“Ich zähle die Sterne, alle, die es gibt” – ein Buch13-Leseabend im Eboardmuseum

“Literarische Räume sind wichtig für die heutige Zeit,” betont Buch 13 – Obmann Gerald Eschenauer bei der Saisoneröffnung Anfang September in Klagenfurt. Ein neuer und ungewohnter Leseort wurde eingeweiht, das Klagenfurter Eboardmuseum (Hausherr Gert Prix) in der Florian-Gröger-Straße 20 beim Messegelände. Die Literaturinitiative BUCH 13, die vor über drei Jahren gegründet wurde, um neuen und erfahrenen AutorInnen aus Kärnten eine ungezwungene Plattform und ein breites Publikum zu bieten, verfügt derzeit über drei Standorte in Villach und neben dem Eboardmuseum auch noch den Studioklub in der Rosenbergstraße in Klagenfurt. “Literatur muss frei bleiben, wir brauchen unabhängige Orte, wo wir lesen können. Wir sind niemanden gegenüber verpflichtet, am wenigsten der Politik”, so Eschenauer.

An diesem sommerlich heißen Abend wurden an einem passenden Lesetisch (Gehäuse einer Hammond Orgel), zwei sehr scheue Autoren präsentiert: Johannes Tosin und Günther G. Mörtl.

Johannes Tosin wurde 1965 in Klagenfurt geboren. Als er ein Jahr war, zog er mit seinen Eltern nach Deutschland, am längsten waren sie im Dorf Elliehausen bei Göttingen, Niedersachsen, nahe an der damaligen DDR-Grenze. Er lebt in Pörtschach am Wörthersee.
Er überrascht mit seinen Kurzgeschichten und Gedichten das Publikum durch Fiktionales, Mystisches und Trauriges. Wie seine Geschichten entstehen, kann er nicht sagen, er hat keine Lieblingsthemen. Wichtig für ihn ist es, mit der Hand zu schreiben.

„Mit 9 zog ich mit meinen Eltern und meiner Schwester für 1/2 Jahr nach Klagenfurt, dann für 4 1/2 Jahre nach Wien. Als ich 14 1/2 war zog ich wieder nach Klagenfurt, ab dem Sommer 1979. Mit 16 verließ ich mein Elternhaus und zog mit meiner späteren 1. Frau, der Mutter meiner Tochter, zusammen. Ich war wegen Geldmangels gezwungen, aus dem Gymnasium auszutreten, machte zirka 3 Jahre lang üble Jobs wie Kohleträger, Fensterputzer und Prospektverteiler (eigentlich muss man sagen, dass Kohleträger gar nicht so schlecht war – von fast jedem Haushalt Trinkgeld und Bier). Nach der Trennung von meiner 1.Frau lernte ich Bürokaufmann, machte die Buchhalterprüfung, lernte Sprachen (bis auf Englisch wieder ziemlich vergessen), absolvierte danach in Leoben, die HTL für Maschinenbau-Hüttentechnik und arbeitete parallel als Sachbearbeiter. Matura 1993, danach Verkaufsingenieur, später Wechsel in die Maschinenbauindustrie für Kunststofftechnik, Anlagen für PVC-Fenster und -Türen, Oberösterreich, Verkaufsinnendienstleiter, danach Regional Sales Manager für Fernost, dann Maschinenbau für Kabel, Oststeiermark …(andere Verkäuferjobs in anderen Bundesländern, anderen Technologien und anderen Ländern, die zu bereisen waren) … später zwei Jobs als Projektmanager für einmal Metallumschmelzung, das zweite Mal für einen Giftfilter, später ein gemischter Job.
Schreiben ist bestimmt das, was ich am besten kann. Allerdings hätte ich als Projektmensch und Personalunion aus Techniker und Kaufmann sehr viel weniger Konkurrenz, und solche Jobs sind gut bezahlt. Andererseits, wer weiß? Vielleicht hätte ich sonst auch einmal gesagt: „Ich hab da überhaupt keinen Bock mehr darauf, dauernd regulär zu arbeiten.“ Und das Schreiben hat eben den großen Vorteil, dass man dabei kreativ ist, man kann etwas ausdrücken, man kann sich für etwas einsetzen. Ich sehe auch vom Können her keinen Plafond, es geht immer noch aufwärts,” erzählt Johannes Tosin.

Aus der Lesemappe: “Neues von der Kommandobrücke” 2016 von Johannes Tosin:

Losgelöst

Er hielt nichts mehr fest,
und nichts mehr hielt ihn.
Doch endlich den Knoten entschnürt.
Entschlüsselt das Geheimnis des Kreuzes.
Aus dem Suppentopf kochend
entwich er mit dem Dampf.
Verfing sich in den Wolken.
Fiel als Regen hernieder.

Punkt

Mathematik.
Kann Sprache sein.
Geschriebene, nicht gesprochene.
„Ich habe Hunger. Ich habe Durst.“
Stellt sich überall gleich dar.
Auf der Welt.
Was heißt dann:
„Ich liebe dich“?
Welche ist dafür die Formel?
Es gibt eine, sicherlich.
Für ihren Stamm.
Und für ihre tausenden Blätter?

160 Zeichen müssen genügen.
So viele haben Platz in einer SMS.
Das wirbt um der Begehrten Gunst.
Ein Rinnsal von Worten.
Für das weite, ausgedörrte Land.
Richtig gesetzt, mag es ihr Herz berühren.
Blumen sprießen neben Rissen.
Oder das Haus wird zur Ruine.

„Dear friend.
Nice to meet you.
Glad to see you.“
Preisen an Laptops, Tablets, irgendwas.
Stummelsätze, Pidgin-English, Rechtschreibfehler.
Fängt der Spam-Filter auf.
Keines Ungebetenen Stimme gelangt an mein Ohr.

Sekündlich getaktet.
Stündlich fast die Virendefinitionen aktualisiert.
Die Programme upgedated.
Die Erinnerung ist eine Datei.
Aus Schrift, Bild und Ton.
Wird angehängt.
Wird versendet.
Öffne sie, dann bist du ich.

Der Schreiber auf dem Stein,
einsam und allein,
findet tausend Worte
für den fliegenden Vogel.
Wer sie liest,
sieht ihn vor sich,
auch des Nachts im dunklen Haus.
Den Himmel durchschneidend.
Übertragen die Sinne.

Sie liest.
Sie versteht.
Keine Angst.
Sie wird vergeben.
Zwischen Punkt und Komma steckt mein halbes Leben.


Der Sternenzähler

Ich zähle die Sterne,
alle, die es gibt.
Bei einer immensen Zahl bin ich angelangt,
und ich bin lange noch nicht fertig.
Wie viele Leben ich schon zähle, weiß ich nicht,
es müssen sehr sehr viele sein.
Ist mein Vorgänger müde, der mir gleicht aufs Herz,
nennt er mir seine letzte Zahl.
Werde ich müde, werde ich meine letzte Zahl meinem Nachfolger nennen.
Dann schlafe ich.
Wir alle sind eine einzige Person,
bestehen aus identem Genmaterial
und haben dieselben Sinneseindrücke.
Wenn unsere große Aufgabe vollbracht ist,
all die Sterne des Universums zu erfassen,
dann sterben wir alle, die, die schlafen,
und auch der Letzte, der noch tatkräftig sein mag.
Dann sterbe ich, der Sternenzähler.

Johannes Tosin veröffentlicht Kurzgeschichten und Gedichte, seitdem er regelmäßig schreibt (2005) in Zeitschriften (“Apropos”, “Tarantel” und “EULENSPIEGEL”), Anthologien (Ent(z)weihnachtet, Malandroverlag 2014; Mein Garten ,Drava Verlag 2015) und im Internet bei “Sandmeer”, “Zarathustras miese Kaschemme”, “Telepolis”,”Twilightmag”, “Das Dosierte Leben”, “Phatastikon” und “verdichtet.at”.
Er erhielt im Jahr 2010 den 1. Platz des Wettbewerbes des Hauses Sankt Martin am Autoberg, Hattersheim, Deutschland, „Wohnungslose Menschen“, mit der Kurzgeschichte „K¬DAHAM9“.
Es gibt nur selten die Gelegenheit ihn bei öffentlichen Lesungen “live” zu erleben.

http://www.sandammeer.at/homepages/tosin/tosin.htm

http://www.das-dosierte-leben.de/tosin.htm

http://kaschemme.de/author/johannes-tosin/

Der zweite Autor des Abends las einen Auszug au einer Erzählung und hat aufgrund seiner Berufstätigkeit keine eigenständige Publikation, dafür ein bühnenfertiges Stück. Bei ihm überwiegt die Gesellschaftskritik in einer scharf beobachtenden sezierenden Schreibweise.

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Günther G. Mörtl wurde am 1. März 1940 in Klagenfurt geboren. Er absolvierte eine Lehre als Einzelhandelskaufmann. Nach beruflichen Aufenthalten in Deutschland war er von 1971 bis 1983 Österreich‐Verkaufsleiter bei Mannesmann‐Handel in Wien und auch verantwortlich für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit. In dieser Zeit war er auch freiberuflicher Texter für Wiener Werbeagenturen und schrieb zudem mehrere Fachartikel in namhaften Tageszeitungen wie „Kurier“, „Presse“, „Architektur und Bau“, u.v.m. Nach seiner Rückkehr nach Kärnten, 1984, war er Marketingleiter der „Kärntner Tageszeitung“. Danach bekleidete er mehrere Führungspositionen bei Kärntner Unternehmen. Später arbeitete er als freiberuflicher Journalist, für die Region Villach, bei der „Kleinen Zeitung“, bei der „Kärntner Tageszeitung“ und bei den „Kärntner Regionalmedien“, wo er von 2004 bis 2009 die Verlagsleitung des „Draustädter“ inne hatte. Nach einer kurzen Unterbrechung war er wiederum‐ von 2010 bis 2013‐ als freier Journalist für das „Kärnten‐Journal“ in Villach und für die Wirtschaftsredaktion der „Kärntner Tageszeitung“ tätig.
Mir seiner gesellschaftskritischen Kolumne „Zeigefinger“, die er für den „Draustädter“ und danach auch für das „Kärnten‐Journal“ schrieb, gelang es ihm, mit einem neuen, sehr persönlichen Stil, große Beachtung im Lesermarkt zu finden.
Den Weg, den Mörtl mit seiner Literatur geht, begleiten „Reime‐Verse‐ Gedichte‐Lyrik“, „dramatische Lyrik“, Essays, Erzählungen und sein bühnenfertiges Drama „…und alles unter einem Himmel“. Für dieses Drama sucht er interessierte Theater‐ Agenturen mit sehr guten Kontakten zu Dramaturgie und Bühne, um das Stück einem großen Publikum zugänglich zu machen.
Mörtl sieht sich‐ trotz seines „hohen Alters“ – als „junger Autor“ und verwehrt sich gegen die merkbare Diskriminierung älterer Autoren, die noch auf keine Veröffentlichungen verweisen können, wenn es um die Möglichkeit öffentlicher Präsenz‐ Lesungen, Preisverleihungen bei Literaturwettbewerben, Agentur‐Verträge, u.s.w. – geht. Er unterstützt daher die Initiative Gerald Eschenauers, von „Buch 13“, die auch bisher unbekannten Autoren, die Möglichkeit bietet, sich einer breiten, an Literatur interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren.

http://www.eboardmuseum.com

Das Eboardmuseum ist eine Sammlung elektronischer Tasteninstrumente. Es wurde 1987 vom Musiker, Mathematiklehrer und Techniker Gert Prix gegründet. Die ursprüngliche Sammlung war räumlich bald stark beengt. 2007 zog das Museum in eine Halle an der Südseite des Klagenfurter Messegeländes um und gilt seitdem als das größte seiner Art in Europa. Auf 1.700 m² Fläche zeigt das Eboardmuseum ca. 1.500 Exponate. Ungewöhnlich für ein Instrumentenmuseum ist, dass die ausgestellten elektronischen Orgeln nicht nur in Führungen live präsentiert werden, sondern von Besuchern auch selbst bespielt werden dürfen. Viele nehmen diese Möglichkeit gerne wahr. Wöchentlich werden Live-Konzerte veranstaltet. Der Veranstaltungsbereich ist mit Sofas möbliert und bietet Wohnzimmeratmosphäre.

Alle Fotos © BUCH13/Eschenauer

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