Straßen an die Habgier- und Dummheitsbünde der Hausbesitzer und das Recht, sie Häuser bauen zu lassen, bedeuten, sein Leben schuldlos in Einzelhaft zu verbringen.“

Fotos © russwurm-photography

Facebooktwittergoogle_plus

Bleiburg ist bereits traditionell im Spätherbst der Mittelpunkt des Literaturgeschehens

Literaturwettbewerb Bleiburg 2017 / literarni natečaj Pliberk 2017

Zum 8. Mal wurde in Bleiburg der zweisprachige Literaturwettbewerb Kärnten wortwörtlich/Koroška v besedi ausgelobt. Seit 2010 bewährt sich diese ambitionierte Kulturinitiative der Stadtgemeinde Bleiburg/Pliberk zur Förderung der Literatur in beiden Kärntner Landessprachen Deutsch und Slowenisch und über die Grenzen hinweg (Slowenien und Deutschland). Eva M. Verhnjak-Pikalo, Initiatorin und Leiterin des Organisationsteams, freut sich über immer mehr Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Auch Autoren und Autorinnen, die nicht aus der Region oder nicht aus Kärnten stammen, reichen vermehrt ein.
Themeneinschränkungen gibt es keine, daher eine Vielzahl von differenzierten Ansätzen und Schilderungen lyrischer Art und als Prosatexte.
Im Rahmen des Tages der Offenen Tür im Werner Berg Museum Bleiburg/Pliberk fand am 29. Oktober 2017 um 11 Uhr die feierlich gestaltete Preisverleihung an die Gewinner des Literaturwettbewerbes  statt.
Eine Fachjury hat in einer langen Sitzung anhand der 54 eingereichten Texte eine Bewertung vorgenommen (Vorsitz Lyrik Deutsch Ilse Gerhardt, Obfrau IG Autorinnen Autoren Kärnten, Vorsitz Prosa Deutsch Gabriele Russwurm-Biro, Präsidentin des Kärntner SchriftstellerInnen-Verband und Vorsitz slowenische Lyrik und Prosa Matija Rihter):

Gewinner/zmagovalci:
 
1. Platz/mesto – Lyrik Deutsch / lirika v nemškem jeziku – 
Wolfgang Oertl
 
1. Platz/mesto – Prosa Deutsch / proza v nemškem jeziku – 
Stefan Feinig
 

1. Platz/mesto – Lyrik Slowenisch / lirika v slovenskem jeziku – 
Ramiz Velagić
 
1. Platz/mesto – Prosa Slowenisch / proza v slovenskem jeziku – 
Martina Podričnik
 
 
Jurybegründung und Laudatio für Platz 1 Stefan Feinig/ Prosa Deutsch von Jurorin Gabriele Russwurm-Biro:
„Die gefährlichste Störung, an der man heutzutage so leiden kann“, ist es, arbeitslos zu sein.Frustration in einem krankhaften Gesellschaftssystem. Versager sein. Auswegloses Warten im Arbeitsamt. Warten bis man aufgerufen wird – man ist nur eine Nummer im System. Die Nummer 400. Das ist das Thema dieser ausdrucksstarken Milieustudie von Stefan Feinig.
„Das Leben ist Scheiße“, und das merkt man in der Warteschlange. Enttäusche Hoffnungen, das Ringen um einen Job und Geld, um einen Platz in der Gesellschaft.
Man ist nicht allein, trotzdem sind alle Einzelkämpfer, der Ausschuss der Menschheit im Wartesaal des AMS. Stefan Feinig stellt seine bedrückende Schilderung in eine strenge literarische Form und lässt die Zahl 400 zum rhythmisierenden und durch immerwährende Wiederholungen zum bedrohlichen Korsett werden – auch oder gerade im Textbild. Extrem kurze Sätze akzentuieren die losen Handlungsfolgen, Dialogfetzen zwischen Menschen, die alle in der selben verzweifelten Situation im Wartesaal sitzen.
Die Sprache Stefan Feinigs ist bewusst realistisch und milieubezogen gewählt, wird teilweise bedrohlich eingesetzt und bildet aggressiv die verzweifelte Emotionalität und jene bedrückende Realität ab, die sich an Wochentagen von 8 – 13:00 Uhr in jeder AMS Filiale in Österreich zuträgt.
Diese Sprache ist demnach an der Situation gemessen adäquat.
Gefühle wie Hass, Aggression, Neid, Mitleid kommen im Text vor, alle im Kontext der Verzweiflung. Wer von uns das schon erlebt hat, kann mitfühlen, kann bestätigen und bedrückt nicken. Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack.
Als Pflichtlektüre empfohlen für Sozialpolitiker und all jene etablierten Mitmenschen, die meinen, Arbeitslose wären bloß Schmarotzer und arbeitsscheu; und müssten daher aus der Wohlstandsgesellschaft wegrationalisiert werden“.

Nominierte/nominirani:
 
Lyrik Deutsch / lirika v nemškem jeziku:
Sigune Schnabel
Anneliese Merkač-Hauser
Anita Wiegele
 
Prosa Deutsch / proza v nemškem jeziku:
Sieglind Demus
Maria Matheusch
 
Lyrik Slowenisch / lirika v slovenskem jeziku:
Lidija Golc
Štefan Šumah
 
Prosa Slowenisch / proza v slovenskem jeziku:
Anja Mugerli
Milojka B. Komprej

Im Rahmen der Preisverleihung im Werner Berg Museum Bleiburg/Pliberk lasen die GewinnerInnen ihre Texte, begeisterten das zahlreich erschienene Publikum und konnten die Preise entgegennehmen.
V okviru prireditve so nagrajenci/nagrajenke prebrali na prvo mesto uvrščena besedila iz področja lirike ter proze v nemškem ter slovenskem jeziku.
 
Für die musikalische Umrahmung sorgte Arthur Ottowitz auf seiner Mundharmonika.
Z glasbo je Arthur Ottowitz zaokrožil prireditev literarnega natečaja.
 
Moderator Raimund Grilc konnte als Ehrengäste u.a. StR Markus Trampusch sowie Michael Jernej seitens der Raiffeisenbank Bleiburg begrüßen.
Kot častne goste je moderator Raimund Grilc pozdravil mestnega svetnika Markusa Trampuscha ter Michaela Jerneja s strani Raiffeisenbank Bleiburg.
 
Die Beiträge der Sieger und Siegerinnen kann man auf der Website der Stadtgemeinde Bleiburg nachlesen:
http://www.bleiburg.gv.at/kulturundtourismus/literaturwettbewerb.html

Foto der Sieger und Siegerinnen © Katja Podgornik/Stadtgemeinde Beliburg

Facebooktwittergoogle_plus

Spiegelungen, Reflexionen, Schatten – open windows im Künstlerhaus

Zum 3. Literaturfrühstück trafen einander AutorInnen und bildende KünstlerInnen in der Ausstellung „open windows“ im Künstlerhaus Klagenfurt. Bezugnehmend auf die ausgestellten Werke von Gertrud Weiss-Richter, Melitta Moschik und Hanno Kautz reflektierten die vom Kärntner SchriftstellerInnenverband eingeladenen LiteratInnen das Thema Licht, Schatten, Aus- und Durchblick. Das Fenster steht als große Metapher in den verschieden Künsten – als Symbol für Zukünftiges, Transparentes. Das Künstlerhaus Klagenfurt präsentiert sich als transparent. Gezeigt werden Werke, die sich an den Themen Licht und Schatten, Fenster und visuellen Botschaften orientieren.

Eva Possnig, Annelies Merkac-Hauser, Marlies Karner-Taxer, Karin Prucha, Maria Alraune Hoppe, Edgar Hättich, Johannes Tosin und Gabriele Russwurm-Biro präsentierten ihre, eigens für diesen Kulturdialog verfassten Prosatexte, Gedichte und Wortmeldungen vor. Die visuelle Botschaft ist auch eine literarische. Die abstrakt-lyrische Malerei hält sich – wie die Dichtkunst – an einen strengen Rhythmus.

Werke von Gertrud WEiss-Richter „open windows“ im Künstlerhaus Klagenfurt 2017

Die Malerin und Fotografin Gertrud Weiss-Richter, „bei der erscheint, dass immer auch so etwas wie ein Hauch von Emotion, ein Gefühl, ein Sentiment, ins Werk kommt“ (Zit. Christine Wetzlinger-Grundnig, Arbeiten 2012 -2017, Katalog 2017) nahm Stellung zum Thema und sprach zu ihren Werken und Intentionen. Sie betonte, dass in es in all ihren Arbeiten immer um Existentielles gehe.
Der gebürtige Kärnten Künstler und Fotograf Armin Bardel stelle sein langjähriges Kunstprojekt „open windows“ vor, das er in den Fensterflächen in Wien öffentlich macht und mit Wortspielen Aufmerksamkeit erregt.

In der Ausstellung wird das Thema FENSTER als Kommunikationsoberfläche und Synonym für die Weltbeobachtung aus verschiedenen Perspektiven und in unterschiedlichen Medien reflektiert – in den Medien Malerei, Objekt und Installation. Das Künstlerhaus Klagenfurt präsentiert sich daher im Ganzen und spartenübergreifend als transparent.

Beiträge:
Johannes Tosin

Light-Lab von Hanno Kautz

Im Light-Lab von Hanno Kautz tut sich etwas.
Die Farben verändern sich, ein Teelicht flackert,
eine überdimensionale CD schwebt mittels Nylonfäden über einem Lichtgeber.
Man fühlt sich wohl, wenn man die Farben betrachtet.
Was der Künstler damit ausdrücken will?
Keine Ahnung. Will er etwas ausdrücken?
Man kann alles über diese Installation sagen, wenn man möchte.
Im Gasometer in Wien gibt es eine Bar,
die an einen Konzertsaal anschließt,
wo auch Lichter changieren.
Genau dasselbe Konzept wie im Light-Lab, auch gleich ausgeführt.
In der Bar ist es Teil des Lokalambientes.

Hanno Kautz – Installation open windows Künstlerhaus Kärnten 2017

Fenstertechnik

Ein offenes Fenster ist ein bekanntes Symbol.
Durch ein geschlossenes Fenster kann man sehen,
da es aus Glas ist.
Durch ein offenes Fenster kann man auch Dinge reichen.
Als Mensch ist man von alters her wohl das Licht
der Sonne gewöhnt,
also Weiß, Gelb, Orange und Rot.
Und man kennt die Schwärze,
die das Fehlen von Licht ist.
Als Besonderheit haben die damaligen Menschen
wahrscheinlich den Regenbogen betrachtet,
in dem sich das Licht auffächert.
Es entspricht der menschlichen Natur,
alles zu erklären.
Wirklich alles kann man entschlüsseln,
es ist gar nicht so schwer.

Farbenlehre

Siehst du, was ich sehe,
Tetrachromat,
grünäugige Frau, Goldfisch, Spinne?
Ist nicht dein Gelb zweischichtig
oder Violett deine vierte Farbe,
wie die Wissenschaft vermutet,
dank Forschen, Messen, Vergleichen?

Lichtweiß wird auf meiner Netzhaut
zu Blau, Gelb und Rot
und allen Nuancen dazwischen
innerhalb eines Spektrums von einigen wenigen Nanometern.
Explosionen sind dies von Farben, Kaskaden,
schwebende, spannend die dynamisch wechselnden, beruhigend die statischen.
Blau ist das Meer.
Gelb ist der Löwenzahn.
Rot ist der Fehler.

Doch durch dich, Vier-Farben-Wesen,
weiß ich, es gibt noch mehr.
Drum bitte ich dich:
Erkläre mir deine Sicht, mach sie mich begreifen,
leihe mir deine Augen, nur für ein Dutzend Bilder,
dann geb ich sie dir gern wieder zurück.

© Johannes Tosin

Anneliese Merkac-Hauser

Außen

Ein Schatten
Sucht
Unter dem Licht
Straßenhell
Vergebens

Die schmutzige Scheibe
Verwischt
Den Weg
Hin zur Rinne
Regennass voll

Innen

Leise
Zittert der Stoff
Dicht gewebt
Verschließt mir
Den Blick
Bebende Fäden
Künden von Flucht
Blaue Striemen
Leuchten
Im grellen Licht

© Annelies Merkac-Hauser

Melitta Moschik, open windows
Gertrud Weiss-Richter , open windows, Künstlerhaus Klagenfurt 2017

Karin Prucha
zu Gertrud Weiss-Richter

die geometrie des offenen blicks

den linien entlang hinaus in die freiheit
der geschlossenen fenster
die stiege hinauf oder hinunter
warten die möglickeiten der öffnung
wenn mein blick es will
hinter vorhängen
werfen die schatten von sonne und mond
lange lichtkegel in die richtung
die mein blick ersehnt

wenn ich will bin ich frei

zu Hanno Kautz

deine spiegel sind nicht meine

deine spiegel sind nicht meine
dein spiegelbild ändert nichts daran

im außen leuchtet das innen
voll mystischer farben
tiefbewegt

du schaust in das gesicht
im spiegel
seitenverkehrt
hat dein mund eine fremde linienführung

im innen färbt das außen ab
mit tönen so anders
als dein mund sie sonst spricht
in augen voll seide und warmem regenschauer

aus: © karin prucha „ in tiefen landen“ lyrik & fotografien
der wolf verlag 2017

Angelika Peaston
Zum Oeuvre von Gertrud Weiss-Richter – Open Windows

Ad No. 19 oder
Anklänge an Plato

Die Öffnung
Das Fenster. Nicht als Ebenbild.

Und hinter dem Vorhang?
Das Licht? Der Schatten?

Fenster trennen
Das Drinnen vom Draußen.

Fenster öffnen
Das Draußen zum Drinnen her.

Sie tun dies zu gleichen Teilen aus beiden Richtungen:
Lassen das Innen hinaus/ Holen das Außen herein.

Mensch oder Schattenbild?
Scherenschnitt der Welt?

Was ist wirklich?
Was künstlich?

Wie wirklich ist Wirklichkeit?

Urbild. Abbild. Nachbild.

Gertrud Weiss-Richter, open windows, Künstlerhaus Klagenfurt 2017

Zum Oeuvre von Gertrud Weiss-Richter – Open Windows

Das Fenster – Reflexion und Reflexionen

Das Fenster:
Einladung
Auseinandersetzung
Transparenz
Durchsichtigkeit
Sich dem Außen öffnen
Die äußere Welt hereinbitten

Offensein
Openness

Innen
Das Innerste nach außen kehren

Der Vorhang.
Ausladung. Trennung.
Verschleierung.
Sich dem Draußen verschließen. Shelter. Protection.
Die äußere Welt wegsperren, aussperren. Nicht teilhaben lassen.
Verweigerung.
Der Nässe, dem Wind und der Kälte trotzen.
Drinnen.

Open windows:
Geöffnete Wahrnehmung
Die Sonne durchdringt mit Hell und Wärme den Raum

Das künstliche Licht verspiegelt.
Versiegelt den Blick nach draußen, setzt eine Grenze.
Wirft den Raum zurück.
Auf uns.

Drawn curtains.
Closed perception.
Eng wird die Außenwelt.

Open windows!
Geöffnete Wahrnehmung?
Drawn curtains…
Closed perception?

Offen wohin?

Was ist: Innen?
Was ist: Außen?

Zum Oeuvre von Gertrud Weiss-Richter – Open Windows

INSIDE & OUTSIDE

MAY I OPEN THE WINDOW?
OPEN THE WINDOWS NOW!

OPEN UP!
INSIDE OUT

CLOSE PERCEPTION –
CLOSED PERCEPTION.

BEING OPEN
OPEN BEING

I SHALL CLOSE THE WINDOW NOW
OPENING MYSELF UP TO

WHAT
IS INSIDE

Augenstern

Schneestern
zart und weiß
und myriadenmal geästelt
verzweigt in allerkleinsten feinsten Nadeln
und myriadenmal gebrochen
zart und weiß
Dein Augenstern

Reframing III

Schatten,
Du wärst nicht ohne Sonne
Sonne,
Du bist,
und daher ist auch Schatten

©Angelika Peaston

Zum Thema open windows trug Maria Alraune Hoppe spontan eine „Sprechung“ vor, die direkt auf den geführten Dialog und die ausgestellten Kunstwerke reflektiert.
Maria Alraune Hoppe:

© Maria Alraune Hoppe


Edgar Hättich

Zeichnung

Mit feinem Stift
eine Linienstiftung
dem Sonnenlicht angeleint
fliegt sie dahin mit den Mücken
nichts Schöneres im Weltraum
als ziehende Linien
feines Liniertes
entlang dem Weltlineal
im Unendlichen die Geraden
Liniensehnsucht
Berührung im Lichtjahr
singe die Linie
spiele das Linienlied

© Edgar Hättich 2017

Gedicht von Gabriele Russwurm-Biro zu Gertrud Weiss –Richters Gemälde und Fotos in der Ausstellung open windows

das meer in zwei stunden

dunkel flimmert
der schein
verflogener tage
durchs fenster
ein ahnen
so sicher
wie das meer
in zwei stunden
die zarte seite
des kindseins
strandet
unweigerlich
und vertrocknet
haltlos
wie die mickrige
flügelschlaglänge
des welttheaters
im jetzt
wimpern zucken
verheissungsvoll
in hellen
nächten
mit einem
fremden lächeln
als hörte ich
ständig
die brandung
silberner mond
deck uns zu

© Gabriele Russwurm-Biro 2017

Armin Bardel
Open WindOw

seit etwa 1996 präsentiere ich in Wien ein projekt mit dem titel Open WindOw in den südseitigen fenstern meiner atelier-wohnung am Naschmarkt über dem renommierten Café Drechsler. sehr schön sichtbar auch von der Rechten Wienzeile. die arbeiten bzw. inhalte – in erster linie texte, aber auch photographien und graphiken – wechseln im schnitt wöchentlich.
visual poetry. worte gebildet aus einer beschränkten zahl von max. 6 buchstaben pro fenster (=1/scheibe) in 4 fenstern, also insgesamt maximal 24 buchstaben (oder bilder). statements zu privaten wie politischen themen. todernst kritisch bis scherzhaft belanglos. wortspiele entstehen durch laufende veränderung/auswechseln einzelner buchstaben zu immer neuen bedeutungen.
das projekt wurde bislang weitestgehend anonym durchgeführt, d.h. ich habe es (fast) nie offiziell angekündigt und kaum jemand weiß, wer oder was dahinter steckt. so bin auch ich selbst immer nur durch zufall auf menschen gestoßen, die es kennen. doch das scheinen sehr viele zu sein: es gibt solche, die die texte notieren, photographieren, darüber reflektieren und sich treffen um darüber zu diskutieren. Open WindOw ist thema von presseberichten, publikationen und wissenschaftlichen arbeiten, oder auch anderer kunstprojekte. eine fast vollständige dokumentation des projekts findet sich in form eines internet-blogs unter der adresse:

www.openwindowvienna.tumblr.com

sowie auf meiner website

www.arminbardel.at

wortspiele (beispiele)

nation:
stag-nation
indig-nation
deto-nation
dam-nation,
halluzi-nation
#
weil er was kann!
was kann er denn?
kann er denn was?
er kann mich mal!

gier – regung
regierung
erregung – regie!
diri-gieren, re-gieren
re-agieren, a-gieren
irren – spazieren!
#
no choice, no joy!
#
demo–crazy

no flower, no seed
no power, no greed
#
no match, no fire
no bush, no fire
#
aktuell:
kopf-los
wahl-los
wahl-krampf

Lenkfehler – ein kärntenbezug
anläßlich der landtagswahlen im Herbst 2008 in Kärnten hatte ich entsprechende kommentare im fenster. zuletzt stand dort – in anspielung auf möglicherweise mangelnde reflexion der wähler – das wort DENK-FEHLER. in der nacht auf Samstag, den 11. Oktober, gegen ca. viertel nach eins wollte ich spontan den text auf LENK-FEHLER umändern (evtl. mangelnde reflexion der regierenden). ich war jedoch zu müde und verschob mein vorhaben auf den kommenden morgen. in der früh ruft mich eine freundin an und erzählt mir was in der nacht passiert ist: Jörg Haider war aufgrund eines lenk-fehlers exact zu dem zeitpunkt verunfallt, als ich die textänderung vornehmen wollte.

intentionen
kommentieren – anmerkungen, stellungnahmen zu aktuellen themen & ereignissen von allgemeiner oder auch ganz persönlicher natur & bedeutung
informieren – erinnern, auf dinge aufmerksam machen, die zwar möglicherweise durchaus bekannt sind, doch gerne beiseite geschoben werden
analysieren – buchstabieren, der bedeutung mancher worte auf den grund gehen: eine andere/erweiterte form von visual poetry, wo worte form annehmen und der inhalt ständig neuen sinn bekommt – manchmal auch un-sinn
irritieren – verwirren, bekannten clichées und begriffen in veränderter form & zusammenhang neue bedeutung geben, querverbindungen herstellen
amüsieren – unterhalten, nicht todernst & moralisch, sondern durchaus mit humor der übertriebenen wichtigkeit mancher dinge ihr gewicht nehmen, wie (scheinbar) unwichtigen dingen größere bedeutung verleihen
provozieren – anregen, menschen aus einer gewissen denkträgheit, bequemlichkeit & ignoranten ichbezogenheit aufwecken
inspirieren – anregen mittels irritation etc. durch nicht sofort entschlüsselbare begriffe &/oder botschaften einen denkanstoß geben oder gesprächsstoff liefern

bedeutung & wirkung
bislang wurde das projekt unter weitgehender anonymität durchgeführt. es gab mit ganz wenigen ausnahmen keine information oder werbung darüber, der autor blieb konsequenter weise ungenannt und es gab auch keinerlei finanzielle zuwendungen. nach nunmehr über 20jährigem bestehen von Open WindOw ist es aber vielleicht doch an der zeit, an die öffentlichkeit zu treten.
meine aufgrund dieser umstände nur punktuelle kenntnisnahme der wahrnehmung läßt auf einen extrem hohen bekanntheitsgrad von Open WindOw schließen. der weit überwiegende teil der personen, mit denen ich per zufall darauf zu sprechen komme, kennt das projekt nicht nur flüchtig, sondern verfolgt es bereits seit jahren mit großer aufmerksamkeit und äußert sich äußerst positiv darüber. manche berichten gar von regelrechten diskussionsrunden, die regelmäßig über die aktuellen texte philosophieren.

Biografische Daten und Werkangaben finden Sie auf der Homepage des Kärntner SchriftstellerInnen Verband/ Mitglieder
http://www.kaerntner-schriftsteller.at/verband/mitglieder/http://www.kaerntner-schriftsteller.at/verband/mitglieder/

alle Fotos © russwurm-photography

Facebooktwittergoogle_plus

Literatur unter freiem Himmel auf der Kreuzberglwiese – Spätsommerkostproben

„Alfresco“ hieß es im heurigen Spätsommer (in den warmen Augusttagen) zum zweiten Mal für LiteratInnen aus Kärnten. Der Kärntner SchriftstellerInnen-Verband lud zu den „Spätsommer–Literatur-Kostproben“ nach Klagenfurt auf die beliebte Spiel- und Festwiese im Naherholungsgebiet Kreuzbergl. Das ungezwungene freie Zusammentreffen Gleichgesinnter vor ansprechender Naturkulisse ohne räumliche Grenzen mit mitgebrachten Köstlichkeiten ist ein bewährtes Rezept. Spätsommerliche Nachmittage eignen sich daher besonders dazu, so wurde auch diesmal – im offiziellen Jahr der Kunst im öffentlichen Raum– die Einladung zu diesem informellen Literaturtreffen gerne angenommen.
Das einmalige Naturambiente und das perfekte stabile Spätsommerwetter lockten 20 Literatinnen und Literaten aus dem Freundes- und Sympathisantenkreis des Verbandes zu einem Treffen mit vollgepackten Picknickkörben und mitgebrachten neu entstandenen Texten. Jeder/e Teilnehmer/in konnte berichten, woran er/sie gerade arbeite und eine kleine Kostprobe aus den eigenen Werken vortragen.
Mit Klappstühlen, Decken und reichlich vorzüglicher Jause ausgestattet fand sich die Gemeinschaft auf der Spielwiese zusammen. Nicht nur Klagenfurter, auch aus Villach und Seeboden waren Teilnehmerinnen gekommen.
Lyrik und Kurzprosa wurden als Kostproben dargebracht und gaben Einblick in das vielfältige Schaffen der Kärntner Kolleginnen und Kollegen.
Unter ihnen waren Johannes Tosin, Peter Kersche, Marlies Karner-Taxer, Anneliese Merkac-Hauser, Edgar Hättich mit seiner Frau Maria Alraune Hoppe, Sieglind Demus, Christine Tidl, Betty Quast, Monika Grill, Edeltraud Pirker, Karin Prucha, Angelika Peaston, Gernot Stadler, Gabriele Russwurm-Biro und Gäste.
Aus den dargebrachten Kostproben sind einige hier nachzulesen:

Peter Kersche (Klagenfurt) las ein Gedicht, das er aus dem slowenischen übersetzt hat:
Von Edvard Kocbek

Grün

Als ich stehenblieb und mich widersetzte,
und den anderen keinesfalls mehr nachrennen wollte,
und nach einiger Zeit die Augen öffnete,
und in fremd anmutende Stille blickte,
da war plötzlich alles grün,
Erde, Himmel, Luft und Ferne.
Und als ich genauer hinblickte,
war alles andere auch grün,
Straße, Bäume, Wolken und Vögel,
grün die Sonne und alle Maßstäbe.
Und als ich meine Blicke auf die Handfläche und Finger richtete,
waren diese grün. Und als ich mich in sie verbiss,
spritzte das Blut grün.
Ich schrie auf, alle Schreie grün.
Vor Wut lief ich los, die Fluchtschritte grün.
Alle Geräusche grün und die Stille grün.
Auch die Gräser grün, die Erinnerungen grün.
Helle und Dunkelheit grün.
Und mein Schluchzen grün
und die Grenzen ununterbrochen grün.
Und als ich grün zu sprechen anfing
und das Grünzeug zu verwünschen begann,
die Kräuter, Grünflächen, den immergrünen Buchsbaum,
das Grün, die Pflanzen und das Immergrün,
wusste ich, selbst die Verzweiflung ist grün.
Da erkannte ich,
die Chimäre Hoffnung ist wild
und giftig grün geworden.

Übersetzt aus dem Slowenischen Peter Kersche
Originaltitel: Zeleno In: Zbrane pesmi. 2. Bd. – Ljubljana: Cankarjeva založba 1977, S. 31

Edvard Kocbek
Geboren am 27.9.1904 in Sv. Jurij ob Ščavnici, gestorben am 3.11.1981 in Ljubljana. Schriftsteller, Übersetzer, Gymnasiallehrer, Politiker (Kulturminister). Studium der Romanistik in Ljubljana, Berlin, Lyon und Paris. Ab 1931 Gymnasiallehrer. Mitarbeit an der katholischen Zeitschrift „Dom in svet“ (Heim und Welt). Er gründete die Zeitschrift „Dejanje“ (Die Tat), schloss sich im Krieg den Partisanen an. 1951 wurde er wegen der Novellensammlung „Strah in pogum“ (Angst und Mut) Mundtot gemacht. Erst 1961 wurde das Publikationsverbot aufgehoben. Kocbek gehört zu den bedeutendsten slowenischen Autoren des 20. Jahrhunderts. WERKE: Zemlja, (Erde), Gedichte 1934; Tovarišija (Kameradschaft), Tagebücher 1949; Strah in pogum (Angst und Mut), Novellen 1951; Groza (Grauen), Gedichte 1963; Poročilo (Bericht), Gedichte 1969; Pred viharjem (Vor dem Sturm), Tagebuch 1980 u. a.
Vergleiche u. a. auch: Böll, Heinrich: Zum Fall Kocbek. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 119, v. 26.5.1975, S. 19, Abdruck in: Einmischung erwünscht. Schriften zur Zeit. Sammlung publizistischer Arbeiten. 1977; Detela, Lev: In memoriam Edvard Kocbek. In: Die Presse, 11.11.1981; Detela, Lev (Hrsg): Kocbekovo berilo =Kocbeks Lesebuch. – Klagenfurt, Ljubljana, Wien: Hermagoras 1997; Literatur und Engagement. Hrsg. v. Lev Detela und Peter Kersche. – Klagenfurt, Wien: Kitab 2004; Rakusa, Ilma: Slowenische Dissidenz. Hinweis auf Edvard Kocbek. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 42, 19.2.2005, S. 47

©Johannes Tosin (Krumpendorf) las aus den Zyklen „I AM Dead“ und „Bonus“:
I Am Dead
Download

Durch die Nabelschnur der Information verbunden.
Jeder kann sein Kind oder Mutter.
Überlandverkehr auf der Datenautobahn.
Die Zeit zerhackt in Millisekunden.
Flächendeckende Netzabdeckung.
Systemüberlastung.
Stille bis zum nächsten Ton.

„Never Hurt Me Again“
Sie war schwanger, mit siebzehn.
„Ich wünsch mir ein Mädchen“, sagte er.
„Mir wäre ein Bub lieber“, sagte sie.
„Der wird groß und stark werden,
und er wird seine Mama beschützen, vor dir.“

BONUS
Prophezeiung

Eine Prophezeiung:

Sobald der Friedhof von Nadschaf,
der der weltgrößte ist,
an die heilige Stadt Kerbala heranreicht,
wird die Welt untergehen.

Noch liegen sechzig Kilometer dazwischen,
aber die können kurz sein.

http://www.das-dosierte-leben.de/tosin.htm

Karin Prucha (Klagenfurt) aus ihrem neuen Gedichtband: „in tiefen landen“ (lyrik und fotografien/der wolf verlag 2017)

die einatmung

in niemandsaugen bist du geboren
aus fremden zimmern waren deine worte
klänge der ferne besaß dein herz
in das du keinen schauen ließest
bis auf mich
der ich manchmal darin stöbern durfte

wenn ich das schwimmen verlerne
breche ich auf zu neuen ufern
neu ordne ich die morgen
die gestern bleiben ein sprachenverhängnis

ich kann dich nicht sehen mein geliebter
ich kann dich nicht vertauen
du bist in anderen landen

ich dreh mir den strick aus der wunden seele
eingeatmet in vielen stunden
glück über herz

die haut gräbt ihre sprache aus

meine worte fließen aus meiner kehle
weich und schmeichelhaft in deine haut
zart und salzig deine lippen
folgen meinen linien
mein körper dem aufruhr
salz auf meiner haut
und in deinem mund

ich sinke in das tiefblaue meer
warme schauer über meinem rücken
die haut gräbt ihre sprache aus
von liebe und verzeihen

mein morgenmund küsst deinen schlaf
sanft hellt sie auf die nacht
legt schlafen alte trauer
in zeilen honiggold

die grenzen deiner haut werden zu meinen
dein körper über mir
sanft schaukeln uns die wellen in den tag
kühlend ist dein haar
glanzpunkte auf meinen hohen tälern

zögernd wach ich auf
du bist so warm in meinem traum

mein ein paradies

nun wo die tage kürzer werden
einen hauch schon weniger als sommer
das meer noch warm ist an den küsten
die bora von fallenden temperaturen kündet

die sonne wie immer blutend im meer versinkt
das abendblau die kühle verheißt
da sitze ich des nächtens in meinem paradies
zwischen bäumen und verwilderten rebstöcken
lausche den grillen dem warmen konzert
dem schreienden kauz kein verkünder des todes
die luft streichelt meine salzige haut
die ich nicht wässern will mit süßem
des salzes wegen das meine haare
dichter werden lässt und zarter meine haut

hier schreib ich über widerstand
den meinen und den zur rettung der welt
in meinen dichtungen rett ich sie
mit den kratzigen geräuschen der feder
mit der ich über papier rase

der rote wein schmeckt karstig und herb
und passt hierher an diesen ort
zu den felsen grillen und grünen pflanzen

ich schaue nicht aufs meer
ich weiß es glatt und sicher

©Karin Prucha

https://www.heyn.at/heyn/list?cat=&quick=Karin+Prucha

Marlies Karner-Taxer las ihren Prosa-Beitrag aus dem immerwährenden Kalender der Literaturgruppe „Kärntner Schreiberlinge“: „Ich verspreche dir und mir“ (Monat Mai)

Die Lyrikpreisträgerin 2016 des zweisprachigen Bleiburger Literaturwettbewerbs trug ein Gedicht vor
©Anneliese Merkac Hauser

Und wieder

Und wieder
Soll einer
Die Sterne grüßen
Und wieder
Heute
Nach gestern

Ein Warten
Stellt sich ein

Ich lege den Schlüssel
Nicht mehr
Aus der Hand
Der öffnet das Band
Lasse euch
Frei

©Anneliese Merkac Hauser

Über „Endzeit“ von Betty Quast:

Vor fast 20 Jahren hat Betty Quast begonnen, an „Endzeit“ zu schreiben. Die in der Sammlung „Die Hochhausstadt“ eingefügten Kindergeschichten reichen bis in die 80er Jahre zurück. Nach langem Warten, Verlagssuche, Layouten und Lektorieren ist „Endzeit“ nun endlich da und erscheint im September 2017.

Der neue Lyrikband besteht aus verschiedenen Sammlungen:

Prolog: Die Hochhausstadt
Variationen über einen Androiden
Helsingør
Marzahn – im Herzen der Brache
Moderne Zeiten
Im alten Rom
Totalitarismus – 4 Jahreszeiten
Die Wächter

https://tredition.de/autoren/betty-quast-20936/endzeit-hardcover-92762/

©Gernot Apo Stadler (Reisender, Autor und Fotograf):

Dann kann es sein, dass ein Mann einmal weint.

„Es ist Sonntag, ein strahlend blauer Tag.
Ein angekündigt, strahlend blauer Tag.
Ein strahlend blauer Sommertag.
Ein Tag, an dem man raus muss!
Ein Tag, an dem die meisten naturverbundenen Menschen einen Ausflug machen.

Meist dauert es, bis meine Familie in die Gänge kommt. Doch heute ist alles anders. Frau hat am Beifahrersitz Platz genommen. Töchter sitzen erwartungsvoll auf der Rückbank. Hund, mit Kappe und Sonnenbrille ausgestattet, lugt aus dem Heckfenster. Es kann losgehen. Es ist eine Fahrt ins Blaue. Vorbei geht es auf der Südautobahn am schönen Wörthersee Richtung Villach. Die Tauernautobahn führt uns durch den Oswaldibergtunnel nach Feistritz/Drau. Hier biegen wir ab und Hinweisschilder zeigen uns den Weg nach Fresach und zum Millstättersee. Am Glanz beim Gasthof Podesser fällt die Entscheidung. Wir gehen auf den Mirnock.

In zwei kleinen Rucksäcken befinden sich Proviant, Wasser und Leckerli für
den Hund. Rocco, so heißt die Fellnase, spürt die Freude, die uns erfüllt. Er rennt geschäftig einmal nach vorne, dann wieder zurück und so legt er die Strecke in Metern gemessen wohl drei Mal zurück.

Sehr weit sind wir noch nicht gekommen, da wird von den Töchtern die erste Rast eingefordert. Auf einer Wiese finden wir einen Platz, der schöner nicht sein kann. Wir sind umgeben von einer Vielfalt von Wiesenblumen. Weidende Kühe machen mit ihren Glocken auf sich aufmerksam. Schmetterlinge schaukeln im leichten Wind und Bienen sammeln eifrig Nektar.

Und der Ausblick!

Er ist großartig, nein, er ist viel mehr als großartig!
Einzigartig, umwerfend, berührend!

Ich kann nicht anders. Die erste Träne hat einen meiner Augenwinkel verlassen.
Der See – der Millstätter See – er liegt im satten BLAU und seiner ganzen Pracht uns zu Füßen. Ringsum die Berge, einer schöner als der andere. Das Ende des Sees, das Goldeck und mir scheint, sogar der Großglockner sind zu sehen.
Mein Blick, nein, unser aller Blick, kann sich an diesen Naturschönheiten nicht satt sehen.

Das ist die Schöpfung!

See, Berge, Himmel, Wiesen, Blumen, Bäume, Menschen, Tiere – ich umarme euch.

Die einsame Träne erhält Bruder und Schwester.
(© Gernot Stadler, 2017)

http://www.lipife.at/wp/biographie-2/

Maria Alraune Hoppe lies sich 3 willkürlich gewählte Worte aus dem Publikum zurufen und entwickelte daraus drei erstaunliche und faszinierende Geschichten:

Foto© russwurm-photography

Facebooktwittergoogle_plus

Charakterköpfe im Künstlerhaus Klagenfurt

Als Rahmenprogramm der zurzeit im Künstlerhaus Klagenfurt präsentierten Ausstellung „AHEAD of the Game“ (bis 5. Juli 2017) trafen zum zweiten Mal Schriftsteller*innen und bildende Künstler*innen in der Großen Galerie des Kunstvereins Kärnten zum Literatur-Frühstück im Künstlerhaus zusammen.
Die Ausstellung ist Teil des kärntenweiten Kunstprojekts kopf.head.glava initiiert vom Kunstverein Kärnten. Kunstschaffende aller Sparten beschäftigen sich mit dem Thema Kopf (im weitesten und im engsten Sinne des Wortes)
https://www.kopf-head-glava.at/projekt%C3%BCbersicht/ahead-of-the-game-1/

Im Mittelpunkt des Literaturfrühstücks stehen Synergien zwischen Literatur und bildender Kunst.
Literarische Texte von Autor*innen zum Generalthema „Kopf“ und Bezüge zu den ausgestellten Exponaten wurden gemeinsam mit Statements bildender Künstler, die in dieser Ausstellung präsentiert werden, gelesen. Es entwickelte sich ein Dialog, bei dem die einzelnen künstlerischen Positionen, Ausdrucksformen und Mittel diskutiert wurden.

An diesem Samstag Vormittag im Künstlerhaus nahmen folgende Schriftsteller*innen aus Kärnten, eingeladen vom Kärntner Schriftsteller*innen-Verband teil: Sieglind Demus, Elisabeth Faller, Karin Prucha, Hannes Wendtlandt,
Betty Quast und als Moderatorin Gabriele Russwurm-Biro.


Sieglind Demus
verfasste zu diesem Anlass HAIKU und bezog sich in den ersten beiden Gedichten auf Dagmar Stelzers Arbeit: „Without Head“ – Ich habe Sehnsucht nach der, die ich sein könnte“

GEHALTEN

GEDANKE HALTLOS
DURCHBRICHT MAUERN UND ZÄUNE
IGNORIERT SCHRANKEN

GEFREIT

KOPFBEREITER SATZ
KÖRPERHAFT DAHINGEHAUCHT
SPAZIERT SORGLOS FREI

©Dagmar Stelzer

GELADEN

GESTERN IST HEUTE
DURCHGELADENES GEWEHR
IST MORGEN BESTIMMT

GESTAMPFT

CHARAKTERKOPF STAMPFT
GENERATIONENKÖPFE
CHARAKTERLOS EIN

Die beiden HAIKU „Geladen“ und „Gestampft“ von © Sieglind Demus beziehen sich auf das Gemälde von Ramona Schnekenburger „Vater mit zwei Söhnen“. Ihre großformatigen Werke zeigen feinsinnige Menschendarstellungen. Als Vorlagen verwendet die Künstlerin Fotografien, die sie auf Flohmärkten oder in Antiquariaten findet. Gelegentlich benutzt sie Teile von Bildern aus dem Internet oder selbst geschossene Aufnahmen. Nach einem langen Auswahlprozess befreit sie die Figuren aus dem Kontext und stellt sie vor das Weiß der Leinwand. So lenkt sie die Aufmerksamkeit auf den intensivgeheimnisvollen Blick ihrer seltsam entrückten Wesen. Aus der Nähe betrachtet, beginnen sich die Figuren aufzulösen. Der Künstlerin geht es nicht um die exakte physiognomische Abbildung bestimmter Personen, vielmehr sieht sie in ihren Protagonisten Personifikationen allgemeiner psychologischer Prozesse. Neben Einzelportraits entstehen auch Gruppenbildnisse, anhand derer sie zwischenmenschliche Beziehungen zu analysieren scheint. Subtil und eindringlich
zugleich macht sie Machtverhältnisse und Abhängigkeiten sichtbar. Die Aussparung der Hintergründe könnte man auch als Metapher für die Isolation des Individuums deuten. Der Blick der Künstlerin richtet sich in letzter Konsequenz nicht auf die geschaffenen Bilder oder ihre Inhalte, sondern auf den Betrachter selbst. Das Kunstwerk wird zum Spiegel. [Alexandra Kontriner]

© Ramona Schnekenburger

GELOCHT

GENAUE LINIEN
AUFGEKRATZT ÜBERSTEMPELT
GELOCHTES GESICHT

Nimmt Bezug auf das Porträt von Thomas Riess „Frank“ (lost faces) Riess zeigt in dieser Ausstellung ein Foto aus der Serie seines Projekts mit 150 x 150 cm großen Porträts obdach- und mittelloser Menschen verschiedener Metropolen der Welt. Dabei wählt er jeweils Persönlichkeiten
einer Großstadt aus, und lässt diese zu Stellvertretern einer Randgruppe marginaler gesellschaftlicher Bedeutung werden. Riess löst diese Menschen aus ihrer ursprünglichen, von uns als unschön und abstoßend empfundenen
Abseitssituation und stellt sie in einen vollkommen anderen visuellen sowie örtlichen Kontext. Durch den bewussten Verzicht einer populistisch-klischeehaften Darstellung will Riess die Persönlichkeit mehr in den Vordergrund rücken als ihre gegenwärtige Lebenssituation und sie aus dem wenig wahrgenommenen Dasein holen. Für den Betrachter mögen die Werke dadurch auf den ersten Blick vielleicht verwirrend wirken, steht er doch Porträts von interessanten, ausdruckstarken Persönlichkeiten unseres täglichen Lebens
gegenüber, die kaum vermuten lassen, dass es sich um Abbildungen von Menschen einer von der Mehrheit der urbanen Bevölkerung ungern gesehenen gesellschaftlichen Randgruppe handelt. Thomas Riess verwendet als ungewöhnliches Malmedium den Korrekturbandroller (TippEx). Er funktioniert jedoch dessen Löschfunktion ins
Gegenteilige um, indem er durch gezielt aneinandergereihtes Aufrollen des Korrekturbandes auf eine schwarzgrundierte Leinwand das Konterfei der Protagonisten entstehen lässt und so Menschen sichtbar macht, die sonst gerne aus dem makellosen Bild des urbanen Raumes „gelöscht“ werden.

©Thomas Riess

http://www.sieglinde-demus.de/sieglinde_demus.html

Auch die in Klagenfurt lebende Autorin Karin Prucha ließ sich von Dagmar Stelzers Papier-Torsi inspirieren und schrieb ihre Gedichte direkt in der Ausstellung nach der Besichtigung vor Ort.

©Karin Prucha

I
fremde federn schmücken fremde köpfe
von angesicht zu angesicht
fällt schweigen in die augen
blicke leere. nüchtern eingeholt.

kopf im kopf
stimmen. los
der argumente
fremde köpfe über dem eigenen

II
körper ohne kopf

bist du kopflos oder
kein kopf ohne körper lebst du länger

denkst du
hast du schon gelacht
gegessen
gerochen
begriffen
gehört
gesehen
gefühlt. jetzt. wo. im. kopf

masse an kopf. vertikal
rinnt dein denken länger

sprechen auch
wann. im. kopf. ensteht.
das denken
und fühlen.
wo.
im kopf. sicher

III

heimat bist du großer köpfe
vielfach doch geschieden von dem denken

kopflos spricht man nicht
das denken macht kopfschmerz

mein kopf denkt von allein
und die sammlung der headsets
macht stutzig

kopf ohne hirn
kleinste einheit. sinn. vollkopf

wonach steht dir dein kopf ?
in welche richtung schreibt die fassung

kopffassung
meiner wieder ohne fassung
mein kopf will den schmuck
die haare die haut den hut
zum köpfen besser nicht
und heimat macht kopflos manchmal

Dagmar Stelzer: „Ich habe Sehnsucht nach der, die ich sein könnte“ – Die Papierkörper sind lebensgroß, teils transparent, voll Leichtigkeit und eine Projektionsfläche für Befindlichkeiten, Wünsche und Sehnsüchte. Lebend im Spannungsfeld zwischen Sein und Wollen, Zwängen unterworfen, können die Torsi als Spiegelbild der eigenen Identität verstanden werden. Das Material Papier versinnbildlicht die Verletzlichkeit, aber auch –in vielen Lagen verbunden –Stärke und Vielschichtigkeit. Die drei Papierobjekte veranschaulichen drei Archetypen – die Kriegerin, die Kurtisane, die weibliche Gottheit – und erwecken den Wunsch deren beste Eigenschaften wie Mut, Selbstbestimmung, Spiritualität und vieles mehr, im ICH wiederzufinden.

Ende Juni erscheint der neuer Lyrikband von Karin Prucha: „in tiefen landen“ lyrik & fotografien (der wolf verlag, Wolfsberg 2017)

© Karin Prucha

©Hannes Wendtlandt (schrieb allgemein zum Thema Kopf folgenden Text nach der Besichtigung der Ausstellung)
Verkopft

„Sie sind zu verkopft für eine Therapie“, sagte der Psychiater, der vom Scheitel bis zur Sohle aus einem einzigen, riesengroßen Schädel zu bestehen schien.
„Darauf kommt es doch an, wenn man mit dem Kopf durch die Wand will“, erwiderte sein Gegenüber, stand auf und verließ kopfschüttelnd die Ordination.
Das hatte Hand und Fuß, hatte etwas von sich selbst am Schopf packen und aus dem Sumpf ziehen.
Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen heilte sich ja auch, indem er sich selbst beim Wort nahm und seiner Welt Hand, Fuß und Kopf verdrehte und ihr gerade dadurch etwas Sinn verlieh.
Dass Sinn in einem runden Hirnkasten wohnen soll, ist ja an sich schon ein Paradoxon. Viel eher trifft es zu, dass wir unser Denken bezeichnenderweise in kleine graue Zellen sperren.
„Wenn man zu verkopft ist“, dachte er für sich, „dann wäre man also besser ein Idiot – ein im ursprünglichen Wortsinn Verweigerer.“ Ein Wissender, der sich bewusst heraushält aus dem „Hand und Fuß-Haben“. Ein heimlich Behirnter sozusagen. Ein Spürender.
Also beschloss er, fürderhin den Kopflosen zu spielen, nach außen glücklich und mit sich selbst zufrieden. Um innerlich genau zu sehen und zu wissen. Ein Diogenes ohne Fass. Ein Dionysos, der beschloss, Apoll die Stirn zu bieten.
„Die Therapie hat aber erstaunlich gut angeschlagen bei Ihnen“, zeigte sich der Psychiater beeindruckt, der nur Medikamente verschrieben hatte, die sein Patient nie einnahm.
„Ich bin auch nicht mehr verkopft“, antwortete er und lächelte selig. (© Hannes Wendtlandt)

http://www.buecher.de/shop/liebe/auf-hartem-land/wendtlandt-hannes/products_products/detail/prod_id/42328508/
http://bookview.libreka.de/preview/100010/9783734768989?session=4b59ce100e6848f3a16f08e158830619f87f57d5

Betty Quast, Literaturwissenschaftlerin, die in St. Veit mit ihrer Familie lebt, las aus ihrer Gedichtsammlung „Endzeit“, die sich in Druckvorstufe befindet, ausdrucksstarke Gedichte allgemein zum Thema „Kopf“ .
Für Quast steht die kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart im Zentrum ihres literarischen Schaffens.

https://bettyquast.com/

© Betty Quast und Thomas Moritz

Zu den beeindruckenden Keramik-Objekten („Grausige Schädel“) „Lanzón“ von Martina Funder las ich drei Gedichte aus meinem neu erschienen Lyrikband „und hinter mir mein land“ (der wolf verlag / Wolfsberg 2017)

© Gabi Russwurm-Biro

http://russwurm-photo.com/index.php/profil

Lanzón heißt die wichtigste Götterstatue der alten Chavin Kultur im Hochland von Peru. Die Chavin Religion war die 1. Religion des Andenvolkes zwischen 900 – 200 v. Chr.

Martina Funder: „Als ich Ausgrabungsstätte während einer Trekkingtour 2014 besuchte, entdeckte ich diese Skulptur hell erleuchtet am Ende eines dunklen Tunnels in einem tiefen Raum. Sie versetzte mich in Schrecken. Ich musste an meine 3 keramischen „Grausige Schädel“ denken, die ich nach dem Tod meiner Mutter geformt hatte.“

© Martina Funder

Weiter Gesprächs- und Leserunden zum Thema der jeweiligen Ausstellungen im Künstlerhaus in Kooperation mit dem Kärntner SchriftstellerInnen-Verband sind in Vorbereitung.

Danke für das Gruppen-Foto © Sieglind Demus
Das Copyright der Fotos von den Kunstobjekten der Ausstellung AHEAD of the Game liegt bei den jeweiligen angeführten Künstlern.
© Dagmar Stelzer, Ramona Schnekenburger, Thomas Riess und Martina Funder

siehe auch https://www.kopf-head-glava.at/projekt%C3%BCbersicht/ahead-of-the-game-1/

Facebooktwittergoogle_plus

„Schau so!“ – eine WortKlang-Matinee mit Sieglind Demus und Charlie Leschanz im Pankratium Gmünd

Im Haus des Staunens kam letzten Sonntag ein literaturinteressiertes Publikum zusammen und ließ sich von den Erzählungen und improvisierten Klängen auf einem (ehemals bereits ausrangierten und nun wieder restaurierten) Harmonium bezaubern.

Die in Villach ansässige Schriftstellerin Sieglind Demus brachte mit ihren Erzählungen aus verschiedensten Teilen der Welt die Zuhörer zum Staunen. Sie versetzt sich dabei in Kinder und schildert die Geschehnisse durch deren Augen gesehen, durch ihre jeweils spezifisch eigene Sprache in feinfühliger, verletzlicher Weise, zum Ausdruck gebracht:

„Die Texte Ich bin ein Artist, Fata Morgana und Schau, so! sind Puzzleteile einer Serie. In dieser Serie gebe ich Kindern eine Stimme. Die Texte zeigen jeweils einen kleinen Ausschnitt ihres Aufwachsens. Was daran besonders ist? Diese Geschichten spielen weltweit solitär, sind stark verortet und doch greifen sie auf subtile Art und Weise ineinander und fügen sich zu einem globalen Gesellschaftsbild. 
Ganz bewusst verzichte ich auf Historie, auf das, was vorher war – und auch auf das was nachher sein wird. 
Beides, das Vorangegangene und das Fortgesetzte schreiben unser Wissen, unsere Erfahrung, unser Hinschauen, genauso wie unser Wegschauen. In meinen Texten sind meine Protagonisten keine realen, aber gut recherchierte Figuren, Kinder, die in der Ichform in unterschiedlichem Duktus zu berichten wissen“, erklärt Sieglind Demus.

Ihre Texte „Ich bin ein Artist“ / „Schau, so!“/“Fata Morgana“/“Die neuesten Nachrichten“ und „I feel blue“ wirkten stark berührend auf das Publikum. Jazzpianist Charlie Leschanz ließ sich von den Texten inspirieren. Seine Kompositionen entführten ebenfalls in imaginäre Welten. Dazu bediente er sich der Klangfarben eines besonderen Instrumentes – des Harmoniums und verstand es gleichzeitig auf einzigartige Weise die Klangfülle zu zähmen. 

Gemeinsam ergab diese Martinee im Haus des Staunens eine literarisch-musikalische Bereicherung und eine Reise in ferne Welten, die, wenn man die Einzelschicksale der Kinder in den Demus-Erzählungen betrachtet, eigentlich nicht fern von uns sind. Hoffentlich finden die Kurzgeschichten bald in Form eines Buches den Weg in die Öffentlichkeit.

Die Künstlerstadt Gmünd hat wieder bewiesen, dass sie auf hohe Qualität und besonders herausragende Künstlerpersönlichkeiten setzt – mit Erfolg.

Foto © Mag. Werner Ruppnig


Facebooktwittergoogle_plus

Literaturfrühstück im Künstlerhaus „Bring Your Text“ zur Weiblichkeit – Eine Nachlese

Zusammen mit der Künstlerin Ina Loitzl lasen am letzten Öffnungstag der Ausstellung im Künstlerhaus Klagenfurt, am 22. April 2017, zum Ausstellungsthema BLUTROT Kärntner Autorinnen kurze Prosatexte und Lyrik zur Weiblichkeit:

Als Literaturfrühstück in einem besonderen Rahmen (großer Ausstellungssaal des Kunstverein Kärntens) folgten der Einladung der Künstlerin und Kuratorin Ina Loitzl mit Unterstützung des Kärntner SchriftstellerInnen-Verband folgende Autorinnen: Miriam Auer, Betty Quast, Monika Grill, Dagmar Cechak, Karin Prucha, Eva Possnig, Marlies Karner-Taxer, Christine Tidl, Ilse Gerhardt, Elisabeth Hafner, Elisabeth Schwendner und Gabriele Russwurm-Biro

Die große Begeisterung und Anteilnahme und die hervorragenden Beiträge der eingeladenen Autorinnen zeigen, dass das Thema Weiblichleit und Frausein nicht nur in der Bildenden Kunst, sondern auch in der Literatur mehr Platz und Aufmerksamkeit benötigt.

Monika Grill

Während in Lilli Rundungen Form annahmen, zeigten sich unter Alberts schwammiger Haut die Umrisse von Ecken und Kanten. Knochen, die in den Wogen seiner Üppigkeit untergegangen waren, trieben an die Oberfläche und begannen, die Umrisse eines Mannes zu formen, der alles andere als weich ist. Es war, als ob sie verbundene Gefäße waren, Lilli und Albert, und ein Ausgleich stattfand, in dem jeder von den beiden etwas in sich entdeckte, das ihm bisher fremd gewesen war. Sie Weichheit, er Kanten.
Mit der zunehmenden Weichheit verlor Lilli etwas von ihrer Zielsicherheit. Als ob die fehlende Spannung es dem Bogen ihres Willens unmöglich machte, ins Schwarze zu treffen. Auch ihre Vorstellungen und Wünsche begannen, eine wässrige Gestalt anzunehmen, die ein Handeln zunehmend erschwerte.
Lilli wurde träge. Sie entwickelte eine tiefe, sinnliche Trägheit, die sich von Albert tragen ließ. Und Albert mit seinen neu gewonnenen Kanten spürte in sich das zunehmende Bedürfnis, ein richtiger Mann zu sein. Seine Finger begannen, ihren Nacken mit etwas mehr Druck zu massieren. Wenn er sie in die Arme nahm und küsste, fühlte er den Wunsch, sie zu besitzen und zu verschlingen, ein raues und unberechenbares Verlangen, das sich über die Monate in eine Notwendigkeit verwandelte
Und eines Tages lag Lilli in seinen Armen, weich, nachgiebig, rund, und der neue Mann in Albert sah sie an und wollte sie nicht mehr. Nicht diese Frau. Er wollte eine, die seiner Schärfe entsprach, eine, an der sich seine neugewonnene Härte reiben konnte. Nicht dieses weiche und nachgiebige Ding, dessen Knochen unter dem schwellenden Fleisch nicht mehr spürbar waren.

Aber ich sehe Eis, Eis und Schnee, und höre eine unwiderrufliche Stille, die mich bis ins Hier, ins Heute, in den heutigen Abend zu verfolgen scheint. „Was, wenn“, denke ich und sehe meine Maria, meine dickköpfige, wissbegierige Maria, wie sie die Wohnung eines Fremden betritt, nur um herauszufinden wie, warum, wieso. Ich sehe ihre dünnen, weißen, langen Beine mit aufgerollten Kniestrümpfen und darauf eine fleischige Männerhand, die sich langsam ihre Schenkel hinaufschiebt. Ich sehe, ich sehe voraus, ich ahne, ich fürchte, und wie jede Mutter bin ich mir nicht sicher, ob ich ihr trauen soll, meiner Ahnung, meiner Vorstellung davon, wer meine Tochter ist und was kommen könnte. Und wie jede Mutter weiß ich, dass es nichts nützt, Nein zu sagen. Nein, tu das nicht. Nein, sei vernünftig. Bitte, bitte, nein.
Denn auch sie wird sich bemühen, ihre Mutter Lügen zu strafen, als eine besorgte, ängstliche, unsichere Frau, die nicht weiß, was wahre Freiheit ist. „Sie ist so verklemmt“, wird Maria sagen. „Ich mag sie, meine Mama, aber was weiß die schon vom Leben.“ © Monika Grill

Blutmoos von Dagmar Cechak zum Gemälde von Theres Cassini in der Ausstellung BLUTROT
Ich sehe dich an und du schüttelst den Kopf, ich will leben und sein und tanzen und lachen. Will Farbe bekennen, doch du kannst es nicht ertragen. Blutrot ist das Weiße in deinen Augen, kohlschwarz deine Wut.
„Bedeutungslos bist du!“ schreist du mich an und streckst mich nieder auf den Grund, den harten Grund voll Blut von so vielen anderen, die vor mir schon da lagen und fährst als Ausdruck deiner Macht mit querender Spur über mich hinweg und übersiehst dabei, dass nun aus der verkapselten Demut und Resignation mein Widerstand aufgebrochen ist unter deinen schweren Rädern.
Ein Widerstand von dem ich gar nicht mehr wusste, dass er in mir war, er befeuchtet meine matten Glieder, lässt, leise erst und fast unsichtbar, mich ausbreiten, über den Grund, lässt mich entdecken und fühlen, lasst mich bedecken den harten dunklen Boden mit weichem Moos.
Und ich strecke meine Fühler aus, nehme auf das Blut aus dem Boden und sauge es ein, bis alle Farbe und alles Leben in mir ist und alles Blut gelöscht. Weiß bleibt der Grund zurück und bleich.
Pulsierend streckt sich mein roter Leib, schreit: „Hier bin ich!“ und beginnt unübersehbar seinen rotglühenden Tanz in die Freiheit.
© Dagmar Cechak

Gedichte von Betty Quast (aus dem in der Druckvorstufe befindlichen „Endzeit“-Manuskript)

die neueste Mode (aus der Sammlung „Im alten Rom“)

na, wie gefällt dir dein Fleischkleid?
dein Blutkleid
süchtig nach… was mir gefällt
Schweinehälften von der Stange
– der Schocker –
geheimste Wünsche
erfüllen
einfach chic
Chemie-Kittel-Anilin-Farben
Blut, das aus den Schuhen trieft
Menschendreck
ständig was Neues
nie das Richtige zum Anziehen

Bei Oma (aus der Sammlung „Marzahn – im Herzen der Brache“)

Es gibt Hagebuttentee
sauer
das Testbild steht
im Funkloch
ein Spaziergang
am Staudamm
Medikamente
hinterm Sofa
Häkeldeckchen
das alte Transistorradio
erzählt was vom Krieg

© Betty Quast

Marlies Karner Taxer „Alternde Weiblichkeit“ zu den Exponaten von Ina Loitzl und Theres Cassini mit dem Thema Alter in der Ausstellung BLUTROT

die einstige Göttin nimmt Abschied vom kraftvollen Leben, das prall,
saftig und lustvoll die Hormone steuerte
morphiert zu silbergrau, dann weiß
das Rot der Blutung ist schon lang versiegt
das achte Lebensjahrzehnt hat seinen Preis
die Muskel schwächeln, verkommen
eingekochte Lebensmittel – gestrichen, das Unvermögen, den Glasverschluss aufzudrehen schmerzt
die Lebenserfahrung steigt wie die Zahl der Altersflecken an den Händen
das Erinnern nimmt mehr Raum ein als das Erleben
der Körper verweigert sich dem Wollen
sich bücken, etwas aufheben – ein Problem
die Verwendung des Rollators wird nur langsam akzeptiert, weit nach Brille und Gebiss
Inkontinenz macht grantig, Lachen wird, so wie das Husten, zu einer Entscheidung

mkt2017 © Marlies Karner –Taxer

Christine Tidl (zum Thema Blutrot)

Von hinter der Schirmakazie, die sich dornenbewehrt, dunkel und stumm über dem gelbroten Himmel verzweigt, zieht ein letztes Aufleuchten durch die rahmenlose Öffnung, gleitet über festgetretenes Erdreich, kriecht hoch an graubraunen Wänden aus Lehm zum fein gesponnenen Netz in der Ecke des Raumes. Dort lauert die Spinne auf eine der Fliegen, die über die Glasscherben tanzen am Ende des Tisches.
Schwach, aus stimmloser Kehle, das Wimmern. Schweiß zwischen eng geflochtenen Zopfbahnen. Kaltbetropft die Stirn über schreckweiten Augen, weiß wie Akazienblüten, die der Wüstenwind aus der Blattnarbe löst. Sie haben es wieder getan. Das Lager mit Tüchern bedeckt, das Festkleid über den reglosen Körper gezogen. Das Rot und Gold heben sich kaum ab vom Blut, das unter den dicht verschnürten Beinen hervorquillt. Die Schnitte werden heilen, sagen sie. Doch von den Narbenwülsten der Seele sprechen sie nicht.
Draußen rhythmisches Trommeln, Lachen der Frauen, zufriedene Stimmen der Männer am züngelnden Feuer.
2017 © Christine Tidl für Blutrot

Elisabeth Hafner – Gedicht zur Weiblichkeit

Häute

Keimblatt
milchig und jungfräulich
wächst zu
Netzhaut und Vorhaut und Hirnhaut.
Zu Gänsehaut, Hornhaut und Narbengewebe.
Zu Mückenfell und Fledermausleder.
Zu Elefantenhaut und Mäusepelzchen.
Sie sind weich,
die Häute,
und werden hart,
sie sind dünn und wachsen ledrig,
Unter Ober Lebenshaut.
Zarte Herzhäute
verwachsen zu faltiger Wundenhaut.
Mir wächst ein granatroter Herzhautmantel.

© Elisabeth Hafner

Ina Loitzl (bildende Künstlerin, Kuratorin der Ausstellung BLUTROT):

FRAUSEIN

Die Kindheit ohne Penisneid
Ja lieber Dr. Freud!
Trotz doofer Witze:
Uns fehlt wirklich nichts in der Körpermitte
Oh nein, ich war auf keinem Trip!
Gefühlt als Mensch mit Mädchennamen
Die erste Regel mit Sekt zu Hause gefeiert
Ein großes DANKE an die starken Frauen in meiner Familie
Ich hab’s einfach gut erwischt: Die Zeit, den Ort,….
Viele haben das nicht
Wo das Kreuz im Geburtsschein kompromisslos bedeutet:
Nicht zu wählen, nicht Auto zu fahren,
nach der Scheidung zu leben wie eine Witwe,
als Letzte am Tisch das Essen zu bekommen
Eiskalt wird mir da gleich und die Gänsehaut steigt in mir hoch
Daher mache ich mich als Künstlerin stark – für das Weibliche
Noch immer als „schmutzig“ und mit Scham betitelt
Es fehlen….. die 1000 schönen Worte
Gedanklich überschreibe ich heute noch
die vielen „FUT“s, die mir als Mädchen
auf Straßenwänden entgegenkamen
fett mit einem dicken Edding zu „AUTO“
Doch ach – da sind sie wieder:
Halbnackte Frauen mit Schaum und Schwämmen
waschen sie diese schnellen männlichen Prestigeobjekte sauber …
Revanche? Nein, auch keine Gleichberechtigung,
keine Zwangsquoten, einfach das Menschsein
als das Ganze aller Dinge zu sehen
und erkennen, wie schön es ist
Weib bleibt Weib Frau bleibt Frau
Nicht mehr und nicht weniger
Aber für mich ein Geschenk

© Ina Loitzl, zur Ausstellung „Weibsbilder – Ženske“ 2014

Karin Prucha

imraumstille

vorsichtig sodass sie sich nicht stösst
in dem raum in der stille
steigt sie als kleines kind in die fußstapfen
auf den nächsten hohen berg
fährt auf dem fluss im grünen kanu
die stromschnellen auf und ab
bis der weiße wasserschaum sie hebt
klettert die bäume in den himmel bis zum mond
trägt die sehnsüchte wie verborgene früchte

sie läuft als junges mädchen
barfuß durch schulgesetze und new yorker parks
drückt ihre fußspur in den weichen untergrund der sandbänke
läßt sich auf den warmen felsen
der zukunftslabyrinthe nieder
verweilt im dichten weben der windnetze

begehrt störrisch die berechtigung ihres geschlechts
stöckelt als junge frau in den kindheitstraum
der ewigen liebe
vergißt sich verwirrt sich verläßt sich
begibt sich auf die zeit
die ungeheuer der vergangenheit im weg
in die weggebrochene luft
starrt stumm die stille

sie riecht den duft von frischgebackenem brot
das alte wird neu verwandelt
das gesetz gebrochen die erde befühlt
das atmen aufgetaut und im raum stille

© Karin Prucha 2017

Miriam Auer Didgeridoolittle

Du spielst the fairest Lady hier von allen, der Bass,
dein Stimmband, der lose Strumpf. Terra Australis Incognita.
Dich kennen sie genauso wenig, von deiner neuen Vulva da
erzählst du kaum. Die Perücke, das Nylon deiner Frisur,
wenn du wohin musst, entschuldigst du dich
mit den Augen, Mascara macht sie dir
etwas zu schwer.
»Hier können Sie als Frau durchgehen«
Doch da ist nirgends so ein Schild.
Komm heim, zu dir.
Bei meinem letzten Besuch hast du mir ein Bärtchen zeigen
müssen, das du dir in einem Weckglas ziehst, wie Kefir
Hefepilz ganz hübsch sogar, ein Bart ohne Mensch daran.
Von Wissenschaft versteh ich wenig, du sagst, im Glas
überlebt ein Relikt. Ich gebe mir deine Hand zur Ruhe,
und wünsche mir das gültige Ja-Wort von uns.
Man mag dir den Mund verboten haben,
aber deines Namens unbekanntes Lied:
ich singe dich ganz.

Heute ist morgen lange gestern, wir lernen einander auswendig, eher körperlich
peripher ein kleines Feuer, nagelunter, French Nails brennend, so to speak.
Man sprang dir ins Gesicht, dein Glück,
dass du es noch nicht verloren hattest,
man konnte so nicht in dich gehen,
eiserne Maske, c’est la vie.
Letztgestern hast du dann deinen Kopf vergessen, ich rannte
und brachte ihn dir nach, weil du doch sonst
nichts essen kannst.
Wir teilen uns Früchte der Arbeit des Baumes und Erdäpfel haben wir
gemeinsam, egal von wo wir sind, wir zwei verschlingen nichts,
das fühlt, beide wissen wir wie es ist, nicht
zu atmen.
Morsch werden die Bissen noch etwas bleiben, trocken
der Schwamm, die Psychologin, l‘amour fou.
Wir lassen die Tauben los, ohne zu zaubern
in Kriegen, die so anders toben als Kinder …
Da, die Majolaschlange. Du sagst mir die Wolken ein ohne heimlich zu tun, alles
Wahre steht auf deiner Haut, wo du gegangen bist, gekrochen auch,
hat der Boden nicht aufgehört sich an dich zu erinnern, jeder
Kiesel lässt sich stoßen von den Schuhen, die du warst, pars
pro toto.
Du weißt, was das heißt, deine Schule im Kopf, die echte in Trümmern,
Stein auf Stein, dein Name jetzt ein neuer, du stehst auf Rosanna
von Toto, kleine Rockerin, so be it.
Beim Headbangen das Kopftuch leicht wie ein
Schleier aus Löwenzahnsamen, an ihnen
festhalten, wegfliegen, oben sein bei
Nacht
Mama
Stoner-Rock im CD-Player, hast den erst für Kriegsgerät gehalten, Eintopf
am Fenster, zwei Mal zu kühl, aber dort wo du herkommst
war alles nur lau, meet you all the way, Rosanna …

Am Stockbett oben ist es mondleer geworden.
No woman, no cry …

© Miriam H. Auer

Eva Possnig – Wandlungen (zur Ausstellung Blutrot)
„Wenn ich so zurückdenke, war es vor allem die Kunst, die mein Leben beeinflusst hat“, beginnt Tina, als sie nach der Aufführung in einem Lokal sitzen.
„Schon als Kind hab ich Bücher geliebt. Einige hab ich immer wieder gelesen. Tom Sawyer und Huckleberry Finn zum Beispiel. Oder Rascal, der Waschbär, an diesen Roman denk ich fast wehmütig zurück“.
„Weil dem Schlingel nach den Jahren, in denen er von einem Kind aufgezogen wird, ein Leben in der Wildnis geschenkt wird?“
„Ja, stimmt. Das ist ein Aspekt. Wer die Nachtigall stört von Harper Lee hat mich aus der Naivität der Kindheit herausgeführt. In der Menschlichkeit des Atticus, der seine Kinder alleine aufzieht und sich unter schwierigen Bedingungen für Toleranz und Gerechtigkeit stark macht, hab ich meinen Großvater wieder erkannt. Ich war dreizehn, als er gestorben ist. Im Buch bin ich ihm wieder begegnet. Beglückend war das und gleichzeitig sehr traurig“.
„Für mich war „Narziss und Goldmund“ von Hermann Hesse wichtig. Mein Gott, diese Passagen über Erotik und Begehren! So ganz ohne moralischen Zeigefinger! Endlich hat es für uns Jugendliche eine wundervolle Sprache für alles Prickelnde, Verwirrende gegeben! Eine echte Alternative zur Zeitschrift Bravo!“
„Wie eine Therapie“, meint Tina und knabbert an einem Thunfisch-Sandwich.“ „Simone de Beauvoir hab ich ähnlich erlebt. Sie kam und blieb war befreiend für mich. Und dann hat mich natürlich Violette Leducs Roman Die Bastardin verführt. Meine Mutter war entsetzt, als sie es in meinem Zimmer gefunden und den Klappentext gelesen hat. Hat sich wohl gedacht, dass gewisse Erziehungsmaßnahmen bei mir völlig für die Hennen gewesen sind“. Die Freundinnen lachen.
„Die siebziger Jahre in Österreich waren für Frauen kein Honiglecken. Eine Ausbildung durften wir machen, ja. Aber eine selbstbestimmte Sexualität? Wie geht das denn zusammen mit einer traditionellen Familie?“ Sie zwinkert Carla zu. „Aber ich erinnere mich, dass immerhin der Status des Vaters als Oberhaupt der Familie abgeschafft worden ist. 1974 glaub ich, ist das gewesen. Jedenfalls, als Kreisky Kanzler war. Mutter brauchte meinen Vater damals nicht mehr um Erlaubnis zu fragen, als sie eine Stelle als Sekretärin angenommen hat. Aber trotz alledem: wir Töchter sollten brav und bürgerlich sein. Das war der Fokus, auf den alles gerichtet war in der Provinz. Und bloß nicht zufriedener werden wollen als die Mutter! Ich jedenfalls hab‘ mich Jahre später mit der Malerei befreit!“, ruft Vera aus.
Sie fasst ihre Haare im Nacken zusammen und bindet sie geschickt zu einem Knoten.
„Ich denk‘, ich war sechzehn, als mich Der Fall Franza aufgewühlt hat. Die Sprache Ingeborg Bachmanns. So wahr! Der Mensch ist dem Menschen Wolf. Tagelang bin ich im Zimmer gehockt und hab über ihre Sätze nachgedacht. Und unterstrichen, was für mich bedeutsam war. Für Unverständliches hat sie mir eine Sprache gegeben und mir geholfen, klarer zu sehen. Auch manche Filme haben mir Wege aufgezeigt. Die zwei Gesichter einer Frau mit Romy Schneider beispielsweise. Unvergesslich ist für mich auch Die Frau nebenan mit Fanny Ardant. Die erotische Autonomie, die sie da entwickelt, hat mich fasziniert. Ich war ja als junges Ding geradezu gehemmt. So was von brav und angepasst. Immerzu bemüht, es allen recht zu machen. Meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Es war die Kunst, die mir geholfen hat, meinen eigenen Weg zu finden. Plötzlich hab‘ ich gewusst, dass ich mit meinem damaligen Freund im falschen Leben steck und hab mich dann von ihm getrennt.

© Eva Possnig 2017

Elisabeth Schwendner

10 Gebote

©Elisabeth Schwendner 2017

Gabriele Russwurm-Biro – Gedicht zur Ausstellung Blutrot

alles aus allem
kommt seidenrot
ans licht
das, was gedanken
gebären
bleibt
voller wunder
das, was verschlossen
dahinsiecht
versinkt
folge dem blick
nach innen
und lass die welten
ziehen
geht etwas verloren
bleibt die lücke
und warm
der atem
bis er bricht

© Gabriele Russwurm-Biro 2017

Ina Loitzl las einen Auszug aus dem Text TOD (ohne Titel) Kapitel 4/ der Schriftstellerin
Nadine Kegele (Du sollst nicht so große Füße haben….).
Sie war 2014 Stadtschreiberin in Klagenfurt (Publikumspreis bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2013).

„Du sollst nicht so große Füße haben. Du sollst keine zu langen Arme haben. Du sollst keine dicke Nase haben. Du sollst keine Hände haben wie ein Mann. Du sollst keinen schlechten Teint haben. Du sollst keine fettigen Haare haben.

Du sollst täglich duschen und Unterwäsche tragen, in der du schwitzt. Du sollst ihm nachlaufen wie ein Hund. Du sollst dich domestizieren und dressieren lassen. Du sollst lieblich sein. Du sollst dir nicht die Freiheit nehmen, nein zu sagen.

Du sollst heiraten wollen für Strümpfe und Konservendosen. Du sollst ja sagen, wenn er dich fragt. Du sollst yes, Sir sagen, wenn er was sagt. Du sollst aufpassen müssen, was du sagst. Du sollst nicht aus dem Zimmer gehen, wenn er redet mit dir. Du sollst jeden Morgen in diese Rolle schlüpfen. Du sollst ihm eine bildschöne Schauspielerin sein. Du sollst seine Muse, seine Trophäe sein. Du sollst ihn zum Lächeln bringen. Du sollst lächeln. Du sollst nicht selbständig sein.

Du sollst ihn lieben in Ewigkeit. Du sollst krank sein vor Liebe. Du sollst dich hassen lassen. Du sollst dich interpretieren lassen. Du sollst ihn nicht erniedrigen mit Vielwisserei.

Du sollst kleiner sein als er. Du sollst bloß stotternd sprechen. Du sollst dein Bücherregal abreißen lassen. Du sollst dich nicht schützend vor deine Bücher stellen. Du sollst die Philosophie gegen ein Kochbuch tauschen. Du sollst dich fein ausführen lassen von ihm.

Du sollst schick ins Theater gehen mit ihm. Du sollst nicht reisen ohne ihn. Du sollst nicht nach Nürnberg sehen. Du sollst nach Zürich, nach Paris und nach Japan schauen. Du sollst dich von ihm umarmen lassen. Du sollst dir von ihm ein Kind machen lassen. Du sollst seine Kinder großziehen.

Du sollst ihn bei Krankheit pflegen. Du sollst ihm eine fürsorgliche Ehefrau sein. Du sollst dich keiner Hysterie bedienen. Du sollst nicht Emanzipation kennen. Du sollst kein eigenes Gesetz begehren. Du sollst unter dem seinen stehen. Du sollst genügsam sein. Du sollst naiv sein. Du sollst kein anderes Losungswort kennen als ihn.

Du sollst nicht aufsteigen. Du sollst am Fuße der Pyramide warten. Du sollst dich von ihm vergewaltigen lassen. Du sollst auf deinen Schädel fallen. Du sollst im erstickenden Sand versinken. Du sollst dich Hilfe rufend zu Tode erschrecken. Du sollst die anderen Toten liegen lassen.

Du sollst einem Hai vom Boot vor die Schnauze schwimmen, wenn er sagt, spring. Du sollst dich auch beim Schwimmen schminken. Du sollst dich nicht schminken, als gingest du auf den Strich. Du sollst ihm nicht peinlich sein. Du sollst ihm Notiz um Notiz für seine Anekdoten sein.

Du sollst dich von ihm bannen und lähmen lassen. Du sollst über gelähmten Beinen kurze Röcke tragen. Du sollst keine zu kurzen Röcke tragen. Du sollst die Röcke nicht für dich tragen, sondern einzig für ihn. Du sollst den Trauerflor nie mehr ablegen, wenn er nicht mehr ist. Du sollst ihm ein Stück Holz und seine Hindin sein. Und Civetta Sôva sagt, ich kann es von hier oben sehen, es brennen immer bloß: die Röcke der Frauen.“
© Nadine Kegele

Foto © Willi Wolschner
Bildtitel: Gabriele Russwurm-Biro, Marlies Karner-Taxer, Karin Prucha, Ina Loitzl, Betty Quast (mit Leopold) und Monika Grill (von li.)

Facebooktwittergoogle_plus