Schreiben über Abgründe hinweg – Interview mit Delphine Blumenfeld

Eine bemerkenswerte Erscheinung in der Kärntner Literaturszene ist Delphine Blumenfeld. Schon vor mehr als 20 Jahren erregte sie mit ihren ersten Büchern Aufmerksamkeit: H. C. Artmann bezeichnete damals Blumenfelds Lyrik als „Weltliteratur“, und Bertram Karl Steiner (Neue Kärntner Tageszeitung) meinte: „So souverän ist noch kein Kärntner Autor mit dem Kärntner Dialekt umgegangen und keiner hat diese Sprache so ernst und beim Wort genommen.“ Warum ihre Gedichte und Texte den Leser nachhaltig berühren und zum Nachdenken anregen, ist nicht so leicht gesagt. Es sind wohl die starken Empfindungen und unerwarteten Wendungen, die ihre Lyrik zu etwas Besonderem machen.

http://www.kaerntner-schriftsteller.at/2011/11/06/die-besten-vorsatze/

Sie thematisieren in Ihren Gedichten und Erzählungen oft den Rand der Gesellschaft. Sind sozial prekäre Lebenskonstellationen eine besondere Herausforderung für Sie?

Ja, und natürlich nicht nur für mich. Für alle sozialen Individuen, die unter diesen Bedingungen leben.
Leben als Selbstzweck hat mich nie interessiert. Den Starken und Mächtigen wird überall eine Plattform für ihre Interessen und Stimmen gegeben. Da war ich lieber auf der anderen Seite, auf der Suche nach den Menschen dort, um ihnen eine Stimme zu geben.

Arbeitslosigkeit und Außenseitertum sind im Grunde lebensbedrohlich. Haben diese Bezüge für Sie beim Schreiben existenzielle Bedeutung?

Wenn wir von „lebensbedrohlich“ sprechen, denke ich, betrifft das in Nord- und Mitteleuropa in erster Linie hauptsächlich die Isolation, das Herausfallen, bzw Gestoßenwerden aus dem sogenannten „normalen“ gesellschaftlichen Kontext. Dazu gehören dann natürlich massive finanzielle Einschränkungen, auch Wohnungsverlust etc. Bei vielen Menschen auch Identitätsverlust, durch das plötzliche Wahrnehmen von Diskriminierung, auch von Leuten ihrer früheren Community, die fast immer keine Ahnung von der Situation zB länger dauernder Arbeitslosigkeit haben, oder von lange andauernden Erkrankungen.
Was in diesem Fall auch lebensbedrohlich werden kann, ist der soziale Ausschluss, Rückzug, und Isolation, verbunden mit Scham- und Schuldgefühlen, Hass, Selbsthass usw.

Romuald Hazoume, ein internationaler Künstler von Weltrang hat in seinem Filmprojekt „NGO Beninische Solidarität mit gefährdeten Westlern“ … auf diese Situation im Westen u.a. hingewiesen. Ein großartiges Projekt, zu sehen im Steirischer Herbst 2013. Und nachzusehen unter youtube: https://www.youtube.com/watch?v=1vSLGbLJSe0
Ein großartiges Projekt!

Finanziell, denke ich, wäre die prekäre Situation bei uns noch nicht lebensbedrohlich, was die Beschaffung von Grundnahrung betrifft. Beim Wohnen schon eher. Das gilt zumindest derzeit für Menschen, die sich innerhalb der österreichischen Grundversorgung befinden.

Ich kann gar nicht oft genug sagen, wie wichtig es ist, dass Menschen wieder aus ihrer Abschottung in gemeinsames solidarisches Handeln kommen.
Das gilt für fast alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Nation usw.
Und egal ob schreibend oder nichtschreibend, auch für mich.

Muss man selbst erfahren haben worüber man schreibt ?

Nein natürlich nicht. Es gibt Autoren und Autorinnen, die machen sehr gute Recherchen. 😉


Spielt die Umgebung, in der Sie leben, in Ihrem Werk eine große Rolle?

Ich sehe mein Leben als eine Art Puzzle, aus dem dann auch kleine Teile in meiner Arbeit zu finden sind. Auch Tiere, Orte, und gewisse Charaktere für Figuren. Aber das wird selten verraten. Es heißt dann: die Handlung ist frei erfunden. Zufällige Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist nicht beabsichtigt …usw 😉 .
Aber letztendlich sind sie nur von Relevanz, wenn sich andere Menschen darin auch wiederfinden.

Das ist ja irgendwie auch das Schöne am Leben – es gibt keine noch so blödsinnige, traurige, absurde, glückliche usw Situation in der man plötzlich stecken könnte, in der sich nicht andere Leute auch finden. Kein noch so verrückter Fehler, den nicht schon viele Leute auch ausprobiert haben.

Abgesehen von den Puzzleteilen aus Begegnungen, Orten usw, sind meine Texte nicht autobiografisch, das wär mir zu langweilig. Ich kenne mein Leben ja. Ich will selber von meinem Text überrascht werden, Dinge ausprobieren.

Was kann man aus Ihrer Sicht mit Literatur bewirken?

Was mir dazu als erstes einfällt ist, dass Machthaber (und dieses Wort muss man noch nicht gendern) in Diktaturen immer große Angst zB vor geschriebenen Sätzen haben, deshalb gibt es dort ja auch die Zensur. Diejenigen, die kritische Texte veröffentlichen, werden verfolgt, inhaftiert, ermordet. Das ist noch immer der Fall.
Kritische Literatur (neben anderen Kunstformen, und zB der Publizistik) wird von Fanatikern, Extremisten, Machthabern usw – als extrem gefährlich eingestuft.
In funktionierenden Demokratien heißt es, ist es ja umgekehrt: hier kann man alles sagen, aber niemand hört zu 😉 …
Und natürlich gab es in meinem Leben Literatur die mich verändert, schockiert, unendlich bereichert, glücklich gemacht hat, und noch viel mehr. Sie hat mich auch ua immer wieder gerettet.
Und einmal habe ich eine Karte bekommen, im Winter 2008, von einer anonymen Leserin, deren Worte mich sehr berührt haben. Ihre Karte steht immer noch gut sichtbar in meinem Bücherregal.

Sind Ihnen die großen Vorbilder in der Literatur lästig?

Als ich jung war, hatte ich Vorbilder, die natürlich immer unerreichbar blieben. Einmal zum Beispiel H. C. Artmann. Als ich ihm dann gegenüber stand und er mich zum Essen einlud, bekam ich vor lauter Aufregung kein Wort heraus und bin weggelaufen, deshalb kamen kein Essen und weiterer Kontakt mit ihm zustande.
Zum Glück bin ich seit damals auf der Suche nach meiner eigenen Stimme …

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Über zukünftige Projekte will ich nicht sprechen, weil sie ja ein Prozess sind, der sich laufend verändert. Nur so viel, dass es sich um einen interdisziplinäreren Versuch handelt, in dem Sprache, Bild und Ton als eigenständige Figuren behandelt werden.

Kurzbiografie

Delphine Blumenfeld wurde in Klagenfurt / Celovec geboren.
Literaturzeitschriften und Anthologien: zB Schatzkammer (Zeitschrift für deutschsprachige Dichtung der Universität Iowa USA), Anstalten, Literatur/a, Etcetera (Oberösterreich), Beitrag zu Saualm Reflux – Wort-Bild-Arbeit mit Gerhard Maurer (Wieser Verlag). Mein See, und Mein Garten (Drava Verlag, herausgegeben von Gabriele Russwurm Biro)
Arbeitslosentexte für Reinhard Müller, AGSÖ Archiv für Geschichte und Soziologie, Uni Graz, zu: die Arbeitslosen von Marienthal
Lesungen, zB Frankfurter Buchmesse, Literaturhaus Frankfurt, Alte Schmiede, Literaturhaus Wien, Literaturhaus Salzburg, Minoriten Graz, Oberösterreichische Kultur Vermerke Gmunden, Theatercafé Klagenfurt – mit Klaus Paier (Akkordeon), Literaturhaus Klagenfurt, Universität Klagenfurt, Stadttheater Klagenfurt
Performances:
Citta´invisibile – die unsichtbaren Städte (österreichisch-italienische Gemeinschaftsproduktion);
Requiem für einen Eischristbaum (Stadtraum Klagenfurt);
An die Schafsgeier (mit Oliver Vollmann) KE Theaterhalle 11

Radioerzählungen –
ORF, OE1, Radio Agora

Bücher
Seesterngedichte (Wieser Verlag); Schneeläufer (Drava Verlag); Arbeitslos – Heimatlos – Alles los (Drava Verlag); Pan Paniscus Ohnegeld wohnt im Hotel (Foto: Gerhard Maurer und 1e Erzählung von Delphine Blumenfeld – Heyn Verlag / November 2014)

Preise und Stipendien
Projektförderung des Kärntner Frühlings für Literatur
Förderungspreis des Landes Kärnten für Literatur
Mundart Literaturpreis der Freien Akademie Feldkirchen
Sonderpreis des Landes Kärnten / Laudatio: Josef Winkler

Foto © Gabi Russwurm-Biro

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