„Kärnten ist überall“- Lesung und Gespräch mit GERALD ESCHENAUER aus der Reihe Literatur um 8 im Dinzlschloss Villach

„Mit Schreiben rechtfertige ich den Raum, den ich auf dem Planeten Erde einnehme,“ sagte der US-amerikanische Bestsellerauto John Updike einmal. Beim gesellschaftskritischen Kärntner Autor Gerald Eschenauer ist es ähnlich und er greift mit seinem nunmehr vierten Buch MIEFKE SAGA III weit in den literarischen Raum.
Das Unaussprechliche, das Ekelhafte, das Allgegenwärtige, alles rund um uns herum wird durch den Kakao gezogen und vor den Spiegel gezerrt. Die tiefen Abgründe der menschlichen Seele öffnen sich. Der unbequeme, gnadenlos scharf beobachtende Autor teilt kräftig aus und will uns die Augen für seine „Heimat“ öffnen.

In seinen bisherigen Publikationen postuliert Gerald Eschenauer erbarmungslos desillusionierende Stellungnahmen zur eigenen kleinkarierten hinterwäldnerischen Heimat, die vor Sarkasmus und Ironie nur so strotzen. Zeitkritik gegenüber dem offiziellen Land Kärnten rangiert ganz oben, aber auch der ganz normale Bürger und Mitmensch wird unter das bissige Vergrößerungsglas genommen. Er gibt tiefe Einblicke in die menschliche Seele, besonders in die Kärntner Seele, denn „Kärnten ist überall….“. Nun haben sich schon andere mit der Kärntner Seele eingehend beschäftigt, aber es gibt offensichtlich noch immer genug Absonderlichkeiten zu berichten.

2015 ist der dritte Teil der Eschenauer-Trilogie MIEFKE SAGA III – AUCH FÜR ALLERGIKER im Mitgift – Verlag erschienen und umfasst das Eschnauer ´sche Welt- und Heimatbild auf knapp 90 Seiten in Kurzgeschichten und Gedichten. „Vom Mittelmaß“/ „Brückengespräche mit Rückgrat“/ „Von der Kunst Größe zu zeigen“/ oder auch „Die Sünden dieses Landes“/ lauten die Titel der Kurzgeschichten, 30 an der Zahl.

„Wås geht dås mi ån? Kärnten ist überall…“ so heißt es im Vorwort. „Machen Sie sich nichts vor. Anzunehmen, dass exemplarisch regionale Beschreibung vor eigenem territorialem Gebiet haltmacht, ist schlicht und einfach falsch. In Ihrer verfickten Region sieht es nämlich nicht anders aus. Die idyllischen Dörfer im österreichischen Bundesgebiet sind ebenso davon betroffen wie Regionen in Ost- und Westdeutschland, auszuweiten auf Europa und die ganze Welt. Nehmen Sie das Geschriebene in diesem Buch daher ruhig persönlich. Kärnten ist überall….“
(S 7).

„Seine Texte haben sich deutlich verändert und heben sich von den schon bekannten der beiden vorigen Teile I / II der MIEFKE-SAGA-TRILOGIE ab. Der schnelle Lacher ist nicht mehr das, um was es Eschenauer in seinen Texten geht. Das Erzählerische kommt stärker in den Vordergrund, hebt Germanist Arno Rußegger in seiner Einleitung zum Leseabend im Dinzlschloss hervor. Der Ton ist rauer geworden, es geht ans Eingemachte, das Lachen bleibt oft einmal im Hals stecken. Der Autor selbst meint dazu: “Ich bin erwachsen geworden, obwohl ich nie erwachsen werden wollte!“

„Eschenauer wurde in Zweikirchen geboren, ganz in der Nähe des berühmt berüchtigten Ulrichsberges. Das ist symbolträchtig für die Konzeption seiner Literatur, sozusagen ein doppelter Fokus, doppelter Blick, übliche konventionelle Bedeutung und den gewissen anderen Blick hinter die Kulissen. Zum Satierekonzept gehört offenbar auch die optische Aufmachung: die Plakate und die Gestaltung des Buchcovers zeigen das. Die Augenpartie wird betont, wodurch die Wirkung de-fokussierend erscheint. Man fühlt sich selbst in Frage gestellt. Dabei gibt es keine endgültigen Feststellungen, alles wird verschoben, das Allgemeine und Besondere wird vereint,“ erklärt Rußegger.

Dennoch bleibt wie in den vorangegangenen Veröffentlichungen die Liebe zur kurzen Form. Eschenauer meint dazu mit einem Augenzwinkern: “ Ich bin vergesslich, daher ist das mit Romanen eher beschwerlich…“

Eschenauer hat Philosophie studiert, aber seine Denkart ist nach Arno Rußeggers Einschätzung nicht abstrakt theoretisch, sondern, immer nah an den Vorkommnissen. Er übersteigt die äußere Realität mit einer Frage, wodurch eine gewisse Parabelhaftigkeit wirksam werde. Kärnten wird zum Sinnbild oder Unsinn-Bild, das keine Grenzen mehr kennt, „senza confini“ sozusagen. Texte bestehen aus Kurzprosa und Gedichten mit politischer Schärfe, sie treten nun kompromisslos hervor…

Ján Kubis am Akkordeon und Gerald Eschenauer bei der Lesung "Literatur um 8"
Ján Kubis am Akkordeon und Gerald Eschenauer bei „Literatur um 8“

MIEFKE SAGA III ist keine Fortsetzung, mehr logische Konsequenz, heißt es im Klappentext: „Die Summe der Ergebnisse. Der Autor schielt nicht nach Verständnis für eine allgemeine Situation, er legt vielmehr offen, wie erbärmlich wir handeln. Niemand bleibt unberührt, niemand ausgenommen. Regionalität wird aufgehoben. Freiheit ist längst eine Lüge. Und doch gibt es Hoffnung….“

„Ich bin ein gesellschaftspolitischer Autor und deswegen nehme ich Stellung“, charakterisiert sich der Villacher Autor. „Das ist im kulturellen Bereich nicht mehr üblich – es wird nicht mehr gepflegt. Früher wurden Meinungen kund getan (wie Karl Krauß das etwa getan hatte). Heute ist das überhaupt nicht mehr der Fall“, bedauert Eschenauer. „Ich nehme es niemandem übel, wenn er sich nicht äußert. Ich will mich aber äußern zu Dingen, die falsch laufen.“ Das beginnt bei Subventionsansuchen, geht weiter mit Ausreden und Absagen, einer gewissen „Systemtrottelei“, und dem vorherrschenden „Selbstbeweihräucherungsapparat“, letztendlich ist es die Dekadenz und die Zügellosigkeit, „koste es, was es wolle“, die den Autor aufrütteln, der Zustand der Gesellschaft – eben : „Die Sünden dieses Landes“.

In „Vom Alles-Dürfen“ schreibt er wie folgt:

Denken wir doch nicht mehr daran, solange es uns gut geht. Und es geht uns gut, nicht? Fett und zufrieden sitzen wir da. Der Kärntner Schweinsbraten auf dem Tisch. Öffnen wir den Kärntner Kühlschrank, bis oben hin gefüllt mit Kärntner Milch, Kärntner Speck, Kärntner Joghurt, Kärntner Glundnem Kas und faulen Eiern. Eingekauft in der Kärntner Landesregierung und ihren Zweigstellen. Schieben wir die Tür des original Kärntner Kleiderschranks rasant nach rechts. Voll ist er mit Kärntner Kilts, Kärntner Pleamlan. Kärntner Anzügen, Kärntner Löwen und Kärntner Dirndln. Sehen wir uns selbst im Spiegel und damit ins wahre Antlitz unserer erbärmlichen, intoleranten, von Neid und Missgunst zerfressenen, missmutig wirkenden Kärntner Kleingeist-Bergundtal-Seeundwald-Seele.
Wir dürfen alles. Uns nur nicht erwischen lassen…..
(S19)

Gegenüber anderen Medien hat es die Literatur heutzutage schwer. Ist die Literatur nun in der Defensive? wird der Autor gefragt.
„Der Mut fehlt – bei den Entscheidungsträgern und Förderstellen“ , betont Eschenauer. Davon kann er als ambitionierter Veranstalter in seiner Eigenschaft als Obmann des 2013 von ihm gegründeten „Vereins BUCH13 zur Förderung heimischer Literatur-Kultur“ ein Liedchen singen. „Bei Lesungen mit unbekannten Autoren und Autorinnen bekommt man keine Förderungen oder Sponsorengelder. Was zu tun ist? Es trotzdem machen! Wie soll etwas Neues entstehen, wenn man die Möglichkeit als Literaturschaffender nicht bekommt? Gegen die bestehende Überheblichkeit muss man eben ankämpfen. Die Gesellschaft lässt alles über sich ergehen – Der Literatur käme da eine besondere Stellung zu!“

Gerald Eschenauer, Jahrgang 1972 wurde in der Mittelkärntner 500 Seelengemeinde Zweikirchen, am Fuße des Ulrichsberg, als jüngstes von insgesamt acht Kindern geboren. Mehrere Jahre arbeitete Eschenauer im Rundfunk. Schauspiel, Theater, die Literatur und Philosophie sind seither seine steten Begleiter.

http://www.eschenauer.at

BLOG-Eschenauer-4

Bisher erschienen:
MIEFKE SAGA
2012, Bibliothek der Provinz, Weitra
ISBN 978-3-99028-119-2

MIEFKE SAGA II – PASSIONEN
2013, Bibliothek der Provinz, Weitra
ISBN 978-3-99028-239-7

DAS SCHLACHTEN DER SCHWEINE
2014, Malandro Verlag, Klagenfurt
ISBN 978-3-902973-06-1

MIEFKE SAGA III – AUCH FÜR ALLERGIKER
2015, Mitgift Verlag, Wien
ISBN 978-3-903095-00-7
90 Seiten
€ 13,-

http://www.mitgift.at/de/autoren

http://www.mitgift.at/de/buecher

Die Lesereihe LITERATUR UM 8 wird von der Kulturabteilung der Stadt Villach im Dinzlschloss, Schlossgasse 11, 9500 Villach veranstaltet. Literatur nimmt in der Stadt Villach einen hohen Stellenwert ein, was sich im Budget ausdrückt. http://www.villach.at/inhalt/185117.asp

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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