„Irgendwann wird man traurig vom Warten “ – WINTERS GARTEN von Valerie Fritsch– eine Rezension

Die junge österreichische Autorin Valerie Fritsch hat mit ihrem zweiten Roman WINTERS GARTEN, (Suhrkamp 2015), viel Aufmerksamkeit durch ihre melodische, ausdrucksstarke Sprache erregt. Sie ist der Shootingstar der österreichischen Literaturszene schlechthin.
Die sympathische Schriftstellerin ist 1989 in Graz geboren und studierte an der Akademie für angewandte Photographie. Sie arbeitet als Autorin (Prosa und Lyrik) und gleichzeitig als Fotokünstlerin, ist viel und gerne auf Reisen in fernen Ländern, das spürt man auch in ihrem Roman. Ihre enge Beziehung zur Bildsprache, zu einem drastisch symbolischen Ausdruck, lässt sich in ihrem Text nachspüren. Virtuos und sinnlich, voller lebendiger Eindrücke und Gefühle, genaue Beobachtungen – auf einen Blick eindeutig identifizierbar, aber auch voller Verzweiflung.

In dem 154 Seiten langen Roman WINTERS GARTEN beschreibt die Autorin in acht Kapiteln lyrisch bewegt die Geschichte von Anton Winter. Im 1. Kapitel taucht man in einen Idealgarten als Rückzugsort ein, eine Idylle einer Jugend schlechthin mit allen Details einer glücklichen Kindheit. Ein Seelengarten voller Geborgenheit, mit Großmutter und Großvater. Die Fülle der Natur und das Entdecken einer wunderbaren Welt stehen im Mittelpunkt des kleinen aufgeweckten Buben.
„Für Anton Winter war die Kindheit vollgestopft mit hohen Gräsern und Teerosen und grünen Äpfeln in den Bäumen, die man den ganzen Sommer über so begehrlich ansah, dass sie irgendwann schüchtern erröteten“ (Seite 11). Im 2. Kapitel ist Anton erwachsen und lebt als einsamer Vogelzüchter in der Stadt, „dünn vor Sorge“ wie die übrigen Bewohner dieser beängstigenden Umgebung in einer Welt, die aus den Fugen gerät. Die Welt steht kurz vor der Apokalypse und es gibt kein Entrinnen. „Man wurde blind über Nacht. Es wurde schwarz vor dem inneren Auge. Wer träumte, sah nichts mehr, und statt der Bilder drängten sich Töne in den Schlaf, wuchsen sich aus zu einer Kakophonie markerschütternder Laute, die den Menschen im Schädel hallten und die Ohren betäubten“ (Seite 41). Im 3. Kapitel lernt Anton mit 42 Jahren Friderike kennen und erstmals lernt er zu lieben. Wer sie war bleibt ein Rätsel. Sie stürzen sich in eine aussichtslose Liebe ohne Zukunft mit all ihren sakralen Augenblicken und den menschlichen, fast tierischen. „Während draußen die Welt in tausend Stücke fiel, schliefen die Menschen miteinander, weil sie nichts anderes anzufangen wussten mit ihren heilgebliebenen Körpern, als sie zusammenzukleben zwischen all den Scherben.“ (Seite 60). Weiter geht es im Kapitel 5 mit dem Gebärhaus, in dem Friderike arbeitet. Anton ist dort Totengräber.

Jeder Satz bei Valerie Fritsch ist schlüssig und gibt das Große und Ganze wieder. Die Gegensatzpaare Leben und Tod, Tag und Nacht, Grauen und Schönheit werden lyrisch und klangvoll aufbereitet. Prosa voller Todessehnsucht und Weltuntergangsstimmung. Man könnte den Text auch Singen, sosehr nimmt die Satzmelodie und der Sprachrhythmus den Leser ein. Eine Wortkomposition, eine Klangreise in die Tiefen des Textes. „Den einsamsten aller Planeten hat mein Großvater die Erde genannt, weil hier jeder für sich allein kämpft und jeder für etwas stirbt, für das man so gerne leben würde“ ( Seite 70).

Die junge Autorin hat 2015 sehr erfolgreich am 39. Bachmann-Wettbewerb teilgenommen. (http://bachmannpreis.orf.at/stories/2709005/).
Ihr Text „Das Bein“, eine Erzählung über einen ehemaligen Tänzer, der den Verlust seines Beines nie überwinden konnte, wurde mit dem zweiten Preis (KELAG-Preis) und vom Publikum zum besten Text gewählt. Klagenfurt steht einmal im Jahr im Mittelpunkt der deutschsprachigen Literaturszene. 2016 wird vom 29. Juni bis 3. Juli das Jubiläum 40 Jahre Bachmann-Preis (http://bachmannpreis.orf.at/stories/2746380/)
gefeiert und an die vielen überragenden Preisträger erinnert, wie auch die beiden Kärntner Schriftsteller Gert Jonke (1977) und Maja Haderlap (2011), die den begehrten Preis gewonnen haben.
Valerie Fritschs Sicht auf dieses Wettlesen ist allerdings sehr ambivalent: „Das waren absonderliche Tage an einem absonderlichen Ort. In dieser kleinen Provinz, wo sich dann alles um Literatur dreht oder zu drehen glaubt. Und ständig darüber geredet wird. Das ist ein Literaturtribunal in der Öffentlichkeit“, bemerkt sie in ihrem Interview mit Eva Straka in der Ausgabe 4/ 2015 des Kultur-Magazins PORTRAIT S 53 (http://magazin-portrait.at). Literatur mache eben schon nach ein paar Tagen sehr müde, besonders, wenn man auf der Präsentierscheibe stehe, so Fritsch.
Ihr Roman WINTERS GARTEN macht nicht müde und fasziniert den Leser, der sich auf ihre wundersame Welt einlässt.

Eine Übersicht über ihre Werke und einen Eindruck von ihren Fotos erlangt man auf ihrer eigenen Homepage http://valeriefritsch.at/index.php?id=werkeusgezeichnet
Die Autorin erhielt zahlreiche Stipendien und Förderpreise.

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

42471_Fritsch

Valerie Fritsch
Winters Garten
Roman,
154 Seiten
ISBN: 978-3-518-42471-1
Suhrkamp 2015
€ 17,50

http://www.suhrkamp.de/buecher/winters_garten-valerie_fritsch_42471.html

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