„Wir sind die Zugabe. Wir dürfen spielen“ – Alfred Goubrans Roman DAS LETZTE JOURNAL

„Alles noch einmal in die Hand nehmen. Ein letztes, ein allerletztes Journal schreiben. Dann das Buch zuklappen und alles, was man darin aufgezeichnet hat, vergessen“. (S 318).

Dieser Gedanke könnte den Roman Alfred Goubrans grob umschreiben: Die Lebensgeschichte eines Mannes (Aumeier) und einer Frau (Terés) und drei historische Betrachtungen miteingeschlossen. Dabei die Erlösung von all den entsetzlichen Untiefen der Vergangenheit im Neubeginn (in einem anderen Land) suchen… Nur das mit dem Vergessen wird nicht klappen. In diesem aufwühlenden „Journal“ folgt der Leser den tagbuchähnlichen Eintragungen und langen historischen Reflexionen des Schriftstellers Aumeier beginnend mit November 2008 bis in den Juli 2009. Gleichzeitig wird man mit drei Erzählsträngen aus der (schwerbelasteten) europäischen Geschichte konfrontiert und vereinnahmt.

„Die meisten Menschen sind aus Angst gemacht“, resümiert der Protagonist Aumeier als Schriftsteller in seinem Journal (S 72) und weiter: “Die Dichter preisen Gott, doch Gott lobt die Dichter nicht. Vielleicht, weil sie den Magiern verwandt sind, den fremden Priestern, den Nekromanten und Sterndeutern? Vielleicht, weil wir allesamt falsche Propheten sind – aber Propheten sind wir, Terése. Jeder Dichter ist ein Orakel, aus dem sich das Unerschaffene in die Welt spricht. Jeder Dichter wirkt durch die unsichtbare Welt und weiß Dinge, die er nicht wissen kann – und das steht durchaus in der Tradition der Dichter, der ich mich verbunden fühle.“
( S 193).

Der 65-Jährige Schriftsteller, der sich gerade so durchschlägt, trifft nach 41 Jahren seine Jugendliebe Terése wieder und zieht zu ihr auf ein schlossartiges Anwesen mit Orchideentreibhaus mitten in Wien. Die Vergangenheit der beiden Protagonisten erschließt sich dem Leser langsam in Gesprächen und durch Rückblicke. Es kommt zu überraschenden Enthüllungen und bleibt bis zum Schluss spannend und in keiner Weise vorhersehbar, eher unfassbar. Aumeier plant mehr und mehr einen Neuanfang zusammen mit Terése und zieht zuvor Bilanz über sein Dasein und einen Schlussstrich unter die Ereignisse aus der gemeinsamen Vergangenheit. Das Spiel wird zum reinen Kampf.
In der großzügigen Bibliothek (seines einstigen Widersachers Schwarzkogler, dem das Anwesen gehört und auf dem Terése nur geduldet ist), findet Aumeier Zugang zu diversen historischen Schilderungen, die in das Journal aufgenommen werden: Man liest vom ersten Pogrom gegen Prager Juden im Jahr 1369, Teile aus der Biografie (bis zur Hinrichtung) von Jan Hus und von der menschenverachtenden Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei („Prager Aufstand 1945“).

Individuum und Geschichte treten in einen schmerzlichen Wettstreit mit der erdrückenden Gewissheit, dass man nur einen kleinen unbedeutenden Faktor im großen Geschehen darstellen kann und zu allen Zeiten die Grausamkeit menschlicher Abgründe über das einzelne Individuum hinwegschwappt.

„Es gibt Tage, Terése, Stunden, Augenblicke, da fühlt man sich in einen Abgrund geworfen. Da möchte man an den Menschen verzweifeln, an ihren Taten, an ihrer Bösartigkeit. Und an sich selbst.“ (S 125).
Philosophische Ansätze durchziehen den Roman und zeigen Aumeier als Selbstzweifler, als Künstler und als Aufzeiger. Mit dem Hass auf alles Deutsche in sich selbst, gegen die Angst, gegen die Falschheit und Verlogenheit. Desillusioniert von Politik, Gesellschaft und vom oberflächlichen Kulturbetrieb. Mit scharfer Beobachtung und spitzer Feder schreibt Aumeier und damit auch Alfred Goubran sich den Ärger von der Seele.

„Habe ich erreicht, was ich wollte – was wollte ich? Was sind das für Spiele, die man mit sich selbst spielt? – Wetten gegen das Schicksal, gegen die Wahrscheinlichkeit, Schwüre, die man sich als Kind gibt, Versprechen und kleine Gegengeschäfte mit Gott. All diese Eide, die man sich geschworen hat …jeder kommt doch einmal an diesen Punkt, wo er, ganz für sich, ins Dunkel hinausjammert, um Schonung oder Erlösung fleht, irgend etwas anfleht, damit der Schmerz aufhört, damit es nicht noch tiefer hinuntergeht, irgendetwas anbietet, um der Ausgeliefertheit zu entgehen….“ (S 270/71).

Ein Roman, der auf 383 Seiten Einblick in zwei außergewöhnliche Schicksale und auf eine Vergangenheit gestattet, verwoben mit authentischen Dialogen, voller lebendiger Beschreibungen und philosophischer Betrachtungen. Darin eingebettet aufwühlende Originaldokumente aus der realen Geschichte. Das grausame historische Geschehen aufgezeichnet für die Ewigkeit in einem “allerletzten Journal“. Die scharfe Beobachtungsgabe unterstützt den mitreißenden Lesefluss und zerrt den Lesenden an die Abgründe des menschlichen Daseins.

Alfred Goubran, Autor, Verleger Foto Copyright by  Johannes Puch www.johannespuch.at
Alfred Goubran, Autor, Verleger
Foto Copyright by Johannes Puch www.johannespuch.at

Alfred Goubran, wurde 1964 in Graz geboren und wuchs in Kärnten auf. Erste Veröffentlichungen in literarischen Zeitschriften, Performances und Lesungen ab 1981. 1993 gründet er in Klagenfurt den Verlag edition selene. 1998 Übersiedlung nach Wien, das auch zum neuen Standort des Verlages wird. 2010 stellt der Verlag die Geschäftstätigkeit ein. Im selben Jahr erschien Goubrans Erzählband „Ort“ und der Debütroman „Aus.“, beides im Braumüller-Verlag. Es folgten „Kleine Landeskunde“, Essai, Wien 2012, „Der gelernte Österreicher“, Idiotikon, Wien 2013 und „Durch die Zeit in meinem Zimmer“, Roman, Wien 2015 – alle im Braumüller-Verlag erschienen. Seit 2010 betreibt er das Musikprojekt [goubran].
www.goubran.com

Blog-Goubran-Rezension-Buchtitel

Alfred Goubran
Das letzte Journal
Roman
Braumüller Verlag
Wien 2016
ISBN: 978-3-99200-133-0
384 Seiten, Halbleinen
€ 21,90

http://www.braumueller.at/shop/catalog/information.php?info_id=54&navsection=3&autorenID=3325&osCsid=rts6ve9u0v9nukqkjrjuo2nev0

Foto (Beitrag) © Gabriele Russwurm-Biro
Foto (Porträt) © Johannes Puch

Ich danke dem Braumüllerverlag für das Rezensionsexemplar

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