Das unberechenbare Leben anhand zehn Erzählungen: MIRÓS MÄDCHEN von Harald Schwinger

Harald Schwingers neuer Erzählband MIRÒS MÄDCHEN (Edition Meerauge, Klagenfurt 2016) gibt einen unkonventionellen Einblick in das nicht immer planmäßig verlaufende Leben von Menschen in unserem Umfeld. Wie du und ich? fragt man sich da. Die Figuren seiner Lebensgeschichten scheinen auf den ersten Blick unauffällig, wie aus dem Leben gegriffen: Pechvögel, Einzelgänger, Burnoutkandidaten, Drogenabhängige, Beziehungsgestörte… und dann eben auch ein bisschen darüber hinaus.
Eines ist allen zehn Geschichten gemeinsam: das Unvorhersehbare, die unerwarteten Wendungen, die bizarren Situationen, die spannenden Konstellationen der einzelnen Protagonisten untereinander. Alles ist mit allem verwoben. Untrennbar, unglaublich…
In diesem Band des Kärntner Schriftstellers und Journalisten wird schonungslos freigelegt, was sich hinter den Fassaden verbirgt, da fallen Masken und jede Form von Hüllen. Es brodelt in den fein gesponnenen Erzählungen nur so vor Beziehungsproblemen, Sehnsucht, Neid, Sex, Hass, Ohnmacht und Machtgelüsten….
Die Titel der einzelnen Erzählungen lassen tief in die Abgründe der menschlichen Existenz blicken und sind präzise gewählt:
Mirós Mädchen /Wenn ich Sex will, kriege ich den/ Nackt, auf dem Bauch liegend/ Und wer beschützt unsere Frauen?/ Diktatorische Landschaft/ Wer ist wo /Vorsicht mit Namen/ Ein Freund in der Stadt/ Helps/ Der Tag, an dem ein Toter nachts spazieren ging
Das Lesen eines Schwingertextes ist wie die Berührung mit einer Brennessel: Zurerst streift man ganz sanft seine schön gebauten fast lyrisch anmutenden Anfangssätze, dann wird man immer mehr hineingezogen ins turbulente und spannende Geschehen (über sensible Charakterisierungen und skurrile oder erschütternde Beschreibungen der Umstände und Gefühlslandschaften) und am Schluss fühlt man es doch: das gewisse Nachbrennen.
Schonungslos wird die Spezies Mensch freigelegt: abgründig, vielschichtig und aufregend. Jede dargestellte und feingemeißelte Existenz bleibt fragil und unergründbar. Was bleibt sind Fragen, Ahnungen… auf jeden Fall keinerlei Langeweile.
Leseprobe (aus „Diktatorische Landschaft“):

„Ich stehe am Hotelzimmer. Lehne mich nach vor, eiskalter Wind fährt mir ins Gesicht. Es riecht nach Achselschweiß. Oder nach Fußschweiß. Oder nach beidem. Und der Geruch geht nicht von mir aus. Er geht von der Landschaft aus. Es ist nicht meine, so viel ist sicher. Noch weiß ich nicht, wie oder ob ich wieder zurückfinde. Fünfter Stock. Immerhin. Das würde reichen, auf alle Fälle. Ich habe mich überschätzt. Vielleicht hat mich die Unzufriedenheit leichtsinnig gemacht, überheblich. War ich unzufrieden? Ich weiß nicht mehr. Was es auch war, es hat mich dazu verleitet, meine inneren Grenzen verschieben zu wollen. Überrascht mich das wirklich? Meine Selbstüberschätzung? Nein.“
(S 55)
Seine letzte Erzählung in diesem Prosaband „Der Tag, an dem ein Toter nachts spazieren ging“ (S 145) wurde im Jahr 2012 vom Kärntner SchriftstellerInnenverband mit dem 1. Platz beim KSV- Literaturwettbewerb für neue Literatur in Kärnten ausgezeichnet.
Der Juryvorsitzende Engelbert Obernosterer meinte dazu in seiner Laudatio:
„Seine (Schwingers) Kurzgeschichte besticht durch die Direktheit, mit der er den Leser ab dem ersten Satz packt und gnadenlos in eine tödliche Drift hinein zieht. Die Gegenkräfte, die gut gemeinten Worte, die da Brücken über das Abgründige hin zu bauen versuchen, tragen nicht recht. Hohl klingt es unter der Oberfläche der Worte und am Ende stirbt von zwei Freunden der zuerst, der gerade dabei war, eine Grabrede für seinen todkranken Freund zu konzipieren. Im Ganzen führt der Text vor, wie jäh das Unberechenbare in unsere durchgerechnete Welt einbrechen und den aus den Geleisen werfen kann, der meinte, das Steuer des Handelns fest in der Hand zu halten.“

Harald Schwinger wurde 1964 geboren, es folgte ein Studium der Anglistik, Amerikanistik und Medienkommunikation. Nun lebt er als freischaffender Journalist und Schriftsteller mit Frau und Tochter in Wernberg bei Villach und schreibt vorzugsweise Prosa, aber auch dramatische Texte und Lyrik sowie neuerdings auch Kinderliteratur (Der Schnarchesel / Osel smrčač, Drava 2016).
Schwinger ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV) und Mitbegründer des Kunstkollektivs WORT-WERK, das den experimentellen Literaturwettbewerb Die Nacht der schlechten Texte veranstaltet und u. a. die Anthologie „Best of worst“ (Edition Meerauge 2010) herausgegeben hat.
Diverse Veröffentlichungen von Kurzprosa und Lyrik in Zeitschriften und Anthologien (u.a. in Territorien des Selbst, Anja Bohnhof/Johannes Puch, Heyn 2015, literatur trifft fokus sammlung 04: TIERE, Museum Moderner Kunst Kärnten 2013; Salz, Zeitschrift für Literatur Nr. 140, Salzburg 2010)
Prosa:
Mirós Mädchen. Erzählungen, Edition Meerauge 2016
Die Farbe des Schmerzes. Roman, Edition Meerauge 2013
Zuggeflüster. Erzählungen, Edition Meerauge 2011
Das dritte Moor. Roman, Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2006
Theaterstücke/Drehbücher (Auswahl):
ZALA, Drama in sieben Bildern / Drama v sedmih slikah, Edition Meerauge 2011 (gemeinsame Autorenschaft mit Simone Schönett, Auftragswerk für das zweisprachige teatr trotamora unter der Regie von Marjan Štikar)
Innere Liebe, Drehbuch (gemeinsame Autorenschaft mit Simone Schönett)
Auszeichnungen (Auswahl):
2016: Projektstipendium des Österreichischen Bundeskanzleramts Abteilung Kunst und Kultur
2014: Zweiter Platz beim Kärntner Lyrikpreis der STW Klagenfurt Gruppe
2012: Preis des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes für die Erzählung „Der Tag, an dem ein Toter nachts spazieren ging“

Blog-Cover-Schwinger_Miros Maedchen_

Harald Schwinger
Mirós Mädchen
Erzählungen
152 Seiten,
bibliophiles Lesebändchen
Edition Meerauge,
Johannes Heyn-Verlag
Klagenfurt/Celovec 2016,
ISBN 978-3-7084-0577-3,
€ 21,90

www.meerauge.at

http://www.meerauge.at/assets/files/Leseproben%20PDF/Harald%20Schwinger_Miros%20Maedchen_Leseprobe.pdf

Ich danke der Edition Meerauge für das Rezensionsexemplar.

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

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