Monat: Mai 2018

„Ausweglosigkeit ist der Tod“ – historischer Roman zur Gewalt im slowenischen Bürgerkrieg

Die österreichische Schriftstellerin Ditha Brickwell hat einen beeindruckenden historischen Roman über die Verführung der Jugend zu Krieg und Gewalt verfasst und damit ein starkes Zeichen gegen jegliche Ideologie gesetzt.Erschienen ist der 421-Seiten starke Roman soeben im DRAVA Verlag (Klagenfurt/ Celovec).
„FEDJAS FLUCHT“ beschäftigt sich mit viel Empathie und mitreißenden Schilderungen mit den Auswirkungen des slowenischen Bürgerkriegs 1943 bis 1945. Philosophisch-essayistische Überlegungen und dramatische Gegebenheiten der exakt recherchierten historischen Fakten setzt die Autorin gekonnt zu einem Gesamtbild zusammen. Machtansprüche machen auch vor der Religion nicht halt.
Militante Ideologie frisst ihre Kinder…

Der jugendliche Ich-Erzähler in diesem Roman – Fedja – erlebt die Jahre des slowenischen Bürgerkriegs in seiner direkten Umgebung und Familie. Es ist eine Entwurzelung gegen Ende des 2. Weltkriegs. Dabei bekämpfen einander bürgerlich-katholische und kommunistischen Milizen, Partisanen rekrutieren Jugendliche und rüsten zum bewaffneten Kampf. Viermal muss die Familie flüchten. Das Kriegstreiben der Alten, die Waffenspiele der Kinder, das Töten im Namen von Religion und – die völlige Orientierungslosigkeit am Kriegsende. Die katholischen Milizen fliehen nach Kärnten; sie vertrauen der britischen Besatzungsmacht; doch anstatt dass sie nach Italien gebracht werden, finden sie sich auf einer Todesfahrt in die Arme der Partisanen wieder. Fedjas hellsichtige Mutter folgt ihnen und versucht in einer atemlosen Aktion, ihre Söhne noch auf Kärntner Boden herauszuholen. In starken Bildern verdichtet Brickwell die Erzählung von Zeitzeugen und historische Tatsachen. Das Thema ist leider derzeit in vielen Konflikten sehr aktuell wie die Berichte der Kriegsdramen in Syrien und Afghanistan täglich bestätigen.

Ditha Brickwell wurde 1941 in Wien geboren und ist dort aufgewachsen. Sie schreibt Romane, Essays sowie Erzählungen. Sie studierte in Wien, Berlin und New York, arbeitete in Berlin, Brüssel und Paris als Architektin und Stadtplanerin. Sie lebt seit 1964 in Berlin und Wien als freie Schriftstellerin.

https://www.ditha-brickwell.eu/

Brickwell über die Entstehung ihres Romans: „Die Namen in diesem Roman sind erfunden, die Personen und die Handlung sind es nicht; die Erzählung greift auf historische Tatsachen zurück, die ich im Gespräch erfahren hatte und in Büchern dokumentiert fand. Ich danke den Brüdern Eiletz, vor allem Silvin, dass sie mir beide geduldig ihre Erlebnisse für dieses Buch berichteten und Philomena Grassl, die mir Gespräche mit Zeitzeugen übersetzte. Boris Mlakar von der Historischen Kommission in Ljubljana hat mich beraten. Auch ihnen allen großen, herzlichen Dank. Ich war insgesamt dreimal in Slowenien, um mich mit allen Ereignisorten vertraut zu machen. Ich ging durch die Räume der Bezirkshauptmannschaft von Maribor, wo die Dienstwohnung der Familie Eiletz gewesen war und verfolgte ihren ersten Fluchtweg. Ich sah mich in Ljubljana um, besuchte die Schule, die 1943 zur Kaserne umgewandelt worden war, sodass die Schüler in ihren eigenen Klassen Soldaten spielen konnten, ich stand vor dem Haus, in dem die Familie gewohnt hatte und die unheimliche Nacht der Ungewissheit durchwachte, als die italienische Besatzung abgezogen war und die Deutsche Wehrmacht einmarschieren würde. Ich war auf der Burg und sah hinunter in die Altstadt von Ljubljana, wo sich 1945 der Tross der Flüchtenden staute, und ich besuchte zweimal die Burg Turjak, sah den Innenhof, in dem die Domobranzen vor der Eroberung der Burg gelagert hatten, ich fuhr durch die Dörfer auf der anderen Seite der Hügelkette und die Waldwege hinab, auf denen Silvin Eiletz und sein Freund durch Partisanenland auf klapprigen Rädern gefahren waren – und am Ende erkundete ich auch den Kočevski Rog.“

„Die Auseinandersetzung der slowenischen Bevölkerung mit diesen Ereignissen ist immer noch sehr verhalten…. und fast jeder Gesprächspartner und jede Gesprächspartnerin versuchte zunächst uns zu erklären, auf welcher Seite sie stünden… und die Frage, warum ich dieser Geschichte hinterher forsche, obwohl es sich doch um Nazi-Kollaborateure handele, brachte mich immer wieder in lange Erklärungsschleifen über das Menschenrecht auf eine individuelle Schuldzuweisung. Was war aber mein persönliches Motiv, das mich zwei Jahre lang an dieser Erzählung schreibend festhielt und mich veranlasste, meinen Hauptroman liegen zu lassen … warum bin ich dreimal in ein mir fremdes Land gefahren? Als mir Silvin Eiletz vor langer Zeit die Geschichte erzählte, wie seine Mutter ihn und seinen Bruder aus dem Todeszug holte – mit welcher Entschlossenheit sie dies tat (und doch nur die ihren und niemanden sonst rettete), und wie surreal die Szene zwischen dem britischen General ohne Soldaten und den jugendlichen Soldaten ohne Schutz und Gewähr anmutet, war mir klar, dass ich einmal darüber schreiben müsste – schließlich ist dies auch eine Geschichte über das begrenzte Versagen der Frauen, der Mütter. Ihren Mut und ihre Verantwortung sollen wir stärken… in dieser Welt der Kriege.“ (Ditha Brickwell)

https://www.drava.at/buch/fedjas-flucht/

https://de.wikipedia.org/wiki/Ditha_Brickwell

LESEPROBE: Ausschnitt aus dem II. Kapitel des Romans von Ditha Brickwell


(Erschienen in Literatur und Kritik,
Hrsg.: Karl Markus Gauß)
Ljubljana, 3. Mai 1945: Eine katholische slowenische Familie wird hinter den Deutschen her nach Österreich fliehen. Doch der fünfzehnjährige Fedja will zu den Partisanen gehen, zu seinem Cousin Mischa und dem Mädchen Serafina. In einem Stadtpalais wird er Zeuge eines Gesprächs zwischen Mischa und einem Abgesandten Titos über die Gewalt des slowenischen Bürgerkriegs. Die beiden Lager sind unversöhnlich, lernt Fedja, Utopien verurteilt zum Scheitern.
Die Kirche ist voller Menschen, er findet einen Platz an der Säule, der Vater hat sich umgewandt und ihn gesehen, wird ihn bis zum Ende der Messe nicht mehr suchen, es eilig haben, weiter regieren gehen – in dieser Zeit auch sonntags im Amt – die Mutter wird ihn bei anderen Familien vermuten, bis sie den Brief findet. Im Scharren am Beginn der Predigt, als sich alle für das Zuhören zurechtrücken, löst er sich aus der Bank, bewegt sich behutsam im Schatten des Seitenganges und schlüpft durch den schmalen Schlitz des Tores. Rennt, springt, über die Steinquader, Se-ra-fi-na, jetzt komme ich. Er schaut in jedes Frauengesicht, doch es sind zu Masken erstarrte Fratzen, aus Falten, Rissen und Wellen, mit stumpfen Augen, ins Irgendwo gedreht. Sie hocken auf Decken unter wackeligen Baldachinen, aus Schürzen oder Tüchern. Zeltstadt Dreibrücken. Schmale Pfade zwischen Lagernden. Auf der Straße nach Norden hin rucken die Fuhrwerke, die weiter fahren. Von dort her schwillt Schreien und Kreischen, hier ist ein Murren und Scharren, bis vor die Tür des Kaffeehauses hin. Der Kellner Sergej steht auf den Eingangsstufen und drängt Frauenschultern zurück, die sich gegen ihn schieben.
„Er ist drüben in der Altstadt!“ ruft ihm Sergej über drei Köpfe hinweg zu, „du wirst schon sehen, wo auf dem Platz die Leute hineingehen.“ Fedja, angestoßen, weicht zurück in eine Spalte zwischen Menschenleibern, lässt sich forttreiben, auf die Balustrade zu. Auf der Brücke findet der Fuß kaum einen Pfad zwischen Binkeln und Packen. Aufder Altstadtseite kommt er schneller voran, bis
auf den großen Platz, vor ein stuckgeschmücktes Tor, das Menschen aufnimmt und hergibt; er geht hinein, wie einer, der schon oft hier war, herein gehört, weiß, wohin er will. Er läuft, wie zehn andere, die breite Stiege hinauf und gegen das Licht und hinüber. In der Zimmerflucht liegen die Lichtstreifen aus hohen Fenstern quer, dunkel- hell-dunkel; Leute trappeln; ein sonnenglühendes Eckzimmer am Ende. Hinter Schattenbalken irgendwo sind Geheimtüren, andere Korridore, klappt eine niedrige Tapetentür auf, kommt ein Rauschen aus trüben Dienstbotengängen. Fedja bleibt im Hauptstrom der Säle und Kabinette, wo Männer in rauen, schmutzigen Röcken sich auf seidenen Sofas räkeln, an polierten Tischen schreiben, im Glanz der Zimmer aufgenommen als herber Schmuck. In einem kleinen Kabinett mit Eichentäfelung ausgeschlagen, klafft eine Tür zum Hintertrakt. „Wir sind die neue Macht“, spricht eine Stimme über Fedjas Schulter, „siehst du das?“ Neben Mischa steht ein Mensch, gewaltig wie ein Bär, „das ist mein kleiner Assistent Fedja und das hier Cyril, mein ältester Freund unter den Kroaten, wir gehen jetzt hinauf, wo Cyril sich ausschlafen kann.“ Durch die Paneeltür gelangen wir zu einer Spindelstiege, die ein fahles Licht von oben empfängt. Hier ist es still, nur die knarrenden Holzstufen geben den Takt der Schritte an, viele Windungen, Mauergeruch, Moderwolken, Holzduft. Wir stehen auf dem Dachboden. Zwischen den Balken und Sparren hängen Decken und Tücher, in den luftigen Kojen stehen Feldbetten, liegen Deckenstapel. Mischa führt uns in einen dämmrigen Winkel, der mit dunkelrot und weiß gemusterten Teppichen ausgelegt ist. Auf einem zierlichen Tischchen stehen Flaschen und Gläser. Wir kauern auf samtenen Polstern. Lass uns die Bequemlichkeit der versunkenen Zeit genießen… Mischa schenkt ein, für sich und für Cyril – und mit einem Seitenblick auch für Fedja. Er zündet eine Zigarette an: „Wir sind die neue Macht,“ sagt er und bläst zischend den Rauch weg, „die Menschen strömen uns zu, die Brigaden füllen sich auf, die Dienstboten der vormaligen Herren sind zuvorkommend zu uns, wir hasten durch die Schlösser zu eiliger Arbeit, bevor wir – oder die Deutschen – sie niederbrennen, so war das in der Gottschee, so ist es überall. Aber bevor du deine Ruhe nach der Reise bekommst, Cyril, trinken wir noch einen auf die neue Macht.“ Er schenkt ein, für sich und den Freund, Fedjas Glas ist noch voll, die vom Schnaps verätzten Lippen haben nicht mehr als einen Schluck in die Kehle gelassen. Mischa kippt den Kopf zurück, der Inhalt des Glases soll in einem Schwall schnell den Magen erreichen.
„Hast du Nachrichten für mich?“
„Eine Menge,“ sagt Cyril, seine Augen gleiten über Fedjas Gesicht, Fedja, der Assistent, hört nicht zu, macht sich klein, denkt an nichts, ergreift zwei leere Flaschen und räumt sie fort. Hockt sich hin und streicht Linien in den Staub. Ist in seinem eigenen Hohlraum von Aufmerksamkeit. „Warum musstet ihr sie allesamt hinrichten?“ „Cyril, du fragst wie der andere Genosse vom Obersten Stab.“ „Und was hat der Genosse Kardelj geantwortet?“ „Er sagte: das sollte sie demoralisieren! Und er lachte dabei, wie der Genosse Vorsitzende immer lacht, wenn er vollständig überzeugt ist.“ „Bist du überzeugt, Genosse?“ „Nein, Genosse, die Frage kommt immer wieder aus dem Hinterhalt: Warum alle töten ohne Prozess und ohne Rücksicht auf persönliche Schuld? Doch es folgt immer wieder die Einsicht, dass solche humanistischen Regungen nur ererbte Reflexe einer katholischen Kindheit sind. Wir sagen uns: die Kämpfer waren erbittert und müde, hatten selbst viele Genossen verloren. Ihnen kamen die Freudenfeste in den Sinn, mit denen die Dörfer an der Küste den Untergang des Faschismus feierten. Und sie dachten an die Deutschen, die näher rückten, die sie gerne aufgehalten hätten. Stattdessen würden sie gegen die Weißgardisten kämpfen, junge Burschen, wie sie selber, die sich von ihrer verräterischen Obrigkeit in Zucht nehmen ließen, diesen unverbesserlichen Alten, die mit ihren schändlichen Parolen die Jugend in den Kampf lockten und sich selbst in Luxushöhlen verkrochen. Die Genossen schlachteten diese unsere Brüder, weil sie sich verführen ließen und auf die falsche Seite gingen – und dortblieben, aus Angst vor uns. Das ist ihre ganze Schuld. Die deutschen Faschisten verdienten zuerst unseren Zorn, aber die Faschisten verlieren ohnehin an allen Fronten. Der internationale Imperialismus erlebt ein Inferno. Die sowjetischen Genossen kämpfen den entscheidenden Kampf. Wir hier haben unser Haus für die Revolution aufzuräumen, sauber zu machen. Jetzt und gründlich …
so sieht das zumindest der Genosse Kardelj. Wir Genossen müssen den Söhnen der alten Eliten unversöhnlich gegenüberstehen. Der Vorschlag der Weißen zu einem Nichtangriffsabkommen wäre abzuwehren gewesen, hätte er nicht den Genossen das Tor zu Scheinverhandlungen geöffnet, die sie klug zu nutzen wussten. Sie schickten Frauen zum Reden auf die Burg Turjak – die Frauen der Weißgardisten zusammen mit dem Wirten aus dem Dorf und einem Studenten als Führer. Die beiden hatten Seile im Rucksack. Ließen diese heimlich vom Turm herab. Der war nicht bewacht, vom steilen Absturz her erwarteten die Weißen keine Gefahr. In der Nacht kletterte ein Genosse an der Turmmauer empor und legte Sprengsätze an die angrenzende Mauer, das war die Schwachstelle der Burg. Von Süden her donnerte die Kanone, das Geschenk der Italiener. Die Ostmauer stürzte unvermutet ein, mitsamt der Kapelle. Was nützte noch der Turm? Mauer um Mauer wurde erkämpft und gesprengt – trotzdem hielten die Weißen in ihrer Verbohrtheit tagelang aus, das hat vielen Genossen das Leben gekostet, erst am 19. September am hohen Mittag haben sie die weiße Fahne gehisst und die Burg übergeben.“ „Wieviel Tote?“ fragt der Genosse Cyrill, und sein breiter Kopf, hoch aufgerichtet, bleibt im Dunkeln. Mischa schenkt sich wieder Schnaps ein, die anderen Gläser sind noch halbvoll. „Mit den toten Gefangenen: vielleicht siebenhundert.“ „Und wieviel tote Genossen?“ „Dreihundert oder mehr.“ Cyril steht auf, den Kopf unter die Dachschräge gebeugt fragt er: „Wo sagst du, Genosse, ist Wasser?“ „Geh in den Oberstock zurück, von der Boden- stiege aus links, wirst schon sehen.“ Die Schritte lassen die Holzstufen ächzen, die Tür schlägt auf, das Summen der unteren Säle schwillt herauf. Mischa trinkt, und es wird wieder still. (Die Tür ist zugefallen). „Deine Brüder waren in Turjak, Fedja, oder nicht?“ Mischas Lippen sind rund, die Silben fließen träge heraus. „Bo und Milovan, ich sehe sie an unserem Tisch, beim Weihnachtsessen in Lemberg. Bo unser Liebling – später in fremden Katakomben als Quäler unterwegs, und Milovan, der Zarte, mit einer Kokarde in falschen Farben auf dem Kopf, deine Brüder, Fedja, sind sie um- gekommen auf Turjak?“ „Nein, sie sind rechtzeitig abgezogen, waren bei den Bergbrigaden, die sind über die Höhen fort.“ Mischas Blick sucht die Teppichmuster ab.
„Unser beider Freund Matija, von dem ich meinen Partisanennamen habe, war dort.“ Mischa schenkt für sich Schnaps nach. „Mein Kinder- freund Matija, er kletterte zu rasch am Seil empor, zu hastig, wollte alles gut machen, schwingt übermütig vom Turm auf den Mauerbogen der Kapelle, eingeklammert in das Altarfenster legt er den Sprengsatz an und zündet – hatte die Lunte noch in der Hand als er schon starb, sagen sie,
die Bresche war groß genug, hat vielen anderen das Sterben erspart.“ (Das Gesicht des Matija, als die Steine stürzen, in Blitz und…) Mit Gepolter kommt der Genosse Cyril zurück. „Es besteht die Notwendigkeit der Einigkeit des Volkes“, spricht er (als hätte er die Worte im Waschraum erfahren). Sein Körper strömt Frische und Kälte aus. „Der Zusammenhalt ist jetzt, wo das Ziel näherkommt, wesentlich. Jeder Weißgardist, der lebt, ist ein Sprengsatz an der Zukunft. Jeder Tschetnik, der heute verschont wird, könnte später die neue Gesellschaft sabotieren. Deshalb war auch der Tötungsakt an den Gefangenen von Grčarice zu billigen…“ Mischa hat wieder zwei Gläser vollgeschenkt, Cyril ergreift eines und dreht es. „Aber warum sie abschießen wie Tiere?“ fragt Cyril und gibt sich atemlos die Antwort selbst: „Es fehlt den Genossen die Technik für den Übergang in die neue Zeit; sie haben keine Regel, wie mit der schuldigen Klasse zu verfahren sei. Sie sehen in der Theorie die neue Zeit vor sich, die Utopie schwebt im klaren Licht herab zur Wirklichkeit, aber der Weg dorthin ist noch im Dunkeln.“

„Ich sehe das klare Licht,“ lallt Mischa, kippt
den Kopf, setzt das Glas mit dem wasserhellen Schnaps an, trinkt und wärmt des Glas zwischen seinen Händen, „und ich sehe einen Graben und die Genossen am Rand mit steilgehaltenen Gewehren, nicht, wie man sie gegen Feinde hält.“ Das Glas schwebt zurück zum Tisch, wird vollgeschenkt und gleitet über die Knie zum Mund. „Doch was ist Töten? Ich war nicht vor Turjak. Ich habe in der Sutjeska gekämpft und niemanden erschossen. Ich zielte nur in eine Silberwand aus Rauch. Mein Feind war im röhrenden Wald, der hie und da vor Schmerz schrie, also hielt ich meine Feuergarbe dagegen, und die Antwort
kam in Donnerschlägen von da und dort. In der Stille danach, wenn das Pfeifen nur einen Seufzer lang aussetzte, sprang ich auf und hetzte dorthin, wo ich den Einschlag gesehen hatte. Sie treffen niemals das gleiche Loch, sie schwenken die Haubitze weiter und durchkämmen den Berghang. Ein Granattrichter ist der sicherste Ort in einem solchen Kampf, und willst du weiter, so hopst du wie ein Springbock von Knall zu Knall, von Deckung zu Deckung. Du siehst nichts in der Grube im Dampf, du hörst nur das Heulen und spürst den Einschlag – und auf geht’s, dorthin, wo die Staubwolke aufgetrieben ist. So überlebte ich den Kampf am Dragaš-Sattel, den Weg durch die Zelengora und hielt den letzten Durchlass für Tito und den Stab aus dem Kessel der Deutschen offen. Und wozu? Für ein neues Land, sage ich. Nur, dass mein gerechter Krieg hinter einer Wand von Rauch und Gestank irgendwo zurück geblieben ist. Also: Auf den Neuanfang.“ Cyril steht auf und schaut sich zwischen den baumelnden Tuch- wänden um, „der bewaffnete Kampf muss sein“, sagt er zerstreut. „Aber nicht mehr lange. Wir sind die neue Macht. Hast du nicht immer gesagt, wir slowenischen Genossen hätten keine kämpferische Kraft? Dass wir uns niemals allein befreien könnten? Also, wozu bist du jetzt da?“ „Als Untergrundkämpfer in der Stadt seid ihr stark. Der Genosse Kardelj ist lange Zeit nicht in den Wald gegangen, also ward ihr in der Stadt stark. Nur das planlose und irrtümliche Liquidieren war nicht so glücklich.“ Um das zu sagen ist er zu uns zurückgekommen. „Nicht so glücklich, “ auf Mischas Lippe platzt eine Speichelblase, „liquidieren heißt flüssigmachen. Prost.“ Er hebt sein Glas (das
aber leer ist). „Liquidieren, das ist Zerquetschen, du drückst, und der Saft quillt heraus. Aus den Leibern der Insekten schlappt der Saft. Liquidieren ist nicht Hinrichten. Hinrichten macht den Toten zum Verbrecher, Töten macht ihn zum Feind, Liquidieren zum Insekt. Prost. Wir sind die neue Macht. Gut organisiert und gut bewaffnet, weil: die Geschichte kommt als Verbündete auf uns zu. Wir schwächten den deutschen Aggressor. Die Briten zählten die Toten, rechneten sie uns zu und zählen jetzt auf uns. Glänzende Mathematik. Die einen besitzen und stürzen ins Verderben, die anderen haben nichts zu verlieren und kämpfen sorglos. Die Gleichung geht auf. Die Kollaboration wird den Klerikalen nicht verziehen. Die Unversöhnlichkeit der Genossen ist unauflösbar.“ „Wo, glaubst du, kann ich mich für eine Weile ausruhen?“ fragt Cyril, der eine zweite Schleife zwischen den Matratzen während der Rede des Mischa gedreht hat.
„Sieh selbst“, sagt Mischa, und sein Glas beschreibt einen Kreis, „die Matratzen, die wir
aus der Kaserne geholt haben, liegen da wie die Spielfelder auf einem Schachbrett, sind von weißen Kollaborantenköpfen eingedrückt und von Aggressorenärschen plattgewalzt. Jetzt werden sie von Partisanen-Rücken besetzt. Stell dich Läufer auf ein schwarzes Feld. Die Okkupanten haben gezogen, jetzt sind die Alliierten an der Reihe, die legen sogleich die Begrenzungslinien des Schachbretts neu aus, an der Drau, an der Save. Wir Genossen studieren die Mechanik des Spiels, das Volk berauscht sich am historischen Augenblick.“ Cyril schiebt mit der Fußspitze eine Matratze zurecht. „Ich schlafe gleich hier“, murmelt er. „Das Volk schreibt seine Geschichte selbst“, redet Mischa weiter mit leerem Blick, „das malten die Genossen auf ein Transparent in Kočevje, um es über den Köpfen der Delegierten anzubringen. Schreibt das Volk selbst? Oder wir, die Avantgarde, die für das Volk denkt und handelt – und es in tödliche Scharmützel entsendet? Oder sind es vielmehr die Spieler Churchill und Stalin, die uns längst an den Köpfen gepackt haben? Ah ja, es herrscht Aufbruch in Einmütigkeit und Begeisterung. Wir sind geleitet von einer neuen Theorie.“ Cyril lässt sich auf die Matratze fallen, streckt die Füße aus, legt den Kopf auf seinen linken Arm und schaut in das Dachgebälk hinein (vielleicht kommt von dort der Schutzengel und drückt dir die Augen zu, pflegte Marta, die Köchin, zu sagen; aber der Genosse hält die Augen offen und hört zu). „Der Utopismus der Theorie und die Widersprüche zur Wirklichkeit, wie lösen wir sie auf? Die neuen Machtblöcke in Europa sind schon jetzt hinter ideologischen Lügen verbarrikadiert, um sich vor unseren Aufbrüchen in die Zukunft zu schützen. Wieder werden zu alten Herren gewordene Kämpfer ihre idealistische Jugend gegen enthusiastische Jugend hetzen, bis zur Leerung des Kampffeldes, wie auf dem Schachbrett. Schub- laden tun sich auf, um die Toten zu verschlingen. Aber wir lassen dich jetzt ruhen, Genosse, dass dich der Schlaf verschluckt.“ Mischa packt die Flasche, in der noch ein Mundvoll Schnaps schwappt, legt mir die Hand auf den Kopf und dreht ihn zur Holzstiege, die zur Bodentüre hinunterführt. „Wir gehen jetzt dort hinaus.“ Er steht, richtet den Blick aus und geht mit zierlichen Schritten, weicht den Tüchern, Binkeln, Matratzen und sich über den Boden streckenden Quertramen aus, er stolpert nicht, passgenau tänzelt er durch die Unordnung. Am Geländer der Stiege hält er sich fest, das Licht aus dem Bodenfenster strahlt ihn an. Als er mich neben sich spürt, sagt er leise: „Woher diese Zweifel?“ Er wischt sie von der Stirn weg. „Immer wieder legen sich Zweifel in mein Gehirn, haben einen Gewohnheitsplatz da drinnen, von Kindheit an, haben sich in meinem frommen Kinderleben eingewöhnt, die Zweifel, durch tägliche Gewissenserforschung zur Nacht.“ Schritt für Schritt geht er die federnden Holzstufen abwärts. „Beichtgang jeden Freitag! Oh! Meine Genossen, die sind immer kampf- bereit, lustvoll neugierig auf das Kommende…“ Schritt, „Nachdenken und Entscheiden liegt in der Hand der führenden Genossen im Stabsquartier. Bedingungsloses Dazugehören.“ Schritt und Schritt. „Keine Bündnisse. Kein Wechsel der Parolen. Begreife doch die führende Rolle der Partei, Genosse. Sie hat immer recht. Aus ideologischen Gründen.“ Mischa öffnet die Bodentür, und wir stehen im lichten Stiegenhaus, über uns der gemalte Himmel des Deckenfreskos, schwelgende Frauen, von Luft gebauscht Kleider, ein Finger zeigt… auf was?
„Die Existenz Gottes“, sagt Mischa in das helle Stiegenhaus hinein, „die existentielle Frage ist ausgespart.“ Im großen Schwung sucht die Hand und findet das Geländer. Er lehnt gegen die Balustrade und beugt den Kopf weit hinaus über den Abgrund, das Gesicht dem gemalten Himmel zugewandt, gedehnt zum Staunen. Der Kopf wird wieder hergeholt und vorwärts gebeugt und rückt sich über dem Stiegenlauf zurecht. Abwärts gehen ist leicht, die Stufen sind breit und flach, Fuß vor Fuß setzend schreiten wir. „Ich liebe meine Zweifel“, raunt mir Mischa ins Ohr. „Die süßen lauen Zweifel am Ostermorgen: Der Auferstandene kommt und isst und geht, und sie erkennen ihn nicht, verwechseln ihn mit Gärtnern und Fischern. Und keiner darf ihn berühren, wenn er sie anredet, warum? Die müden, schönen Zweifel im Dunkel des Beichtstuhles… ich bekenne, dass zwischen meinem Glauben und der Welt draußen eine Kluft klafft, von unbekannter Länge und Tiefe; lass uns gemeinsam hineinleuchten, mein Sohn. Lass uns gemeinsam in die Sakristei gehen.“ Mischa salutiert, und der Mann, der an ihnen vorbei die Stiege heraufkommt, grüßt erschreckt zurück, wendet sich nur kurz um, und Mischa hat längst die Hand von der Stirn fortstürzen lassen. „Mein Herr Kaplan, mein Kinderkatechet, hatte die Sehnsucht nach dem Verstehen längst aufgelöst, er trieb in der Suppe der Gewohnheiten. Er überließ die Wahrheitsfindung dem Papst. Mein Herr Kaplan besaß Worthülsen, vom Papst überreicht, vom Bischof in die Pfarre weitergeben, vom Pfarrer eingepflanzt. Genauigkeit der Formel. Gewöhnung trägt die Gemeinde. Ich aber liebe die Einsamkeit des Zweifelns. Ich habe meinen Zorn!“ schreit Mischa auf und stützt sich auf die schräge Marmorplatte der Balustrade, dass er schauen kann, wer ihn bestaunt, doch im Geklapper der Schritte, im Lärm von aneinanderstoßenden Gerätschaften und Gerümpel horcht keiner zu, seine Rede ist eingemischt in das Durcheinander von Rufen und Schlägen. „Meinen Zorn über die Fortsetzung des Krieges, den Überfall auf die Sowjetunion, die Hilflosigkeit der Eltern.“ Er packt meinen Arm, schiebt mich vor sich her und vor das Tor.
„Der Zweifel ist das Seelenfutter. Hör zu: Zweifeln heißt, die Muster der Widersprüche immer eingehender verfolgen“, er grinst mich an, „und plötzlich schaut in der Nacht das Unfassbare herein. Was ist hinter dem Universum? Was zündet das Leben? Vorsichtig nie Gesagtes oder kaum Gefragtes in Worten formen – das ist ein Höhenweg voller Abstürze.“ Mischa redet zu sich, vielleicht auch zu mir von der Seite. Er biegt in eine Passage, die kühle Luft beschleunigt seine Schritte. „Immer oben bleiben, an der Kante entlang torkeln, so lange, bis das Unerwartete erscheint und dich tröstet. Zu mir ist es gekommen und nannte sich atheistischer Sozialismus. Der fügte in meinem Kopf alles zusammen, Gefühle, Analysen, Erlebnisse, Umwege. Bis eines Tages die Gewöhnung sich drohend zeigte. Ich erkannte diesen Schädling zuerst an der Sprache der Genossen. Die Sätze wurden abgegriffen und ausgelutscht weitergereicht, weil: Angesichts des Feindes gilt Zusammenhalt. Die Vorherrschaft der gemeinsamen Worte. Mögen sie falsch, unerhört oder gelogen sein. Keine Prüfung, keine Widersprüche und niemals Gegenreden. Die Genossen nahmen mir das Kostbarste, das ich bislang besaß: die Muße zum Zweifeln.“ „Was willst du bei uns?“ fragt er – und wir stehen auf den Stufen vor dem Tor. „Mitarbeiten für die neue Zeit.“ „Du bist noch ein Kind.“ „Ich bin Kind und erwachsen zugleich. Das ist mein Vorteil.“ „Du weißt alles. Gut. Dann behalte deine Übersicht und bleib weg von uns. Denn bei uns verlierst du deine bourgeoise Seele. Bist ausgeliefert.“ Er spürt meine Gegenwehr, er hört meine Fragen und Sätze, bevor ich sie spreche. „Du warst doch Ministrant. Siehst du – und bei uns bleibst du Ministrant, mit noch mehr Strenge und ohne den mystischen Schutz des Glaubens an die Ewigkeit.“ „Aber der Dichter Kocbek ist bei euch und hat seinen Glauben behalten, höre ich.“
„Ach der Kocbek. Die Genossen nehmen ihn nicht ernst – in seinem Traum vom linken Katholizismus. Und ich sage dir, sie haben recht.
Du kannst nicht den Gedankenschirm von Gott zum Menschenstreit spannen, der platzt sofort. Die christlich-sozialistischen Fadenspinner sind ihrem Wesen nach gewaltlos, also wehrlos, von Anfang an. Sie sind leidend, nicht handelnd. Sie ergeben sich: Wer um meinet willen Bruder und Schwester und Haus und Hof verlässt … nur dem verheißt Jesus die Erlösung im Himmelreich. In unserem Kampf geht es aber um Haus und Hof und Bruder und Schwester. Wer kann sie im Geist der Bergpredigt retten? Den Handlungsauftrag der Bergpredigt haben wir noch immer nicht verstanden oder können ihn hier zu Lande nicht anwenden: wenn dir einer den Mantel herunterreißt, lass ihm den Rock. Ein Verhaltenskodex, für den es in unserer Zeit keine Übersetzung gibt, keine Enträtselungsformel. Gewaltfreier Kampf ist nicht denkbar. Wenn sich der Feind an deiner Nachgiebigkeit ins Unermessliche steigert, bleibt dir in letzter Folge nur der Märtyrertod und das Himmelreich. Er besiegelt das radikale Ende vollkommener Friedfertigkeit. Selig-wer-um-meines- Namens-willen Verfolgung leidet. Ihm wird im dialektischen Sprung der Himmel offenbart. Das Versprechen des ewigen Lebens. Du glaubst, der Verweis ist nicht zu ertragen? Das hat die Kirche erkannt. Sie schart die ratlosen Nachfolger Christi um sich schon seit langem und schenkt den Friedfertigen den Begriff des gerechten Friedens. Das ist ein geteilter, bemessener, nach umstrittenem Maß zugeteilter Frieden, der Besitzansprüche und Trennlinien zeugt – um diese darf gekämpft werden. Seit Jahrhunderten sind wir aufgestellt und eingeteilt für den Krieg um den Frieden.
Wem aber gehört der so heiß umstrittene Frieden, dir oder mir? Die jungen Menschen vor und in der Burg Turjak, diese Bauernburschen und Studenten, die Intellektuellen der beiden Seiten, sie starben für weniger, als eine gerechte Zukunft oder ihr ewiges Leben… Sie gingen zugrunde für die Besitztümer alter Männer hier und für die unbekannten Ansprüche politischer Funktionäre dort. Sie alle haben unschuldig den Tod erlitten – für die Machtziele ihrer Eliten. Keiner wagte, die Friedfertigkeit als Kampfmittel weiterzudenken. Alle ergaben sich dem schamlosen Ansinnen, für jeweils andere zu kämpfen. Sie setzten dem Diktat der Gewalt nichts entgegen. Warum? Weil niemand den Erzählungen der alten Männer ausweichen konnte. Die blutigen Bilder aus dem großen Krieg … Isonzo … Verdun … und 1915 die Schlacht um Belgrad, die Namen der Toten, die Orte, wo sie starben … im kleinen Resonanzkasten der Familien klangen die Schrecken nach, erzeugten neue Bereitschaft zum Krieg. Alle waren sich einig, der Kampf ist unvermeidbar. Der Begriff der Unvermeidbarkeit nistete in allen Köpfen, die Waffen lagerten in den Kirchen und in den Scheunen.“
„Meine Mutter sagt, Ausweglosigkeit ist der Tod.“ Mischas Blick kommt von weit her, hält sich mit Mühe auf meinem Gesicht, „geh zu deiner Mutter, “ sagt er, „geh, und sei froh, dass du noch ein Kind bist und in eine andere Zeit entkommen kannst.“ „Ich will nicht, ich muss bei euch bleiben… um Serafina zu finden.“ „Die Kellnerin von Dreibrücken? Die mit den schönen langen Haaren, die bei uns Larissa hieß? Das Mädchen
ist tot.“ Mischa hört kein Seufzen und kein Schluchzen, weil Fedja ihm nicht glaubt, weil die Nachricht nicht ankommt und einschlägt. „Sie ist tot. Frauen, die lieben, sind immer zwischen den Fronten. Ich kenne ihre Geschichte. Sie ging mit einem italienischen Soldaten, darum schoren ihr die Nachbarn die Haare. Die Genossen brachten sie also mit – weil sie so nicht in der Stadt bleiben wollte. Vor Ţelimje geriet sie in Gefangenschaft, die Weißgardisten machen keine Gefangenen. Man hat sie und andere erschossen. Vielleicht war es einer deiner Brüder? Oder deren Freunde? Frag sie doch, ob sie im Erschießungskommando gestanden haben. Für Serafina und die andren Toten ist es gleich. Geh zu deiner Mutter, Fedja, schau, dass du entkommst!“ Und Mischa gibt mir einen Schlag auf die Schulter, deutet nach Norden, und ich beginne zu laufen, immer schneller, hüpfe zwischen den Fuhrwerken und Menschenknäueln hin und her, Fedja befreit sich von allen diesen Hindernissen und läuft am Ufer Ljubljanica hin, so schnell, dass er die Fugen nicht sehen, die Silben nicht mehr sagen kann: Se-ra-fi-na.
©Ditha Brickwell (Fedjas Flucht/ DRAVA 2018)

https://www.morawa-buch.at/detail/ISBN-9783854358688

Details
ISBN 978-3-85435-868-8

Gebunden
Verlag Drava Verlag
Erscheinungsjahr2018
Erscheinungsdatum 27.02.2018
Seiten 421 Seiten
Sprache Deutsch
€ 21,-

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Solidaritätserklärung für Josef Winkler des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes

Der Kärntner Schriftsteller*innenverband stellt sich hinter Josef Winkler

angesichts der Drohung einer Klage von Seiten der FPÖ Kärntens gegen den Kollegen Josef Winkler stellt sich der Kärntner SchriftstellerInnen Verband (KSV) mit einer Solidaritätserklärung für Josef Winkler gegen jegliche Versuche der FPÖ, berechtigte kritische Äußerungen eines Autors zu kriminalisieren. Im Sinne einer Schuldumkehr soll offensichtlich der Rufer angeklagt werden und von den eigentlichen Verursachern abgelenkt werden. Kritische Stimmen aus dem Kunstbereich sollen eingeschüchtert und zum Verstummen gebracht werden.
Wieder ist es scheinbar gelungen, literarische (!) Äußerungen von Künstlern politisch zu instrumentalisieren, um damit Stimmung gegen die Intelligenz des Landes und den gesamten Kunstbetrieb zu machen, die nicht FPÖ treu agieren.
Es herrschen Pressefreiheit und Meinungsfreiheit und selbstredend gilt: „Freiheit der Kunst“- nicht nur zwischen den Buchdeckeln, in der Zeitung oder bei Lesungen/ Ausstellungen/Theater- und Musikaufführungen/ Tanz/Performance oder virtuellen Medien, sondern auch im öffentlichen Raum, bei Veranstaltungen, Festakten etc…
Ganz allgemein richtet sich der KSV gegen jeglichen politisch motivierten Versuch der Zensurierung (seit 1918 verboten) und der Ausgrenzung von „nicht-ins-Konzept-passenden“ Schriftstellern und Künstlern anderer Sparten.

Gabriele Russwurm-Biro
KSV-Präsidentin e.h.
Regionalsprecherin für Kärnten der IG Autorinnen Autoren Österreich, Bundesvorstand

weiters schließt sich der KSV folgender Petition an, der wir voll inhaltlich unterstützen:

Die Aufregungen um Josef Winklers 500 Jahre Klagenfurt-Rede

Wir erklären generell unsere Unterstützung für unseren Schriftstellerkollegen Josef Winkler. Wir weisen ebenso vorsorglich und generell darauf hin, dass es sich bei der angekündigten Anzeige der FPÖ von Winkler wegen Verhetzung (lt. § 283 StGB mit bis zu zwei Jahren Freiheitsentzug unter Strafe gestellt) um eine Themenverfehlung handelt. Josef Winkler hat eigennützige und korrupte Politik und Politiker im Rahmen eines Festaktes gegeißelt und nicht zu feindseligen Handlungen gegenüber bzw. einer Beschneidung von Lebensrechten einer Bevölkerungsgruppe aufgefordert, und er hat nichts angesprochen, für das sich nicht auch Belege heranziehen lassen würden.

Auch wenn das Vertretern der FPÖ so ganz und gar nicht in das Bild passt, weil die Kritik Josef Winklers Politiker in ihrem Umfeld betrifft, Josef Winkler hat im eigenen Namen und nach eigener Wahrnehmung Festbilanz gezogen, als Schriftsteller und nicht als Vertreter oder Stellvertreter einer politischen Partei. Ob am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt und mit welchen Worten war und ist seine Entscheidung.

Josef Winkler hat im Gegensatz zu einigen seiner Kolleginnen und Kollegen Kärnten nie verlassen, auch in den vielen Jahren der unumschränkten Herrschaft der BZÖ-FPÖ-Regierungen nicht. Das hat aus ihm einen ebenso scharfen wie unerbittlichen Kritiker der Vertreter der Politik des BZÖ und der FPÖ gemacht, allen voran von Jörg Haider, gegen dessen bzw. deren Großmannssucht er immer und immer wieder das Wort ergriffen hat und deren Verantwortung er nicht wegfeiern lassen wollte und will. Das war schon bei seiner Bachmannpreisrede 2009 so und ist jetzt, 9 Jahre später, nicht anders.

Es ist notwendig, wenn bilanziert wird, nicht den Mantel des Schweigens über alles zu breiten, sondern vor allem auch auf Missstände und Fehlentwicklungen hinzuweisen. Wenn die Politik das nicht kann – die Literatur kann nicht darauf verzichten.

Gerhard Ruiss
IG Autorinnen Autoren
Wien

http://www.kleinezeitung.at/kaernten/klagenfurt/aktuelles_klagenfurt/5411553/Der-Tag-wird-kommen_Josef-Winklers-Rede-im-Wortlaut

Josef Winkler und die Zensurforderungen der FPÖ Kärnten

Egal, wie der Kärntner FPÖ-Landesvorsitzende Darmann seine Kritik an der Rede Josef Winklers dreht und wendet, am Ende seiner Empörung über diese Rede steht immer der Wunsch nach einer Verurteilung oder einem Verbot. Nach dem nicht durch ihn verhinderbaren Auftritt Winklers im Kärntner Landhaus möchte er nun, dass ein weiterer Auftritt Winklers im September dieses Jahres im Musil-Haus verboten wird. Verboten werden soll dieser Auftritt vom sozialdemokratischen Landeshauptmann Kaiser und/oder der sozialdemokratischen Bürgermeisterin von Klagenfurt Mathiaschitz. Darmann hat schon die Rede Winklers missbräuchlich verwendet und auch die Einwände gegen diese Rede durch seinen Autorenkollegen Egyd Gstättner, er fordert nun auch noch ganz offen die in Österreich seit 1918 verbotene Vorzensur.

Es wird immer deutlicher, dass der Kärntner FPÖ-Landesvorsitzende einen parteipolitischen Kampf auf dem Rücken von Künstler/inne/n und Kulturveranstaltern auszutragen vorhat, weil das Kunst- und Kulturressort nach der Wahl auf den sozialdemokratischen Landeshauptmann Kaiser übergegangen ist, und nicht nur Kärnten, sondern auch Klagenfurt sozialdemokratisch regiert wird. Er will möglicherweise auch gar niemanden anderen überzeugen, sondern nur die eigene Klientel fester um sich scharen, damit sie sich nach der Wahlniederlage nicht in alle Winde zerstreut.

Aber selbst, wenn man das alles ins Kalkül zieht, zieht der Sachverstand Grenzen. Warum es sich bei der Rede Winklers um „Verhetzung“ handeln soll, lässt sich mit Sachverstand nicht begründen. Und warum die an die Klagenfurter Staatsanwaltschaft geschickte Sachverhaltsdarstellung der IG Autorinnen Autoren ein „Schuldeingeständnis Winklers“ darstellen soll, wie es Darmann ausdrückt, versteht außer dem Kärntner FPÖ-Landesvorsitzenden wohl niemand mehr.

Die Konfliktkonstellation ist glasklar, Darmann will Autorinnen und Autoren, die ihm nicht ins Konzept passen, mundtot machen, die IG Autorinnen Autoren will das verhindern. Die IG Autorinnen Autoren wird nicht zulassen, dass die FPÖ Kärnten Autorinnen und Autoren oder Literaturveranstalter in ihren Möglichkeiten beschneiden darf. Weder darf die Freiheit der Kunst durch die FPÖ Kärnten beschnitten werden, noch dürfen Zensurwünsche der FPÖ Kärnten in Erfüllung gehen.

Gerhard Ruiss
IG Autorinnen Autoren
Wien, 3.5.2018

http://www.kleinezeitung.at/kultur/5415127/WinklerRede_Lydia-Mischkulnig-ueber-eine-hervorragende-Rede?cx_testId=4&cx_testVariant=cx_3&cx_artPos=1&cx_tag=contextual&cx_type=contextual#cxrecs_s

http://www.kleinezeitung.at/kultur/5415128/Josef-Winkler_Anna-Baar_Winkler-Themenverfehlung-vorzuwerfen

http://kaernten.orf.at/news/stories/2910288/

Foto (c) wikipedia/ Valvasor, Landhaus in Klagenfurt mit Fortunabrunnen, 1688 (Stich)

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