Von der Poetik des Mäanders – Laudatio zum Humbert-Fink-Preis 2016 an Engelbert Obernosterer von Katharina Herzmansky

„Eine charakteristische Linie in meinem Lebenslauf sehe ich darin, dass es mich, den Bauernbuben, kaum dass ich mich umschauen konnte, aus den Geleisen des Bäuerlichen gekippt hat. Ernstlich gewillt, das Beste aus dem minderen Ausgangsmaterial zu machen, strebte ich sogar den Priesterberuf an. Zu meiner eigenen Überraschung aber geriet ich so gründlich vom dorthin führenden Weg ab, dass ich mir den Hochwürden in die Haare schmieren konnte und mich mit einer kleinen Richtungsänderung ins pädagogische Metier hinein rettete. Leider habe ich auch als Pädagoge nie ganz begriffen, was eines Pädagogen ist. Immerzu ritt mich der Teufel: einmal links weg, einmal im gestreckten Galopp auf einen Abgrund zu, am öftesten aber hinaus ins unerkundete Gelände der Literatur.“

Schöner und treffender kann man Engelbert Obernosterers Lebensverlauf, der auch mit seinem literarischen Streben und Drängen, mit der Poetik seiner Texte in eins fällt, nicht darstellen. Die Stelle stammt aus der bislang jüngsten Publikation des Autors, aus dem im Vorjahr erschienenen Buch Der Kampf mit dem Engel.

Es ist keine so leichte Aufgabe, über jemanden zu sprechen, der selbst wenige Worte braucht, um viel zu sagen. Und es ist ein sinnwidriges Unterfangen, das Werk eines Autors zu schematisieren und zu systematisieren, dem es gerade darum geht, das Gesehene, Erschaute, Erlebte, das Geschriebene eben nicht in ein regulierendes Korsett oder Raster zu zwängen, sondern die Dinge sich frei entwickeln zu lassen. Engelbert Obernosterer weiter im Kampf mit dem Engel:

„Nun, da ich mich ihr [der Literatur] in aller Ruhe widmen kann, ergeht es mir beim Versuch, etwas geradlinig zu erzählen, ähnlich: Was in mir vorgeht, drängt mich vom geplanten Verlauf ab, hinaus gegen das Formlose, so dass, was ich erzählen wollte, ein von den Mächten des Zufalls bestimmtes Mäandern wird, das an den Verlauf des das Tal durchziehenden Flusses erinnert, bevor er reguliert worden ist.“

Daran möchte ich denken, geschätzte Damen und Herren, lieber Engelbert, wenn ich im Folgenden versuche, meinen Gedanken über Engelbert Obernosterer und seine literarische Welt möglichst freien Lauf zu lassen und dabei doch auf meiner Ansicht nach Wesentliches seiner Textwelt zu sprechen zu kommen.

Standort

Charakteristisch für viele der Werke Engelbert Obernosterers ist eine Bestimmung des eigenen Standorts, der Position des Erzähler-Ichs und der sich daraus ergebenden Perspektive. Das ist oft ein Blick aus dem Fenster, auf das Nachbarhaus oder die Einfahrt zum Nachbarhaus beispielsweise, auf einen Berghang, auf den Schreib- oder Küchentisch und das ist immer wieder auch ein Blick in den Spiegel.

Es handelt sich dabei zuallererst um ein Sich-in-Beziehung-Setzten zur Welt, zu einem Gegenüber, um ein Verorten der eigenen Person aus einem Zustand der Unsicherheit bzw. des Undefinierten, Diffusen auch Formlosen heraus, etwa wie aus dem Schlaf, wenn das Auge sich erst einstellen und die Dinge fokussieren muss, wenn sich sowohl der eigene Mensch erst wieder zusammensetzen und Gestalt annehmen als auch die oft noch als schummrig oder flimmernd erscheinende Umwelt wieder in eine Form bringen muss.

Es sind wunderbare Textstellen, die Engelbert Obernoster in diesem Zusammenhang geschaffen hat, und es wäre vergnüglich und lohnenswert, sie einmal nacheinander aufzufädeln und zu lesen: wie noch nicht geputzte Brillen den Erzähler „mit den Vorgängen einer ländlichen Ortschaft verschmieren“, wie es in Grün heißt, wie eine „Herde von Häusern“ in „einem flimmernden Grau verschummert“ und zuletzt „mitsamt seinen Eigenbrötlern und Wichtigtuereien im blauen Dunst aufgeht“ (Das grüne Brett vor meinem Kopf), wie die „Lichtkeile“ eines Berghang sich im Auge des Betrachters „zu einem Bild beruhigen“ (Ortsbestimmung) oder wie, zuletzt in Der Kampf mit dem Engel, die Verrichtungen einer Frühstückszeremonie eine Rekonstruktion und Vergewisserung der eigenen Person, letztlich einen Begriff vom neuen Tag und vom Dasein bedeuten.

Was da – wie überhaupt alles bei Engelbert Obernosterer – scheinbar so beiläufig daherkommt, so alltäglich wie der morgendliche Kaffee und die Zeitung, ist im Grunde immer auch aufs höchste philosophisch. Nichts weniger als Fragen der Beziehung zwischen Ich und Welt, von Wahrnehmbarkeit und Mitteilbarkeit der Wirklichkeit, Ordnung und Unordnung, Form und ihrer Auflösung, letztlich auch nichts weniger als der Vorgang des Schöpferischen, des Form-Gebens durch die Sprache, aber auch der Vorgang des Deformiert-Werdens, der verletzenden und verstümmelnden Schubladisierung der Dinge durch das Benennen und die Begriffe, wird hier auf äußerst sympathische, nonchalante und ironisch-witzige Form verhandelt. – Wobei bei Obernosterer nicht klar auszumachen ist, ob am Anfang das Wort oder das Bild steht; vieles spricht für einen visuellen Zugang, für das Bild, das zur Sprache wird, einiges aber auch für das Wort, das aus einer diffusen Ursuppe heraus erst Bilder formen kann. Letztlich bleibt die Frage nach der Kommunizierbarkeit der Welt und ihrer Erscheinungen bei Engelbert Obernosterer in einer eigentümlichen Schwebe.

So wie sich Wort und Bild die Waage halten, bleiben Nähe und Distanz, Anziehung und Abstoßung in einer nicht aufzulösenden schwebenden Beziehung. In seiner allerersten Buchveröffentlichung, Ortsbestimmung aus dem Jahr 1975, in der Autor die Verortung, die Bestimmung des Verhältnisses von Erzähler und seinem Erzählgegenstand zum übergeordneten Thema macht, heißt es:

„Es ist einmal ein Dorf. Etwas abseits von Ort und Zeit liegt es in der Ebene, die ich mein Niveau nennen möchte. Etwas ragt darüber hinaus. Der Kirchturm ists, wenn ich genauer hinsehe. Wegwärts ragt er, um mit seiner Spitze doch wieder auf mich herüber zu deuten.“

Der klassische Obernosterer ist von Anfang an da; erlauben Sie mir hier ein paar Abschweifungen, ein paar Abstecher ins Textgelände. Am Beginn steht die Verfremdung eines Märchenanfangs: „Es war einmal ein Dorf.“ Das zentrale Sujet wird ausgestellt. Dem Raum-Zeit-Gefüge gleichermaßen enthoben, begibt sich ein Ich-Erzähler mit ihm auf ein Erzählniveau. Fast wie ein Maler oder ein Fotograf, der seine Staffelei bzw. sein Stativ aufstellt, nähert er sich an. Augenfällig ist denn auch die bildnerische, die grafisch-geometrische Herangehensweise. Mit wenigen Strichen wird auf eine Horizontale eine Vertikale, auf die Ebene ein Kirchturm gesetzt, werden verschiedene Punkte bezeichnet, die zu einem mehrdimensionalen Bezugsraum verbunden werden können. In dem von ihm errichteten Liniennetz bleibt der Erzähler mit einbezogen, manchmal auch verfangen, so sehr er auch versucht, Distanz zu halten. Wir haben es gehört, der Kirchturm ragt wegwärts und weist doch auf ihn zurück. Und weiter in der Ortsbestimmung:

„Von Spannungen verbogen und unruhig zeigt sich das Gelände, bis die ersten Worte gesetzt werden. Die Furchen auf den Äckern graben sich in meine Stirne, während ich über die selbstverständlichen Verrichtungen der Pflüger nachdenke. Ich bin mit meiner gefurchten Stirne ziemlich allein. Über das Pflügen an sich läßt sichs nicht nachdenken. Man kann allenfalls eine Zeitlang hinter einem Pfluge hertrotten, um schließlich doch gewahren zu müssen, daß man sich vom ersten der gesehenen Pflüge, dem einzig wahren Pflug, mit jedem Schritt weiter entfernt hat und jetzt auf einem fremden Acker steht.“

Augenfällig ist auch die Semiotisierung der Umgebung, der Zeichencharakter, den der Autor den Dingen verleiht. Die Oberfläche verweist auf Inneres verwiesen, die Struktur der Landschaft auf die Struktur des Gemüts. In einer kargen Welt, wo für Gefühle wenige bis keine Worte vorhanden sind, lässt Engelbert Obernosterer seit jeher die Dinge sprechen. Die Sprache als Mittel der Kommunikation ist in diesem Falle das, was den Erzähler von den anderen, was den Gedankenpflüger von den Pflügern der Äcker, trennt.

Das Gefühl, auf einem fremden Acker zu stehen, wird Engelbert Obernosterer nie verlassen. Es wird die Position eines außenstehenden Beobachters und damit auch den kritischen, scharfen und satirischen Blick, insbesondere auch auf die Schwächen und Missstände seiner Umgebung, ermöglichen. Es wird aber auch einen melancholischen Ton in sein vordergründig heiter-satirisches Erzählen bringen, spürbar als eine Verhaltenheit, als ein Zurücknehmen der eigenen Person, eigentlich die gesamte Schreibbiografie hindurch. In Mythos Lesachtal, 2005 und also 30 Jahre nach der Ortsbestimmung erschienen, ist zu lesen:

„Ein sehr beredter Berghang eigentlich, in den sich der Hof meiner Eltern eingenistet hat. Jedes Mal wenn ich ins Tal fahre, winkt er mir schon von weitem zu mit seinen Ackerstreifen und Wiesenfahnen. Ich möge mir für ihn Zeit nehmen, er hätte mir viel zu sagen, gestikuliert er mir aufgeregt entgegen. Aber wie viele Leute aus dem Tal, die etwas auf dem Herzen haben, letztlich nur steife Schultern bekommen und nichts herausbringen, bleibt auch das Gelände meiner Kindheit steif vor Sprachlosigkeit.“

Diesem Gefühl von der Distanz und Unerreichbarkeit verdanken wir letztlich die unaufhörliche Suche, die unablässige Annäherung an den Hang der Kindheit und damit das Schreiben, verdanken wir die Literatur des Engelbert Obernosterer, verdanken wir eine Darstellung eines Tales und seiner Menschen, die genau, liebevoll und kritisch zugleich ist, verdanken wir die schönsten, wahrhaftigsten, weil ungeschönten sprachlichen Bilder, die es über diese Welt gibt, über das Mähen beispielsweise, über die ländliche Arbeit, über das Kindsein am Land, über die Alten, über die Zeremonien, über Weltlichkeit und Geistlichkeit, über die Magie der früheren Zeit und über das Verlorengehen des Magischen, über die inneren und äußeren Veränderungen durch den Tourismus, durch den sogenannten Fortschritt, über das Häuselbauen, über das Eheleben, über den Schulbetrieb, den Literaturbetrieb, über das Wetter und seinen Einfluss auf die Menschen, über ihre Kleidung, über alles – nichts ist diesem Blick zu wenig, zu minder.

Es sind Weltenstücke des Alltäglichen, die diese Literatur ausmachen. Und damit kommen wir zur charakteristischen Erzählform des Engelbert Obernosterer, der Prosa-Miniatur. Die Fähigkeit, in reduzierten sprachlichen Bildern ganze Welten zu fassen, in Erzählkernen ganze Geschichten anzulegen, nicht im Gedicht, sondern in der Prosa wohlgemerkt, ist einzigartig in der österreichischen Gegenwartsliteratur, soweit ich sie überblicke. Engelbert Obernosterer entwickelt sie von Anfang an, bedingt, wie ausgeführt, durch den genauen Blick aufs Nahe- und Nächstliegende, bedingt durch das Ausschnitthafte dieses Blicks. Und er treibt diese Form auf die Spitze, treibt die Miniaturen in Richtung Auflösung. Dass alles Welt ist, nicht nur die Weite, das hat kein anderer so eindrücklich klar gemacht, und dass der Mythos im Alltäglichen und im Erzählen darüber begründet liegt, wohl außer Engelbert Obernosterer nur noch Roland Barthes.

Dynamik

Neben der Welthaltigkeit im Kleinen fasziniert eine weitere Eigenschaft der Texte Engelbert Obernosterers, die man ebenfalls gar nicht so leicht zu fassen kriegt. Es ist eine den Texten innewohnende Dynamik, eine dem Schreiben eigene Bewegung, ein Drängen, das immer auch über den Text bzw. die jeweilige Textstelle hinausweist. Wenn wir uns die eingangs zitierte Stelle, den komprimierten Lebenslauf, in Erinnerung rufen, und damit zum Anfang zurückkehren, so ist das pure erzählte Bewegung. Von Linien und Verläufen ist die Rede, von vorgegebenen Geleisen und Bahnen und von einem, der daraus kippt, vom Weg abkommt, und zwar weil ihn, wie er schreibt, der Teufel reitet oder Mächte des Zufalls bestimmen, der entweder weit über das Ziel hinausschießt oder kurz davor das Ruder herumreißt, auf einen Abgrund zusteuert oder ins offene, unerkundete Gelände (der Literatur) hinaus.

In so gut wie allen Texten Engelbert Obernosterers haben wir es mit einem Autor bzw. einem Erzähler zu tun, der, nachdem er sich einmal kurz verortet hat, auch schon wieder unterwegs ist, physisch und in Gedanken auf Erkundung, im umliegenden Gelände, und diese Bewegung auch zum Thema macht. Wenn man sich die umfriedeten Weltenstücke des Engelbert Obernosterer genauer ansieht, so sind sie auch nie geschlossen, meist führt ein Weg, eine Straße hinaus, aus der Einfahrt, vom Feld weg, aus dem Dorf, aus dem Tal hinaus. Auch das wäre eine wunderschöne Miniaturen-Kette, die Stellen über Fahrten ins oder aus dem Lesachtal hinaus aneinanderreiht! Zudem handelt es sich bei dem Textgelände Engelbert Obernosterers stets um zumindest doppelbödiges Terrain, und es scheint, als sei darin eine Art innere Tektonik wirksam, die den, der dieses Terrain betritt, wenn schon nicht aus der Bahn wirft, so zumindest kurz stolpern oder innehalten lässt. „Meinem Wesen entspricht eher das Zweirad“, so Engelbert Obernosterer in Das grüne Brett vor meinem Kopf. „Was mehr als zwei Räder hat, scheint mir auch, was mehr als zwei Beine hat, zu sehr dem Boden verhaftet. Am Zweirad fasziniert mich, dass es den Boden lediglich an zwei Punkten berührt, zwei möglichst kleinen Punkten, und das nur, um sich davon abzustoßen.“

Die dynamische Erzählperspektive, die mit Leichtigkeit, manchmal auch mit einer gewissen Holprigkeit, mit Heiterkeit und Witz einhergeht, bedingt nicht zuletzt auch eine filmische Komponente und ist kennzeichnend für den „Zeilenwanderer“, den „Flurwärter“ Engelbert Obernosterer, wie er sich bzw. sein Erzähler-Ich auch selbst bezeichnet hat. In dieser Dynamik kommt eine Widerständigkeit zum Ausdruck, ein ständiges sich Abstoßen, Sich-nicht-festmachen und festnageln-Lassen. Daher kommen auch die geistigen Bocksprünge, daher kommt auch das Bild vom Leben wie vom Erzählen als einem Fluss, und zwar der wilden, alten Gail vor ihrer Regulierung.

Lieber Engelbert, ich mach hier Schluss; bleib du in Bewegung, unterwegs, widerständig, drahtig, teilnahmsvoll, das wünsch ich dir und das wünsch ich uns: noch viele Gedanken, Geistelblitze, noch viele, viele Zeilen – herzliche Gratulation zum Humbert-Fink-Literaturpreis!

© Katharina Herzmansky

Ich danke Mag. Katharina Herzmansky für die Erlaubnis ihre Laudatio als Gastbeitrag in meinem Blog veröffentlichen zu dürfen.

Foto (c) Gabriele Russwurm-Biro

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