Monat: März 2020

Wir werden wie Crusoe

Gastbeitrag von Peter Wawerzynek aus der roten Zone in Rom

Alle Räder stehen still, weil Corona es so will. Vor zwei Tagen sind wir noch ausgebüxt und ins Zentrum gelaufen, um die Leere am Trevi-Brunnen zu genießen. Vorbei: Herumstromern und Spazierengehen verboten. Demnächst wird das wohl auch in Deutschland per Dekret durchgesetzt werden. Die Völker Europas unterm Coronabogen. Überall die gleichen Gebote und Maßnahmen gegen das Virus als gemeinsamen Feind. Vorbei die Zeiten der festen Gewohnheiten. Man umarmt sich in Italien nicht mehr, hält einen Meter Abstand, knurrt und bellt, wenn jemand zu nahe kommt.

Wir Gäste der Villa Massimo sitzen in der roten Zone fest. Schneller als gedacht, beruhigen wir die Lieben daheim, wird es in ganz Deutschland wie hier in Rom zugehen. »VillArrest CoROMa« schreibe ich mit blutroter Tinte auf mein Tagebuch und notiere hinter den Mauern der Residenz, dass Bus oder Bahn nur noch fährt, wer das unbedingt muss. Der Rest läuft zu Fuß auf kürzestem Weg durch menschenleere Gegenden. Alle Läden, die nicht Lebensmittel verkaufen, sind dicht, auch Restaurants und Bars. Wir schleppen ein Papier mit uns herum: Name, Wohnort und zuständige Person für den Notfall. Auf Nachfrage der Polizei ist das zu zücken. Und man wird kontrolliert, muss mit Geldstrafen rechnen und damit, zum Zwangstest mitgenommen zu werden.

Alle, die für kürzere Besuche in der Villa waren, sind rechtzeitig vor Einstellung des Flugverkehrs abgereist. Die Angestellten arbeiten von zu Hause aus, ohne Verdienstausfall. Sie üben auf engstem Raum Familienleben. Nur die Chefin ist noch bei uns, als Kapitänin an Bord. Wir hocken in unseren Studios und waschen die Hände, um uns vor uns selbst zu schützen. Die ewige Stadt ist so fern. Einmal am Tag treffen wir Stipendiaten uns im Garten mit reichlich Abstand zueinander, um das Neuste zu besprechen. Es ist stiller geworden, sagt einer. Es fliegen deutlich weniger Verkehrsmaschinen, vielleicht bald keine mehr, über das Gelände der Villa hinweg. Nur noch dieser Hubschrauber da, der den Tag lang schon über uns kreist.

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Wir treffen uns jetzt täglich, sitzen beisammen, trinken Kaffee, essen Kuchen, Kekse, tauschen Neuigkeiten aus. Es ist keine Pflicht, aber gut, um zu sehen, wie die anderen so drauf sind, wer von uns nicht da ist, was los sein könnte. Gestern wurde mit viel Beifall jene Familie begrüßt, die nun nach vierzehn Tagen Quarantäne wieder unter uns weilen darf. Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Alles gut verlaufen. Einkauf und sonstige Besorgungen wurden durch andere Stipendiaten perfekt abgewickelt. Es hat ihnen an nichts gefehlt, außer eben an Spaziergängen hinaus, in die Parks, durch Straßen und Gassen, zu Plätzen und Freunden, solche Sachen eben.

Der Vater sagt, er habe als Komponist eine überaus glückliche Phase erlebt, so ungestört, ganz wunderbar komponieren können. Die Ideen, die ihm gekommen seien – unersetzbar. Um einiges kostbarer und enger schien ihm das Familienleben abzulaufen. Die Gelassenheit, die sie umfing. Ob wir es mitbekommen hätten, mittags, zwölf Uhr? Was denn nur? Die Römer auf ihren Balkons, auf die sie hinaustreten und sofort zu singen beginnen. »Azzurro!« Wär’s doch das ganze Jahr lang so, Sommer mit blauem Himmel, müsste man sich nicht so plagen, hätte genug Freizeit, um beieinander zu sein. Könnt’ ich in aller Ruhe und voll Erwartung mich auf dich freuen! »Azzurro« – das ist in jenem Moment die Welt für alle Sänger, die in den letzten Tagen gemerkt haben, wie schlimm es für sie ist, nicht bei den Lieben zu sein. Nur Anrufe, Mails, Wünsche, Sehnen, Hoffen, Daumendrücken.

Wir haben uns den Text des Liedes ausgedruckt und sind, weil es sich bis zu uns herumgesprochen hat, dass noch einmal gesungen wird, um achtzehn Uhr auf dem Balkon der Chefin der Villa zusammengekommen, haben laut und befreit gesungen. Ich träume von langen Ferien mit weiten Reisen irgendwo hin, mit nur einem Koffer, Pyjamas und genügend Geld darin. Doch bis das wieder wahr wird, wollen wir froh und glücklich beisammen die harten Prüfungen in Balkonien verbringen.

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Wir leben und arbeiten hier in zehn Studios. Etwas entfernt von uns steht das schmale Haupthaus, in ihm sind die Büros, und in besseren Zeiten wirbeln hier zig Mitarbeiter herum. Lieferanten, Kurzbesucher, Gäste, Römer, Ehemalige, Haushandwerker, Gärtner gehen ein und aus. Jetzt nicht mehr. Jetzt gibt es dort nur noch einen Praktikanten, den Mann für alles und die Chefin.

Die Bewohnerin von Studio Nummer eins war zu der Zeit, als Italien gesperrt wurde, in Berlin. Sie meint, Anfang April wieder bei uns zu sein. Wir lassen sie in diesem irren Glauben. Wir haben uns aus ihrem Kühlschrank bedient, ihre Pflanzen zu uns genommen. Die zwei von Nummer fünf sind gestern in aller Herrgottsfrühe mit ihren Fahrrädern ins leere Rom geradelt, angezogen wie Sportler beim Training, zur Tarnung. Sie wurden zeitweise von fünf Polizisten begleitet. Was sie uns von der entvölkerten Metropole zu berichten hätten, wollen wir wissen. Alles sehr gespenstisch, die touristischen Stätten verwaist, nur noch Obdachlose in den Straßen, sonst niemand weiter zu sehen. Ob sie ihre Dokumente vorzeigen mussten? Name, Geburtsort, Herkunftsland, Wohnort in Rom, Telefonnummern, Mailadresse, erreichbare Kontaktpersonen. Mussten sie nicht, hatten sie aber brav dabei, wie wir alle, von der Deutschen Botschaft dazu verdonnert.

Einkaufen dürfen wir, aber immer nur eine Person und in der nächstliegenden Einrichtung. Andrea und ich sind trotzdem zu zweit los und statt dessen in den nahen Markt gegangen. Solange er noch geöffnet hat. Unendlich viel Zeit damit zugebracht, in einer superlangen Schlange in Riesenabständen zu stehen. Glück für uns, die kleine Markthalle. Polizei und Aufpasser auch dort allgegenwärtig. Gehen richtig dazwischen, fordern die Leute auf, Abstand zu halten. Am Stand die Nummer ziehen, nichts anfassen, nur drauf zeigen, sich vom Personal bedienen lassen.

Am Abend haben wir dann ein Essen gegeben, den Praktikanten aus Nummer drei, den Komponisten aus Nummer vier und die Nummer fünf ebenfalls eingeladen, weil sie allein in ihren Studios hocken, im Vergleich zu uns die härteren Lebensprüfungen durchstehen müssen. Es gab Kohlrouladen, für die Vegetarier Linsensuppe mit Ingwer. Wir haben über alles gesprochen, auch darüber, wie es danach sein wird. Einhellige Zustimmung erhielt ich für den Satz: Es gibt kein nach Corona, weil es kein vor Corona gegeben hat.

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Ich schicke E-Mails herum, an Freunde, Bekannte, Verwandte, Kollegen. Sie sagen, ich hielte mich im goldenen Käfig auf, Umstände und Bedingungen seien bestens für mich, genügend Zeit da zu schreiben. Das alles mit Blick auf Bäume. Sie dagegen könnten es sich nicht so gutgehen lassen und fürchten, dass die Menschen recht bald durchzudrehen begännen.

Unser Mann für alles geht jeden Tag hinaus, um die Zeitungen zu holen. Ich lese sie, wie all die Tage vorher auch schon, im Raum neben seinem Büro. Er sagt, es werde für ihn immer unerträglicher, die Römer in Gummihandschuhen und mit diesen Binden im Gesicht zu sehen. Manche zu groß, andere verkehrt herum umgebunden, mit verdrehten und über Kreuz gelegten Bändern, die ihre Ohren wie bei jungen Hunden nach vorne knicken. Die sonst so lustigen, verquasselten Italiener, jetzt stehen sie meterweit auseinander vor den Lebensmittelzentren und wirken so deprimiert. So langsam sickert die Erkenntnis durch, dass alles noch sehr viel länger dauern wird. Für die Kinder ist Schule in der Familie daheim. Kaum Zeit dafür vorhanden, sich aufeinander einzuspielen. Haufenweise Probleme, und man kann sich nicht aus dem Wege gehen. Schon steigen die Scheidungsraten weltweit an. Wie soll das alles nur enden?

Ich möchte wissen, was zu Hause los ist. Ich frage bei meinem Verlag an, wie es so zugeht, wenn Buchhandlungen schließen, die Vertreter nicht mehr herumreisen, von ihren Schreibtischen aus virtuell arbeiten müssen. Weil doch mein Leben hier in der Quarantäne-Villa in gewohnten Bahnen abläuft. Alles wie gehabt. Ich wache auf, schreibe drauflos, halte Mittag, lese Erich Mühsams Gefängnistagebücher, lege mich kurz hin, arbeite weiter. Schon ist es Abend. Wir kommen auf der großen Terrasse zusammen, singen Balkonlieder, tauschen Neuigkeiten aus. Das funktioniert und erinnert alles doch eher an Zoogehege, nur eben ohne Besucher. Letzte Nachricht. Roms Spanische Treppe wird für Filmaufnahmen in England nachgebaut, was schon eine teure Sache ist, aber deutlich günstiger, als die Arbeit auf Monate zu verschieben. So einfach geht das.

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Um es einmal deutlich auszudrücken, und ich spreche da sicherlich im Namen aller Anwesenden, wir sind unter uns und in der Villa Massimo gut aufgehoben. Mitten in Rom leben wir abgeschottet von der Stadt. Wir bekommen weiterhin die Stipendien ausgezahlt. Wir können arbeiten und uns auf dem Gelände frei bewegen. Wir halten untereinander solidarischen Kontakt. Jeden Tag werden wir über aktuellste Entwicklungen informiert. Heute war die Familienzusammenführung das große Thema. Zwei Stipendiaten möchten in diesen Zeiten lieber mit ihren Lebenspartnern zusammen sein. Ob es Einwände gibt, wurden wir reihum gefragt. Natürlich sprachen sich alle dafür aus. Und so werden sie also demnächst zu uns stoßen und unter Wahrung der üblichen Sicherheitsgebote mit uns unter einem Dach wohnen.

Wie sich die Dinge entwickeln werden, kann man nicht sagen. Termine werden verschoben, immer wieder sehen wir unsere Vorhersagen von unerwarteten Vorgängen ad absurdum geführt und als hinfällig entkräftet. Die Realität übertrifft sich selbst. Die Amerikanische Akademie, heißt es im Garten der Villa, schickt ihre Stipendiaten nach Hause. Betroffenes Schweigen am großen Tisch. Unsere Aufenthaltsdauer endet in gut drei Monaten. Dann fahren wir nach Hause, und die Villa bereitet sich auf die Neuen vor. Was aber, wenn es, wie so oft, wieder ganz anders kommt? Wenn die Neuen nicht nach Rom einreisen dürfen, man uns einfach nicht aus Italien rauslassen will?

Unsere Vorhaben für die nahe Zukunft werden zu Papier und von der Realität geschreddert. Niemand von uns will absichtlich den Teufel an die Wand malen, doch der Rotstift, mit dem unsere Pläne, Ziele, Absichten durchkreuzt werden, ist der, mit dem man Beelzebub die Hörner pinselt. Je intensiver ich mich so hineinsteigere, desto seltsamer erscheint mir der Anfang meines gerade geschriebenen Textes. Um es einmal deutlich auszudrücken, und ich spreche da sicherlich im Namen aller Anwesenden, wir sind unter uns und in der Villa Massimo gut aufgehoben.

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Die Leinwand ist unser neuester Einfall. Am Abend laufen die ersten Tests. Danach wird sie oberhalb der langen Terrasse aufgebaut, gesichert und bespielt. Wir haben einen super Platz ausgesucht – sehr weit einsehbar. Für maximal eine halbe Stunde präsentieren wir uns nacheinander auf dieser Schauwand, damit die Leute sehen, was wir so tun. Nummer fünf würde die Leinwand am liebsten live bemalen, Nummer zwei ein Sinfonieorchester auftreten lassen oder am Flügel ein Solokonzert geben. Das Piano über die hellen Kieselsteine dorthinzuwuchten ist allerdings schier unmöglich. Dann also doch eher Maul- oder Blechtrommel, Mundharmonika und Blockflöte. Ich selbst würde die Kieselsteinteppiche auf den Wegen auf unserem Villagelände zu gern zerstören. Juckt mich schon lange in den Fingern. Mit den Stöcken, die der Sohn des Komponisten, Paul, gesammelt hat. Die eignen sich bestens dafür, richtige Wäschestangen sind das. Oder gleich mit dem Spaten brutale Furchen ziehen, so richtig wüten und mich dabei filmen lassen. Dem Frust freien Lauf lassen. Vielleicht werde ich auch einen Text hinlegen. So eine Art Aufruf, Hilfeschrei, Slogan, der meiner wilden Spontanaktion Sinn verleiht. Die einen lachen über meine Idee, die anderen fragen, was bitte die Kieselsteine dafür können. Ich mache die War-nur-so-ein-Gedanke-Geste. Wir sind hier schließlich für unbestimmte Zeit aufeinander angewiesen, sitzen alle im selben Boot und treiben hoffentlich nicht auf dem Coronazonas einem Wasserfall entgegen. Die Leinwand ist unsere Funkstation, vielleicht sollte ich ein letztes SOS senden? Und obwohl ich selbst dazugehöre, unterschreibe ich statt dessen Hilfsaufrufe für bedrohte Kollegen. Eine Mail stimmt mich richtig froh. Mein Verlag will mir ein Buchpaket nach Rom schicken. Na endlich, denke ich, so langsam schnallen die in Berlin, worum es geht.

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Jeder Tag ein Sonntag. Wie auf dem Lande. Keine Autos zu hören, die deine Ruhe stören. Herrlicher Sonnenschein, beinahe Windstille. Was uns nicht erspart bleibt, ist der über allem kreisende Hubschrauber. Taucht unvermittelt auf, ist bedrohlich lange da und verschwindet übelgelaunt wie ein erhobener Lehrerzeigefinger. Zwei Kinder sind in der uns auferlegten Idylle unser einziges Unterhaltungsprogramm. Sie fühlen sich völlig unbeobachtet, kichern sorglos. Sie streiten sich kurz, vertragen sich rasch, lachen, summen und toben auf irgendeinem Balkon. Die Bäume davor sorgen dafür, dass wir sie nicht sehen, nur als tolles Hörerlebnis wahrnehmen.

Am Abend dann sind wir bereit, das Lied des Tages mitzusingen. Achtzehn Uhr verstreicht. Nicht ein Mucks. Es ist so seltsam wie unerhört. Sie singen nicht mehr von ihren Balkonen. Fragt man sich prompt, was mag der Grund dafür sein? Ist jemand gestorben, etwas passiert, wovon wir nichts wissen, oder wird im Block gegenüber unter den Anwohnern ein Ereignis begangen, das Schweigen gebietet? Sind sie alle weggezogen, die Häuser verwaist, und nur wir haben es noch nicht bemerkt? Wir lassen das Abendlied aus unserer Box halblaut erschallen und sitzen verloren in der Gegend herum. Auch später ist kein Mucks von draußen zu hören, nicht ein zaghafter Sangeston. Einzig das dumpfe Brummen einer wuchtigen Flugmaschine mit vier Propellern. Der fliegende Ruhestörer ähnelt einem dieser Rosinenbomber damals in Berlin. Geschichtswissen. Luftbrückenversorgung und so.

Wir gehen wortkarg auseinander und jeder für sich die eigenen Dinge an. Wer in der Nacht erwacht, den erschreckt die Stille. Du trittst zur Tür hinaus und empfängst sie mit süßer Schärfe. Die Disco von nebenan hat ausgedient, statt dessen Grabesstille. Bis endlich ein einzelnes Fahrzeug die Lautlosigkeit stört, durch sie hindurch fährt. Du atmest auf und legst dich wieder hin. Die Fenster offen, freust du dich auf das Zwitschern der frühen Vögel, die irgendwie lebhafter als üblich zu Werke gehen.

Entwurf

Der Aufenthalt auf dem Villagelände nimmt Züge von Inselleben an, wird zur Robinsonade. Im sicheren Fort hinter Palisaden erklimmen wir ab und an den Hügel und schauen durchs Fernrohr. Da ist nichts weiter zu erspähen, als die beiden trügerischen Blaus von Wasser und Himmel. Der kurze Gang zum Supermarkt ist unser Strandbesuch. Jeder darf für kurz in die Gegend stieren, niemand baden, sich sonnen, nichts. Und blinkte am Horizon ein Segel, so keimte bei allen die Hoffnung auf, es werde gleich Schluss sein, man selber heimgeholt. Der treue Papagei hockt einem jeden auf der Seele und hört längst nicht mehr auf den Namen Freitag. Er will Incertezza (Ungewissheit) gerufen werden. Und obendrein ist noch Frühlingsanfang. Viele Möwen fliegen frei herum, scheißen uns mit neusten Nachrichten zu. Vermengt mit sich widersprechenden Gerüchten und Vermutungen prasseln Exkremente auf uns ein, die ausreichen würden, eine ganze Zeitung zu füllen. Wir müssen kühlen Kopf bewahren und setzen auf Normalität. Wir haben den Umstand zu ignorieren, dass wir Gestrandete und gefangen sind, nicht abhauen können. Also begnügen wir uns mit täglicher Routine, um uns von diesem Fakt abzulenken. Zum Tagesablauf gehört, dass wir uns regelmäßig treffen und Informationen zur Infektion austauschen. Nummer sieben traut sich nicht mehr zum Einkaufen hinaus. Das erledigen wir für sie. Die Reinigungsfrauen, heißt es, werden gestern das letzte Mal hier gewesen sein. Das macht uns alle deutlich Crusoer als so schon. Noch habe ich keine Angst vor meinem Spiegelbild. Noch denke ich nicht von ihm, es könnte mich anstecken, wenn wir uns nahekommen. Doch ab und an erwische ich mich dabei, Augenfarbe und Hautbeschaffenheit zu überprüfen, ob schon Anzeichen auszumachen sind, die vielleicht eine Sonderform von Ansteckung darstellen. Ich finde natürlich nichts und attestiere mir weder Fieber, noch bedenkliches Kratzen im Hals. Da ist nur dieses seltsam optimistische Lächeln in meinem Gesicht, von dem ich häufiger meine, es wäre aufgesetzt, soll mich täuschen und in Sicherheit wiegen. Schon springt dieser Geistesblitz von meinem Spiegelbild aus auf mich über. Ich weiß nicht mehr zu sagen, wer von uns beiden das Sagen hat. Mag sein, das alles rührt vom Film Joker her, den wir uns in der Nacht angesehen haben. Da weiß man ja auch nie genau, was Einbildung ist und Wirklichkeit. Solch ein irrer Wechsel von Realität zu Wahnvorstellung und retour bestimmt allmählich auch unser Leben hier, möchte ich sagen, nur drückt eine dritte Hand mir hinterrücks den Mund zu.

Ausführung

Der Aufenthalt auf dem Villagelände hat etwas von Inselleben, wird zur Robinsonade. Hinter Palisaden erklimmen wir ab und an den Hügel und schauen durchs Fernrohr. Da ist nichts weiter zu erspähen, als die beiden trügerischen Blaus von Wasser und Himmel. Der kurze Gang zum Supermarkt ist unser Strandbesuch. Jeder darf für kurz in die Gegend stieren, niemand baden, sich sonnen, nichts. Und blinkte am Horizont ein Segel, so keimte bei allen die Hoffnung auf, es werde gleich Schluss sein, man werde heimgeholt. Der treue Papagei hockt einem jeden auf der Seele und hört längst nicht mehr auf den Namen Freitag. Er will Incertezza (Ungewissheit) gerufen werden.

Obendrein ist noch Frühlingsanfang. Viele Möwen fliegen frei herum, scheißen uns mit neusten Nachrichten zu. Vermengt mit sich widersprechenden Gerüchten und Vermutungen prasseln Exkremente auf uns ein, die ausreichen würden, eine ganze Zeitung zu füllen. Wir müssen kühlen Kopf bewahren und setzen auf Normalität. Wir haben den Umstand zu ignorieren, dass wir Gestrandete und gefangen sind, nicht abhauen können. Also begnügen wir uns mit täglicher Routine, um uns abzulenken. Zum Tagesablauf gehört, dass wir uns regelmäßig treffen und Informationen austauschen. Nummer sieben traut sich nicht mehr zum Einkaufen hinaus. Das erledigen wir für sie. Die Reinigungsfrauen, heißt es, werden gestern das letzte Mal hier gewesen sein. Wir werden wie Crusoe. Noch habe ich keine Angst vor meinem Spiegelbild. Noch denke ich nicht, es könnte mich anstecken, wenn wir uns zu nahe kommen.

Doch ab und an erwische ich mich dabei, Augen und Hautbeschaffenheit zu überprüfen, ob schon Anzeichen einer Ansteckung auszumachen sind. Ich finde natürlich nichts und habe weder Fieber noch bedenkliches Kratzen im Hals. Da ist nur dieses seltsam optimistische Lächeln in meinem Gesicht, von dem ich häufiger meine, es wäre aufgesetzt – es soll mich täuschen und in Sicherheit wiegen. Ich weiß nicht mehr zu sagen, wer von uns beiden das Sagen hat. Mag sein, diese Gedanken rühren vom Film »Joker« her, den wir uns in der Nacht angesehen haben. Bei dem weiß man ja auch nie genau, was Einbildung ist und was Wirklichkeit. Solch ein irrer Wechsel bestimmt allmählich auch unser Leben hier, möchte ich sagen. Nur drückt eine dritte Hand mir hinterrücks den Mund zu.

©Peter Wawerzynek, derzeit auf einem Literaturstipendium in der Villa Massimo in Rom.

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Die COVID-19 Krise aus einer Global Citizenship Perspektive

Gastbeitrag von Werner Wintersteiner

Die Natur beherrschen? Der Mensch ist noch nicht einmal in der Lage, seine eigene Natur unter Kontrolle zu haben, deren Narrheit ihn dazu treibt, die Natur zu beherrschen und dabei die Beherrschung seiner selbst zu verlieren. […] Er kann Viren vernichten, doch ist er neuen Viren gegenüber machtlos, sie widerstehen seinen Zerstörungsversuchen, verwandeln und erneuern sich … Selbst bezüglich der Bakterien und Viren muß er mit dem Leben und mit der Natur verhandeln und wird das auch weiterhin müssen. (Edgar Morin)1 

Das Virus führt uns den Zustand der Welt vor Augen. (Steve McQueen)2

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Mit dem nationalen Tunnelblick 

Eine Global Citizenship Perspektive einzunehmen – das meint nicht den allumfassenden „Weltbürgerstandpunkt“, den gibt es nämlich gar nicht, sondern es bedeutet, über den nationalen Denkrahmen hinaus die Verbindungen und Verflechtungen wahrzunehmen und dem „Reflex“ des Nationalismus, des Lokalpatriotismus und des Gruppenegoismus zumindest bei der Wahrnehmung Widerstand zu leisten. Es bedeutet ferner, auch beim Urteilen und Handeln die Haltung „America first, Europe first, Austria first usw.“ zu überwinden und sich an der Leitidee der globalen Gerechtigkeit zu orientieren. Das wird nur ansatzweise gelingen, und auch nur durch permanente Selbstbeobachtung und selbstkritisches Überschreiten des vorherrschenden eurozentrischen Denkrahmens. 

Dass das noch nie leicht war, dazu eine literarische Illustration – das Theaterstück Der Weltuntergang (1936) des österreichischen Dichters Jura Soyfer. Vor dem Hintergrund des Aufstiegs des Nationalsozialismus zeichnet er ein Szenario der absoluten Bedrohlung – nämlich die Gefahr der Auslöschung der Menschheit. Doch wie reagieren die Menschen? Es lassen sich drei Phasen ablesen: Die erste Reaktion ist Leugnung, dann kommt die Panik, und schließlich eine (wenig rationale) Aktivität um jeden Preis.3 Zunächst glauben die Politiker den Warnungen der Wissenschaft nicht. Als sich die Katastrophe aber unleugbar nähert, ist keinerlei Solidarität zu bemerken, um gemeinsam die Gefahr vielleicht doch noch abzuwenden. Weder zwischen den Staaten, noch innerhalb der einzelnen Gesellschaften. Vielmehr schlagen die Reichsten noch einmal Profit aus der Situation, in dem sie eine „Weltuntergangsanleihe“ auflegen und in ein sündteures Raumschiff investieren, um sich individuell zu retten. Das Stück ist ein indirekter, aber sehr eindringlicher Appell an die globale Solidarität. 

Heute ist natürlich alles ganz anders. Die COVID-19 Krise ist kein Weltuntergang, und nicht nur in Österreich ist die Regierung bemüht, die Auswirkungen sozial und was die Generationen betrifft halbwegs gerecht abzufedern und alle Maßnahmen zu ergreifen, die geboten scheinen, um die Ausbreitung des Virus so weit zu verlangsamen, dass inzwischen Gegenkräfte aufgebaut werden können. Es wäre hochmütig und verfehlt, an jedem einzelnen Schritt der Regierung beckmesserische Kritik zu üben oder sich von einem Generalverdacht gegen „die da oben“ leiten zu lassen. Allerdings dürfen wir gerade in einer Ausnahmesituation wie dieser nicht gänzlich in der Bewältigung des Alltags aufgehen, sondern wir brauchen mehr denn je das kritische Beobachten und das kritische Denken.4 

Wir können uns zum Beispiel fragen: Ist wirklich alles ganz anders als im Stück von Jura Soyfer? Kennen wir die Verhaltensweisen, die der Dichter schildert – Leugnung, Panik, Aktionismus – nicht bereits von der Klimakrise? Wiederholen wir nun manchen Fehler, der bislang verhindert hat, dass wir den Klimawandel wirksam eindämmen? Vor allem: Wo bleibt die Solidarität der viel beschworenen „irdischen Schicksalsgemeinschaft“? 

Denn eines ist klar. Das Virus verbreitet sich global, und seine Bekämpfung würde globale Anstrengungen auf vielen Ebenen erfordern. Doch die Staaten reagieren weitgehend national. Schlimmer noch: Immer wieder siegt die (nationalistische) Ideologie über die Vernunft, manchmal selbst über die beschränkte ökonomische Vernunft. 

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  • 1 Edgar Morin/Anne Brigitte Kern: Heimatland Erde. Wien: Promedia 1999, S. 200. 
  • 2 Steve McQueen: „Wir schießen uns ins eigene Knie“. Im Gespräch mit Ivona Jelćić. In: Der Standard, 20. 3. 2020, S. 19. 
  • 3 Vgl. dazu auch den Hinweis auf den Soziologen Philipp Strong, der ganz ähnliche Verhaltensweisen in Krisen diagnostiziert hat, in: https://www.wired.com/story/opinion-we-should-deescalate-the-war-on-the-coronavirus/ 
  • 4 Gerade hat dazu zum Beispiel eine „Initiative Coview-19“ die Arbeit aufgenommen. 
  • 5 https://www.politico.com/news/2020/03/18/trump-pandemic-drumbeat-coronavirus-135392 
  • 6 Einen globalen Gesamtüberblick findet man in der NZZ vom 19. 3. 2020: https://www.nzz.ch/wissenschaft/coronavirus-weltweit-die-neusten-entwicklungen-nzz-ld.1534367 

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Ein „chinesisches Virus“? 

Der enge (nationale oder eurozentrische) Blick ist schon bei der Wahrnehmung des Problems selbst bemerkbar. Wochenlang, wenn nicht monatelang haben wir die Corona-Epidemie beobachten können, aber wir haben sie als chinesische Angelegenheit wahrgenommen, die uns nur peripher betrifft. Präsident Trump spricht heute noch ganz gezielt vom „Chinese Virus“, nachdem er es ursprünglich als „foreign virus“ tituliert hatte.5 Und erinnern wir uns an die ersten „Erklärungen“ für den Ausbruch der Krankheit – die fragwürdigen Essgewohnheiten der Chinesen und die schlechten sanitären Bedingungen auf den Wildmärkten. Der moralisierende und auch rassistische Unterton war nicht zu überhören. Erst als die Epidemie auf Italien übergesprungen ist, haben wir uns wieder erinnert, dass Globalisierung komplexe Verflechtung bedeutet – und eben nicht nur von Waren- und Kapitalströmen, sondern auch von Viren. Aber dass unsere Methoden der Massentierhaltung bereits mit einer gewissen Regelmäßigkeit Epidemien verursachen und eine noch wenig thematisierte, aber bereits jährlich tausendfach tödliche Resistenz von Bakterien gegen Antibiotika fördern, dass also unsere gesamte Lebensweise bestehende Risiken ins Globale steigert, das wollen wir auch jetzt noch nicht zur Kenntnis nehmen. 

„Rette sich, wer kann“ als Lösung? 

Leider hat sich gezeigt, was schon im Vorjahr anlässlich der erstmals wirklich weltweiten Diskussion über die Klimakrise zu bemerken war: Globale Gefährdungen bewirken nicht automatisch globale Solidarität. In jeder Krise reagieren wir prinzipiell, d.h. wenn wir nicht vorher andere Mechanismen aufgebaut haben, nicht nach dem Motto „zusammenhalten“, sondern nach der Maxime „Rette sich, wer kann, jede*r einzeln“. So ist es auch kein Wunder, dass die meisten Staaten Grenzschließungen als erste und probateste Maßnahme ansahen, um die Ausbreitung von Corona einzudämmen, ebenso wie die Bevorzugung der eigenen Landsleute bei Rücktransporten einer nationalistischen Logik folgt.6 Man wird sagen, dass Grenzschließungen eine vernünftige Entscheidung sind, denn die Gesundheitssysteme seien nun einmal national organisiert und es stehe auch gar kein anderes Instrumentarium zur Verfügung. Das ist richtig, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Wäre es, statt pauschaler Grenzsperren, nicht sinnvoller, betroffene „Regionen“ abzusperren, und zwar ausschließlich nach Maßgabe der gesundheitlichen Gefährdung, also durchaus auch grenzüberschreitend? Dass das derzeit nicht möglich ist, daran zeigt sich schließlich, wie unvollkommen unser internationales System ist. Wir haben globale Probleme erzeugt, aber keine Mechanismen für globale Lösungen. Es gibt die Weltgesundheitsorganisation WHO, aber sie hat nur sehr wenige Kompetenzen, ist finanziell von privaten Donors, darunter auch Pharmakonzernen, abhängig und ihre bisherige Rolle in der Corona-Krise ist umstritten. Und nicht einmal die Mitgliedstaaten der EU haben bisher ein funktionierendes gesamteuropäisches Gesundheitssystem aufbauen können. Deshalb reagieren wir wie bei der „Flüchtlingskrise“ – Abschottung. Aber es funktioniert halt bei einem Virus noch viel weniger als bei Menschen auf der Flucht. 

Der (nationale) Egoismus geht noch weiter. Ein besonderes Beispiel ist wohl der Fall der Tiroler Wintersportgebiete, vor allem Ischgl. Wie der Standard recherchiert hat, ist die Säumigkeit der Tiroler Tourismusindustrie und der Gesundheitsbehörden für dutzende Infektionen internationaler Skiurlauber*innen verantwortlich, was für einen Schneeballeffekt in etlichen Ländern sorgte. Trotz der Warnungen der Notärzt*innen, der isländischen Gesundheitsbehörden und des Robert-Koch-Instituts wurde weder der Skibetrieb sofort eingestellt noch wurden die Gäste in Ischgl isoliert. Standard Journalist Thomas Mayer ortet Gier und Systemmängel als Ursache für diese Katastrophe.7 „Man hat das Virus sehenden Auges aus Tirol in die Welt getragen. Es wäre überfällig, sich das einzugestehen und sich dafür zu entschuldigen“, meinte völlig zurecht ein Innsbrucker Hotelier.8 Er spricht damit vorbildlich die internationale Verantwortung Österreichs und damit die Idee der weltweiten Solidarität an. 

Wie negativ sich diese Haltung der nationalen Abschottung, die Österreich mitträgt, auf uns selbst auswirkt, ist in den Krisenwochen Mitte März 2020 sichtbar geworden: Das nach Protesten wieder aufgehobene deutsche Ausfuhrverbot für medizinisches Equipment hat eine Woche lang verhindert, dass dringend benötigtes und bereits bezahltes Material nach Österreich importiert werden darf.9 Diese mangelnde auch nur europäische Solidarität wurde in einer Schlagzeile so auf den Punkt gebracht: „China mit Italien solidarisch, Berlin nicht“.10 Noch gravierender ist die häusliche Pflege alter und kranker Menschen, bei der unser Land auf Pfleger*nnen aus EU-(Nachbar-)Staaten angewiesen ist. Doch diese können wegen der Grenzschließungen nicht mehr in gewohnter Weise ihren Turnus versehen. Inzwischen gibt es Bemühungen, den Handel innerhalb der EU mit medizinischer Ausrüstung wieder voll zu liberalisieren und zugleich die Ausfuhr aus der Union einzuschränken.11

Ein Lernprozess? Vielleicht. Doch ist das nicht in letzter Konsequenz statt eines nationalen ein europäischer Egoismus? 

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  • 7 Der Standard online, 15. 3. 2020 
  • 8 Steffen Arora, Laurin Lorenz, Fabian Sommavilla in: Der Standard online, 17.3.2020. 
  • 9 https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/oesterreich/2054840-Deutschland-genehmigte-Ausfuhr-von-Schutzausruestung.html 
  • 10 Die Presse, 14. 3. 2020 in Bezug auf das deutsche Exportverbot für medizinische Schutzausrüstung. 
  • 11 NZZ, 17. 3. 2020. 

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Ein besonders krasses Beispiel ist die Situation auf der irischen Insel, wo – solange der Brexit noch nicht vollständig vollzogen ist – die Grenze zwischen der Republik und dem britischen Nordirland im Alltag nicht spürbar ist. Corona hat das drastisch geändert. Denn während Dublin, wie die meisten EU Staaten, strenge Kontaktbeschränkungen einführte, hielt Großbritanniens Premier Boris Johnson dies die längste Zeit nicht nötig (Ideologie der „Herdenimmunität“) und ließ die Schulen geöffnet, auch in Nordirland. Dies veranlasste den ORF-Korrespondenten zu folgendem Kommentar: „Es geht einmal mehr darum zu zeigen, wie britisch man ist. […] Beim Coronavirus offenbar steht die Identität selbst über der Geographie. […] Es ist bizarr, dass eine unsichtbare Grenze darüber entscheiden soll, ob Kinder zur Schule gehen oder nicht.“12 

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Wer spricht noch von den Geflüchteten? 

Bei allen Maßnahmen der österreichischen Regierung, so sinnvoll sie auch sein mögen, fällt auf, dass kaum noch die Rede von den Ärmsten und Rechtlosesten in der Gesellschaft ist – von Menschen, die bei uns in Flüchtlingsquartieren mitunter auf engstem Raum leben und im Falle einer Ansteckung wohl besonders gefährdet sind. Asyl und Migration sind auch aus dem Fokus der Berichterstattung verschwunden. Das Flüchtlingselend wie etwa auf Lesbos – also ebenfalls innerhalb der EU – scheint nun, wo wir so mit uns selbst beschäftigt sind, aus der Tagesaktualität verdrängt zu sein. Staaten wie Deutschland, die sich noch vor kurzem bereit erklärt hatten, unbegleitete Jugendliche und Familien aufzunehmen, haben das Vorhaben gestoppt. Und Österreich wollte sich an dieser Initiative ohnehin niemals beteiligen. In der Krise zeitigt der nationale Tunnelblick eben besonders fatale Folgen. Der Schriftsteller Dominik Barta zeigt sehr drastisch, was fehlende citizenship im Falle der Coronakrise praktisch bedeutet: 

Der Mailänder Bürger, der am Coronavirus stirbt, stirbt in seinem Land, unter der Hand von erschöpften Ärzten und Ärztinnen, die, solange es eben ging, Italienisch mit ihm sprachen. Er wird in seiner Gemeinde begraben und von seiner Familie betrauert werden. Der Flüchtling auf Lesbos wird sterben, ohne dass ihn je ein Arzt gesehen hat. Fernab seiner Familie wird er, wie man sagt, verenden. Ein namenloser Toter, den man in einem Plastiksack aus dem Lager schaffen wird. Der syrische oder kurdische oder afghanische oder pakistanische oder somalische Flüchtling wird nach seinem Tod eine Leiche sein, aufgehoben in keinem personalisierten Grab. Wenn überhaupt, wird er in die anonymen Zahlenreihen der Statistik Eingang finden. […] Haben wir Europäer, gerade in Krisenzeiten, ein Gefühl für den Skandal der völlig entrechteten Existenz?13 

„Krieg“ gegen Corona? 

Regierungen auf der ganzen Welt haben dem Coronavirus „den Krieg erklärt“. China hat den Anfang gemacht, mit Präsident Xi Jinpings Slogan, „die Fahne der Partei möge hoch fliegen an der Frontlinie des Schlachtfelds”.14 Noch ein paar Kostproben: „South Korea declares ‚war‘ on the coronvirus”; “Israel Wages War on Coronavirus and Quarantines Visitors”; “Trump’s War Against the Coronavirus Is Working” usw. Und Präsident Macron in Frankreich: “Wir sind im Krieg, im Gesundheitskrieg wohlgemerkt, wir kämpfen […] gegen einen unsichtbaren Feind. […] Und weil wir im Krieg sind, muss von nun an jede Aktivität der Regierung und des Parlaments auf den Kampf gegen die Epidemie ausgerichtet werden“.15 

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  • 12 Martin Alioth, ORF Mittagsjournal, 17. 3. 2020. 
  • 13 Dominik Barta: Viren, Völker, Rechte. In: Der Standard, 20. 3. 2020, S. 23. 
  • 14 China Daily, zitiert nach: https://www.wired.com/story/opinion-we-should-deescalate-the-war-on-the-coronavirus/ 
  • 15 https://fr.news.yahoo.com/ (eigene Übersetzung). 

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Diese Militarisierung der Sprache, die der Sache – der Bekämpfung einer Pandemie – überhaupt nicht angemessen ist, hat trotzdem eine Funktion. Zum einen soll sie die gesellschaftliche Akzeptanz für drastische Maßnahmen, die die bürgerlichen Freiheiten einschränken, erhöhen. In einem Krieg müssten wir so etwas eben akzeptieren! Zum anderen wird damit auch die Illusion erzeugt, wir könnten das Virus ein für alle Mal unter Kontrolle bekommen. Denn Kriege werden geführt, um sie zu gewinnen. „Wir werden gewinnen, und wir werden moralisch stärker dastehen als zuvor“, hat etwa der aufgrund seiner Sozialpolitik innenpolitisch schwer bedrängte Emmanuel Macron großspurig verkündet. Dass das Virus gekommen ist, um zu bleiben, und wir wohl dauerhaft mit ihm werden leben müssen, das sagt er nicht.

Mit der Rede vom Krieg ist es wie mit den Grenzschließungen. Beides hat auch eine nicht zu unterschätzende symbolische Bedeutung. Damit wird eine Rückkehr der Staatssouveränität gefeiert. Denn die Globalisierung der Wirtschaft der letzten Jahrzehnte hat ja dazu geführt, dass nationale Regierungen immer weniger Einfluss auf globale wirtschaftliche Entwicklungen haben und sie ihren Bürger*nnen auch kaum Schutz vor Deklassierung, Arbeitslosigkeit und einschneidenden Veränderungen des Lebens bieten können. Mit den Maßnahmen gegen die Corona-Krise und aufgrund der Renationalisierung der Politik ist zumindest wieder ein Spielraum gegeben. Und wer von Kriegen redet, die er gewinnen will, will damit verkünden, wie mächtig er ist. 

Wir brauchen einen „politischen Kosmopolitismus“ 

Gegenwärtig ist, nicht nur meiner Beobachtung nach, sehr viel Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und innergesellschaftliche Solidarität in der Bevölkerung zu spüren. In den 18 Uhr Sing-, Musizier- und Klatschaktivitäten hat diese positive Stimmung bereits einen öffentlichen Ausdruck gefunden. Allerdings verhindern die heutigen politischen Strukturen und der „methodische Nationalismus“ derzeit noch, dass diese Solidaritätsbereitschaft auch entsprechend globalisierte Formen annehmen kann. Es ist bezeichnend, dass eine der wenigen Stimmen, die konsequent globale Vorschläge zur Eindämmung von Corona machen, ausgerechnet der Milliardär Bill Gates ist, der bereits im Februar (als bei uns noch viele hofften, halbwegs ungeschoren davon zu kommen) in einem Artikel im New England Journal of Medicine16 forderte, dass die reichen Staaten den ärmeren helfen sollten. Deren schwache Gesundheitssysteme könnten schnell überfordert sein und sie hätten auch weniger Mittel, die wirtschaftlichen Folgen abzufangen. Medizinische Ausrüstung und vor allem Impfstoffe dürften nicht möglichst gewinnbringend verkauft werden, sondern müssten zunächst den Regionen zur Verfügung gestellt werden, die sie am dringendsten brauchen. Die Gesundheitsversorgung der Staaten mit geringem und mittlerem Einkommen (LMICs) müsse mit Hilfe der Weltgemeinschaft strukturell auf ein höheres Niveau gehoben werden, um gegen weitere Pandemien gewappnet zu sein. Hier wiederholt sich in geradezu klassischer Weise die problematische Konstellation, dass die Staaten – die Demokratie und soziale Gerechtigkeit für sich reklamieren – eine eng nationalistische Politik verfolgen, während sie das globale Engagement den großen Konzernen (und deren Interessen) überlassen. Auch die Bill Gates-Stiftung, deren Einsatz für Gesundheitsfragen unbestritten ist, finanziert sich teilweise aus Gewinnen von Unternehmen, die – Junkfood produzieren.17 

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  • 16 https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMp2003762?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=newsletter_axiosam&stream=top 
  • 17 https://www.infosperber.ch/Artikel/Gesundheit/Corona-Virus-Das-Dilemma-der-WHO 

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Nun mag die Kritik an den nationalen Sonderwegen wie ein aussichtsloser moralischer Appell wirken. Und tatsächlich spricht etwa der deutsche Philosoph Henning Hahn von einem „moralischen Kosmopolitismus“, der wichtig sei, aber nicht ausreiche. Wir bräuchten vielmehr auch einen „politischer Kosmopolitismus“18 Er tritt für die „realistische Utopie eines globalen Menschenrechtsregimes“ ein. In unserem konkreten Fall heißt das, dass wir

außerhalb der Krisenzeiten Strukturen und Mechanismen schaffen oder bestehende wie die WHO stärken müssen, damit diese globale Koordination und gegenseitige Hilfe bei Seuchen und Pandemien leisten. Denn das ist die unabdingbare Voraussetzung dafür, den „Rette sich, wer kann“-Reflex tatsächlich zu überwinden. Und schließlich haben Gesundheitsexpert*nnen spätestens bei der Ebola Krise 2015 davor gewarnt, dass es keine Frage des Ob, sondern nur eine Frage des Wann sei, bis die nächste Pandemie ausbricht.19 

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„Lernen, da zu sein auf dem Planeten“ 

Gedankenlos genießen wir die Vorteile der Globalisierung. Die Klimakrise und politische Bewegungen wie Fridays for Future haben uns nachdrücklich daran erinnert, dass wir dabei auf Kosten der großen Masse der Ärmeren auf der Welt und auf Kosten künftiger Generationen leben. Entsprechende Konsequenzen hat diese vage Einsicht bislang nicht gezeitigt. Wir wollen unsere „imperiale Lebensweise“ (Ulrich Brand) nicht so leicht aufgeben. Vielleicht kann uns aber die jetzige Pandemie zu einer tieferen Erkenntnis führen. Schließlich haben wir uns jetzt in wenigen Tagen zu drastischen Maßnahmen durchgerungen, während wir den Kampf gegen den Klimawandel nur allzu zögerlich angegangen sind. Und so neu wäre die Erkenntnis, dass wir gemeinsam handeln müssen, ja auch wieder nicht. Schon vor 30 Jahren hat Milan Kundera vor der Euphorie der “einen Welt“ gewarnt, die letztlich nur eine „Weltrisikogesellschaft“ (Ulrich Beck) darstelle: 

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  • 18 Henning Hahn: Politischer Kosmopolitismus. Praktikabilität, Verantwortung, Menschenrechte. Berlin/Boston: De Gruyter 2017. 

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Heute bildet die Geschichte unseres Planeten endlich ein unteilbares Ganzes, aber es ist der Krieg, ein schleichender, fortwährender Krieg, der dieses seit langem erträumte Einssein der Menschheit verwirklicht und gewährleistet. Das Einssein der Menschheit bedeutet: Niemand kann irgendwohin entkommen.20 

Ausgehend von ähnlichen Überlegungen hat der französische Philosoph Edgar Morin die Begriffe „irdische Schicksalsgemeinschaft“ und „Heimatland Erde“21 geprägt. Wenn wir eine Zukunft haben wollen – so seine Argumentation – so kommen wir um einen radikalen Wandel unserer Lebensgewohnheiten, unserer Wirtschaftsweise wie auch unserer politischen Organisation nicht herum. Ohne auf die Nationalstaaten zu verzichten, sei es doch nötig, transnationale und globale Strukturen zu schaffen. Aber wir müssten auch eine andere Kultur entwickeln, um diese Strukturen mit Leben zu füllen. Die „irdische Schicksalsgemeinschaft“ ernst zu nehmen, bedeute: 

Wir müssen lernen, da zu sein auf dem Planeten. Lernen zu sein bedeutet: lernen zu leben, teilzuhaben, zu kommunizieren, ein Gefühl der Gemeinsamkeit zu entwickeln; es ist das, was man in den und durch die in sich abgeschlossenen Kulturen gelernt hat. Jetzt müssen wir in unserer Rolle als Menschen des Planeten Erde lernen zu sein, teilzuhaben, zu kommunizieren und ein Gefühl der Gemeinsamkeit zu entwickeln. Nicht nur einer Kultur anzugehören, sondern der Erde.22 

Wenn die Corona Krise dazu dient, diese Einsicht zu verbreiten, dann haben wir wohl das Beste daraus gemacht, was man aus so einer Katastrophe machen kann.23 

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20. 3. 2020  ©Werner Wintersteiner

  • 19 https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMp1502918 
  • 20 Milan Kundera: Die Kunst des Romans. Frankfurt: Fischer 1989, 19. 
  • 21 Terre Patrie – Heimatland Erde. Siehe Anmerkung 1. 
  • 22 Morin 1999, wie Anmerkung 1, S. 201. 
  • 23 Ich danke meinen KollegInnen vom Leitungsteam des ULG „Global Citizenship Education“ für die vielen Anregungen zur ersten Version dieses Textes, die die Endfassung wesentlich verbessert haben. 
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IG AAÖ- Grundsatzerklärung

Beschlüsse der Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren 2020

Aus gegebenem Anlass erneuert die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren 2020 ihre Grundsatzerklärung der Generalversammlung 2019 und erweitert sie um eine der aktuellen Situation entsprechende Passage:

Widersprüche sind dem Menschen zumutbar

Durch Sprache eignen wir uns die Welt an. Ihr präziser Gebrauch ermöglicht Gemeinschaft, Diskurs und Demokratie. Die Verrohung von Sprache ist Leitsymptom für alles, woran die Gesellschaft krankt.

Die fruchtbare, konstruktive Kontroverse wird immer häufiger denunziert. An ihre Stelle treten ideologische Funktionalisierung von Sprache, Sprachschablonen und Sprechblasen. Message control, forciert durch bestens gecoachte politische Amtsträger, tut der Sprache, den Sprechenden und der Auseinandersetzung Gewalt an. 

Fachleute werden nicht nur von Hasspostern lächerlich gemacht, sondern auch von politisch Verantwortlichen verunglimpft. Ganze Gruppen werden von geschichtsvergessenen Politikerinnen und Politikern pauschal verdächtigt und verächtlich gemacht. Statt sich den komplexen Herausforderungen der Gegenwart zu stellen, sucht und findet man in bewährter Weise Sündenböcke.

Literatur steht nicht nur gegen die geifernde Sprache des Hasses, des Anpatzens und der Aufwiegelung, sondern auch gegen die des Verschleierns, der Stigmatisierung und der phantasievollen Beugung des Rechts.

Die Widersprüche der Welt sind ein zentrales Thema der Literatur wie auch des Zusammenlebens. An ihnen arbeiten wir uns ab, die Auseinandersetzung mit ihnen ist das, was uns mit unseren Leserinnen und Lesern verbindet. Widersprüche zu leugnen bedeutet immer, vor der Vielfalt der Probleme – aber auch der Möglichkeiten – die Augen zu verschließen und letztlich Zuflucht zu suchen im Schatten „starker“ Führungspersönlichkeiten.

Stärker denn je mündet die Unfähigkeit, Konflikte konstruktiv auszutragen, in zum Teil sogar mörderische Gewaltakte. Kommunikation scheint immer häufiger zu versagen, wohl auch, weil die zunehmende Unfähigkeit zu argumentieren, den Weg vom Wort zur Tat gefährlich abkürzt.

Verzerrte Weltbilder zu transportieren, von ihrer Verbreitung zu profitieren und hierdurch Hass und Gewalt zu schüren, missbraucht die Macht der Sprache. Soziale, ethnische, religiöse und andere die Gesellschaft spaltende Konflikte anzunehmen und würdig und von Vernunft geleitet auszutragen, ist eine demokratische Verpflichtung. Dieser nachzukommen und auf kultivierte, sachliche Auseinandersetzungen hinzuwirken, stellt eine zentrale Aufgabe der politischen Verantwortungsträgerinnen und -träger dar. Es besteht Anlass, daran zu zweifeln, dass das allen von ihnen ausreichend bewusst ist.

Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind stets gefordert, auf die konkreten Konsequenzen sprachlicher Verrohung aufmerksam und diese kenntlich zu machen.

An das Bundesministerium für Justiz:

1. Für ein Urheberrecht der Urheber/innen

Die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren sieht in der jetzigen Urheberrechtsrichtlinie zahlreiche Möglichkeiten zur Stärkung der Position der Urheber/innen. Sie fordert den Gesetzgeber zur ebenso zügigen wie optimalen Umsetzung der einzelnen Bestimmungen der Urheberrechtsrichtlinie im Sinne der Urheber/innen auf. Darüber hinaus ist der österreichische Gesetzgeber gefordert, praxisbezogene weitere urheberrechtliche Maßnahmen zu treffen, die über die jetzige Urheberrechtsrichtlinie hinausgehen.

Wir fordern:

1 a) Copyright-Richtlinie, verschiedene Bestimmungen:

• Aufrechterhaltung, Sicherstellung und Normierung gesetzlicher Vergütungen bei freien Werknutzungen zum Unterrichtsgebrauch, an Universitäten, beim Bibliotheksgebrauch und für wissenschaftliche Zwecke und die Forschung.

• Sicherung einer angemessenen Vergütung durch die entsprechende Dotierung der zahlungspflichtigen Einrichtungen, wie Universitäten, Bibliotheken, Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen.

• Eine ausgewogene Lösung der Verlegerbeteiligung zur Aufrechterhaltung des sozialen Zusammenhalts und ökonomischen Gleichgewichts bei der Verteilung der gesetzlichen Vergütungen an Autor/inn/en einerseits und Verleger/innen andererseits.

• Umsetzung des Leistungsschutzrechtes für Zeitungsverlage unter Einbeziehung einer angemessenen Beteiligung der Urheber/innen an den Erlösen aus der Verwertung durch Festlegung einer Verwertungsgesellschaftenpflicht.

• Umsetzung einer Vergütungspflicht für die Verwendung von user-generated-content, sodass Urheber/innen von den Nutzungen auf den Plattformen ebenfalls begünstigt sind.

• Einführung eines „Extended-Collective-Licensing“ (einer generalklauselartigen Regelung), zur Ermöglichung von Lizenzangeboten durch Verwertungsgesellschaften, die nicht eigens im Gesetz geregelt sind. Dies würde Angebote in den Bereichen der neuen Dienste der Telekommunikation (z.B. nPVR = privater Videorekorder), deren rechtliche Einordnung derzeit schwierig ist, der Plattformlizenzierung (insbesondere ausschnittweise Nutzung von noch nicht lizenziertem Content) oder in anderen Bereichen, sollte keine Verwertungsgesellschaftenpflicht vorgesehen sein (z.B. Leistungsschutzrecht für Zeitungsverlage), ermöglichen. Derzeit sind keine solchen Lizenzangebote möglich, weil gesetzlich nicht vorgesehen. Eine Regelung wäre ohnedies stark reglementiert und nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen möglich: Es muss jeweils der ausdrückliche Wunsch der Rechteinhaber/innen vorliegen, ihnen kommt jeweils auch eine Opt-out-Möglichkeit zu.

1 b) Copyright-Richtlinie, Urhebervertragsrecht:

Die EU-Richtlinie bietet die Möglichkeit zu einer optimalen Umsetzung der folgenden Rechte:

• Unabdingbarer Anspruch auf faire, angemessene Vergütung in Vertragsbeziehungen.

• Mehrbeteiligung bei unerwartetem Erfolg (Bestsellerparagraph).

• Zwingender Anspruch auf Auskunft (Transparenzpflicht).

• Rückruf im Fall der Rechte-Nichtausübung.

• Gesamtvertragsfähigkeit für repräsentative Vereinigungen zum Abschluss von Gesamtverträgen und Tarifvereinbarungen.

Sie sollten ohne Einschränkungen umgesetzt werden.

1 c) Urheberrecht, neue Bestimmungen:

• Einführung einer Cloud-Vergütung für Speicherungen in der Cloud, die zusehends die digitalen Speichermedien ersetzen.

• Sicherstellung der Vergütungen bei neuen Diensten der Telekommunikation – eine technische Änderung der Voraussetzung allein darf nicht zum Entfall der Vergütungen führen (die öffentliche Wiedergabe über einen Programmaggregator muss vergütungspflichtig im Inland bleiben).

• Zwingende und unmittelbare Beteiligung der Urheber/innen an den Erlösen aus der Online-Verwertung durch Streaming-Dienste.

1 d) Verwertungsgesellschaften:

• Die im Regierungsprogramm enthaltende „umfassende Evaluierung der Verwertungsgesellschaften hinsichtlich wirtschaftlicher Synergien und Transparenz im Interesse der Urheberinnen und Urheber“ ist überflüssig. Das trifft auch auf die Stärkung der Aufsichtsbehörde zu – die Reglementarien sind mehr als ausreichend. Sie wurden mit der Verwertungsgesellschaften-Richtlinie eingeführt und komplett umgesetzt.

• Stärkung der Verwertungsgesellschaften und damit der Künstler/innen gegen Player wie Google, Amazon und Facebook.

• Effiziente Maßnahmen der Streitschlichtung (abgekürzte Verfahren vor dem Urheberrechtssenat, die derzeit über die ordentlichen Gerichte abgehandelt werden müssen).

Anhang bisherige Urheberrechtsgesetz-Novellen-Abstimmungen in Österreich seit 1995:

Urheberrechtsgesetz-Novelle 1996

EU-Richtlinien-Nachvollziehung nach erfolgtem österreichischen EU-Beitritt

Inhalt: Bibliothekstantieme, Reprographieabgabe, Schulbuchvergütung

Begünstigte: Autorinnen und Autoren sowie andere Kunst- und Kulturschaffende

Quelle: https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XX/I/I_00003/index.shtml

Dafür: Die Grünen, ÖVP, SPÖ, Liberales Forum

Dagegen: FPÖ

Regierungsparteien: SPÖ, ÖVP

Urheberrechtsgesetz-Novelle 2001

Umsetzung der EU-Urheberrechts-Informationsgesellschafts-Richtlinie

Begünstigte: Kunst- und Kulturschaffende

Inhalt: Zurverfügungsstellungsrecht der Urheber/innen für digitale Nutzungen

https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXII/I/I_00040/index.shtml

Dafür: ÖVP, FPÖ

Dagegen: Die Grünen, SPÖ

Regierungsparteien: ÖVP, FPÖ

Urheberrechtsgesetz-Novelle 2014

Umsetzung der Verwaiste Werke-EU-Richtlinie

Inhalt: Freie Werknutzungen von verwaisten Werken

Begünstigte: Bibliotheken, Konsumenten

https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXV/I/I_00368/index.shtml

Dafür: Die Grünen, ÖVP, SPÖ, Team Stronach, Neos

Dagegen: FPÖ

Regierungsparteien: SPÖ, ÖVP

Urheberrechtsgesetz-Novelle 2015

Umsetzung der EU-Verwertungsgesellschaftenrichtlinie

Inhalt: Reform des Verwertungsgesellschaftengesetzes

und Einführung der Speichermedienvergütung

Begünstigte: Bezugsberechtigte der Verwertungsgesellschaften sowie Kunst- und Kulturschaffende

https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXV/I/I_00687/index.shtml

Dafür: SPÖ, ÖVP

Dagegen: Die Grünen, FPÖ, Team Stronach, Neos

Regierungsparteien: SPÖ, ÖVP

Urheberrechtsgesetz-Novelle 2018

Umsetzung des Marrakesch-Vertrags der Weltorganisation für geistiges Eigentum – WIPO

Inhalt: Freie Werknutzungen bei Sehbehinderungen

Begünstigte: Sehbehinderte

https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXVI/I/I_00185/index.shtml

Dafür: ÖVP, SPÖ, FPÖ, Neos, Liste Pilz

Dagegen: –

Regierungsparteien: ÖVP, FPÖ (Die Grünen nicht im Nationalrat vertreten)

An das Sozialministerium (allgemeine Sozialversicherung) und das Staatssekretariat für Kunst und Kultur (Künstler-Sozialversicherungsfondsgesetz):

2. Soziale Absicherung von Autorinnen und Autoren und anderen Kunst- und Kulturschaffenden

Die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren begrüßt die Absicht der Regierung zur besseren sozialen Absicherung von Kunst- und Kulturschaffenden. Das ist auf zwei Wegen möglich und notwendig: in der Allgemeinen Sozialversicherung und im Künstler-Sozialversicherungsfondsgesetz.

Zu beiden Regelwerken liegen Vorschläge der IG Autorinnen Autoren zur Verbesserung der sozialen Lage für Autorinnen und Autoren vor. In der Allgemeinen Sozialversicherung durch die Schaffung eines Sozialversicherungsergänzungsgesetzes und im Künstler-Sozialversicherungsfondsgesetz durch eine der Realität entsprechende Ausweitung anerkannter literarischer Tätigkeiten. Zum Sozialversicherungsergänzungsgesetz gibt es einen ersten Entwurf der IG Autorinnen Autoren, zum Künstler-Sozialversicherungsfondsgesetz eine Liste literarischer Tätigkeiten, die alle unter das Künstler-Sozialversicherungsfondsgesetz fallen müssten. Der bisherige Kriterienkatalog ist jedenfalls außer Kraft zu setzen. Eine Realisierung beider Vorschläge würde zu sofortigen positiven Effekten in der sozialen Absicherung und Unterstützung von Kunst- und Kulturschaffenden führen.

Zuständig für die Umsetzung des Sozialversicherungsergänzungsgesetzes ist der Sozialminister, zuständig für die Umsetzung im Künstler-Sozialversicherungsfondsgesetz die Staatssekretärin für Kunst und Kultur. Die IG Autorinnen Autoren erwartet sich die umgehende Aufnahme von Gesprächen zu einer möglichst zügigen Verwirklichung ihrer Vorschläge.

An das Staatssekretariat für Kunst und Kultur, das Finanzministerium und die zuständigen Stellen in den Bundesländern:

3. Fair Pay bei Gehältern und Valorisierungen von Subventionen

Die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren freut sich über die Absicht der Regierung und der Stadt Wien zu fairer Bezahlung von Leistungen im Kunst- und Kulturbereich sowie zur Valorisierung von Subventionen.

Insbesondere bei den wissenschaftlichen Angestellten, die für die IG Autorinnen Autoren arbeiten, und die nach den kollektivvertraglichen Empfehlungen für Vereine entlohnt werden, war es in den letzten Jahren entweder gar nicht oder erst mit großen Verspätungen möglich, Gehaltsanhebungen mitzuvollziehen, die in allen anderen Bereichen erfolgten und selbstverständlich sind.

3 a) Fair Pay und Bundesförderungen

Die Mitarbeiter/innen der IG Autorinnen Autoren konnten wegen Finanzmittelknappheit durch ausbleibende Indexanpassungen der Fördergelder in den letzten 22 Jahren 9 x Indexanpassungen bei den Gehältern nicht mitvollziehen, und zwar in den Jahren 1999, 2003, 2007, 2009, 2011, 2014, 2015, 2016 und 2019, davon wurden 4 Indexanpassungen später nachgeholt, 5 Indexanpassungen sind derzeit noch offen. Der Gehaltsverlust aus diesen Nicht-Anpassungen beträgt 10,51%. Der verspätete Nachvollzug und Auslassungen von Indexanpassungen haben zudem eine entsprechende Folgewirkung bei einem künftigen Pensionsantritt.

Hinzu kommt: Die IG Autorinnen Autoren hat Nachholungen und Indexanpassungen teilweise durch Nichtnachbesetzungen bei Ausscheiden von Dienstnehmer/inne/n finanziert. Im Beobachtungszeitraum 1998 – 2020 wurden von 340 Dienstnehmer/innenstunden pro Woche 100 Stunden nicht nachbesetzt. Nicht nur die Arbeitsbelastung ist enorm gestiegen, sondern es sind neue Arbeitsbereiche (Literadio, Writers In Exile, verstärkte Erstberatungstätigkeiten) hinzugekommen. Folglich kommt es bei Krankenständen und Urlauben zu Ausfällen bei Arbeitsabläufen und beim Serviceangebot.

Um den verbliebenen Mitarbeiter/inne/n faire Gehälter zahlen zu können, wäre eine sofortige Anhebung von rund 30.000,– Euro notwendig. Weiters müssten 100.000,– Euro für 2,5 eingesparte Anstellungen bereitgestellt werden.

3 b) Valorisierungen und Förderungen der Stadt Wien

Das Spannungsverhältnis zwischen ausbleibender Indexierung von Subventionen und realer Preissteigerung zeigt ein weiterer Vergleich aus einem anderen Bereich. Von 2001 an wurde das neu gegründete Projekt Literadio auf der Frankfurter Buchmesse von der Literaturabteilung der Stadt Wien mit Euro 4.000,– unterstützt. Die Standkosten stiegen in diesem Zeitraum (trotz erfolgreichen Verhandlungen um Sonderrabatte für einen wichtigen Aussteller) um 90%. Der Verbraucherpreisindex zeigt für den Zeitraum 2001 – 2020 eine Steigerung von 48%. Die IG Autorinnen Autoren erhält für dieses Projekt jedoch weder Euro 7.600,­– noch Euro 5.920,–, sondern weiterhin Euro 4.000,– sowie für die Beteiligung bei der Leipziger Buchmesse Euro 3.000,–.

Um dieses Projekt der IG Autorinnen Autoren bei der Frankfurter und bei der Leipziger Buchmesse im selben Umfang wie 2001 zu unterstützen, müsste die Subvention rund 4.000,– bis 6.000,– Euro mehr betragen.

Die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren erwartet sich von der Regierung, der Stadt Wien und von den anderen Bundesländern die Umsetzung von Fair Pay- und Valorisierungsregelungen ab den nächstjährigen Budgets.

An alle Bundesministerien, insbesondere das Außenministerium

4. Mindesthonorare

Die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren beschließt für ihre Mindesthonorarempfehlungen Indexanpassungen, sobald die Teuerung 5% übersteigt, um 5%. Das Ergebnis wird jeweils auf 65,– Euro auf- oder abgerundet.

Gültige Sätze seit 1.1.2018

Einzellesungen: Euro 400,– (bei Mehrwertsteuerpflicht: + 13% MwSt für künstlerische Literatur, + 20% MwSt für nicht-künstlerische Literatur)

Gemeinschaftslesungen: Euro 285,– (pro Autor/in) (bei Mehrwertsteuerpflicht: + 13% MwSt für künstlerische Literatur, + 20% MwSt für nicht-künstlerische Literatur)

Diskussionsteilnahmen: Euro 285,– (bei Mehrwertsteuerpflicht: + 13% MwSt für künstlerische Literatur, + 20% MwSt für nicht-künstlerische Literatur)

An die Kulturabteilung der Stadt Wien:

5. Die Literaturbudgets der Stadt Wien

Ausgenommen im Kurier wurde bei der Aufzählung der Erhöhungen der einzelnen Sparten bei der Kulturbudgetanhebung der Stadt Wien die Literatur bzw. in einem großen Interview in Ö1 mit der Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler über die Kulturvorhaben der Stadt Wien die Literatur mit keiner Silbe erwähnt. Das hat mit Sicherheit damit zu tun, dass es sich bei der Literaturbudgetanhebung um keine besonders auffällige positive Änderung handelt.

Angehoben wurden die Budgets in den einzelnen Positionen um:

Museen: + 7,75 Millionen

Theater: + 6,27 Millionen

Stadtteilkultur: + 2,36 Millionen

Wissenschaft: + 2,3 Millionen

Musik: + 1,56 Millionen

Bildende Kunst: + 1,51 Millionen

Film: + 1,27 Millionen

Literatur: + 0,53 Millionen

Damit zeigt sich, die Literatur ist am Ende der Skala der Erhöhungen zu finden. Das wurde von der IG Autorinnen Autoren bereits im Vorjahr bemängelt sowie im Forderungspapier des Symposiums „Freie Szene – Freie Kunst“ von allen daran beteiligten Literatureinrichtungen als Mangel festgehalten.

Im Jahr davor verzeichneten die darstellende Kunst einen Zuwachs von 2,4 Millionen, die Musik von 2,2 Millionen, die Bildende Kunst von + 550.000, der Film von + 350.000 und die Literatur von + 230.000 Euro. Anhand dieser Anhebungen fällt auf, dass die Zuwächse in allen anderen Sparten nicht nur in einem Jahr höher ausgefallen sind, sondern systematisch höher ausfallen.

In den letzten beiden Jahren haben somit die Kunstsparten den folgenden Mittelzuwachs verzeichnet:

Theater + 8,67 Millionen

Musik: + 3,76 Millionen

Bildende Kunst: + 2,06 Millionen

Film: + 1,62 Millionen

Literatur: + 760.000 Euro

Die IG Autorinnen Autoren fordert daher die Stadt Wien neuerlich dazu auf, den Mittelbedarf unter den Literatureinrichtungen zu erheben, um auch in der Literatur zu realistischen Ergebnissen beim Förderungsbedarf zu kommen.

An das Staatssekretariat für Kunst und Kultur (Bundes-Kunstförderungsgesetz) und an das Finanzministerium (Steuerrichtlinien)

6. Vorlässe

Es gibt gute Gründe, warum Autor/inn/en zu Lebzeiten ihre persönlichen Archive öffentlichen Archiven überlassen. Was bei Verkauf eines Vorlasses (der sich nach einem unregulierten und nicht einheitlich zu beziffernden „Marktwert“ richtet) nach einem monetären Erfolg aussieht, stellt sich in der Realität häufig als ökonomische Marginalie heraus, da der Ertrag daraus sowohl voll versteuert werden muss als auch Auswirkungen auf die Bemessung der Sozialversicherungsbeiträge hat.

So kann durchaus der Fall eintreten, das dem/der Autor/in nach Abzug aller Verbindlichkeiten (zu denen auch noch Zusatzkosten kommen können, die aus der Vorsortierung des Materials entstehen, wenn dazu externe Hilfe in Anspruch genommen werden muss) so gut wie kein finanzieller Ertrag bleibt.

Abgesehen davon, dass das System des Vorlasses ursprünglich dazu dienen sollte, das finanzielle Leben des/der Autor/in im höheren Alter ein wenig besser abzusichern sowie im Todesfall den Lebenspartner/inne/n zugute zu kommen, sind auch noch einige wesentliche inhaltliche Aspekte zu beachten: Der/die Autor/in hat zu Lebzeiten Verfügungsgewalt über sein/ihr Werk und kann selbst entscheiden, was mit ihm geschehen soll, ohne damit Erben zu überfordern, und er/sie kann sich darüber hinaus sicher sein, dass sein/ihr Werk nicht dem Vergessen anheim fällt.

Vor- wie Nachlässe sind das literarische Gedächtnis eines jeweiligen Landes, sie haben hohen dokumentarischen Wert. Sie werden, soweit es um vorliegende Werke geht, den jeweiligen Erwerbern nicht zur Weiterverwertung überlassen, die bei den Autor/inn/en und Rechtsnachfolger/inne/n verbleibt, sondern zur Aufbewahrung und zur wissenschaftlichen Nutzung.

Um Autor/inn/en nicht nur einen ideellen sondern auch einen finanziellen Gewinn aus dem Verkauf eines Vorlasses zu ermöglichen, sollten sie in § 3 des Bundeskunstförderungsgesetzes 1988 als steuerbefreite Zuwendungen einbezogen werden.

An das Bundeskanzleramt und das Staatssekretariat für Kunst und Kultur:

7. ORF-Reform

Das Medienkapitel des Regierungsprogramms ist erstaunlich knapp ausgefallen. Dennoch sind ihm ein paar wichtige Festlegungen zu entnehmen, vor allem das Bekenntnis zur unabhängigen Finanzierung des ORF und zum öffentlich-rechtlichen Auftrag sowie – im Kulturkapitel – zu den Sendern ORF III, FM4 und Ö1, wie auch die Bereitschaft zur vermehrten Unterstützung Freier Medien. Die meisten Formulierungen des Medienkapitels im Regierungsprogramm lassen aber fast jeden Spielraum zu und es daher der Regierungspraxis über, was eine jeweilige Formulierung konkret bedeutet.


Besonders interessant ist, was das Regierungsprogramm auslässt. So ist die nicht im Regierungsprogramm enthaltene ORF-Reform nicht vom Tisch, sondern soll laut dem dafür zuständigen Regierungsverantwortlichen zügig umgesetzt werden. Von einer Entpolitisierung der ORF-Gremien ist im Programm ebenfalls weit und breit nichts zu finden. Etwas zur Stärkung eigenständiger redaktioneller Mitarbeit sucht man genauso vergebens. Und die Verstärkung der regionalen Vielfalt bezieht sich auf Programme, nicht auf Infrastruktur. Weder zur Medienstandortzentralisierung in Wien noch zur Erhaltung der ORF-Standorte in den Bundesländern oder/und von anderen findet sich ein Hinweis im Programm und letztlich auch nichts zur inneren Vielfalt von Programmen.

Bei einer solchen Vagheit kommt es ganz auf die medienpolitische Praxis der Regierung an, die sogar von einer Zuseherrolle aus wahrgenommen werden könnte. Der jetzige und wohl auch der zukünftige ORF-Stiftungsrat erledigen mit ihren Sparprogrammen des Abbaus von 300 Mitarbeiter/inne/n ohnehin schon alles von selbst, was man zu seiner Schwächung und zur Stärkung der privatwirtschaftlichen Rundfunkkonkurrenz unternehmen kann. Wenn dann noch der Mediensprecher des Kanzlers zusätzlich der Zuständige in der Regierung für Medienfragen und auch für die ORF-Reform ist, ist jedes Misstrauen gegenüber den ORF-Reformplänen angebracht.

Wir erneuern vor diesem Hintergrund daher alle unsere nicht erfüllten dringendsten Forderungen aus der letzten Zeit: 

1. Beibehaltung einer Büchersendung in den Fernseh-Vollprogrammen des ORF.

2. Literaturabteilungen/Literaturredaktionen/Literatursendungen in allen Bundesländern.

3. Erhaltung des Medienstandortes Funkhaus Wien mit den Sendern Ö1 und ORF Wien.

4. Nachbesetzungen aller redaktionellen Abgänge im Literatur-, Kunst und Kulturbereich.

Darüber hinaus wird die IG Autorinnen Autoren eine Initiative für Ö1 als ideelles Weltkulturerbe starten. Ö1 versammelt nicht nur die kulturelle und geistesgeschichtliche Gegenwart um sich, Ö1 ist auch die Archivarin einzigartiger Tondokumente aus der österreichischen Geschichte. Dieser Bestand muss gesichert werden und kann nicht allfälligen kaufmännischen Überlegungen, Kommerzialisierungsinteressen und politischen Einflüssen überlassen bleiben, die der Grund für die Zerlegung von Ö1 sind.

An die österreichische UNESCO-Kommission:

8. Initiative immaterielles Weltkulturerbe Ö1

An die österreichische UNESCO-Kommission

Antrag zur Aufnahme des Kultursenders Ö1 in die Liste des immateriellen Kulturerbes

Ö1 ist einer der renommiertesten Hörfunk-Sender der Welt, er vereint Information, Wissen, Bildung, Kultur und Religion in einer in und für Österreich einzigartigen Zusammenstellung. Ö1 ist darüber hinaus das – von der Gründung des Rundfunks an – historische akustische Wissen über Österreich und der wichtigste akustische österreichische Kulturbotschafter des Landes weltweit. Ö1 ist im besten aller Sinne öffentlich-rechtlicher Rundfunktätigkeit vollkommen werbefrei, auch das zeichnet ihn gegenüber allen anderen Sendern aus.

Der Bestand von Ö1 ist akut gefährdet. Anfang dieses Jahres wurde die Ö1-Religion aus dem Verbund von Ö1 herausgelöst und der Fernsehreligion angegliedert. Ähnliche Zukunftsaussichten bestehen auch für die anderen Ressorts bzw. Redaktionen von Ö1. Diese Entwicklungen stehen in enger Verbindung mit der Auflösung des ehemaligen alleinigen ORF-Standortes, des Wiener Funkhauses, das bis auf Restbestände aufgegeben werden soll. Maßgeblich für all diese Entscheidungen sind kaufmännische Überlegungen bzw. kommerzielle Gründe, trotz gesicherter Einnahmen durch die ORF-Gebühr.

Es ist allein durch den öffentlich-rechtlichen Auftrag und ORF-intern ganz offensichtlich nicht möglich, den Bestand und die Aufgaben von Ö1 ausreichend zu schützen. Wäre das möglich gewesen, hätte es weder die Loslösung der Religion von Ö1 und die Angliederung an die Fernsehreligion geben dürfen, noch würde Ö1 als Ganzes dieses Szenario drohen. Es herrscht ganz offensichtlich kein oder ein zu geringes Bewusstsein über den Wert von Ö1 bei den politisch und medial Verantwortlichen.

Ö1 ist dank seiner aktuellen Informationssendungen mit ihrem wissenschaftlichen und kulturellen Hintergrund die wichtigste demokratie- und bildungspolitische Einrichtung Österreichs. Ö1 baut auf Eigenproduktionen auf und ist nicht die Abspielstation eingekaufter Programme. Ein entsprechendes Aussehen hat das redaktionelle Innere von Ö1, es gibt zuständige Redakteure/innen und Abteilungen, Spezialist/inn/en der Wissenschaft, Bildung und Kultur, die der Programmerstellung von und für Ö1 dienen, eine Struktur, wie man sie in den Regionalprogrammen des ORF nicht mehr findet, wo keine Literaturabteilungen mehr bestehen. Auch in dieser Hinsicht ist Ö1 einzigartig. Wie lange noch, lässt sich nicht sagen, da eines der weiteren ökonomischen Ziele des ORF der Abbau von 300 Mitarbeiter/inne/n in den nächsten Jahren ist.

Genau dieser Mitarbeiter/innenabbau hat schon in den Bundesländerstudios zur Verwaisung der Literatur- und Kulturredaktionen geführt, die sich damit mehr oder weniger von selbst aufgelöst haben.

Nicht zuletzt ist Ö1 der wichtigste Partner österreichischer Kunst- und Kulturschaffender, Wissenschaftler und Publizisten und der wichtigste österreichische Kunst- und Kulturvermittler, für die es von elementarer Bedeutung ist, welches Aussehen die Programmproduktion und Sendetätigkeit von Ö1 hat.

Wir stellen somit den Antrag, Ö1 in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufzunehmen.

Es geht nicht darum, Ö1 auf seine zurückliegende Bedeutung zu reduzieren, auch nicht auf seine jetzige, es geht darum, die Verbindung zwischen österreichischer Rundfunkgeschichte und der Gegenwart und Zukunft von Ö1 zu halten und bewahren.

Auch den Wiener Heurigen bzw. der Wiener Heurigenkultur ist mit der Aufnahme in die immaterielle Kulturerbeliste keine Musealisierung zuteil geworden, sondern sie werden in ihrem Bestand als besonders schützenswertes Gut gesehen, mit Tradition und Geschichte und ihrer höchst lebendigen Gegenwart. Was für die Wiener Heurigenkultur Gültigkeit hat, sollte doch erst recht auf einen weltweit so einzigartigen Sender wie Ö1 zutreffen.

Die IG Autorinnen Autoren hat 2017 zum 50. Geburtstag einen Jubiläumsgeschenksband für Ö1 mit dem Titel „Funkhausanthologie“ zusammengestellt, den wir Ihnen gemeinsam mit unserem Antrag (per Post zugeschickt) zur Untermauerung unseres Antrages überreichen.

Weiters möchten wir Sie auf einen aktuellen Film aus dem Jahr 2019 hinweisen, den Film „Gehört gesehen – Ein Radiofilm“, der das von uns Angeführte ebenfalls unterstreicht (https://www.geyrhalterfilm.com/gehoert_gesehen).

Wir hoffen auf eine positive Aufnahme und Behandlung und stellen bei Bedarf gerne weitere Materialien zur Verfügung. Wir sind selbstverständlich auch jederzeit bereit, weitere notwendige Schritte, sollten sie erforderlich sein, zu setzen.

An das Bildungsministerium:

9. Literatur im Unterricht und bei der Zentralmatura

Das Bildungsministerium hat erste zarte Signale ausgesendet, die von der IG Autorinnen Autoren seit vielen Jahren geforderte Reform der Deutsch-Zentralmatura in Angriff zu nehmen. Die beste Lösung wäre nach wie vor, sie überhaupt abzuschaffen. Die zweitbeste Lösung ist, sie so zu reformieren, dass Literatur, Kreativität und Individualität in den Vordergrund gerückt und das Messen und Wägen im Deutschunterricht und bei der Deutsch-Zentralmatura zurückgedrängt werden. Zudem ist es vollkommen widersinnig, schulische Spezialisierungen gleichzubehandeln, es gehören daher auch die Aufgabenstellungen für AHS und BHS entflochten.

Darüber hinaus erneuert die IG Autorinnen Autoren ihre Forderungen, Literatur fix in alle Vorschul- und Schulstufen einzubinden, in der Volksschule ein Pflichtfach Lesen einzuführen, in der Hauptschule, den MS, den Unter- und Oberstufen den Literaturunterricht zu intensivieren sowie das Fach Deutsch in Deutsch und Literatur umzubenennen, für die Zentralmatura einen wechselnden Literaturkanon und bei mindestens zwei Themenpaketen der drei Themenpakete literarische Themen und unterschiedliche Aufgabenstellungen für AHS und BHS vorzusehen.

Grundsätzlich sollte anstelle aller Standardisierungsüberlegungen die Individualisierung durch, mit und über Sprache im Vordergrund stehen.

An das Bildungsministerium:

10. Besetzung Geistes- und Kulturwissenschaftlicher Professuren an österreichischen Universitäten

Die EU hat es versäumt, bei der Öffnung der Märkte für gemeinsame Sprachräume Vorkehrungen gegen die Dominanz von größeren Ländern gegenüber kleineren in sensibleren Bereichen als dem Warenverkehr, Handel oder der Produktion zu treffen.


Wie sowohl die Kleine Zeitung (im Jänner 2020) als auch der Kurier (im Februar 2020) berichteten, herrscht bei der Besetzung von Lehrstühlen an österreichischen Universitäten eine auffällige Ausdünnung heimischer wie auch anderer als aus Deutschland kommender internationaler Fachkräfte, was einem ausgeprägten Seilschaftsdenken zugeschrieben wird: „Da in den meisten Kommissionen Deutsche in der Mehrzahl sind und sie derart meist auch Deutsche als auswärtige Mitglieder oder Gutachter hinzuwählen, einigen sie sich, gestützt auf ihre gemeinsame Sozialisation, in der Österreich als Peripherie firmiert, eben auf eine Ausschreibung und auf Kandidaten, die ihren Wertigkeiten und akademischen Erfahrungen genügen.“ (Kleine Zeitung)


An den Geisteswissenschaften in Graz kommen 60% der Ordinarien aus Deutschland, die zudem den Dekan sowie den Senatsvorsitzenden stellen. In Klagenfurt sind es bei den Kulturwissenschaften 63%, an der Wiener philologisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät 60%, in Salzburg, Innsbruck, Linz jeweils 40 bis 50% – und es gibt Institute ohne österreichische Beteiligung.


Das Problem dieser Dominanz zeigt sich bei der Behandlung österreichischer Spezifika: „Als eine Studentin um Betreuung bei ihrer Doktorarbeit über Heimito von Doderer bat, hörte sie vom deutschen Lehrstuhl an einem österreichischen Institut herab die Ablehnung: ‚Ich mache keine Regionalliteratur.‘“ (Kurier) Ähnliche Beispiele finden sich auch im Umgang mit österreichischer Geschichte.


Wir fordern die österreichische Rektorenkonferenz und das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung sowie das Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport auf, für mehr qualifizierte österreichische sowie internationale Bestellungen auch aus anderen Ländern als aus Deutschland im Bereich Geistes- und Kulturwissenschaften an österreichischen Universitäten zu sorgen.


Wir fordern darüber hinaus alle Beteiligten dazu auf, für ein angemessenes Selbstverständnis zu sorgen, das die kompetente Vermittlung der eigenständigen österreichischen Geistes- und Kulturgeschichte durch die Lehre und Lehrenden garantiert.

An das Außenministerium und die EU-Ministerin:

11. Keine Visapflicht für Künstler/innen/austausch zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich

Mit dem Ende der einjährigen Übergangsfrist nach Austritt des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland aus der Europäischen Union droht laut Medienberichten ab Jänner 2021 eine Visapflicht für EU-Künstler/innen, die dort gegen Bezahlung auftreten wollen. Durch die übliche Gegenseitigkeit von Visabestimmungen würden Künstler/innen aus dem Vereinigten Königreich ähnlichen Bedingungen in der EU unterworfen werden.

Wir treten diesen bürokratischen und finanziellen Hindernissen des Kulturaustausches entschieden entgegen. Bezahlte künstlerische Arbeit muss für Staatsangehörige des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union sowie für EU-Bürger/innen im Vereinigten Königreich ohne Visaschranken möglich sein.

Wir fordern daher die Verantwortlichen der Europäischen Union auf, die Arbeits- und Bewegungsfreiheit der Künstler/innen im noch zu verhandelnden Vertrag über die Handelsbeziehungen mit Großbritannien und Nordirland zu gewährleisten oder falls dieser Vertrag nicht bis Ende des Ablaufs der Jahresfrist zustande kommt, eine Ausnahmeregelung zu erreichen.

Weiters fordern wir für zukünftige Verhandlungen über Handelsabkommen mit Drittstaaten oder Staatenbünden Visafreiheit für Zwecke des künstlerischen Austausches.

An die Bundesregierung und die Stadt Wien:

12. Vom Turm zum Hochhausriegel

Das Projekt am Wiener Heumarkt

Erklärung

Auch nach acht Jahren Auseinandersetzung um das Hochhausprojekt am Wiener Heumarkt ist die Wiener Stadtregierung noch immer nicht bereit, die Vorgaben zu akzeptieren, die seitens der UNESCO 2013 für diese besonders sensible Lage in der Kernzone der Weltkulturerbestätte „Historisches Zentrum von Wien“ festgelegt wurden. Anstatt den Investor zu ihrer Einhaltung zu verpflichten, versucht sie, die UNESCO, die Bundesregierung und die Öffentlichkeit mit einem Kompromissangebot, das keines ist, zu täuschen.

Was ist geschehen?

Im März 2019 verkündet die Stadtregierung auf Druck der Bundesregierung und der UNESCO zum wiederholten Mal eine „Nachdenkpause“ mit einem Projektstopp für zwei Jahre zur Klärung der Frage der Notwendigkeit einer Umweltverträglichkeitsprüfung.

Bereits im Dezember endet diese „Nachdenkpause“ zwiespältig: einerseits mit der Bekanntgabe einer abgeschlossenen Bauverhandlung über das unveränderte Projekt und andererseits mit einem angeblichen „Kompromissangebot“. Ein Baubewilligungsbescheid wurde vorerst nicht ausgestellt, er wird allerdings für den Fall „angedroht“, dass die UNESCO der angebotenen „Alternative“ nicht zustimmt. Die Pointe: Welche Baumassen dieser „alternative Lösungsansatz“ konkret vorsieht, soll erst danach offengelegt werden.

Zur Richtung dieser „Alternativlösung“ kann aus der bisherigen Projektgeschichte und aus den mit falschen Zahlen unterfütterten Meldungen des Welterbebeauftragten der Stadt Wien geschlossen werden, dass sie, nach der Vergrößerung der Baumasse um 25% in der ersten „Nachdenkphase“ 2016, eine weitere, massive Vergrößerung des Gesamtvolumens und insbesondere der Bauhöhen des Hochhausriegels bringen wird.

Ansonsten sind die spärlichen Angaben widersprüchlich: Im Bericht der Stadt an die UNESCO heißt es lediglich, dass der Turm „mit einer Höhe von 66,3 m“ nicht gebaut werden soll und eine Erhöhung des Hotel-Hochhauses nicht ausgeschlossen wird. Aber ist damit, wie gegenüber den Medien kommuniziert, der gänzliche Wegfall des Turms gemeint? Und wie ist es zu verstehen, dass der Welterbebeauftragte der Stadt Wien von einer Bestandshöhe des Hotels von 48 m spricht, während dieser Hotelbestand – von der UNESCO als Maximalhöhe des Projekts festgelegt – in Wirklichkeit nur 38 m misst? Wenn weiters gegenüber der Öffentlichkeit suggeriert wird, die UNESCO solle sich mit dem Investor, was die Bauhöhe betrifft, „in der Mitte“ treffen, steht zu befürchten, dass die Hotelscheibe von derzeit 38 m zu einem massiven Hochhausriegel von bis zu 55 m anwachsen soll. Also auf 1 ½ mal die Höhe des Bestands! Und auf einen solchen Kuhhandel soll sich die UNESCO einlassen?

Schon im, entgegen gesetzlichen Rahmenbedingungen, jetzt für „baureif“ erklärten Projekt ist der Neubau des Hotels um fast 10 m höher, als die UNESCO es fordert, statt die Bestandshöhe von 38 m einzuhalten, erlangt der Neubau 48 m Traufenhöhe. Bereits diese Baumasse hat gravierende negative Auswirkungen auf den umliegenden Stadtraum:

  • Sie überragt die Ringstraßenbebauung um mehr als das Doppelte.
  • Sie hat als massiver Block mit 100 m Länge im unmittelbaren Umfeld eine erdrückende Dominanz.
  • Aus mittleren Entfernungen (Karlsplatz / Schwarzenbergplatz bis Ring / Stadtpark) stellt sie einen unverhältnismäßigen Maßstabssprung dar.
  • Aus der wichtigen Blickachse des Belvederegartens wie auch im Rundblick vom Stephansturm bildet sie eine massive Beeinträchtigung der Stadtsilhouette, die zentraler Inhalt der Erklärung des Wiener Stadtzentrums zur Welterbestätte ist.

Eine weitere Erhöhung dieses Hochhausbaukörpers kann nicht ernstzunehmend zur Diskussion stehen, schon gar nicht als „Kompromiss“. Im Vergleich zum bisher forcierten Turm wäre sie keine geringere Beeinträchtigung der sensiblen Balance der Bauhöhen im Ringstraßenbereich und Stadtzentrum von Wien. Statt über eine Erhöhung der Hotelscheibe zu verhandeln, muss weiterhin ihre Reduktion auf die Bestandshöhe des Hotel Intercontinental (38 m über dem Straßenniveau beim Konzerthaus-Haupteingang / 51 m über der Wiener Null) gefordert werden.

Der von der Stadt Wien vorgeschlagene „Kompromiss“ ist also kein Kompromiss, sondern in Wirklichkeit ein kaum verschleierter Versuch, die UNESCO, die Bundesregierung und die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen, umso mehr, als seine konkrete Ausformung bis jetzt im Unklaren bleibt.

Daher treten wir gemeinsam mit NGOs und österreichischen Kultur- und Architektur-Institutionen, die seit Jahren einen Stopp dieses Projekts fordern, mit folgenden Forderungen neuerlich an die Öffentlichkeit:

  1. Die Vorgaben der UNESCO können nicht wegverhandelt werden, sie sind der unveränderte Maßstab.
  • Das „Welterbe Historisches Zentrum von Wien“ kann nicht von der Roten Liste der gefährdeten Weltkulturerbeprojekte genommen werden, solange die Auswirkungen des Heumarkt-Projekts auf die wesentlichen Sichtbeziehungen nicht geklärt sind und es keine Entscheidung zur Notwendigkeit einer Umweltverträglichkeitsprüfung über das Vorhaben am Heumarkt gibt.
  • Die Widersprüche zwischen dem an die UNESCO gesandten Prüfbericht und öffentlichen Erklärungen des Welterbebeauftragten der Stadt Wien über die bestehenden und anvisierten Bauhöhen müssen umgehend aufgeklärt und die Volumetrie des „alternativen Lösungsansatzes“ offengelegt werden: Fällt der Turm gänzlich weg oder soll er nur in der bisherigen Höhe nicht gebaut werden? Hält das Hotelhochhaus die Höhenvorgaben der UNESCO (Bestandshöhe = 38 m) ein?
  • Ein 100 m breiter und, wie vom Wiener Welterbebeauftragten angedeutet, mehr als 48 m hoher Hochhausriegel kann nicht als Verbesserung gegenüber dem Turm verkauft werden. Er wäre eine sogar noch massivere Beeinträchtigung der sensiblen Bauhöhenbalance im Ringstraßenbereich und im Stadtzentrum von Wien. Eine Vergrößerung der Baumassen darf nicht bewilligt werden. Im Gegenteil führt an einer Reduktion der Baumassen und einem Neustart des Projekts kein Weg vorbei.

Wir fordern daher die Stadt Wien zu einem ehrlichen und offenen Umgang mit dem von ihr selbst geschaffenen Problem auf, mit klaren Vorgaben gegenüber dem Projektbetreiber in Übereinstimmung mit den Vorgaben der UNESCO, um einen Neustart des Projekts unter adäquaten Rahmenbedingungen zu ermöglichen.

Wir fordern die Bundesregierung auf, zu diesen neuesten Entwicklungen nicht länger zu schweigen, sondern, wie im Regierungsprogramm angekündigt, als Vertragspartner der UNESCO für eine Einhaltung der internationalen Verpflichtungen zu sorgen. Wenn sie ernsthaft an der Erhaltung der Welterbestätte „Historisches Zentrum von Wien“ interessiert ist, müsste sie unverzüglich geeignete und ihr laut den inzwischen zur Verfügung stehenden Gutachten verfassungsrechtlich zu Gebot stehende Maßnahmen zur Durchsetzung der völkerrechtlichen Verpflichtung der Republik Österreich gegenüber der Stadt Wien treffen, um eine rechtswidrige Bauführung hintanzuhalten.

Es darf innerhalb der dem Prinzip der Rechtsstaatlichkeit verschriebenen EU nicht geduldet werden, dass sich die Stadt Wien über internationale – noch dazu mit einer Organisation der Vereinten Nationen geschlossene – Verträge beharrlich hinwegsetzt und damit die Republik Österreich samt deren Vertragspartner vor aller Welt desavouiert.

An das Staatssekretariat für Kunst und Kultur:

13. Buchmessenstipendien

Die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren stellt fest, dass zwischen Autor/inn/en, deren Titel mit Vertriebsförderungen von Verlagen erscheinen und Autor/inn/en, deren Bücher nicht oder mit Einzeltitelförderungen oder ohne Vertriebsförderungen erscheinen, eine Ungleichbehandlung vorliegt.

Während es Verlagen mit Vertriebsförderungen ermöglicht wird, Autor/inn/en zu Messen einzuladen, haben andere Autor/inn/en nur die Möglichkeit, auf eigene Kosten an Messen teilzunehmen. Nimmt der Verlag selbst nicht an Messen teil oder jemand vom Verlag, gibt es niemanden, der die Bücher dieser Autor/inn/en persönlich dort präsentiert.

Die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren fordert daher die Einführung von Buchmessen-Reise- und Aufenthaltsstipendien für Autor/inn/en mit Neuerscheinungen in Verlagen, die nicht in die Vertriebsförderung eingebunden sind.

An alle öffentlichen Stellen:

14. Wider die Unsichtbarkeit im Kunst- und Kulturbetrieb: Für eine Verdeutlichung realer Genderverhältnisse

Das niederösterreichische Mistelbach veranstaltet einmal jährlich den sogenannten „LiteaTour Frühling“, eine vierzehnwöchige Lesereihe. Für das Jahr 2020 sind ausschließlich männliche Lesende vorgesehen.

Auch kulturpolitische Entscheidungen und kulturelle Aktivitäten bilden gesellschaftliche (Macht)verhältnisse ab. Unseres Erachtens ist Mistelbach deshalb nicht als Einzelfall zu interpretieren. Vielmehr sehen wir die dort getroffene Auswahl als Symptom einer diskriminierenden Haltung, welche erneut zusehends an Boden gewinnt. Daher fordert die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren alle Multiplikator/inn/en der literarischen Landschaft (Veranstalter/innen, Bibliothekare/Bibliothekarinnen, Kritiker/innen, Verleger/innen und Buchhändler/innen) dazu auf, vermehrtes Augenmerk auf Vielfalt zu legen. Insbesondere von Multiplikator/inn/en, deren Tun durch öffentliche Gelder mitfinanziert wird, kann erwartet werden, dass sie auf Genderpluralität achten: Podien einzig mit Männern zu besetzen, ist im 21. Jahrhundert inakzeptabel.

An das Land Oberösterreich:

15. Kein Verschweigen des radikalen Antisemitismus von Landeshymnen-Dichter Franz Stelzhamer mehr

2019 hat die Stadt Wien in der Stelzhamergasse an einer prominenten Stelle direkt gegenüber dem stark frequentierten Bahnhof und Shoppingcenter Wien-Mitte unter dem Straßenschild eine große Zusatztafel anbringen lassen, die auf antisemitische Stereotype verweist, von denen viele Texte des Dichters der oberösterreichischen Landeshymne geprägt sind.

Damit wurde eine alte Forderung zahlreicher Initiativen eingelöst, die überall solche Ergänzungstafeln für nötig hält, wo Franz Stelzhamer durch Denkmäler oder Benennungen von Verkehrsflächen und Schulen geehrt wird. Die Länder Oberösterreich und Salzburg, wo Stelzhamer seine letzten Lebensjahre verbrachte, haben wie die zahlreichen Gemeinden dieser Bundesländer, in denen sich solche Orte des Andenkens finden, bisher entweder gar nicht reagiert oder, wie das Kommunalparlament der Landeshauptstadt Linz, dem Antrag auf Umsetzung die Zustimmung verweigert.

Angesichts des alarmierenden Erstarkens von Rechtsextremismus und Antisemitismus ist es unhaltbar, wenn selbst die offizielle Website des Landes Oberösterreich Franz Stelzhamer als untadelige Persönlichkeit darstellt, der zwar alle möglichen Universitätsstudien zugesprochen werden, die er meist ohne jede Prüfung nach wenigen Wochen abgebrochen hat. Aber über seinen Judenhass, der in einem nur dürftig verbrämten Genozidverlangen gipfelt, findet sich bis heute kein Wort.

Dass ein Text eines solchen Dichters nur wenige Jahre nach dem Ende des Holocaust als Landeshymne ausgewählt wurde, ist die eine Sache. Dass Stelzhamers originärer, um 1850 unüblich radikaler Antisemitismus auch im Jahr 2020 höchstens in nur Insidern bekannten Publikationen, nicht aber im öffentlichen Raum thematisiert wird, geht nicht an.

Die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren ruft daher alle Zuständigen in ganz Oberösterreich und Salzburg auf, sich zum Problemfall Franz Stelzhamer zu bekennen und es wie die Stadt Wien zu halten. Diese unangenehme Wahrheit ist den Menschen zumutbar, sie verschämt zu verschweigen, ist dagegen unzumutbar.

Weiters fordert die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren das Land Oberösterreich zur Neuausschreibung einer zeitgemäßen Landeshymne auf.

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Kein Volk der Erde hat nach seinem politischen Ableben mit einer solchen Zähigkeit, ja völligen Unumbringbarkeit fortgedauert, wie der Jude. Wo ist die Blüthe der Menschheit, der edle Grieche, wo ist die Kraft der Menschheit, der riesige Römer? Wo ist das Volk, das die ewigkeittrotzenden Pyramiden thürmte und ihre Wände beschrieb mit den unauflöslichen Hieroglyphen. (…) Verschwunden. – Verhallt wie brausende Stürme, wie reißende Wässer abgelaufen! Der Jude, der so Großes nie gethan – etwa weil er es nicht gethan hat? – besteht. Besteht in zahlloser Menge und mit unberechenbarem Einfluß auf die Geschicke der Völker. Scheinbar ohne politisches Recht, ohne politischer Macht, legt er doch, so oft die Wagschalen schwanken, sein materiellesGewicht auf diese oder jene Seite und bringt die Wage wieder zum leidlichen Stillstand. – In alle Welt zerstreut, schlingt er sich, bald dünner, bald breiter, immer aber in innigstem Zusammenhang in fast unerforschlichen Windungen und Krümmungen, ein Riesenbandwurm, um die Ernährungsorgane eines jeden kultivirten Staatskörpers, und wie oft man ihn auch abzutreiben versucht hat, man gewann, nicht so glücklich wie beim kleinen im menschlichen Körper, bis jetzt nur größere oder kürzere Stücke, nie aber den Kopf selbst. (Auszug aus Stelzhamers Essay „Jude“, erstveröffentlicht in „Das bunte Buch“ 1852)

An das Außenministerium und die EU:

16. Freiheit für Julian Assange

Die Konstruktionen, mit denen der Aufdecker amerikanischer Kriegsgreuel, Julian Assange, nach sieben Jahren Fluchtaufenthalt in der ecuadorianischen Botschaft in London und seit fast einem Jahr in einem Hochsicherheitsgefängnis in London, von europäischen Behörden verfolgt wird, stellen sich nach und nach als eklatanter Missbrauch rechtsstaatlicher Prinzipien und grundlegende Verletzung elementarster Menschenrechte heraus. Zunächst wurde Assange zu den gegen ihn gerichteten Vorwürfen in Schweden die Anhörung verweigert, der daraufhin drohenden Verhaftung und Abschiebung in die USA entzog sich Assange durch Flucht in den Schutz der ecuadorianischen Botschaft in London. Nach deren Verlassen wurde er zunächst dafür verurteilt, und jetzt muss er sich in einem Auslieferungsverfahren mit einer im Fall der Auslieferung ihm so gut wie sicheren Gefängnisstrafe über seinen Tod hinaus in den USA stellen.

Die einzige „Schuld“ Assanges besteht in der Veröffentlichung amerikanischer Kriegsgreuel, alles andere hat sich als Inszenierung oder Fälschung herausgestellt. Es ist längst offensichtlich, es geht nicht um Rechtsprechung, es geht um eine Machtdemonstration ohne jede Achtung vor demokratischen Grund- und Freiheitsrechten. Es geht um den Schutz von begangenen Kriegsgreueln, für die nicht Assange verantwortlich ist, sondern diejenigen, die sie begangen haben und diejenigen, die sie decken.

Wir schließen uns der Forderung nach sofortiger Freilassung von Julian Assange an.

An die österreichische Bundesregierung:

17. Unterstützung der Schwerpunkte der UNESCO-Kontaktstelle Kulturelle Vielfalt

Die Kontaktstelle Kulturelle Vielfalt der österreichischen UNESCO-Kommission hat die Themen Kunstfreiheit und Vorzugsbehandlung von Künstlerinnen und Künstlern aus dem globalen Süden gemäß Artikel 16 der von Österreich unterzeichneten Konvention zum Schutz und zur Förderung kultureller Ausdrucksweisen zu Schwerpunkten des Arbeitsjahres 2019 gemacht. Sie wird u.a. verstärkt als Anlauf- und Meldestelle für Kunst- und Kultureinrichtungen zur Verfügung stehen, die Gäste zu Engagements, Kongressen oder Fortbildungen nach Österreich einladen, dafür Geld und Zeit investieren und schließlich feststellen müssen, dass die österreichischen Vertretungsbehörden Visaerteilungen verweigern, viel zu kurz dimensionieren oder auf andere Weise dermaßen behindern, dass die Besuche nicht zustande kommen können. Ähnlich den vom Mauthausen Komitee Österreich zusammengetragenen „Einzelfällen“ rechtsextremer Ausritte von FPÖ-Funktionären sollen die konventionswidrigen Visaverweigerungen und ihre oft fadenscheinigen Begründungen gesammelt und öffentlich gemacht werden. In ähnlicher Weise wird es ein verstärktes Monitoring zu Verletzungen der Kunstfreiheit in Österreich geben.

Die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren unterstützt diese Schwerpunktsetzungen und beauftragt Vorstand und Geschäftsführung, sich über ihre Vertretungen in der ARGE Kulturelle Vielfalt und im Fachbeirat Kulturelle Vielfalt, dem mit Ludwig Laher ein Vorstandsmitglied der IG Autorinnen Autoren vorsitzt, aktiv daran zu beteiligen. Gleichzeitig fordert die Generalversammlung die österreichische Bundesregierung zum wiederholten Male auf, endlich ihren Verpflichtungen der Konventionsumsetzung in österreichisches Recht nachzukommen und, wo Zuständigkeiten der EU berührt sind, entsprechende Initiativen auf europäischer Ebene zu starten. Die Republik Österreich positioniert sich gern als Kulturland, es stünde ihr gut an, den in Zeiten wie diesen besonders wichtigen internationalen Kulturaustausch gemäß den Vorkehrungen der UNESCO-Konvention entscheidend zu befördern. Expertise, um diese komplexe Querschnittmaterie professionell einer befriedigenden Lösung näherzubringen, ist längst in ausreichendem Maße vorhanden.

Interne Beschlüsse:

18. Selfpublishing


Die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren unterstützt die Bestrebungen von Selfpublishern zur Gründung eines eigenen Verbandes mit Hilfestellungen bei der Suche nach Gründungsmitgliedern und zur Durchführung einer Gründungsversammlung.

19. Kriterienkatalog Verlage und Vertrieb

Die IG Autorinnen Autoren wird einen Kriterienkatalog zur besseren Unterscheidbarkeit von Verlags- und Vertriebstätigkeiten erstellen.

20. Wahl, Funktionsperiode 2020 – 2022

Präsidium

Präsidentin: Renate Welsh

Vizepräsidentin: Anna Mitgutsch  

Vizepräsident: Peter Turrini

Vorstand

Butterweck Hellmut

Chobot Manfred

Fink Gregor

Greller Christl

Hahn Margit

Jensen Nils

Käfer Hahnrei Wolf

Kronabitter Erika

Laher Ludwig

Richter Werner

Ruiss Gerhard (Geschäftsführung)

Treudl Sylvia

Wiplinger Peter Paul

Zier O.P.

Kooptierungen

Altmann Gerhard (Burgenland)

Huez Robert (Dokumentationsstelle für neue österreichische Literatur)

Russwurm-Biró Gabriele (Kärnten)

Schletterer Siljarosa (Tirol)

Vorstands-Konsulent/inn/en

Lunzer Heinz (Wissenschaftsautoren)

Stippinger Christa (Migrant/inn/en)

Schiedsgericht 2020 – 2026

Marius Gabriel

Maria Alraune Hoppe

Eva Jancak

Christa Kern

Günter Köllemann

Dagmar Travner

IG Autorinnen Autoren

Die Generalversammlung

Wien, 23.2.2020

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