Literatur muss atmen – Nachbetrachtungen zum Wettlesen 2016 in Klagenfurt

Weil Literatur auch atmen muss, blickt jedes Jahr Ende Juni – Anfang Juli die Literaturwelt auf eine kleine Stadt namens Klagenfurt im Süden Österreichs und holt tief Luft. Der sommerhitzige Termin wurde vor 40 Jahren von den Begründern des Preises Humbert Fink und Ernst Willner nicht etwa deswegen gewählt, damit die Teilnehmer nach 4 Tagen Wettlesen vom schönen Wörthersee und vom Ferienambiente überzeugt wieder mit verklärten Erinnerungen an eine wunderbare Location zurückfahren, sondern, weil die in Klagenfurt geborene Dichterin Ingeborg Bachmann am 25. Juni Geburtstag feiert (diesmal ihren 90.). Ihre bevorzugten Städte, in denen sie lange Jahre lebte und arbeitete, waren Rom und Wien und eigentlich nicht die Kleinstadt, in der sie ihre Jugend verbracht hatte (und in der sie 1973 begraben wurde). An K., wie sie Klagenfurt– ihre Heimatstat – nannte, ließ sie nicht viel Gutes – trotz allem blickt die deutschsprachige Literaturwelt zu Sommerbeginn nach Klagenfurt und auf die „Lokalheilige“ wie Jury-Vorsitzender Hubert Winkels Ingeborg Bachmann bezeichnete.
http://www.lesenmitlinks.de/gastbeitrag-heimo-strempfl-ueber-bachmann-und-klagenfurt/

Nun atmet nicht nur das ORF-Theater in Klagenfurt große Literatur während der wenigen Tage des Bachmannwettbewerbs, sondern die gesamte Stadt. Sie bemüht sich „mitzuhalten“- optisch, organisatorisch, veranstaltungstechnisch. Eine große Sache für diese Stadt, will sie sich doch in diesen Wettbewerbstagen als „Literaturhauptstadt Europas“ bewähren, wie die Bürgermeisterin stets behauptet, und es das restliche Jahr nicht schafft, in Lethargie fällt und das besagte „Dichterdorf“ bleibt bis, ja bis zu den nächsten Tagen der deutschsprachigen Literatur („tddl“).
„Klagenfurt“ ist dennoch in den letzten 40 Jahren zum Schlagwort der Literaturszene geworden, zählt doch dieser Preis zu den bedeutendsten Auszeichnungen im deutschen Sprachraum. Geadelt ist, wer „Bachmannpreisträger“ oder „Bachmannpreisträgerin“ auf seine Visitenkarte oder in seine Bio schreiben kann. Dieses Prädikat wird auch überall genannt, getoppt nur durch „Büchnerpreisträger/-in“. Damit erreicht man dann maximale Beachtung, mehr geht gar nicht. Ein literarischer Karriereschub.
Mit diesen Ansprüchen stülpt sich der geadelte Literaturbetrieb einmal jährlich über die Provinzstadt Klagenfurt, welche durch ORF/3Sat-Übertragungen und Medienberichte hofft auch in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken (Umwegrentabilität).
Man könnte Klagenfurt auch als Außenstelle von Berlin, sehen in den sommerlichen Süden verrückt, kommen doch viele Besucher und Teilnehmer (sowie 16 der 40 Preisträger) aus Berlin. Im Schnitt geht alle 2 bis 3 Jahre der Bachmannpreis nach Berlin, so ist es auch 2016.
„Wettlesen“ oder auch „Wettsingen“ genannt, egal, übrig bleibt der starke Impuls von Literatur und die Anteilnahme über die Landesgrenzen hinweg. Literatur atmet einen kurzen Sommerhauch lang.

Diesmal war der Wettbewerb sehr international angelegt und dokumentiert eindrucksvoll die Liebe zur deutschen Sprache von Literaten und Literatinnen, die nicht deutscher Muttersprache sind. Das ist nichts Neues beim Bachmannpreis. Globalität und der damit verbundene unterschiedliche Kulturhintergrund beleben die deutschsprachige Literatur und damit auch die Themen.

Blog-Bachmannwettbewerb-2

Inhaltlich oder formal Riskantes und künstlerische Wagnisse, wie sie der Schriftsteller und langjährige Juryvorsitzende Burkhard Spinnen in seiner Eröffnungsrede zum 40. Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis einforderte, waren unter den 14 qualitativ sehr unterschiedlichen Einreichungen allerdings nicht zu finden.
Manchmal kam die Frage auf, wie der eine oder andere Text überhaupt in die Auswahl zu diesem hochdotierten Literaturpreis kommen konnte. Spinnen betonte aber die verantwortungsvolle Auswahl und schilderte die Leiden, die ein Juror zu bestehen habe, wenn es um Klagenfurt ginge. „Mythos, Scherz, Erfolg und Amt“ lautet der Titel seiner Rede:

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2779963/

Letztendlich fand auch dieses Jahr die hochkarätige und seriös bemühte Jury die richtigen Preisträger und Preisträgerinnen: Die in London geborene Berlinerin Sharon Dodua Otoo gewann mit ihrem Text »Herr Gröttrup setzt sich hin« den von der Stadt Klagenfurt ausgerichteten 25.000 Euro Hauptpreis. Am Beginn der Juryabstimmung war von einer Übereinstimmung nicht die Rede. Fast jeder Juror/Jurorin nannte einen anderen Namen. Otoo setzte sich erst in der 2. Stichwahl gegen Marko Dinić durch. In ihrem preisgekrönten Text erzählt sie mit viel Charme von einem an einem weichen Frühstücksei scheiternden Frühstück. Sie dreht dabei die erzählerische Perspektive und lässt den Leser das Geschehen aus Sicht des nicht hart werden wollenden Eis beobachten.
Jurorin Hildegard Elisabeth Keller sah in diesem Text eine »Persiflage auf Loriots Ei-Nummer mit hintergründigem Charme«, mit dem sie zeige, »dass der Bachmannpreis auch im 40. Jahr noch neuen Stimmen eine Bühne verleihen kann«. Für FAZ-Literaturchefin Sandra Kegel, die Otoo nach Klagenfurt eingeladen hatte, war diese »unangestrengte Satire über einen typisch deutschen Alltag, in dem ein noch weiches Ei die Regie in der Küche übernimmt«.

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773423/

In der Stichwahl für den mit 10.000 Euro Preisgeld verbundenen Kelag-Preis setzte sich der Schweizer Autor Dieter Zwicky in der Stichwahl knapp gegen den Serben Marko Dinić durch. Auf verschmitzte Weise erinnerte die Erzählform des Schweizers an Robert Walser und ließ das Publikum staunen. „Idylle oder schon Apokalypse?“ fragte sich Juror Klaus Kastberger.

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773434/

Nicht zuletzt zeigte sich die Jury auch von der großen sprachlichen Kunstfertigkeit der Berliner Autorin Julia Wolf beeindruckt, die mit »Walter Nowak bleibt liegen« den 3sat-Preis sowie 7.500 Euro Preisgeld gewann. Beruhigend, dass auch ein klassisch gebauter Text, der sich in die Tradition der Literaturgeschichte eingliedern lässt, reüssieren konnte. Die Geschichte über eine durch das Wasser eines Schwimmbades kraulende »Mannmaschine« sei ein Text, der durch vielfache Lektüre tiefer wird, sagte der Jury-Vorsitzende Hubert Winkels. Er habe erst im Nachhinein festgestellt, dass er die ideale Gegenerzählung zu Ingeborg Bachmanns »Undine geht« sei.

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773431/

Den mit 7.000 Euro dotierten Publikumspreis gewann die Wiener Jungautorin Stefanie Sargnagel mit ihrem Text »Penne vom Kika«. Die schillernde Persönlichkeit wurde schon im Vorfeld heftig vom Feuilleton beschrieben und gelobt, sozusagen ein Hype vor dem herbeigesehnten Hype inszeniert. Ihre gewollt provokante Berühmtheit hat sie einer Fangemeinde mit (kolportierten) 30.000 Facebook-Usern zu verdanken, die an ihren Lippen hängen und ihr beim Internet-Voting für den Publikumspreis kräftig unter die Arme griffen. Ihr Text über das Schreiben des Bachmanntextes und die Langeweile darüber löste bei der Jury unterschiedliche Reaktionen aus und kam gar nicht auf die Shortlist. Mit dem BKS-Publikumspreis ist auch ein halbes Jahr Stipendium als Stadtschreiberin in Klagenfurt verbunden. Es ist abzuwarten, ob Stefanie Sargnagel an der Kleinstadt Gefallen finden wird oder ob sie als echtes Wiener Großstadtkind an der Provinzialität verzweifeln wird.

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773426/

Abschließend ist zu bemerken, dass sich eher die Texte durchsetzen konnten, die mit Charme und Humor die Zuhörer und Jurymitglieder für sich einnehmen konnten. Ob es „Betrunkene Bäume“ (Ada Dorian) betrifft, „Penne vom Kika“ (Stefanie Sargnagel) oder „Mein Freund Harvey“ (Selim Özdogan).
Letztendlich gewann der feine und unkonventionelle Humor der Britin Otoo, die mit ihrer großen Familie in Berlin lebt, mit einer „kleinbürgerlichen“ Geschichte und deutschem Sittenbild aus der Perspektive eines Frühstückeis („Wer will schon ein Ei sein?“).
Die übrigen Texte litten unter zu viel Bedeutsamkeit und waren daher der Jury „too much“ und dem Publikum oft gar nicht zugänglich.

Nun verfällt der wohlgelittene Austragungsort Klagenfurt nach der Abreise der Literaturkritiker und Prosabegeisterten wieder in den literarischen Dornröschenschlaf. Die Stadt ist (seit Jahren) pleite und muss in Sachen Literaturförderungen sparen, da sie ja nächstes Jahr beim 41. Ingeborg-Bachmann-Wettlesen 2017, auf das wir uns alle wirklich freuen, wieder ihre Stellung als „Europäische Literaturhaupstadt“ beweisen muss…..

Fotos © Gabriele Russwurm-Biro
Logo © ORF/ Landesstudio Kärnten/ Bachmannpreis 2016

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