„Vielleicht erbreche ich dann mein Schweigen …“ – Anna Baars beeindruckender Debütroman: DIE FARBE DES GRANATAPFELS

Bei Anna Baars Debütroman „Die Farbe des Granatapfels“ (Wallstein Verlag, Göttingen 2015) geht es um eine weibliche Ich-Erzählerin, die ihre Familiengeschichte vom Kleinkind bis ins Erwachsenenalter erzählt und das Leben ihrer dominanten kroatischen Großmutter, der sie in Hassliebe und Abhängigkeit verbunden ist.

In dieser in rhythmischer, empathischer Sprache dargestellten Geschichte in vier Teilen geht es um Zugehörigkeit zu Muttersprache oder Vaterland, um Entfremdung, Identitätsfindung und die Zerrissenheit zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen. Es geht auch um Zwänge, Ekel und hingebungsvolle Liebe, an der sich ein Kind bis zum Erwachsenenalter stößt, um am Ende sich selbst hingebungsvoll an diese Beziehung zu klammern und die Großmutter nicht verlieren will.
Die Schauplätze ihrer eigenen Kindheit, pendelnd zwischen einer rauen, entbehrungsreichen, kargen Inselwelt in Kroatien und einer behüteten winterkalten wohlhabenden Welt in Österreich (Kärnten) bei den Eltern.

Für die besitzergreifende Großmutter NADA ist die kleine ANUSCHKA jeden Sommer ihr liebstes Kind, das sie erziehen und zurechtbiegen will nach kroatischer Art und nicht so wie die verwöhnten „Esterreicher“. Schon als Kleinkind leidet Anuschka unter den Eskapaden und Eigenarten der Großmutter, besonders unter dem ständigen Rauchen und den verdorbenen, weil aus Sparsamkeit zu lange aufgehobenen Lebensmitteln, die stets Erbrechen zur Folge haben. NADA hält das Kind mit Ängsten in Schach. Da erscheint die Hexe Baba Roga und macht den Kindern Angst. Anuschka leidet unter der Abwesenheit der Mutter – „wann kommst sie? BALD!“ und unter der Abscheu der Großmutter gegenüber ihrem Vaterland Österreich. Sie wird innerlich zerrissen, sucht Halt im Winter in Kärnten bei den Kinderfrauen, im Sommer bei NADA in Kroatien.

„Sag du mir, was ich sagen soll, wie du es immer getan hast, vielleicht erbreche ich dann mein Schweigen, weil meine Wirklichkeit so schlecht auf deine passt. Vielleicht speie ich dir dann alles Verheimlichte vor die schlecht durchbluteten Füße oder klappe meine Schädeldecke auf – mein Kopf dann ein aufgeplatzter Granatapfel, aus dem Millionen kleiner, fleischiger Kerne explodieren. Los prügle Wort für Wort aus mir!“ ( S 94)

Was nach Großmutters zähem Liebeskampf um die jeden Sommer geborgte Anuschka aussieht, stellt Identitätsfragen in den Mittelpunkt: Was ist Vaterland? Kann man zweimal Heimat spüren und sich zuhause fühlen? „Da unten“ in Kroatien feiert man noch immer den Sieg gegen die „Ibermenschen“ – die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Und macht jenen, die jetzt Touristen sind, trotzdem das Frühstück, weil sie Geld bringen und auch die Großmutter widerwillig Fremdenzimmer betreibt.

Die dichten und mit starken Ambivalenzen spielenden Textfolgen sind durchsetzt mit Aussprüchen und Weisheiten der Großmutter: Die meisten davon in Kroatisch, dadurch wird die Vehemenz unmittelbar spürbar, auch dann, wenn man nicht jedes Wort versteht.
Durch die sprachlichen Verschränkungen mit dem Kroatischen und den vielen Redensarten, die die Großmutter ihrer Anuschka einhämmert, wird diese Person genau charakterisiert und die Bindung, die das Kind zur Großmutter hat, Zeile für Zeile erfassbar gemacht. Durchbrochen sind die einzelnen Textblöcke durch Einschübe direkter Rede zwischen Großmutter (Sie) und Anuschka (ich)

„Sie: Wen liebt Nona am meisten? – Sag: Mich!
Ich: Mich.
Sie: Wer ist Nonas ganzes Glück? – Sag: Ich!
Ich: Ich!“ ( S 114)

Ein weiteres Stilmittel (besonders für das Vaterland und die „hohe Sprache“, die „Mördersprache“ dort) setzt Anna Baar ein, um Wortgruppen mehr Nachdruck zu geben: Die Zusammenziehung von Wortfolgen zu einem Ganzen, das gleichzeitig als entfremdete Worthülse optisch auftritt: „Nichtvordenkindern!“, „Dassagtmannicht“, Dastutmannicht“, „Machdasichnichtsterbe“ oder „Ichhabeesdirgleichgesagt!“.

Das erinnert an die 1908 von Rainer Maria Rilke verwendet Form des Zusammenziehens in seinem Gedicht DIE ENTFÜHRUNG aus: DER NEUEN GEDICHTE ANDERER TEIL. Dabei setzt Rilke im letzten Absatz dieses Stilmittel ein, um durch das Zusammenziehen bekannter Worte wie „ ich bin bei dir“ optisch die Entfremdung darzustellen:

„Sie kroch in ihren Mantelkragen
und befühlte ihr Haar, als bliebe es hier,
und hörte fremd einen Fremden sagen:
Ichbinbeidir“

http://gutenberg.spiegel.de/buch/rainer-maria-rilke-der-neuen-gedichte-anderer-teil-828/45

Auf das Drängen der Großmutter reagiert das Kind aus Trotz mit Sprachlosigkeit. Im Text wird aber gerade durch die Sprache der Großmutter (Kroatisch) die ständige Umklammerung spürbar, einerseits das Bedrängen und die Erpressungen durch ständig geforderte Liebesbeweise.

Sie: Wer ist mein Augenlicht?
Ich schweige. Zähneknirschend.
Sie dann: Sag: Ich!
Den Teufel werd ich tun.

„Nada bedauerte das Kind, so still, wie es geworden war. Nur wenn sie seiner vaterländischen Unarten überdrüssig wurde, wenn es bei Tisch zu steif saß oder eine Speise rühmte oder von Gott sprach oder allzu grüblerisch war, blies sie ihm den Rauch ins Gesicht, und wenn es sich darüber beklagte, stritt sie jede Absicht ab – Uch, das ist doch nichts!“ (S 155)

Als Anuschka herangewachsen ist, fragt sie die Großmutter nach dem Krieg und der Leser erfährt von drastischen Schicksalen während der Kriegsjahre. Seitenlang erzählt die Großmutter von Kampfhandlungen, vom Lazarett und von Beppe, dem Großvater.
Die Erzählungen sind eindrücklich geschildert, mit starken Worten verdichtet und verleihen der Frauengestalt der Großmutter plötzlich Größe durch das erfahrene Leid.

Der Literaturkritiker Stefan Gmünder, der Anna Baar 2015 zum Bachmannpreis eingeladen hatte, meinte zu seiner Autorin, dass sei ein Text, „der aufs Ganze geht“, „ein strukturell und sprachlich sehr gut und präzise gearbeiteter Text“. Die zeitgeschichtlichen Spots und Bilder in dem Text findet er „subtil und schön, ohne aufdringlich zu sein“. Auch der zweite österreichische Juror beim Bachmannpreis, Klaus Kastberger, fand Gefallen an der Stilistik des Textes. „Die präzise Art und Weise der Beschreibungen“ fand er ebenso gelungen wie, dass sich der Text auf Paradoxa einlasse. Deshalb halte er den letzten Satz der Geschichte („Denn so wie mich die Worte würgen, berausch ich mich daran.“) für „aufrichtig“.
2016 gewann ANNA BAAR den 2. Platz beim Rotahorn-Literaturpreis. Die Jurorin Barbara Frischmuth begründet ihre Bewertung folgendermaßen: „Was mir so gefällt ist, dass sie so eine direkt wirkende, sehr rhythmische Sprache verwendet – und dass sie Empathie gar nicht verleugnet.“

Die Kärntner Schriftstellerin Anna Baar wurde als Tochter eines österreichischen Vaters und einer kroatischen Mutter aus Dalmatien 1973 in Zagreb geboren und wuchs zweisprachig in Wien, Klagenfurt und auf der Insel Brač auf. Nach der Matura am Musikzweig des Stiftsgymnasiums Viktring studierte sie Publizistik, Slawistik, Theaterwissenschaft und Öffentlichkeitsarbeit an den Universitäten Wien und Klagenfurt. 2008 promovierte sie an der Universität Klagenfurt zum Dr. phil. Schon während des Studiums schrieb sie für Presse und Rundfunk. Anna Baar lebt in Klagenfurt.
Auf Einladung des Literaturkritikers Stefan Gmünder nahm Baar am Ingeborg-Bachmann-Preis 2015 teil. 2016 erhielt sie den 2. Platz beim Rotahorn-Literaturpreis für ihren Debütroman.

http://steiermark.orf.at/news/stories/2794650/

Blog-Granatapfel-Cover
Anna Baar
Die Farbe des Granatapfels
Roman
Wallstein Verlag, Göttingen 2015
320 Seiten
ISBN: 978-3-8353-1765-9 (2015)
€ 20, 50

http://www.wallstein-verlag.de/9783835317659-anna-baar-die-farbe-des-granatapfels.html

Alle Fotos (c) Gabriele Russwurm-Biro

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