„Ich zeige dir das Meer“ – Antrittslesungen des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes

Zweimal im Jahr präsentiert der Kärntner SchriftstellerInnenverband im Rahmen von Lesungen die neu aufgenommenen Mitglieder einer breiteren interessierten Öffentlichkeit in Klagenfurt. An diesem Abend Mitte Mai konnte man vier sogenannte Antrittslesungen im Musilhaus in der Bahnhofstraße anhören und miterleben: Sieglind Demus, Ingeborg Ruth Lané, Miriam H. Auer und Mario Oppelmayer lasen aus ihren neuen Werken und gaben somit Einblick in ihr Schaffen.

Die Kärntner Schriftstellerin Sieglind Demus ist Text- und Fotojournalistin und verfasst seit 2011 als freiberufliche Autorin literarische Texte. Nach Aufenthalten in Ägypten, Asien, Uganda und Deutschland lebt sie seit Jänner 2013 in Villach. 2012 erhielt sie den Allgemeinen Literaturpreis der Klagenfurter Gruppe. In den Jahren 2013, 2014 und 2015 war sie Preisträgerin beim Literaturwettbewerb „WortReich“ (Kärntner Bildungswerk/Marktgemeinde Finkenstein).

http://www.bildungswerk-ktn.at/fileadmin/bilder/aktuelles/WortReich_2015_Textsammlung_web.pdf

Für 2015 bekam sie vom Bundeskanzleramt zwei Arbeitsstipendien. Sie hat an folgenden literarischen Projekten teilgenommen: „Begegnungen – können Dein leben verändern oder auch nicht“, „Und die Liebe?“, „Horror vacui“ und „Himmelangst“. Einige Texte sind in Anthologien und Literaturzeitschriften (FIDIBUS) gedruckt und werden oft bei Video-/ Foto-/Literatur- Performances in Österreich multimedial umgesetzt. Ihre Texte wurden in Englisch und Italienisch übersetzt und sind auch auf ihrer Homepage zum Teil veröffentlicht:

http://www.sieglinde-demus.de/texte.html

Bei der Antrittslesung brachte sie den bisher noch unveröffentlichten Text DER GESANG DER ZIKADEN zum ersten Mal vor Publikum zu Gehör, der folgendermaßen beginnt:

Der Gesang der Zikaden

Im Herbst sah er diesen Film im Fernsehen. Schneebedeckte Bergpanoramen wechselten sich mit hügeligen Wiesen ab, die Soča grub sich in Schroffen. Die Kamera schwenkte zu idyllischen Bergdörfern, bevor sie einem Weg durch den blühenden Karst folgte — bis in der Ferne silbern glitzernd das Meer auftauchte, verschmolzen mit dem Horizont. „Irgendwann Karli“, er lachte, klatschte mit der flachen Hand aufmunternd auf das Bein seines Sohnes, „irgendwann machen wir beide das gemeinsam. Du und ich. Wir gehen bis zum Meer!«
Zu Weihnachten, als er registrierte, dass er seinem Kind wieder nicht genug geben konnte, versprach er ihm ins Ohr: »Weißt du was Karli, wir gehen nicht irgendwann. Wir gehen diesen Sommer. Wir gehen über die Grenzen. Ich zeige dir das Meer.« … …(© Sieglind Demus)

Ingeborg Lané wurde 1946 in Wien geboren, wo sie bis 2008 mit Ihrem Mann lebte. Danach fand sie in Villach ein neues Zuhause. Sie wurde gleich nach ihrer Geburt „verschenkt“. Mit zwölf Jahren erfuhr sie durch Zufall von fremden Menschen, dass sie ein Pflegekind war. Nach diesem seelischen Schock, der sehr lange anhielt, erfuhr sie am Vormundschaftsgericht bei der Einreichung der Genehmigung für ihre Hochzeit, dass sie noch drei Geschwister hat. Von Zeit zu Zeit über Jahrzehnte versuchte sie diese ausfindig zu machen. Das Daten¬schutzgesetz verhinderte jedoch dies. Es blieb ein Kampf zwischen Aufgeben und Weitersuchen, gegen Bürokratie und Beamtenburg. Schließlich startete sie 2010 mit 64 Jahren einen letzten Versuch, um ihre zwei Brüder und eine Schwester zu finden. Schwierige Recherchen, Durchhaltevermögen und der Wille, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen brachten sie an ihre Grenzen. Diese aufregende Suche über 50 Jahre führte sie bis nach Gran Canaria, wo sie letztendlich zum Ziel gelangte.
Ihre Autobiografie war so spannend, dass Ingeborg R. Lané vom öster¬reichischen und deutschen Fernsehen interviewt und ihr Schicksal in diversen Zeitungen sowie im Radio erzählt wurde. Darauf hin animierte man sie mehrfach zum Schreiben ihrer Lebensgeschichte. Im November 2014 erschien dann das Buch mit dem Titel „Unbekannte Geschwister/Mein langer Weg zu Euch“. Es erzählt die Geschichte einer Kindheit in der Nachkriegszeit in Wien, ein „verschenktes“ Kind, das seiner Wurzeln beraubt wurde und seinen Weg findet. Ein Buch über Mütter, Geschwisterliebe und das Verzeihen, aber auch zum Nachdenken für Adoptiv¬- und Pflegeeltern.
http://www.lgil.at/index.php/mnu-leseproben/mnu-kap2
Sie las bei der Antrittslesung mehrere Textproben aus ihrer Autobiografie und brachte das Publikum zum Staunen mit den zahlreichen Details:
„Wien, Vormundschaftsgericht, März 1964:
Es hieß noch einige bürokratische Hürden vor der Eheschließung zu überwinden: Wir erfuhren beim Jugendamt, dass die nächste große Schwierigkeit darin bestand, dass ich nicht adoptiert war, sondern als Pflegekind die Bewilligung meiner leiblichen Mutter für die Heirat brauchte. Dieser Canossagang blieb mir erspart, da ich bei der Jugendfürsorge erfuhr, dass meine leibliche Mutter schon 1962 verstorben war und ich dadurch einen amtlichen Vormund hatte – mir fiel ein großer Stein vom Herzen. Zu diesem Zeitpunkt hasste ich meine leibliche Mutter so sehr, dass ich sie weder sehen, noch sprechen hätte wollen…..“ (© Ingeborg R. Lané)

Als dritte Schriftstellerin präsentierte sich Miriam H. Auer mit Lyrik.

Sie wird 1983 in Friesach geboren, wächst in Arnoldstein auf. Träumt vom Schreiben, kann im Kindergarten lesen. Zeichnet, spielt Instrumente, schreibt bis heute Lieder. Seit sie Stifte halten kann, zeichnet sie auch. Miriam Auer besucht das Peraugymnasium in Villach, schaut oft aus dem Fenster … Maturiert. Studiert. Wird 2015 mit Auszeichnung zur Dr.in phil. promoviert. Ihre Dissertation trägt den Titel Poetry in Motion and Emotion. Literarisch versucht sie sich früh, schriebt Lyrik, Lesedramen, Kurz- und Langprosa.

Miriam Auer traut sich aber erst 2012 mit ihren Texten an die größere Öffentlichkeit. Von 2013 bis 2014 arbeitet sie an ihrem ersten Buch HINTER DER ZEIT, das Ende Oktober 2014 in der Edition Meerauge/Verlag Heyn publiziert wird, das gefällt, polarisiert, verwirrt, aber bestimmt zum Denken anregt.

http://www.meerauge.at/ausser_der_reihe_specials/hinter-der-zeit-umnachtungsnovelle

2013 gewinnt sie den zweisprachigen Literaturwettbewerb von Bleiburg „Kärnten wortwörtlich/ Koroška v besedi“
http://www.bleiburg.gv.at/kulturundtourismus/literaturwettbewerb.html

2014 wird sie zweite beim Preis des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes. 2015 erhält sie den Förderungspreis für Literatur des Landes Kärnten und findet den Mut, neben ihrer Tätigkeit als Lehrende am Institut für Anglistik der Universität Klagenfurt, auch als freie Schriftstellerin zu leben und zu arbeiten. Für Miriam Auer, die sich auch stark für Menschen- und Tierrechte engagiert, gibt es kaum Schöneres.
Ihr zweiter Roman mit dem Titel KNOCHENFISCHE wird im Spätherbst 2016 erscheinen. Sie las im Rahmen der Vorstellung neuer Mitglieder des SchriftstellerInnenverbandes Gedichte aus dem Zyklus SCHAU MEIN INNERSTES OHNE MESSER AN.

Daraus ist hier das Gedicht HARTES WASSER nachzulesen:

Hartes Wasser

Nach dem Desserttraum weinen Nieren Steine, unmystisch fern von
Osterinseln, wie im Albtraum zerbricht die Herzblume, der man das
Porzellan gar nicht angesehen hat. Kalk wusste Spuren im Kelch zu
ziehen, die mein Mund aus Scherben liest wenn sonst niemand
mehr mit Zähnen trinkt, Pinsel in Lippenbögen ein neues Bild erschweigen.
Tage klingen noch nach Mensch. Das Leben hören, wenig
verstehen, humorlos zum Schießen sein, Kanonenspatzen
um uns herum. Jemand kommt von ungefähr. Flammt an beiden
Enden. Kerzenmenschen – doppelt vom Aussterben bedroht.
Schwarzer Kreis, Neumond und Altlast. Entwurzelte Leute
und Bäume überholen uns. Hier im Sturmwind, alle Argumente
haltlos. Auch Finsternis reist mit Lichtgeschwindigkeit. Über die
Nulllinie taumeln, Zielwasser. Ausgelesene Gesichts-Bücher.
Und wenn sie nicht…

Neue Zeiten wie Messer, Luft zum Schneiden. Und hier noch
das Kunstunwetter: Wolkenbruch in Gips. Frieden als Utopie.
Liebesleiter hinauf zu ihm, doch Wartezeiten. Mut zum Wort
unterm Messer. Zittern nur noch Espen erlaubt. Welker
Rittersporn, kaum Lanzelot.

Asche tanzt durch einsam winkende Hände. Makabres Fleischorigami
in weltfremden Kriegen, immerfort, Liebkind mein, immer fort sein. Steine
unbekannter Herkunft in Körpern, innere Kinder weinen nicht, traumtrunken
schmieden Schläfer unbeugsame Zellen. Arme Haut wird Milch, fett genug
zum Brennen, Feuer im Frühstück. Ich kann tagträumen wie im Schlaf. So gut.

Öl gepresst aus kalten Schulterblättern. Innere Kinder, ein tieferer Chor,
Wetterleuchten im Marianengraben. Ausgetrunken, der Traum für den Tag.
Tiere und innere Kinder weinen nicht nach außen hin.

Verlorene Zeit in Gegenwart, der Mond scheint sonnenhungrig. Ligusterschwärmer.
Erinnerte Hüften, in Memphis geblieben. Hounddog und Ladybird.
Am Berg auf dem Teller ausgebissene Zähne. Hard Rock. Tiefer gestimmt. Klangperlen
hinter den Meeresspiegeln. Vor Lebensdurst aufgedrehter
Wundwasserhahn.
Denk doch: Hartes Wasser einfach erweichen. Das Leben, ein Windspiel.
Aufatmen.
(© Miriam H. Auer)

Als letzter in der Reihe der Neuvorstellung an diesem Abend im Musil-Haus las Mario Oppelmayer aus seinem neuen im Jänner 2016 entstandenen Gedichtzyklus mit stark autobiografischen Zügen.
„Mario Oppelmayer geht schon auf die 60 zu, hat aber erst gerade die Phase des „Berufsjugendlichen“ glücklich zum Ausklingen gebracht. Aufgewachsen in Kärnten, trieb er allerhand, aber nichts wirklich Rechtes oder Bleibendes, bis er psychisch krank wurde. Das war eine Art Erlösung, da brach ein mächtiger Affekt durch, der etwas später die Schreibhemmung löschte. Zuerst als Manisch-Depressiver auffällig, wurde er danach in den einschlägigen kulturellen Kreisen von Klagenfurt als Trinker am Rande mitgeschleift, geduldet und stigmatisiert, kaum glaublich, dass während dieser ruinösen Zeit ein so umfangreiches lyrisches Werk entstehen konnte.
Als das Stigma nicht mehr zu verkraften war, floh er nach Graz, lebte drei Wochen auf der Straße und lieferte sich danach in eine psychologisch betreute Wohngemeinschaft ein. Das hat ihn nicht nur gerettet, er trinkt nicht mehr, es hat ihn auch sehr konkret tiefer in den Buddhismus hineingeführt, aus dem er von keiner weltlichen Macht mehr abgeführt werden kann. Die Flucht nach Graz hat ihm das große mächtige Tor Identität geöffnet, das Stigma ist innerlich schon fast zerbrochen, der Schreibfluss konstant und qualifiziert. Er ist knapp davor, Schüler eines buddhistischen Meditationslehrers zu werden, ist noch Single und hasst Kärnten nicht, obwohl es ihm da recht dreckig, verlassen und todesnah gegangen war.“ ( autobiografische Beschreibung, © Mario Oppelmayer)

Musikalisch wurde der Abend von Ján Kubis am Akkordeon virtuos begleitet. Auch den ersten Beitrag DER GESANG DER ZIKADEN von Sieglind Demus hat Kubis mit seinen Klängen unterstrichen und klanglich zur Geltung gebracht.

Foto © Gabriele Russwurm-BIro

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