„Der Himmel wird ihn nie berühren“ – DER WEISSE ZORN von Axel Karner – eine Rezension

DER WEISSE ZORN ist ein Gedicht über 25 Seiten, eines, das im Ganzen zu lesen und zu denken ist, eine prägnante, eindringliche Geschichte in 17 Kapiteln mit Prolog und Epilog. Sehr kurze Sätze sind untereinander angeordnet. Sie bestehen oft nur aus einem oder zwei Worten – aus rudimentären KURZVERSIONEN – dabei entfaltet ein einziges Wort ein ganzes Gedankenuniversum vor dem geistigen Auge. In Stakkato-Kürze und treffsicherer Heftigkeit zieht es den Leser in eine verknappte und beschnittene Welt. Und es wächst sich zwischen den Zeilen Ungeheuerliches aus:
Bigotte Religiosität, kleinbürgerliche Enge, vermeintliche Alltagsbeobachtungen, unterdrückte Wut, Zerbrechlichkeit, Jähzorn, Unerwartetes. Dialoge, Zitate, abrupte Wendungen und immer ist man der Verdammung nahe. Auch vom Allmächtigen ist hinlänglich die Rede…

Das gesamte Gedicht, dessen Stärke in der Prägnanz und Heftigkeit liegt, steht unter dem Motto des weltweit bekannten amerikanischen Singer-Songwriters Steve Earle: „I´ll never get out of this world alive“. Eine unumstößliche (Lebens-)Weisheit zum Thema Tod, deren Logik man sich nicht entziehen kann. Ein weiterer Songtext (Lyrics) würde zu diesem Inhalt von Axel Karner passen, nämlich von der amerikanischen Alternativ-Rock-Band „My Chemical Romance“ (2001-2013) aus ihrem Song „Mama“, der lautet: „Mama, we all go to hell.“

Im Klappentext verheißt die Einleitung folgendes zum Inhalt: „Der Stammhalter wird geboren. Eine musikalische Laufbahn ist vorgezeichnet. Die bigotte Harmonie birgt jedoch eine zornige Welt. Ehrgeiz, Ohnmacht, Trauer. Enttäuscht lässt die Mutter das Kind verkümmern – umschließt den Erzwungenen. Feingeschichtetes springt.“

Zitate sind im Text eingefügt und werden Teil des Ganzen, Teil der Geschichte. Aus Werken von Hans Christian Anderson, Max Aub, Walter Kohl, Ali Podrimja, Alexander Widner und anderen sowie auch die Kantaten von Johann Sebastian Bach wie „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen „ (BWV12) und „Warum betrübst du mich, mein Herz“ (BWV 138) werden integriert.


Er kann es nicht lassen.
Schlug mit dem Schädel aufs Eis.
Da erzitterte der Spiegel. Sein Grinsen.
Barst. Blendend, blinkend Glas.
Die Augen blitzten – sternenklar,
Ruhe und Rast.
Königin zur Nacht.

Axel Karners Bibliographie hat in Klagenfurt beim ehemaligen Alecto-Velag Klagenfurt (Gratzer/ Zefferer) begonnen. Dort hat er – wie später auch beim Verlag Bibliothek der Provinz (Weitra/ NÖ) und seit seinen „Lissabonner Gedichten“ beim Wieser-Verlag Klagenfurt/Celovec – Gedichtbände in Dialekt und Schriftsprache veröffentlicht. Karner ist seinem Lektor Gerhard Maierhofer stets treu geblieben. Auch in diesem vorliegenden Band. Auch sein Interesse an Abstrusen, an den schroffen Gegensätzen ist gleich geblieben und spannt in diesem Lesebändchen einen poetischen Bogen über die Geschichte eines Jungen.

Cornelius Hell, Literaturkritiker und Essayist sagt in seiner Laudatio zur Verleihung deS Gert-Jonke-Preises 2015 in Klagenfurt folgendes zum Thema Lyrik:
„Darum ist es ein Schaden und eine Schande, dass Gedichte zumindest im deutschsprachigen Raum kaum mehr etwas zu gelten scheinen, dass in öffentlichen Literaturgesprächen nur mehr über Romane gesprochen wird, dass wichtige Zeitungen kaum mehr Gedichtbände rezensieren und vor allem, dass die neue Zentralmatura und das dahinterstehende Konzept des Deutschunterrichts nicht nur Gedichte, sondern gleich der Literatur überhaupt das Wasser abgraben, das sie auch für kommende Generationen fruchtbar machen könnte.“

Blog-Axel-Karner-Porträt-text

Axel Karner wurde 1955 in Zlan/Kärnten geboren, lebt und arbeitet als Autor und Lehrer für Evang. Religion, Darstellendes Spiel und Soziales Lernen in Wien. Schreibt Lyrik und Kurzprosa in Dialekt und Schriftsprache. Mitglied u.a. bei der GAV (Grazer Autoren Autorinnen Versammlung), beim Literaturkreis Podium und beim ÖDA (Österreichische DialektautorInnen Archive). Ausgezeichnet u. a. mit dem BEWAG Literaturpreis und dem Kärntner Lyrikpreis. Publikationen in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften.

A meada is aa lei a mensch. Gedichte. Alekto Verlag, Klagenfurt 1991 (vergriffen)
A ongnoglts kind. Gedichte. Alekto Verlag, Klagenfurt 1995
Georg Schurl. Mörder. Kriminalgeschichten. Alekto Verlag, Klagenfurt 1997
Kreuz. Gedichte. Illustriert mit Scherenschnitten von Joseph Kühn.
Bibliothek der Provinz, Weitra 2003
Schottntreiba. Gedichte. Illustriert von Ingeborg Kofler. Bibliothek der Provinz, Weitra 2004
Vom ersten Durchblick des Gewebes am zehnten November und danach. Kriminalgeschichten. Bibliothek der Provinz, Weitra 2007
Die Stacheln des Rosenkranzes.
Lissabonner Gedichte. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2007
Das Gedächtnis der Ameisen. Erzählung. Evangelischer Presseverband, Wien 2007
Chanson Grillée. Gedichte.
Illustriert von Anne Seifert. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2010
Der rosarote Balkon. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2012

Blog-Axel-Karner-Cover

Der weiße Zorn.
Ein Gedicht.
42 Seiten, gebunden,
Lesebändchen
ISBN: 978-3-99029-162-7
Wieser Verlag,
Klagenfurt/ Celovec 2015

14,80 €

https://www.wieser-verlag.com/buch/der-weisse-zorn/

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

Ich danke dem Wieser-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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