„Kino-Kultur bewegt Kärnten“ – Horst Dieter Sihler über das Kino im 20. Jahrhundert

„Eigentlich hätte dieses Kinobuch schon in den 90er-Jahren, gegen Ende des letzten Jahrhunderts erscheinen sollen, aber eine schwere Krankheit verhinderte das. Nach Jahren aufgetaucht aus dieser bewusstlosen Zeit, aus meinem ganz persönlichen schwarzen Loch, schrieb ich im ersten Hoch – zur Überraschung aller – mein Poesiebuch AM ANFANG WAR DIE POESIE (Meine Gedichte des 20. Jahrhunderts) – und konnte jetzt, fast zehn Jahre später, in meinem zweiten Hoch, endlich mein Kinobuch fertigstellen“, erklärt der Kärntner Autor, Filmkritiker und Gründer der DIAGONALE Horst Dieter Sihler die Umstände, die dieses Buch entstehen ließen, in seinem Nachwort.

Sihler bewertet seine 391 Seiten Kinoliteratur als eine „subjektive, aber ehrliche Rückschau“, er sieht sich selbst nicht als Filmhistoriker, auch nicht als Filmwissenschaftler, sondern nur als einen Filmjournalisten, „einen stets neugierigen Sucher nach dem Neuen und Humanen in der Filmkunst, wo immer es auftritt“ (S 391). Wie alles für den jungen Journalisten 1969 begann, kann man auf Seite 200 nachlesen: „Kino-Kultur bewegt Kärnten“.
70 Jahre Filmgeschichte im Überblick werden in 13 Kapiteln in fesselnden Berichten nachvollziehbar gemacht: Auszüge aus Essays, Filmkritiken und Festivalberichten, die in der Presse und im ORF erschienen sind, können nun nachgelesen werden. Zwischen den Analysen eingeflochten sind immer wieder autobiographische Splitter („Nachruf auf mich selbst – Vorzutragen beim Abschiedsfest nach meinem Ableben“ S 312), das Beste aus dem „Filmtagebuch von hds“, aufgelockert durch Gedichte Sihlers, Anekdoten aus einem erlebnisreichen Journalistenleben und einer historisch wertvollen Fotogalerie zur Dokumentation. Daher kann man diese Sammlung auch als enormes zeitgeschichtliches Dokument verstehen und nachlesen, wie die Kulturpolitik mit dem Medium Film umgegangen ist: Erlebte und genau dokumentierte Filmgeschichte. Man erfährt auch von den Förderern in Graz und jenen aus Klagenfurt (Humbert Fink/ Trude Polley/ Walter Novotny) (S 292) und Sihlers Begegnung mit Christine Lavant (S 293). Diesen Überblick über 70 Jahre Kino legt man nicht kurzerhand zur Seite, es interessiert den Leser vom Anfang bis zum Ende.

Von den ersten Filmerfahrungen bei der Nazi-Wochenschau, über jugoslawische Filmvisionen, der Kamera als Waffe bis zu den heimischen Film- und Kinokämpfen deckt Sihler ein breites Spektrum ab. „Wir sind alle kleine Mephistos“ schreibt Sihler zu István Szabós Erfolgsfilm:
„MEPHISTO markiert einen Neubeginn. Die Wahl des Themas – der unpolitische Künstler, der sich zum Aushängeschild einer politischen Macht machen läßt – sichert das Interesse im Westen. Aber jede Interpretation ist naiv, die nur das Thema Künstler im Dritten Reich sieht. Szabós Schlüsselfilm über das Verhältnis des Künstlers zur Macht geht weit über die Satire von Klaus Mann hinaus. Sein MEPHISTO zielt auch auf den Künstler unter Stalin und vor allem – und das macht seine eigentliche Bedeutung aus – auch auf alle Anpassungskünstler, Kompromissler und Opportunisten in unseren westlichen Demokratien. MEPHISTO trifft auch den Kulturbetrieb im Westen und die Alibifunktion bürgerlicher Fassadenkultur. Um es mit den Worten Szabós zu sagen: MEPHISTO ist ein Grundtyp, den jedes mangelhaft funktionierende politische System für sich nutzen kann. Wir sind alle kleine MEPHISTOS.“ (S 103)

Horst Dieter Sihler: Geboren 1938 in Klagenfurt. Sihler ist bekannt als Vater der alternativen Kinoszene in Österreich, als Programmkinoleiter und als Gründer der DIAGONALE.
Ursprünglich war er Maschinenbau-Ingenieur, gleichzeitig Kulturkritiker und auch Poet, Lehrbeauftragter und Kinomacher. Filmkritiker für die regionale und überregionale Presse („Neue Zeit“, „Kleine Zeitung“, ORF, FAZ usw.). Zahlreiche Reisen zu Filmfestivals in West- und Osteuropa seit 1966.
Organisator unzähliger Filmveranstaltungen. 1977 „1. Österreichische Filmtage“ (heute „Diagonale“) in Velden gegründet, 1982 „1. Österreichische Kino-Tagung“ in Tainach/Tinje. 1979 Gründer des Vereins Alternativkino. Programmkinoleiter (Neues Volkskino Klagenfurt). Medien-Kulturpreis des Landes Kärnten 2008, Kärntner Lyrikpreis. Veröffentlichungen: Gedichte in „manuskripte“, „Frage und Formel“, „Literatur und Kritik“. „Am Anfang war die Poesie“ (Meine Gedichte des 20. Jahrhunderts, Wieser-Verlag 2009).

Blog-Foto-Cover

Horst Dieter Sihler
Mein Kino des 20. Jahrhunderts
Erlebte Filmgeschichte
Wieser Verlag,
Klagenfurt 2016
ca. 400 Seiten, gebunden,
ISBN: 978-3-99029-181-8
29,95 €

https://www.wieser-verlag.com/buch/mein-kino-des-20-jahrhunderts/

Ich danke Horst Dieter Sihler und dem Wieser-Verlag Klagenfurt für das Rezensionsexemplar.

Alles Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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