Spiegelungen, Reflexionen, Schatten – open windows im Künstlerhaus

Zum 3. Literaturfrühstück trafen einander AutorInnen und bildende KünstlerInnen in der Ausstellung „open windows“ im Künstlerhaus Klagenfurt. Bezugnehmend auf die ausgestellten Werke von Gertrud Weiss-Richter, Melitta Moschik und Hanno Kautz reflektierten die vom Kärntner SchriftstellerInnenverband eingeladenen LiteratInnen das Thema Licht, Schatten, Aus- und Durchblick. Das Fenster steht als große Metapher in den verschieden Künsten – als Symbol für Zukünftiges, Transparentes. Das Künstlerhaus Klagenfurt präsentiert sich als transparent. Gezeigt werden Werke, die sich an den Themen Licht und Schatten, Fenster und visuellen Botschaften orientieren.

Eva Possnig, Annelies Merkac-Hauser, Marlies Karner-Taxer, Karin Prucha, Maria Alraune Hoppe, Edgar Hättich, Johannes Tosin und Gabriele Russwurm-Biro präsentierten ihre, eigens für diesen Kulturdialog verfassten Prosatexte, Gedichte und Wortmeldungen vor. Die visuelle Botschaft ist auch eine literarische. Die abstrakt-lyrische Malerei hält sich – wie die Dichtkunst – an einen strengen Rhythmus.

Werke von Gertrud WEiss-Richter „open windows“ im Künstlerhaus Klagenfurt 2017

Die Malerin und Fotografin Gertrud Weiss-Richter, „bei der erscheint, dass immer auch so etwas wie ein Hauch von Emotion, ein Gefühl, ein Sentiment, ins Werk kommt“ (Zit. Christine Wetzlinger-Grundnig, Arbeiten 2012 -2017, Katalog 2017) nahm Stellung zum Thema und sprach zu ihren Werken und Intentionen. Sie betonte, dass in es in all ihren Arbeiten immer um Existentielles gehe.
Der gebürtige Kärnten Künstler und Fotograf Armin Bardel stelle sein langjähriges Kunstprojekt „open windows“ vor, das er in den Fensterflächen in Wien öffentlich macht und mit Wortspielen Aufmerksamkeit erregt.

In der Ausstellung wird das Thema FENSTER als Kommunikationsoberfläche und Synonym für die Weltbeobachtung aus verschiedenen Perspektiven und in unterschiedlichen Medien reflektiert – in den Medien Malerei, Objekt und Installation. Das Künstlerhaus Klagenfurt präsentiert sich daher im Ganzen und spartenübergreifend als transparent.

Beiträge:
Johannes Tosin

Light-Lab von Hanno Kautz

Im Light-Lab von Hanno Kautz tut sich etwas.
Die Farben verändern sich, ein Teelicht flackert,
eine überdimensionale CD schwebt mittels Nylonfäden über einem Lichtgeber.
Man fühlt sich wohl, wenn man die Farben betrachtet.
Was der Künstler damit ausdrücken will?
Keine Ahnung. Will er etwas ausdrücken?
Man kann alles über diese Installation sagen, wenn man möchte.
Im Gasometer in Wien gibt es eine Bar,
die an einen Konzertsaal anschließt,
wo auch Lichter changieren.
Genau dasselbe Konzept wie im Light-Lab, auch gleich ausgeführt.
In der Bar ist es Teil des Lokalambientes.

Hanno Kautz – Installation open windows Künstlerhaus Kärnten 2017

Fenstertechnik

Ein offenes Fenster ist ein bekanntes Symbol.
Durch ein geschlossenes Fenster kann man sehen,
da es aus Glas ist.
Durch ein offenes Fenster kann man auch Dinge reichen.
Als Mensch ist man von alters her wohl das Licht
der Sonne gewöhnt,
also Weiß, Gelb, Orange und Rot.
Und man kennt die Schwärze,
die das Fehlen von Licht ist.
Als Besonderheit haben die damaligen Menschen
wahrscheinlich den Regenbogen betrachtet,
in dem sich das Licht auffächert.
Es entspricht der menschlichen Natur,
alles zu erklären.
Wirklich alles kann man entschlüsseln,
es ist gar nicht so schwer.

Farbenlehre

Siehst du, was ich sehe,
Tetrachromat,
grünäugige Frau, Goldfisch, Spinne?
Ist nicht dein Gelb zweischichtig
oder Violett deine vierte Farbe,
wie die Wissenschaft vermutet,
dank Forschen, Messen, Vergleichen?

Lichtweiß wird auf meiner Netzhaut
zu Blau, Gelb und Rot
und allen Nuancen dazwischen
innerhalb eines Spektrums von einigen wenigen Nanometern.
Explosionen sind dies von Farben, Kaskaden,
schwebende, spannend die dynamisch wechselnden, beruhigend die statischen.
Blau ist das Meer.
Gelb ist der Löwenzahn.
Rot ist der Fehler.

Doch durch dich, Vier-Farben-Wesen,
weiß ich, es gibt noch mehr.
Drum bitte ich dich:
Erkläre mir deine Sicht, mach sie mich begreifen,
leihe mir deine Augen, nur für ein Dutzend Bilder,
dann geb ich sie dir gern wieder zurück.

© Johannes Tosin

Anneliese Merkac-Hauser

Außen

Ein Schatten
Sucht
Unter dem Licht
Straßenhell
Vergebens

Die schmutzige Scheibe
Verwischt
Den Weg
Hin zur Rinne
Regennass voll

Innen

Leise
Zittert der Stoff
Dicht gewebt
Verschließt mir
Den Blick
Bebende Fäden
Künden von Flucht
Blaue Striemen
Leuchten
Im grellen Licht

© Annelies Merkac-Hauser

Melitta Moschik, open windows

Karin Prucha

zu Melitta Moschik

die wirklichkeit und ihre spiegelungen in den fenstern der um-fassenden räume

das flugzeug rast hinein das bild ein raster
voll löcher
je kleiner das loch desto schwärzer die fläche
gnadenlos führt die nähe ins schwarze
die entfernung löst den albtraum
die wirklichkeit berührt nur am smarten phone
netzwerklos öffnen sich die fenster
zu starren trauerrahmen
je näher ich dem schwarz entkomme
desto näher komme ich mir und meiner verkehrung
desto mehr reflektiert der äußere raum
durchbricht spiegelverkehrt die wirklichkeit
mein fenster in das ich schaue
was sehe ich wirklich ?

Gertrud Weiss-Richter , open windows, Künstlerhaus Klagenfurt 2017

zu Gertrud Weiss-Richter

die geometrie des offenen blicks

den linien entlang hinaus in die freiheit
der geschlossenen fenster
die stiege hinauf oder hinunter
warten die möglickeiten der öffnung
wenn mein blick es will
hinter vorhängen
werfen die schatten von sonne und mond
lange lichtkegel in die richtung
die mein blick ersehnt

wenn ich will bin ich frei

zu Hanno Kautz

deine spiegel sind nicht meine

deine spiegel sind nicht meine
dein spiegelbild ändert nichts daran

im außen leuchtet das innen
voll mystischer farben
tiefbewegt

du schaust in das gesicht
im spiegel
seitenverkehrt
hat dein mund eine fremde linienführung

im innen färbt das außen ab
mit tönen so anders
als dein mund sie sonst spricht
in augen voll seide und warmem regenschauer

aus: © karin prucha „ in tiefen landen“ lyrik & fotografien
der wolf verlag 2017

Angelika Peaston
Zum Oeuvre von Gertrud Weiss-Richter – Open Windows

Ad No. 19 oder
Anklänge an Plato

Die Öffnung
Das Fenster. Nicht als Ebenbild.

Und hinter dem Vorhang?
Das Licht? Der Schatten?

Fenster trennen
Das Drinnen vom Draußen.

Fenster öffnen
Das Draußen zum Drinnen her.

Sie tun dies zu gleichen Teilen aus beiden Richtungen:
Lassen das Innen hinaus/ Holen das Außen herein.

Mensch oder Schattenbild?
Scherenschnitt der Welt?

Was ist wirklich?
Was künstlich?

Wie wirklich ist Wirklichkeit?

Urbild. Abbild. Nachbild.

Gertrud Weiss-Richter, open windows, Künstlerhaus Klagenfurt 2017

Zum Oeuvre von Gertrud Weiss-Richter – Open Windows

Das Fenster – Reflexion und Reflexionen

Das Fenster:
Einladung
Auseinandersetzung
Transparenz
Durchsichtigkeit
Sich dem Außen öffnen
Die äußere Welt hereinbitten

Offensein
Openness

Innen
Das Innerste nach außen kehren

Der Vorhang.
Ausladung. Trennung.
Verschleierung.
Sich dem Draußen verschließen. Shelter. Protection.
Die äußere Welt wegsperren, aussperren. Nicht teilhaben lassen.
Verweigerung.
Der Nässe, dem Wind und der Kälte trotzen.
Drinnen.

Open windows:
Geöffnete Wahrnehmung
Die Sonne durchdringt mit Hell und Wärme den Raum

Das künstliche Licht verspiegelt.
Versiegelt den Blick nach draußen, setzt eine Grenze.
Wirft den Raum zurück.
Auf uns.

Drawn curtains.
Closed perception.
Eng wird die Außenwelt.

Open windows!
Geöffnete Wahrnehmung?
Drawn curtains…
Closed perception?

Offen wohin?

Was ist: Innen?
Was ist: Außen?

Zum Oeuvre von Gertrud Weiss-Richter – Open Windows

INSIDE & OUTSIDE

MAY I OPEN THE WINDOW?
OPEN THE WINDOWS NOW!

OPEN UP!
INSIDE OUT

CLOSE PERCEPTION –
CLOSED PERCEPTION.

BEING OPEN
OPEN BEING

I SHALL CLOSE THE WINDOW NOW
OPENING MYSELF UP TO

WHAT
IS INSIDE

Augenstern

Schneestern
zart und weiß
und myriadenmal geästelt
verzweigt in allerkleinsten feinsten Nadeln
und myriadenmal gebrochen
zart und weiß
Dein Augenstern

Reframing III

Schatten,
Du wärst nicht ohne Sonne
Sonne,
Du bist,
und daher ist auch Schatten

©Angelika Peaston

Zum Thema open windows trug Maria Alraune Hoppe spontan eine „Sprechung“ vor, die direkt auf den geführten Dialog und die ausgestellten Kunstwerke reflektiert.
Maria Alraune Hoppe:

© Maria Alraune Hoppe


Edgar Hättich

Zeichnung

Mit feinem Stift
eine Linienstiftung
dem Sonnenlicht angeleint
fliegt sie dahin mit den Mücken
nichts Schöneres im Weltraum
als ziehende Linien
feines Liniertes
entlang dem Weltlineal
im Unendlichen die Geraden
Liniensehnsucht
Berührung im Lichtjahr
singe die Linie
spiele das Linienlied

© Edgar Hättich 2017

Gedicht von Gabriele Russwurm-Biro zu Gertrud Weiss –Richters Gemälde und Fotos in der Ausstellung open windows

das meer in zwei stunden

dunkel flimmert
der schein
verflogener tage
durchs fenster
ein ahnen
so sicher
wie das meer
in zwei stunden
die zarte seite
des kindseins
strandet
unweigerlich
und vertrocknet
haltlos
wie die mickrige
flügelschlaglänge
des welttheaters
im jetzt
wimpern zucken
verheissungsvoll
in hellen
nächten
mit einem
fremden lächeln
als hörte ich
ständig
die brandung
silberner mond
deck uns zu

© Gabriele Russwurm-Biro 2017

Armin Bardel
Open WindOw

seit etwa 1996 präsentiere ich in Wien ein projekt mit dem titel Open WindOw in den südseitigen fenstern meiner atelier-wohnung am Naschmarkt über dem renommierten Café Drechsler. sehr schön sichtbar auch von der Rechten Wienzeile. die arbeiten bzw. inhalte – in erster linie texte, aber auch photographien und graphiken – wechseln im schnitt wöchentlich.
visual poetry. worte gebildet aus einer beschränkten zahl von max. 6 buchstaben pro fenster (=1/scheibe) in 4 fenstern, also insgesamt maximal 24 buchstaben (oder bilder). statements zu privaten wie politischen themen. todernst kritisch bis scherzhaft belanglos. wortspiele entstehen durch laufende veränderung/auswechseln einzelner buchstaben zu immer neuen bedeutungen.
das projekt wurde bislang weitestgehend anonym durchgeführt, d.h. ich habe es (fast) nie offiziell angekündigt und kaum jemand weiß, wer oder was dahinter steckt. so bin auch ich selbst immer nur durch zufall auf menschen gestoßen, die es kennen. doch das scheinen sehr viele zu sein: es gibt solche, die die texte notieren, photographieren, darüber reflektieren und sich treffen um darüber zu diskutieren. Open WindOw ist thema von presseberichten, publikationen und wissenschaftlichen arbeiten, oder auch anderer kunstprojekte. eine fast vollständige dokumentation des projekts findet sich in form eines internet-blogs unter der adresse:

www.openwindowvienna.tumblr.com

sowie auf meiner website

www.arminbardel.at

wortspiele (beispiele)

nation:
stag-nation
indig-nation
deto-nation
dam-nation,
halluzi-nation
#
weil er was kann!
was kann er denn?
kann er denn was?
er kann mich mal!

gier – regung
regierung
erregung – regie!
diri-gieren, re-gieren
re-agieren, a-gieren
irren – spazieren!
#
no choice, no joy!
#
demo–crazy

no flower, no seed
no power, no greed
#
no match, no fire
no bush, no fire
#
aktuell:
kopf-los
wahl-los
wahl-krampf

Lenkfehler – ein kärntenbezug
anläßlich der landtagswahlen im Herbst 2008 in Kärnten hatte ich entsprechende kommentare im fenster. zuletzt stand dort – in anspielung auf möglicherweise mangelnde reflexion der wähler – das wort DENK-FEHLER. in der nacht auf Samstag, den 11. Oktober, gegen ca. viertel nach eins wollte ich spontan den text auf LENK-FEHLER umändern (evtl. mangelnde reflexion der regierenden). ich war jedoch zu müde und verschob mein vorhaben auf den kommenden morgen. in der früh ruft mich eine freundin an und erzählt mir was in der nacht passiert ist: Jörg Haider war aufgrund eines lenk-fehlers exact zu dem zeitpunkt verunfallt, als ich die textänderung vornehmen wollte.

intentionen
kommentieren – anmerkungen, stellungnahmen zu aktuellen themen & ereignissen von allgemeiner oder auch ganz persönlicher natur & bedeutung
informieren – erinnern, auf dinge aufmerksam machen, die zwar möglicherweise durchaus bekannt sind, doch gerne beiseite geschoben werden
analysieren – buchstabieren, der bedeutung mancher worte auf den grund gehen: eine andere/erweiterte form von visual poetry, wo worte form annehmen und der inhalt ständig neuen sinn bekommt – manchmal auch un-sinn
irritieren – verwirren, bekannten clichées und begriffen in veränderter form & zusammenhang neue bedeutung geben, querverbindungen herstellen
amüsieren – unterhalten, nicht todernst & moralisch, sondern durchaus mit humor der übertriebenen wichtigkeit mancher dinge ihr gewicht nehmen, wie (scheinbar) unwichtigen dingen größere bedeutung verleihen
provozieren – anregen, menschen aus einer gewissen denkträgheit, bequemlichkeit & ignoranten ichbezogenheit aufwecken
inspirieren – anregen mittels irritation etc. durch nicht sofort entschlüsselbare begriffe &/oder botschaften einen denkanstoß geben oder gesprächsstoff liefern

bedeutung & wirkung
bislang wurde das projekt unter weitgehender anonymität durchgeführt. es gab mit ganz wenigen ausnahmen keine information oder werbung darüber, der autor blieb konsequenter weise ungenannt und es gab auch keinerlei finanzielle zuwendungen. nach nunmehr über 20jährigem bestehen von Open WindOw ist es aber vielleicht doch an der zeit, an die öffentlichkeit zu treten.
meine aufgrund dieser umstände nur punktuelle kenntnisnahme der wahrnehmung läßt auf einen extrem hohen bekanntheitsgrad von Open WindOw schließen. der weit überwiegende teil der personen, mit denen ich per zufall darauf zu sprechen komme, kennt das projekt nicht nur flüchtig, sondern verfolgt es bereits seit jahren mit großer aufmerksamkeit und äußert sich äußerst positiv darüber. manche berichten gar von regelrechten diskussionsrunden, die regelmäßig über die aktuellen texte philosophieren.

Biografische Daten und Werkangaben finden Sie auf der Homepage des Kärntner SchriftstellerInnen Verband/ Mitglieder
http://www.kaerntner-schriftsteller.at/verband/mitglieder/http://www.kaerntner-schriftsteller.at/verband/mitglieder/

alle Fotos © russwurm-photography

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