„Kopf hoch!“ – Ein literarischer Heimatabend zu Ehren Gert Jonkes (1946- 2009)

Prof. Dr. Klaus Amann, ehemaliger Leiter des Musil-Instituts der Alpe-Adria-Universität Klagenfurt, begann den Gedächtnisabend zu Ehren einer der letzten wahrhaften Dichter-Existenzen unter den deutschsprachigen Autoren, mit folgenden Worten:
„Gert Jonke war ein Dichter. Wenn man mit diesem Wort jemanden bezeichnet, der in und aus der Sprache die Welt neu erschafft, das heißt uns die Welt anders neu sehen lässt. Jemand, der in seinem Denken und Tun die Poesie verkörpert und dessen Poesie ein Abbild seines Wesens ist.“
In Kooperation mit dem Robert Musil-Institut veranstaltete das klagenfurter ensemble nach einem Konzept von Wilhelm Huber und Alexander Mitterer am 6. Februar einen Abend in memoriam des großen österreichischen Dichters mit dem Titel: „Das Vergessen kann in diesem Fall nicht möglich sein“. Bella Ban gestaltete die Bühne in der Theaterhalle 11 in Klagenfurt.

In drei Teilen präsentierten österreichische Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Elfriede Jelinek, Christoph W. Bauer ( „Ein poetischer Vagantengruß an Gert Jonke“), Alois Hotschnig, Josef Winkler, Anna Baar („Gruß an Jonke“) und der Verleger Jochen Jung Texte und Beiträge zu Gert Jonke.

Dietmar Pickl, langjähriger Jonke-Freund, sang das „Neue Kärntner Lied mit alter Weise“ von Antonio Fian. Oliver Welter interpretierte den Text „Im Zimmer“ von Gert Jonke. Am Klavier brachte Karen Asatrian Kompositionen und Improvisationen zu Gehör, ebenso spielten Johannes Brummer am Klavier und Gilbert Sabitzer am Altsaxophon das „Opus für Klavier und Saxophon“ von Alfred Stingl.

Klaus Aman, der als Moderator durch den würdigen Abend führte, machte das sehr aufmerksame Publikum auf die „tiefe Verachtung der Gier und Besitzkrankheit und die Lust an der Sprache Jonkes sowie die unerschöpfliche Erfindungsgabe“ aufmerksam,
dessen Leben und Schreiben eine untrennbare Einheit war. Und betonte wie wichtig die Musik im Leben Gert Jonkes war: „Sprachgewalt, Rhythmus und Musikalität“ zeichneten ihn aus, er sah die Musik als „Existenzgrund“.
Jonkes „Dasein als pausenloses Auf- und Abgehen in einem Zimmer – Beginn einer Verzweiflung“ blieb Josef Winkler bis heute unvergesslich. Mit gestohlenem Geld hat sich Winkler als Gymnasiast Gert Jonkes Buch gekauft: „Beginn einer Verzweiflung von G. F. Jonke war mir damals als halbwüchsigem Bauernjungen in einer Villacher Buchhandlung sofort ins Auge gefallen, in dem G. F. Jonke auf der für mich bis heute unvergesslichen letzten Seite schreibt, dass er oft stundenlang pausenlos in seinem Zimmer auf- und abgehe, ohne zu wissen, warum er stundenlang pausenlos in seinem Zimmer auf- und abgehe, und mir beim Lesen dieser letzten Seite von Beginn einer Verzweiflung sofort einfiel, dass ich, ein paar Jahre vorher, bevor mir dieses Buch in die Hände fiel, im großelterlichen Zimmer, als meine dicke Großmutter mit offenem Mund laut schnarchend im Bett lag, pausenlos in meinem Zimmer auf- und abging, ohne zu wissen, warum ich im großelterlichen Zimmer pausenlos auf- und abging und erst in dem Moment mit meinem pausenlosen Auf- und Abgehen innehielt, als meine Großmutter aufwachte und mir mitteilte, von den durchdringenden Schreien des Totenvogels aufgeweckt worden zu sein …“ (Josef Winkler/1995). An diesem Abend las Winkler diesen Text zum ersten Mal öffentlich.

Jochen Jung , ein langjähriger treuer Freund, Wegbegleiter, Ratgeber, Lektor und Verleger Gert Jonkes brachte die Persönlichkeit eindrücklich auf den Punkt: „Gert Jonke war wie ein heimlicher Engel unter den Dichtern Österreichs. Kein solcher kam ihm nach.“ Er las sein Essay: Der Wunsch Zauberer zu werden:
„Gert Jonke ist unter den Autoren, die in deutscher Sprache schreiben, der Fremdeste. Wenn Fremdsein das ist, was uns immer rätselhaft bleibt, gerade weil wir etwas darin wittern, was tief in uns selbst steckt, sich mit den üblichen Formeln aber nicht erschließen lässt, dann ist er der Fremdeste. Und darum ist er uns auch der Nächste. Er lässt uns ahnen, dass diese Fremde – wie bei Gorgo Medusa – hinter seinem ersten Schrecken etwas verbirgt und dann auf einmal leuchtend zeigt, was hier nicht Glück heißen soll oder Erfüllung oder Utopie, sondern Poesie. Und Poesie zielt immer direkt in unsere Mitte…..In Klagenfurt geboren zu werden, bedeutet, ein Kärntner zu sein, und irgendwann ist man so alt, dass man weiß, was das heißt. Natürlich ist es schön, ein Kärntner zu sein, so schön wie als Sachse oder Appenzeller auf die Welt zu kommen. Andererseits ist es aber auch nicht schön, denn einige Kärntner mögen andere Kärntner überhaupt nicht und zeigen das auch sehr gern. Das geht dann vor sich wie überall auf der Welt, für die anderen Kärntner aber besonders schlimm…. „(Jochen Jung)

Gert Jonke sagte in einem Gespräch zu ihm:
„Wahrscheinlich gab es von Anfang an den Wunsch Zauberer zu werden. Ja, zaubern zu können …das war es. Gedichte sind ja nichts anderes als Zaubersprüche, die bewirken, dass du außer dir bist. Dass du neben dir stehst und dich betrachtest und von dir betrachtet wirst, während etwas, was noch in dir drinnen ist und von dem du rätselst, was das sein kann, aus dir herausgetreten ist, und du stehst neben dir und schaust, wie das heraustritt. Das ist ein Punkt von Erkenntnis, glaube ich, ein Punkt, eine Sekunde, in der du begreifst zu verstehen, wie die ganze Welt, der Kosmos zusammengesetzt ist. …“ (Gert Jonke).

Jonke ist gerne Zug gefahren und besuchte vor seiner Abreise oft Klaus Amann im Musilhaus am Bahnhof. „Kopf hoch!“, schrieb Jonke seinem guten Freund, dem es im Moment der Begegnung gerade nicht gut ging, in ein druckfrisches Exemplar von „Der Ferne Klang“ ohne Ratschläge und kommentarlos, aber nicht anteilslos. Die zwei Worte sind für Amann Trost, weil er als Jonke-Experte weiß, wie dessen Texte zu lesen sind.

Alexander Mitterer interpretierte den Jonke-Text: Ein anderes Kärntner Lied“. Aus dem Publikum kamen viele Lacher zu dieser Charakterisierung Kärntens.

Im letzten Teil las Alois Hotschnig , der 2011 als erster Preisträger des Gert-Jonke-Preises ausgezeichnet wurde, einen virtuosen Text zu Ehren Jonkes. „Schreiben statt reden“. Klaudia Reichenbacher brachte danach die Laudatio zur Verleihung des Erich-Fried-Preises 1997 an Gert Jonke „Das Verhalten auf sinkenden Schiffen“ von Ilse Aichinger zu Gehör. Oliver Welter interpretierte Gert Jonkes Gedicht „Vogel Schau“ und Alexander Mitterer las den Jonketext „Quer durch das arktische Eis des Papiers.

Danach trug Reichenbacher auch zwei Texte von Elfriede Jelinek vor:
Allzu schneller Rücklauf: „Mit betrügerischer Leichtigkeit und ahnungslos sind Gert Jonke und ich einander (vor Jahren) ein letztes Mal begegnet. Im einem Zug der Westbahn, zwischen Linz und St. Pölten (Orte, die er nicht erfunden hat. Sonst hat er aber alles erfunden), ich war eingenickt und bin aus dem Leichtschlaf hochgeschreckt, da habe ich ihn durch die gläserne Abteiltür hindurch gesehen. Es traf sich irgendwas, das noch außer mir war (ich war noch nicht ganz da, aber auch nicht ganz weg, habe den Gert aber sofort erkannt), er war nicht außer sich, außer mir hat er niemanden dort im Abteil gekannt, musste er auch nicht, es war ohnedies alles von ihm, alles war von ihm erfunden; ich wollte aufstehen und zu ihm hinaus auf den Gang, und er hat gesehen, dass ich etwas ver-rückt bin, noch nicht ganz in der Wirklichkeit, und er hat eine begütigende Bewegung gemacht: Schlaf weiter! Jetzt schläft er, sehr viel weiter. Ich habe ihn seither nicht mehr wiedergesehen. …“ (Elfriede Jelinek)

Reichenbacher las einen Text, der für diesen Abend extra geschrieben wurde: „ Das Vergessen kann in diesem Fall nicht möglich sein“ – eine poetische Liebeserklärung. Den Abschluss bildeten Oliver Welter und Karen Asatrian mit ihrer sprachmusilkalischen Jonke-Interpretation „Auf den Telegrafendrähten“.

Foto: Porträt Gert Jonkes von ©Bella Ban

http://jungundjung.at/content.php?id=3&a_id=7

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