Monat: November 2017

Bleiburg ist bereits traditionell im Spätherbst der Mittelpunkt des Literaturgeschehens

Literaturwettbewerb Bleiburg 2017 / literarni natečaj Pliberk 2017

Zum 8. Mal wurde in Bleiburg der zweisprachige Literaturwettbewerb Kärnten wortwörtlich/Koroška v besedi ausgelobt. Seit 2010 bewährt sich diese ambitionierte Kulturinitiative der Stadtgemeinde Bleiburg/Pliberk zur Förderung der Literatur in beiden Kärntner Landessprachen Deutsch und Slowenisch und über die Grenzen hinweg (Slowenien und Deutschland). Eva M. Verhnjak-Pikalo, Initiatorin und Leiterin des Organisationsteams, freut sich über immer mehr Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Auch Autoren und Autorinnen, die nicht aus der Region oder nicht aus Kärnten stammen, reichen vermehrt ein.
Themeneinschränkungen gibt es keine, daher eine Vielzahl von differenzierten Ansätzen und Schilderungen lyrischer Art und als Prosatexte.
Im Rahmen des Tages der Offenen Tür im Werner Berg Museum Bleiburg/Pliberk fand am 29. Oktober 2017 um 11 Uhr die feierlich gestaltete Preisverleihung an die Gewinner des Literaturwettbewerbes  statt.
Eine Fachjury hat in einer langen Sitzung anhand der 54 eingereichten Texte eine Bewertung vorgenommen (Vorsitz Lyrik Deutsch Ilse Gerhardt, Obfrau IG Autorinnen Autoren Kärnten, Vorsitz Prosa Deutsch Gabriele Russwurm-Biro, Präsidentin des Kärntner SchriftstellerInnen-Verband und Vorsitz slowenische Lyrik und Prosa Matija Rihter):

Gewinner/zmagovalci:
 
1. Platz/mesto – Lyrik Deutsch / lirika v nemškem jeziku – 
Wolfgang Oertl
 
1. Platz/mesto – Prosa Deutsch / proza v nemškem jeziku – 
Stefan Feinig
 

1. Platz/mesto – Lyrik Slowenisch / lirika v slovenskem jeziku – 
Ramiz Velagić
 
1. Platz/mesto – Prosa Slowenisch / proza v slovenskem jeziku – 
Martina Podričnik
 
 
Jurybegründung und Laudatio für Platz 1 Stefan Feinig/ Prosa Deutsch von Jurorin Gabriele Russwurm-Biro:
„Die gefährlichste Störung, an der man heutzutage so leiden kann“, ist es, arbeitslos zu sein.Frustration in einem krankhaften Gesellschaftssystem. Versager sein. Auswegloses Warten im Arbeitsamt. Warten bis man aufgerufen wird – man ist nur eine Nummer im System. Die Nummer 400. Das ist das Thema dieser ausdrucksstarken Milieustudie von Stefan Feinig.
„Das Leben ist Scheiße“, und das merkt man in der Warteschlange. Enttäusche Hoffnungen, das Ringen um einen Job und Geld, um einen Platz in der Gesellschaft.
Man ist nicht allein, trotzdem sind alle Einzelkämpfer, der Ausschuss der Menschheit im Wartesaal des AMS. Stefan Feinig stellt seine bedrückende Schilderung in eine strenge literarische Form und lässt die Zahl 400 zum rhythmisierenden und durch immerwährende Wiederholungen zum bedrohlichen Korsett werden – auch oder gerade im Textbild. Extrem kurze Sätze akzentuieren die losen Handlungsfolgen, Dialogfetzen zwischen Menschen, die alle in der selben verzweifelten Situation im Wartesaal sitzen.
Die Sprache Stefan Feinigs ist bewusst realistisch und milieubezogen gewählt, wird teilweise bedrohlich eingesetzt und bildet aggressiv die verzweifelte Emotionalität und jene bedrückende Realität ab, die sich an Wochentagen von 8 – 13:00 Uhr in jeder AMS Filiale in Österreich zuträgt.
Diese Sprache ist demnach an der Situation gemessen adäquat.
Gefühle wie Hass, Aggression, Neid, Mitleid kommen im Text vor, alle im Kontext der Verzweiflung. Wer von uns das schon erlebt hat, kann mitfühlen, kann bestätigen und bedrückt nicken. Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack.
Als Pflichtlektüre empfohlen für Sozialpolitiker und all jene etablierten Mitmenschen, die meinen, Arbeitslose wären bloß Schmarotzer und arbeitsscheu; und müssten daher aus der Wohlstandsgesellschaft wegrationalisiert werden“.

Nominierte/nominirani:
 
Lyrik Deutsch / lirika v nemškem jeziku:
Sigune Schnabel
Anneliese Merkač-Hauser
Anita Wiegele
 
Prosa Deutsch / proza v nemškem jeziku:
Sieglind Demus
Maria Matheusch
 
Lyrik Slowenisch / lirika v slovenskem jeziku:
Lidija Golc
Štefan Šumah
 
Prosa Slowenisch / proza v slovenskem jeziku:
Anja Mugerli
Milojka B. Komprej

Im Rahmen der Preisverleihung im Werner Berg Museum Bleiburg/Pliberk lasen die GewinnerInnen ihre Texte, begeisterten das zahlreich erschienene Publikum und konnten die Preise entgegennehmen.
V okviru prireditve so nagrajenci/nagrajenke prebrali na prvo mesto uvrščena besedila iz področja lirike ter proze v nemškem ter slovenskem jeziku.
 
Für die musikalische Umrahmung sorgte Arthur Ottowitz auf seiner Mundharmonika.
Z glasbo je Arthur Ottowitz zaokrožil prireditev literarnega natečaja.
 
Moderator Raimund Grilc konnte als Ehrengäste u.a. StR Markus Trampusch sowie Michael Jernej seitens der Raiffeisenbank Bleiburg begrüßen.
Kot častne goste je moderator Raimund Grilc pozdravil mestnega svetnika Markusa Trampuscha ter Michaela Jerneja s strani Raiffeisenbank Bleiburg.
 
Die Beiträge der Sieger und Siegerinnen kann man auf der Website der Stadtgemeinde Bleiburg nachlesen:
http://www.bleiburg.gv.at/kulturundtourismus/literaturwettbewerb.html

Foto der Sieger und Siegerinnen © Katja Podgornik/Stadtgemeinde Beliburg

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Auf einer Reise zu keinem bestimmten Ziel

… und hinter mir mein land
mit Gabriele Russwurm-Biro auf einer Reise zu keinem bestimmten Ziel

Gastbeitrag von Gernot Ragger

Man kann Bücher lesen, um sich in einer Geschichte zu verlieren, man kann Bücher lesen, um Antworten auf Fragen zu bekommen, und man kann Bücher „einfach so“ lesen – keine Erwartungen, keine Enttäuschungen – soweit so gut, aber wer schützt einen vor Überraschungen.
So kann es passieren, dass ein Buch vorerst keine Antworten gibt sondern erst Fragen stellt, und wenn dann ein Buch mit dem Titel „und hinter mir mein land“ vor einem liegt, dann baut sich ein Berg aus Fragen vor einem auf. Was gibt es „davor“, das die Autorin Gabriele Russwurm-Biro dem Leser nicht von Beginn an mitteilen will.
… vielleicht „Vor mir lag diese große Weite und hinter mir mein Land“ …
… oder steht das Land „buchstäblich“ hinter der Autorin und stärkt ihr den Rücken …
… oder lässt sie ihr Land einfach zurück, um sich ganz auf das Davor einzulassen ..
… oder liegt die Betonung vielleicht auf dem Wort „mein“, hebt die Autorin „ihr“ Land aus der Masse vieler Länder hervor …
Doch egal, ob der Titel nun geographische oder zeitliche Bedeutung hat, er öffnet nicht nur ein Buch, sondern eine Welt voller Bücher, wie die Texte die Vielfalt der beschriebenen Zustände und Wahrnehmungen gerecht werden. Jede Seite eine Welt, verbunden mit allen anderen und doch einzigartig.
Und als wäre das noch nicht genug an Erforschungsmaterial stellt Russwurm ihren lyrischen Statements Fotografien an die Seite. Und auch hier stellen die knappen Ausschnitte des großen Lebens erst viele Fragen, bevor sie zu Erklärungen bereit sind. Das Leben in all seinen Facetten – Momentaufnahmen, die über das Daneben, das Davor, das Warum, das Wann, das Wo nur Spekulationen zulassen. Fremdes erscheint einem bekannt, auf den ersten Blick Vertrautes verändert sich zu etwas, das erforscht werden will – Worte saugen einen in den Text, Details fesseln einen ans Motiv. Bild und Text vermischen sich als Dimensionen und Ebenen, fließen ineinander zu etwas erst durch das Lesen und Betrachten entstehenden Neuem.

Manche Bücher geben Antworten und stellen Fragen zugleich, und manchmal erzählen sie dabei auch noch eine Geschichte. Gabriele Russwurm-Biros Buch ist so ein Buch, und kein Titel würde besser dazu passen als der, den sie dem Buch gegeben hat.
Meine persönliche Antwort kann nur für mich allein gültig sein – aber, kann man nicht auf der Suche nach einem neuen „meinem Land“ leicht vom Weg abkommen und sich in einer großen kurvenreichen Wanderung seinem alten „meinem Land“ vom Dahinter nähern. Dann ist das Dahinter plötzlich das Davor – das Gleiche wie das Vergangene, aber doch um so viele Eindrücke angereichert und verändert – und immer noch meins.

© Gernot Ragger

Zum Autor:
https://www.raggernot.net/%C3%BCber-uns/

Zum Buch
https://www.raggernot.net/shop/
https://www.heyn.at/list?cat=HCTB&quick=Russwurm-Biro

© Gabi Russwurm-Biro

Foto und Cover: ©russwurm-photography

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