Zu Füßen des Dichters – Die Stadt nicht aus den Augen lassen – Marathon in der Klasse M 70 – Zweite Dichterfahrt nach Ljubljana der KAUS/A

Die Stadt nicht aus den Augen lassen war das Motto der zweiten Dichter- und Dichterinnenfahrt nach Ljubljana organisiert von der Kärntner Autorengemeinschaft KAUS/a im Rahmen des Projektes LAIBACH – WIR KOMMEN! Zur Überwindung der Grenzen zwischen Nachbarländern – Mitte März.
Wir wollen einander besser verstehen – ein wahrer Marathon nimmt da seinen Anfang. Ljubljana ist nicht weit von Klagenfurt, und es hilft wahrscheinlich wenig, immer nur von den guten – oder weniger guten – kulturellen Nachbarschaftsbeziehungen zu den Slowenen zu reden, man muss hinfahren und dort vor Ort Literatur aus Kärnten präsentieren. So möchten wir einen Dialog ins Leben rufen – ganz ohne Politik – nur auf Literatur basierend und dem Willen auf eine grenzenlose Verständigung.
Strahlendes Wetter begleitete die hoch motivierte Dichtergruppe auf ihren Wegen zur Erkundung der Metropole an den Ufern der Ljubljanica. Diesmal stand die Dichterpersönlichkeit France Prešeren im Mittelpunkt, viele Details aus seinem Leben kamen ans Licht – für einen Augenblick.
„Es ist der Beginn der Erkundung einer wunderschönen Stadt in unserer Nachbarschaft. Während man durch die Stadt wandert, erliegt man sehr schnell ihrem Charme. Das quirlige Leben, die vielen jungen Manschen, die vielen liebevoll gestalteten Läden und Cafés erfreuen das Auge. Daneben atmet auch überall die wechselvolle Geschichte dieser alten Stadt. Wie eine lebendige Ader durchzieht auch ein Fluss diese Stadt. An den Uferpromenaden unzählige volle Cafés und Gaststätten, die auf das von der Sonne glitzernde Wasser schauen. Verzaubert sitzt man bei einem Glas Wein und beobachtet die Leute…“ (Willi Wolschner)
Zu Füßen des Dichters (Christine Tidl)
„Zu Füßen des Dichters, seiner Liebe zu Lulija und den Geschichten seiner Stadt begegne ich den vielen jungen Menschen bei Sonnenschein an den Ufern der Ljubljanica. Über die Drachenbrücke hinein in die Altstadt. Strahlend blau der Himmel über barocken Fassaden. Micha, der Zeitungsverkäufer, überrascht mit Witz und spricht meine Sprache. Ein kluger Beobachter der Fremden, die, so wie ich, in dem gemütlichen Café Platz genommen haben. Buntes Treiben drüben am Markt.
Die Frau beim Gemüsestand greift in den Bottich. Eine Handvoll saurer Rüben. Kein Wort zwischen uns. Wir kennen uns nicht. Sie zeigt hin auf den Preis. Wir lächeln uns zu als wären wir alte Bekannte. „Koroška?“ die Frage an mich. In den weichen Lauten, dem Singsang der Sprache schwingt sanft die Melodie meiner Heimat. Ich nicke „Celovec!“ Da lachen wir beide. (©Christine Tidl, März 2017)
Reisen
Wollen
Köpfe
weiten
Gedanken
Können
Worte
Finden
Lieder
Öffnen
Herzen (©Christine Tidl, März 2017)

Im Augenblick (Del Vede)
Vom Kirchturm herabgesehen, auf den nie jemand aufsteigt und die Arme ausbreitet, scheinen diese Häuser ihrer Klobigkeit und ihrer Fassaden leid zu sein, und sie brechen auf – irgendwohin. Etwas Vergessenes erfasst sie von Neuem. Manchmal träumt diese Stadt und ihre Häuser summen und singen und begehren auf. Sie laufen dir über den Weg. All diese jungen Leute in Ljubljana, die hoffen, sich noch heute zu verlieben. Die durch Gassen zappeln und lärmen, dass sie nicht wahrnehmen, wann dieser Augenblick eintritt. Nur einer. Und doch der Erste von vielen. Sie sind von sich selbst und von ihrer Suche überwältigt und halten nicht inne, wenn er endlich eingetroffen ist. Sie gehorchen ihm nicht und der Augenblick streicht an ihnen vorüber. Es wirbeln und wehen so viele durch die leeren Gassen und müssen vergehen. Doch die Häuser haben ein Einsehen und kehren zurück.
Wird ein Augenblick festgehallten, folgt ihm, manchmal, ein nächster augenzwinkernd, noch einer und immer mehr. So sehr wünscht sich ein jeder von ihnen zu bleiben und gedehnt zu werden. Zu einer langen Jahreszeit. So sehr, dass er mit einem jeden vorliebnimmt. Sogar mit dir.
(Nachdem sich Koordinator und Literaturliebhaber Willi Wolschner, der nur auf See vollkommen glücklich ist, an den Häusern von Ljubljana sattgesehen hat, und an der Anmut und Schönheit der Frauen, die diese Stadt bevölkern, blickt er zur Muse des France Prešeren empor, die über dem Hauptplatz schwebt, und greift nach diesem Text. Er kniet sich auf die Stufen des Prešeren-Denkmals, liest vor und lässt die Stadt nicht aus den Augen.)
Mein Laibacher Marathon (Benno Linzer)
„Seit 55 Jahren laufe ich Wettkämpfe, davon fast 300 Marathonbewerbe. Heute dehnt sich vor mir ein Marathon, dessen Strecke ich nicht kenne. Meine Mitläufer sind Dichterinnen, Dichter und Büchernarren. Das kann nicht gut gehen. Dass mir dieser Grenzmarathon alles abverlangt, erkenne ich bereits beim Warmlaufen im Café Angelina neben der Klagenfurt Arbeiterkammer vor dem Bussteig 16 beim Alpe-Adria-Bus. Die anderen trinken Kaffee, scherzen und reden sich warm, laufen aber nicht. Im Bus werden mir plötzlich Grenzen erklärt, in deren Nähe wir gelangen oder überqueren. Die Grenzen der Stadt St. Ruprecht, die des Dorfes Otoce, dieses Inseldorfes mit 18 slowenischen und nur zwei deutschen Hausnamen, na und? das zum Stadtteil Waidmannsdorf wurde. Also daher kommt die Bezeichnung Siebenhügel, nicht von Rom. Die ehemalige Moorgrenze im Kärntner Abwehrkampf. Die Grenze, die man gegenüber Eindringlingen zog, die man vom Turm auf Strasisce, dem Wachtplatz, heute Straschitz mit drei slowenischen Hausnamen, im Blick behielt.
Und noch mehr Grenzen der Wahrnehmung gibt es bis zu den Kosute, den Hirschkühen, wie die Karawanken zuvor genannt wurden. Die letzte Kuh, die „Kosuta“, gibt es ja noch. Dagegen kann ich im Grenzbus der AlpeAdria-Linie nicht anrennen, obwohl es mich als gebürtigen Wolfsberger für 40 Jahre als Gastarbeiter nach Bayern verschlagen hat, blieb ich hier verankert. Dort wurde ich 37 Mal bayrischer Meister. Auf den Laufstrecken musste ich sogar gegen Wildschweine anrennen, während mich dieser Bus mühelos über all diese Grenzen rollt. Bei der Autobusna Postaja geht es wieder nicht los, weshalb ich meinen Mitläufern über die Sportlerehrung in Wien zum Endstand 2016 berichte. Erster Platz in der Klasse M 70 (siebzigjährige Männer). Im Wettkampf mit allen, insgesamt 11.632 Läufern, allen jüngeren eingeschlossen, erreichte ich den 47. Platz.
Auf dem Weg zum Begrüßungskaffee im Union in der Miklosiceva fordere ich die anderen heraus: 6000 Kilometer laufe ich ungefähr im Jahr – und Ihr, meine Lieben? Viermal absolvierte ich bereits 100-Kilometer-Läufe – und Ihr? Die längste Strecke lässt mich 164 Kilometer lang nicht los. Da läufst du auch nachts, und Ihr? Bei diesem Marathon laufen wir gemeinsam und sprechen mit allen, die wir treffen, bis sich alle besser verstehen. Wir wollen nicht ein jeder für sich und vor den anderen gewinnen. Wir wollen einander besser verstehen!“

Der Feuervogel / ENGELSCHREI (DEL Vede)
Ich bin das Licht, das gut ist, weil es böse ist.
Du läufst ihm davon und entkommst ihm doch nicht.
Suche nicht.
Du erblickst nur einmal: mich!
Ich entzünde, was gerade ist.
Ich verbrenne, was einmal war.
Damit alles endlich gewesen ist.
Brenne, brenne Gegenwart.
Sie ist nicht mein Ort.
Sie ist nichts.
Das gilt auch für dich.
Im Lichte meiner Aufmerksamkeit verglüht dein Licht.
Suche mich nicht.
Ich fand dich schon lange. (© Del Vede 2017)

Für diesen Text, einem Engelschrei, betätigte sich Christine Tidl als Vorleserin. Sie trug ihn als Vorschau auf ein Literaturcafé LITERANA KAVARNA in Klagenfurt und in Ljubljana vor, welches einige Dichterinnen und Dichter der KÄRNTNER AUTORENSOLIDARITÄT in Aktion KAUS/a vorbereiten und am liebsten mit Unterstützung des Kärntner Kunstvereins durchführen möchten.
Foto © Gabriele Russwurm-Biro
Bildtitel: AutorInnengruppe vor der Abfahrt in Klagenfurt /Busbahnhof: Benno Linzer, Willi Wolschner, Christine Tidl und Organisator Del Vede (v. li.)

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