Laibachandacht

Gastbeitrag von Del Vede

War er einfühlsam wie ein Dichter, der France Prešeren, wenn er als SODNIK, Richter, in Klagenfurt SLOWENISCH Gericht gehalten hat? Mein Vortrag auf den Stufen seines Denkmals war der barbusigen Muse des Nationaldichters gewidmet, und allen Maiandachten in den Dorfkirchen, die nicht mehr durchgeführt werden.

Allen Dorfkirchen, in denen es die slowenischen Andachten nie mehr geben wird.

Die Bäuerinnen vergessen ihre Gliederschmerzen oder die VARTA überall im Leib, die vom Übermaß der Arbeit hervorgerufen wird, und nehmen sich ein Stündchen frei. Sie beten SLOWENISCH ihre Himmelskönigin an, singen SLOWENISCHE Marienlieder und bleiben unter sich. Ein Pfarrer nimmt nicht teil. Wir Buben sind dabei und können in betender Haltung ausgiebig die DEčVE betrachten, die Mädchen, die uns nicht aus dem Sinn wollen. Etwas anzufangen wissen wir mit ihnen nicht. Bald werden wir im scheuen Einverständnis mit ihnen auf den Wiesen lagern und Entdeckungen anstreben. 

Zu Hause behaupten wir, zur šMARNICA; Maiandacht zu gehen, die DEčVE auch, anstatt zu beten und zu singen.

La i b a c h a n d a c h t 

Je angel Gospodov oznanil Mariji
in ona spocela od Svetega Duha.
“ česčena si, Marija“, je angelski glas;
bo zadnja ura bila, Marija prid‘ po nas.

Heute sind ihm wieder himmlische Schmerzen verordnet worden. „Wer sie erträgt, lebt“, sagt sich der OBLAK, die Wolke. „Ich war ein guter Arzt und guter Mensch. Doch jetzt ist Nacht.“ Er verrichtet seinen Dienst ganz oben. Mit seiner Abteilung hat er die Gewitterwolken zu lenken, die LERMA.
In den Grenzbergen DOLINE KRKE, des Gurktales, machen er sich über den Weiler Ingolsthal her, Dienst ist Dienst. Er jagt die alten Leute in die Häuser. Und er vertreibt den alten Kerschbaumer, der seine Hühner ein letztes Mal mit TUGLEE TUGLEE lockt und füttert. Das EE ist beinahe ein II oder umgekehrt. Siegfried Kerschbaumer blickt nicht mehr hinauf in das schwarze Gebräu. Er schwingt sich auf sein Fahrrad, das ihn auf der Erde hält und verlässt seinen Hof. Den OBLAK im Rücken und neben der linken Lenkstange vom Berg herunter fauchend, strampelt er unter der Wachtburg talab. Die stets so genannte Straßburg ist keine Straßenburg. Sie leitet sich seit eintausend Jahren von der STRAZA ab, der Wacht. Als sie errichtet wurde, riefen die Gurktaler schon vierhundert Jahre lang TUGLEE TUGLEE, do schau, do schau!

Und so rufen sie auch heute. Mit ihren Hühnern sprechen die Gurktaler SLOWENISCH. Vorher noch mit dem Vieh im Stall und auf der Weide, čOLA čOLA (sprich „tsch“, Bedeutung: Kühlein, Kalble). Davor auch miteinander in den Dörfern. Dem Radreisenden Siegfried Kerschbaumer ist zu verdanken, dass die Hühner überall in Kärnten wieder SLOWENISCH hören und Flügel schlagend herbeieilen.
Sie verstehen noch.
Er kann nicht glauben, dass die das Gurktalerische verstehen. Und dass der Hühnerlockruf SLOWENISCH erklärbar ist.

In Klagenfurt treibt die OBLAK-Abteilung den VIKTOR SPENDAL durch die Stadt. Er ist slowenisch aufgewachsen in seiner Stadt und nie begegnet er einem vertrauten Wort. Er spricht mit den Bäumen und säubert die Pflanzstreifen unter den Baumkronen und Büschen. Sie kommen ihm dankbar vor, obwohl sie nicht sprechen, nur ächzen, rascheln und manchmal säuseln in der Nacht. POJDI, POJDI, KOMM, KOMM! Wohin, wohin mit den Wörtern, die immer noch gesprochen werden wollen? Seit er die über 300 Lehnwörter kennt, die das SLOWENISCHE dem Alltag der Deutschsprechenden überlassen hat, erträgt er die Schmerzen manchmal lächelnd.
Die LERMA des OBLAK braust über PODJUNA, das Jauntal, und verspricht eine HUDA URA, Böse Stunde, zu werden. MARIJA, die MIčE MIC, legt ihre Schurze ab und säubert die Hände am Brunnen. In ihrem Hof sah sie als Kind im Krieg den Kämpfern beim Aufspielen mit dem Akkordeon, Singen und Tanzen zu. Im nahen GLOBASNICA eilten sie von der PECA, der TOPICA und aus den OJSTRABUNKERN herbei.

DANES PA MI URADUJEMO. Heute ist aber unser Amtstag.
Die MICE MIC eilt in die Dorfkirche von GOSELNA VAS und läutet gegen die HUDA URA, die böse Stunde, an. Im Dorf entzünden sie Gewitterkerzen auf den Tischen und beten. Die MIC zieht am Strang und sie rüttelt und stößt gegen ihn. Ein blechernes Fis steigt ruckelnd und jaulend vom Kirchturm auf und verbreitet sich in GOSELNA VAS. Es vertreibt die Böse Stunde. Und mit ihr den Schmerz.

Der MIC sitzt er in den geschwollenen Fingergelenken und im Rücken. Jetzt ist er fort. Der OBLAK kennt das alles. Er macht sich mit den Seinen auf, das schwarze Gewölk an der SUHA, dem Trockenbach entlang nach KRašNA VAS zu treiben. Das ist Kristendorf unter der ROZALIJA, dem Rosalien- oder Hemmaberg. Christendorf schreibt man nicht. Diese korrekte Schreibweise würde zu sehr an die ALTSLOWENEN erinnern, die das Römerkastell eroberten. Den unterlegenen Christen wiesen sie ihr eigenes Dorf zu. 
HEMO HEMO rufen die Hirtinnen und Hirten des OBLAK. Heim geht’s, heim geht’s!
In der Dämmerung rufen die KRAVE, die Kühe, nach dem Stall, pieseln die DECVE, Mädchen und die PUEBI, die Burschen, das Hirtenfeuer aus. Das Lager der KAZAZEN, des altkärntner Militärs, das immer „die Edlinger“ genannt wird, ist geräumt. Unter den Bäumen warten ihre Schatten auf ein Signal. Beim KRES, dem Sonnwendfeuer, bemächtigen sie sich der Dörfler. Sie springen mit ihnen übers Feuer, sie singen und jauchzen mit ihnen. Ihre struppigen Pferde stampfen und stoßen gegen die Wurzeln und schnauben. Die Kühe finden von selbst in ihre Ställe. Die Sprünge der barfüßigen Hirten gelingen jetzt besonders weit. Mit geschlossenen Augen dauern sie kleine Ewigkeiten.

Auch diese Gösselsdorfer und die anderen Dörfler rundum gibt es nicht mehr. Sie feiern an der LJUBLJANICA in der Nacht. Der Letzte von ihnen, der im Dorf SLOWENISCH sprach, reiste oft mit dem Rucksack weißbärtig und gebeugt und immer SLOWENISCH sprechend nach CELOVEC, Klagenfurt. Im Café Kristall in der Bahnhofstraße, das es auch nicht mehr gibt, durfte er außen seinen Kaffee einnehmen, niemals innen. Nachts lebte er auf. Er fütterte seine Tiere und sprach mit ihnen. Eines nachts spannte er sich wieder in den Garling, Ziehkarren, ein, um Futter zu schneiden. Ob er die žOVNCA, die PEHTRA oder einen anderen dieser Felsen am Fuß der SLIEMNA östlich des Dorfes PODJUNA benutzte, weiß man nicht. Nachts öffnen sich die Weg, wusste er, die unter dem Gebirge hindurch nach Hause führen. In seinem Gehöft unter der Kirche von GOSELNA VAS lag er einige Wochen lang. Als seine Gösselsdorfer Nachschau hielten, stand sein Mund offen wie ein Mauseloch, glich seine Haut dem Kalkstein seines Hauses und war von Nachttieren angeknabbert.

Es ist Nacht in LJUBLJANA und ein Dichterbus rollte winzig geworden und unerlaubt in den Mondschatten des France Prešeren – Denkmals auf dem Hauptplatz Sloweniens. Er ist bis auf den letzten Platz mit Nachttieren besetzt, auch mit Hirsch- und Borkenkäfern, Kakerlaken und Ohrenschliefern und Marienkäfern. Und mit Dichterinnen und Dichtern. Die LITERARNA KAVARNA, das Literaturcafé, das es nicht mehr gibt, öffnet seine Pforten und alle sind wieder da, die es nicht mehr gibt.

Der Kerschbaumer, der SPENDAL, die MIčE MARIJA MIC, der letzte Gösselsdorfer SLOWENE, sogar der OBLAK mit seinen Untergebenen. Und die Dichter. So lange sie schreiben oder vorlesen und einander zuhören, spüren sie keinen Schmerz. Je mehr Zuhörer und Leser sie finden, desto leichter wird ihnen ums Herz. Und ihnen gehört die Nacht.


 
Del Vede ist ein sprachgewaltiger, in beiden Landessprachen beheimateter Kärntner Literat, der als phantastischer Märchenerzähler in den letzten Jahren bekannt und sehr beliebt wurde. Von 1983 bis 1987 war Del Vede (als DEL Vedernjak) Regionaldelegierter der IG Autoren für Kärnten und veranstaltete in dieser Zeit jährlich das Literatur-Festival KÄRNTNER FRÜHLING. Dieser hatte sich aus einer literarischen Initiative einiger junger Kärntner Autoren heraus zu einer Veranstaltung entwickelt, die in der literarischen Öffentlichkeit auch außerhalb des Landes steigende Beachtung und Anerkennung fand.

Fotos © Gabi Russwurm-Biro

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