Literatur unter freiem Himmel auf der Kreuzberglwiese – Spätsommerkostproben

„Alfresco“ hieß es im heurigen Spätsommer (in den warmen Augusttagen) zum zweiten Mal für LiteratInnen aus Kärnten. Der Kärntner SchriftstellerInnen-Verband lud zu den „Spätsommer–Literatur-Kostproben“ nach Klagenfurt auf die beliebte Spiel- und Festwiese im Naherholungsgebiet Kreuzbergl. Das ungezwungene freie Zusammentreffen Gleichgesinnter vor ansprechender Naturkulisse ohne räumliche Grenzen mit mitgebrachten Köstlichkeiten ist ein bewährtes Rezept. Spätsommerliche Nachmittage eignen sich daher besonders dazu, so wurde auch diesmal – im offiziellen Jahr der Kunst im öffentlichen Raum– die Einladung zu diesem informellen Literaturtreffen gerne angenommen.
Das einmalige Naturambiente und das perfekte stabile Spätsommerwetter lockten 20 Literatinnen und Literaten aus dem Freundes- und Sympathisantenkreis des Verbandes zu einem Treffen mit vollgepackten Picknickkörben und mitgebrachten neu entstandenen Texten. Jeder/e Teilnehmer/in konnte berichten, woran er/sie gerade arbeite und eine kleine Kostprobe aus den eigenen Werken vortragen.
Mit Klappstühlen, Decken und reichlich vorzüglicher Jause ausgestattet fand sich die Gemeinschaft auf der Spielwiese zusammen. Nicht nur Klagenfurter, auch aus Villach und Seeboden waren Teilnehmerinnen gekommen.
Lyrik und Kurzprosa wurden als Kostproben dargebracht und gaben Einblick in das vielfältige Schaffen der Kärntner Kolleginnen und Kollegen.
Unter ihnen waren Johannes Tosin, Peter Kersche, Marlies Karner-Taxer, Anneliese Merkac-Hauser, Edgar Hättich mit seiner Frau Maria Alraune Hoppe, Sieglind Demus, Christine Tidl, Betty Quast, Monika Grill, Edeltraud Pirker, Karin Prucha, Angelika Peaston, Gernot Stadler, Gabriele Russwurm-Biro und Gäste.
Aus den dargebrachten Kostproben sind einige hier nachzulesen:

Peter Kersche (Klagenfurt) las ein Gedicht, das er aus dem slowenischen übersetzt hat:
Von Edvard Kocbek

Grün

Als ich stehenblieb und mich widersetzte,
und den anderen keinesfalls mehr nachrennen wollte,
und nach einiger Zeit die Augen öffnete,
und in fremd anmutende Stille blickte,
da war plötzlich alles grün,
Erde, Himmel, Luft und Ferne.
Und als ich genauer hinblickte,
war alles andere auch grün,
Straße, Bäume, Wolken und Vögel,
grün die Sonne und alle Maßstäbe.
Und als ich meine Blicke auf die Handfläche und Finger richtete,
waren diese grün. Und als ich mich in sie verbiss,
spritzte das Blut grün.
Ich schrie auf, alle Schreie grün.
Vor Wut lief ich los, die Fluchtschritte grün.
Alle Geräusche grün und die Stille grün.
Auch die Gräser grün, die Erinnerungen grün.
Helle und Dunkelheit grün.
Und mein Schluchzen grün
und die Grenzen ununterbrochen grün.
Und als ich grün zu sprechen anfing
und das Grünzeug zu verwünschen begann,
die Kräuter, Grünflächen, den immergrünen Buchsbaum,
das Grün, die Pflanzen und das Immergrün,
wusste ich, selbst die Verzweiflung ist grün.
Da erkannte ich,
die Chimäre Hoffnung ist wild
und giftig grün geworden.

Übersetzt aus dem Slowenischen Peter Kersche
Originaltitel: Zeleno In: Zbrane pesmi. 2. Bd. – Ljubljana: Cankarjeva založba 1977, S. 31

Edvard Kocbek
Geboren am 27.9.1904 in Sv. Jurij ob Ščavnici, gestorben am 3.11.1981 in Ljubljana. Schriftsteller, Übersetzer, Gymnasiallehrer, Politiker (Kulturminister). Studium der Romanistik in Ljubljana, Berlin, Lyon und Paris. Ab 1931 Gymnasiallehrer. Mitarbeit an der katholischen Zeitschrift „Dom in svet“ (Heim und Welt). Er gründete die Zeitschrift „Dejanje“ (Die Tat), schloss sich im Krieg den Partisanen an. 1951 wurde er wegen der Novellensammlung „Strah in pogum“ (Angst und Mut) Mundtot gemacht. Erst 1961 wurde das Publikationsverbot aufgehoben. Kocbek gehört zu den bedeutendsten slowenischen Autoren des 20. Jahrhunderts. WERKE: Zemlja, (Erde), Gedichte 1934; Tovarišija (Kameradschaft), Tagebücher 1949; Strah in pogum (Angst und Mut), Novellen 1951; Groza (Grauen), Gedichte 1963; Poročilo (Bericht), Gedichte 1969; Pred viharjem (Vor dem Sturm), Tagebuch 1980 u. a.
Vergleiche u. a. auch: Böll, Heinrich: Zum Fall Kocbek. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 119, v. 26.5.1975, S. 19, Abdruck in: Einmischung erwünscht. Schriften zur Zeit. Sammlung publizistischer Arbeiten. 1977; Detela, Lev: In memoriam Edvard Kocbek. In: Die Presse, 11.11.1981; Detela, Lev (Hrsg): Kocbekovo berilo =Kocbeks Lesebuch. – Klagenfurt, Ljubljana, Wien: Hermagoras 1997; Literatur und Engagement. Hrsg. v. Lev Detela und Peter Kersche. – Klagenfurt, Wien: Kitab 2004; Rakusa, Ilma: Slowenische Dissidenz. Hinweis auf Edvard Kocbek. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 42, 19.2.2005, S. 47

©Johannes Tosin (Krumpendorf) las aus den Zyklen „I AM Dead“ und „Bonus“:
I Am Dead
Download

Durch die Nabelschnur der Information verbunden.
Jeder kann sein Kind oder Mutter.
Überlandverkehr auf der Datenautobahn.
Die Zeit zerhackt in Millisekunden.
Flächendeckende Netzabdeckung.
Systemüberlastung.
Stille bis zum nächsten Ton.

„Never Hurt Me Again“
Sie war schwanger, mit siebzehn.
„Ich wünsch mir ein Mädchen“, sagte er.
„Mir wäre ein Bub lieber“, sagte sie.
„Der wird groß und stark werden,
und er wird seine Mama beschützen, vor dir.“

BONUS
Prophezeiung

Eine Prophezeiung:

Sobald der Friedhof von Nadschaf,
der der weltgrößte ist,
an die heilige Stadt Kerbala heranreicht,
wird die Welt untergehen.

Noch liegen sechzig Kilometer dazwischen,
aber die können kurz sein.

http://www.das-dosierte-leben.de/tosin.htm

Karin Prucha (Klagenfurt) aus ihrem neuen Gedichtband: „in tiefen landen“ (lyrik und fotografien/der wolf verlag 2017)

die einatmung

in niemandsaugen bist du geboren
aus fremden zimmern waren deine worte
klänge der ferne besaß dein herz
in das du keinen schauen ließest
bis auf mich
der ich manchmal darin stöbern durfte

wenn ich das schwimmen verlerne
breche ich auf zu neuen ufern
neu ordne ich die morgen
die gestern bleiben ein sprachenverhängnis

ich kann dich nicht sehen mein geliebter
ich kann dich nicht vertauen
du bist in anderen landen

ich dreh mir den strick aus der wunden seele
eingeatmet in vielen stunden
glück über herz

die haut gräbt ihre sprache aus

meine worte fließen aus meiner kehle
weich und schmeichelhaft in deine haut
zart und salzig deine lippen
folgen meinen linien
mein körper dem aufruhr
salz auf meiner haut
und in deinem mund

ich sinke in das tiefblaue meer
warme schauer über meinem rücken
die haut gräbt ihre sprache aus
von liebe und verzeihen

mein morgenmund küsst deinen schlaf
sanft hellt sie auf die nacht
legt schlafen alte trauer
in zeilen honiggold

die grenzen deiner haut werden zu meinen
dein körper über mir
sanft schaukeln uns die wellen in den tag
kühlend ist dein haar
glanzpunkte auf meinen hohen tälern

zögernd wach ich auf
du bist so warm in meinem traum

mein ein paradies

nun wo die tage kürzer werden
einen hauch schon weniger als sommer
das meer noch warm ist an den küsten
die bora von fallenden temperaturen kündet

die sonne wie immer blutend im meer versinkt
das abendblau die kühle verheißt
da sitze ich des nächtens in meinem paradies
zwischen bäumen und verwilderten rebstöcken
lausche den grillen dem warmen konzert
dem schreienden kauz kein verkünder des todes
die luft streichelt meine salzige haut
die ich nicht wässern will mit süßem
des salzes wegen das meine haare
dichter werden lässt und zarter meine haut

hier schreib ich über widerstand
den meinen und den zur rettung der welt
in meinen dichtungen rett ich sie
mit den kratzigen geräuschen der feder
mit der ich über papier rase

der rote wein schmeckt karstig und herb
und passt hierher an diesen ort
zu den felsen grillen und grünen pflanzen

ich schaue nicht aufs meer
ich weiß es glatt und sicher

©Karin Prucha

https://www.heyn.at/heyn/list?cat=&quick=Karin+Prucha

Marlies Karner-Taxer las ihren Prosa-Beitrag aus dem immerwährenden Kalender der Literaturgruppe „Kärntner Schreiberlinge“: „Ich verspreche dir und mir“ (Monat Mai)

Die Lyrikpreisträgerin 2016 des zweisprachigen Bleiburger Literaturwettbewerbs trug ein Gedicht vor
©Anneliese Merkac Hauser

Und wieder

Und wieder
Soll einer
Die Sterne grüßen
Und wieder
Heute
Nach gestern

Ein Warten
Stellt sich ein

Ich lege den Schlüssel
Nicht mehr
Aus der Hand
Der öffnet das Band
Lasse euch
Frei

©Anneliese Merkac Hauser

Über „Endzeit“ von Betty Quast:

Vor fast 20 Jahren hat Betty Quast begonnen, an „Endzeit“ zu schreiben. Die in der Sammlung „Die Hochhausstadt“ eingefügten Kindergeschichten reichen bis in die 80er Jahre zurück. Nach langem Warten, Verlagssuche, Layouten und Lektorieren ist „Endzeit“ nun endlich da und erscheint im September 2017.

Der neue Lyrikband besteht aus verschiedenen Sammlungen:

Prolog: Die Hochhausstadt
Variationen über einen Androiden
Helsingør
Marzahn – im Herzen der Brache
Moderne Zeiten
Im alten Rom
Totalitarismus – 4 Jahreszeiten
Die Wächter

https://tredition.de/autoren/betty-quast-20936/endzeit-hardcover-92762/

©Gernot Apo Stadler (Reisender, Autor und Fotograf):

Dann kann es sein, dass ein Mann einmal weint.

„Es ist Sonntag, ein strahlend blauer Tag.
Ein angekündigt, strahlend blauer Tag.
Ein strahlend blauer Sommertag.
Ein Tag, an dem man raus muss!
Ein Tag, an dem die meisten naturverbundenen Menschen einen Ausflug machen.

Meist dauert es, bis meine Familie in die Gänge kommt. Doch heute ist alles anders. Frau hat am Beifahrersitz Platz genommen. Töchter sitzen erwartungsvoll auf der Rückbank. Hund, mit Kappe und Sonnenbrille ausgestattet, lugt aus dem Heckfenster. Es kann losgehen. Es ist eine Fahrt ins Blaue. Vorbei geht es auf der Südautobahn am schönen Wörthersee Richtung Villach. Die Tauernautobahn führt uns durch den Oswaldibergtunnel nach Feistritz/Drau. Hier biegen wir ab und Hinweisschilder zeigen uns den Weg nach Fresach und zum Millstättersee. Am Glanz beim Gasthof Podesser fällt die Entscheidung. Wir gehen auf den Mirnock.

In zwei kleinen Rucksäcken befinden sich Proviant, Wasser und Leckerli für
den Hund. Rocco, so heißt die Fellnase, spürt die Freude, die uns erfüllt. Er rennt geschäftig einmal nach vorne, dann wieder zurück und so legt er die Strecke in Metern gemessen wohl drei Mal zurück.

Sehr weit sind wir noch nicht gekommen, da wird von den Töchtern die erste Rast eingefordert. Auf einer Wiese finden wir einen Platz, der schöner nicht sein kann. Wir sind umgeben von einer Vielfalt von Wiesenblumen. Weidende Kühe machen mit ihren Glocken auf sich aufmerksam. Schmetterlinge schaukeln im leichten Wind und Bienen sammeln eifrig Nektar.

Und der Ausblick!

Er ist großartig, nein, er ist viel mehr als großartig!
Einzigartig, umwerfend, berührend!

Ich kann nicht anders. Die erste Träne hat einen meiner Augenwinkel verlassen.
Der See – der Millstätter See – er liegt im satten BLAU und seiner ganzen Pracht uns zu Füßen. Ringsum die Berge, einer schöner als der andere. Das Ende des Sees, das Goldeck und mir scheint, sogar der Großglockner sind zu sehen.
Mein Blick, nein, unser aller Blick, kann sich an diesen Naturschönheiten nicht satt sehen.

Das ist die Schöpfung!

See, Berge, Himmel, Wiesen, Blumen, Bäume, Menschen, Tiere – ich umarme euch.

Die einsame Träne erhält Bruder und Schwester.
(© Gernot Stadler, 2017)

http://www.lipife.at/wp/biographie-2/

Maria Alraune Hoppe lies sich 3 willkürlich gewählte Worte aus dem Publikum zurufen und entwickelte daraus drei erstaunliche und faszinierende Geschichten:

Foto© russwurm-photography

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