Eine Suche nach 1000 Fundstücken – CLEMENS J. SETZ über seine Arbeitsweise

Der Grazer Autor erzählt als Gast im Musilinstitut Klagenfurt souverän und mit einem gewissen „coolen“ Charme Anekdoten aus seinem Leben als aufstrebender junger Schriftsteller. Er sieht seine bisherigen Biografie als „verstrebert und gefallsüchtig“ und gewährt Einblicke in seine Arbeitsweise.
Darunter ist auch folgende Geschichte, nämlich die, dass er früher gerne in Lesesäle ging, so getan hatte, als würde er lesen, um eigentlich nur die Geräusche zu belauschen … zufällige Klangnester oder der Trompetenton eines rutschenden Stuhls.

„Ich lese gerne Bücher, die anders sind“, meint Setz. Und solche schreibt er auch gerne. Mit seinem Lyrikband DIE VOGELSTRAUSSTROMPETE präsentierte er Gedichte, die nicht kalt lassen sollen. Sie sind „prosa-nah“ konzipiert und gekennzeichnet mit einer Nichtbeachtung der Normen. Es sind Fundstücke, Kuriositäten, die er ansammelt, Einträge auf Wikipedia, zu Collagen arrangiert, Verschiedenstes kombiniert.

In jedem seiner Bücher komme er selbst als Figur vor, aber das könne man nicht ständig machen – meint Clemens J. Setz. In seinem neuen Roman DIE STUNDE ZWISCHEN FRAU UND GITARRE (Suhrkamp 2015) tritt der Autor als „sanftmütiger Hase“ auf. Das ist die Übersetzung seines Namens „Clemens“ bedeute sanftmütig im Lateinischen und „Setz“ heißt in Slowenisch der Hase. „So bin ich in diesem Roman verewigt und war ganz glücklich über diese Idee.“

„Wenn man tausend Seiten schreibt, ist es nicht zu rechtfertigen, wenn nicht etwas Nützliches dabei ist!“ betont Setz. Was er sich einmal ausgedacht habe im Zivildienst: Man sollte bei überdehnten Gelenken, unsichtbare Tiere auf Schultern und Nacken setzen, das trage zur Genesung und zur Straffung der schmerzenden Rückenmuskeln bei. Zum Beispiel eine unsichtbare Maus auf die Schulter setzen. Sie bliebe zudem leichter im Gedächtnis, wenn man ihr einen Namen gibt und, wenn man es ganz allein für sich macht, muss man sich nicht genieren, sondern entwickelt ein gesundheitsförderndes Balancebewusstsein.

BLOG-Setz-Porträt

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Für die Vertreterin der Lesegruppe der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Carmen Heller, die bei diesem Gespräch die Moderation führte, ergaben sich aus dem kollektiven Lesen dieser anspruchsvollen Lektüre viele Fragen. Zum Beispiel zu den Sprach- und Namensspielen, zu den skurrilen Dingen, die in diesem Roman eingebaut wurden und zu dem Blick in die menschliche Psyche. „Woher kommt das Bedürfnis sich mit psychopathologischen Studien zu beschäftigen und diese einfließen zu lassen?“

Das habe, so Setz, mit seiner Biografie zu tun und seiner Zeit beim Zivildienst. Er hatte ein Jahr mit Menschen mit Behinderung gearbeitet und entwickelte dabei (und auch später immer wieder) eine Vorliebe und Zuneigung für Menschen, die ein abweichendes Schicksal haben. Die geschlossene Welt in einem Wohnheim habe ihn beeindruckt.

„Ich brauche Zonen, wo Leute reinkommen. Alles was taugt von mir, spielt in Zonen“. –
„Mich befreit die enge Form“, sagt der Autor, denn eine Geschichte ohne Form sei leblos – so habe er das in einem Workshop bei Josef Winkler gelernt. Später erkannte er, wie wichtig die Form sei. Je strenger die Form, desto klarer könne man sich ausdrücken.
Lese man seinen Roman wie einen spannenden Thriller, dann hätte man einen anderen Zugang. „Es kommt auf die Schleusen an, die man sich macht“.

Die Geschichte der Protagonistin Natalie Reinegger, die als Betreuerin in einem Wohnheim für behinderte Menschen arbeitet, und die sich um den als „schwierig“ geltenden Alexander Dorm, an den Rollstuhl gebunden, kümmert, wird konventionell und traditionell beschrieben. Der erzählerische Raum ist genau abgesteckt, zudem sind klassisch Zeit und Handlung mit dem Raum eins. Es schien Clemens J. Setz am natürlichsten, die Geschichte linear darzustellen, da der Vorgang schwer anders wiederzugeben wäre. „Meine Dialoge sind nicht wie Theaterdialoge. Man muss viel nachfragen, wo der Faden ständig verloren geht“, erklärt der Autor, „und das ist sicher anstrengend“.

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Definitiv würde ihm auch die Mathematik, die er studiert habe, mehr beim Bücherschreiben helfen, als die Germanistik, sein zweites Fach an der Universität Graz. Man lernt eines: „Die Mathematik zieht einen aus der Flatterhaftigkeit heraus. Man lernt die Genießerfähigkeit mit dem Umgang von kleinen Textabschnitten, die Mathematik hilft beim Komponieren von Texten – beim Microblick, denn der kleine Text ist „unlangweilbar“. So wie das Strukturmaterial bei Bäumen sei auch die Struktur im Blatt, im Kleinen wie im Großen, deswegen muss bei ihm ein Absatz dieselbe Dichte haben wie das gesamte Werk. Er hat in diesen Roman viel mehr Arbeit investiert, als in seine vorherigen Werke, damit er lesbar werde.
Clemens J. Setz arbeitet viel Versatzstücken, mit kleinen Textteilen aus Twitter – auch Interviews fließen in seine Romane ein. Als „Vorübung“ verwendete er auch Facebook als Notizbuch für seine Texte. Übrigens muss man seinen Roman mit beinahe tausend Seiten nicht auf einmal lesen. „Man wird für Abwesenheit nicht bestraft, man darf das
Buch auch einmal weglegen und ein paar Tage später weiterlesen.“

http://www.suhrkamp.de/autoren/clemens_j_setz_8336.html

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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