Monat: Juli 2018

Klagenfurt. Oder so.

Gastbeitrag der Innsbrucker Schriftstellerin C. H. Huber

Ein Brief ist gekommen, keine Mail, der du im Dialekt deines Heimatbundeslandes sofort wie dort üblich den unbestimmten sächlichen Artikel, also „das“ zuordnen würdest. Würdest also fast lieber schreiben, dass du ein Mail bekommen hast – was sogar der Duden in deinem Fall als österreichische Form erlaubt hätte. Du hast den Brief geöffnet und erfreut von der Wertschätzung deines literarischen Schaffens durch einen Herrn aus Kärnten erfahren, auch von seinem Angebot, einen kleinen Beitrag zum Thema Klagenfurt für seine literarische Zeitschrift einzusenden. Neulich seid ihr beide euch zum zweiten Mal begegnet, wieder bei der Generalversammlung jenes Vereines, der längst in Wien beheimatet ist, obwohl er Graz noch immer im Namen trägt. Hast jenem Herrn dabei einen deiner Lyrikbände gegeben, vielleicht auch etwas in Prosa, bist dir dessen aber nicht mehr sicher. Eine liebe Freundin aus Klagenfurt, ein Fan deiner Texte, hatte sie ihm bereits als lesenswert angekündigt. Irgendwann geht sich etwas in seinem Literaturdomizil bestimmt aus, hatte sie gemeint, ihm dann auch gleich zwei deiner Bücher geliehen und dir in Sachen Klagenfurt lange Zähne gemacht.
Wirst der Chance, die der Auch-Literaturveranstalter dir nun in seiner Zeitschrift geben will, nicht nachkommen können, aus verschiedenen Gründen, denkst du jetzt leicht frustriert, auch kennst du Klagenfurt ja nur von ein- oder zweimaligen Kürzest-Besuchen vor vielen Jahren. Etwas über diese Zeitschrift im Net zu erfahren könnte aber dennoch nicht schaden, weißt du. Error 404 meldet die Website der Nationalbibliothek bei mehrmaligen Versuchen, was dich erstaunt. Bist halt ein Net-Armutschkerl, denkst du und gibst auf, liest trotzdem auf anderen Seiten ein bisschen was über ihren Herausgeber, dessen Namen du eingegeben hast, weil er natürlich auch Schriftsteller ist. Okay, dort findest du doch etwas über die Zeitschrift, offenbar eine angesehene, sie ähnelt wegen der hohen Seitenzahl einem Buch, registrierst du. Schade also für dich, da auch wegen des Mangels an Material nicht mittun zu können.

In dir gräbt leichte Enttäuschung und du fragst dich, was dieses Klagenfurt mit dir macht, hörst du seinen Namen und in dich hinein. Auch wenn sommer- oder winterlich schöne Bilder zum Kärnten von damals auftauchen – kurzer Familienurlaub im Wochenendhaus von insgesamt nur zwei Mal besuchten Verwandten in Ferlach, dadurch auch ein paar Tage des Badens an Seen. Ein Mal gabs aber auch einen Schiurlaub in Bad Kleinkirchheim. Abgesehen von Minimundus, mit deinen damals noch kleinen Kindern während des Wochenendhaus-Urlaubs besucht, kannst du im Augenblick aber nichts persönlich Erlebtes mit Klagenfurt in Verbindung bringen. Dann schießt dir der Kärntner Schriftsteller und Schriftstellerinnenverband ein, der dort ansässig ist und damit auch seine neue, sehr gute Gedichte schreibende Vorsitzende, und natürlich der Herausgeber dieser buchartigen Zeitschrift, beide leben ja dort. Sonst warten nur Haider und seine Buberlpartie im Hirn auf dich und drängen sich vor, mitsamt dem vormaligen Mascherl-Kanzler, der ihn und manch einen seiner Gesinnungsfreunde in die Bundesregierung gehievt hatte. Und natürlich steigt dir sofort die Galle auf über das, was sie angerichtet haben, nicht nur der Schulden wegen, die du wie alle ÖsterreicherInnen in Sachen Hypo-Alpe-Adria–Pleite abzahlen musst, ob du willst oder nicht. Das Grausen kommt dir aber, denkst du an die blaubraune Färbung deines Staates, die seit diesem Wolf, der Kreide fraß, stetig zugenommen hat. Was man klarerweise nicht Klagenfurt anlasten kann und nur zeigt, wieviele leicht zu verführende Leute es überall im Staat gibt.

Egal, wie viel und was man auch gegen den Bärentaler und seine Anhänger an Fakten vorbrachte, setzten uns diese Volksverhetzer nach Jahren dann auch noch ihren ach so lieben und netten Präsidentschaftskandidaten vor die Nase, ärgerst du dich. Wie ist der doch charmant mit seinem Bubi-Lächeln und dem harmlosen Gerede, er bügelt sogar seine Hemden selbst, während seine Frau Kranke oder Alte pflegt, stand in den verzückten Gesichtern der gläubigen Wählerinnen. Außerdem, was kann er als Präsi schon anstellen, ist ja eh nur ein Ausgedinge- und Repräsentationsposten, dieses Amt, sagten die Denkzettelwähler und -wählerinnen. In der, zugegeben, oft berechtigten Kritik an anderen Parteien fühlten sie sich durch ihn und die seine bestätigt, verantwortungslose Medien hatten deren Angstmache ausgenützt und verstärkt. Zum Glück unterlag der Kandidat im Endeffekt aber doch dem dir wesentlich vertrauenswürdiger wirkenden Konkurrenten.

In diesem brauntrüben Tümpel schwimmen die Leute nach einer anderen Wahl nun aber erst recht, halten jeden Medienfurz der von ihnen Bewunderten für wohlriechend und wahr, wollen nicht merken, wohin die Reise geht und werden dann wieder von nichts gewusst haben, wenn ihnen irgendein starker Mann „die Wadl viridraht“ hat. Der Trump-Sieg in den USA gab zusätzlich allen Populisten der Welt Auftrieb, und einer, der sich nach dem legendenumwobenen Tod des Bärentalers als moderner An-Führer aufspielt, agiert nun bereits als Vizekanzler an der Seite des rasch auf türkis umgefärbten Wunderwuzis aus dem schwarzen Lager. Der sich nun mit Brille seriös und geläutert Gebende Vorsitzende der immer schon im Burschenschafts-Schlamm steckenden, auf Blau getrimmten Partei war noch vor nicht allzu langer Zeit in Videos oder auf Fotos mit Spielzeuggewehr in eindeutigen Posen zu sehen gewesen, die den Staatsschutz eigentlich in Tätigkeit hätten stürzen müssen. In Wald- und Wiesen-Actions früherer Tage hat er das Herrschen mit Gewalt vorsorglich eingeübt, sagst du. Ohne je an Derartiges gedacht zu haben oder wirklich nachweislich dabei gewesen zu sein, behaupten er und seine Blut-und-Boden-Genossen. Jetzt spielt er sich erfolgreich als Beschützer des einfachen Volkes auf, während er Gesetze mitträgt, die genau diesem die Butter vom Brot nehmen werden. Allerhöchstens eine Jugendsünde in den Augen Vieler, diese früheren Waffenspiele. Ebenso wie die steifen Handhebungen seiner Freunde und ihre postfaktischen Wortmeldungen und wahren Gerüchte werden sie toleriert oder ignoriert von der Masse, gerne auch von seinem neutürkisen Chef und dessen Anhängerschaft. Jedenfalls gehören diese Actions für jenen offenbar auch nur in die generelle Jugendsünden-oder Absolutions-Kategorie.

Weit haben es also die geistigen Erben des toten, ehemaligen Kärntner Landeshauptmannes gebracht, den du leider sofort mit Klagenfurt in Verbindung bringst. Sogar ein Richter im fernen Oberösterreich und der Justizminister fanden vor einiger Zeit nichts mehr dabei, einen Anwalt die Verbrechen der Nazis und die Gaskammern in Mauthausen leugnen zu lassen. – Zum Speiben ist das! Du denkst sofort an die Volksgerichtshof-Vorsitzenden, die nach dem Krieg unbehelligt weiter ihre Ämter und Pfründe behalten durften, auch an den Arzt Dr. Gross, der wie viele Helfer und Zuarbeiter dieser Gesinnung nie wirklich zur Rechenschaft gezogen wurde. Plötzlich war er zu alt und dement, nachdem er ein Mal bereits freigesprochen worden war. Er hatte anfangs Richter, Kollegen und ehemalige Schüler, die ihm nicht ans Bein pinkeln wollten, sagst du, zudem wusste er zuletzt ganz bestimmt, wie man Demenz simuliert. In Interviews war er im Gegensatz zum Gerichtssaal geistig noch ganz gut in Form, fandest nicht nur du. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Deine nie schrumpfende Wut auf diese Vorgänge in Vergangenheit und Gegenwart hat dich ziemlich weit von Klagenfurt entfernt, also Retourgang einlegen. Einen, wie dir scheint, relativ brauchbaren Landeshauptmann dort in seiner Kanzlei attestierst du der Stadt jetzt. Das jedenfalls signalisiert dir der momentane Blick von außen. Und nicht, dass man glaubt, du würdest dieser in deiner flüchtigen Erinnerung hübschen Stadt die Anerkennung in Anderem versagen. Hat nicht die Schönheit dieses Bundeslandes auf sie abgefärbt? Auch die Liebenswürdigkeit vieler Einwohner Kärntens und Klagenfurts Affinität zu Kultur, auch Literatur ist weitum bekannt.

In der Klagenfurter Umgebung – oder ist St. Rupprecht bereits eingemeindet? – hat Robert Musil das Licht der Welt erblickt. Und hat Klagenfurt nicht das Musilhaus, das dem großen Sohn durch Lesungen heutiger Literatur huldigt? Du verbindest natürlich auch sofort Ingeborg Bachmann mit Klagenfurt. Dem jährlich einmaligen – Achtung, Doppeldeutung möglich – Auftrieb aus der Literaturszene des deutschsprachigen Raumes kann und will sich ein Mensch wie du zumindest vor dem TV kaum verschließen. Schriftsteller und Schriftstellerinnen, beziehungsweise DichterInnen von Rang hat Kärnten hervorgebracht, siehe auch Christine Lavant, Peter Handke, Peter Turrini Und falls nicht direkt dort geboren, hat sie sich Klagenfurt oft später einverleibt oder beherbergt oder tut es noch. Manchmal suchten die angeblichen Nestbeschmutzer nicht nur, aber auch wegen der Angriffe auf sie als Folge ihres schonungslosen Anschreibens gegen Heimattümelei und Lüge allerdings das Weite. Durch ihr mittlerweile internationales oder zumindest europäisches Ansehen könnten sie diese Anfeindungen nun besser parieren, ganz ausgeblieben wären die aber bestimmt dennoch nicht. Josef Winkler ist das beste Beispiel dafür. Er, seines Zeichens Büchner-Preisträger und vieler anderer Auszeichnungen, geboren in Kamering, blieb bisher jedoch seiner Heimat Kärnten erhalten. Durch seine oft in einen beinah satirischen Kontext eingebundene Kritik in Reden und Schreibe zieht er sich immer wieder den Unmut der selbst ernannten Heimattreuen zu. Gerade eben wurde Strafanzeige gegen ihn eingebracht, hatte er doch wegen des Hypo-Bank-Desasters angeregt, die Urne Haiders in eine Gefängniszelle zu verlegen. Starker Tobak sind für viele Kärntner auch Texte wie jener, der sich „Lass dich heimgeigen, Vater, den Tod ins Herz mir schreiben“ betitelt. Du hast einen Ausschnitt daraus neulich im Radio auf Ö1 gehört und warst begeistert gewesen von der Sprache und natürlich auch von einer weiteren Facette zum Thema Nationalsozialismus und Verdrängung der Vergangenheit, die nicht nur in Kärnten immer noch weite Teile der Bevölkerung betreiben.

Geschätzte neue Dichter und Dichterinnen wachsen jedoch nach wie vor in erklecklicher Menge aus dieser Klagenfurter oder Kärntner Erde, hast du festgestellt, nachdem du einen winzigen Blick in den Kärntner Autor- und Autorinnen-Kosmos werfen durftest durch ein Literatur-Symposium in Gmünd. In Erinnerung wird es dir bleiben, der interessanten Beiträge und Gespräche zwischen Schreibenden aus dem Alpen-Adria-Raumes wegen, auch der großartigen Gastfreundschaft, die man den Mitwirkenden geboten hatte. Eingeprägt hat sich dir aber auch der Mut – oder solltest du besser die Aufmüpfigkeit sagen – eines Kärntner Autors. Ein Regionalpolitiker hatte in seiner Begrüßungsrede einen zutiefst braunen Sager losgelassen, und natürlich protestierte das Literatenpublikum durch lautstarkes Murren, doch erst der drastische Verweis dieses Autors trieb den ewig Gestrigen in die Flucht. Diese klaren Worte haben dir ungeheuer imponiert, selbst wenn man den enthemmenden Pegel gewisser Promille im Blut des Protestierenden einbezieht. Die halfen dem Zwischenrufer vermutlich ein wenig bei der Verwandlung jener Wörter in Sprache, die dir und anderen schwer im Magen oder schon auf der Zunge gelegen waren, machten sie zum befreiend Ausgespuckten.

Noch ein zweites Mal durftest du diese Gastfreundschaft genießen, auch eine kundige Führung durch die Galerien dieser kleinen Künstlerstadt hatte sie inkludiert. Bei überraschend strahlendem Herbstwetter nach einer langen Periode der Kälte und Sonnensehnsucht, bezauberte dich und die anderen Teilnehmer und Teilnehmerinnen die Vielfalt künstlerischen Ausdrucks in den Ateliers und Ausstellungsräumen der wunderschönen Altstadt mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten. Der fundierte Auftakt-Vortrag einer Sprachwissenschaftlerin aus Triest hatte den ersten Abend des Symposiums eröffnet, die Ohren wurden von der Tuba des Ausnahmemusikers John Sass vielseitig bespielt. Kurze Statements der Teilnehmenden zu ihrer Person und ihrem Schreiben, zumeist in Form eines ihrer Prosatexte oder Gedichte, überraschten durch die Themenwahl und dich ganz besonders durch die zumeist eingehaltene Zeitvorgabe. Was man alles in fünf Minuten sagen kann, zumeist noch dazu von hoher Qualität, ist erstaunlich, fandest nicht nur du. Genossen wurden auch die kulinarischen Angebote auf der Burg, mag sein, lösten sie die vielleicht vorher noch leicht verkrampften Zungen, man diskutierte miteinander und lachte zuweilen auch, schloss neue Bekanntschaften, manchmal wahrscheinlich auch Freundschaften. War es am ersten oder zweiten Tag, an dem der Leiter des Hermagoras-Verlages seine schwungvolle Rede über seinen Verlag mit allem was dazugehört hielt? Ihn hast du in besonders guter Erinnerung als mitreißenden Redner und sympathischen Menschen. Aber das gilt ganz besonders auch für die VeranstalterInnen vom Kärntner Schriftsteller und Schriftstellerinnen-Verband.

Ein Kapazunder der österreichischen Literatur, Peter Waterhouse, leitete den nächsten Vormittag mit der Lesung aus seinem noch unfertigen Roman-Manuskript ein. Kurzes Eingehen auf Fragen aus dem Publikum schloss sich an, nach der Mittagspause dann der besagte Stadtrundgang, dem abends die neuerliche, hervorragende Bewirtung auf der Burg und die Lesungen dreier Autorinnen folgten. Und am nächsten Vormittag, dem Tag der Abreise, sahst du dir in Eigenregie mit den weiteren TeilnehmerInnen aus Tirol, die dich im Auto mitfahren hatten lassen, noch das wirklich interessante und teilweise verblüffende „Haus des Staunens“ an. Denkst noch heute gerne an den selbst sehr originellen Führer durch die Exponate und Erlebniswelten.

Mehr hast du derzeit nicht im Köcher, viel war es nicht, was du zu Klagenfurt zu sagen hattest, wird dir nun wieder bewusst. Deine literarischen Giftpfeile sind dem gewünschten Thema nur marginal gerecht geworden. Auch dein Abschweifen nach Gmünd würde schulisch ein „Thema verfehlt“ ergeben. Doch vielleicht wird das ja noch was mit längeren Betrachtungen zu Klagenfurt und dir. Gab es inzwischen nicht bereits die Einladung zu einer Lesung mit einer kleinen Lyrik-Werkstatt anderntags, die du in Klagenfurt abhalten durftest? Hoffen wir, es kommt nichts dazwischen und man einigt sich wegen der Kosten-Aufteilung zwischen dem Zeitschriften-Herausgeber und seinem und deinem Literaturverein und der beneidenswert tüchtigen und liebenswerten Leiterin des Kärntner Vereines, hattest du vorher gedacht, denn nix ist fix. Natürlich gab es da Einiges, das dazwischen kam. Nicht aber hatte es deine Zufriedenheit, wie das alles dann vom KSV gelöst wurde und abgelaufen war, schmälern können. Aber das ist eine andere Geschichte.
© C.H. Huber

http://www.ceha.me/

Universitätscampus Klagenfurt

Fotos © russwurm-photo.com

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Jugend ist Zukunft – Eindrücke vom 26. Junior Bachmannpreis in Klagenfurt

„Nichts muss, nicht alles kann, vieles darf, noch mehr soll sein“ diese philosophischen Worte legte die Publikumspreisträgerin Karin Peschka, derzeit Klagenfurter Stadtschreiberin, ihren jungen Kolleginnen und Kollegen ans Dichterherz. Während die „großen“, auserwählten Autorinnen und Autoren sich von ihren lang kritisierten Lesungen während der Tage der deutschsprachigen Literatur erholten, zeigten die „Kleinen“ an einem Abend ihr Können im ORF Theater Klagenfurt ganz ohne Scheu. Am selben Ort mit der Aura eines der bedeutendsten Preise zur deutschsprachigen Literatur, der zum 42. Mal stattfand, organisierte das Bachmann-Gymnasium zum 26. Mal einen Schreibwettbewerb für Jugendliche. Damit leistet das Gymnasium und alle an dieser Veranstaltung Beteiligten einen großen Beitrag zur Nachwuchsförderung in Sachen Literatur.
„Jugend in (m)einer Stadt“ war das Thema.
In mehr als 400 eingereichten Texten erzählten junge Menschen aus Österreich und Deutschland von dem, was die Jugend heute beschäftigt. Bewegende Gefühle, Einsamkeit, Schicksale, Umwelt, Freundschaften, Enttäuschungen, Gesellschaftskritik, soziale Missstände, Bilder der jeweiligen Heimat- oder Traumstadt finden sich in den Texten der Jugendlichen.
In drei Alterskategorien wurden die Einreichungen eingeteilt und jeweils von einem Juryteam bewertet. Die jeweils drei Bestgereihten trugen bei der Festveranstaltung ihre Siegertexte vor, wo die „Großen“ es tagsüber taten und wurden für ihre beachtlichen Leistungen belohnt und ausgezeichnet, ganz nach dem Vorbild des Bachmannpreises.
„Kärnten besitzt eine große literarische Tradition“, bestätigt Jurorin Sabrina Mikitz, „für die KELAG Grund genug die literarische Zukunft zu unterstützen. Als Partner des Junior-Bachmann-Literaturwettbewerbs freut es uns sehr, zu sehen, wie viele begeisterte und engagierte Nachwuchsautoren an diesem Bewerb teilnehmen.“
In der Kategorie I, der 10- bis 12Jähigen gewannen: 1. Platz Livia Gössner, 2. Platz: Marisol Vollmer und 3. Platz: Kayra Cobbers
Bewertung zu den Texten Kategorie 2 (13- bis 15Jährige) speziell zu den drei Bestplatzierten (1. Platz Cara Spitzer, 2. Platz: Joshua Carstens und 3. Platz: Johannes Kapeller)
Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Einsamkeit – das sind die Begriffe, die allen Texten, die mir als Jurorin vorgelegt wurden, zuzuordnen sind. Die Grundstimmung „alles ist Scheiße“ berührt, vor allem deswegen, weil es sich um junge Menschen handelt und sie alle – offensichtlich – in derselben ordentlichen, sauberen und unauffälligen österreichischen Kleinstadt wohnen wie ich. „Verloren in einer Stadt ohne Zukunft“ hätte demnach das Thema lauten können. Beeindruckt hat mich die geschlossene, auf den Punkt gebrachte stilistische Form der kurzen Erzählungen, die keineswegs ausufern oder an unwichtigen Detailbeschreibungen hängenbleiben. Jede Geschichte beschreibt einen exakten Handlungsbogen und/oder eine tiefe innere (düstere) Stimmung. Dem negativen, enttäuschten Grundtenor wird klar formulierte Gesellschaftskritik beigemengt. Das ist gut und wichtig und nur so bekommt die depressive Haltung in den Geschichten gleichzeitig große Aussagekraft: mit dem Finger in die Wunde. Die authentischen Schilderungen haben machen traurig und nachdenklich. Die Texte sind ein Alarmsignal, dass die Verantwortlichen der Gesellschaft sofort aufnehmen sollten und darauf reagieren müssen. Damit kommt den Beiträgen dieser Jugendlichen eine große Aufgabe zu! (Jurorin Gabriele Russwurm-Biro)

Die Grußworte von der amtierenden Stadtschreiberin KARIN PESCHKA, die beim Bachmannpreis 2017 den Publikumspreis erhielt, wurden per Video zugespielt:

https://www.youtube.com/watch?v=dgqS5Sn2MeU

Den Hauptpreis gewann Nina Fischer (Europagymnasium) mit ihrem lyrischen Prosatext The Klagifornian Dream. Jurorin Ute Liepold fasste die Besonderheiten des Textes in ihrer Laudatio zusammen: „Der Text ist ein äußerst gelungener lyrischer Versuch. Er unternimmt es, auf fantasievolle und kritische Weise das Leben junger Menschen der Stadt Klagenfurt zu beleuchten. Es gelingt ihm, originell und gesellschaftspolitisch wach zu sein ohne abgedroschene moralische oder kitschige Motive zu bedienen. Der Text ist spielerisch, eigenständig und informiert. Mehr davon! Gratulation!“
1.Platz: Nina Fischer, 2. Platz: Julian Malle, 3. Platz: Dominik Vogt (Kategorie III: 16- bis 18Jährige)

Platz 1 ©Nina Fischer
The Klagifornian Dream

Lustlos lungern wir im Tanzcafé Treblinka
und zermalmen routiniert einen BigMac.
Wie blutdürstende Insekten schwaben wir später aus,
ziehen durch die Seitengässchen,
bis wir aufs Neue in das Tequilaglas ohne Boden fallen
– Mama, kannst du mich vom Bollwerk abholen?-
Wo THC so herrlich Grün
Durch meine jungen Lungen ziehn;

Mit einem an Verantwortungsbewusstsein grenzenden Schuldgefühl
lassen wir uns als Zugpferde vor das Hypo-Erbe spannen,
lechzend nach einem neuen Oberösterreicher der kommen möge,
um uns zu knechten.
Das erste Mal Eintauchen im Sommer
Die Hitze verraucht wie die Empörung über den Krieg
Doch die Zeit steht still;

Werden in einem Reagenzglas von einer Stadt herangezüchtet,
unter einer Stasi die sich der Dorftratsch nennt.
In weißem Rauch sich auflösende Kokettereien
Über dem Punschbecherrand und unter dem Lichterteppich;

Getrieben vom einzigen Wunsch wie vom Zerberus:
Die Flügel auszubreiten und in die Hauptstadt zu entfliehen,
in die Zivilisation, Nation der sich nicht Scherenden,
doch unsere Blicke fallen jedes mal in ein Loch,
wenn wir die Riesen suchen,
die einst unsere Kindheit umrahmten,
wie die kleinen nassen Kinderarme
das Wörtherseemandl bestehlen;

bis wir wieder an die Küste der teuersten Badewanne Österreichs gespült werden,
in der sich die Schickeria der Neureichen suhlt.
Nachts am See wir zwei,
die Sterne unsere Zeuginnen;

Wir, deren roter Faden seit Beginn der Zeiten nie die Karawanken überschreiten sollte.
Wir, die von den Rabenmüttern des Ostens ausgespien wurden.
Wir, Anna-Lena, Mohammed, Jenny, Lukas, Ali, Inge, Robert, Gert, Christine,…
Ich, die Nestbeschmutzerin,
in stiller Hingabe zum letzten im Buch versunkenden Herbsttag am Lendhafen,
dem französischen Film im Volkskino verschuldet,
in den historischen Hausfassaden träumend.
Nur deine beißende Luft die jemals meinen Durst zu stillen vermag

Ich, deren Heimatliebe für immer eine schmerzlich verächtliche Melancholie bleiben dürfte;

Junior Bachmann Literaturwettbewerb
Der Junior Bachmann Literaturwettbewerb ist ein Schreibwettbewerb für Kinder und Jugendliche aus Österreich und Deutschland, der 2018 zum 26. Mal stattfand! Für die Organisation dieser Veranstaltung ist das Ingeborg Bachmann Gymnasium in Klagenfurt verantwortlich. Jungautorinnen und Jungautoren haben hier die Möglichkeit, sich in den jeweiligen Kategorien schulübergreifend messen zu können und ihre Texte von einer fachkundigen, unabhängigen Jury bewerten zu lassen.
Die Gewinnerinnen und Gewinner erwartete eine Einladung zur Abschlussveranstaltung, die im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur im ORF-Theater stattfindet. Dort hatten die Preisträger die Möglichkeit, ihre Texte und sich zu präsentieren und bekamen ihren Gewinn in Form von Sachpreisen und Gutscheinen, überreicht. Ebenso wurden die Siegertexte und die besten bewerteten Texte in der Broschüre des Junior Bachmann Literaturwettbewerbs veröffentlicht.
Das Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen die Chance zu geben, ihr Können unter Beweis zu stellen und auch außerhalb schulischer Leistungen zu glänzen.
Kategorien:
Die literarischen Beiträge der Jugendlichen wurden in drei Kategorien eingeteilt und jeweils von einer eigenen Fachjury bewertet:
• 1. Kategorie: SchülerInnen der 1./2. Klassen
• 2. Kategorie: SchülerInnen der 3./4./5. Klassen
• 3. Kategorie: SchülerInnen der 6./7./8./9. Klassen
Als Jurorinnen und Juroren der eingereichten Texte fungieren Unterstützer der Schule und Personen des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens.

Thema 2018: „Jugend in (m)einer Stadt“

Das oben genannte Thema sollte den Schülern und Schülerinnen zur Inspiration dienen. Die Geschichten dürfen gerne eigene Titel bekommen, ebenso ist jede Textart erlaubt (Erzählung, Gedicht, …).Das Team des Literaturwettbewerbs kümmert sich um die Anonymisierung der Texte und leitet sie zur Bewertung an die Jurymitglieder weiter. Sobald die Ergebnisse vorliegen (Mai 2018) werden die Gewinnerinnen und Gewinner persönlich benachrichtigt. Ebenso können die Ergebnisse und Bewertungen auf der Homepage des IBG unter dem Link Literaturwettbewerb nachgelesen werden.

Juroren und Jurorinnen des Junior-Bachmann-Literaturwettbewerbs 2018

Kategorie 1 :
Mag. Angelika Kirchlehner(Verein Zonta)
Mag. Sabrina Mikitz (Kelag Kärnten)
Mag. Andreas Görgei (Wifi Kärnten)
Gerhard Fresacher (Regisseur)
Stefanie Sargnagel (Autorin)
Dr. Bernd Liepold-Mosser (Regisseur)

Kategorie 2 :
Dr. Andrea Nagele (Autorin)
Mag.phil. Gabriele Russwurm-Biro (Präsidentin des Kärntner Schriftstellerverbandes, Autorin)
Ingrid Schnitzer (Kulturforum Feldkirchen)
Mag. Andreas Hudelist (Uni Klagenfurt)
Sabine Tscharre (Kärntner Buchhandlung)

Kategorie 3 :
Univ. Prof. Dr. Anke Bosse (Leiterin des Musil-Institutes)
Prof. Engelbert Obernosterer (Autor)
Dr. Ute Liepold (Regisseurin)
Rudolf Altersberger (Bildungsdirektor)
Dr. Egyd Gstättner (Autor)
MMag. Manuela Tertschnig (Kulturabteilung Stadt)

Fotos© Bachmanngymnasium

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Die Vielfalt der Kunst – und die der Rolle der Frau

Gastbeitrag von Marlies Karner-Taxer, Obfrau der 2017 neu ins Leben gerufenen Kulturinitiaive text:art, die sich zur Aufgabe gestellt hat, Künstler*innen mit Doppelbegabungen der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Wer sich weder von dem drohenden Gewitter und der dadurch bedingten drückenden Schwüle, noch von gesperrten Brücken und großen Umwegen sowie rundum stattfindenden Sonnwendfeiern abhalten ließ, erlebte in der Villacher AHA-Seniorenresidenz Draupark zur Sommersonnenwende einen Abend von besonders emotionaler Dichte.

Die Kulturinitiative text:art lud auch dieses Mal Autor*innen mit Mehrfachbegabung ein. Sie setzten sich mit dem Thema „Die Rolle der Frau“ auseinander, und ohne sich abgesprochen zu haben, waren Freiheit und Selbstbestimmung bei allen Künstler*innen die übergeordneten Themen.

Martina Kircher beschrieb in ihrem bedruckenden Essay „Brandmale“ die vielen Selbstmordversuche einer älteren Frau, führte vor Augen, was ein stiller, verzweifelter Mensch alles unternimmt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Führte zur Frage, was wohl einen Menschen so schwer belasten kann, sich immer wieder das Leben nehmen zu wollen?

Die mündlich erzählte Geschichte „Das Mädchen ohne Hände“ handelte vom Einschränken der Rechte der Frau. Der Mann, der Vater, bestimmte, was zu sein hat, seine Selbstsucht führte zu Verstümmelung, Wegweisung und dennoch wieder zu Lebensfreude. Denn Märchen gehen immer gut aus. Dass der jungen Frau durch das Wachsen ihres Kindes auch die eigenen Hände wieder nachwuchsen ist als Metapher zu verstehen: Auch wenn uns Frauen etwas abgehackt wurde – es kann wieder nachwachsen.

Für die Villacher Naturpädagogin und Kärntens einzige Märchenerzählerin ist das mündliche Erzählen die älteste Form der Wissensvermittlung, eine intensive Begegnung mit dem Publikum und ein gemeinsames Eintauchen in eine andere Welt.

Ihre Bilder stellen die sieben Archetypen der Frau im Märchen dar. Die dabei verwendeten Flechten, Blätter und auch Rosshaar erzeugen 3D-Wirkung und schließen den Kreis der Talente der Künstlerin.

Anneliese Merkač-Hauser umrahmte den Abend am Klavier mit F. Schubert, J. S. Bach, Denes Agay, Joaquin Turina und Gerald Martin. Einfühlsam, dann wieder mächtig, im Finale sehr schwungvoll, bot sie beeindruckendes Können. Musizieren bedeutet für sie Empathie für die Welt, Nähe, nachfühlen, neu schöpfen; eintauchen in und neu schaffen von menschlichen Universen.
Die feine Lyrik der Autorin war kompakt, sehr gut beobachtend und meisterlich auf den Punkt gebracht. Ihr Ansatz, Intention, Gedanken, Gefühle, Zustände in neuen Sprachbildern möglichst konzentriert zu verdichten, war ihr – diesmal besonders über Frauen und deren Umfeld – sehr gelungen.

Moderatorin Karin Prucha (text:art-Vorstand) bedauerte im Interview, dass die Musikpädagogin erst so spät zum Schreiben kam, denn es könnte bereits viel mehr Gedichte der Autorin geben.
Das Leben führt uns zum richtigen Zeitpunkt zum richtigen Ort.

Anita Wiegele stellte an diesem Abend ihre „Kopfverklebung“ vor.
Der Kopf als Behältnis, das geschützt, eingehüllt, abgeschirmt wird, und doch sollte sein Inhalt verletzt, ja ausgelöscht werden, um Raum zu schaffen für das Neue, das Ungeborene, mit neuer Leichtigkeit zu ertragende Zukünftige.
Die dabei entstandene Skulptur wurde in der Entstehung fotografiert, diese Bilder führten zu Texten, beides zu einem Buch sowie einer Performance. In einer szenischen Lesung mit Alfred Woschitz – dem einzigen Mann auf der Bühne – gab die Künstlerin ihrem Empfinden Ausdruck.

Bei den ausgestellten Bildern war die Linie vorherrschend, denn diese bestimmt das Schaffen Wiegeles. „Durch ihre konsequente künstlerische Weiterentwicklung hat sie den Zwang eines ästhetischen Gefallenwollens hinter sich gelassen und vertraut auf die Kraft ihrer großen Leidenschaft“ (Barbara Rapp, 2012).
Und die Leidenschaft ist es, die Anita Wiegele beflügelt.

Ein abgerundeter Abend, wie ein Wiener Ehepaar, das in der Villacher Therme zur Kur weilte, im Gespräch mit Marlies Karner-Taxer (text:art-Vorstand) beschrieb: „Wenn wir gewusst hätten, was für ein besonderer Abend das wird, hätten wir einen Bus voll Leute aus der Therme mitgebracht.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer der Hinweis, die nächste Veranstaltung von text:art im Herbst 2018 nicht zu versäumen.

mkt2018

Karin Prucha als Moderatorin

Anneliese Merkac-Hauser
Martina Kircher
Anita Wiegele und Alfred Woschitz

alle Fotos © MKT/tex:art 2018

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