Monat: Mai 2017

Zeile für Zeile innige Freundschaft – Briefe Maria Theresias an Sophie Enzenberg

Als Machtpolitikerin und geschickte Managerin des großen Habsburgerreichs tritt uns die historische Erscheinung und Politikerin Maria Theresia zu ihrem 300. Geburtstag entgegen. Eine bedeutende Frauenpersönlichkeit ihrer Zeit und als Vorbild darüber hinaus. Die Berichte und Dokumentationen überschlagen sich vor und nach dem Geburtsdatum 13. Mai von der Monarchin. Als wäre nicht längst schon alles gesagt worden zu dieser herausragenden Persönlichkeit. Aber das stimmt so nicht: kleine Wunder ereignen sich auch in der Geschichtsforschung. Deswegen ist eine unter den zahlreichen interessanten Maria-Theresia-Neuerscheinungen besonders zu empfehlen, da sie durch einen privaten Schriftverkehr die persönlichen Aspekte der Politikerin in den Vordergrund stellt.

Die gebürtige Kärntnerin Monika Czernin lebt als freie Autorin und Filmemacherin in München und beschäftigte sich intensiv in letzter Zeit mit großen Frauenpersönlichkeiten (zuletzt mit Anna Sacher und ihrem Hotel).
Ihr neu erschienenes Buch „Liebet mich immer – Maria Theresia – Briefe an ihre engste Freundin“ erschienen im Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2017, und dokumentiert einfühlsam einen bedeutenden historischen Fund aus dem Privatleben der Kaiserin.

Die empathische Autorin Monika Czernin hat zusammen mit dem Historiker Jean-Pierre Lavandier vorliegendes Buch mit dem in Vergessenheit geratenen Originalbriefwechsel Maria Theresias für ein breites kulturinteressiertes Publikum aufgearbeitet.

Es sind private Briefe, offenherzig und ehrlich, frei von allen äußeren Zwängen zwischen zwei engen Freundinnen Maria Theresia und ihre ehemalige Hofdame Sophie Enzenberg zwischen 1745 und 1780. Alle Mitteilungen, Wünsche, und Befindlichkeiten im Vertrauen geschrieben und mit der Auflage, die Briefe zu verbrennen. Es zählt also zu den großen Glücksfällen für die Geschichtsforschung, solche wertvollen handgeschriebenen Dokumente zu entdecken.

1745 wird Sophie Baronin Schack von Schackenburg (spätere Gräfin Enzenberg) Hofdame von Kaiserin Maria Theresia und es entsteht eine Freundschaft. Auch als Sophie ihrer Heirat wegen Wien verlässt und nach Innsbruck übersiedelt, bleibt das Vertrauensverhältnis bestehen. Maria Theresia wird die Patin des Sohnes der Gräfin Sophie, der als „schöner Franzl“ Bekanntheit in Kärnten erlangte.

Jenes Patenkind, Franz Joseph von Enzenberg, wurde später Obersthofmeister der in Klagenfurt residierenden ältesten Tochter der Kaiserin, Maria Anna. Das prächtige Denkmal auf dem Neuen Platz verdanken die Klagenfurter einer Reise der Monarchin im Juli 1765. Es blieb der einzige Besuch Maria Theresias. Sie war mit dem Hofstaat auf dem Weg nach Innsbruck. Dort ereilte sie das Schicksal und ihr Mann Kaiser Franz Stephan von Lothringen starb unvorhergesehen.

http://kaernten.orf.at/tv/stories/2836769/

86 größtenteils unveröffentlichte Briefe wurden in Schloss Tratzberg über 100 Jahre im Stillen aufbewahrt. Maria Theresia gewährt in diesen Dokumenten einen Blick hinter die Kulissen des repräsentativen Hoflebens und einen Einblick in ihre Persönlichkeit.
Die Briefe geben deutlich Auskunft über die Seelenzustände der Monarchin in den 1760er Jahren, eine neue Quelle für eine neue Sicht auf die Lebenssituation der Kaiserin. Die Jahre ab 1765 sind durch den Verlust ihres geliebten Mannes gezeichnet.

„Ein Teil der Briefe ist mit Fehlern vor mehr als einem Jahrhundert von Maria Theresias Biografen Alfred von Arneth auf Französisch und nur ein paar wenige Briefe auch auf Deutsch publiziert worden, danach sind sie wieder in Vergessenheit geraten und einem über 100-jährigen Dornröschenschlaf auf Schloss Tratzberg anheimgefallen. Ulrich Goess-Enzenberg, dem 7-fachen Urenkel jener Gräfin und heutigem Besitzer von Tratzberg ist es zu verdanken, dass wir die kostbaren Briefe, basierend auf der von Jean-Pierre Lavandier editierten wissenschaftlichen Gesamtausgabe der französischen Originale, nun komplett neu aus dem Französischen ins Deutsche übersetzen konnten.“ (Czernin Seite 9)

Wir lesen von Sorgen um die Kinder, von den Leiden der Einsamkeit der Macht, von Heiratsplänen, aber auch von Alltäglichem wie Mode, Bekleidung, sogar von Seltenem wie Schokolade, die man damals für Medizin hielt.
Die immer stärker werdenden Stimmungsschwankungen der Kaiserin treten in den Briefen zu Tage, ein unmittelbares, unverfälschtes Dokument einer schweren Lebenskrise. Nur ihrer Freundin gegenüber schreibt Maria Theresia offen, in den Briefen an die Kinder oder anderen Vertrauten treten ihre Seelenzustände nicht so deutlich hervor.

„Meine Tochter möge auch so glücklich wie ich sein und ihren Mann nicht überleben…..“
„Die Kaiserin trägt mein Collier und die Girandolen, die Sie in Innsbruck gesehen haben, und all meine Töchter auch, denn ich besitze keinen einzigen Diamanten mehr. Ich habe alles verteilt …“
(Maria Theresia, Brief 23, 26. 12. 1765)/ (Czernin Seite 87)

Um die Jahreswende 1765/66 ist ein deutliches Absinken Maria Theresias in eine Depression zu bemerken. Immer stärker zog sie sich zurück. Ihre Räumlichkeiten ließ die Monarchin mit grauer Seide bespannen zum Zeichen ihrer großen Trauer.

Am 12. Februar 1766 schrieb Maria Theresia in einem Brief an ihre Freundin Sophie (es wäre der 30. Hochzeitstag gewesen):

„Ich habe diesen glücklichen Tag alleine verbracht, vis-à-vis von mir selbst, in meinem Kabinett eingeschlossen, umgeben von den Porträts unseres lieben und großen Herrn, und ich bin glücklich, dass ich ihn noch weiter lieben darf, um mich von dieser Liebe zu ernähren. Alle Stunden habe ich mich mit meinem vergangenen Glück beschäftigt und habe dabei bedauert, nicht genug von der Zeit mit ihm profitiert zu haben, die Zeit von 30 Jahren erscheint mir wie 10 Jahre, während die fünf Monate seit unserem gemeinsamen Unglück mir wie 20 Jahre vorkommen.“ (Maria Theresia, Brief 25/ Czernin Seite 88)

https://www.morawa-buch.at/detail/ISBN-9783800076642/Czernin-Monika-Lavandier-Jean-Pierre/Maria-Theresia—Liebet-mich-immer

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Monika Czernin,
Jean-Pierre Lavandier

Maria Theresia – Liebet mich immer
Briefe an ihre engste Freundin
Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2017
200 Seiten
ISBN: 978-3-8000-7664-2
€ 21,95
http://www.ueberreuter-sachbuch.at/shop/maria-theresia-liebet-mich-immer/

Monika Czernin

Monika Czernin, 1965 in Klagenfurt geboren, studierte Pädagogik, Politikwissenschaften, Philosophie und Publizistik in Wien und arbeitete für den ORF und als Kulturredakteurin bei der Tageszeitung „Die Presse“. Seit 1996 lebt sie als freie Autorin und Filmemacherin in München. Zahlreiche Bücher und Filme zu historischen Themen. Ihr letztes Buch „Anna Sacher und ihr Hotel“ kam auf die Spiegel-Bestsellerliste.

https://de.wikipedia.org/wiki/Monika_Czernin

Ich danke dem Verlag Carl Ueberreuter, Wien, und der Kärntner Buchhandlung (Landhausbuchhandlung)in der Wiesbadenerstrasse, Klagenfurt, für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Foto© Gabriele Russwurm-Biro

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Staatenlos – Die Geschichte von Joe alias Giovanni alias Jean

Univ. Prof. Dr. Alois Brandstetter zu Ilse Gerhardts Roman „Staatenlos“

Ilse Gerhardt ist ein Multitalent. Ihr primärer Beruf und ihre ursprüngliche „Berufung“ war der Journalismus, Schwerpunkt Kultur. Ihr Ehrgeiz und ihre Expertise gingen aber immer über bloßes „Berichterstatten“ hinaus. Nun in ihrem „Unruhestand“ sind Ihre wöchentlichen Kolumnen und Kommentare etwa in der „Kärntner Woche“ inzwischen legendär geworden.
Man erwartet sie mit Spannung und Interesse: Wen oder was wird sie loben, vor allem aber wen oder was wird sie tadeln. Was heißt tadeln! Anprangern, geißeln oder auch verspotten… Oder auch mit Humor, mit Ironie oder Sarkasmus bedenken… Thematisch sind sie weitgespannt und „raumgreifend“. Sie reichen vom Lokalen, sagen wir von den Schlaglöchern der Villacher Straße bis ins Hochpolitische, sagen wir einmal die Abgründe der Kärntner Seele, mit Erwin Ringel gesprochen. Was ihre Agenden betrifft, steht in der rückwärtigen Klappe ihres letzten Buches, um das es heute geht: „Sie ist Kulturjournalistin, Galeristin, Sängerin, Veranstalterin und Organisatorin von Kunstreisen, Jurorin beim Kärntner Lyrikpreis und Obfrau der IG Autorinnen und Autoren Kärnten.

Literarisch widmet sie sich Menschenschicksalen nach dem Zweiten Weltkrieg“. Nach ihrem Buch über ihren Vater, „Mischling“, und dem Buch „Aus Trümmern zusammengewürfelt“ (mit Edith Darnhofer-Demar) nun also „Staatenlos“, die Geschichte eines ihr bekannten Kellners am Klopeiner See, eines Mannes, der als Kind einer italienischen Partisanin bei Kriegsende durch die Ungunst der Umstände „weggelegt“, als Findling von einem englischen Besatzungssoldaten aufgenommen, über und nach seiner Kindheit in England wieder nach Kärnten zurückkehrt und sich in Italien in Monfalcone auf die Suche nach seiner Mutter macht, die er schließlich auch findet, Freude und Enttäuschung zugleich. Enttäuschung über die mangelnde Freude der eher hartherzigen „Mutter“… Es handelt sich nicht eigentlich um einen Tatsachenroman, aber auch keine fiktionale Geschichte.

Auch „Schlüsselroman“ trifft es nicht ganz. Weil sich die Autorin über Leerstellen des Berichtes des Betroffenen mit Konjekturen und plausiblen Vermutungen behilft, um etwas, was man mit einem literaturwissenschftlichen Ausdruck heute gern als „Faktion“ bezeichnet, was aber nicht mit englisch Fake („Schwindel“) in Fakenews zu tun hat, wenn auch die Etymologie in beiden Fällen auf lateinisch factum führt…Das Leben dieses Giovanni, des Kindes der italienischen Mutter, des Joe, wie ihn sein englischer Ziehvater, des Jean, wie ihn schließlich sein französischer, leiblicher Vater, ein als junger Resistance-Kämpfer Gefangengenommener und nach Kärnten Gelangter, der nach dem Krieg nach Frankreich, Nimes, zurückgekehrt und dort zu einer Malerberühmtheit geworden, nennt, ist wahrlich abenteuerlich. Ilse Gerhard hat also gewissermaßen einen Abenteuerroman geschrieben, das Gewußte und Mitgeteilte und das Vermutete mit großer sozialer Empathie zu einem ansprechenden poetischen Amalgam komponiert, das heißt ja „zusammengestellt“… Stilistisch kennzeichnet den Roman, durchaus zu seinem Vorzug, die journalistische Profession der Autorin (Reportage, auch ein wenig „Kolportage“).

Die im Roman thematisierte „Staatenlosigkeit“ ist ein literarisches Desiderat. Man kann vielleicht an Josef Winklers „Die Verschleppung“ oder auch an Brigitte Schwaigers „Die Galizianerin“ denken, vielleicht auch als schelmische Variante an Albert Drachs „Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum“…. Ganz besonders aber mußte ich an die betroffen machenden Berichte des Oberösterreichers Martin Kranzl-Greineckers über die „Kinder von Etzelsdorf“ denken, jenes Kinderheimes in Schloß Etzelsdorf, wo in der Nazizeit die Babys der Zwangsarbeiterinnen „untergebracht“, den Müttern also weggenommen und medizinisch schlechtest versorgt wurden, -und wenn sie nicht gestorben sind (viele liegen in Pichl in anonymen Kindergräbern), nach dem Krieg groß geworden und verzweifelt in Polen oder sonstwo in Europa nach ihren Müttern gesucht haben. Viele haben keine Eltern gefunden. So gesehen handelt Ilse Gerhards Roman „Staatenlos“ eigentlich von einem singulären Glücksfall. Wenn auch ihre Geschichte tödlich endet…

© Alois Brandstetter, April 2017

Kurzinformation zum Buch: „Staatenlos“ erzählt die Lebensgeschichte eines Mannes, der nach der Geburt zum Findelkind einer britischen Offiziersfamilie und zum Waisen wird. Joe, so sein Name, erlernt den Kellnerberuf und wird später zum Oberkellner in einem Hotel. Ein scheuer, aber nobler und gebildeter Charakter. Joes Besonderheit ist, dass er von Geburt auf staatenlos ist. Er ist ein in Österreich geborener Sohn einer ehemaligen italienischen Partisanin und Zwangsarbeiterin und eines französischen Kriegsgefangenen. Als junger Mann macht er sich auf die Suche nach seinen Eltern. Die Mutter findet er in Italien und den Vater, einen anerkannten Künstler, in Frankreich. Dennoch endet Joes Eltern- und Identitätssuche fatal.
Ilse Gerhardt erzählt die berührende und tragische Geschichte eines Staatenlosen nach einer realen Lebensgeschichte und führt den Leser von Südösterreich aus in die italienische Werftenstadt Monfalcone an der Isonzomündung, in die Römerstadt Nimes und die felsigen Cevennen in Südfrankreich.

Ilse Gerhardt
Staatenlos
Roman
128 Seiten, Broschur mit Klappen,
€ 19,90,
ISBN 978-3-7086-0933-1
Hermagoras Verlag 2017

Zur Autorin: Ilse Gerhardt

https://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/autor_detail/ilse-gerhardt

Zum Buch: Staatenlos, Hermagoras Verlag, Klagenfurt/ Celovec 2017
https://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/detail/staatenlos
Zum Verfasser des Gastbeitrags: Univ.Prof. Dr. Alois Brandstetter:

https://de.wikipedia.org/wiki/Alois_Brandstetter“

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