Lob auf Antonio Fian – Laudatio zur Verleihung des Würdigungspreises Literatur des Landes Kärnten 2016 von Elmar Lenhart

„Es freut mich mit Antonio Fian einen Autor ausgezeichnet zu sehen, der sowohl ein vielseitiges Werk vorzuweisen hat, wie auch einen unverkennbaren Stil, der in sehr verschiedenen Gattungen und Genres zur Anwendung kommt. Hier ist ein Versuch einer sehr kurzen Charakterisierung seines Oeuvres:

Seine Literatur ist geprägt von der Lust am Wort- und Sprachspiel, von der Variation des Tons und der Sprechweisen. Seine Literatur ist außerdem extrovertiert, wendet sich direkt an den Lesenden und enthält auch in der Prosa immer eine Spur von einem dialogischen Prinzip, das Kontakt hält mit den Lesenden und deren Lebenswelt.
Die häufigsten Themen sind denn auch Reaktionen auf aktuelle Geschehnisse, das Soziale und das Politische, eine Art von Auseinandersetzung, die nicht im Elfenbeinturm stattfindet und die – das finde ich bei den gegenwärtigen Trends bemerkenswert, – nicht den Autor selbst und seine Befindlichkeit zum vorzüglichen Thema seiner Literatur macht, sondern den Blick nach außen richtet und der Bewertung einer eigenen Wahrnehmung vertraut. Und deshalb mag für Antonio Fian das gelten, was Benjamin über Kraus geschrieben hat: „der Gegenstand wuchs ihm unter den Händen“. Die Assoziation kommt, denke ich, nicht von ungefähr, denn vieles aus Fians Werk steht in der Österreichischen, Krausschen Tradition der Ironie.
Antonio Fian kennt man als Autor, der schon einmal als streitbar und doch auch als still bezeichnet wurde, als einen, dessen Kritik nuanciert, meist in Literatur und Metapher verpackt daherkommt, der Stellung bezieht, ohne zu polemisieren und lieber Umwege geht als unzulässig zu vereinfachen.
Vor allem ist er ein Meister der kurzen Formen, die in wenigen Sätzen viel sagen. In den Erzählungen sind mitunter kafkaeske Angst und Horror-Szenarien verhandelt, Einsamkeit und Entsetzen. Der Blick für das Wesentliche ist dabei ein hilfreiches Scharnier um vertraute Wunschvorstellungen auszuhebeln. Zu meinen Lieblingserzählbänden gehört deshalb der Band Einöde. Draußen, Tag.
Seine Gedichte sind mir ebenso lieb. Sie behandeln deutlicher als die anderen Texte die Bereiche des Privaten. Und auch hier trifft man auf Formenreichtum. Vom Sonett bis zum Laut- und dem graphischen Gedicht reicht das Repertoire. Im Gegensatz dazu stehen die Hörspiele, insbesondere die, die er zusammen mit Werner Kofler verfasst hat, im Zeichen des lauten Zynismus. Es dominiert das Sprachspiel, das Autoreferentielle, das „bis zur Kenntlichkeit verzerren“. Verbrechen, Psychiatrie und Rassismus sind hier die großen Themen die in ihrem metadiskursiven Rahmen keine Fluchtmöglichkeit in falsche Verklärung gewähren.

In seinen Aufsätzen beweist Fian einen besonderen Blick für Phänomene, die von der Literaturkritik bisweilen übersehen werden. Er bringt uns zu Bewusstsein, welche Rolle der Schriftsteller im Diskurs ausübt und fügt sich gleichzeitig in diese Rolle ein. Es gibt ein Sehen nach dem Blick betitelt sich ein Aufsatzband und an dieser Maxime scheinen mir die Texte gemessen zu sein. Bezeichnenderweise ist der titelgebende Aufsatz selbst eine Überschreitung der Gattungsgrenzen, er spaziert leichtfüßig ins dramatisch-visuelle. Das ist oft zu beobachten und herausragendes Kennzeichen von Fians Literatur insbesondere der Gattung, der er zu besonderer Popularität verholfen hat.
Mit der Erfindung des Dramoletts ist ihm etwas Besonderes gelungen. Hier wandelt man zwischen den Kunstformen und fühlt sich doch nicht fremd. Das Dramolett scheint eine Brücke zu bauen zwischen dem Theater und der bildenden Kunst mit den Mitteln der Literatur. Wenn ich das kurz erklären dürfte: Auftritt und Dialog erwecken eine dynamische Erzählsituation, die sich in einem weiteren Schritt in ein Still, ein Bild verwandelt. Mit Ausnahme von Wolfgang Bauer, dessen Mikrodramen mit den Dramoletten zwar nicht vergleichbar sind aber eben doch auch zu den Minidramen gezählt werden, hat es meines Wissens niemand im deutschsprachigen Raum unternommen diese kurze Form so weit auszuarbeiten, dass sie all diese Möglichkeiten entwickelt. Lassen Sie mich als Beispiel nur eine Serie herausgreifen, die das illustriert:
Wenn die beiden in die Jahre gekommenen Nachwuchsvolleyballer, der kunstsinnige namenlose Sportler und sein Freund Imme an den Ufern des Wörtersees stehen, noch dazu am Steg des Strandbads zur Unzeit, so scheint ihr Dialog in ein Bild gegossen, das von Caspar David Friedrich stammen könnte. Man könnte den Titel „zwei Männer in Betrachtung des Wörtersees“ wählen. Wir stehen als Lesende gemeinsam mit diesen beiden ein wenig tragischen Figuren vor diesem Panorama. Das Wort „valossen“ bleibt unhörbar und steht auch nicht geschrieben. Fians Verdienst ist es hier allen Nicht-Kärntnern wie mir mit diesen Texten ein Fenster zum Mysterium der Kärntner Melancholie zu öffnen: Das Zaudern, das im Widerspruch zum Sportland steht, das Panoramatische, das vor der kleinen Tragikomödie verschwimmt, die Assoziation mit dem großen, wortreichen Immanuel und die minimalsprachliche Geste seines Kärntner Namensträgers.
Mir scheint, dass Fian in der Art wie er diese Form der Komik erzeugt dem amerikanischen Cartoonisten Gary Larson nahesteht, handelt es sich doch um eine Komik, die oft von der Setzung eines einzigen Details abhängt, davon, dass, wie im erwähnten Beispiel innerhalb einer großen Szene, die aneinander reibenden Gegensätze nur diskret angedeutet werden dürfen um Wirkung zu entfalten. Das ist eine große Kunst, wenn sie gelingt.
Wir erleben in Antonio Fians Werk die Entfaltung der Satire und des literarischen Zynismus, von dem Albert Drach bekanntlich gesagt hat, dass er ein Anwendungsfall der Ironie sei. Mit diesen Mitteln ist die Aufmerksamkeit auf das Alltägliche und das darin einbrechende Politische gerichtet, der Blick auf das Wesentliche im gesellschaftlichen und politischen Handeln. Auch wenn das dem Autor vielleicht jetzt nicht gefallen wird: Ich empfinde Antonio Fians Texte als Kommentar zur Wirklichkeit und Unterstützung bei der Wahrnehmung derselben. Er tut damit das, was von Schriftstellern oft geradezu gefordert wird und er macht es gut. Vielen Dank und herzliche Gratulation zu diesem Preis.“

© Mag. Dr. Elmar Lenhart, Kärntner Literaturarchiv am 15. Dezember 2016 in Ossiach zur Preisverleihung.

Ich danke den Autor für die Erlaubnis die Laudatio als Gastbeitrag veröffentlichen zu dürfen.

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

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