MEIN BUCH – prägende Erlebnisse mit Literatur – Lesereihe im Robert Musil-Institut Klagenfurt

Die neue Lesereihe des Robert Musil-Instituts Klagenfurt beschäftigt sich mit jeweils drei wichtigen Büchern im Leben eines prominenten Gastes aus dem Bereich der Wirtschaft und der Politik. Die vorgestellten und von den Gästen präsentierten Bücher haben Bedeutung und Auswirkungen auf Leseverhalten und persönliche Entwicklung. Das Publikum wird auf diese Lesereise, die in der Kindheit beginnt und in der Gegenwart endet, mitgenommen. Gastgeberin und Gesprächspartnerin der in unregelmäßigen Abständen angesetzten Veranstaltung ist Univ.-Prof. Dr. Anke Bosse, Leiterin des Robert Musil-Institutes für Literaturforschung/Literaturarchiv Kärnten.
Als erster Gast wurde Landeshauptmann Dr. Peter Kaiser eingeladen, über „Mein Buch“ zu referieren.
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Das Buch, das Peter Kaiser in der Jugend zur Literatur geführt hat, ist KARL MAYS (1842-1912) Winnetou – Teil I (erschienen erstmals 1893; herausgegeben von Lothar Schmid, Hans Wollschläger, Karl-May-Verlag 1992, Bamberg). http://www.blickinsbuch.de/3780200074&account=4907031511 Wie viele Kinder seiner Generation hat Peter Kaiser dieses Buch von seiner Oma im Alter von sieben Jahren geschenkt bekommen. Die Großmutter war es auch, die ihm aus „Enkelliebe frühzeitig das Lesen beigebracht“ hatte. Die Sprache Karl Mays empfindet Kaiser als deskriptive Liebeserklärung – wenn er es heute als Erwachsener liest und bewusster liest – fast homoerotisch. Das Edle und Besondere galt es zu entdecken. Über viele Seiten lang wird eine Erwartungshaltung hergestellt (Anmerkung Anke Bosse „Supertrick“), erst auf Seite 60 erscheint Winnetou, die Lieblingsfigur Peter Kaisers von allen Karl May Bänden. Aus der Erzählsicht von Blutsbruder Old Shatterhand wird Winnetou zum „edlen“ Wilden, der allen Weißen moralisch überlegen ist.
„Das idealisierte Bild war Karl May wichtig, der ja viele Jahre in Haft verbracht hat“, so Kaiser. Auch die Filme der 1960er-Jahre mit Pierre Brice in der Hauptrolle haben bei der Visualisierung der Figuren für Generationen von jungen Lesern eine wichtige Rolle gespielt. Peter Kaiser hat „die ganze Palette von Karl May gelesen“ und danach die Entdeckerromane von Hans Otto Meißner (1909 – 1992). Diese Lektüre war dann „besser als Geographieunterricht“. In seiner Jugend hat sich Kaiser mit Winnetou identifiziert, aber nicht wegen der Silberbüchse. „Ich nehme für mich in Anspruch, viele Werte dieser Bücher angeeignet zu haben ohne sie politisch zu interpretieren.“ Aber eines steht fest, so Kaiser:“ Wenn Winnetou gewählt hätte, weiß ich, was er gewählt hätte!“

Das zweite Buch, das Peter Kaiser nachhaltig geprägt hat, ist „Alle Menschen sind sterblich“ 1946 von SIMONE DE BEAUVOIR verfasst (1908-1986). Titel der Originalausgabe: »Tous les hommes sont mortels« http://www.sf-fan.de/rezensionen/simone-de-beauvoir-alle-menschen-sind-sterblich.html Über einen „romantischen Pfad“, geleitet vor vielen Jahren von seiner damaligen Partnerin , gelangte Peter Kaiser zu diesem existenzialistischen Roman. Die Unsterblichkeit ist nicht die Gnade, die man sich oft wünscht! So könnte man die philosophische Grundaussage auf den Punkt bringen. Es handelt von Raimondo Fosca, der 1279 geboren einen Unsterblichkeitstrank zu sich nimmt und danach acht Jahrhunderte lang lebt – leben muss. „Bitterer geht es kaum“, meint Peter Kaiser und Anke Bosse merkt an, dass die Sterblichkeit oder den Tod zu überwinden in allen Religionen steckt, die Unsterblichkeit aber ein Fluch ist. Zitat: „Ich lebe und habe kein Leben. Ich werde niemals sterben und habe doch keine Zukunft. Ich bin niemand. Ich habe keine Geschichte und habe kein Gesicht – sagte Fosca“. Interessiert die Frage der Unsterblichkeit mehr als die Geschichtlichkeit ? fragt Anke Bosse ihren Gast. „Fosca erfährt Zeitbegriffe, die für andere völlig andere Bedeutung haben. Wenn man was Großes geleistet hat, möchte man den Moment festhalten. Für Fosca geht es immer weiter, das führt zu einer unheimlichen Gleichgültigkeit“, betont Kaiser und sieht das Werk als religionskritisch an. Der Roman macht sehr deutlich, nur durch den Tod, der unausweichlich ist, sind wir in der Lage unser Leben wertzuschätzen, haben wir Gelegenheit, unsere Zeit sinnvoll zu nutzen. Simone de Beauvoir hat das Werk 1946 gleich nach dem 2. Weltkrieg (Vernichtungskrieg) geschrieben, aber weder diesen noch den 1. Weltkrieg in die Beschreibung einbezogen. Für Peter Kaiser ist „Alle Menschen sind sterblich“ ein Plädoyer für ein sinnvolles Leben. Auch Anke Bosse ist überzeugt davon, dass dieser Roman ein positives Buch ist.

Das dritte Buch, das aktuell Peter Kaiser beeinflusst und verändert hat, ist die beinahe tausend Seiten starke Ausgabe „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von THOMAS PIKETTY (2013 im französischen Original publiziert, entwickelte sich das Buch nach Erscheinen auf Englisch im Frühjahr 2014 zum internationalen Bestseller mit mehreren hunderttausend verkauften Exemplaren; auf Deutsch im Oktober 2014 erschienen, aus dem Französischen von Ilse Utz und Stefan Lorenzer im C. H. Beck Verlag). http://verteilungsfrage.org/piketty/ Verteilungsdebatten sind aktuell wie nie. Die Ungleichheit ist das neue Megathema in der Politik und erschüttert die Ökonomie, die sich zu lange um diese Diskussion gedrückt hat. Das wissenschaftliche Buch handelt aus ökonomischer Sicht davon, wie es zur ungleichen Verteilung von Vermögen kommt. Die historische Entwicklung wird dabei länderübergreifend und vergleichend aufgezeigt. Umfangreiches, empirisches Datenmaterial sorgt für eine fundierte, wissenschaftliche Basis der Erkenntnisse. Fazit ist: Kapitaleinkommen steigen schneller als die Arbeitseinkommen. Diese Ungleichheit zwischen den hohen und den Normaleinkommen wird sich in Zukunft radikal verschärfen. „Keiner weiß, wie sich die Destabilisierung zeigen wird!“

Blog-Kapital-Titel
Für Peter Kaiser „ist das eine Muss-Lektüre, wenn man Verteilungspolitik betreiben will.“ Die Ungleichheit wächst stündlich, die Schere zwischen arm und reich wird immer größer, eine radikale Entwertung von Arbeit und Leistung geht damit einher. Das alles wirkt automatisch radikal destabilisierend. Bei Piketty kommt am Ende klar heraus, dass es möglich ist, die Dinge zu ändern. Dabei muss die Politik die Vorherrschaft über die Ökonomie haben. „Über das Tabu VERMÖGEN zu reden, ist schon fast ein Verbrechen – noch schlimmer ist es bei der Erbschaftssteuer (mit all ihren Mythen – obwohl man weiß, dass es ins Verderben führt)“, erklärt Kaiser, der in seiner politischen Funktion auch bei den Verhandlungen zur Steuerreform eingebunden war. „Wenn wir uns als Kulturkontinent sehen, dann müssen wir Handlungen setzen“, so Kaiser. Es gäbe viele Möglichkeiten Transaktionssteuern und andere Vermögenssteuern und damit auch politisch global regulierende Strukturen einzusetzen, die diese Ungleichheit regeln könnten – nur derzeit gibt es in der EU keine Bereitschaft. Daher ist die Bewusstmachung dieses Problems (durch dieses Buch!) so wichtig, denn die Lage ist nicht hoffnungslos!
http://www.capital.de/meinungen/ungleichheit-das-neue-mega-thema-2273.html
Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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