Kategorie: Gastbeiträge

Die SiegerInnen aus dem langen Tal der Kurzgeschichten

Die Preisverleihung des „Mölltaler Geschichten Festivals 2017: Das lange Tal der Kurzgeschichten“ wurde am Freitag, den 6. Oktober 2017, abends im Kultursaal der Marktgemeinde Obervellach von Frau Bürgermeisterin Anita Gössnitzer und dem Obervellacher Chor-Ensemble Mölltonal – unter Leitung von Michaela Steiner – eröffnet.
Im Publikum waren Landeshauptmannstellvertreterin Beate Prettner, Kultur-Landesrat Christian Benger, Nationalratsabgeordneter und mitveranstaltender Bürgermeister Erwin Angerer in Vertretung von Landesrat Darmann, die Bürgermeister Peter Suntinger und Ferdinand Hueter, Peter Rupitsch vom Nationalpark Hohe Tauern in Kärnten, ProMÖLLTAL Obfrau Sabine Seidler, Gebhart Oberbichler von der Kärntner Sparkasse, Maria Tronigger von der Raiffeisenkasse Oberes Mölltal und der ehemaliger Präsident der Kärntner Landarbeiterkammer Josef Winkler .
Sie alle verfolgten gespannt den Ankündigungen der ModeratorInnen des Abends, Gustav Tengg von der Nationalparkmittelschule Winklern, Vizebürgermeisterin Karoline Taurer aus Mühldorf, und Barbara Steiner und Autor Andreas Ulbrich aus Winklern.

Die Mölltaler SchreibADER, ein Mölltaler Stein mit goldenen Adern, wurde den Siegergeschichten, die sich alle um das Thema „Aufbruch“ drehen, in den folgenden Kategorien verliehen:
o Nachwuchsautorinnen-Preis des Nationalparks Hohe Tauern In Kärnten
o Publikumspreis
o Fachjury-Preis der Kärntner Sparkasse
o Mölltaler Preis

Die Gewinnerin des NACHWUCHSAUTORiNNEN PREIS DES NATIONALPARKS HOHE TAUERN IN KÄRNTEN wurde von der Fachjury und dem Publikum bei den Lesungen gewählt und erhielt Ihren Preis und Geschenke aus der Hand des Nationalparkdirektors Peter Rupitsch.
Katharina Galler „DER FEUERSTEIN UND DIE WIRKLICH WICHTIGEN DINGE“ (eine Gruppe Kinder kann einen Drachen befreien)
Weitere großartige Geschichten wurden von Ronja Kerschbaumer, Sophia Radziwon und Anja Suntinger erfunden

Den PUBLIKUMSPREIS der Zuhörer bei den 4 Lesungen gewann
1. Platz: Anna Fercher „EIN STÜCK ERINNERUNG“ (ein Mann gedenkt seiner verstorbenen Frau.)
2. Platz: Constantin Schwab “NACH DEM NEONGELB” (Davon-Laufen wird manchmal zum Hinzu-Laufen.)
3. Platz: Gerhard Pleschberger „I CAN GET NO SATISFACTION“ (über die erotischen Abenteuer einer Rolling Stones Fangruppe)

Der FACHJURY-PREIS DER KÄRNTNER SPARKASSE wurde von der Krimi-Autorin Andrea Nagele, dem Lektor Arnold Klaffenböck, dem Verleger Gerald Klonner, der Redakteurin Martina Pirker-Tragatschnig und der Buchhändlerin Annegret Lackner-Spitzer bestimmt.
Martina Pirker-Tragatschnig und Andrea Nagele hielten die Laudatios auf die 3 erstplatzierten Geschichten.
1. Platz: Katharina Springer „MONTANA“ (eine Elegie über die Beziehung eines Fliegenfischers mit der Möll)
2. Platz: Eileen Heerdegen „IRMA“ (Die Erinnerungsplakette, die eine junge Frau gerne hätte, ist nicht die, die sie nach ihrem Tod bekommt)
3. Platz: Wolfgang Machreich „DIE EISRINNE“ (über einen alten Bergführer und seine Beziehung zur Pallavicini-Rinne)

Den MÖLLTALER PREIS für die Geschichte, die am besten das Mölltal repräsentiert, erhielt:
1. Platz: Gerhard Benigni „KAFKAS CHINAREISE“ (eine humorvolle Google Earth-Reise durchs Mölltal)
2. Platz: Reinhard Gnettner „DIE ALTE MÖLLTALERIN“ (Ein junger Mölltaler hat ein Erlebnis, das ihn dazu bringt, im Mölltal zu bleiben)
3. Platz: Wolfgang Machreich „DIE EISRINNE“ (wie oben)

Zu Nach-lesen werden die 30 besten Geschichten des Festivals im Buch vom Verlag Anton Pustet, das Ostern 2018 herauskommen wird, sein.
Das Mölltaler Geschichten Festival ist ein Projekt von ProMölltal in Kooperation mit den Mölltaler Gemeinden, unterstützt vom Land Kärnten und der Initiative von Kärnten.

Gastbeitrag von Melitta Fitzer

Bildtitel: die Preisträger Kathrina Galler – Gerhard Benigni – Katharina Springer – Anna Fercher (v. li.)
Foto © Christian Senger

Facebooktwittergoogle_plus

„Sei du selbst! Hubert Maria Moran, das ist für dich…“ Geleit von Miriam H. Auer

Gastbeitrag von Miriam H. Auer zur Buchpräsentation „Reflexionen“ von Hubert Maria Moran Im Musilhaus Klagenfurt am 7. Juni 2017

1. Sei du selbst! Hubert Maria Moran, das ist für dich …
[Miriam H. Auer spricht und performt als Hubert Maria Moran]

„Ich steh’ heut hier von euch und Ihnen
wie geschmiert und wie auf Schienen
als ein Mann mit vollen siebzig Jahren
und fast ganz so vollen Haaren.
Mehrere Bücher hab ich für uns alle geschrieben,
Worte zum Hoffen, Denken, Lieben.
Wenn alles im Fluss ist, bei mir heißt das dann,
ich liebe meine Frau und das Tal der Glan,
genauso inspiriert mich auch die Tiebel,
Worte springen über die Feder in meine Fibel,
denn die Räder tragen mich immer noch weit –
desholb segts ihr mi do heit!
Meine Bilder haben viele Namen
und die meisten fanden kreative Rahmen.
Doch nicht sagen kann ich, nicht ergründen im Stillen,
nicht beim allerbesten Willen,
was in mir diese Worte wohl grad spricht,
denn ein Unbescheidener bin ich weißgott nicht …

Es ist ein Wunder, auf dieser Welt zu wohnen,
eine Aufgabe auch, deswegen les’ ich heut aus meinen REFLEXIONEN.
Heiter bis wolkig ist das Leben doch fast immer,
aber aufgeben würd’ ich es nie und nimmer.
Ich bin ein tapferer Mann, „a Monn“, „ a man“ –
and sometimes it feels like I’m seventeen again …
Doch du kannst nicht immer siebzehn sein,
Künstler, das kannst du nicht!
Gerne will ich über siebzig sein,
dank euch, die mich „lesen“, niemals allein!
Familie, Freund*innen, die großartige Vanessa Thun-Hohenstein, die kleine Miriam Auer,
ihr vertreibt für heute alle Schauer!
Danke auch an Josef K. Uhl und Roman Till,
Danke Hermagoras und Haus des Musil!
Vielen Dank für die Musik – an Elisabeth Weber, wunderbar und schick!
Sei die Kunst heut unser größtes Glück,
in all ihrer Buntheit, all ihren Facetten!
Schön wird’s werden, darauf trau ich mich zu wetten!
Erlebt diesen Abend hier mit uns allen,
genießt ihn – nichts könnt’ uns mehr gefallen!
Jetzt ruf ich mir die Frau Auer her,
Miriam, erzähl uns mehr!
Wie denkst du über die Moran-REFEXIONEN?
Tät ein Buchkauf sich wohl lohnen?“

[Miriam wird von Hubert wieder zu sich selbst und öffnet ihren Zopf.]

„Sie fragen sich wohl – was tut die jetzt hier!?
Nun, ich kenne gut und mag, was ich lektorier’!“

2. Manchmal les‘ ich mich in dir
(zum Geleit)

Ich finde ihn in deinen Seiten, den Mann, der das Leben in allen Facetten kennt. Lese es aus deinen Zeilen, das Kind, das du gewesen, das du geblieben bist. Höre den erfahrenen Mann, der erklärt, dass vieles unabänderlich ist. In deinen Worten sehe ich die Farben, die Bilder eines Malers, eines Bildhauers, eines Dichters und Denkers, der genau beobachtet, der Schönheit ebenso erkennt wie menschliche Makel. Du bist einer, der in Sanftheit ironisiert. Bist jemand, der mit Liebe beschreibt. Mit Hoffnung erbaut. Sich mit Sehnsucht und Leidenschaft nach allen Seiten umblickt. Du vergisst jene nicht, die am Rand stehen. Du holst sie in deine Wohnung, in deine Worte. Dort werden sie unsterblich. Und all das, lieber Hubert Maria Moran, all das bewegt uns. Uns, die wir „dich“ lesen. Ja, manchmal, da les‘ ich mich in dir …

Du legst die Werkzeuge deiner Künste nicht weg, nur weil du nicht mehr 25 bist. Du machst weiter, erschaffst und erlebst stets Neues. Wenn einmal Werkzeugnisverteilung sein wird – egal durch wen, egal woran man glaubt – und du zurückdenkst an den Buben von einst, an den Mann von vor ein paar Jahrzehnten, an den Künstler von vor ein paar Tagen, wirst du voll Freude und Frieden sagen können: „Ja, das habe ich gerne gemacht.“ Und Widerständen hast du getrotzt ohne hart zu werden.

Du fühlst dich, du schreibst dich in die Menschen ein. Weil du noch Worte findest, wo manche schon glauben, es gäbe nichts mehr zu sagen. Aus Angst vielleicht, aus Resignation womöglich. Aber du, lieber Hubert, du gehst mit deinen Gefühlen auf ein neues Blatt, schreibst einen Vers darauf, eine Geschichte, die immer auch irgendwie deine ist.

So sind wir, die Künstler. So sind wir, die Menschen. So sind wir, die Schwachen, die Starken, die Geselligen, die Einsamen, die Träumenden, die Hoffenden, die im Gestern, die im Morgen Lebenden. Aber heute, heute schreiben wir. Malen Bilder von einer besseren Welt. Und du, lieber Hubert, du zeigst denen, die zu schnell aufgegeben haben, dass es immer möglich ist, zu tun was man liebt. Weil man liebt. Solange man liebt. Danke für deine Worte, deinen Mut, deine Bücher. Denn manchmal, lieber Hubert, da les‘ ich mich in dir …

Und Sie, und ihr, ihr lieben Lesenden, erlebt ihn, den immer wieder neuen Hubert Maria Moran!

Herzlichst,
Miriam H. Auer

Zum Autor Hubert Maria Moran lesen Sie hier:
https://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/autor_detail/hubert-maria-moran

Reflexionen

Hubert Maria Moran
Lyrische Lebensreise IV

Seiten: 176
Bindung:Broschur
Format:14,5 x 21 cm
ISBN:978-3-7086-0941-6
Verlag: Hermagoras Verlag Klagenfurt/Celovec

Zur Laudatorin Miraim H. Auer
http://www.meerauge.at/autor_inn_en/miriam-h-auer

Facebooktwittergoogle_plus

Staatenlos – Die Geschichte von Joe alias Giovanni alias Jean

Univ. Prof. Dr. Alois Brandstetter zu Ilse Gerhardts Roman „Staatenlos“

Ilse Gerhardt ist ein Multitalent. Ihr primärer Beruf und ihre ursprüngliche „Berufung“ war der Journalismus, Schwerpunkt Kultur. Ihr Ehrgeiz und ihre Expertise gingen aber immer über bloßes „Berichterstatten“ hinaus. Nun in ihrem „Unruhestand“ sind Ihre wöchentlichen Kolumnen und Kommentare etwa in der „Kärntner Woche“ inzwischen legendär geworden.
Man erwartet sie mit Spannung und Interesse: Wen oder was wird sie loben, vor allem aber wen oder was wird sie tadeln. Was heißt tadeln! Anprangern, geißeln oder auch verspotten… Oder auch mit Humor, mit Ironie oder Sarkasmus bedenken… Thematisch sind sie weitgespannt und „raumgreifend“. Sie reichen vom Lokalen, sagen wir von den Schlaglöchern der Villacher Straße bis ins Hochpolitische, sagen wir einmal die Abgründe der Kärntner Seele, mit Erwin Ringel gesprochen. Was ihre Agenden betrifft, steht in der rückwärtigen Klappe ihres letzten Buches, um das es heute geht: „Sie ist Kulturjournalistin, Galeristin, Sängerin, Veranstalterin und Organisatorin von Kunstreisen, Jurorin beim Kärntner Lyrikpreis und Obfrau der IG Autorinnen und Autoren Kärnten.

Literarisch widmet sie sich Menschenschicksalen nach dem Zweiten Weltkrieg“. Nach ihrem Buch über ihren Vater, „Mischling“, und dem Buch „Aus Trümmern zusammengewürfelt“ (mit Edith Darnhofer-Demar) nun also „Staatenlos“, die Geschichte eines ihr bekannten Kellners am Klopeiner See, eines Mannes, der als Kind einer italienischen Partisanin bei Kriegsende durch die Ungunst der Umstände „weggelegt“, als Findling von einem englischen Besatzungssoldaten aufgenommen, über und nach seiner Kindheit in England wieder nach Kärnten zurückkehrt und sich in Italien in Monfalcone auf die Suche nach seiner Mutter macht, die er schließlich auch findet, Freude und Enttäuschung zugleich. Enttäuschung über die mangelnde Freude der eher hartherzigen „Mutter“… Es handelt sich nicht eigentlich um einen Tatsachenroman, aber auch keine fiktionale Geschichte.

Auch „Schlüsselroman“ trifft es nicht ganz. Weil sich die Autorin über Leerstellen des Berichtes des Betroffenen mit Konjekturen und plausiblen Vermutungen behilft, um etwas, was man mit einem literaturwissenschftlichen Ausdruck heute gern als „Faktion“ bezeichnet, was aber nicht mit englisch Fake („Schwindel“) in Fakenews zu tun hat, wenn auch die Etymologie in beiden Fällen auf lateinisch factum führt…Das Leben dieses Giovanni, des Kindes der italienischen Mutter, des Joe, wie ihn sein englischer Ziehvater, des Jean, wie ihn schließlich sein französischer, leiblicher Vater, ein als junger Resistance-Kämpfer Gefangengenommener und nach Kärnten Gelangter, der nach dem Krieg nach Frankreich, Nimes, zurückgekehrt und dort zu einer Malerberühmtheit geworden, nennt, ist wahrlich abenteuerlich. Ilse Gerhard hat also gewissermaßen einen Abenteuerroman geschrieben, das Gewußte und Mitgeteilte und das Vermutete mit großer sozialer Empathie zu einem ansprechenden poetischen Amalgam komponiert, das heißt ja „zusammengestellt“… Stilistisch kennzeichnet den Roman, durchaus zu seinem Vorzug, die journalistische Profession der Autorin (Reportage, auch ein wenig „Kolportage“).

Die im Roman thematisierte „Staatenlosigkeit“ ist ein literarisches Desiderat. Man kann vielleicht an Josef Winklers „Die Verschleppung“ oder auch an Brigitte Schwaigers „Die Galizianerin“ denken, vielleicht auch als schelmische Variante an Albert Drachs „Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum“…. Ganz besonders aber mußte ich an die betroffen machenden Berichte des Oberösterreichers Martin Kranzl-Greineckers über die „Kinder von Etzelsdorf“ denken, jenes Kinderheimes in Schloß Etzelsdorf, wo in der Nazizeit die Babys der Zwangsarbeiterinnen „untergebracht“, den Müttern also weggenommen und medizinisch schlechtest versorgt wurden, -und wenn sie nicht gestorben sind (viele liegen in Pichl in anonymen Kindergräbern), nach dem Krieg groß geworden und verzweifelt in Polen oder sonstwo in Europa nach ihren Müttern gesucht haben. Viele haben keine Eltern gefunden. So gesehen handelt Ilse Gerhards Roman „Staatenlos“ eigentlich von einem singulären Glücksfall. Wenn auch ihre Geschichte tödlich endet…

© Alois Brandstetter, April 2017

Kurzinformation zum Buch: „Staatenlos“ erzählt die Lebensgeschichte eines Mannes, der nach der Geburt zum Findelkind einer britischen Offiziersfamilie und zum Waisen wird. Joe, so sein Name, erlernt den Kellnerberuf und wird später zum Oberkellner in einem Hotel. Ein scheuer, aber nobler und gebildeter Charakter. Joes Besonderheit ist, dass er von Geburt auf staatenlos ist. Er ist ein in Österreich geborener Sohn einer ehemaligen italienischen Partisanin und Zwangsarbeiterin und eines französischen Kriegsgefangenen. Als junger Mann macht er sich auf die Suche nach seinen Eltern. Die Mutter findet er in Italien und den Vater, einen anerkannten Künstler, in Frankreich. Dennoch endet Joes Eltern- und Identitätssuche fatal.
Ilse Gerhardt erzählt die berührende und tragische Geschichte eines Staatenlosen nach einer realen Lebensgeschichte und führt den Leser von Südösterreich aus in die italienische Werftenstadt Monfalcone an der Isonzomündung, in die Römerstadt Nimes und die felsigen Cevennen in Südfrankreich.

Ilse Gerhardt
Staatenlos
Roman
128 Seiten, Broschur mit Klappen,
€ 19,90,
ISBN 978-3-7086-0933-1
Hermagoras Verlag 2017

Zur Autorin: Ilse Gerhardt

https://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/autor_detail/ilse-gerhardt

Zum Buch: Staatenlos, Hermagoras Verlag, Klagenfurt/ Celovec 2017
https://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/detail/staatenlos
Zum Verfasser des Gastbeitrags: Univ.Prof. Dr. Alois Brandstetter:

https://de.wikipedia.org/wiki/Alois_Brandstetter“

Facebooktwittergoogle_plus

Laibachandacht

Gastbeitrag von Del Vede

War er einfühlsam wie ein Dichter, der France Prešeren, wenn er als SODNIK, Richter, in Klagenfurt SLOWENISCH Gericht gehalten hat? Mein Vortrag auf den Stufen seines Denkmals war der barbusigen Muse des Nationaldichters gewidmet, und allen Maiandachten in den Dorfkirchen, die nicht mehr durchgeführt werden.

Allen Dorfkirchen, in denen es die slowenischen Andachten nie mehr geben wird.

Die Bäuerinnen vergessen ihre Gliederschmerzen oder die VARTA überall im Leib, die vom Übermaß der Arbeit hervorgerufen wird, und nehmen sich ein Stündchen frei. Sie beten SLOWENISCH ihre Himmelskönigin an, singen SLOWENISCHE Marienlieder und bleiben unter sich. Ein Pfarrer nimmt nicht teil. Wir Buben sind dabei und können in betender Haltung ausgiebig die DEčVE betrachten, die Mädchen, die uns nicht aus dem Sinn wollen. Etwas anzufangen wissen wir mit ihnen nicht. Bald werden wir im scheuen Einverständnis mit ihnen auf den Wiesen lagern und Entdeckungen anstreben. 

Zu Hause behaupten wir, zur šMARNICA; Maiandacht zu gehen, die DEčVE auch, anstatt zu beten und zu singen.

La i b a c h a n d a c h t 

Je angel Gospodov oznanil Mariji
in ona spocela od Svetega Duha.
“ česčena si, Marija“, je angelski glas;
bo zadnja ura bila, Marija prid‘ po nas.

Heute sind ihm wieder himmlische Schmerzen verordnet worden. „Wer sie erträgt, lebt“, sagt sich der OBLAK, die Wolke. „Ich war ein guter Arzt und guter Mensch. Doch jetzt ist Nacht.“ Er verrichtet seinen Dienst ganz oben. Mit seiner Abteilung hat er die Gewitterwolken zu lenken, die LERMA.
In den Grenzbergen DOLINE KRKE, des Gurktales, machen er sich über den Weiler Ingolsthal her, Dienst ist Dienst. Er jagt die alten Leute in die Häuser. Und er vertreibt den alten Kerschbaumer, der seine Hühner ein letztes Mal mit TUGLEE TUGLEE lockt und füttert. Das EE ist beinahe ein II oder umgekehrt. Siegfried Kerschbaumer blickt nicht mehr hinauf in das schwarze Gebräu. Er schwingt sich auf sein Fahrrad, das ihn auf der Erde hält und verlässt seinen Hof. Den OBLAK im Rücken und neben der linken Lenkstange vom Berg herunter fauchend, strampelt er unter der Wachtburg talab. Die stets so genannte Straßburg ist keine Straßenburg. Sie leitet sich seit eintausend Jahren von der STRAZA ab, der Wacht. Als sie errichtet wurde, riefen die Gurktaler schon vierhundert Jahre lang TUGLEE TUGLEE, do schau, do schau!

Und so rufen sie auch heute. Mit ihren Hühnern sprechen die Gurktaler SLOWENISCH. Vorher noch mit dem Vieh im Stall und auf der Weide, čOLA čOLA (sprich „tsch“, Bedeutung: Kühlein, Kalble). Davor auch miteinander in den Dörfern. Dem Radreisenden Siegfried Kerschbaumer ist zu verdanken, dass die Hühner überall in Kärnten wieder SLOWENISCH hören und Flügel schlagend herbeieilen.
Sie verstehen noch.
Er kann nicht glauben, dass die das Gurktalerische verstehen. Und dass der Hühnerlockruf SLOWENISCH erklärbar ist.

In Klagenfurt treibt die OBLAK-Abteilung den VIKTOR SPENDAL durch die Stadt. Er ist slowenisch aufgewachsen in seiner Stadt und nie begegnet er einem vertrauten Wort. Er spricht mit den Bäumen und säubert die Pflanzstreifen unter den Baumkronen und Büschen. Sie kommen ihm dankbar vor, obwohl sie nicht sprechen, nur ächzen, rascheln und manchmal säuseln in der Nacht. POJDI, POJDI, KOMM, KOMM! Wohin, wohin mit den Wörtern, die immer noch gesprochen werden wollen? Seit er die über 300 Lehnwörter kennt, die das SLOWENISCHE dem Alltag der Deutschsprechenden überlassen hat, erträgt er die Schmerzen manchmal lächelnd.
Die LERMA des OBLAK braust über PODJUNA, das Jauntal, und verspricht eine HUDA URA, Böse Stunde, zu werden. MARIJA, die MIčE MIC, legt ihre Schurze ab und säubert die Hände am Brunnen. In ihrem Hof sah sie als Kind im Krieg den Kämpfern beim Aufspielen mit dem Akkordeon, Singen und Tanzen zu. Im nahen GLOBASNICA eilten sie von der PECA, der TOPICA und aus den OJSTRABUNKERN herbei.

DANES PA MI URADUJEMO. Heute ist aber unser Amtstag.
Die MICE MIC eilt in die Dorfkirche von GOSELNA VAS und läutet gegen die HUDA URA, die böse Stunde, an. Im Dorf entzünden sie Gewitterkerzen auf den Tischen und beten. Die MIC zieht am Strang und sie rüttelt und stößt gegen ihn. Ein blechernes Fis steigt ruckelnd und jaulend vom Kirchturm auf und verbreitet sich in GOSELNA VAS. Es vertreibt die Böse Stunde. Und mit ihr den Schmerz.

Der MIC sitzt er in den geschwollenen Fingergelenken und im Rücken. Jetzt ist er fort. Der OBLAK kennt das alles. Er macht sich mit den Seinen auf, das schwarze Gewölk an der SUHA, dem Trockenbach entlang nach KRašNA VAS zu treiben. Das ist Kristendorf unter der ROZALIJA, dem Rosalien- oder Hemmaberg. Christendorf schreibt man nicht. Diese korrekte Schreibweise würde zu sehr an die ALTSLOWENEN erinnern, die das Römerkastell eroberten. Den unterlegenen Christen wiesen sie ihr eigenes Dorf zu. 
HEMO HEMO rufen die Hirtinnen und Hirten des OBLAK. Heim geht’s, heim geht’s!
In der Dämmerung rufen die KRAVE, die Kühe, nach dem Stall, pieseln die DECVE, Mädchen und die PUEBI, die Burschen, das Hirtenfeuer aus. Das Lager der KAZAZEN, des altkärntner Militärs, das immer „die Edlinger“ genannt wird, ist geräumt. Unter den Bäumen warten ihre Schatten auf ein Signal. Beim KRES, dem Sonnwendfeuer, bemächtigen sie sich der Dörfler. Sie springen mit ihnen übers Feuer, sie singen und jauchzen mit ihnen. Ihre struppigen Pferde stampfen und stoßen gegen die Wurzeln und schnauben. Die Kühe finden von selbst in ihre Ställe. Die Sprünge der barfüßigen Hirten gelingen jetzt besonders weit. Mit geschlossenen Augen dauern sie kleine Ewigkeiten.

Auch diese Gösselsdorfer und die anderen Dörfler rundum gibt es nicht mehr. Sie feiern an der LJUBLJANICA in der Nacht. Der Letzte von ihnen, der im Dorf SLOWENISCH sprach, reiste oft mit dem Rucksack weißbärtig und gebeugt und immer SLOWENISCH sprechend nach CELOVEC, Klagenfurt. Im Café Kristall in der Bahnhofstraße, das es auch nicht mehr gibt, durfte er außen seinen Kaffee einnehmen, niemals innen. Nachts lebte er auf. Er fütterte seine Tiere und sprach mit ihnen. Eines nachts spannte er sich wieder in den Garling, Ziehkarren, ein, um Futter zu schneiden. Ob er die žOVNCA, die PEHTRA oder einen anderen dieser Felsen am Fuß der SLIEMNA östlich des Dorfes PODJUNA benutzte, weiß man nicht. Nachts öffnen sich die Weg, wusste er, die unter dem Gebirge hindurch nach Hause führen. In seinem Gehöft unter der Kirche von GOSELNA VAS lag er einige Wochen lang. Als seine Gösselsdorfer Nachschau hielten, stand sein Mund offen wie ein Mauseloch, glich seine Haut dem Kalkstein seines Hauses und war von Nachttieren angeknabbert.

Es ist Nacht in LJUBLJANA und ein Dichterbus rollte winzig geworden und unerlaubt in den Mondschatten des France Prešeren – Denkmals auf dem Hauptplatz Sloweniens. Er ist bis auf den letzten Platz mit Nachttieren besetzt, auch mit Hirsch- und Borkenkäfern, Kakerlaken und Ohrenschliefern und Marienkäfern. Und mit Dichterinnen und Dichtern. Die LITERARNA KAVARNA, das Literaturcafé, das es nicht mehr gibt, öffnet seine Pforten und alle sind wieder da, die es nicht mehr gibt.

Der Kerschbaumer, der SPENDAL, die MIčE MARIJA MIC, der letzte Gösselsdorfer SLOWENE, sogar der OBLAK mit seinen Untergebenen. Und die Dichter. So lange sie schreiben oder vorlesen und einander zuhören, spüren sie keinen Schmerz. Je mehr Zuhörer und Leser sie finden, desto leichter wird ihnen ums Herz. Und ihnen gehört die Nacht.


 
Del Vede ist ein sprachgewaltiger, in beiden Landessprachen beheimateter Kärntner Literat, der als phantastischer Märchenerzähler in den letzten Jahren bekannt und sehr beliebt wurde. Von 1983 bis 1987 war Del Vede (als DEL Vedernjak) Regionaldelegierter der IG Autoren für Kärnten und veranstaltete in dieser Zeit jährlich das Literatur-Festival KÄRNTNER FRÜHLING. Dieser hatte sich aus einer literarischen Initiative einiger junger Kärntner Autoren heraus zu einer Veranstaltung entwickelt, die in der literarischen Öffentlichkeit auch außerhalb des Landes steigende Beachtung und Anerkennung fand.

Fotos © Gabi Russwurm-Biro

Facebooktwittergoogle_plus

Lob auf Antonio Fian – Laudatio zur Verleihung des Würdigungspreises Literatur des Landes Kärnten 2016 von Elmar Lenhart

„Es freut mich mit Antonio Fian einen Autor ausgezeichnet zu sehen, der sowohl ein vielseitiges Werk vorzuweisen hat, wie auch einen unverkennbaren Stil, der in sehr verschiedenen Gattungen und Genres zur Anwendung kommt. Hier ist ein Versuch einer sehr kurzen Charakterisierung seines Oeuvres:

Seine Literatur ist geprägt von der Lust am Wort- und Sprachspiel, von der Variation des Tons und der Sprechweisen. Seine Literatur ist außerdem extrovertiert, wendet sich direkt an den Lesenden und enthält auch in der Prosa immer eine Spur von einem dialogischen Prinzip, das Kontakt hält mit den Lesenden und deren Lebenswelt.
Die häufigsten Themen sind denn auch Reaktionen auf aktuelle Geschehnisse, das Soziale und das Politische, eine Art von Auseinandersetzung, die nicht im Elfenbeinturm stattfindet und die – das finde ich bei den gegenwärtigen Trends bemerkenswert, – nicht den Autor selbst und seine Befindlichkeit zum vorzüglichen Thema seiner Literatur macht, sondern den Blick nach außen richtet und der Bewertung einer eigenen Wahrnehmung vertraut. Und deshalb mag für Antonio Fian das gelten, was Benjamin über Kraus geschrieben hat: „der Gegenstand wuchs ihm unter den Händen“. Die Assoziation kommt, denke ich, nicht von ungefähr, denn vieles aus Fians Werk steht in der Österreichischen, Krausschen Tradition der Ironie.
Antonio Fian kennt man als Autor, der schon einmal als streitbar und doch auch als still bezeichnet wurde, als einen, dessen Kritik nuanciert, meist in Literatur und Metapher verpackt daherkommt, der Stellung bezieht, ohne zu polemisieren und lieber Umwege geht als unzulässig zu vereinfachen.
Vor allem ist er ein Meister der kurzen Formen, die in wenigen Sätzen viel sagen. In den Erzählungen sind mitunter kafkaeske Angst und Horror-Szenarien verhandelt, Einsamkeit und Entsetzen. Der Blick für das Wesentliche ist dabei ein hilfreiches Scharnier um vertraute Wunschvorstellungen auszuhebeln. Zu meinen Lieblingserzählbänden gehört deshalb der Band Einöde. Draußen, Tag.
Seine Gedichte sind mir ebenso lieb. Sie behandeln deutlicher als die anderen Texte die Bereiche des Privaten. Und auch hier trifft man auf Formenreichtum. Vom Sonett bis zum Laut- und dem graphischen Gedicht reicht das Repertoire. Im Gegensatz dazu stehen die Hörspiele, insbesondere die, die er zusammen mit Werner Kofler verfasst hat, im Zeichen des lauten Zynismus. Es dominiert das Sprachspiel, das Autoreferentielle, das „bis zur Kenntlichkeit verzerren“. Verbrechen, Psychiatrie und Rassismus sind hier die großen Themen die in ihrem metadiskursiven Rahmen keine Fluchtmöglichkeit in falsche Verklärung gewähren.

In seinen Aufsätzen beweist Fian einen besonderen Blick für Phänomene, die von der Literaturkritik bisweilen übersehen werden. Er bringt uns zu Bewusstsein, welche Rolle der Schriftsteller im Diskurs ausübt und fügt sich gleichzeitig in diese Rolle ein. Es gibt ein Sehen nach dem Blick betitelt sich ein Aufsatzband und an dieser Maxime scheinen mir die Texte gemessen zu sein. Bezeichnenderweise ist der titelgebende Aufsatz selbst eine Überschreitung der Gattungsgrenzen, er spaziert leichtfüßig ins dramatisch-visuelle. Das ist oft zu beobachten und herausragendes Kennzeichen von Fians Literatur insbesondere der Gattung, der er zu besonderer Popularität verholfen hat.
Mit der Erfindung des Dramoletts ist ihm etwas Besonderes gelungen. Hier wandelt man zwischen den Kunstformen und fühlt sich doch nicht fremd. Das Dramolett scheint eine Brücke zu bauen zwischen dem Theater und der bildenden Kunst mit den Mitteln der Literatur. Wenn ich das kurz erklären dürfte: Auftritt und Dialog erwecken eine dynamische Erzählsituation, die sich in einem weiteren Schritt in ein Still, ein Bild verwandelt. Mit Ausnahme von Wolfgang Bauer, dessen Mikrodramen mit den Dramoletten zwar nicht vergleichbar sind aber eben doch auch zu den Minidramen gezählt werden, hat es meines Wissens niemand im deutschsprachigen Raum unternommen diese kurze Form so weit auszuarbeiten, dass sie all diese Möglichkeiten entwickelt. Lassen Sie mich als Beispiel nur eine Serie herausgreifen, die das illustriert:
Wenn die beiden in die Jahre gekommenen Nachwuchsvolleyballer, der kunstsinnige namenlose Sportler und sein Freund Imme an den Ufern des Wörtersees stehen, noch dazu am Steg des Strandbads zur Unzeit, so scheint ihr Dialog in ein Bild gegossen, das von Caspar David Friedrich stammen könnte. Man könnte den Titel „zwei Männer in Betrachtung des Wörtersees“ wählen. Wir stehen als Lesende gemeinsam mit diesen beiden ein wenig tragischen Figuren vor diesem Panorama. Das Wort „valossen“ bleibt unhörbar und steht auch nicht geschrieben. Fians Verdienst ist es hier allen Nicht-Kärntnern wie mir mit diesen Texten ein Fenster zum Mysterium der Kärntner Melancholie zu öffnen: Das Zaudern, das im Widerspruch zum Sportland steht, das Panoramatische, das vor der kleinen Tragikomödie verschwimmt, die Assoziation mit dem großen, wortreichen Immanuel und die minimalsprachliche Geste seines Kärntner Namensträgers.
Mir scheint, dass Fian in der Art wie er diese Form der Komik erzeugt dem amerikanischen Cartoonisten Gary Larson nahesteht, handelt es sich doch um eine Komik, die oft von der Setzung eines einzigen Details abhängt, davon, dass, wie im erwähnten Beispiel innerhalb einer großen Szene, die aneinander reibenden Gegensätze nur diskret angedeutet werden dürfen um Wirkung zu entfalten. Das ist eine große Kunst, wenn sie gelingt.
Wir erleben in Antonio Fians Werk die Entfaltung der Satire und des literarischen Zynismus, von dem Albert Drach bekanntlich gesagt hat, dass er ein Anwendungsfall der Ironie sei. Mit diesen Mitteln ist die Aufmerksamkeit auf das Alltägliche und das darin einbrechende Politische gerichtet, der Blick auf das Wesentliche im gesellschaftlichen und politischen Handeln. Auch wenn das dem Autor vielleicht jetzt nicht gefallen wird: Ich empfinde Antonio Fians Texte als Kommentar zur Wirklichkeit und Unterstützung bei der Wahrnehmung derselben. Er tut damit das, was von Schriftstellern oft geradezu gefordert wird und er macht es gut. Vielen Dank und herzliche Gratulation zu diesem Preis.“

© Mag. Dr. Elmar Lenhart, Kärntner Literaturarchiv am 15. Dezember 2016 in Ossiach zur Preisverleihung.

Ich danke den Autor für die Erlaubnis die Laudatio als Gastbeitrag veröffentlichen zu dürfen.

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

Facebooktwittergoogle_plus

Von der Poetik des Mäanders – Laudatio zum Humbert-Fink-Preis 2016 an Engelbert Obernosterer von Katharina Herzmansky

„Eine charakteristische Linie in meinem Lebenslauf sehe ich darin, dass es mich, den Bauernbuben, kaum dass ich mich umschauen konnte, aus den Geleisen des Bäuerlichen gekippt hat. Ernstlich gewillt, das Beste aus dem minderen Ausgangsmaterial zu machen, strebte ich sogar den Priesterberuf an. Zu meiner eigenen Überraschung aber geriet ich so gründlich vom dorthin führenden Weg ab, dass ich mir den Hochwürden in die Haare schmieren konnte und mich mit einer kleinen Richtungsänderung ins pädagogische Metier hinein rettete. Leider habe ich auch als Pädagoge nie ganz begriffen, was eines Pädagogen ist. Immerzu ritt mich der Teufel: einmal links weg, einmal im gestreckten Galopp auf einen Abgrund zu, am öftesten aber hinaus ins unerkundete Gelände der Literatur.“

Schöner und treffender kann man Engelbert Obernosterers Lebensverlauf, der auch mit seinem literarischen Streben und Drängen, mit der Poetik seiner Texte in eins fällt, nicht darstellen. Die Stelle stammt aus der bislang jüngsten Publikation des Autors, aus dem im Vorjahr erschienenen Buch Der Kampf mit dem Engel.

Es ist keine so leichte Aufgabe, über jemanden zu sprechen, der selbst wenige Worte braucht, um viel zu sagen. Und es ist ein sinnwidriges Unterfangen, das Werk eines Autors zu schematisieren und zu systematisieren, dem es gerade darum geht, das Gesehene, Erschaute, Erlebte, das Geschriebene eben nicht in ein regulierendes Korsett oder Raster zu zwängen, sondern die Dinge sich frei entwickeln zu lassen. Engelbert Obernosterer weiter im Kampf mit dem Engel:

„Nun, da ich mich ihr [der Literatur] in aller Ruhe widmen kann, ergeht es mir beim Versuch, etwas geradlinig zu erzählen, ähnlich: Was in mir vorgeht, drängt mich vom geplanten Verlauf ab, hinaus gegen das Formlose, so dass, was ich erzählen wollte, ein von den Mächten des Zufalls bestimmtes Mäandern wird, das an den Verlauf des das Tal durchziehenden Flusses erinnert, bevor er reguliert worden ist.“

Daran möchte ich denken, geschätzte Damen und Herren, lieber Engelbert, wenn ich im Folgenden versuche, meinen Gedanken über Engelbert Obernosterer und seine literarische Welt möglichst freien Lauf zu lassen und dabei doch auf meiner Ansicht nach Wesentliches seiner Textwelt zu sprechen zu kommen.

Standort

Charakteristisch für viele der Werke Engelbert Obernosterers ist eine Bestimmung des eigenen Standorts, der Position des Erzähler-Ichs und der sich daraus ergebenden Perspektive. Das ist oft ein Blick aus dem Fenster, auf das Nachbarhaus oder die Einfahrt zum Nachbarhaus beispielsweise, auf einen Berghang, auf den Schreib- oder Küchentisch und das ist immer wieder auch ein Blick in den Spiegel.

Es handelt sich dabei zuallererst um ein Sich-in-Beziehung-Setzten zur Welt, zu einem Gegenüber, um ein Verorten der eigenen Person aus einem Zustand der Unsicherheit bzw. des Undefinierten, Diffusen auch Formlosen heraus, etwa wie aus dem Schlaf, wenn das Auge sich erst einstellen und die Dinge fokussieren muss, wenn sich sowohl der eigene Mensch erst wieder zusammensetzen und Gestalt annehmen als auch die oft noch als schummrig oder flimmernd erscheinende Umwelt wieder in eine Form bringen muss.

Es sind wunderbare Textstellen, die Engelbert Obernoster in diesem Zusammenhang geschaffen hat, und es wäre vergnüglich und lohnenswert, sie einmal nacheinander aufzufädeln und zu lesen: wie noch nicht geputzte Brillen den Erzähler „mit den Vorgängen einer ländlichen Ortschaft verschmieren“, wie es in Grün heißt, wie eine „Herde von Häusern“ in „einem flimmernden Grau verschummert“ und zuletzt „mitsamt seinen Eigenbrötlern und Wichtigtuereien im blauen Dunst aufgeht“ (Das grüne Brett vor meinem Kopf), wie die „Lichtkeile“ eines Berghang sich im Auge des Betrachters „zu einem Bild beruhigen“ (Ortsbestimmung) oder wie, zuletzt in Der Kampf mit dem Engel, die Verrichtungen einer Frühstückszeremonie eine Rekonstruktion und Vergewisserung der eigenen Person, letztlich einen Begriff vom neuen Tag und vom Dasein bedeuten.

Was da – wie überhaupt alles bei Engelbert Obernosterer – scheinbar so beiläufig daherkommt, so alltäglich wie der morgendliche Kaffee und die Zeitung, ist im Grunde immer auch aufs höchste philosophisch. Nichts weniger als Fragen der Beziehung zwischen Ich und Welt, von Wahrnehmbarkeit und Mitteilbarkeit der Wirklichkeit, Ordnung und Unordnung, Form und ihrer Auflösung, letztlich auch nichts weniger als der Vorgang des Schöpferischen, des Form-Gebens durch die Sprache, aber auch der Vorgang des Deformiert-Werdens, der verletzenden und verstümmelnden Schubladisierung der Dinge durch das Benennen und die Begriffe, wird hier auf äußerst sympathische, nonchalante und ironisch-witzige Form verhandelt. – Wobei bei Obernosterer nicht klar auszumachen ist, ob am Anfang das Wort oder das Bild steht; vieles spricht für einen visuellen Zugang, für das Bild, das zur Sprache wird, einiges aber auch für das Wort, das aus einer diffusen Ursuppe heraus erst Bilder formen kann. Letztlich bleibt die Frage nach der Kommunizierbarkeit der Welt und ihrer Erscheinungen bei Engelbert Obernosterer in einer eigentümlichen Schwebe.

So wie sich Wort und Bild die Waage halten, bleiben Nähe und Distanz, Anziehung und Abstoßung in einer nicht aufzulösenden schwebenden Beziehung. In seiner allerersten Buchveröffentlichung, Ortsbestimmung aus dem Jahr 1975, in der Autor die Verortung, die Bestimmung des Verhältnisses von Erzähler und seinem Erzählgegenstand zum übergeordneten Thema macht, heißt es:

„Es ist einmal ein Dorf. Etwas abseits von Ort und Zeit liegt es in der Ebene, die ich mein Niveau nennen möchte. Etwas ragt darüber hinaus. Der Kirchturm ists, wenn ich genauer hinsehe. Wegwärts ragt er, um mit seiner Spitze doch wieder auf mich herüber zu deuten.“

Der klassische Obernosterer ist von Anfang an da; erlauben Sie mir hier ein paar Abschweifungen, ein paar Abstecher ins Textgelände. Am Beginn steht die Verfremdung eines Märchenanfangs: „Es war einmal ein Dorf.“ Das zentrale Sujet wird ausgestellt. Dem Raum-Zeit-Gefüge gleichermaßen enthoben, begibt sich ein Ich-Erzähler mit ihm auf ein Erzählniveau. Fast wie ein Maler oder ein Fotograf, der seine Staffelei bzw. sein Stativ aufstellt, nähert er sich an. Augenfällig ist denn auch die bildnerische, die grafisch-geometrische Herangehensweise. Mit wenigen Strichen wird auf eine Horizontale eine Vertikale, auf die Ebene ein Kirchturm gesetzt, werden verschiedene Punkte bezeichnet, die zu einem mehrdimensionalen Bezugsraum verbunden werden können. In dem von ihm errichteten Liniennetz bleibt der Erzähler mit einbezogen, manchmal auch verfangen, so sehr er auch versucht, Distanz zu halten. Wir haben es gehört, der Kirchturm ragt wegwärts und weist doch auf ihn zurück. Und weiter in der Ortsbestimmung:

„Von Spannungen verbogen und unruhig zeigt sich das Gelände, bis die ersten Worte gesetzt werden. Die Furchen auf den Äckern graben sich in meine Stirne, während ich über die selbstverständlichen Verrichtungen der Pflüger nachdenke. Ich bin mit meiner gefurchten Stirne ziemlich allein. Über das Pflügen an sich läßt sichs nicht nachdenken. Man kann allenfalls eine Zeitlang hinter einem Pfluge hertrotten, um schließlich doch gewahren zu müssen, daß man sich vom ersten der gesehenen Pflüge, dem einzig wahren Pflug, mit jedem Schritt weiter entfernt hat und jetzt auf einem fremden Acker steht.“

Augenfällig ist auch die Semiotisierung der Umgebung, der Zeichencharakter, den der Autor den Dingen verleiht. Die Oberfläche verweist auf Inneres verwiesen, die Struktur der Landschaft auf die Struktur des Gemüts. In einer kargen Welt, wo für Gefühle wenige bis keine Worte vorhanden sind, lässt Engelbert Obernosterer seit jeher die Dinge sprechen. Die Sprache als Mittel der Kommunikation ist in diesem Falle das, was den Erzähler von den anderen, was den Gedankenpflüger von den Pflügern der Äcker, trennt.

Das Gefühl, auf einem fremden Acker zu stehen, wird Engelbert Obernosterer nie verlassen. Es wird die Position eines außenstehenden Beobachters und damit auch den kritischen, scharfen und satirischen Blick, insbesondere auch auf die Schwächen und Missstände seiner Umgebung, ermöglichen. Es wird aber auch einen melancholischen Ton in sein vordergründig heiter-satirisches Erzählen bringen, spürbar als eine Verhaltenheit, als ein Zurücknehmen der eigenen Person, eigentlich die gesamte Schreibbiografie hindurch. In Mythos Lesachtal, 2005 und also 30 Jahre nach der Ortsbestimmung erschienen, ist zu lesen:

„Ein sehr beredter Berghang eigentlich, in den sich der Hof meiner Eltern eingenistet hat. Jedes Mal wenn ich ins Tal fahre, winkt er mir schon von weitem zu mit seinen Ackerstreifen und Wiesenfahnen. Ich möge mir für ihn Zeit nehmen, er hätte mir viel zu sagen, gestikuliert er mir aufgeregt entgegen. Aber wie viele Leute aus dem Tal, die etwas auf dem Herzen haben, letztlich nur steife Schultern bekommen und nichts herausbringen, bleibt auch das Gelände meiner Kindheit steif vor Sprachlosigkeit.“

Diesem Gefühl von der Distanz und Unerreichbarkeit verdanken wir letztlich die unaufhörliche Suche, die unablässige Annäherung an den Hang der Kindheit und damit das Schreiben, verdanken wir die Literatur des Engelbert Obernosterer, verdanken wir eine Darstellung eines Tales und seiner Menschen, die genau, liebevoll und kritisch zugleich ist, verdanken wir die schönsten, wahrhaftigsten, weil ungeschönten sprachlichen Bilder, die es über diese Welt gibt, über das Mähen beispielsweise, über die ländliche Arbeit, über das Kindsein am Land, über die Alten, über die Zeremonien, über Weltlichkeit und Geistlichkeit, über die Magie der früheren Zeit und über das Verlorengehen des Magischen, über die inneren und äußeren Veränderungen durch den Tourismus, durch den sogenannten Fortschritt, über das Häuselbauen, über das Eheleben, über den Schulbetrieb, den Literaturbetrieb, über das Wetter und seinen Einfluss auf die Menschen, über ihre Kleidung, über alles – nichts ist diesem Blick zu wenig, zu minder.

Es sind Weltenstücke des Alltäglichen, die diese Literatur ausmachen. Und damit kommen wir zur charakteristischen Erzählform des Engelbert Obernosterer, der Prosa-Miniatur. Die Fähigkeit, in reduzierten sprachlichen Bildern ganze Welten zu fassen, in Erzählkernen ganze Geschichten anzulegen, nicht im Gedicht, sondern in der Prosa wohlgemerkt, ist einzigartig in der österreichischen Gegenwartsliteratur, soweit ich sie überblicke. Engelbert Obernosterer entwickelt sie von Anfang an, bedingt, wie ausgeführt, durch den genauen Blick aufs Nahe- und Nächstliegende, bedingt durch das Ausschnitthafte dieses Blicks. Und er treibt diese Form auf die Spitze, treibt die Miniaturen in Richtung Auflösung. Dass alles Welt ist, nicht nur die Weite, das hat kein anderer so eindrücklich klar gemacht, und dass der Mythos im Alltäglichen und im Erzählen darüber begründet liegt, wohl außer Engelbert Obernosterer nur noch Roland Barthes.

Dynamik

Neben der Welthaltigkeit im Kleinen fasziniert eine weitere Eigenschaft der Texte Engelbert Obernosterers, die man ebenfalls gar nicht so leicht zu fassen kriegt. Es ist eine den Texten innewohnende Dynamik, eine dem Schreiben eigene Bewegung, ein Drängen, das immer auch über den Text bzw. die jeweilige Textstelle hinausweist. Wenn wir uns die eingangs zitierte Stelle, den komprimierten Lebenslauf, in Erinnerung rufen, und damit zum Anfang zurückkehren, so ist das pure erzählte Bewegung. Von Linien und Verläufen ist die Rede, von vorgegebenen Geleisen und Bahnen und von einem, der daraus kippt, vom Weg abkommt, und zwar weil ihn, wie er schreibt, der Teufel reitet oder Mächte des Zufalls bestimmen, der entweder weit über das Ziel hinausschießt oder kurz davor das Ruder herumreißt, auf einen Abgrund zusteuert oder ins offene, unerkundete Gelände (der Literatur) hinaus.

In so gut wie allen Texten Engelbert Obernosterers haben wir es mit einem Autor bzw. einem Erzähler zu tun, der, nachdem er sich einmal kurz verortet hat, auch schon wieder unterwegs ist, physisch und in Gedanken auf Erkundung, im umliegenden Gelände, und diese Bewegung auch zum Thema macht. Wenn man sich die umfriedeten Weltenstücke des Engelbert Obernosterer genauer ansieht, so sind sie auch nie geschlossen, meist führt ein Weg, eine Straße hinaus, aus der Einfahrt, vom Feld weg, aus dem Dorf, aus dem Tal hinaus. Auch das wäre eine wunderschöne Miniaturen-Kette, die Stellen über Fahrten ins oder aus dem Lesachtal hinaus aneinanderreiht! Zudem handelt es sich bei dem Textgelände Engelbert Obernosterers stets um zumindest doppelbödiges Terrain, und es scheint, als sei darin eine Art innere Tektonik wirksam, die den, der dieses Terrain betritt, wenn schon nicht aus der Bahn wirft, so zumindest kurz stolpern oder innehalten lässt. „Meinem Wesen entspricht eher das Zweirad“, so Engelbert Obernosterer in Das grüne Brett vor meinem Kopf. „Was mehr als zwei Räder hat, scheint mir auch, was mehr als zwei Beine hat, zu sehr dem Boden verhaftet. Am Zweirad fasziniert mich, dass es den Boden lediglich an zwei Punkten berührt, zwei möglichst kleinen Punkten, und das nur, um sich davon abzustoßen.“

Die dynamische Erzählperspektive, die mit Leichtigkeit, manchmal auch mit einer gewissen Holprigkeit, mit Heiterkeit und Witz einhergeht, bedingt nicht zuletzt auch eine filmische Komponente und ist kennzeichnend für den „Zeilenwanderer“, den „Flurwärter“ Engelbert Obernosterer, wie er sich bzw. sein Erzähler-Ich auch selbst bezeichnet hat. In dieser Dynamik kommt eine Widerständigkeit zum Ausdruck, ein ständiges sich Abstoßen, Sich-nicht-festmachen und festnageln-Lassen. Daher kommen auch die geistigen Bocksprünge, daher kommt auch das Bild vom Leben wie vom Erzählen als einem Fluss, und zwar der wilden, alten Gail vor ihrer Regulierung.

Lieber Engelbert, ich mach hier Schluss; bleib du in Bewegung, unterwegs, widerständig, drahtig, teilnahmsvoll, das wünsch ich dir und das wünsch ich uns: noch viele Gedanken, Geistelblitze, noch viele, viele Zeilen – herzliche Gratulation zum Humbert-Fink-Literaturpreis!

© Katharina Herzmansky

Ich danke Mag. Katharina Herzmansky für die Erlaubnis ihre Laudatio als Gastbeitrag in meinem Blog veröffentlichen zu dürfen.

Foto (c) Gabriele Russwurm-Biro

Facebooktwittergoogle_plus