„Jedenfalls richtungsweisend“ – PFEILE im öffentlichen Raum

Auf die Plätze/ Na mesta war als eine thematisch gruppierte Dokumentation im Künstlerhaus Klagenfurt über Kunst im öffentlichen Raum konzipiert und bildete den Abschluss des gleichnamigen Schwerpunktjahres 2017. Sie zeigte in über 50 historischen wie aktuellen, temporären wie permanenten Projekten in Kärnten den Status Quo zeitgenössischer Kunstproduktion im öffentlichen Raum aus verschiedenen Blickrichtungen.
Kennst du die regeln? Wer hat hier das Sagen? Was hast du dagegen? Und: Bist du Teil davon? Waren einige der Fragen, die in der Ausstellung KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM von KünstlerInnen und KuratorInnen gestellt wurden.
Die TeilnehmerInnen des Literaturfrühstücks im Februar traten in den Dialog und beschäftigten sich mit den Fragen: Was ist privat? Was ist öffentlich? Wem gehört der öffentliche Raum und ist nicht auch dieser ein zivilisierter und daher artifizieller Raum im Gegensatz zur freien (nicht durch Menschenhand gestalteten oder veränderten) Natur?
„Der öffentliche Raum ist kein Freiraum, er sollte jedoch frei von Willkür sein“, meint Martin Fritz (Merz Akademie, Stuttgart) in seinem Statement.
Neben dem Sichtbarmachen von Selbstverständlichem der Kunst im öffentlichen Raum, dem Aufzeigen von Aneignungsprozessen sowie von Spuren der Zeit, stand die gegenwärtige Kontextualisierung der Arbeiten im Vordergrund.
Claudia Büttner (Freie Kuratorin aus München) stellte Fragen an die Künstler: Bist du Teil davon? „Wenn die Kunst einen Platz in der Öffentlichkeit beansprucht, dann indem ihre ProduzentInnen den gesellschaftlichen Verhandlungsspielraum anerkennen. Denn sie konkurrieren mit Stadtmöblierung, Werbung und kommerziellen Events um Straßen und Plätze. Mit Plakaten, Fotografie, Licht, Design und Installationen, mischen sie sich in die Alltagswelt“. Künstler werden also Teil der Öffentlichkeit, indem sie sich Publikum in der Öffentlichkeit suchen und in einen kreativen Prozess treten, um auf die Gestaltung und Veränderung von gesellschaftlichen Strukturen hinzustreben. Außerdem soll das Interesse an Teilhabe in der Öffentlichkeit neu geweckt werden.
Bist du verantwortlich? hinterfragte Elisabeth Fiedler (Kunst im öffentlichen Raum, Steiermark): „Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher oder sozialer Schichten sowie von Kulturen in permanenter Auseinandersetzung ist ein Spannungsfeld, dessen wir uns bewusst sein und mit dem wir umgehen müssen“.
Statements, Dokumentationen und Textbeiträge führten zu einem anregenden Dialog zwischen Autorinnen und Autoren und BildhauerInnen. Die verschiedenen Themenbereiche inspirierten zu Gedichten, Reflexionen und einer Sprechperformance.

Dialog beim Literaturfrühstück des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes Februar 2018

Mit dabei die Bildhauerinnen Meina Schellander und Marianne Oberwelz, die Kärntner SchriftstellerInnen Christine Tidl, Maria Alraune Hoppe, Karin Prucha, Edgar Hättich, Christa Raich, Rosemarie Lederer und Projektleiter Alfred Woschitz.

Karin Prucha, Klagenfurt
Die Tage vergehen, sie zieht schwarz die Spur nach auf weißem Grund. Der schwarze Vogel im weißen Schnee. Leuchtet sichtbar in der weißen Weite. Schneller Atem, die Eistropfen im Gesicht. Der Hauch friert vor dem Mund und die Eiskristalle weben einen Schal. Die Farbe wird nicht frieren, mit all dem Frostschutz. Der Vogel steht synonym da, für all den Frost, die Eiseskälte in der Gesellschaft des kleinen Dorfes, das die ausgrenzt, die sich nicht an die Regeln halten. Der Dorfnarr, der Behinderte, die Frau mit den roten Haaren, der Junge mit dem Wunsch, Tänzer zu werden, das Mädchen, das mit Buben spielt, die Frau, die ihre Augen zu stark schminkt, blau, wie ihre Augen, zusammengeschlagen, der Journalist, der Wallraff spielt im alten Kohlewerk.
Die hamm doch alle an Vogel, die Deppaten da. Was wollns denn ? Weg mit ihnen ! Ausse ! Abholen !
Schneller wird sie, bevor das Schwarz ausgeht. Der Frostschutz, zugefügt im Warmen, im Hellen, im Weißen des Raumes. Jetzt wird das Schwarze zu Eis, im Schnee der vergangenen Tage. Eingefroren in der Helligkeit der Atemraubung, ihr Dickicht an Gefühlen mitgeschwärzt. […] Zurück ein kurzer Blick, kein Mensch zu sehen, sie fährt fort im Schwärzen, mit dem Eimer schüttet sie die Gefühle aus. Ins Weiß, holt tief Luft. Drüben über dem Berg wird der Himmel licht, die Nacht fließt ihre Dunkelheit in den beginnenden Morgen. Konzentriert und schnell arbeitet sie fertig, das Gefieder ist luftig, der Vogel möchte abheben.
Was ist schwarz, was ist weiß ? Was ist gut, was ist schlecht ? Und dann die einfachen Antworten auf die komplizierten Fragen, die sie in die Schwärze treiben, aber jetzt nicht mehr, nicht mehr.
Die schwarzen Farbreste glänzen auf ihrer Jacke, sie holt ihren Atem ein, der vor ihr friert, zurück zum Ufer, dem sie ihren Vogel hinterläßt, zehn Meter groß und breit. Atemholen. Ich habe es getan. Der Schal der Atemkristalle ist kalt, doch die Freiheit ist mit Leidenschaft geboren, noch vor dem Tag ! Der Weg ist hell genug, im weißen Licht des Mondes reflektiert die ausgeschobene Spur dunkel. Sie steigt über den Einstieg aus dem gefrorenen See mit ihren schwarzgefärbten Flügeln. (©Karin Prucha)

Christine Tidl (Seeboden, Kärnten)
Auf die Plätze, na mesta
Zu Füßen des Dichters, seiner Liebe zu Lulija und den Geschichten der Stadt, Musikanten und Gaukler auf dem Platz vor dem Denkmal. Junge Menschen im Sonnenschein zu beiden Seiten des Flusses. Wer ist von hier? Kdo je od tod? Hier wie dort Brücken über Gräben zum anderen Ufer. Drachen in Grünspann zeigen den Weg in die Altstadt, auf die Plätze, na mesta. Kunstvoll der Garten im Ziehbrunnenhof. Rosengirlanden auf Leinwand gemalt warten auf Leben durch Nadel und Garn. Liegen noch Schatten auf alten Fassaden, erhellt sich der Himmel über der Burg. Fremde dort im Café, beobachtet Mirko, erinnert sich manch früher Sätze. Ich bin Mirko. Wer bist du? Jaz sem Mirko. Kdo ti si? Das deutsche Zeitung!
Wohin jetzt? Kam pa zdaj? Bunt ist das Treiben drüben am Markt.
Die Frau beim Gemüsestand greift in den Bottich. Sauer die Rüben. Eine Handvoll. Kein Wort. Sie zeigt auf den Preis. „Koroška?“ In den weichen Lauten, im Singsang der Sprache die Melodie meiner Heimat. Ich nicke: „Celovec!“ Wir lächeln uns zu. Alte Bekannte.
(©Christine Tidl, Feber 2018)

KUNST MUSS, meint der bildende Künstler Wendelin Pressl aus Wien, der die Plakatständer mit den Pfeilen in der Ausstellung und im Goethepark installiert hat und so die öffentliche Parkanlage zwischen Künstlerhaus und dem Haus der Architektur Klagenfurt zu einem KUNST-Raum umgewandelt hat.
„Was für Kunst gilt, kommt mir vor, gilt für Kunst im öffentlichen Raum noch viel mehr. Weil die Schwelle niedriger ist, ja beinahe fehlt, weil sie näher an die BetrachterInnen kommt…eine Kunst für alle“. (Wendelin Pressl)

Edgar Hättich (Klagenfurt)

PFEILE
Jedenfalls richtungsweisend
gut ausgerichtet
dem Pfeil folgen
aufrecht immer
eben richtig
aufrichtig
zeigt in richtige richtung
zum richtfest der richtigen
sich an ihnen aufrichten
schiedsrichter
richtung verloren
richtungslos
in die zielgerade

© Edgar Hättich

Auch Maria Alraune Hoppe (Klagenfurt) reagierte spontan in ihrer Sprachperformance auf die Plakatständer mit den großen schwarzen Pfeilen, die maßgeblich den Charakter und die Wahrnehmung der Ausstellung im und um das Künstlerhaus beeinflussten.


Rosemarie Lederer (Klagenfurt)
Drop sculteres

Aufgestellt im Raum
Öffentlich
Fragestellung
Nutzungsfrage
Kunst
Sich selbst genügend
Und verrückbar
Austauschbar
Und doch
Knotenpunkt
Und Angelhaken
An den der Blick
Sich hängt
Und dich drängt
Zum Innehalten
Aufgestellt
Im öffentlichen Raum
Und kaum
Zu übersehen
Irritierend
Und verwirrend
Drängt sich auf
Und
Mischt sich ein

Bin ich von hier?

Bin ich von hier
Oder doch nur zugezogen
Hierher verfrachtet
Ungeachtet
Meiner Kindheitsräume
Bin ich eigen
Oder fremd
Im fremden Raum
Hab´ ich mein Fremdes
Hier verortet
Hier im Raum
Den andere „eigen“ nennen
Und beharren
Auf ihr Eigentum
Hab´ ich vermischt
Sprache und Kultur
Geöffnet
Einen neuen Raum
Im Miteinander

Was hast du dagegen?

Du
Der festsitzt auf dem Stuhl der Sattheit
Den nicht hungert
Nach dem Ungesagten
Kaum Gefragten
Was hast du dagegen
Sag
Rede
Streite
Schrei
Auf die Plätze
Achtung
Fertig
Los
Nichts ist festgeschrieben
Hier im öffentlichen Raum
Den wir teilen
Und verweilen
Um die Spur der Zeit zu lesen
Und den Wandel der Gesinnung
Und das Totgeschwieg’ ne
Sichtbar machen
Was hast du dagegen
Komm
Und sieh

©Rosemarie Lederer

Alfred Woschitz (Wien und Kärnten) stellte sein Projekt vor: THE CHLEBNIKOV PROJECT (welches er über den russischen Futuristen Velimir Chlebnikov zusammen mit Josef KA, Chris Haderer als Work in Progress gestaltet):

Der Mann auf dem Zugdach
„Heute gehe ich wieder

Dorthin – aufs Leben, auf die Auktion, auf den Markt,

und das Heer der Lieder führe ich.“
(Velimir Chlebnikov, Aurelia)

Es war einmal ein Mann, der saß auf einem Zug. Mit rußigem Dampf in den Augen ließ er Moskau hinter sich; es war Frühling, er wollte in den Süden. Jahre später kehrte Viktor Vladímirovič Chlebnikov zurück, krank, gezeichnet und bald schon tot. Das war im Jahr 1922. „Velimir Chlebnikov war zwei Jahre unterwegs, er machte mit unserer Armee alle Rückzüge und Vormärsche in Persien mit, bekam einen Typhus nach dem anderen. Diesen Winter kam er zurück, im Waggon für Epileptiker, überanstrengt und abgerissen, in einem Krankenkittel“ schrieb Vladimir Majakovskij nach seinem Tod. „Auf seinen Reisen machte er sich aus Manuskripten ein Kissen, auf diesem Kopfkissen schlief der Reisende Chlevbnikov, und dann verlor er das Kissen.“ Von seiner letzten Reise, so Majakovskij, brachte er keine einzige Zeile mit.
Am Ende von Chlebnikovs Texten stand eine neue Poesie; eine Evolution der Sprache, der (misslungene) Versuch das Leben an einer Sternenmathematik festzumachen. Aber da war auch noch der Visionär Chlebnikov, der mit der „Zukunft des Radios“ schon das globale Dorf vorwegnahm und der in Kriegen lieber „Traumwaffen“ zum Einsatz gebracht hätte als scharfe Munition. „Chlebnikovs Ruhm als Dichter ist unermesslich viel geringer als seine Bedeutung“, schrieb Vladimir Majakovskij. „Von den hundert, die ihn gelesen haben, nannten ihn fünfzig einfach einen Graphomanen, vierzig haben ihn als Unterhaltung gelesen und sich gewundert, weshalb sie von all dem keine Unterhaltung hatten, und nur zehn (die Futuristen-Dichter, die Philosophen des „Opojaz“) kannten und liebten diesen Kolumbus neuer poetischer Kontinente, die jetzt von uns besiedelt und urbar gemacht werden.“
Das work-in-progress-Projekt unter der Leitung von Alfred Woschitz mit Beteiligung der russischen Performance-Künstlerin Josef Ka und des Filmemachers und Autors Chris Haderer folgt diesem „Kolumbus neuer poetischer Kontinente“, vermisst sie neu und stellte den Bezug zu einer Gegenwart her, die uns selbst noch zu wenig bekannt ist.(Alfred Woschitz)

www.lunaSteam.com/rosta.html

WIR UND DIE HÄUSER (Vladímirovič Chlebnikov)
„Häuser werden nach der bekannten Regel für Kanonen errichtet: Man nehme ein Loch und gieße einen Mantel aus Gusseisen herum. Und ebenso wird ein Plan genommen und mit Stein ausgefüllt, d.h. sie multiplizieren das Grundverhältnis zwischen Stein und leerem Raum mit einer negativen Größe, weshalb zu den hässlichsten Gebäuden oft die schönsten Pläne gehören. Das muss ein Ende haben.
Nur wenigen ist bisher aufgefallen, dass die Überlassung der Straßen an die Habgier- und Dummheitsbünde der Hausbesitzer und das Recht, sie Häuser bauen zu lassen, bedeuten, sein Leben schuldlos in Einzelhaft zu verbringen.“

Fotos © russwurm-photography

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