Sternstunden beim Schwimmen und Märchenerzählen – Bernd Sibitz und Del Vede zu Gast beim Literaturmontag in Klagenfurt

Zum 24. Mal fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Literaturmontag“ von BUCH 13 unter der Leitung von Gerald Eschenauer eine Lesung mit zwei bekannten Autoren aus Kärnten in den Räumlichkeiten der Katholischen Hochschülerschaft (KHG) Klagenfurt statt. Bernd Sibitz führte das Publikum in seine gesellschaftskritische Kurzgeschichtenwelt, Del Vede in seine romantische und aufregende Kärntner Märchenwelt.

http://www.buch13.at/termine/

BERND SIBITZ

Ein scharfer Blick aufs Wesentliche charakterisiert seine pointierten Kurzgeschichten, im Mittelpunkt steht das Bürgertum, gesellschaftliche Themen , die kritisch beleuchtet werden. Geschichten wie über „A schöne Kur“ oder das Sinnieren über das Schwimmen („Bernd´s Sternstunden beim Schwimmen“) sind klassische Ingredienzien, die das Leben eines Bankers ausmachen. Aber auch „Wenn Reiche immer reicher werden“, „Italiens akademisches Proletariat“ und „Unser Bibione“ sind Themen, mit denen sich Bernd Sibitz literarisch auseinandergesetzt hat.

Dr. Bernd Sibitz wurde 1944 in Pernitz in Niederösterreich geboren und kam im zarten Alter von 14 Tagen nach Klagenfurt, wo er bis zum 21. Lebensjahr aufgewachsen ist.
Nach der HAK (Handelsakademie) arbeitete er bei der Kärntner Sparkasse, dabei „stolpert man über die Bürgerlichkeit“, erklärt Sibitz mit einem Augenzwinkern. In Wien studierte er Welthandel an der WU. Eine Zeit lang konnte er auch in Bologna an der John Hopkins Universität verbringen. Als PR-Profi wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Seine literarischen Texte erschienen ua. in der Literaturzeitschrift WESPENNEST, Fernsehspiele wurden im ORF und ein Beitrag bei den Wiener Festwochen aufgeführt („Turkey“/ Ensembletheater Wien). Seit fünf Jahren ist Bernd Sibitz wieder zurück in Klagenfurt und beschäftigt sich mit Literatur.
Zu seinem 70. Geburtstag ist 2014 ein Buch mit gesammelten Werken erschienen, eine etwas andere Biografie mit dem Titel: „Panik in St. Ruprecht und anderswo. Beobachtetes, Erlebtes, Beschriebenes von Bernd Sibitz“, Heyn Verlag Klagenfurt 2014,

Sein Freund und Klassenkamerad aus der HAK Klagenfurt, Peter Turrini, hat ihm die Beschäftigung mit der Literatur empfohlen und ihm Folgendes ans Herz gelegt:

„Ich habe vor einigen Jahrzehnten Deine literarische Arbeit kennengelernt und Dich damals ermuntert, weiterzumachen. Ich kann diese Ermunterung heute nur wiederholen, auch wenn wir beide uns inzwischen im Pensionsalter befinden. Für die Literatur gilt kein Alter, sondern nur die Bereitschaft, sich anzustrengen, ja zu quälen“ (Peter Turrini).

Sibitz sagt im Vorwort seines Buches: “Literatur ist ein ständiger Begleiter und eine Kraft, die Mut macht, stolz zu sein auf das, was man schon alles erreicht, überstanden, durchgemacht hat. Sie verlangt nach mehr, nach neuen Taten, Worten, Eindrücken nach NAHRUNG, nach zu Wort gebrachten neuen Erlebnissen.“

http://pingeb.org/82-bernd-sibitz-panik-in-st-ruprecht-und-anderswo/

Aus seinem Buch las er den Beitrag:
SPORT REGIERT DIE WELT von Bernd Sibitz

Früher hieß es GELD REGIERT DIE WELT. Diese alte Binsenweisheit verliert zunehmend an Bedeutung und ist auf dem besten Wege, ganz in Vergessenheit zu geraten.
Sport regiert die Welt! Ja, da stecken Dynamik, Energie und Lebensfreude drin! Ich meine hier nicht die täglichen Sportübertragungen in öffentlichen und privaten Fernseh- und Radioanstalten, sondern das immer stärker werdende, den Alltag unterwandernde Phänomen: BEWEGUNG HEISST LEBEN, wirbt ein Fitnesscenter: MEHR BEWEGUNG HEISST GESUNDES LEBEN, propagiert eine Vital-Lebensmittellinie, und ich sage: SICH SCHNELL BEWEGEN HEISST TURBO-MEGA-GEILES LEBEN!
Sie müssen sich morgens nur in einer U-Bahnstation gegen den Strom der sich bewegenden Menschenmassen bewegen, und schon spüren Sie geballte sportliche Energie. Jeder ist von seinem privaten Personal-Trainer (ob live aus dem Fitnesscenter kommend, auf DVD oder via Radio oder TV, ganz egal) optimal auf den Gegner, Mitspieler, Kontrahenten – kurz: jene Person, die gerade im Weg steht – eingestellt. Hoch motiviert wird hier um jeden Zentimeter gekämpft (gedribbelt), freie Räume genützt („das Spiel gelesen“), die Pässe kommen natürlich an, soll heißen hier geht es um Zeitgutschriften, Straßenbahn-, U-Bahnverbindungen, die noch erreicht werden wollen – Coffee to go wird noch ergattert und das Briochekipferl (mit oder ohne Marmelade) ist endlich an der Reihe eingepackt zu werden (den Verkäuferinnen sollte man wieder Kopfrechnen beibringen), zum Wechselgeld nachzählen hat man keine Zeit mehr.

Die Industrie hat die Zeichen der Zeit natürlich längst erkannt und dementsprechend reagiert: Nicht mehr der Business-Look-Anzug, das weiße Hemd, Manschettenknöpfe, Krawatte und handgenähte Maßschuhe trägt der Mann von Welt/ die Frau mit Karriere, sondern sportliches Outfit ist in …….

(aus: Panik in St. Ruprecht und anderswo. Beobachtetes, Erlebtes, Beschriebenes von Bernd Sibitz, Heyn Verlag Klagenfurt 2014, Seite 186)

DEL VEDE

Er führt seinen Geburtsnamen VEDERNJAK auf einen Bewohner der „Bezirkshauptmannschaft“ VIRUNUM, den etruskischen Eingeweidebeschauer AVLE (latinisiert AULUS) VEDERNA zurück. In den 70ern und 80ern organisierte er mit wenigen Mitstreitern einen literarischen Aufbruch in Kärnten mit der Förderung von schreibenden Schülern wie Alfred Goubran, Janko Ferk, Maja Haderlap, Fabjan Hafner, der Mitarbeit von Autoren wie Ernst Alexander Rauter, Valentin Polansek, Florjan Lipuš, Erich Fried, Elfriede Jelinek, Alfred Kolleritsch, Wolfgang Bauer, Kurt Falk). Zum Start gründete er den Kulturstammtisch beim Scanzoni, der sich an Humbert Fink und den Kärntner Literaturverhältnissen rieb, brachte bei Mladje den Lyrikband „Meine Beschäftigung mit dem weichen Kärntner Unterleib“ heraus.

Er musste als Verfemter den Start des legendären Literaturkaffees mit der Österreichischen Hochschülerschaft, dem Herausgeber der UNKE Josef K. Uhl und Peter Rauter breit aufstellen, was ein Glück war und zu großer Lebendigkeit führte. Beinahe plötzlich gab es in Kärnten 13 literarische Zeitschriften, Literatursymposien und herzhaften literarischen Aktivismus der damals jungen Autoren. Die Rettung der Stadtimmobilie Reitschulgasse 4 (dem späteren Europahaus) vor dem Abriss, die zu einer Klagenfurter Variante des Forum Stadtpark in Graz führen sollte, hatte die Stilllegung des Literaturkaffees als Voraussetzung, begann er mit den Mitstreitern Peter Rauter und Hans Triebnig, dauerte 9 Monate und war die größte Kärntner Hausbesetzung (60 Aktivisten, darunter Gert Jonke und Peter Turrini) vom 23. Juni 1979 bis zum 21. März 1980. Aus den 60 von ihm organisierten Veranstaltungen am Lagerfeuer, dem „Vorfrühling“, formte er als Geschäftsführer das „festival der österreichischen Literatur – kärntner frühling/ koroska vigred“, dem die Literaturwissenschaft (Klaus Amann u.a.) Gleichrangigkeit mit dem Bachmann-Bewerb zuschrieb. Partnerschaftliche Auftritte von Größen und unbekannten Talenten, Projektförderungen statt Preisgerangel. Legendär wurden Auftritte etwa von Elfriede Jelinek, die ihr Honorar für Talente weitergab und 1984 vom Magistrat konfiszierte Plakatständer wie alle anderen Teilnehmer als Demo zum Neuen Platz trug. Für die IG Autoren/Innen redigierte Del Vede eine Literaturbeilage für Kärntner Autoren in der Kärntner Landeszeitung. Aus dem Literaturkaffee wurde ein Institut zur Förderung von Literatur und Kommunikation. In „Die Brücke“, „Salz“, „Sterz“, „Die Unke“, „Mladje“, u.a. publizierte er Prosa und Lyrik. Ihm wurde der Theodor-Körner-Förderpreis, das Österreichische Staatsstipendium für Literatur, ein Fernsehspielpreis u.a. Auszeichnungen zugesprochen.

Nach journalistischer Tätigkeit in der KTZ und in der VZ trat Del Vede als Märchenerzähler auf und erfand und leitete neben Aufführungen in vielen Schulen große Aktionen wie den Zauberwald am Rauschelesee, den „Klagenfurter Sagenzauber“ im Auftrag des Stadtmarketings oder Stückaufführungen der Pegasusreiter in der Klagenfurter Messehalle (2500 Zuschauer) und in der Steiermark. . .


DIE GROSSE SCHLANGE
Auszug aus einem Kapitel einer Saga von Del Vede

„Was läuft bei dir“ fragt Justinian, der zur Zeit nicht Nek genannt werden will. Er nimmt Anlauf und springt im fahlen Licht unterhalb von Mlince über den Mühlbach auf mich zu. Im Flug in den Pedalen stehend streckt er eine Hand weit aus und sieht mit blitzenden Zähnen an sich herab. Erst als er mit dem Fahrrad krachend aufsetzt, hält er die Lenkstange mit beiden Fäusten fest.
„Gut, oder? Ich bin auf dem Rad der Beste von uns und am Ball auch. Und ich bin immer noch der Beste und der Schönste in unserer Klasse. Er schrammt dicht an mir vorbei, um mich rückwärts zu zwingen, ich gebe nicht nach. Er erwischt mich am Oberarm, dass es uns beinahe beide umwirft. Mich durch-zuckt ein Brennen. Ihm verreißt es das Lenkrad. Er drückt es gerade noch zurecht.
„Und stärker als Du bin ich auch. Er schaut verlegen an mir vorbei. Und dann lacht er. Ich auch. Mit diesem Grinsen kriegt er jeden wohin er will. Er weiß das.
„Doch du bist mein Freund, Kleiner. Vergessen?“
„Und ich bin der Anführer. Vergessen?“
„Ich bin von Zuhause weg, das kennt man ja. Aber du auch. Was läuft bei dir schief? Hast du was zu futtern mit?“
Justinian greift nach meiner Jause. „Du glaubst es nicht, wenn ich an Abenden wie heute zuhause bleibe, kenne ich mich selbst nicht mehr. Ich kann keinen Gedanken festhalten. Aus jedem wird eine Bewegung, ein Schlag mit meinen Krallen, obwohl die noch nicht zu sehen sind, ein Zubeißen. Etwas geschieht mit mir. Die anderen dürften mich so nicht sehen. Also haue ich mich gerade noch rechtzeitig über die Häuser. Mein Kopf dehnt sich und schwillt an. Mein ganzer Körper streckt sich. Das tut weh, sag ich dir. Gleich schaue ich, der Schönste in der Klasse, zum Fürchten aus. Ich kann mich nicht aufrecht halten und falle auf alle Viere. Mühselig lerne ich dahin zu kriechen. Ich stinke wie ein Furz und bekomme keine Türe auf und all das. Ich muss alles niederreißen. Das mag der neue Freund meiner Mutter aber gar nicht, obwohl er ganz nett sein kann. Ich bin etwas anderes, etwas, wovor ich mich selbst fürchte. Ich muss mich verstecken, verkriechen und verhungern oder nachts mit knurrendem Magen durch unsere Glina schwimmen und nach lebenden Fröschen, Fischen und sowas schnappen und fressen. Stell dir vor, ich, der beste Sportler, muss mit diesem Körper das Schwimmen und Zuschnappen üben. Ich bin so unbeholfen, dass ich fast nichts erwische…..

(© Del Vede 2016)

Alle Fotos © BUCH13 I Eschenauer

http://www.verlagheyn.at

Ich danke Bernd Sibitz für das Rezensionsexemlar seiner Biografie
„Panik in St. Ruprecht und anderswo“
Verlag Heyn Klagenfurt 2014
ISBN 978-3-7084-0543-8
208 Seiten

Ich danke ebenso dem Märchenerzähler Del Vede für die Erlaubnis einen Auszug aus seiner bisher unveröffentlichten Saga zu veröffentlichen.

Facebooktwittergoogle_plus
Facebooktwittergoogle_plus