Charakterköpfe im Künstlerhaus Klagenfurt

Als Rahmenprogramm der zurzeit im Künstlerhaus Klagenfurt präsentierten Ausstellung „AHEAD of the Game“ (bis 5. Juli 2017) trafen zum zweiten Mal Schriftsteller*innen und bildende Künstler*innen in der Großen Galerie des Kunstvereins Kärnten zum Literatur-Frühstück im Künstlerhaus zusammen.
Die Ausstellung ist Teil des kärntenweiten Kunstprojekts kopf.head.glava initiiert vom Kunstverein Kärnten. Kunstschaffende aller Sparten beschäftigen sich mit dem Thema Kopf (im weitesten und im engsten Sinne des Wortes)
https://www.kopf-head-glava.at/projekt%C3%BCbersicht/ahead-of-the-game-1/

Im Mittelpunkt des Literaturfrühstücks stehen Synergien zwischen Literatur und bildender Kunst.
Literarische Texte von Autor*innen zum Generalthema „Kopf“ und Bezüge zu den ausgestellten Exponaten wurden gemeinsam mit Statements bildender Künstler, die in dieser Ausstellung präsentiert werden, gelesen. Es entwickelte sich ein Dialog, bei dem die einzelnen künstlerischen Positionen, Ausdrucksformen und Mittel diskutiert wurden.

An diesem Samstag Vormittag im Künstlerhaus nahmen folgende Schriftsteller*innen aus Kärnten, eingeladen vom Kärntner Schriftsteller*innen-Verband teil: Sieglind Demus, Elisabeth Faller, Karin Prucha, Hannes Wendtlandt,
Betty Quast und als Moderatorin Gabriele Russwurm-Biro.


Sieglind Demus
verfasste zu diesem Anlass HAIKU und bezog sich in den ersten beiden Gedichten auf Dagmar Stelzers Arbeit: „Without Head“ – Ich habe Sehnsucht nach der, die ich sein könnte“

GEHALTEN

GEDANKE HALTLOS
DURCHBRICHT MAUERN UND ZÄUNE
IGNORIERT SCHRANKEN

GEFREIT

KOPFBEREITER SATZ
KÖRPERHAFT DAHINGEHAUCHT
SPAZIERT SORGLOS FREI

©Dagmar Stelzer

GELADEN

GESTERN IST HEUTE
DURCHGELADENES GEWEHR
IST MORGEN BESTIMMT

GESTAMPFT

CHARAKTERKOPF STAMPFT
GENERATIONENKÖPFE
CHARAKTERLOS EIN

Die beiden HAIKU „Geladen“ und „Gestampft“ von © Sieglind Demus beziehen sich auf das Gemälde von Ramona Schnekenburger „Vater mit zwei Söhnen“. Ihre großformatigen Werke zeigen feinsinnige Menschendarstellungen. Als Vorlagen verwendet die Künstlerin Fotografien, die sie auf Flohmärkten oder in Antiquariaten findet. Gelegentlich benutzt sie Teile von Bildern aus dem Internet oder selbst geschossene Aufnahmen. Nach einem langen Auswahlprozess befreit sie die Figuren aus dem Kontext und stellt sie vor das Weiß der Leinwand. So lenkt sie die Aufmerksamkeit auf den intensivgeheimnisvollen Blick ihrer seltsam entrückten Wesen. Aus der Nähe betrachtet, beginnen sich die Figuren aufzulösen. Der Künstlerin geht es nicht um die exakte physiognomische Abbildung bestimmter Personen, vielmehr sieht sie in ihren Protagonisten Personifikationen allgemeiner psychologischer Prozesse. Neben Einzelportraits entstehen auch Gruppenbildnisse, anhand derer sie zwischenmenschliche Beziehungen zu analysieren scheint. Subtil und eindringlich
zugleich macht sie Machtverhältnisse und Abhängigkeiten sichtbar. Die Aussparung der Hintergründe könnte man auch als Metapher für die Isolation des Individuums deuten. Der Blick der Künstlerin richtet sich in letzter Konsequenz nicht auf die geschaffenen Bilder oder ihre Inhalte, sondern auf den Betrachter selbst. Das Kunstwerk wird zum Spiegel. [Alexandra Kontriner]

© Ramona Schnekenburger

GELOCHT

GENAUE LINIEN
AUFGEKRATZT ÜBERSTEMPELT
GELOCHTES GESICHT

Nimmt Bezug auf das Porträt von Thomas Riess „Frank“ (lost faces) Riess zeigt in dieser Ausstellung ein Foto aus der Serie seines Projekts mit 150 x 150 cm großen Porträts obdach- und mittelloser Menschen verschiedener Metropolen der Welt. Dabei wählt er jeweils Persönlichkeiten
einer Großstadt aus, und lässt diese zu Stellvertretern einer Randgruppe marginaler gesellschaftlicher Bedeutung werden. Riess löst diese Menschen aus ihrer ursprünglichen, von uns als unschön und abstoßend empfundenen
Abseitssituation und stellt sie in einen vollkommen anderen visuellen sowie örtlichen Kontext. Durch den bewussten Verzicht einer populistisch-klischeehaften Darstellung will Riess die Persönlichkeit mehr in den Vordergrund rücken als ihre gegenwärtige Lebenssituation und sie aus dem wenig wahrgenommenen Dasein holen. Für den Betrachter mögen die Werke dadurch auf den ersten Blick vielleicht verwirrend wirken, steht er doch Porträts von interessanten, ausdruckstarken Persönlichkeiten unseres täglichen Lebens
gegenüber, die kaum vermuten lassen, dass es sich um Abbildungen von Menschen einer von der Mehrheit der urbanen Bevölkerung ungern gesehenen gesellschaftlichen Randgruppe handelt. Thomas Riess verwendet als ungewöhnliches Malmedium den Korrekturbandroller (TippEx). Er funktioniert jedoch dessen Löschfunktion ins
Gegenteilige um, indem er durch gezielt aneinandergereihtes Aufrollen des Korrekturbandes auf eine schwarzgrundierte Leinwand das Konterfei der Protagonisten entstehen lässt und so Menschen sichtbar macht, die sonst gerne aus dem makellosen Bild des urbanen Raumes „gelöscht“ werden.

©Thomas Riess

http://www.sieglinde-demus.de/sieglinde_demus.html

Auch die in Klagenfurt lebende Autorin Karin Prucha ließ sich von Dagmar Stelzers Papier-Torsi inspirieren und schrieb ihre Gedichte direkt in der Ausstellung nach der Besichtigung vor Ort.

©Karin Prucha

I
fremde federn schmücken fremde köpfe
von angesicht zu angesicht
fällt schweigen in die augen
blicke leere. nüchtern eingeholt.

kopf im kopf
stimmen. los
der argumente
fremde köpfe über dem eigenen

II
körper ohne kopf

bist du kopflos oder
kein kopf ohne körper lebst du länger

denkst du
hast du schon gelacht
gegessen
gerochen
begriffen
gehört
gesehen
gefühlt. jetzt. wo. im. kopf

masse an kopf. vertikal
rinnt dein denken länger

sprechen auch
wann. im. kopf. ensteht.
das denken
und fühlen.
wo.
im kopf. sicher

III

heimat bist du großer köpfe
vielfach doch geschieden von dem denken

kopflos spricht man nicht
das denken macht kopfschmerz

mein kopf denkt von allein
und die sammlung der headsets
macht stutzig

kopf ohne hirn
kleinste einheit. sinn. vollkopf

wonach steht dir dein kopf ?
in welche richtung schreibt die fassung

kopffassung
meiner wieder ohne fassung
mein kopf will den schmuck
die haare die haut den hut
zum köpfen besser nicht
und heimat macht kopflos manchmal

Dagmar Stelzer: „Ich habe Sehnsucht nach der, die ich sein könnte“ – Die Papierkörper sind lebensgroß, teils transparent, voll Leichtigkeit und eine Projektionsfläche für Befindlichkeiten, Wünsche und Sehnsüchte. Lebend im Spannungsfeld zwischen Sein und Wollen, Zwängen unterworfen, können die Torsi als Spiegelbild der eigenen Identität verstanden werden. Das Material Papier versinnbildlicht die Verletzlichkeit, aber auch –in vielen Lagen verbunden –Stärke und Vielschichtigkeit. Die drei Papierobjekte veranschaulichen drei Archetypen – die Kriegerin, die Kurtisane, die weibliche Gottheit – und erwecken den Wunsch deren beste Eigenschaften wie Mut, Selbstbestimmung, Spiritualität und vieles mehr, im ICH wiederzufinden.

Ende Juni erscheint der neuer Lyrikband von Karin Prucha: „in tiefen landen“ lyrik & fotografien (der wolf verlag, Wolfsberg 2017)

© Karin Prucha

©Hannes Wendtlandt (schrieb allgemein zum Thema Kopf folgenden Text nach der Besichtigung der Ausstellung)
Verkopft

„Sie sind zu verkopft für eine Therapie“, sagte der Psychiater, der vom Scheitel bis zur Sohle aus einem einzigen, riesengroßen Schädel zu bestehen schien.
„Darauf kommt es doch an, wenn man mit dem Kopf durch die Wand will“, erwiderte sein Gegenüber, stand auf und verließ kopfschüttelnd die Ordination.
Das hatte Hand und Fuß, hatte etwas von sich selbst am Schopf packen und aus dem Sumpf ziehen.
Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen heilte sich ja auch, indem er sich selbst beim Wort nahm und seiner Welt Hand, Fuß und Kopf verdrehte und ihr gerade dadurch etwas Sinn verlieh.
Dass Sinn in einem runden Hirnkasten wohnen soll, ist ja an sich schon ein Paradoxon. Viel eher trifft es zu, dass wir unser Denken bezeichnenderweise in kleine graue Zellen sperren.
„Wenn man zu verkopft ist“, dachte er für sich, „dann wäre man also besser ein Idiot – ein im ursprünglichen Wortsinn Verweigerer.“ Ein Wissender, der sich bewusst heraushält aus dem „Hand und Fuß-Haben“. Ein heimlich Behirnter sozusagen. Ein Spürender.
Also beschloss er, fürderhin den Kopflosen zu spielen, nach außen glücklich und mit sich selbst zufrieden. Um innerlich genau zu sehen und zu wissen. Ein Diogenes ohne Fass. Ein Dionysos, der beschloss, Apoll die Stirn zu bieten.
„Die Therapie hat aber erstaunlich gut angeschlagen bei Ihnen“, zeigte sich der Psychiater beeindruckt, der nur Medikamente verschrieben hatte, die sein Patient nie einnahm.
„Ich bin auch nicht mehr verkopft“, antwortete er und lächelte selig. (© Hannes Wendtlandt)

http://www.buecher.de/shop/liebe/auf-hartem-land/wendtlandt-hannes/products_products/detail/prod_id/42328508/
http://bookview.libreka.de/preview/100010/9783734768989?session=4b59ce100e6848f3a16f08e158830619f87f57d5

Betty Quast, Literaturwissenschaftlerin, die in St. Veit mit ihrer Familie lebt, las aus ihrer Gedichtsammlung „Endzeit“, die sich in Druckvorstufe befindet, ausdrucksstarke Gedichte allgemein zum Thema „Kopf“ .
Für Quast steht die kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart im Zentrum ihres literarischen Schaffens.

https://bettyquast.com/

© Betty Quast und Thomas Moritz

Zu den beeindruckenden Keramik-Objekten („Grausige Schädel“) „Lanzón“ von Martina Funder las ich drei Gedichte aus meinem neu erschienen Lyrikband „und hinter mir mein land“ (der wolf verlag / Wolfsberg 2017)

© Gabi Russwurm-Biro

http://russwurm-photo.com/index.php/profil

Lanzón heißt die wichtigste Götterstatue der alten Chavin Kultur im Hochland von Peru. Die Chavin Religion war die 1. Religion des Andenvolkes zwischen 900 – 200 v. Chr.

Martina Funder: „Als ich Ausgrabungsstätte während einer Trekkingtour 2014 besuchte, entdeckte ich diese Skulptur hell erleuchtet am Ende eines dunklen Tunnels in einem tiefen Raum. Sie versetzte mich in Schrecken. Ich musste an meine 3 keramischen „Grausige Schädel“ denken, die ich nach dem Tod meiner Mutter geformt hatte.“

© Martina Funder

Weiter Gesprächs- und Leserunden zum Thema der jeweiligen Ausstellungen im Künstlerhaus in Kooperation mit dem Kärntner SchriftstellerInnen-Verband sind in Vorbereitung.

Danke für das Gruppen-Foto © Sieglind Demus
Das Copyright der Fotos von den Kunstobjekten der Ausstellung AHEAD of the Game liegt bei den jeweiligen angeführten Künstlern.
© Dagmar Stelzer, Ramona Schnekenburger, Thomas Riess und Martina Funder

siehe auch https://www.kopf-head-glava.at/projekt%C3%BCbersicht/ahead-of-the-game-1/

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