MANNSBILDER – Ein IG-Lesemarathon-Abend mit Augenzwinkern

„Nur die mutigsten Literaten wagen den Lesemarathon der IG Autorinnen Autoren“, der im April im Musilhaus Klagenfurt vor erlesenem Publikum stattgefunden hat. Wie es in der Ausschreibung der IG-Chefin Kärnten, Ilse Gerhardt, verlautbart wurde, standen „jedem der schreibenden Herren genau 5 Minuten zur Verfügung“, um sich der Hörerschaft mit neuen Texten zu präsentieren. Gelesen wurde aus allen Disziplinen der Literatur: Lyrik, Prosa, Essay und Märchen. Diese „Männerlesung“ ist Vorhut für die in der Walpurgisnacht stattfindenden, bereits traditionellen „Frauenlesung“ unter den gleichen Voraussetzungen: Ebenfalls ein IG Marathon für Kurzlesungen, dann aber der weiblichen Art. Die Liste der zehn teilnehmenden Autoren las sich wie das Who-Is-Who der Literaturszene Kärntens.

Josef K. Uhl, eröffnete als Erster den Lesereigen. Er ist Mitbegründer der IG Autorinnen Autoren Österreich (1975) und Regionalleiter der GAV – Grazer Autorinnen/Autorenversammlung Kärnten, Mitbegründer des „Literaturcafés beim Perstinger“ (1979) und Herausgeber der Literaturzeitschrift UNKE seit 1972, arbeitete als Korrektor, Lektor und Journalist. Zur „Männerlesung“, bei der die Texte pointiert und satirisch gehalten werden sollten, steuerte Josef K. Uhl (Spitznamen „die Unke“) folgenden eindringlichen, politisch akzentuierten Hymnus/Aufruf bei:

„ICH WILL EUCH NACHRICHT GEBEN
über meine große wie gebenedeite Stadt
über meine kleinen darin lebenden Politiker
über meine Künstlerfreunde
über meine ach so braven Künstlerinnen
WEG MIT DEM DRECK
Ich will euch Nachricht geben
über die desolaten Häuser meiner Stadt
über die kaputt gefahrenen Straßen
über die vielen leerstehenden Wohnhäuser
über die nicht gepflegten Grünanlagen
über den nicht zu übersehenden Abfall in den Gassen
WEG MIT DEM DRECK
Ich will euch Nachricht geben
über das Wasser, das nicht mehr gesund
über den Wind, der über meine Stadt weht
über die nichtigen Kulturgespräche, die geführt werden
über Kulturpolitiker und Trittbrettfahrer
in diversen Löchern dieser Stadt
WEG MIT DEM DRECK
und ich will euch Nachricht geben
über den Spielball namens Kultur
über die kleinkarierten Kulturjournalisten
und ihre Miniatur-Medien
über Musiker und Wald- und Wiesenpoeten
über Wahrheiten und Lügen
WEG MIT DEM DRECK
UND NOCH EINS; ICH WILL EUCH Nachricht geben,
dass es noch nicht zu spät ist – Umkehr zu finden.
Dann ist der Dreck weg und die wahren Künstler
wären zu erkennen, die in jedem Hause vor sich hindichten
darüber will ich Nachricht geben
dass der ganze Dreck endgültig weg ist.“ (©Josef K. Uhl, April 2016)

Bertram Karl Steiner, ein ebenso bedeutender Kulturjournalist wie Autor, erstellte unter der Leitung von Humbert Fink für die Kronen Zeitung Beiträge, wurde später zum ersten Kärnten Korrespondenten der Zeitung „Der Standard“, ab 1990 Redakteur der KTZ (Kärntner Tageszeitung), zuerst als Ressortchef für Politik, dann bis 2014 Kulturressortchef und hat mehrere Publikationen u. a. auch zu Kärnten, Slowenien und Venedig verfasst. Sein besonderer Rückzugsort der letzten Jahre ist Piran an der slowenischen Mittelmeerküste. Diesem verträumten mediterranen Ort, in dem der Schriftsteller auch ansässig ist, hat er seinen neuen poesievollen Text gewidmet.

Edgar Hättich
lebt seit 1987 als Psychotherapeut in freier Praxis in Klagenfurt. Seine Lyrikinterpretationen und Sendungen mit eigener Lyrik in den vergangenen Jahrzehnten wurden an verschiedenen deutschen Rundfunksendern und im ORF ausgestrahlt. Er zählt zu den interessantesten Dichtern derzeit in Kärnten und wurde 2014 mit dem 3. Platz des STW-Lyrikpreises Klagenfurt ausgezeichnet. Professor Hättich las beim „Männerabend“ aus seinem Buch „Der Regen sagt Silben“ (Hermagoras 2009) sowie neue Gedichte und führte seine Zuhörerschaft in wunderbare poetische Empfindungswelten.

Jozej Strutz
stammt aus Ruden und studierte an der Uni Klagenfurt. Er beendete sein Studium mit einer Dissertation über Robert Musil 1981; Als Professor unterrichtete er an der HAK Klagenfurt 1978-2010. Zahlreiche Publikationen ua. auch Kriminalromane stammen aus seiner Feder. Er schreibt Prosa und Lyrik. 2008 erhielt er als Erster den damals neu ins Leben gerufenen Lyrikpreis der Klagenfurter Stadtwerke. Zur „Männerlesung“ las er einen beachtlichen Prosabeitrag vor.

Horst Dieter Sihler
ist als langjähriger Filmkritiker und Kinomacher in der österreichischen Filmszene bekannt („Vater der alternativen Kinoszene Österreichs“) und stellte sein Talent mit unzähligen Filmessays, Kritiken und Festivalberichten unter Beweis. Er unternahm zahlreiche Reisen zu Filmfestivals in Ost- und Westeuropa, trat als Organisator von unzähligen Filmveranstaltungen in Erscheinung, war Lehrbeauftragter für Medienkunde (Universität Klagenfurt), Gründer des Vereins Alternativkino (heute Volkskino) und der Österreichischen Filmtage (heute Diagonale).
Er las ein interessantes Kapitel mit Anekdoten aus seinem soeben im Wieser-Verlag Klagenfurt/Celovec erschienenen Buch MEIN KINO DES 20. JAHRHUNDERTS – Erlebte Kinogeschichte.

G. Apo Stadler tritt seit einigen Jahren als Reiseschriftsteller, Fotograf und Maler in Erscheinung. Die Inhalte von seinen Reisetagebüchern werden in Kurzgeschichten veröffentlicht, z.B. „Kontschuk“, „Mit Geduld und Spucke“, „Gobi“, „Oleg und Wolk“, „Als die Zeit still stand“. Mitglied der Kärntner Schreiberlinge, der IG Autorinnen Autoren und BUCH 13 ist er ein Allroundtalent mit angenehmem Erzählstil. Er nahm die Zuhörerschaft beim „Männerabend“ auf eine abenteuerliche Zugsfahrt mit , auf der Reise von Klagenfurt nach Friesach.

Arnulf Ploder wurde 1986 das Ernst-Willner-Stipendium beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und 1988 der Literaturförderpreis des Landes Kärnten zuerkannt. Seither zählt Ploder zu jenen Schriftstellern in Kärnten, die wahrgenommen werden und das zu Recht. Im Brotberuf (mit Leidenschaft) ist er Deutsch- und Philosophieprofessor und unterrichtet am BRG Mössingerstraße in Klagenfurt. Er publiziert regelmäßig, besonders in Anthologien. 2010 wurde sein Drama „Gegenliebe“ an der neuenbuehnevillach uraufgeführt. Beim IG-„Männerabend“ überzeugte er das Publikum mit seinem Können durch sensible Schilderungen von Empfindungszuständen verbunden mit Natur-Detailbeobachtungen.

Heinz Zitta sagt von sich selbst: „Ich schreibe gerne Kurzgeschichten und Reiseberichte. Meistens humorvoll. Ernstes und Trauriges liegt mir nicht. Ich entdeckte die Lust am Schreiben durch die Teilnahme an „Kreativ Schreiben“ Kursen im Urlaub, im Angebot einer Sommerakademie auf der griechischen Insel Zakynthos. Das Schreiben in der Gruppe mit dem Vorlesen und Besprechen der Texte machte mir großen Spaß, so dass ich darauffolgend weitere Schreib-Kurse besuchte, um meinen schreiberischen Horizont zu erweitern.“ Er gibt auch Tipps zum Schreiben: 1. Mach den Leser mit dem ersten Satz bereits neugierig und 2. nimm deinen Leser an die Hand (ent)führe ihn in deine Geschichte und lass ihn mit deinen Augen sehen, was du erzählst. Das ist ihm bei dem IG-Männer-Marathon humorvoll/satirisch gelungen.

Gerhard Pleschberger trat bereits mehre Male mit dem Verein BUCH 13 in Erscheinung. Er lebt in Bad Kleinkirchheim und hat sich der pointiert kritischen Mundart verschrieben. Er verfasst Lyrik und Prosa und hat sich auch bereits bei Poetry-Slam-Veranstaltungen einen Namen gemacht. Pleschberger tritt oft als Sprecher bei diversen Kulturveranstaltungen (Lesung eigener und fremder Werke) auf und konnte beim „Männerabend“ mit einem typisch weiblichen „Vater Unser“ auf trumpfen, welches gnadenlos die Schwächen der Weiblichkeit freilegte und mit kabarettistischen Qualitäten vorgetragen wurde.

Del Vede trat als letzter Literat bei dieser Veranstaltung auf und brillierte sprachgewaltig als phantastischer Märchenerzähler, als der er in den letzten Jahren bekannt und sehr beliebt wurde. Von 1983 bis 1987 war Del Vede (als DEL Vedernjak) Regionaldelegierter der IG Autoren für Kärnten und veranstaltete in dieser Zeit jährlich das Literatur-Festival KÄRNTNER FRÜHLING. Dieser hatte sich aus einer literarischen Initiative einiger junger Kärntner Autoren heraus zu einer Veranstaltung entwickelt, die in der literarischen Öffentlichkeit auch außerhalb des Landes steigende Beachtung und Anerkennung fand. Er beschloss den Abend mit einem Märchen für „die Buben in uns“:

„Ich lese einen Auszug aus dem Kapitel eines größeren Textes, aus einem größeren Zusammenhang ironisch gebeugter Helden. Einige verknappte vom vorchristlichen Wendischen inspirierte Episoden, eine Art Märchen für Buben und Mädchen, das die Leser aufregen soll.

Für die „Buben in uns“, die wir Mannsbildern behalten haben, für diese Bubenseelen, die in uns eingeschlossen sind, wie unsere Vorfahren in den Ziegen, Schafen, Rindern, Schlangen, Bäumen oder Steinen eingeschlossen sind, wie wir selbst demnächst in Fell, Schlangenhaut, Borke oder Stein eingeschlossen sein werden – eine schöne Vorstellung, die uns schon damals besser machte als wir waren! – , denn eines Tages oder schon morgen
w e r d e n w i r Ziegen, Schafe, Kühe, Rinder, Schlangen, Bäume oder Steine keine Erinnerung an uns haben, Gott sei Dank!, doch wir werden besinnungslos, trunken und voller Kraft da sein, i m m e r da sein…jaja…

Das Wendische Umfeld der Episoden
Die Glan ist schon 1400 Jahre lang auch Glina, die Lehmführende, die noch vor Kurzem durch Feistritz im Glantal floss, heute Liebenfels. Der Lorenziberg wurde früher Rob genannt, der randständige Berg. Der Wolschartwald ist ein Vovsart, ein Wolfs- oder Ochsenwald. Knes hießen unsere alten Fürsten, die große Ländereien besaßen zB. um Köttmannsdorf (Fürst Hotimir) oder weit um die Gnesau (Knesove) oder um Bischofshofen, vormals Hofen, vormals Dvor, der Fürstenhof, ich meine den Fürstenbesitz Pongove – Pongau ist auch kein Gau wie die Wachau keine Au ist. Boris ist der Kämpferische. Tomaz ist Thomas. Die Kazasen waren das von der Großmacht der Awaren abgekupferte Militär, ein bäuerlicher Adel, der ursprünglich den Fürsten aus seinen Reihen wählte. So mancher stets als karolingisches Flechtwerk bezeichneter Kirchenstein war nicht von Germanen, sondern von einem dem Christentum beigetretenen Karantaner als Altarschranke in seiner Eigenkirche aufgestellt worden. Stan ist ein Schafsstall am Berg. Eine Troje steckt im Eigenamen Troyer – und ist eine Pferch. An der Schule von Lind ob Karnburg war noch in den 1980er Jahren eine Tafel des „Deutschen Schulvereines Südmark“ befestigt gewesen. Sie verschwand nach der Renovierung durch die Gemeinde.“
(©Del Vede, April 2016)


Foto© IG-Autorinnen Autoren Kärnten/ Plakatgestaltung

Ich danke den beiden Kärntner Autoren Josef K. Uhl und Del Vede für die Erlaubnis ihre Texte an dieser Stelle veröffentlichen zu dürfen.

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