Monat: Februar 2018

Sprache – Verantwortung – Solidarität

Beschlüsse der Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren
24.–25.2.2018

Sprache – Verantwortung – Solidarität
Grundsatzerklärung

Sprache wurde immer schon missbraucht. Für alle Antidemokraten war die Herrschaft über die Sprache Voraussetzung für die Erreichung ihrer Ziele. Je autoritärer die Bestrebungen, desto manipulativer die Sprache. Wenn jemand in Internetforen „Humanismus ist heilbar“ als Username wählt, um seine Beiträge zu bewerben, spricht das für sich.

Heute sind wir mit einer Strategie der Doppelgleisigkeit konfrontiert: Unverblümt radikale Botschaften für die eigene Klientel und gleichzeitig allgemein akzeptable, freundliche Versionen für die breite Öffentlichkeit, die ihren autoritären, menschenverachtenden Gehalt höchst erfolgreich zu verbergen wissen.

Im Begriff Verantwortung stecken ‚Wort‘ und ‚Antwort‘. Erst das Wort, das Antwort findet und erträgt, ermöglicht den Dialog, Gemeinschaft und Demokratie. Wer sich dessen bewusst ist, der wird Identität und Selbstbestätigung nicht in der Ausgrenzung anderer suchen.

Schriftstellerinnen und Schriftsteller begleiten mit wachem Interesse gesellschaftliche Prozesse. Mit großer Sorge beobachten wir die Anzeichen, bewährte Strukturen, wie zum Beispiel die Selbstverwaltung der Krankenkassen und Kammern oder den unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, unter dem Deckmantel der Befreiung von Zwängen zu zerstören und die kümmerlichen Reste des ORF unter die Kontrolle der Regierung zu stellen. Damit lässt diese Regierung das Verständnis für Wesen und Grenzen des Wählerauftrages vermissen und beschreitet den gefährlichen Weg, die Meinungsfreiheit zu beschneiden und unbequeme Ansichten zu unterdrücken oder zu marginalisieren. Auch Sozialabbau ist ein Spiel mit dem Feuer. Er ist nicht durch ökonomische Zwänge bedingt, sondern Ausdruck eines inhumanen Menschenbildes, das den neoliberalen Ellbogenkapitalismus charakterisiert.

Achtsamkeit ist ein Gebot der Stunde. Wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller wollen, mit der gebotenen Vorsicht und Rücksicht, deutlich aussprechen, was Sache ist, ohne Alarmismus, ohne Resignation, in der Hoffnung auf die Renaissance des aus der Mode gekommenen Wortes Solidarität.

In diesem Sinne fasst die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren folgende Beschlüsse:

Die Freiheit der Kunst, die Freiheit des Wortes, die Freiheit der Presse

Es ist erschreckend, in welchem Ausmaß sich unter der Fahne angeblicher Auseinandersetzung mit dem Thema Sexismus neue Methoden der Zensur herausbilden resp. bereits herausgebildet haben und im Wortsinn schlagend werden.

Die Freiheit der Kunst, die Freiheit des Wortes, die Freiheit der Presse sind unverzichtbare Grundfesten einer demokratischen Gesellschaft. Kein fadenscheiniges Argument darf gegen diese Werte ins Treffen geführt werden. Es ist allerhöchste Zeit, mit der Zivilcourage – auch – im individuellen Denkprozess zu beginnen, die offenbar bereits gut internalisierten Scheren im Kopf zu verbannen, nicht im Sinne eines schwammigen political correctness-Begriffs besser zu zensurieren als jede staatliche Behörde. Eine sogenannte Diskussion über eine Gedichtzeile, über nackte (weibliche) Körper in der bildenden Kunst etc. ist unwürdig, erbärmlich, degoutant. Nicht die Kunst ist frivol, sondern die Anmaßung jener, die sich aufwerfen, über sie in zensorischer Manier zu befinden.

Eine Demokratie sollte längst gelernt haben, wohin eine derartige Entwicklung im worst case führen kann. Erst kratzt man Gedichtzeilen wie die von Eugen Gomringer von der Berliner Alice Salomon Schule, dann kratzt man alles andere Unliebsame aus dem Bild einer „sauberen“ Gesellschaft.

Wir fordern die Politik und sämtliche im Medien-, Kunst-, Kultur- und Bildungsbetrieb Tätigen auf, sich nicht nur entschieden gegen Zensur zu wenden, sondern auch den nötigen Respekt, die notwendige Feinfühligkeit im Umgang mit künstlerischer Produktion walten zu lassen.

Die Verpflichtungen in Landeskulturförderungsgesetzen

Die IG Autorinnen Autoren ist alarmiert von der sorglosen Auslegung der Landeskulturförderungsgesetze. Äußerungen in Tirol und Kärnten geben dazu berechtigten Anlass.

„Jeder hat einen andern Kunstbegriff, daher bin ich für das amerikanische System, das mit privaten Geldern arbeitet. Bei der Förderung von Kunst und Ausstellungen hat die öffentliche Hand wenig verloren. Queere und feministische Kunst braucht aus meiner Sicht keine öffentlichen Gelder. Die Tradition und das gelebte Heimatbewusstsein in Tirol wollen wir hingegen fördern, weil es kulturstiftend ist und man damit die Masse erreicht.“ (Markus Abwerzger, Der Standard 13.2.2018)
„Wir fördern Marterln, sonst haben wir morgen den Sichelmond.” (Christian Benger, Kleine Zeitung, 19.2.2018)
Kleine Zeitung: „Einsparungen fordern und mit öffentlichem Geld Marterln fördern. Wie passt das zusammen?”
Benger: „Das ist ein Betrag von unter 100.000 Euro. Die Wegzeichen mit dem Kreuz sind ein wichtiger Baustein unserer westlichen, christlichen Kultur und wir unterstützen all jene, die sich hier ehrenamtlich einbringen. Machen wir es nicht, dann kommen andere Kulturgüter.” (Christian Benger, Kleine Zeitung, 19.2.2018)

Anlässlich dieser Aussagen des Spitzenkandidaten der FPÖ Tirol und des Spitzenkandidaten und Kulturlandesrates der ÖVP in Kärnten verweisen wir entschieden auf die Verpflichtungen in den bestehenden Kulturförderungsgesetzen beider Länder.

Diese gesetzliche Verpflichtung der Länder zur Kunst- und Kulturförderung kann weder durch privates Sponsoring ersetzt werden, noch darf eine Gruppe oder ein Bereich von Kunst- und Kulturförderungen kategorisch ausgeschlossen werden. Die Landeskulturförderungsgesetze sind auch nicht dazu da, um christliche Werte durch Marterl-Förderungen zu verteidigen oder um Wahlwerbungen zu finanzieren, sie sind eine Selbstverpflichtung der Länder zur Förderung von Kunst und Kultur im Rahmen ihrer hoheitlichen Kunst- und Kulturverwaltung.

Weder kategorische Förderungsausschlüsse noch besonders weitreichende Auslegungen der zu fördernden Tätigkeiten entsprechen den Aufgaben der Landeskulturförderungsgesetze. Die IG Autorinnen Autoren fordert den gesetzeskonformen Umgang mit Landeskunst- und Kulturförderungsaufgaben und Landeskunst- und Kulturförderungsmitteln.

Die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen

Yvonne Gimpel, die Leiterin der nationalen Kontaktstelle zur Betreuung der „UNESCO-Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen”, wird mit Ende Februar 2018 ihren Posten abgeben. Frau Gimpel hat die Schaltstelle durch viele Jahre in vorbildlicher Weise betreut, die komplexe Materie durch regen Informationsfluss aufbereitet, aktuelle Entwicklungen vermittelt, die kulturelle Öffentlichkeit vernetzt und sich trotz der schwierigen Rahmenbedingungen nicht entmutigen lassen. Dafür bedankt sich die Interessengemeinschaft österreichischer Autorinnen Autoren herzlich.

Während die österreichische UNESCO-Kommission in vorbildlicher Weise und beispielgebend für viele Staaten ihre Verpflichtungen zur Umsetzung der Konventionsartikel eingehalten hat, ist die österreichische Bundesregierung auf beschämende Weise säumig. Das betrifft z. B. innerhalb des Landes – gerade auch in den aktuellen politischen Umbruchszeiten – die völkerrechtlich bindende Einbindung der kulturellen Zivilgesellschaft in alle sie betreffenden politischen Prozesse, international die bisher nicht umgesetzte Vorzugsbehandlung von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Süden bei der Visaerteilung.

Die IG Autorinnen Autoren geht davon aus, dass die österreichische UNESCO-Kommission auch in Zukunft die Anliegen der für uns Künstlerinnen und Künstler so wichtigen Konvention engagiert vertreten wird. Gleichzeitig fordert die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren die Bundesregierung auf, die Bestimmungen der Konvention einzuhalten bzw. endlich umzusetzen. Diese sind eine klassische Querschnittmaterie und bedürfen des konstruktiven Zusammenwirkens der einzelnen Ministerien sowie der Bundesländer, die im Fachbeirat Kulturelle Vielfalt der UNESCO vertreten sind.

Unterstützung für das „Festival Internacional de Poesía de Medellín”

Das „Festival Internacional de Poesía de Medellín”, das größte und bedeutendste Poesiefestival der Welt, ist in seinem Fortbestand gefährdet, da die Regierung Kolumbiens vor wenigen Wochen die Subventionen eingestellt hat. Tausende Autorinnen und Autoren aus aller Welt haben bereits Unterstützungserklärungen an das kolumbianische Kulturministerium gerichtet.

Das „Festival Internacional de Poesía de Medellín” hat seit seiner Gründung im Jahr 1991 einen wichtigen Einfluss auf den Friedensprozess in Kolumbien und versteht sich auch als Promotor für den globalen Frieden. 2006 wurde das Festival mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Wir Lyrikerinnen und Lyriker, Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Österreich unterstützen Fernando Rendón in seinen Bemühungen, den Fortbestand des Festivals zu sichern.

Österreichische Autor/inn/en und Übersetzer/innen für den Artikel 12 DSM COM/2016/0593

Die IG Autorinnen Autoren teilt nicht die Einwände anderer europäischer Schriftstellerorganisationen gegen den Artikel 12 des DSM COM/2016/0593. Vielmehr begrüßen wir die Regelung durch den Artikel 12, der die Möglichkeit einräumt, Verleger mit einem fairen Anteil an den Einnahmen der Verwertungsgesellschaften zu beteiligen.

Wir sind wie unsere Kolleg/inn/en in Deutschland der Meinung, dass Artikel 12 nur gültig sein sollte im Hinblick auf die unter Punkt (36) der erklärenden Einleitung des „Vorschlags für eine Richtlinie des europäischen Parlaments und des Rates über das Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt“ dargelegten Bedingungen. „Gemäß diesem Punkt (36) sollen EU Mitgliedstaaten nur dann Verlagen das Recht auf einen Anteil einräumen dürfen, soweit bereits ‚Systeme bestehen, um den durch eine Ausnahme oder Beschränkung entstandenen Schaden auszugleichen’“.

Unsere Erfahrungen mit unserer nationalen Verwertungsgesellschaft Literar-Mechana, der österreichischen Verwertungsgesellschaft für Autor/inn/en und literarische Übersetzer/innen, die von Autor/inn/en und Verlegern gemeinsam geleitet wird, zeigen die großen Vorteile einer gemeinsamen Verwertungsgesellschaft:

Autor/inn/en und Verleger gemeinsam bilden eine starke Interessenvertretung für Verhandlungen mit Internet-Plattformen und anderen mächtigen Akteuren wie Kopiergeräte- und Computer-Herstellern. Die daraus resultierenden Abgaben sind ein wichtiger Teil der Einnahmen von Verwertungsgesellschaften. Je geschlossener wir in Verhandlungen auftreten können, desto besser sind die Verhandlungsergebnisse, sowohl für Autor/inn/en, als auch Verlage.

Die Literar-Mechana ist unsere gemeinschaftliche Institution, in der wir als gleichberechtigte Partner im beiderseitigen Interesse handeln. Ihre demokratische Struktur gibt jeder Gruppe das gleiche Gewicht. Eine einzige Verwertungsgesellschaft in unserer Branche ist weit effizienter und kostengünstiger als zwei oder mehrere solcher Organisationen pro Land.

Verlage treten nicht an die Stelle von Urhebern, sie erhalten nur das Recht, das Werk des Autors/der Autorin zu verwenden. Sie beziehen aus der Tatsache, dass der Verlag das Werk herstellt und verbreitet, ihre Berechtigung für den Erhalt eines Anteils aus den Einnahmen der Verwertungsgesellschaften. Idealerweise wird die Höhe des Verlegeranteils innerhalb der Verwertungsgesellschaft durch deren demokratische Entscheidungsstrukturen selbst bestimmt, so wie das auf die Literar-Mechana zutrifft.

Es ist für uns selbstverständlich, dass Verlage, die ein Werk veröffentlichen und verbreiten, einen Anspruch auf einen fairen Anteil an den Einnahmen der Verwertungsgesellschaften haben. Aus diesem Grund heißen wir den Artikel 12 des DSM COM/2016/0593 („Die Mitgliedstaaten können festlegen …“) willkommen, der den Mitgliedstaaten ermöglicht:

– Verlegern einen fairen Anteil an den Einnahmen der Verwertungsgesellschaften einzuräumen
– von Autor/inn/en und Verlegern gemeinsam getragene Verwertungsgesellschaften zu erhalten
– spezifische nationale Strukturen der Verwertungsgesellschaften per Gesetz abzusichern.

in jenen Staaten, in denen dies bereits möglich war, und in dem Ausmaß, in dem dies möglich war – so interpretieren wir Nr (36) der erklärenden Einleitung zum Vorschlag für die Richtlinie.

Antragsformulare und Subventionsansuchen

Von Jahr zu Jahr werden die Antragsformulare für Subventionen komplizierter und unverständlicher. Das betrifft Gemeinden, Länder und den Bund. Die Anforderungen belasten besonders Künstler/innen und Literat/inn/en, die von der digitalen Bürokratie „erschlagen“ werden. Eine Kärntner Landesbeamtin hat angekündigt, dass die Anträge noch komplizierter werden würden und fast jeder Antragsteller einen Berater benötigen werde. Angesichts dieser Situation und Zukunftsaussichten fordert die Generalversammlung der IG Autorinnen Autoren: Es muss möglich sein, Anträge sowohl digital als auch in Papierform zu stellen. Antragsformulare müssen dem jeweiligen Förderungszweck angepasst werden und allgemein verständlich verfasst sein.

Hälfte-Steuersatz und niedrigste Mehrwertsteuer

Die IG Autorinnen Autoren fordert die steuerliche Gleichstellung mit Erfinder/inne/n und die Einbeziehung in die Mehrwertsteuersenkung für Hotelbetriebe. Für literarische Leistungen soll ebenfalls der unterste Mehrwertsteuersatz von 10 Prozent herangezogen werden und für Einnahmen aus Verkäufen urheberrechtlich geschützter literarischer Werke soll ebenfalls nur der Hälfte-Steuersatz in der Einkommensteuer zur Anwendung kommen: Die IG Autorinnen Autoren wird sich mit einem entsprechenden Schreiben an den Finanzminister wenden.

Ausschreibungen von Preisen und Stipendien

Die IG Autoren setzt sich für vermehrte Ausschreibungen

1. anonymisierter
und
2. altersunabhängiger

Preise und Stipendien von staatlicher, staatsnaher, gebietskörperschaftlicher und gebietskörpernaher Seite ein und wird dies auch bei Ausschreibungen von privater Seite anregen.

Unterstützung unserer Kärntner Kolleginnen und Kollegen

Wir unterstützen die Bemühungen unserer Kärntner Kolleginnen und Kollegen zur Herstellung von mehr Öffentlichkeit für Autorinnen, Autoren und Literatur. Die IG Autorinnen Autoren wird aktiv daran mitwirken. Sie beauftragt ihren Geschäftsführer zur Unterstützung der Aktivitäten der Kärntner Autorinnen und Autoren.

Notschlafstellen, wo immer sie gebraucht werden

Die IG Autorinnen Autoren unterstützt die Forderung des gemeinnützigen Vereins „Westbahnhoffnung Villach“, dringend Notschlafstellen für erwachsene Obdachlose in Villach einzurichten. Die winterliche Witterung verschärft die ohnehin prekäre Lage der Betroffenen. Der derzeitige Temperatursturz macht die Situation lebensbedrohlich und erfordert sofortiges Handeln.

Neuwahl

Die IG Autorinnen Autoren hat folgenden Vorstand mit folgenden Funktionen neu gewählt: Renate Welsh (Präsidentin), Peter Turrini (Vize-Präsident), Anna Mitgutsch (Vize-Präsidentin), Vorstandsmitglieder: Hellmut Butterweck, Manfred Chobot, Gregor Fink, Christl Greller, Margit Hahn, Nils Jensen, Hahnrei Wolf Käfer, Erika Kronabitter, Ludwig Laher, Werner Richter, Gerhard Ruiss (Geschäftsführung), Sylvia Treudl, Peter Paul Wiplinger, O.P. Zier, Kooptierungen: Gerhard Altmann (Burgenland), Robert Huez (Literaturhaus Wien), Gabriele Russwurm-Biro (Kärnten), Siljarosa Schletterer (Tirol), Konsulent/inn/en: Ulrike Längle (Felder-Archiv, Vorarlberg), Heinz Lunzer (wissenschaftliche Autor/inn/en), Christa Stippinger (Migrant/inn/en)

Literaturhaus Wien
25.2.2018

Foto © russwurm-photography 2018

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„Jedenfalls richtungsweisend“ – PFEILE im öffentlichen Raum

Auf die Plätze/ Na mesta war als eine thematisch gruppierte Dokumentation im Künstlerhaus Klagenfurt über Kunst im öffentlichen Raum konzipiert und bildete den Abschluss des gleichnamigen Schwerpunktjahres 2017. Sie zeigte in über 50 historischen wie aktuellen, temporären wie permanenten Projekten in Kärnten den Status Quo zeitgenössischer Kunstproduktion im öffentlichen Raum aus verschiedenen Blickrichtungen.
Kennst du die regeln? Wer hat hier das Sagen? Was hast du dagegen? Und: Bist du Teil davon? Waren einige der Fragen, die in der Ausstellung KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM von KünstlerInnen und KuratorInnen gestellt wurden.
Die TeilnehmerInnen des Literaturfrühstücks im Februar traten in den Dialog und beschäftigten sich mit den Fragen: Was ist privat? Was ist öffentlich? Wem gehört der öffentliche Raum und ist nicht auch dieser ein zivilisierter und daher artifizieller Raum im Gegensatz zur freien (nicht durch Menschenhand gestalteten oder veränderten) Natur?
„Der öffentliche Raum ist kein Freiraum, er sollte jedoch frei von Willkür sein“, meint Martin Fritz (Merz Akademie, Stuttgart) in seinem Statement.
Neben dem Sichtbarmachen von Selbstverständlichem der Kunst im öffentlichen Raum, dem Aufzeigen von Aneignungsprozessen sowie von Spuren der Zeit, stand die gegenwärtige Kontextualisierung der Arbeiten im Vordergrund.
Claudia Büttner (Freie Kuratorin aus München) stellte Fragen an die Künstler: Bist du Teil davon? „Wenn die Kunst einen Platz in der Öffentlichkeit beansprucht, dann indem ihre ProduzentInnen den gesellschaftlichen Verhandlungsspielraum anerkennen. Denn sie konkurrieren mit Stadtmöblierung, Werbung und kommerziellen Events um Straßen und Plätze. Mit Plakaten, Fotografie, Licht, Design und Installationen, mischen sie sich in die Alltagswelt“. Künstler werden also Teil der Öffentlichkeit, indem sie sich Publikum in der Öffentlichkeit suchen und in einen kreativen Prozess treten, um auf die Gestaltung und Veränderung von gesellschaftlichen Strukturen hinzustreben. Außerdem soll das Interesse an Teilhabe in der Öffentlichkeit neu geweckt werden.
Bist du verantwortlich? hinterfragte Elisabeth Fiedler (Kunst im öffentlichen Raum, Steiermark): „Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher oder sozialer Schichten sowie von Kulturen in permanenter Auseinandersetzung ist ein Spannungsfeld, dessen wir uns bewusst sein und mit dem wir umgehen müssen“.
Statements, Dokumentationen und Textbeiträge führten zu einem anregenden Dialog zwischen Autorinnen und Autoren und BildhauerInnen. Die verschiedenen Themenbereiche inspirierten zu Gedichten, Reflexionen und einer Sprechperformance.

Dialog beim Literaturfrühstück des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes Februar 2018

Mit dabei die Bildhauerinnen Meina Schellander und Marianne Oberwelz, die Kärntner SchriftstellerInnen Christine Tidl, Maria Alraune Hoppe, Karin Prucha, Edgar Hättich, Christa Raich, Rosemarie Lederer und Projektleiter Alfred Woschitz.

Karin Prucha, Klagenfurt
Die Tage vergehen, sie zieht schwarz die Spur nach auf weißem Grund. Der schwarze Vogel im weißen Schnee. Leuchtet sichtbar in der weißen Weite. Schneller Atem, die Eistropfen im Gesicht. Der Hauch friert vor dem Mund und die Eiskristalle weben einen Schal. Die Farbe wird nicht frieren, mit all dem Frostschutz. Der Vogel steht synonym da, für all den Frost, die Eiseskälte in der Gesellschaft des kleinen Dorfes, das die ausgrenzt, die sich nicht an die Regeln halten. Der Dorfnarr, der Behinderte, die Frau mit den roten Haaren, der Junge mit dem Wunsch, Tänzer zu werden, das Mädchen, das mit Buben spielt, die Frau, die ihre Augen zu stark schminkt, blau, wie ihre Augen, zusammengeschlagen, der Journalist, der Wallraff spielt im alten Kohlewerk.
Die hamm doch alle an Vogel, die Deppaten da. Was wollns denn ? Weg mit ihnen ! Ausse ! Abholen !
Schneller wird sie, bevor das Schwarz ausgeht. Der Frostschutz, zugefügt im Warmen, im Hellen, im Weißen des Raumes. Jetzt wird das Schwarze zu Eis, im Schnee der vergangenen Tage. Eingefroren in der Helligkeit der Atemraubung, ihr Dickicht an Gefühlen mitgeschwärzt. […] Zurück ein kurzer Blick, kein Mensch zu sehen, sie fährt fort im Schwärzen, mit dem Eimer schüttet sie die Gefühle aus. Ins Weiß, holt tief Luft. Drüben über dem Berg wird der Himmel licht, die Nacht fließt ihre Dunkelheit in den beginnenden Morgen. Konzentriert und schnell arbeitet sie fertig, das Gefieder ist luftig, der Vogel möchte abheben.
Was ist schwarz, was ist weiß ? Was ist gut, was ist schlecht ? Und dann die einfachen Antworten auf die komplizierten Fragen, die sie in die Schwärze treiben, aber jetzt nicht mehr, nicht mehr.
Die schwarzen Farbreste glänzen auf ihrer Jacke, sie holt ihren Atem ein, der vor ihr friert, zurück zum Ufer, dem sie ihren Vogel hinterläßt, zehn Meter groß und breit. Atemholen. Ich habe es getan. Der Schal der Atemkristalle ist kalt, doch die Freiheit ist mit Leidenschaft geboren, noch vor dem Tag ! Der Weg ist hell genug, im weißen Licht des Mondes reflektiert die ausgeschobene Spur dunkel. Sie steigt über den Einstieg aus dem gefrorenen See mit ihren schwarzgefärbten Flügeln. (©Karin Prucha)

Christine Tidl (Seeboden, Kärnten)
Auf die Plätze, na mesta
Zu Füßen des Dichters, seiner Liebe zu Lulija und den Geschichten der Stadt, Musikanten und Gaukler auf dem Platz vor dem Denkmal. Junge Menschen im Sonnenschein zu beiden Seiten des Flusses. Wer ist von hier? Kdo je od tod? Hier wie dort Brücken über Gräben zum anderen Ufer. Drachen in Grünspann zeigen den Weg in die Altstadt, auf die Plätze, na mesta. Kunstvoll der Garten im Ziehbrunnenhof. Rosengirlanden auf Leinwand gemalt warten auf Leben durch Nadel und Garn. Liegen noch Schatten auf alten Fassaden, erhellt sich der Himmel über der Burg. Fremde dort im Café, beobachtet Mirko, erinnert sich manch früher Sätze. Ich bin Mirko. Wer bist du? Jaz sem Mirko. Kdo ti si? Das deutsche Zeitung!
Wohin jetzt? Kam pa zdaj? Bunt ist das Treiben drüben am Markt.
Die Frau beim Gemüsestand greift in den Bottich. Sauer die Rüben. Eine Handvoll. Kein Wort. Sie zeigt auf den Preis. „Koroška?“ In den weichen Lauten, im Singsang der Sprache die Melodie meiner Heimat. Ich nicke: „Celovec!“ Wir lächeln uns zu. Alte Bekannte.
(©Christine Tidl, Feber 2018)

KUNST MUSS, meint der bildende Künstler Wendelin Pressl aus Wien, der die Plakatständer mit den Pfeilen in der Ausstellung und im Goethepark installiert hat und so die öffentliche Parkanlage zwischen Künstlerhaus und dem Haus der Architektur Klagenfurt zu einem KUNST-Raum umgewandelt hat.
„Was für Kunst gilt, kommt mir vor, gilt für Kunst im öffentlichen Raum noch viel mehr. Weil die Schwelle niedriger ist, ja beinahe fehlt, weil sie näher an die BetrachterInnen kommt…eine Kunst für alle“. (Wendelin Pressl)

Edgar Hättich (Klagenfurt)

PFEILE
Jedenfalls richtungsweisend
gut ausgerichtet
dem Pfeil folgen
aufrecht immer
eben richtig
aufrichtig
zeigt in richtige richtung
zum richtfest der richtigen
sich an ihnen aufrichten
schiedsrichter
richtung verloren
richtungslos
in die zielgerade

© Edgar Hättich

Auch Maria Alraune Hoppe (Klagenfurt) reagierte spontan in ihrer Sprachperformance auf die Plakatständer mit den großen schwarzen Pfeilen, die maßgeblich den Charakter und die Wahrnehmung der Ausstellung im und um das Künstlerhaus beeinflussten.


Rosemarie Lederer (Klagenfurt)
Drop sculteres

Aufgestellt im Raum
Öffentlich
Fragestellung
Nutzungsfrage
Kunst
Sich selbst genügend
Und verrückbar
Austauschbar
Und doch
Knotenpunkt
Und Angelhaken
An den der Blick
Sich hängt
Und dich drängt
Zum Innehalten
Aufgestellt
Im öffentlichen Raum
Und kaum
Zu übersehen
Irritierend
Und verwirrend
Drängt sich auf
Und
Mischt sich ein

Bin ich von hier?

Bin ich von hier
Oder doch nur zugezogen
Hierher verfrachtet
Ungeachtet
Meiner Kindheitsräume
Bin ich eigen
Oder fremd
Im fremden Raum
Hab´ ich mein Fremdes
Hier verortet
Hier im Raum
Den andere „eigen“ nennen
Und beharren
Auf ihr Eigentum
Hab´ ich vermischt
Sprache und Kultur
Geöffnet
Einen neuen Raum
Im Miteinander

Was hast du dagegen?

Du
Der festsitzt auf dem Stuhl der Sattheit
Den nicht hungert
Nach dem Ungesagten
Kaum Gefragten
Was hast du dagegen
Sag
Rede
Streite
Schrei
Auf die Plätze
Achtung
Fertig
Los
Nichts ist festgeschrieben
Hier im öffentlichen Raum
Den wir teilen
Und verweilen
Um die Spur der Zeit zu lesen
Und den Wandel der Gesinnung
Und das Totgeschwieg’ ne
Sichtbar machen
Was hast du dagegen
Komm
Und sieh

©Rosemarie Lederer

Alfred Woschitz (Wien und Kärnten) stellte sein Projekt vor: THE CHLEBNIKOV PROJECT (welches er über den russischen Futuristen Velimir Chlebnikov zusammen mit Josef KA, Chris Haderer als Work in Progress gestaltet):

Der Mann auf dem Zugdach
„Heute gehe ich wieder

Dorthin – aufs Leben, auf die Auktion, auf den Markt,

und das Heer der Lieder führe ich.“
(Velimir Chlebnikov, Aurelia)

Es war einmal ein Mann, der saß auf einem Zug. Mit rußigem Dampf in den Augen ließ er Moskau hinter sich; es war Frühling, er wollte in den Süden. Jahre später kehrte Viktor Vladímirovič Chlebnikov zurück, krank, gezeichnet und bald schon tot. Das war im Jahr 1922. „Velimir Chlebnikov war zwei Jahre unterwegs, er machte mit unserer Armee alle Rückzüge und Vormärsche in Persien mit, bekam einen Typhus nach dem anderen. Diesen Winter kam er zurück, im Waggon für Epileptiker, überanstrengt und abgerissen, in einem Krankenkittel“ schrieb Vladimir Majakovskij nach seinem Tod. „Auf seinen Reisen machte er sich aus Manuskripten ein Kissen, auf diesem Kopfkissen schlief der Reisende Chlevbnikov, und dann verlor er das Kissen.“ Von seiner letzten Reise, so Majakovskij, brachte er keine einzige Zeile mit.
Am Ende von Chlebnikovs Texten stand eine neue Poesie; eine Evolution der Sprache, der (misslungene) Versuch das Leben an einer Sternenmathematik festzumachen. Aber da war auch noch der Visionär Chlebnikov, der mit der „Zukunft des Radios“ schon das globale Dorf vorwegnahm und der in Kriegen lieber „Traumwaffen“ zum Einsatz gebracht hätte als scharfe Munition. „Chlebnikovs Ruhm als Dichter ist unermesslich viel geringer als seine Bedeutung“, schrieb Vladimir Majakovskij. „Von den hundert, die ihn gelesen haben, nannten ihn fünfzig einfach einen Graphomanen, vierzig haben ihn als Unterhaltung gelesen und sich gewundert, weshalb sie von all dem keine Unterhaltung hatten, und nur zehn (die Futuristen-Dichter, die Philosophen des „Opojaz“) kannten und liebten diesen Kolumbus neuer poetischer Kontinente, die jetzt von uns besiedelt und urbar gemacht werden.“
Das work-in-progress-Projekt unter der Leitung von Alfred Woschitz mit Beteiligung der russischen Performance-Künstlerin Josef Ka und des Filmemachers und Autors Chris Haderer folgt diesem „Kolumbus neuer poetischer Kontinente“, vermisst sie neu und stellte den Bezug zu einer Gegenwart her, die uns selbst noch zu wenig bekannt ist.(Alfred Woschitz)

www.lunaSteam.com/rosta.html

WIR UND DIE HÄUSER (Vladímirovič Chlebnikov)
„Häuser werden nach der bekannten Regel für Kanonen errichtet: Man nehme ein Loch und gieße einen Mantel aus Gusseisen herum. Und ebenso wird ein Plan genommen und mit Stein ausgefüllt, d.h. sie multiplizieren das Grundverhältnis zwischen Stein und leerem Raum mit einer negativen Größe, weshalb zu den hässlichsten Gebäuden oft die schönsten Pläne gehören. Das muss ein Ende haben.
Nur wenigen ist bisher aufgefallen, dass die Überlassung der Straßen an die Habgier- und Dummheitsbünde der Hausbesitzer und das Recht, sie Häuser bauen zu lassen, bedeuten, sein Leben schuldlos in Einzelhaft zu verbringen.“

Fotos © russwurm-photography

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