„Jeder Satz sitzt!“- Interview mit Miriam H. Auer

Auszeichnungen und Preise begleiten den Weg der jungen Sprachkünstlerin Miriam H. Auer in den letzten Jahren. Zuletzt wurde ihr im Dezember 2015 der Förderungspreis des Landes Kärntens für Literatur zugesprochen. „Jeder Satz sitzt!“ ist ein Zitat aus der umfassenden Buchrezension des Privatdozenten an den Klagenfurter Universität, Walter Fanta, über den Debütroman Miriam Auers Hinter der Zeit. Umnachtungsnovelle. (Edition Meerauge, Verlag Johannes Heyn, 2014).
Fanta charakterisiert die junge Kärntner Autorin mit einem „zum Äußersten getriebenen Assoziationen-Reichtum einer Sprachkunst, die kein Wortspiel auslässt, aber nicht um des reinen Experiments willen, sondern stets in Fühlung mit einer erzählten Geschichte, in der es an Hand eines sozialen Mikrokosmos um alles geht, um die ramponierte, aber unzerstörbare menschliche Existenz.“
Auch der Vorsitzende des Fachbeirates für Literatur des Kärntner Kulturgremiums, Fabjan Hafner, hält zu den Texten der Autorin fest: „Miriam H. Auer gelingt es mit sprachbegeistertem Überschwang die zutiefst österreichische Tradition des lustvollen Um- und Ausschweifens in eine äußerst fruchtbare Beziehung zu den neueren Errungenschaften der amerikanischen Literatur zu setzen; ihr ganz eigener kühner Mix des Nächst- und Fernstliegenden erweist sich als bislang unbekannte, durch und durch beglückende Lektüreerfahrung.“

Wie muss man sich Miriam Auer als Menschen denken? Leidenschaftlich oder ironisch, zurückgezogen oder überschwänglich?
Wie wahrscheinlich für uns alle, ist das nicht leicht zu beantworten, so viel passiert in jedem Menschen, und das meine ich nicht nur biologisch. ☺ Doch ich denke, es ist in etwa so: Ich bin ein leidenschaftlich ironischer, zurückgezogener Mensch, (nicht immer nur) im Verborgenen kindlich begeistert, aber auch so manches Mal entgeistert, von der Welt, überschwänglich in schönen Stunden, sichtbar oft nur für meine engsten Vertrauten. Nahe am Wasser gebaut, aber nicht nur, weil hinter unserem Haus ein Bach und dahinter ein Fluss fließen, sondern auch wegen des Mitgefühls, das ich an mir liebe, das mir aber auch weh tut. Und im Gegensatz zum Igel im Laubhaufen, überwintert es nicht nur in meinem schriftstellerischen Blätterwald. Es hat das ganze Jahr Saison und es treibt mich an, zeigt mir jeden Tag, jede Nacht, dass ich schreiben muss, wenn ich etwas ändern will. Dass ich schreiben darf, leben darf, in Frieden. Und das ist ein unsagbar großes Geschenk.


Beherrschen Wortspiele und Querdenken auch Ihren Alltag?

Wenn man idiomatische Redewendungen hernimmt – und wortwörtlich – entstehen schiefe, unterhaltsame Bilder, das macht den Alltag schon ab und zu einfacher, für den Moment. Ich liebe es aber ebenso deswegen schräg, gehe selten den geraden Weg, weil man auf Umwegen einfach mehr sieht. Hinzuschauen, den Ernst hinter dem Spaß und den Spaß hinter dem Ernst genau anzuschauen, bereichert ein Menschenleben. Wenn man querdenkt, passiert man unmittelbar auch alle Eventualitäten und wägt sie ab. Man sieht die, denen man helfen will. Man ist traurig, rafft sich aber bald auf und weiß, was zu tun ist. Eine Hand reichen, Gehör schenken, Worte widmen. Und all das, wofür schreiben nicht genug ist. Aber es ist ein Anfang. Ein Umweg vielleicht, aber trotzdem noch ein Weg. Für mich der richtige. Denn wenn wir NEBEL im Spiegel lesen, können wir darin auch das LEBEN erkennen.


Nehmen Sie das Leben von der spielerischen Seite?

Meistens nehme ich das Leben ernst, ernst für meine intensiv und ungewöhnlich eingefärbte, ja farbwechselnde, Gefühlswelt, an der auch Expressionisten schwer zu malen gehabt hätten. Die muss man erst einmal in Bilder übersetzen können … Aber ich versuche, die farbenfrohe Finsternis in mir das Wortspiel des Lebens gegen mein inneres Kind nicht gewinnen zu lassen. Innere Kinder weinen nicht nach außen hin … Aber sie brauchen Trost in dieser Welt. Meine Angst, doch vor allem mein Wunsch, mit meinem Schreiben Empathie zu fördern, zu positiven Einfühlungsvermögensverhältnissen zu gelangen, liegen darin begründet. Mehr oder minder milder Aktivismus und Aktionismus stehen in und zwischen den Zeilen. Schwarzer Humor hilft mir, wenn ich nicht weiter weiß, wenn mir wahre Worte, die ich schreibe, zu sehr wehtun. Ich filtere sie dann durch ein dunkleres Wortspiel, damit ich weniger weinen muss. Aber das ist eine Notfallmaßnahme. Wir müssen in der Wahrheit leben. Was bringt es da, sie stets in Euphemismen zu tunken?
Wer mich aber schon in Farbe und mit Ton erlebt hat, weiß, dass ich auch oft und gerne lache und witzle, Hauptelement von Miriams Audiokommentar. Meine Kopfkinovorstellungen kommen immer im Director’s Cut. Jeder ist haupteditierend in seinem Text. Meine Liebe zur Satire, zur Ironie, die helfen mir dabei sehr. Und gegen Lachkrämpfe braucht man keine Medikamente.

Was interessiert Sie an Literatur?
Ganz klar: als Schriftstellerin Schrift und die Welt in Frage stellen zu können. Das tue ich mit Leidenschaft. Ich bemühe mich, auch wenn es meinem Nachtschlaf abträglich ist, die Krisenherde dieser Welt nicht zu scheuen und ins Feuer zu schauen, bis meine Augen brennen. Wenn man im Schreiben in den Schuhen anderer zu gehen versucht, läuft man nicht Gefahr, auf großem Fuß zu leben. Es waren immer schon die literarischen Werke, die nach oben, unten, nach allen Seiten geschaut haben, auf jene am Rande, ohne jemals irgendjemanden oder irgendetwas von oben herab zu betrachten, die mich bewegt haben. Auch die im wahrsten Sinne des Wortes bewegten und zugleich emotional bewegenden Bilder der Sprache faszinieren mich, vor meinem inneren Auge sehe ich Filme, wenn ich schreibe, alles kommt zu mir in traum- und albtraumhafter Klarheit. Manchmal brauche ich das Wort, um die Bilder zu verkleiden, damit sie weniger erschrecken. Oder ich nehme mir Worte, um verborgenen Zauber sichtbar zu machen.

Warum wählt man die Kunstform Literatur oder wird man von der Literatur erwählt?
Literatur ist ein Teil des Menschen, der ich heute bin, war immer da in meinem Werden. Wenn ich schreibe, denke ich in Bildern, wenn ich male und zeichne, denke ich in Geschichten, mir fallen Gedichtzeilen und Melodien ein, die ich dann wiederum aufschreibe. Vielleicht hat eine kleine Literatur, eine von vielen wunderbaren da draußen, meine anderen Förmchen des kreativen Ausdrucks irgendwann damals an der Hand, bunt von Fingerfarben, genommen und zu ihnen gesagt: „Kümmern wir uns um die Miriam. Sie traut sich nicht, sich als Künstlerin zu bezeichnen. Bleiben wir bei ihr, bis sie den Mut hat.“ Und bis heute sitzen sie mit mir am Schreibtisch (oder am Bett), über dem Zeichenblock, mit mir am verstimmten Klavier, mit mir am Tisch bei Löwenzahnsalat. Essen mit mir Spaghetti mit Tomatensoße mit dem ganzen Gesicht, machen Schneeengel auch im Matsch, sind meine inneren Kinder, die mich dazu anregen, zu tun, was mich für Momente zufrieden und glücklich macht, wann immer es irgendwie geht. Vielleicht mögen sie es mit und bei mir, weil sie mich kennen, so gut wie sonst nur meine Familie und meine engsten Freund*innen.

Ist der erste Satz am schwierigsten oder ist das Ende einer Geschichte die wahre Herausforderung beim Schreiben für Sie?
Titel und erste Sätze kommen zuerst, überfallen mich in manchmal ungünstigen Augenblicken, beim Haarewaschen, beim Zu-viele-heiße-Suppenteller-auf-einmal-zum-Tisch-tragen. Wenn die Scherben aufgekehrt sind, schreibe ich die Eingebungen dann auf. Wenn die Haare trocken sind, schreibe ich weiter. Der Film läuft in mir. Die größte Herausforderung ist es, ihn manchmal zu pausieren. Zu korrigieren und zu kürzen, bevor die Buchstabensuppe überkocht. Und zum Ende hin, da hadere ich ab und zu mit den Alternativen. Werden Menschen gesund, wenn es in der Wirklichkeit unmöglich wäre? Werden Kinder glücklich, wenn die menschliche (hier als Synonym für ‚unmenschliche‘ zu lesende) Wirklichkeit ihnen eigentlich keine Chance ließe? Werden Antiheld*innen und Tiere geliebt, selbst wenn die Realität ihnen schon alles genommen hätte? Sobald ich am Ende bin, zumindest im übertragenen Sinn, weiß ich genau, warum ich wieder schreibe. Für die Leute, für mich, für die ohne Stimme (Menschen und Tiere) für das Einfühlungsvermögen, das einige in den Keller gesperrt haben. Für die, die sich trauen, es zu befreien, und die viel mehr sind, als man glaubt … Und dann gäbe es in der Geschichte schon wieder einiges zu kürzen. Aber ich mache es nicht. Kein Kürzen beim Träumen.


Was planen Sie literarisch für 2016?

Für dieses Jahr wünsche ich mir, gesund die beiden begonnenen Manuskripte für mein zweites und drittes Buch fertigzustellen. Es wird auch mehr Illustrationen geben. Mein Lyrik-Zyklus UNSCHÄRFE ERKENNT NUR DAS SCHÖNSTE darf – Memo von mir(iam) an mich! – auch gerne vollendet werden, da ich für den Herbst dessen Vertonung plane. Also wird das Literaturjahr für mich bestimmt sein von vielen Kürzungsversuchen und letztlich etwas zu langen Wortschöpfungen auf den endgültigen Seiten. ☺


Kurzbiografie: Miriam H. Auer

Geboren 1983 in Friesach, Studium der Anglistik und Germanistik, Dissertation „Poetry in Motion and Emotion“ und Doktoratsstudium als Dr.in phil. 2015 abgeschlossen. Lehrt seit 2014 am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.
Auer schreibt Lyrik, sprachspielerische Prosa, Lesedramen/kurze Theaterstücke und Songtexte. Kürzere Texte sind in verschiedenen Literatur- und Kulturzeitschriften (u. a. Die Brücke, Fidibus, die Anstalten) erschienen, die »Umnachtungsnovelle« Hinter der Zeit (2014) ist ihr Buchdebut.

Preise und Förderungen:
• 2013 Siegerin beim zweisprachigen Wettbewerb Kärnten wortwörtlich!/Koroška v besedi! der Stadtgemeinde Bleiburg/Pliberk mit der Kurzgeschichte Bäume ernten.
• 2014 zweiter Platz beim Preis des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes für neue Literatur.
• 2014/2015 zweimal Platz 5 bei Kärntner Lyrikpreis
• 2015 Platz 3 beim Jurybewerb des Wiener Werkstattpreises
• 2015 Förderungspreis für Literatur des Landes Kärnten

Porträt: http://pingeb.org/73-miriam-h-auer-hinter-der-zeit/

Bücher:
Hinter der Zeit. Umnachtungsnovelle. Klagenfurt: Edition Meerauge, Verlag Johannes Heyn, 2014. http://www.meerauge.at/autor_inn_en/miriam-h-auer

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

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