MAGDALENA SÜNDERIN – ein Werkstattgespräch mit Lilian Faschinger

Da steht es frisch poliert, das Puch 800 Motorrad mit gelb lackiertem Beiwagen Baujahr 1937, ein seltenes Exemplar, im ersten Stock des Robert-Musil-Institutes Klagenfurt.
Was hat aber dieses Motorrad mit der bekannten Kärntner Schriftstellerin Lilian Faschinger zu tun? Die Autorin wurde 1950 an den Ufern des Ossiachersees geboren und trat in den Achzigerjahren mit literarischen Veröffentlichungen in Erscheinung. Der literarische Durchbruch gelang ihr mit ihrem dritten Roman MAGDALENA SÜNDERIN (Erstveröffentlichung im Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1995, 351 Seiten, Neuausgabe 2006 im Deutschen Taschenbuch Verlag, dtv München).

Die bemerkenswerte Puch-Beiwagenmaschine spielt eine bedeutende Rolle in ihrem Roman, zu dessen 20-Jahr-Jubiläum die Schriftstellerin zu einem „Werkstattgespräch“ mit Prof. Dr. Anke Bosse und zwei Studentinnen des Germanistikinstitutes der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt in das Robert-Musil-Institut eingeladen wurde.
http://www.dtv.de/buecher/magdalena_suenderin_13468.html

Lilian Faschinger beschreibt wie schnell man sich von seinen Gefühlen verleiten lassen kann. In ihrem Roman geht um eine schöne junge rotlockige Frau, die ihre Heimat (Kärnten) verlässt, ihre Habe verkauft, sich eine Puch 800 – Beiwagenmaschine zulegt und wie eine Nomadin umherreist. Als sie zurückkommt und in einer kleinen Kirche in Osttirol den Priester entführt, fährt sie mit ihm in den Wald, fesselt und knebelt ihn. Sie möchte gerne beichten: 7 Morde an ihren sieben Männern. Sie hatte mit den verschiedensten Männern Verhältnisse begonnen, die aber alle sieben tragisch endeten. Magdalena geriet an einen depressiven Holländer, einen eifersüchtigen Russen, einen untreuen Portugiesen, einen englischen Vampir, einen tschechischen Jehova, einen alten masochistischen Baron und an einen Mann mit drei Ehefrauen. Jetzt ist es an der Zeit sich Gehör zu verschaffen, nachdem Magdalena Leitner sieben Morde begangen hatte.

Blog-Fschinger-Motorrad

„Und jetzt werden Sie mich anhören, Hochwürden. Es wird Zeit, dass Sie auch mir Ihr Ohr leihen, Ihr auf allen Nuancen schwerer und läßlicher Sünde abgestimmtes katholisches Priesterohr, das schon so vielen verständnisvoll zugeneigt worden ist.“

Ein ironischer Unterton zieht sich durch diesen Roman und unglaublicher Einfallsreichtum. Es gibt zwei Ich-Erzähler, einerseits Magdalena, die IHR LEBEN UND IHRE SÜNDEN beichtet. Als zweiter Erzähler fungiert der Priester, der sein Verhältnis zu dieser Frau reflektiert und wie es sich im Laufe der Beichte verändert. Von reiner Angst über ein gewisses Verständnis bis hin zur Liebe. Die Verführung, vor allem die Verführung durch die Sprache steht im Mittelpunkt (wie schon im ersten Roman Lilian Faschingers).

Wie kommt man zu so einer Idee? Drängt sich da die Frage an die Autorin auf.
„Ich hatte das Bild eines gefesselten Priesters im Kopf, wusste aber zuerst nicht, was ich machen könnte. Zuerst wollte ich eine psychologische Geschichte von männlichen Autoritätspersonen erzählen“, meint Faschinger. Der Zorn in diesem Werk soll nicht übersehen werden, denn Magdalena Leitner wurde nie angehört.

Zur Entstehung des Romans erzählt die Autorin folgendes: „Ich wollte an einem ruhigen Ort dieses Buch schreiben, wo mich keiner kennt – so war ich neun Monate in einem Studio in Paris. Eine richtige Schwangerschaft war das für diesen Roman. Bei einem Frisörbesuch ist mir die Struktur aufgegangen, denn eigentlich ist das eine Zehn-kleine-Negerlein-Geschichte.“

Lilian Faschinger schreibt gerne an verschiedenen Orten: zu Hause in Graz, die Gedichte im Bett in der Nacht, einen Roman im Studio in Paris. In Wien ginge das nicht so besonders gut. Eine gewisse Distanz brauche man, aber man könne nicht immer flüchten.
„Ich bin sehr viel gereist, jetzt bin ich etwas müde“, erklärt Faschinger.

Und zu ihrer Arbeitsweise: „Bei einer Erzählung handelt es sich um eine viel ruhigere Arbeit als bei einem Roman. Man könnte diese Arbeit mit Musik vergleichen: Der Roman ist dabei wie eine Oper mit einer dramatische Frauenstimme. Ein Gedichte ist wie eine Skulptur, die im Raum steht und an der man herumbastelt. Bei meinen Inhalten geht es häufig um das Zu-viel-Reden und um das Verstummen. Dieser Roman wurde mit einer ungewöhnlich hohen Energie geschrieben. Ich schreibe immer nur an einem Werk, nicht parallel; momentan an keinem Werk. Ich muss mich mit einer Geschichte immer identifizieren und brauche einen gewissen Freiraum, damit nicht alles ganz klar ist. Ich beschäftige mich eigentlich mit Büchern, die ich geschrieben habe, dann nicht mehr, außer bei Veranstaltungen. Sie werden ad acta gelegt. Das erste Buch hat mir das Leben gerettet, so wie einmal Gert Jonke gesagt hat: jedes Buch rettet einem das Leben. Von Jonke wissen wir, dass er nicht loslassen konnte, da gab es eine völlige Einheit zwischen Leben und Kunst.“ (MAGDALENA SÜNDERIN wurde in 17 Sprachen übersetzt und von Ute Liepold dramatisiert. Das Theater WOLKENFLUG brachte im November 2013 in der Burgkapelle Klagenfurt das Stück zur Aufführung).

Jeder entwickelt eigene Arbeitsweise, fertig ist man, wenn der Verlag drängt, denn verbessern könnte man immer noch, meint Faschinger.
Zum Thema der Magdalena ist zu sagen, dass sie ursprünglich in der Bibel nicht gewertet wurde. Erst später entwickelte sich eine negative Sicht dieser weiblichen Figur, und sie wurde unterschiedlich bei den Evangelien beleuchtet.
„Sie wird als Sünderin dargestellt und es ging mir um die Rehabilitation der Frau in diesem Roman!“ Die Hauptfigur sucht jemanden zum Zuhören, am Ende entführt sie den Priester, der zuhören muss, es geht um eine Form der Absolution oder einfach ums Reden.
Die narrative Struktur wird dadurch gerechtfertigt. Die Zahl Sieben hat selbstverständlich eine gewisse Bedeutung in der Religion und in diesem Roman. Die sieben Todsünden werden in den sieben Männern dargestellt und außerdem hat Jesus aus Maria Magdalena sieben Dämonen ausgetrieben. Eine gewisse Zahlensymbolik steht daher hinter diesem Werk. Der einzige Mann, der schweigt, ist der Priester, deswegen hat er am Ende überlebt.

Blog-Faschinger-Gespräch

„Magdalena Sünderin wurde in einer sehr spielerischen Haltung geschrieben und wirkt auch zynisch“, erklärt Faschinger. Die Männer werden bei der Autorin extrem – wie als Karikaturen dargestellt. Diese Geschichte lässt sich weiterspinnen, das sei typisch für weibliches Schreiben: die zyklische Struktur. Die psychologischen Beschreibungen sind sehr genau. „Damals habe ich das gerne so geschrieben. Man schreibt ein Buch, um sich selber zu amüsieren! Ich stehe noch total zu diesem Buch, aber man hat sich in 20 Jahren so stark verändert, dass man das Gefühl hat, es habe jemand anderer geschrieben…“ , meint die Autorin. Vieles ist ernst zu nehmen, vieles aber nicht ernst gemeint…. das sei die Quintessenz des Romans MAGDALENA SÜNDERIN. Mehrere Ebenen spielen zusammen, ein Vexierspiel, das mit jedem Leser wechselt….

Alle Fotos (c) Gabriele Russwurm-Biro

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