Kategorie: Interviews

Mit den Leuten ins Gespräch kommen

Die Schriftstellerin und Kärntner Lyrikpreisträgerin Monika Grill widmet sich seit Oktober 2017 einer neuen Passion – dem Radiomachen. Ihre Sendung “Sprache. Wurzeln. Sterne –Gespräche und Begegnungen“ ist auf RADIO AGORA 105,5 sowie livestream auf radioagora.at am ersten Sonntag des Monats um 18 Uhr zuhören.

Wie kommt man als Schriftstellerin dazu, eine Radiosendung zu produzieren und zu moderieren?

Im September 2017 postete Hemma Schliefnig auf Facebook eine Anfrage bezüglich einer Koproduzentin für ihre Sendung “Sprachwurzelgeschichten“. In diesem Format hatte sich die Unterkärntner Autorin und Landwirtin zwei Jahre lang mit der Zweisprachigkeit in Kärnten auseinandergesetzt und, wie sie sagte, Menschen eine Stunde lang zugehört, wie sie über ihre eigenen Erfahrungen mit diesem Thema plauderten. Nun stellte sie sich die Frage, ob sie die Sendereihe beenden oder sie mit jemandem als Koproduzenten fortsetzen wollte. Ich fand den Begriff Sprachwurzeln spannend und wie es meine Art ist, entwickelten sich in meinem Kopf sofort Assoziationsketten, die auf unendlich viele Möglichkeiten hinwiesen, mit diesem Thema umzugehen.
Hemma fand meinen Ansatz interessant und lud mich ein, die Sendung abwechselnd mit ihr zu gestalten. In der Folge produzierte ich zwei Sendungen im Rahmen der Sprachwurzelgeschichten. Ende 2017 stellte Hemma fest, dass sie alles gesagt hatte, was sie sagen wollte, und dass es für sie an der Zeit war, die bereits geführten Gespräche in Buchform unter die Menschen zu bringen. So beschloss ich, das Thema der Kommunikation weiter zu spinnen und im Rahmen meiner eigenen Sendereihe zu erweitern und zu vertiefen.

Schriftsteller und Autoren gelten als eher introvertiert. Wie war es für Sie, in diese neue Rolle zu schlüpfen?

Mit Leuten ins Gespräch zu kommen, sich über interessante Themen auszutauschen und nachzufragen, was im persönlichen Leben so alles passiert, ist grundsätzlich nichts Neues für mich. Meine Lebensgeschichte hat mich zu einem offenen, neugierigen Menschen gemacht, für den es selbstverständlich ist, über alles ehrlich zu sprechen. Aus meinem früheren Beruf bin ich es gewohnt, Vorträge zu halten und auf verschiedensten Ebenen zu kommunizieren. Viele Autoren schreiben, um sich auszudrücken, sich selbst kennen zu lernen und ihre Gedanken und Erfahrungen zu ordnen. Sie sind glücklich mit dem Blatt Papier, das vor ihnen liegt und dem sie alles mitteilen können. In meinen jungen Jahren teilte ich diese Ansicht. Jetzt aber geht es mir um den Austausch, der in Lesungen und Veranstaltungen stattfindet. Ich bin am glücklichsten, wenn das gesprochene Wort Raum einnimmt und ich sehen und spüren kann, was es in meinen Zuhörern bewirkt. So gesehen ist das Radiomachen einfach eine weitere Form dieser Begegnung auf menschlicher Ebene.

“Sprache. Wurzeln. Sterne“ ist eine sehr lyrische und weitgreifende Beschreibung für eine Radiosendung. Worum geht es Ihnen eigentlich?

Das Leitmotiv der Sendereihe sind Gespräche und Begegnungen mit Menschen, die sich aufgrund ihrer Interessen und Fähigkeiten mit diversen Kommunikationsformen beschäftigen (Kunst, Musik, Literatur, Architektur) oder die in einer besonderen Art der Kommunikation mit ihrem Umfeld, der Welt und dem Kosmos stehen. Einbezogen in das Thema Sprache sind unter anderem auch Tiere, Pflanzen, Landschaften, Städte.
Mein Ansatz ist es, dass sich in einem lockeren Austausch um ein Thema herum ein roter Faden entwickelt, der in unerwartete Bereiche führt und den Zuhörern neue Blickwinkeln öffnet. Wesentlich für mich ist eine entspannte Atmosphäre, in der sehr persönliche und tiefgreifende Fragen möglich sind.
Mein Wunsch ist es, dass sich die Zuhörer als Teil eines interessanten und ehrlichen Gespräches erleben, dessen Bogen sich vom Kleinen zum Großen, vom Regionalen zum Globalen, von der Vergangenheit in die Zukunft erstreckt. Das Ziel− Geist und Herz für das Andere und Unbekannte zu öffnen und dem Vertrauten auf eine neue Weise zu begegnen.
Auch das Ansprechen von schwierigen Thematiken und von Sachverhalten, die unser persönliches und soziales Leben prägen, gehört dazu.

In den USA sind Sie viele Jahre im Bereich der Alternativen Heilkunst tätig gewesen und haben diese Arbeit als Berufung erlebt. Ich nehme an, dass man die Tätigkeiten und Gedankenansätze eines halben Lebens nicht einfach beiseitelegen kann. Wie zeigt sich Ihre Vergangenheit in dem, was Sie jetzt tun?

In meiner Rolle als Heilpraktikerin und Hypnosetherapeutin ist es für mich in der Vergangenheit selbstverständlich gewesen, mit meinen Klienten das Wesentliche in deren Leben zu besprechen und freizulegen. In meiner Rolle als Schriftstellerin und Lyrikerin spinne ich jetzt diesen Faden weiter und erzähle Geschichten über das Menschsein in all seinen Facetten. Mit dieser Radioproduktion möchte ich diesen Ansatz weiter verfolgen.

Ihre erste Sendung “Mit Tieren sprechen“ wurde am 5. Jänner ausgestrahlt. Worum ging es?

Ich bin eine überzeugte Tierschützerin und stehe mit der natürlichen Welt in einer innigen Verbindung. Deshalb ist es für mich eine Herzenssache, den Menschen das Wesen der Tiere näher zu bringen und für ein besseres Zusammenleben zu plädieren.
Im Gespräch mit der Tierkommunikatorin Evelin Illitsch stelle ich unseren Umgang mit Tieren in Frage und möchte wissen, was Tiere brauchen und sich von uns wünschen. Erzählt wird unter anderem von kleinen Wundern und schmerzhaften Realitäten, von Respekt, einem würdigen Tod und der Sprache des Herzens.

Mit Tieren sprechen : https://cba.fro.at/357489

Sie haben über 30 Jahre in den USA gelebt, den Großteil davon in Kalifornien. Wie wirken sich ihre Erfahrungen auf die Gestaltung dieser Sendung aus?

Natürlich bin ich stark von meinem Leben in Kalifornien geprägt ist. In der Metropole Los Angeles zu leben bedeutet, allen Kulturen der Welt im täglichen Leben zu begegnen und die ethnische, spirituelle und sprachliche Vielfalt als selbstverständlich zu erleben. Dazu kommen die klimabedingte extrovertierte Lebensweise, die Freude am Experimentieren und der typisch amerikanische Pragmatismus. In der Folge neige ich zu einer weltoffenen Perspektive, die im Lokalen und Regionalen verankert ist. Mehrsprachigkeit, kulturelle Vielfalt und Offenheit für Neues sind für mich in diesem Zusammenhang selbstverständlich. Mich interessieren weitläufige Zusammenhänge, Verbindendes und Grenzüberschreitendes. Das Menschliche steht im Mittelpunkt, denn es erlaubt die Auseinandersetzung mit schwierigen Themen auf Augenhöhe und ohne Polemik. In meiner Sprache bin ich direkt und kenne keine Hemmschwellen oder Tabuthemen.

In Ihrer Biografie sprechen Sie von Ihrer Zusammenarbeit mit Musikern. Was ist Ihnen daran wichtig und wie wird diese Vorliebe in Ihre Sendung einfließen?

Ich bin mit Musik aus dem Radio aufgewachsen. Mein Vater war ein wunderbarer lyrischer Tenor, der im Singen auflebte. Wie meine beiden Schwestern spielte ich Klavier und erhielt über 8 Jahre Musikstunden am Konservatorium Klagenfurt. Die Liedermacher meiner Jugend haben in mir die Freude an der Poesie geweckt und mir die Musikalität der Sprache ans Herz gelegt. Musik und Stimme berühren auf tiefster Ebene und erzeugen eine Verbindung unabhängig vom Inhalt. Ich denke, dass aus diesem Grund das Lyrische eine große Rolle in meinem eigenen literarischen Schaffen spielt und sich auch in meinem Sprachmustern zeigt.
Ich habe auch festgestellt, dass Menschen eine Lesung viel mehr genießen, wenn sie von Musik umrahmt oder begleitet wird. Die musikalische „Pause“ ermöglicht es, Worte und Informationen zu „verdauen“ und einsinken zu lassen. Für meine Sendungen bemühe ich mich um musikalische Einlagen, die das Thema ergänzen und die Zuhörer berühren.

Eine Sendung, die der Welt des Klanges gewidmet ist, können sie hier nachhören.

Die Welt klingt https://cba.fro.at/357495

Sie nehmen auch immer wieder am Literaturfrühstück im Künstlerhaus Klagenfurt (in Kooperation mit dem Kärntner SchriftstellerInneverband, dessen Mitglied Sie auch sind) teil, für das Autoren und Autorinnen Texte verfassen, die von den ausgestellten Werken inspiriert sind. Was mögen Sie an der bildenden Kunst, und wie findet sich diese Vorliebe in ihrer Sendung wieder?

Bilder, Skulpturen, Installationen – sie machen Freude, überraschen und eröffnen gedanklich und emotionell neue Dimensionen. Ich mag Kunst die klug ist, mich überrascht und spielerische Komponenten zeigt. Auch Mut, gutes Handwerk und Menschlichkeit sind mir wichtig. Persönlich liebe ich Farbe und verweigere ein Leben in weißgestrichenen Räumen.
Ich bin ein Mensch, dessen Geist sehr wendig ist und der Assoziationen liebt. Wenn der Moment stimmt, lösen Worte oder visuelle Elemente in mir Gedankenkaskaden aus, die sich zu Bildern formieren. Und wenn ich auf Kunst treffe, die eine Geschichte erzählt, freue ich mich und erlaube es mir, davon angeregt zu werden.
Während mir als jungem Menschen die atmosphärische Literatur und Andeutungen gefallen haben, ist mir mit zunehmendem Alter eine klare und direkte Sprache wichtig geworden. Dazu gehören Wortkonstruktionen, die im Kopf Bildabläufe erzeugen. Für mich ist das ein Merkmal guter und effektiver Kommunikation – dass der Leser/Zuhörer sieht was ich sehe, und damit die Zusammenhänge versteht und der Geschichte folgen kann.

http://www.kaerntner-schriftsteller.at/verband/mitglieder/monika-grill/

Welche Themen und Sendungen können wir für das Jahr 2018 erwarten?

Am 4. Februar wird mein Gespräch mit dem international bekannten Mode- und Werbefotografen Jens August ausgestrahlt. Seit einem Jahr betreibt er die Galerie August in der Künstlerstadt Gmünd und hat sich mit seiner Frau Tatjana auf einer Almhütte im Maltatal niedergelassen. Wir plaudern über seine Entwicklung als Künstler und Mensch, und wie es ist, angekommen zu sein.

Weiteres wünsche ich mir Gespräche über Spiritualität in einer scheinbar gottlosen Welt, Begegnungen mit slowenisch sprechenden Künstlern und Literaten, einen Besuch im Zitrusgarten am Faakersee, und Einblick in das Leben von Menschen, die den Anforderungen der Zeit konstruktiv, gütig und mutig begegnen.

http://agora.at/Sendungen/Sprache-Wurzeln-Sterne

https://www.facebook.com/moderationgrill/

http://monikagrill.com/

Fotocredit © Hannes Pacheiner, Villach

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Trümmer und Kamillentee – Ein BUCH 13-Literaturmontag mit Ilse Gerhardt und Siegfried Paul Gelhausen in Klagenfurt

Die allseits bekannte und geschätzte Kulturjournalistin und scharfe Kritikerin der Kärntner Kulturpolitik, Ilse Gerhardt, ist auch als Autorin aus der heimischen Literaturlandschaft nicht wegzudenken. „Feinzüngig und mit klaren Worten Stellung beziehend“, beschreibt Buch 13 Obmann Gerald Eschenauer seinen Gast an diesem „Literaturmontag“-Abend im Klagenfurter Eboardmuseum. Nach ihrer Pensionierung beginnt ihre literarische Tätigkeit. 2013 erscheint der erste Roman „Mischling“ im Verlag „Styria Premium“. Im April 2015 folgt der Erzählband „ Aus Trümmern zusammengewürfelt“ im Hermagoras Verlag zusammen mit ihrer Freundin Edith Darnhofer-Demár.
Geboren wurde Ilse Gerhardt am 14. April 1944 in St. Veit a. d. Glan, machte 1963 Matura am Humanistischen Gymnasium Klagenfurt, studierte 5 Jahre Medizin in Wien und schloss 1968 an der Lehrerbildungsanstalt Klagenfurt ihre Ausbildung ab. Danach folgten 5 Semester Lehrtätigkeit an Pflichtschulen, dann die Flucht nach Graz, wo sie 1971 bis 1975 Geschichte und Philosophie an der Grazer Universität studierte.
Seit 1974 ist sie Journalistin, angestellt bei Kärntner Tageszeitung (1975 bis 1978) und Volkszeitung (1979 bis 1990) als Leiterin der Kulturredaktion.
20 Jahre lang arbeitet sie als Kärnten-Korrespondentin der Austria Presseagentur ( Kultur), der Wiener Zeitung, der Zeitschrift Die Furche und anderen Printmedien. Beim ORF war sie als Redakteurin seit 1990 tätig und hat zahllose Radio- und Fernsehberichte auch für andere deutschsprachige Sender verfasst. Seit 1994 war sie auch parallel Ressortleiterin Kultur für die Kärntner Woche. 1994 bis 1997 war sie Jurysprecherin zum Frauenkulturpreis der SPÖ.Frauen, in den Jahren 1998 bis 1999 engagierte sie sich als Galeristin und Inhaberin einer Künstlervermittlung. 2007 bis 2009 trat sie als Präsidentin der Österr.-Israelischen Gesellschaft im Erscheinung. Sie gestaltet Kulturevents. Derzeit (seit 2012) arbeitet sie ehrenamtlich als Obfrau der IG AutorInnen Kärnten und im Vorstand des Naziopfervereins Memorial Kärnten/Koroska. Sie spricht sieben Sprachen und hat Freude daran, stets neue Sprachen zu erlernen.
Seit ihrer Pensionierung 2004 ist sie immer noch als freie Journalistin tätig (Kärntner Woche, DIE BRÜCKE), ab 2000 Organisation und Leitung von Kulturfahrten, tritt seit 20 Jahren als Interpretin von jiddischer Liedkultur auf. Seit 2008 Jurorin beim Lyrikpreis der Klagenfurter Stadtwerke.
http://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/autor_detail/ilse-gerhardt

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Für Gerhardt ist der derzeitige Literaturbetrieb in Kärnten „das Gegenteil von befriedigend, es gibt viele talentierte heimische AutorInnen und anstatt sie zu fördern, lässt man sie einfach brach liegen“. Ein Roman ist seit zwei Jahren fertig und wartet auf einen guten Verlag. Derzeit arbeitet sie gerade an einem weiteren Roman zum Thema Mobbing an der Kärntner Tageszeitung.
Was könnte man im Literaturgeschehen ändern? Wird Ilse Gerhardt gefragt und ihre Antwort ist: „Viele Lesungen veranstalten und man sollte einen eigenen Verlag gründen, der ausschließlich Kärntner AutorInnen verlegt, aber ich bin schon 72 Jahre alt…“

Textprobe von Ilse Gerhardt aus dem Buch: „Aus Trümmern zusammengewürfelt“- Eine Kärntner Nachkriegsmischkulanz (Kurzgeschichten und Jugenderinnerungen von den beiden Kärntner Autorinnen Ilse Gerhardt und Edith Darnhofer-Demár, Hermagoras-Verlag 2015)

KONTAKTOFEN und Co
„Die Achtundsechzigerrandalen hatten sich in Berlin, Paris und Wien bereits 1965 angekündigt. In Klagenfurt machten sie sich erst 1970/71 bemerkbar.
Erst einmal traten radikale Mütter in Erscheinung. Sie schworen auf antiautoritäre Erziehung und beseitigten – nach den sittenstrengen Fünfzigerjahren – alle vorhandenen Leinen, an denen die Kinder gegängelt wurden. Dieser Laissez-faire-Stil wurde bald zur Mode. Die fortschrittlichen Mütter zogen ein in das Abbruchhaus (heute Musikschule) zwischen Stadttheater und Theatercafé, nahmen den Theaterpark ein, heute Norbert-Artner-Park, ließen ihr Kinder toben, malen und schreien und einander mit Farbe beklecksen.
Junge Intellektuelle trafen sich hier, um die Probleme der Zeit zu analysieren. Natürlich wurde nicht nur Kaffee getrunken, natürlich wurden bei dieser Gelegenheit die Diskussionen heiß und heißer. Unterdessen beschmierten die befreiten Kinder die Wände und einander und ihre latzbehosten Mütter schwärmten von freier Liebe und vom Hängendgebären…. (S 129)

Weiters las Gerhardt ihre Kindheitserinnerung eines unliebsamen Frisörbesuchs „Schönheit muss leiden“ (S 41) und die humorvolle Kategorisierung des Typus „Dame“ als Kurzgeschichte verpackt: „Nur für Damen“ (S 95).
In diesem Buch erzählen beide Autorinnen ihre Kindheitserinnerungen aus der Trümmerzeit der Vierziger- und Fünfzigerjahre in Kärnten, die von der britischen Besatzungsmacht und strengen Moralbegriffen bestimmt waren (Nachkriegsmischkulanz), und der wilden Zeit der Sechziger- und Siebzigerjahre. Amüsant und nachdenklich werden gesellschaftliche Entwicklungen in Kärnten beschrieben, die bisher literarisch und historisch noch nicht genügend aufgearbeitet wurden.

http://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/detail/aus-truemmern-zusammengewuerfelt

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Der zweite interessante Gast des Literaturabends von Buch 13 ist Siegfried Paul Gelhausen und ein Autor, der aus dem Kärntner Drautal stammt und völlig konträr zur kurzlebigen Autorenschaft agiert. Bei ihm darf sich sein literarischer Prozess entwickeln und wachsen.
Seit zwei Jahren arbeitet er an seinem autobiografischen Roman „DAS KAMILLENTEE-HAUS“, aus dem er auch eine unveröffentlichte Textstelle mit Erinnerungen an seinen Vater, der aus Deutschland stammte und in den Wirrnissen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zufällig in Irschen landete, vortrug. Sein literarischer Mentor, der ihm nahe steht, ist der aus dem Gailtal stammende Humbert-Fink-Preisträger 2016, Engelbert Obernosterer.
Wichtig als Vorbild ist für Gelhausen der Schriftsteller Bernhard C. Bünker. Der aus Kärnten stammende Autor hat sich vor allem in Dialekttexten kritisch mit seiner Heimat auseinandergesetzt. Peter Turini charakterisierte Gelhausens literarisches Werk: „Gelhausens Dorfbeschreibungen sind von düsterer Genauigkeit, von detaillierter Beobachtung scheinbar kleiner Vorkommnisse, aber daraus entsteht ein großes Bild“.

„Mit einem gewissen Alter rückt die Kindheit immer näher,“ erklärt Gelhausen seine Arbeit an seinem Roman. „Wenn aus meinen Aufzeichnungen ein Buch wird, dann würde es mich freuen, es ist mir wichtig, dass ich das ganze Erlebte niederschreiben kann, das ist meine Art von Psychotherapie. Mir ist dabei das Schreiben wichtig, damit verarbeite ich meine Kindheitserlebnisse. Wenn ich etwas schreibe, dann muss ich es selbst erlebt haben, kann nur schreiben, von was ich eine Ahnung habe. Mein Vater war für mich bis zu seinem Tod ein Fremder. Ich konnte erst nach dem Tod über den Vater schreiben, jetzt habe ich die richtige Distanz zu ihm. Außerdem habe ich immer das Gefühl, ich werde nicht fertig mit dem Text.“

Siegfried Paul Gelhausen wurde am 27. 5. 1950 geboren und wuchs im Wald und auf der Alm in Pflügen bei Irschen im Kärntner Drautal auf.
„Sechs Kilometer Schulweg zu Fuß täglich bei jeder Witterung haben mich die Natur erleben lassen wie sie heute kaum noch ein Kind kennt! Ich habe von früher Kindheit an die Arbeit und das Leben am Bauernhof in all seinen Facetten kennengelernt. Auf Grund der geografischen Lage des Heimatortes, hohe Berge im Norden und im Süden, entstand schon früh das Bedürfnis auszubrechen, einfach nur davon zu laufen…! Weil das aber nur schwer möglich war, suchte ich einen anderen Notausgang, begann zu malen und zu zeichnen,“ erzählt Gelhausen.

Als 18 Jähriger las er in der Zeitung von einer Ausstellung eines Prof. Theo BRAUN aus Wien in der Galerie zur Stadtmauer in Villach Es entstand eine tiefe Freundschaft . Monatelang durfte Gelhausen in seinem Atelier in Brunn am Gebirge mit ihm arbeiten und neue Techniken erlernen, unter anderem die der Eisenradierung. 1972 hatte er seine erste Ausstellung in der Kellergalerie des Klagenfurter Stadthaues.
1980 begann er seine literarische Tätigkeit mit Dialekt-Texten:

1982 Erste Buchveröffentlichung mit; „WETTERLEUCHTN“ Verlag Welsermühl, Oberösterreich.
1985 „MEINE WÖRTA“ Dialekt-Lyrik im FIDIBUS.
1986 „WORTE ZU STEIN“ Künstler helfen Indien. Verlag Ueberreuter / Wien
1987 Reise nach Süd-Ostasien.
Sechsmonatiger Aufenthalt in einer Bambushütte auf der Thailändischen Insel Phuket.
1988 Reise nach Südamerika.
Dreijähriger Aufenthalt in Asuncion, der Hauptstadt Paraguays als Betreiber eines Österreichischen Restaurants, einem Treffpunkt deutschsprachiger Einwanderer.
In der Zeit immer wieder Ausflüge in die Nachbarländer Argentinien und Brasilien.
1990 Rückkehr nach Kärnten.
1991 entstand die FIDIBUS Sonderausgabe; „ROTER STAUB IM LILAWOLKENLAND“. Erinnerungen an Südamerika.
1993 Literaturpreis für Dialekt-Lyrik verliehen von der
Freien Akademie Feldkirchen, Kärnten.

1994 Arbeitsstipendium vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst.
Der Dialekt-Lyrikband; „MEI LONGE WONDASCHOFT ZUR SUNN“ erscheint im Verlag Carinthia, Klagenfurt.

1996 Der Komponist Dr. Günther ANTESBERGER vertont meine Dialektlyrik-Texte. Diese werden beim „Carintischen Sommer“ in Stift Ossiach uraufgeführt.

2002 Erscheint bei FIDIBUS die Sonderausgabe; „IM SCHATTEN DES MANGOBAUMES“. Ein Tagebuch über die Suche und Rückholung meiner 6 jährigen Tochter aus Paraguay, Südamerika.

2003 Ein Lyrik-Text von mir in der Buchausgabe; „KÄRNTEN LITERARISCH“ Herausgeber Klaus Amann, Verlag Drava.

2007 Fünf neue Werke meiner Lyrik-Texte, vertont von Dr. Günther ANTESBERGER werden im Wappensaal Klagenfurt vom Kammerchor Klagenfurt-Wörthersee uraufgeführt.

2012 „DAS DORF“, hochsprachliche Lyrik-Texte mit einer Rezension von Peter TURRINI.

2014 Kulturpreis der Stadt Klagenfurt im Rahmen des STW Lyrikpreises.

http://gelhausen-siegfried.page4.com/

Danke Ilse Gerhardt für das persönlich gewidmete Rezensionsexemplar des Erzählbandes: „Aus Trümmern zusammengewürfelt“ (I. Gerhardt/ E. Darnhofer-Demár), Hermagoras 2015

Alle Fotos © BUCH13 I Eschenauer

Gruppenfoto: v.li.: Siegfried Paul Gelhausen, Buch 13-Obmann Gerald Eschenauer, GAV- Kärnten Obmann Josef K. Uhl, IG-Autorinnen Autoren-Obfrau Kärnten Ilse Gerhardt

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Schreiben über Abgründe hinweg – Interview mit Delphine Blumenfeld

Eine bemerkenswerte Erscheinung in der Kärntner Literaturszene ist Delphine Blumenfeld. Schon vor mehr als 20 Jahren erregte sie mit ihren ersten Büchern Aufmerksamkeit: H. C. Artmann bezeichnete damals Blumenfelds Lyrik als „Weltliteratur“, und Bertram Karl Steiner (Neue Kärntner Tageszeitung) meinte: „So souverän ist noch kein Kärntner Autor mit dem Kärntner Dialekt umgegangen und keiner hat diese Sprache so ernst und beim Wort genommen.“ Warum ihre Gedichte und Texte den Leser nachhaltig berühren und zum Nachdenken anregen, ist nicht so leicht gesagt. Es sind wohl die starken Empfindungen und unerwarteten Wendungen, die ihre Lyrik zu etwas Besonderem machen.

http://www.kaerntner-schriftsteller.at/2011/11/06/die-besten-vorsatze/

Sie thematisieren in Ihren Gedichten und Erzählungen oft den Rand der Gesellschaft. Sind sozial prekäre Lebenskonstellationen eine besondere Herausforderung für Sie?

Ja, und natürlich nicht nur für mich. Für alle sozialen Individuen, die unter diesen Bedingungen leben.
Leben als Selbstzweck hat mich nie interessiert. Den Starken und Mächtigen wird überall eine Plattform für ihre Interessen und Stimmen gegeben. Da war ich lieber auf der anderen Seite, auf der Suche nach den Menschen dort, um ihnen eine Stimme zu geben.

Arbeitslosigkeit und Außenseitertum sind im Grunde lebensbedrohlich. Haben diese Bezüge für Sie beim Schreiben existenzielle Bedeutung?

Wenn wir von „lebensbedrohlich“ sprechen, denke ich, betrifft das in Nord- und Mitteleuropa in erster Linie hauptsächlich die Isolation, das Herausfallen, bzw Gestoßenwerden aus dem sogenannten „normalen“ gesellschaftlichen Kontext. Dazu gehören dann natürlich massive finanzielle Einschränkungen, auch Wohnungsverlust etc. Bei vielen Menschen auch Identitätsverlust, durch das plötzliche Wahrnehmen von Diskriminierung, auch von Leuten ihrer früheren Community, die fast immer keine Ahnung von der Situation zB länger dauernder Arbeitslosigkeit haben, oder von lange andauernden Erkrankungen.
Was in diesem Fall auch lebensbedrohlich werden kann, ist der soziale Ausschluss, Rückzug, und Isolation, verbunden mit Scham- und Schuldgefühlen, Hass, Selbsthass usw.

Romuald Hazoume, ein internationaler Künstler von Weltrang hat in seinem Filmprojekt „NGO Beninische Solidarität mit gefährdeten Westlern“ … auf diese Situation im Westen u.a. hingewiesen. Ein großartiges Projekt, zu sehen im Steirischer Herbst 2013. Und nachzusehen unter youtube: https://www.youtube.com/watch?v=1vSLGbLJSe0
Ein großartiges Projekt!

Finanziell, denke ich, wäre die prekäre Situation bei uns noch nicht lebensbedrohlich, was die Beschaffung von Grundnahrung betrifft. Beim Wohnen schon eher. Das gilt zumindest derzeit für Menschen, die sich innerhalb der österreichischen Grundversorgung befinden.

Ich kann gar nicht oft genug sagen, wie wichtig es ist, dass Menschen wieder aus ihrer Abschottung in gemeinsames solidarisches Handeln kommen.
Das gilt für fast alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Nation usw.
Und egal ob schreibend oder nichtschreibend, auch für mich.

Muss man selbst erfahren haben worüber man schreibt ?

Nein natürlich nicht. Es gibt Autoren und Autorinnen, die machen sehr gute Recherchen. 😉


Spielt die Umgebung, in der Sie leben, in Ihrem Werk eine große Rolle?

Ich sehe mein Leben als eine Art Puzzle, aus dem dann auch kleine Teile in meiner Arbeit zu finden sind. Auch Tiere, Orte, und gewisse Charaktere für Figuren. Aber das wird selten verraten. Es heißt dann: die Handlung ist frei erfunden. Zufällige Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist nicht beabsichtigt …usw 😉 .
Aber letztendlich sind sie nur von Relevanz, wenn sich andere Menschen darin auch wiederfinden.

Das ist ja irgendwie auch das Schöne am Leben – es gibt keine noch so blödsinnige, traurige, absurde, glückliche usw Situation in der man plötzlich stecken könnte, in der sich nicht andere Leute auch finden. Kein noch so verrückter Fehler, den nicht schon viele Leute auch ausprobiert haben.

Abgesehen von den Puzzleteilen aus Begegnungen, Orten usw, sind meine Texte nicht autobiografisch, das wär mir zu langweilig. Ich kenne mein Leben ja. Ich will selber von meinem Text überrascht werden, Dinge ausprobieren.

Was kann man aus Ihrer Sicht mit Literatur bewirken?

Was mir dazu als erstes einfällt ist, dass Machthaber (und dieses Wort muss man noch nicht gendern) in Diktaturen immer große Angst zB vor geschriebenen Sätzen haben, deshalb gibt es dort ja auch die Zensur. Diejenigen, die kritische Texte veröffentlichen, werden verfolgt, inhaftiert, ermordet. Das ist noch immer der Fall.
Kritische Literatur (neben anderen Kunstformen, und zB der Publizistik) wird von Fanatikern, Extremisten, Machthabern usw – als extrem gefährlich eingestuft.
In funktionierenden Demokratien heißt es, ist es ja umgekehrt: hier kann man alles sagen, aber niemand hört zu 😉 …
Und natürlich gab es in meinem Leben Literatur die mich verändert, schockiert, unendlich bereichert, glücklich gemacht hat, und noch viel mehr. Sie hat mich auch ua immer wieder gerettet.
Und einmal habe ich eine Karte bekommen, im Winter 2008, von einer anonymen Leserin, deren Worte mich sehr berührt haben. Ihre Karte steht immer noch gut sichtbar in meinem Bücherregal.

Sind Ihnen die großen Vorbilder in der Literatur lästig?

Als ich jung war, hatte ich Vorbilder, die natürlich immer unerreichbar blieben. Einmal zum Beispiel H. C. Artmann. Als ich ihm dann gegenüber stand und er mich zum Essen einlud, bekam ich vor lauter Aufregung kein Wort heraus und bin weggelaufen, deshalb kamen kein Essen und weiterer Kontakt mit ihm zustande.
Zum Glück bin ich seit damals auf der Suche nach meiner eigenen Stimme …

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Über zukünftige Projekte will ich nicht sprechen, weil sie ja ein Prozess sind, der sich laufend verändert. Nur so viel, dass es sich um einen interdisziplinäreren Versuch handelt, in dem Sprache, Bild und Ton als eigenständige Figuren behandelt werden.

Kurzbiografie

Delphine Blumenfeld wurde in Klagenfurt / Celovec geboren.
Literaturzeitschriften und Anthologien: zB Schatzkammer (Zeitschrift für deutschsprachige Dichtung der Universität Iowa USA), Anstalten, Literatur/a, Etcetera (Oberösterreich), Beitrag zu Saualm Reflux – Wort-Bild-Arbeit mit Gerhard Maurer (Wieser Verlag). Mein See, und Mein Garten (Drava Verlag, herausgegeben von Gabriele Russwurm Biro)
Arbeitslosentexte für Reinhard Müller, AGSÖ Archiv für Geschichte und Soziologie, Uni Graz, zu: die Arbeitslosen von Marienthal
Lesungen, zB Frankfurter Buchmesse, Literaturhaus Frankfurt, Alte Schmiede, Literaturhaus Wien, Literaturhaus Salzburg, Minoriten Graz, Oberösterreichische Kultur Vermerke Gmunden, Theatercafé Klagenfurt – mit Klaus Paier (Akkordeon), Literaturhaus Klagenfurt, Universität Klagenfurt, Stadttheater Klagenfurt
Performances:
Citta´invisibile – die unsichtbaren Städte (österreichisch-italienische Gemeinschaftsproduktion);
Requiem für einen Eischristbaum (Stadtraum Klagenfurt);
An die Schafsgeier (mit Oliver Vollmann) KE Theaterhalle 11

Radioerzählungen –
ORF, OE1, Radio Agora

Bücher
Seesterngedichte (Wieser Verlag); Schneeläufer (Drava Verlag); Arbeitslos – Heimatlos – Alles los (Drava Verlag); Pan Paniscus Ohnegeld wohnt im Hotel (Foto: Gerhard Maurer und 1e Erzählung von Delphine Blumenfeld – Heyn Verlag / November 2014)

Preise und Stipendien
Projektförderung des Kärntner Frühlings für Literatur
Förderungspreis des Landes Kärnten für Literatur
Mundart Literaturpreis der Freien Akademie Feldkirchen
Sonderpreis des Landes Kärnten / Laudatio: Josef Winkler

Foto © Gabi Russwurm-Biro

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„Jeder Satz sitzt!“- Interview mit Miriam H. Auer

Auszeichnungen und Preise begleiten den Weg der jungen Sprachkünstlerin Miriam H. Auer in den letzten Jahren. Zuletzt wurde ihr im Dezember 2015 der Förderungspreis des Landes Kärntens für Literatur zugesprochen. „Jeder Satz sitzt!“ ist ein Zitat aus der umfassenden Buchrezension des Privatdozenten an den Klagenfurter Universität, Walter Fanta, über den Debütroman Miriam Auers Hinter der Zeit. Umnachtungsnovelle. (Edition Meerauge, Verlag Johannes Heyn, 2014).
Fanta charakterisiert die junge Kärntner Autorin mit einem „zum Äußersten getriebenen Assoziationen-Reichtum einer Sprachkunst, die kein Wortspiel auslässt, aber nicht um des reinen Experiments willen, sondern stets in Fühlung mit einer erzählten Geschichte, in der es an Hand eines sozialen Mikrokosmos um alles geht, um die ramponierte, aber unzerstörbare menschliche Existenz.“
Auch der Vorsitzende des Fachbeirates für Literatur des Kärntner Kulturgremiums, Fabjan Hafner, hält zu den Texten der Autorin fest: „Miriam H. Auer gelingt es mit sprachbegeistertem Überschwang die zutiefst österreichische Tradition des lustvollen Um- und Ausschweifens in eine äußerst fruchtbare Beziehung zu den neueren Errungenschaften der amerikanischen Literatur zu setzen; ihr ganz eigener kühner Mix des Nächst- und Fernstliegenden erweist sich als bislang unbekannte, durch und durch beglückende Lektüreerfahrung.“

Wie muss man sich Miriam Auer als Menschen denken? Leidenschaftlich oder ironisch, zurückgezogen oder überschwänglich?
Wie wahrscheinlich für uns alle, ist das nicht leicht zu beantworten, so viel passiert in jedem Menschen, und das meine ich nicht nur biologisch. ☺ Doch ich denke, es ist in etwa so: Ich bin ein leidenschaftlich ironischer, zurückgezogener Mensch, (nicht immer nur) im Verborgenen kindlich begeistert, aber auch so manches Mal entgeistert, von der Welt, überschwänglich in schönen Stunden, sichtbar oft nur für meine engsten Vertrauten. Nahe am Wasser gebaut, aber nicht nur, weil hinter unserem Haus ein Bach und dahinter ein Fluss fließen, sondern auch wegen des Mitgefühls, das ich an mir liebe, das mir aber auch weh tut. Und im Gegensatz zum Igel im Laubhaufen, überwintert es nicht nur in meinem schriftstellerischen Blätterwald. Es hat das ganze Jahr Saison und es treibt mich an, zeigt mir jeden Tag, jede Nacht, dass ich schreiben muss, wenn ich etwas ändern will. Dass ich schreiben darf, leben darf, in Frieden. Und das ist ein unsagbar großes Geschenk.


Beherrschen Wortspiele und Querdenken auch Ihren Alltag?

Wenn man idiomatische Redewendungen hernimmt – und wortwörtlich – entstehen schiefe, unterhaltsame Bilder, das macht den Alltag schon ab und zu einfacher, für den Moment. Ich liebe es aber ebenso deswegen schräg, gehe selten den geraden Weg, weil man auf Umwegen einfach mehr sieht. Hinzuschauen, den Ernst hinter dem Spaß und den Spaß hinter dem Ernst genau anzuschauen, bereichert ein Menschenleben. Wenn man querdenkt, passiert man unmittelbar auch alle Eventualitäten und wägt sie ab. Man sieht die, denen man helfen will. Man ist traurig, rafft sich aber bald auf und weiß, was zu tun ist. Eine Hand reichen, Gehör schenken, Worte widmen. Und all das, wofür schreiben nicht genug ist. Aber es ist ein Anfang. Ein Umweg vielleicht, aber trotzdem noch ein Weg. Für mich der richtige. Denn wenn wir NEBEL im Spiegel lesen, können wir darin auch das LEBEN erkennen.


Nehmen Sie das Leben von der spielerischen Seite?

Meistens nehme ich das Leben ernst, ernst für meine intensiv und ungewöhnlich eingefärbte, ja farbwechselnde, Gefühlswelt, an der auch Expressionisten schwer zu malen gehabt hätten. Die muss man erst einmal in Bilder übersetzen können … Aber ich versuche, die farbenfrohe Finsternis in mir das Wortspiel des Lebens gegen mein inneres Kind nicht gewinnen zu lassen. Innere Kinder weinen nicht nach außen hin … Aber sie brauchen Trost in dieser Welt. Meine Angst, doch vor allem mein Wunsch, mit meinem Schreiben Empathie zu fördern, zu positiven Einfühlungsvermögensverhältnissen zu gelangen, liegen darin begründet. Mehr oder minder milder Aktivismus und Aktionismus stehen in und zwischen den Zeilen. Schwarzer Humor hilft mir, wenn ich nicht weiter weiß, wenn mir wahre Worte, die ich schreibe, zu sehr wehtun. Ich filtere sie dann durch ein dunkleres Wortspiel, damit ich weniger weinen muss. Aber das ist eine Notfallmaßnahme. Wir müssen in der Wahrheit leben. Was bringt es da, sie stets in Euphemismen zu tunken?
Wer mich aber schon in Farbe und mit Ton erlebt hat, weiß, dass ich auch oft und gerne lache und witzle, Hauptelement von Miriams Audiokommentar. Meine Kopfkinovorstellungen kommen immer im Director’s Cut. Jeder ist haupteditierend in seinem Text. Meine Liebe zur Satire, zur Ironie, die helfen mir dabei sehr. Und gegen Lachkrämpfe braucht man keine Medikamente.

Was interessiert Sie an Literatur?
Ganz klar: als Schriftstellerin Schrift und die Welt in Frage stellen zu können. Das tue ich mit Leidenschaft. Ich bemühe mich, auch wenn es meinem Nachtschlaf abträglich ist, die Krisenherde dieser Welt nicht zu scheuen und ins Feuer zu schauen, bis meine Augen brennen. Wenn man im Schreiben in den Schuhen anderer zu gehen versucht, läuft man nicht Gefahr, auf großem Fuß zu leben. Es waren immer schon die literarischen Werke, die nach oben, unten, nach allen Seiten geschaut haben, auf jene am Rande, ohne jemals irgendjemanden oder irgendetwas von oben herab zu betrachten, die mich bewegt haben. Auch die im wahrsten Sinne des Wortes bewegten und zugleich emotional bewegenden Bilder der Sprache faszinieren mich, vor meinem inneren Auge sehe ich Filme, wenn ich schreibe, alles kommt zu mir in traum- und albtraumhafter Klarheit. Manchmal brauche ich das Wort, um die Bilder zu verkleiden, damit sie weniger erschrecken. Oder ich nehme mir Worte, um verborgenen Zauber sichtbar zu machen.

Warum wählt man die Kunstform Literatur oder wird man von der Literatur erwählt?
Literatur ist ein Teil des Menschen, der ich heute bin, war immer da in meinem Werden. Wenn ich schreibe, denke ich in Bildern, wenn ich male und zeichne, denke ich in Geschichten, mir fallen Gedichtzeilen und Melodien ein, die ich dann wiederum aufschreibe. Vielleicht hat eine kleine Literatur, eine von vielen wunderbaren da draußen, meine anderen Förmchen des kreativen Ausdrucks irgendwann damals an der Hand, bunt von Fingerfarben, genommen und zu ihnen gesagt: „Kümmern wir uns um die Miriam. Sie traut sich nicht, sich als Künstlerin zu bezeichnen. Bleiben wir bei ihr, bis sie den Mut hat.“ Und bis heute sitzen sie mit mir am Schreibtisch (oder am Bett), über dem Zeichenblock, mit mir am verstimmten Klavier, mit mir am Tisch bei Löwenzahnsalat. Essen mit mir Spaghetti mit Tomatensoße mit dem ganzen Gesicht, machen Schneeengel auch im Matsch, sind meine inneren Kinder, die mich dazu anregen, zu tun, was mich für Momente zufrieden und glücklich macht, wann immer es irgendwie geht. Vielleicht mögen sie es mit und bei mir, weil sie mich kennen, so gut wie sonst nur meine Familie und meine engsten Freund*innen.

Ist der erste Satz am schwierigsten oder ist das Ende einer Geschichte die wahre Herausforderung beim Schreiben für Sie?
Titel und erste Sätze kommen zuerst, überfallen mich in manchmal ungünstigen Augenblicken, beim Haarewaschen, beim Zu-viele-heiße-Suppenteller-auf-einmal-zum-Tisch-tragen. Wenn die Scherben aufgekehrt sind, schreibe ich die Eingebungen dann auf. Wenn die Haare trocken sind, schreibe ich weiter. Der Film läuft in mir. Die größte Herausforderung ist es, ihn manchmal zu pausieren. Zu korrigieren und zu kürzen, bevor die Buchstabensuppe überkocht. Und zum Ende hin, da hadere ich ab und zu mit den Alternativen. Werden Menschen gesund, wenn es in der Wirklichkeit unmöglich wäre? Werden Kinder glücklich, wenn die menschliche (hier als Synonym für ‚unmenschliche‘ zu lesende) Wirklichkeit ihnen eigentlich keine Chance ließe? Werden Antiheld*innen und Tiere geliebt, selbst wenn die Realität ihnen schon alles genommen hätte? Sobald ich am Ende bin, zumindest im übertragenen Sinn, weiß ich genau, warum ich wieder schreibe. Für die Leute, für mich, für die ohne Stimme (Menschen und Tiere) für das Einfühlungsvermögen, das einige in den Keller gesperrt haben. Für die, die sich trauen, es zu befreien, und die viel mehr sind, als man glaubt … Und dann gäbe es in der Geschichte schon wieder einiges zu kürzen. Aber ich mache es nicht. Kein Kürzen beim Träumen.


Was planen Sie literarisch für 2016?

Für dieses Jahr wünsche ich mir, gesund die beiden begonnenen Manuskripte für mein zweites und drittes Buch fertigzustellen. Es wird auch mehr Illustrationen geben. Mein Lyrik-Zyklus UNSCHÄRFE ERKENNT NUR DAS SCHÖNSTE darf – Memo von mir(iam) an mich! – auch gerne vollendet werden, da ich für den Herbst dessen Vertonung plane. Also wird das Literaturjahr für mich bestimmt sein von vielen Kürzungsversuchen und letztlich etwas zu langen Wortschöpfungen auf den endgültigen Seiten. ☺


Kurzbiografie: Miriam H. Auer

Geboren 1983 in Friesach, Studium der Anglistik und Germanistik, Dissertation „Poetry in Motion and Emotion“ und Doktoratsstudium als Dr.in phil. 2015 abgeschlossen. Lehrt seit 2014 am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.
Auer schreibt Lyrik, sprachspielerische Prosa, Lesedramen/kurze Theaterstücke und Songtexte. Kürzere Texte sind in verschiedenen Literatur- und Kulturzeitschriften (u. a. Die Brücke, Fidibus, die Anstalten) erschienen, die »Umnachtungsnovelle« Hinter der Zeit (2014) ist ihr Buchdebut.

Preise und Förderungen:
• 2013 Siegerin beim zweisprachigen Wettbewerb Kärnten wortwörtlich!/Koroška v besedi! der Stadtgemeinde Bleiburg/Pliberk mit der Kurzgeschichte Bäume ernten.
• 2014 zweiter Platz beim Preis des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes für neue Literatur.
• 2014/2015 zweimal Platz 5 bei Kärntner Lyrikpreis
• 2015 Platz 3 beim Jurybewerb des Wiener Werkstattpreises
• 2015 Förderungspreis für Literatur des Landes Kärnten

Porträt: http://pingeb.org/73-miriam-h-auer-hinter-der-zeit/

Bücher:
Hinter der Zeit. Umnachtungsnovelle. Klagenfurt: Edition Meerauge, Verlag Johannes Heyn, 2014. http://www.meerauge.at/autor_inn_en/miriam-h-auer

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

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