„Es gibt Tage, die besser nicht angebrochen wären“ – DER TROST DES NACHTHIMMELS – Dževad Karahasans Roman als dreiteiliges Erzähl-Epos

Der neueste Roman des bosnischen Schriftstellers Dzevad Karahasan mit dem Titel DER TROST DES NACHTHIMMELS (erschienen im Suhrkamp Verlag Berlin 2016) spielt im alten Persien in Stadt Isfahan im 11. Jahrhundert. Im Mittelpunkt dieses Epos steht der Hofastronom Omar Chayyan, eine historische Persönlichkeit (1048–1131) zu Diensten des Sultans am Hof von Isfahan.
Deswegen ist der Roman aber noch lange kein historischer im herkömmlichen Sinne, aber auch keine Biografie des Hofastronomen. Der Roman geht darüber hinaus, sprengt die üblichen Grenzen, erweitert sich zu einem literarischen Universum.

Mit diesen Sätzen beginnt Dževad Karahasan seine Romantrilogie:
„Es gibt Tage, die besser nicht angebrochen wären. Aber wenn sie schon anbrechen müssen, wenn der Anbruch eines jeden Tages unabwendbar ist, müsste es eine Möglichkeit geben, den Tag, den man ganz gewiss nicht braucht, zu meiden, etwa indem man gar nicht erst aufwacht oder ihm sonstwie fernbleibt…“ (S 9).

Zehn Jahre hat der Schriftsteller an diesem Werk gearbeitet und unglaublich viele Detailszenen zu einem epischen Ganzen verwoben. Chayyan, als zentrale Figur und roter Faden, der sich durch die drei Teile des Romans hindurchzieht, ist Poet und Astronom und ein hoch angesehener Mann, ein HAKIM, ein Gelehrter, ein Mensch, der in vielen Gebieten bewandert ist wie das umfangreiche und sehr aufschlussreiche Glossar den Leser belehrt und sein Wissen über das alte Persien erweitert.

Karahasan ist ein Meister der Erzählkunst und knüpft viele Handlungsfäden zusammen zu einem Gesamtwerk. Im Teil I des vielschichtigen Romans DER SAMEN DES TODES wird Omar Chayyan mit dem Giftmord am Vater seines besten Freundes konfrontiert. Der Harem, die Konstruktion dieses Haushalts, die Traditionen, alles verdichtet sich in diesem Familiendrama, in das Omar hineinstößt und nachgräbt – und auch die Lösung findet, die ihm gar nicht lieb ist und ihn letztendlich belastet. Der Roman beginnt also wie ein Krimi, das allein wäre aber zu wenig, um das Werk zu charakterisieren. Omar Chayyam hatte am Hof des Sultans unter der Obhut des gelehrten Wesirs Nizam al-Mulk die Aufgabe ein Observatorium einzurichten und den Kalender zu reformieren. Der Nachthimmel begleitet die Hauptfigur daher ein Leben lang:

„…nachts beobachteten sie gemeinsam den Himmel. Aber es gab nicht mehr das, was er, Chayyam den Trost des Nachthimmels genannt hatte. Wenn du den Nachthimmel lange genug beobachtest, begreifst du, dass jeder Stern allein und unendlich weit vom nächsten entfernt ist, aber dass sie alle einem Gesetz unterliegen und dass dieses Gesetz ihre Einsamkeit aufhebt. Es verbindet, stellt Beziehungen zwischen ihnen her, es beginnt ein Gespräch unter ihnen, selbst wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. So muss es auch mit den Menschen sein, hatten er und Musaffer philosophiert. Wir sind tatsächlich allein und jeder für sich, aber wir wissen, dass es ein Gesetz gibt, das uns verbindet, weil wir ihm alle unterliegen.“ (S 155)

Im zweiten Teil DER DUFT DER ANGST wird dem Leser ein ganzes, orientalisches Universum erschlossen mit wunderbaren Detailschilderungen, aber auch furchtbaren Grausamkeiten bis ins Detail beschrieben, die politische Dimension des 11. Jahrhunderts in Persien rückt ins Bild: Die Karmaten, eine radikalisierte Volksgruppe, die das Seldschukenreich bedrohen, stellen den Anfang des Zerfalls dar, falsche Ratgeber, Intriganten, Krieg und Folter. Der Sultan lehnt die Gründung eines Nachrichtendienstes zur Bekämpfung innerer und äußerer Feinde ab – ein folgenschwerer Fehler für das angreifbar gewordene Reich. Es kommt zu Ermordungen, Säuberungen, mysteriösen Todesfällen. Eine Terrororganisation , angeführt von einem ehemaligen Freund Chayyams, trägt zum Verfall des Reiches bei und versetzt die Bevölkerung in Angst.

Der angesehene und einflussreiche Sufi Abu Said tritt als das „Gewissen“ seiner Zeit auf und gibt Einblicke in Glauben und Religion, den philosophischen Aspekt des Romans.
„… der Mensch wurde um des Gedächtnisses willen erschaffen, damit er das Gedächtnis der Welt sei, rief Abu Said nach einer längeren erwartungsvollen Pause triumphierend aus. Kein vernünftiger Mensch sollte sich beklagen, dass ihn der Fluss oder der Tisch nicht im Gedächtnis behalten haben, weil der Mensch da ist, um etwas im Gedächtnis zu behalten, nicht sie. Könnte ein Quittenbaum dieses Jahr Frucht bringen, wenn er die letztjährige im Gedächtnis hätte? Könnte er Blätter treiben, wenn er jedem Blatt vom letzten Jahr seinen Platz bewahren wollte?“ (S 363)

Im dritten Teil BEKENNTNISSE AUS DER ASCHE ist Omar ein alter Mann ohne Familie und trifft auf einen jungen Bosnier, Vukac, der ihm dient und ihn verehrt und Omars Lebensgeschichte aufschreibt – ihn bis zum letzten Atemzug liebevoll begleitet. Mit einem Bekenntnis von Vukac, der wieder in seine bosnische Heimat zurückkehrt, endet der Roman und mit einer Herausgeberfiktion über die im Jahr 1200 verfasste Handschrift über Chayyams Leben, die 1992 in der Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina in Sarajewo im Folge des Jugoslawienkrieges verbrannte.

Karahasan beschreibt in vielen Handlungssträngen vom Niedergang eines Staates, vom Aufkeimes des Fundamentalismus, vom Zerfall geordneter Strukturen und von der Wissenschaft im 11. Jahrhundert.
Die Darstellung der handelnden Personen ist eindrücklich und zeitlos, auch seine Hingabe an die (beinahe altpersische) Erzählkunst nimmt den Leser voll in Beschlag und macht das Erzählen zum wichtigsten Thema in diesem Roman. Der Zauber altorientalischer Märchen schwingt mit, Schönheit und Grausamkeit liegen eng beieinander.

Dževad Karahasan, 1953 in Duvno/Jugoslawien geboren ist ein grandioser Erzähler, Dramatiker und Essayist. Die Belagerung Sarajevos war Thema seines in zehn Sprachen übersetzten Tagebuchs der Aussiedlung (1993) und seiner beiden Romane Schahrijârs Ring (1997) und Sara und Serafina (2000). Für den Essayband „Das Buch der Gärten“wurde er 2004 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Karahasan lebt in Graz und Sarajevo.
Auf der Flucht vor dem Jugoslawienkrieg in Bosnien-Herzegowina kam Karahasan nach Kärnten, wo er auf den Theatermacher Herbert Gantschacher von ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater traf.

http://www.suhrkamp.de/autoren/dzevad_karahasan_2324.html

Literatur.Report/Kärnten bat den Leiter von ARBOS, Regisseur und Intendant Herbert Gantschacher, um die Wiedergabe seiner Erlebnisse und seiner Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Karahasan, der auch für Kärnten durch seine nachhaltige literarische Tätigkeit als Dramaturg und Dramatiker besondere Bedeutung bekommen hat:

Gantschacher schreibt: „Als ich 1993 die Inszenierung der Oper „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ von Viktor Ullmann in der Originalfassung des Komponisten als Österreichische Erstaufführung vorbereitete, tobte in Bosnien-Herzegowina der Krieg. Um des Überlebens willen fasste der damalige Dekan der Akademie der Szenischen Künste in Sarajevo und Dichter Dževad Karahasan den Entschluss, aus Sarajevo zu fliehen. In Klagenfurt angekommen traf ich ihn vor Probenbeginn zu Ullmanns Oper, damals sah ich zum ersten Mal Menschen auf der Flucht, der mit nichts als seiner Feder in der Tasche den Gräueln des Krieges entkommen ist. Karahasan ist seit damals Dramaturg und Dramatiker für ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater. Karahasan und ich entwickelten jenes Spielkonzept für Ullmanns Oper, die dann von 1993 bis 2001 in Österreich, Tschechien, Schweden, Deutschland, Kanada und den USA gespielt worden ist. Dabei kam es zu mehreren denkwürdigen und geschichtsträchtigen Erstaufführungen, 1993 in Prag im Národní Památník unter Anwesenheit des ersten Tod-Darstellers aus Theresienstadt, Karel Berman. Die Inszenierung wurde 1993 Musiktheateraufführung des Jahres in der Tschechischen Republik. Am 23.Mai 1995 ist Theresienstadt 51 Jahre nach der Generalprobe erstmals die Ullmanns Oper am Ort der Fertigstellung von Libretto und Musik durch ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater gespielt worden. In weiterer Folge kam es zu Erstaufführungen von Ullmanns Oper in der Originalfassung des Komponisten in Schweden (Kulturhuset in Stockholm), in Kanada (National Arts Centre in Ottawa) und in den USA (United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C.). Die Ullmann-Rezeption und Wiederentdeckung der Originalfassung der Oper Ullmanns aus Theresienstadt ist weltweit auch der Tatsache geschuldet, dass ich gemeinsam mit Karahasan dieses Spielkonzept entwickelt habe, das dem Werk Ullmanns seinen Respekt zollt.
2014 kam es zur Neuinszenierung von Ullmanns Oper „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ als Puppentheater wiederum mit Karahasan als Dramaturgen und der Weiterentwicklung des szenischen Konzeptes. Diese Inszenierung ist nun Teil des Viktor Ullmann Projektes geworden, das in Kombination von Ausstellung und Vorstellung 2015 im Clam-Gallas Palais des Prager Stadtarchivs wiederum international Kärnten kulturell Bedeutung verschafft. Die Inszenierungen der Ullmannschen Musiktheaterwerke aus Theresienstadt, nämlich „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ und „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ durch ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater sind Kärntens bedeutendste internationale künstlerische Präsenz geworden, die nun bis Australien führen, denn das Radio der Australian Broadcasting Company hat Ullmanns Oper in der Aufnahme von ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater australienweit einem breiteren Publikum bekannt gemacht.
Karahasan ist somit Teil des bedeutendsten künstlerischen Projektes aus Kärnten, das nun seit Jahrzehnten weltweit für Kärnten für Aufsehen und Ansehen sorgt.
Als Dramaturg hat Karahasan seit 1993 an folgenden Produktionen gearbeitet:
Viktor Ullmann „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ 1993
Herbert Lauermann „Das Ehepaar“ 1995/Viktor Ullmann „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ 1996/Viktor Ullmann „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ Inszenierung für Puppentheater 2014-2019
Als Autor hat Karahasan für ARBOS – Gesellschaft folgende Stücke geschrieben, die auch uraufgeführt worden sind:
„Al-Mukaffa“ 1994 /„Der Gesang der Narren von Europa“ 1994/„Der entrückte Engel“ 1995 (auch als Hörspiel für das Radioprogramm Ö 1)/„Das Konzert der Vögel“ 1997/„Babylon oder Die Reise der schönen Jutte“ 1999/„Die Fremden“ 2001/„UROBOS: Project Time“ 2001/„Schnee und Tod“ 2002/„Am Rande der Wüste“ 2003/„Eine alte orientalische Fabel“ 2004/„Die einen und die anderen“ 2005/„Gastmahl“ 2005/„Die Landkarten der Schatten“ 2011/„Prinzip Gabriel“ 2014/ Dazu kommen noch zwei Klassikerbearbeitungen durch Karahasan für ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater: „Der Tod des Empedokles“ von Friedrich Hölderlin 2005/ „Woyzeck“ von Georg Büchner 2007 (©Herbert Gantschacher 2016)
http://www.arbos.at/web_tv/kategorie_1.html

Blog-Cover-Foto2

Dževad Karahasan
Der Trost des Nachthimmels
Roman
Aus dem Bosnischen von
Katharina Wolf-Grießhaber
Gebunden,
724 Seiten
Suhrkamp-Verlag Berlin
ISBN 978-3-518-42531-2
€ 27,70
http://www.suhrkamp.de/buecher/der_trost_des_nachthimmels-dzevad_karahasan_42531.html

http://www.suhrkamp.de/download/Blickinsbuch/9783518425312.pdf


Ich danke Herbert Gantschacher für die Verfassung und Genehmigung zur Veröffentlichung seines Textes zur Tätigkeit und Bedeutung Dževad Karahasan als Dramatiker und Autor in Kärnten.

Ich danke dem Suhrkamp Insel Verlag für das Rezensionsexemplar.

Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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