„Ich träume von einer Zukunft, auf der kein Gestern liegt.“ – DINGE AUS ANGST von Ingram Hartinger

Angst ist Grundthema der Menschheit. Alle Menschen empfinden Angst und finden sich oft in den ausweglosen Ecken dieses bedrängenden Zustandes. Als Grundbestandteil der menschlichen Emotionen kann die Angst überall sitzen: im Nacken, in den Knochen im Gedärm…. Kein Dichter, der sich nicht mit diesem Gefühl auseinandergesetzt hätte. Die „Dinge aus Angst“ werden bei Ingram Hartinger beim Namen genannt und sie haben hunderte Namen und Beschreibungen. Die Gedichte Hartingers lehren einen aber nicht das Fürchten, sondern das Hineinhorchen in die Poesie. Dort wo Angst ist, kann keine Liebe sein… bei Hartinger ist das nicht ganz so. „Ein verletzter und verletzbarer Ingram H. wird fast ohne verhüllende Literarisierung sichtbar“, heißt es im Klappentext. Die Grundstimmung der Gedichte kann man aus den verschiedenen Titeln erahnen:

Die drei Kapitel „Der Menschentag ist kein Spiel“ / „Schmerz, Flut von Wut“ / „Unbebilderte Fläche und Rand“ überschreiben jeweils ca. 50 unterschiedliche Gedichte. Als Einleitung zu den Kapiteln stehen kurze Prosatexte wie zB. „Ein weiterer See für Wörter, die vom Blatt rinnen.“ (S 13) oder „Schwarz.“

„Die schwarze Nacht hat aufgehört schwarze Nacht zu sein. So hell ist sie, dass ihre Kleider brennen. Solange der Fluss noch da ist, kann mit dem Wortgewehr noch geschossen werden. Dem Dunkel zu, wo Wörter sich zu Strichen rotten, zur radikal autonomen Tatsache.“ (S 14).

Die einzelnen Gedichte sind formal gesehen lange Dreizeiler, kurze geblockte Siebenzeiler, manchmal 4-zeilige Blöcke und Fünfzeiler, teilweise mit eingerückten Strophen und gestuften Einzügen – also von der Form her völlig frei und jedes Gedicht optisch anders gestaltet. Viele Widmungen oder Zitate folgen den lyrischen Titeln, die selbst wie eine Widmung wirken („Formlos verschrumpft“). Bei vielen Gedichten folgt ein abschließender Absatz, eine Art Rand-oder Schlussbemerkung, die sich am Ende meist auch selbst auf den Dichter bezieht.

„Dinge, die Angst verbreiten. Wie/ die Flutwelle der Selbstmörder oder/ das Ungleichgewicht der Dinge. Ein/ Schiffbruch ohne Boot. Das düstere/ Spiel vom Kommen und Gehen. Mir/ schwere Tropfen aus den Wimpern fallen./“ (S 80).
Oder auch: „Ingram findet, es sei Zeit für ein Gedicht oder/ einen kurzen Versuch. Über Ecken und Kanten/ wandernd, nähert er sich mit jedem Atemzug/ dem Horizont. Ich träume von einer Zukunft,/ auf der kein Gestern liegt./“ (S 167).

Es ist ein Abtasten der rüden Realität, verwandelt in einen behutsamen lyrischen Weg, der den Leser durch die Gefühle und Seelenzustände eines ewig Suchenden leitet, ewig suchend so wie wir alle. Eine Wortmetamorphose im unendlichen Reich der Assoziationen, „Die Gesänge der Seele“ (S 150). Das „Aufsammeln zerbrochener Seelenteile“ (S 110) und „menschliche Entfremdung“ gehören ebenso zum Repertoire Hartingers wie mit „Trockener Kehle“ (S 72) sich dem „Rhythmus der Angst“ einfach hinzugeben und einzutauchen.
Hartingers Lyrik besteht aus prosanahen Gedichten, deren Lesefluss über mehrere Zeilen hinwegführen kann und oft mit überraschenden Wendungen endet. Sie spiegeln Erinnerungen, Sinneseindrücke und Reflexionen, manchmal auch Erkenntnisse vom Leben und Sterben.

„Was lässt sich sagen von/ Süßsauren Schatten des Lebens/ Am Gaumen klebt die Seele/ Des Angsthasen zitternd vor/ Schreck“ (S 97).
Der Lesende fließt – ganz ohne Angst – durch die Gedichtstrophen und lyrischen Hymnen Hartingers in eine achtsame, dennoch zerbrechliche Poesiewelt, in der es viele Seelenzustände zu entdecken und zu erkennen gibt – ein Innehalten.

Blog-Hartinger-Porträt

Dr. phil. Ingram Hartinger, geb. am 28.12.1949 in Saalfelden (Pinzgau, Land Salzburg), lebt seit 1979 in Klagenfurt. Studierte Psychologie, Philosophie und Romanistik an der Universität Salzburg. 1979 – 2009 war er Krankenhauspsychologe am LKH Klagenfurt. Bisher über fünfzehn Prosabände (beim Droschl-, Folio- und Wieser-Verlag), sechs Gedichtsammlungen (u. a. bei Thanhäuser), Radiosendungen für den ORF (Tonspuren, Hörbilder). Zuletzt bei WIESER Dinge aus Angst (2015). Österreichisches Staatsstipendium für Literatur und Lyrikpreis der Stadtwerke Klagenfurt 2009.
https://de.wikipedia.org/wiki/Ingram_Hartinger
Blog-Hartinger-Cover-2
Ingram Hartinger
Dinge aus Angst
Gedichte
Wieser Verlag
Klagenfurt/Celovec 2015
ISBN 978 -3-99029-163-4
S 180
Gebunden, Lesebändchen
€ 19,50

https://www.wieser-verlag.com/buch/dinge-aus-angst/

Ich danke dem Wieser-Verlag Klagenfurt/Celovec für das Rezensionsexemplar.

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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