Auf den Blickwinkel kommt es an – ALFRED DORFER nimmt´s „wörtlich“

Alfred Dorfer, weit über die Grenzen bekannt und beliebt als Kabarettist, Satiriker und Literat, stattete dem Klagenfurter Musil-Institut einen Besuch ab. Der Germanist Arno Russegger von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt leitete einen Abend mit Alfred Dorfer mit folgenden Worten ein: „Was soll man groß moderieren, was Sie nicht schon wüssten von Alfred Dorfer, man kennt ihn von den Bühnen, den Kabarettabenden im gefüllten Hörsaal der Universität. Es ist müßig ihn vorzustellen!“ Kennt und liebt ihn doch sein Publikum für seine Kabarettauftritte, den legendären DONNERSTALK oder die Kultserie MA 2412. Dorfer ist Teil der österreichischen Kulturgeschichte, hat unzählige Auftritte in Deutschland, der Schweiz, und viele Preise erhalten. Am 18. Mai wird ihm der Schweizer Kabarett-Preis CORNICHON 2016 bei der Eröffnung der 29. Oltner Kabarett-Tage überreicht.

„Die Aufsplitterung in verschiedene Charaktere ist symptomatisch für Alfred Dorfer,“ erläutert Russegger. Er zeigt viele Facetten der Kreativität und ist zudem promovierter Theaterwissenschaftler. Der 1961 in Wien geborene Kabarettist, Schauspieler und Bühnenautor hat seine Dissertation zum Thema „Satire in restriktiven Systemen des 20. Jahrhunderts“ geschrieben.
Als unglaublich befähigter Lehrer verfügt er über großes Fachwissen, pflegt die Nähe zu den Studierenden und hat in Klagenfurt eine Poetik-Vorlesung gehalten. Sein soziales Engagement für alleinerziehende Studentinnen (Stiftung) zeichnet ihn aus.
Zum Thema „Kabarett- und Satiregeschichte“ hielt Alfred Dorfer auch die diesjährigen Klagenfurter Vorlesungen zur Poetik an der Alpen-Adria-Universität.

„Er ist ein verdammt guter Schriftsteller aller Sorten“, betont der Germanist Russegger. Das bemerkt man, wenn man sein Buch „Wörtlich-Satirische Texte“ (2008, Heyne-Verlag, München) zur Hand nimmt und aufmerksam liest. Darin enthalten sind Texte mit einem bitterbösen Blick auf die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, die sich seit 2008 (leider) kaum verändert haben.

http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Woertlich/Alfred-Dorfer/e268203.rhd

Mit diesem bitterbösem „Dorfer“-Blick begann auch gleich der erste vorgetragene Text:

Der Bundespapagei
„ …..Ein Bundesgeier brächte unsere budgetäre Situation weit besser zum Ausdruck. Heimisch in allen Pleiten dieses Landes. Für Zartbesaitete, denen der Geier zu martialisch scheint, könnte auch ein Bundeskuckuck den Zweck erfüllen. Dessen Eier wir stets ausbrüten müssen, wie uns die Entwicklung der letzten Jahre eindrucksvoll zeigt. Für die Hamonieheuchler der Großen Koalition wäre eine Bundesmeise angezeigt, die uns leise und monoton in den Dämmerschlaf zwitschert. Der Vogel der Blauen wiederum ist sicher der Bundessittich. Fühlt sich am wohlsten im Käfig des eigenen Weltbilds. Ein Stubenvogel, sein Horizont ist das eigene Wohnzimmer und ist in freier Wildbahn verloren. Aber die Chancen für den Bundessittich stehen gut, zumal an der Spitze der Regierung ein Echo der deutschen Kanzlerin sitzt. Der Bundespapagei sozusagen.“ (Dorfer, November 2015).

https://www.treibhaus.at/freundfeind/alfred-dorfer/der-bundespapagei?o=10
„Indien“ ist das von Alfred Dorfer gemeinsam mit Josef Hader verfasste kabarettistische tragisch-komische Theaterstück über zwei unterschiedliche Charaktere, die einander bei einer gemeinsamen Dienstreise durch Niederösterreich und die gemeinsam besuchten Wirtshäuser kennen lernen. Es zählt zu den wichtigsten Werken des heimischen Kabaretts: Alfred Dorfer verkörpert den pseudointellektuellen Kurt Fellner, Josef Hader spielt den ordinären Heinz Bösel. Zahlreiche Neuinszenierungen des Stücks an Theatern im gesamten deutschsprachigen Raum belegen den hohen Stellenwert von „Indien“. Es ist schlichtweg ein Kabarett-Klassiker. Zwei Jahre nach seiner Uraufführung 1991 wurde das mit dem „Österreichischen Kleinkunstpreis“ ausgezeichnete Stück von Paul Harather verfilmt und ist seither einer der erfolgreichsten österreichischen Kinofilme. Dorfer liest daraus eine kompromittierende Szene auf und vor der Gasthaustoilette, Bösel drinnen beschäftigt, Fellner draußen ungeduldig wartend – eine Doppelconference der besonderen Art.

Nach diesem Ausflug nach Niederösterreich nimmt Alfred Dorfer elegant und gekonnt souverän sein Publikum mit auf einen Rundumschlag mit philosophischen Ansätzen, der nachdenklich und betroffen macht:

„Das Schöne an den Studien ist, dass die Ergebnisse vollkommen überraschend sind. Früher hat man sich die großen Fragen gestellt, und hat lange und vergebens die großen Antworten gesucht, heute gibt es eine gewünschte Antwort und man sucht nach den passenden Fragen. „Science on demand“ heißt das.

Ein zweiter Katechismus, den man heute immer häufiger hört, wenn 3 oder 4 Achtelintellektuelle beieinander stehen, ist der souveräne Satz: „Das weiß man aus der Hirnforschung!“
Und wenn Sie es lustig haben wollen, denn das Leben ist ja oft trübe, dann fragen sie nach „Wos?“ Die zentrale Frage ist immer „Wos?“: „Wos weißt du aus der Hirnforschung?“ Und dann wird es lustig.
Und hier wird dieser alte, pseudo-aufgeklärte Satz umgedreht: Wer viel weiß, muss wenig glauben! Die Hirnforschung erzählt uns Dinge, die wir längst schon wissen, aber dadurch, dass sie es erzählt, glauben wir es auch. Der viel wichtigere Spruch wäre eigentlich: Wer viel weiß, hat noch lange nichts verstanden. Ich glaube Gandhi hat das gesagt: eine der sieben Todsünden, die wir haben können, ist Wissen ohne Charakter.

Es wird von der Freiheit der Kunst gesprochen, komischerweise immer nur in einem Sinne, nämlich, dass es Freiheit nicht denkbar gibt ohne Verantwortung , weil es sonst etwas anderes ist, nämlich Willkür oder Grenzenlosigkeit, gibt es die Freiheit der Kunst des Künstlers, nämlich die Verantwortung des Künstlers. Und wenn ich Mohammed als Hund darstelle, was ich persönlich nicht für gelungen halte, muss ich damit rechnen, was passiert. Mittlerweile sind auf Grund dieser Mohammed-Karikatur 36 Menschen ums Leben gekommen, die nichts damit zu tun hatten. Und ich meine für Mohammed als Hund zu sterben, zahlt sich nicht aus!“

Zum Abschluss liest Dorfer einen Glossentext „DONNERSTALK“, geschrieben für die deutsche Wochenzeitschrift DIE ZEIT, erschienen am 12. Mai 2016

Rad der Geschichte
Es gibt Themen, die, ähnlich dem Ungeheuer von Loch Ness, immer wieder auftauchen. Mit ähnlichem Realitätsbezug – wie etwa die Wiedervereinigung des heiligen Landes Tirol, die jüngst der künftige (FPÖ-)Bundeskanzler in einer italienischen Tageszeitung wieder einmal forderte. Abgesehen davon, dass diese Causa besonders in Italien sicherlich auf wohlwollendes Verständnis stößt, dürfte da der österreichische Heimatpolitiker seine Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Die Alto Adiger haben nämlich kaum Interesse daran, ihren doppelten Komfort aufzugeben. Dennoch hat die Illusion, historisch gewachsene und dann getrennte Regionen wieder zu vereinen, einen gewissen Reiz.
Die größten Zugewinne hätte dann ohnehin Italien als legitimer Nachfolger des Imperium Romanum. Quasi Rom . Südtirol an den nördlichen Nachbarn abzutreten, dafür aber etwa die ganze Iberische Halbinsel plus Frankreich zu erben, kann in diesem Fantasy-DKT nur ein Gewinn sein – abgesehen von der kleinen Unschärfe, dass früher einmal die römischen Legionen fast ganz Österreich besetzt hielten. Wer weiß, ob dann nicht auch die Erben der Wikinger mit Sizilien beglückt werden müssten. Was werden dazu wieder die Römer sagen? Schwierig. Ist TTIP nicht ohnehin zu vernachlässigen, da die USA ohnehin nur ein belächelter Appendix des britischen Empires sind? Haben die Griechen gar keine Schulden bei den Europäern, da man ihnen die Demokratie verdankt, was nicht mit Geld aufzuwiegen ist?
Ja, das Rad der Geschichte. Niemand vermag es zurückzudrehen, doch die, die es versuchen, sind die Helden von morgen. (Alfred Dorfer, Rubrik: „Donnerstalk“ in: DIE ZEIT, Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Wissen und Kultur, Jg.71/Nr. 21, Hamburg, 12. Mai 2016)

http://www.dorfer.at/index.html

Foto (c) Gabriele Russwurm-Biro

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