„Wilde Weiber“ – IG-Lesemarathon der FRAUENZIMMER in der Walpurgisnacht

In der Walpurgisnacht veranstalteten die IG Autorinnen Autoren Kärnten im Musilhaus Klagenfurt einen Lesemarathon der FRAUENZIMMER. Diese Veranstaltung wurde im Jahr 2011 (anlässlich des 100. Internationalen Frauentags) von IG-Chefin Ilse Gerhardt ins Leben gerufen und zur Lesetradition in Kärnten. Diesmal traten insgesamt 13 Frauen an, um ihre Texte zu aktuellen, brisanten, erinnerten oder verinnerlichten Frauenthemen zu präsentieren. Weil ausgerechnet am Frauentag, dem 8. März 2016, der Lesesaal im Musilhaus von einem Mann bespielt wurde, verlegten die FRAUENZIMMER ihren Lesemarathon kurzerhand in die Walpurgisnacht. Die dazu eingeladenen IG-Mitglieder präsentierten exakt 5 Minuten lange Miniaturen aus ihrem Schaffen.

Regina Kail-Claus eröffnete den Lesereigen mit Gedichten „Begegnung mit Fischen“. Die Autorin wurde 1951 in Zwickau/Sachsen geboren und ist in Kärnten aufgewachsen. Sie lebt in Oberkärnten und schreibt autodidaktisch. Ihr erster Gedichtband „Worte“ wurde 1999 veröffentlicht, der zweite „Zeitreise“ 2003. Im Jahre 2011, 2012 und 2013 Veröffentlichungen in der Anthologie der „Brentano-Gesellschaft / Frankfurt am Main“ . Der dritte Gedichtband „Kratzspuren“, sucht noch einen Verleger.

Christine Tidl las aktuell bezugnehmend auf Aleppo und die brisante Lage in Syrien zwei Werke. Die Autorin wurde in Wien geboren und verbrachte ihre frühe Kindheit in Klagenfurt, Sie ist Magistra der Psychologie, lebt in Seeboden und schreibt Lyrik und Kurzgeschichten. Veröffentlichungen: Eigener Lyrikband „Und meine Träume schreib ich in den Wind“, erschienen im Verlag Johannes Heyn, Klagenfurt; Lyrik- und Prosa -Beiträge in diversen Anthologien. Preise: 2014, unter den 5 besten Einsendungen des Kurzgeschichtenwettbewerbes „WortReich“ des Kärntner Bildungswerkes und der Marktgemeinde Finkenstein; 2015, 2. Preis des Kurzgeschichtenwettbewerbes „WortReich“ des Kärntner Bildungswerkes und der Marktgemeinde Finkenstein; 12. Platz beim Kärntner Lyrik Wettbewerb der STW-Stadtwerke Klagenfurt


Rebekka Scharf
brachte passend zur Walpurgisnacht einen echten, tiefgehenden „Neosuffragetten-Text“ zu Gehör. Die Autorin wurde 1974 in Wolfsberg geboren und ist nach einer aufgezwungenen Damenkleidermacherinnen-Lehre mittlerweile Studentin und als erfolgreiche Autorin tätig. Sie ist in diversen Anthologien vertreten und arbeitet derzeit an ein, zwei Büchern gleichzeitig. Bisher hat Rebekka Scharf vier Preise erhalten: 2012 den 2. Platz Lyrikpreis der STW Klagenfurt, 2013 Landesförderungspreis Literatur Kärnten, 2014 Platz 5 des Preises für Neue Literatur des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes und 2015 Platz 10 beim Lyrikpreis der STW Klagenfurt.

Anneliese Merkač-Hauser ist eine bekannte Lyrikerin und las Gedichte zum Thema „Mutter“ und „wilde Weiber“. Geboren und aufgewachsen ist die Autorin in Wels (Oberösterreich), danach folgte ein Studium der Musikpädagogik und Germanistik in Salzburg. Unterrichtstätigkeit an verschiedenen Gymnasien und Musikschulen in Salzburg und seit 1982 in Klagenfurt/Viktring (Instrumentalmusik Klavier).
Ihr lyrisches Schaffen begann ab ca. 1993. Sie ist Mitglied des Autorinnenvereins „scribaria“.
2011 Herausgabe des Buches „Samt und Leinen“ im Fran Verlag, Verschiedene Veröffentlichungen in den jährlichen Anthologien von „scribaria“.

Eva Possnig trat als „poetische Prosaistin“ in Erscheinung und las einen fein konstruierten Textteil aus einer längeren Erzählung vor.
Sie wurde 1960 in Klagenfurt geboren, wo sie auch heute lebt und arbeitet.
Abgeschlossene Studien der Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Alpe-Adria-Universität Klagenfurt. Drei Kinder. Eva Possnig arbeitet als Psychologin und Erziehungsberaterin in freier Praxis. Wichtige Arbeitsbereiche sind ua. die motivierende Lese- und Schreibförderung und die Vortragstätigkeit in der Erwachsenenbildung.

Luise Ruhdorfer
Die 71 –Jährige hat mit 50 Jahren an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt mit dem Slowenisch- und Italienischstudium begonnen, in Slowenisch ihre Diplomarbeit über das alte slowenisches St. Stefaner Passionsspiel verfasst und diese als Buch herausgegeben sowie zu diesem Kärntner Thema noch weitere zwei Bücher veröffentlicht, an einem vierten arbeitet sie, sodass alle noch nicht veröffentlichten Kärntner deutschen und slowenischen Hirten- und Passionsspiele auch publiziert sein werden.
Sie hat ihre Doktorarbeit über die Romanfiguren bei Florjan Lipuš geschrieben und sie veröffentlicht. Sie war einige Jahre Slowenischtrainerin an der VHS Villach und arbeitet derzeit an einem Buchzyklus in fünf Bänden zum Thema „Slowenisch als Fremdsprache im Alltag, in der Literatur und in der Kirche“. Band 1 mit dem Titel „Die slowenische Sprache und Kultur in Kärnten ist vor Kurzem erschienen. Im ersten Band „Die slowenische Sprache und Kultur in Kärnten“ hat sie Erinnerungsprosa über ihre Eltern, Groß- und Urgroßeltern in Deutsch zusammengefasst. Daraus las sie einen Ausschnitt „Über die Beharrlichkeit“ vor, als nämlich ihre Großmutter 1937 ihren Pass auf der BH Villach mit ihrem Mädchennamen unterschrieben hat, obwohl sie seit 28 Jahren verheiratet war und mit ihrem Mann 12 Kinder hatte.

Sieglind Demus präsentierte ihr virtuoses Können mit zwei Kurzgeschichten, die das Publikum faszinieren konnten.
Sie ist Text- und Fotojournalistin und Autorin literarischer Texte. Nach Aufenthalten in Ägypten, Asien, Uganda und Deutschland lebt sie seit dem Jänner 2013 in Villach als Schriftstellerin.
2012 bekam sie den Allgemeinen Literaturpreis der Klagenfurter Gruppe, 2013, 2014 und 2015 Preisträgerin WortReich, 2015 erhielt sie zwei Arbeitsstipendien des Bundeskanzleramtes und arbeitete an den literarischen Projekten: Begegnungen – können Dein Leben verändern oder auch nicht /Und die Liebe?/ Horror vacui/Himmelangst/
Einige Texte sind in Anthologien und Literaturzeitschriften gedruckt und auf ihrer Homepage nachzulesen.

Mein Engel

Hilf mir, sagte er. Stichworte, gib mir Stichworte.
Bist du die Freundin von?
Franzi. Franzi, Deine Freundin ist da.
Entschuldige, dass ich Dich nicht gleich erkannt habe. Aber. Wie lange ist das her?

Fünf Jahre, dachte sie, fünf Jahre ist es her. Sie hatte sich darauf gefreut, ihn
wiederzusehen. Manche Männer kleidet das Alter. Er gehörte dazu. Sein Haar war
immer noch voll. Er war schlanker geworden und er schien ihr dadurch
gewachsen. Er trank nicht mehr. Das erkannte sie sofort. Seiner Stimme konnte
sie noch nie widerstehen – kein anderer sprach ihren Namen so sinnlich aus – und
nicht seinen sanften Augen, die manchmal verrieten, dass er entrückt war.

Er musterte sie forschend, sah sie fragend an.
Ja jetzt! Weiß ich schon! Ja, klar. Das war… Ach, entschuldige, aber bei mir…
Schon gut, Du kennst eine Menge Leute.
Ja, weißt du. Entschuldige.

Mein Engel, flüsterte er später in ihr Haar und nannte sie nicht beim Namen. Wir,
wir hatten doch nie etwas miteinander?
Nein, sagte sie, nie – und dachte an ihre dreißig gemeinsamen Ehejahre.

© Sieglind Demus

Maria Alraune Hoppe erzählte aus dem Stegreif eine Geschichte voller Phantasie und wunderbarer Methamorphosen, da sie auf Grund ihrer starken Seheinschränkung keinen Text vorlesen kann. Geboren wurde sie im Jahr 1947. Sie verbrachte ihre frühe Kindheit in Deutschland. Matura in Klagenfurt. 1976-1992 Berufstätigkeit als Dipl. Ergotherapeutin mit alten Menschen im Rahmen des Kuratoriums Wiener Pensionisten¬ Wohnhäuser in Wien. 2001 Berufsunfähigkeitspension aufgrund einer Macula Degeneration. 2002- 2005 Schwerpunkt: Realisierung von künstlerischen und sozialen Projekten (Malerei, Video, Audio, Musikimprovisation) unter Nutzung der Vorerfahrungen im Bereich der Altenarbeit. Entwicklung und Realisierung des Projektes ENTWIRRT ALZHEIMER sowie Projektleitung des Österreichischen Instituts für Validation; 2005 – 2008 Co¬Regie und Fachberatung des Dokumentarfilms: „ZURÜCK ZU EINEM UNBEKANNTEN ANFANG – Leben mit Alzheimerkranken“ (100 Minuten, Kinofilm) sowie von 6 themenbezogenen Kurzfilmen „LEBEN MIT ALZHEIMERKRANKEN“ (67 Minuten). Seit 2009 div. Projekte als Expertin im Bereich „Wertschätzender Umgang mit Menschen mit Demenz“ –2014 Szenische Präsentation mit SchauspielerInnen aus dem im Entstehen begriffenen Roman „Auf der Suche nach MAN“ im Rahmen des Katholischen Schriftstellerverbandes der Erzdiözese Wien.

Marlies Karner-Taxer trug einen Text vor, der als „Kärntner Begräbnislied“ (siehe unten) vertont wurde und eine ergreifende Kurzgeschichte über eine alte Dame aus ihrer Kindheit.
Das Schreiben begleitet sie schon sehr lange durch ihr Leben. Bereits in jungen Jahren hat es ihr unglaublich viel Spaß gemacht, ihre Fantasien zu Papier zu bringen. Nachdem das Schreiben bei Kärntner Printmedien zehn Jahre lang ihr Brotberuf war, hatte sie 2013 begonnen, intensiv literarisch zu schreiben. Ihr Œuvre reicht von Lyrik bis zu Krimis, von Märchen bis zu Weihnachtsgeschichten, vom Kärntnerliedtext bis zu Kurzgeschichten
mit Tiefe. Heute ist sie bei pointierten und sozialkritische Prosa- und Lyrik-Texten angelangt. Besonders humorige Beziehungsgeschichten mag sie sehr. Für einen Kärntner Historienroman steckt sie mitten in den Recherchen. Gemeinsam mit Karin Ch. Taferner hatte sie die Idee, die Schreibgruppe der Kärntner Schreiberlinge zu gründen, bei der sich zwölf AutorInnen alle 14 Tage zum aktiven Schreiben treffen und einander wertschätzendes Feedback geben.
Beim ÖBB-Schreibwettbewerb „LiteraTour am Zug 2014“ erreichte sie unter 180 AutorInnen den 16. Platz. Ihre humorige Kurzgeschichte über eine Zugfahrt ist in der ÖBB-Anthologie im Oktober 2014 erschienen und an jedem Bahnhof in Österreich erhältlich.

Wern’d laar meine Händ

De Spinnwebn varziern schon de Tram bei da Tür,
mei Diandle schaugg durt schon a Weil‘ niamma vür.
Ka Wäsch hängt mehr draußn, dås Bettle is laar,
da Tåg ohne sie, de sand schwaar.

Tua ålles, damit kaana merkt meine Klågn,
am liabstn is mia, kaana tuat nåch mir frågn.
Da Wind in die Sträucha und Baam eine waht,
im Haus drin is ålles so staad.

Des Diandle, des fahlt ma, i kånns gårnit sågn,
håb vüül von mein Laad schon zan Friedhof getråg’n.
Då waan i mi aus, hålt dås Gråb damit nåß,
saand Bleamalan drauf, und a Grås.

Geh, Diandle, wånnst obn ban dein Våta bist,
dånn såg ihm, dåss er hiaz dei Schutzhölfa is.
Wern’d laar meine Händ, jå dånn kumm i za enk.
Bis dåhin da Herrgott ålls lenk‘!

©Marlies KARNER-TAXER
(vertont von Sabine KRAMMER)

Monika Grill brachte eine Kurzgeschichte aus ihrem neuen Buch über eine Frau namens Ida Seibling zu Gehör und reflektierte über Wünsche und Gelüste. Geboren wurde Monika Grill 1956 in Klagenfurt. 1978 wanderte sie in die USA aus (Los Angeles und Kentucky).
25 Jahre arbeitete sie mit Menschen und Tieren als Heilpraktikerin und Hpynosetherapeutin. Sie war Mitglied einer Schreib- und Performance Gruppe in Kentucky. Seit 2010 ist sie wieder in Klagenfurt ansässig. Mitglied der Kärntner Schreiberlinge und Buch13. Sie schreibt Prosa (Kurzgeschichten), moderne Mundartgedichte und Lyrik und lässt sich durch Kunst in jeglicher Form inspirieren. Sie erhielt den Literaturpreis der Klagenfurter Gruppe 2014 für „Das Tier in mir.“ ( 2. Platz). Ihr erstes Buch „Der kleine Bär“ – 28 Kurzgeschichten für erwachsene Leser und Leserinnen. Erschien im November 2015 in der Edition Garamond, Verlag Guthmann-Peterson. Der Verleger Peterson sagt über die Autorin: „Wir haben 2015 mehrere Erzählungen von Monika Grill veröffentlicht und schätzen ihre Texte sehr. Sie beschäftigt sich mit den großen menschlichen Fragen wie Freundschaft, Liebe und Tod auf unerwartete, mitfühlende, aber doch kritische Art und Weise. Sie zeigt die feinen Linien der Beziehungen zwischen den Lebewesen auf, spürt das Schreckliche und Skurrile darin auf, übersieht aber nie den Schmerz und das Verlangen, den Lebenshunger und die Angst, die Liebe und die Lust, die Lebenswirklichkeiten, die Rollenspiele und die gesellschaftlichen Beschränkungen“.

Karin CH. Taferner ließ in einem kurzen Prosatext eine „Bäumin“ und eine „Zügin“ die Sinnfrage stellen. Sie stelle Wachstum und Geschwindigkeit in Assoziationsbildern gegenüber.
Die Lavanttalerin wurde 1981 geboren und wuchs in Preitenegg auf. Als kärntnerisch steirische Grenzgängerin lebt sie in Ebenthal und Köflach. Sie machte den Abschluss der Universität für Bodenkultur und der Hochschule für Agrarpädagogik in Wien. Sie ist Redakteurin einer landwirtschaftlichen Fachzeitschrift und Mitglied des Verbands der Agrarjournalisten und -publizisten in Österreich (VAÖ). Früh erkannte sie die befreiende Kraft des Schreibens durch Tagebucheinträge. 2013 begann sie durch den Besuch von Schreibwerkstätten ihre kreativen Seiten im Schreiben zu entfalten. Phantasievolle Texte, biographische Kurzgeschichten, experimentelles Schreiben und Lyrik faszinieren sie. Dabei unternimmt sie immer öfter Ausflüge in Dialekt. Taferner ist Präsidentin und Gründungsmitglied der Kärntner Schreiberlinge (gegründet im Frühjahr 2013). Am 24.10.2013 stellte sie ihre Texte zum ersten Mal der Öffentlichkeit vor, seither tritt sie oft bei Lesungen in Erscheinung. Sie ist Mitautorin des Buches „Autoren packen aus: Über 550 Tipps für die Schreiberei“, Hrsg. Anita Arneitz (2014).

Tatjana Gregoritsch, beschäftigt sich auf Grund ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit bei der Flüchtlingshilfe Wernberg intensiv mit dem Thema Flucht und Krieg. Geboren wurde die Autorin 1962, aufgewachsen ist sie in Wien und Kärnten. Danach absolvierte sie ihr Studium in Wien, München, Helsinki neben der Ausbildung und Berufstätigkeit als Buchhändlerin. Sie arbeitet als Werbe- und Verlagskauffrau, IT-Consultant, Journalistin, Autorin und ist seit 2015 Mitglied des Kärntner SchriftstellerInnen Verbandes. Längere Aufenthalte in Deutschland, England, Italien, Westafrika und Finnland. Veröffentlichungen seit 1980, Magazin-Kolumnen, Beiträge in Anthologien und Fachmagazinen, Teilnahme an Literatur-Preisen. Für Kärnten: „Wörtherseewanderungen“ Styria 2013, „Rosentalwanderungen“ Styria 2015. Derzeit arbeitet sie am nächsten Buchprojekt, ET 2017. Sie lebt am Wörthersee und in Wien und trug folgendes Gedicht vor:

Zuversicht
„Heute ´keine Angst´, morgen ´gut Freund´“ (Abbas Al Ahmed, Wernberg 2015)

Zwei Kriege, die alles mit sich rissen
und Hitlers grausamer Wahn
leerten den Kontinent, mordeten
Millionen, die anderen
wanderten nach Amerika aus.

Die wenigen Übriggebliebenen
legten Stein auf Stein,
bauten das Land wieder auf,
Dresden erstrahlt heute neu
– dem Stephansdom sieht man
die Trümmer nicht an.
Über Vergangenes spricht man nicht.
Der Schrecken wütet unter der Oberfläche.
Nach außen wahrt man das Gesicht.

Niemand wollte Kinder gebären,
die ein neuer Tyrann
in seinen Krieg zerren könnte.
Männer flüchteten in Arbeitssucht.
Frauen entdeckten eigenes Leben.
Die Jungen warfen den Alten das Stummsein vor,
stürmten gegen Wände aus Schweigen.

Siebzig Jahre vergingen, wir
arbeiten noch immer Vergangenheit ab.
Wir trauen niemandem, wir kaufen.
Freude haben wir durch Spaß verdrängt,
Mitleid durch Reality-Shows, Glaube wurde privatisiert.

Du kamst, unter Tausenden.
Du trägst Dein schweres Herz
in unsere schale Trauer.
Auf verdrängte Wunden stieß es.
Wir wussten, was zu tun ist,
aufgetragen hatte uns niemand etwas.
Unser gebrochenes christliches Herz antwortete.
„Train of hope – Westbahnhof“ streckte Dir Hände entgegen.
Dein Schmerz ist hellrot, unserer dunkel von Jahren.
Fremder, mein Freund – ich darf Dich so nennen –
hast verkrusteten Schorf aufgedeckt.
Du, fremdes Gegenüber aus dem Süden,
im kalten Land angekommen.
Deine Sprache verstehe ich nicht; sie gleicht
den Rufen der schwarzen Vögel, die
über unsere Felder kreisen.
Du kamst blass und bloß aller Habe,
Deine Füße sind rissig von Meer und hartem Gestein.
Dein Herz, Deine Würde, Deinen Stolz bringst Du mit.
Viele machen Front, fürchten Dich.
Dir blieb keine Wahl: Pest, Cholera oder Daesh?

Aus eigenem Leid biete ich Dir
Meine Freundschaft an.
Du brauchst Zeit.
Learn to get to know our system,
mourne and grieve,
shout at your God,
however you call him – er ist auch der unsere,
sagte vor Jahren der gütige Kardinal – und
streckte die Hand aus.
Hat nur ein grausames Schicksal
Dich in eine Blutlache geworfen,
mich auf grüne Wiesen?
Etwas Sicherheit kann ich Dir bieten.
No sniper, kein Scharfschütze wartet im Haus gegenüber.
Dein Krieg findet nächtens noch statt.
Schrei Dein Leid heraus,
hadere mit Deinem Gott,
Verfluche Dein Geschick,
weine Deine Tränen, betrauere Deine Toten, Dein Land.

Nach den gewalttätigen Träumen, Schreien, Zorn
hab Erbarmen mit Dir selbst.
Ich sehe Dich.
Dein Blick wagt:
Unwiderstehliche Zuversicht.

© Tatjana Gregoritsch, Schiefling am Wörthersee 2015,

Eva Gerber präsentierte zum Thema „Kinderspiel“ nachdenkliche Auszählreime mit Doppeldeutigkeit in einer Art Märchen-Reim-Erzählung für Kinder(?) und Erwachsene.
Die Autorin wurde 1947 geboren, hat ua. als Lehrerin und ausgebildete Schulbibliothekarin gearbeitet. Sie verfügt über ein abgeschlossenes Studium der Germanistik und erhielt folgende Kinderliteraturpreise des Landes Kärnten:1998 (Kannja, die Drachenprinzessin), 2000 (Das Weltraumreisespiel), sie schreibt auch Kurzgeschichten, lyrische Texte („Schrille und schräge Märchen“), Projektarbeit mit SchülerInnen: Das Kärntner Wasser Sagenbuch: „Nixenrache-Drachenblut-Riesenwut“. Ihre Interessen liegen darin, Neues im Literaturgeschehen zu erfahren und zu interpretieren. Im Rahmen eines Forschungsprojektes des Germanistikinstitutes der Alpen-Adria Universität zum Thema Lesesozialisation, arbeitet sie bei der privaten Literaturgruppe „Ambdravi“ bestehend aus acht Mitgliedern aktiv mit.

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

Ich danke den Kärntner Autorinnen: Sieglind Demus, Marlies Karner-Taxer und Tatjana Gregoritsch für die Erlaubnis ihre Texte an dieser Stelle zu veröffentlichen. Copyright bei den jeweiligen Autorinnen.

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