Monat: April 2017

Literaturfrühstück im Künstlerhaus „Bring Your Text“ zur Weiblichkeit – Eine Nachlese

Zusammen mit der Künstlerin Ina Loitzl lasen am letzten Öffnungstag der Ausstellung im Künstlerhaus Klagenfurt, am 22. April 2017, zum Ausstellungsthema BLUTROT Kärntner Autorinnen kurze Prosatexte und Lyrik zur Weiblichkeit:

Als Literaturfrühstück in einem besonderen Rahmen (großer Ausstellungssaal des Kunstverein Kärntens) folgten der Einladung der Künstlerin und Kuratorin Ina Loitzl mit Unterstützung des Kärntner SchriftstellerInnen-Verband folgende Autorinnen: Miriam Auer, Betty Quast, Monika Grill, Dagmar Cechak, Karin Prucha, Eva Possnig, Marlies Karner-Taxer, Christine Tidl, Ilse Gerhardt, Elisabeth Hafner, Elisabeth Schwendner und Gabriele Russwurm-Biro

Die große Begeisterung und Anteilnahme und die hervorragenden Beiträge der eingeladenen Autorinnen zeigen, dass das Thema Weiblichleit und Frausein nicht nur in der Bildenden Kunst, sondern auch in der Literatur mehr Platz und Aufmerksamkeit benötigt.

Monika Grill

Während in Lilli Rundungen Form annahmen, zeigten sich unter Alberts schwammiger Haut die Umrisse von Ecken und Kanten. Knochen, die in den Wogen seiner Üppigkeit untergegangen waren, trieben an die Oberfläche und begannen, die Umrisse eines Mannes zu formen, der alles andere als weich ist. Es war, als ob sie verbundene Gefäße waren, Lilli und Albert, und ein Ausgleich stattfand, in dem jeder von den beiden etwas in sich entdeckte, das ihm bisher fremd gewesen war. Sie Weichheit, er Kanten.
Mit der zunehmenden Weichheit verlor Lilli etwas von ihrer Zielsicherheit. Als ob die fehlende Spannung es dem Bogen ihres Willens unmöglich machte, ins Schwarze zu treffen. Auch ihre Vorstellungen und Wünsche begannen, eine wässrige Gestalt anzunehmen, die ein Handeln zunehmend erschwerte.
Lilli wurde träge. Sie entwickelte eine tiefe, sinnliche Trägheit, die sich von Albert tragen ließ. Und Albert mit seinen neu gewonnenen Kanten spürte in sich das zunehmende Bedürfnis, ein richtiger Mann zu sein. Seine Finger begannen, ihren Nacken mit etwas mehr Druck zu massieren. Wenn er sie in die Arme nahm und küsste, fühlte er den Wunsch, sie zu besitzen und zu verschlingen, ein raues und unberechenbares Verlangen, das sich über die Monate in eine Notwendigkeit verwandelte
Und eines Tages lag Lilli in seinen Armen, weich, nachgiebig, rund, und der neue Mann in Albert sah sie an und wollte sie nicht mehr. Nicht diese Frau. Er wollte eine, die seiner Schärfe entsprach, eine, an der sich seine neugewonnene Härte reiben konnte. Nicht dieses weiche und nachgiebige Ding, dessen Knochen unter dem schwellenden Fleisch nicht mehr spürbar waren.

Aber ich sehe Eis, Eis und Schnee, und höre eine unwiderrufliche Stille, die mich bis ins Hier, ins Heute, in den heutigen Abend zu verfolgen scheint. „Was, wenn“, denke ich und sehe meine Maria, meine dickköpfige, wissbegierige Maria, wie sie die Wohnung eines Fremden betritt, nur um herauszufinden wie, warum, wieso. Ich sehe ihre dünnen, weißen, langen Beine mit aufgerollten Kniestrümpfen und darauf eine fleischige Männerhand, die sich langsam ihre Schenkel hinaufschiebt. Ich sehe, ich sehe voraus, ich ahne, ich fürchte, und wie jede Mutter bin ich mir nicht sicher, ob ich ihr trauen soll, meiner Ahnung, meiner Vorstellung davon, wer meine Tochter ist und was kommen könnte. Und wie jede Mutter weiß ich, dass es nichts nützt, Nein zu sagen. Nein, tu das nicht. Nein, sei vernünftig. Bitte, bitte, nein.
Denn auch sie wird sich bemühen, ihre Mutter Lügen zu strafen, als eine besorgte, ängstliche, unsichere Frau, die nicht weiß, was wahre Freiheit ist. „Sie ist so verklemmt“, wird Maria sagen. „Ich mag sie, meine Mama, aber was weiß die schon vom Leben.“ © Monika Grill

Blutmoos von Dagmar Cechak zum Gemälde von Theres Cassini in der Ausstellung BLUTROT
Ich sehe dich an und du schüttelst den Kopf, ich will leben und sein und tanzen und lachen. Will Farbe bekennen, doch du kannst es nicht ertragen. Blutrot ist das Weiße in deinen Augen, kohlschwarz deine Wut.
„Bedeutungslos bist du!“ schreist du mich an und streckst mich nieder auf den Grund, den harten Grund voll Blut von so vielen anderen, die vor mir schon da lagen und fährst als Ausdruck deiner Macht mit querender Spur über mich hinweg und übersiehst dabei, dass nun aus der verkapselten Demut und Resignation mein Widerstand aufgebrochen ist unter deinen schweren Rädern.
Ein Widerstand von dem ich gar nicht mehr wusste, dass er in mir war, er befeuchtet meine matten Glieder, lässt, leise erst und fast unsichtbar, mich ausbreiten, über den Grund, lässt mich entdecken und fühlen, lasst mich bedecken den harten dunklen Boden mit weichem Moos.
Und ich strecke meine Fühler aus, nehme auf das Blut aus dem Boden und sauge es ein, bis alle Farbe und alles Leben in mir ist und alles Blut gelöscht. Weiß bleibt der Grund zurück und bleich.
Pulsierend streckt sich mein roter Leib, schreit: „Hier bin ich!“ und beginnt unübersehbar seinen rotglühenden Tanz in die Freiheit.
© Dagmar Cechak

Gedichte von Betty Quast (aus dem in der Druckvorstufe befindlichen „Endzeit“-Manuskript)

die neueste Mode (aus der Sammlung „Im alten Rom“)

na, wie gefällt dir dein Fleischkleid?
dein Blutkleid
süchtig nach… was mir gefällt
Schweinehälften von der Stange
– der Schocker –
geheimste Wünsche
erfüllen
einfach chic
Chemie-Kittel-Anilin-Farben
Blut, das aus den Schuhen trieft
Menschendreck
ständig was Neues
nie das Richtige zum Anziehen

Bei Oma (aus der Sammlung „Marzahn – im Herzen der Brache“)

Es gibt Hagebuttentee
sauer
das Testbild steht
im Funkloch
ein Spaziergang
am Staudamm
Medikamente
hinterm Sofa
Häkeldeckchen
das alte Transistorradio
erzählt was vom Krieg

© Betty Quast

Marlies Karner Taxer „Alternde Weiblichkeit“ zu den Exponaten von Ina Loitzl und Theres Cassini mit dem Thema Alter in der Ausstellung BLUTROT

die einstige Göttin nimmt Abschied vom kraftvollen Leben, das prall,
saftig und lustvoll die Hormone steuerte
morphiert zu silbergrau, dann weiß
das Rot der Blutung ist schon lang versiegt
das achte Lebensjahrzehnt hat seinen Preis
die Muskel schwächeln, verkommen
eingekochte Lebensmittel – gestrichen, das Unvermögen, den Glasverschluss aufzudrehen schmerzt
die Lebenserfahrung steigt wie die Zahl der Altersflecken an den Händen
das Erinnern nimmt mehr Raum ein als das Erleben
der Körper verweigert sich dem Wollen
sich bücken, etwas aufheben – ein Problem
die Verwendung des Rollators wird nur langsam akzeptiert, weit nach Brille und Gebiss
Inkontinenz macht grantig, Lachen wird, so wie das Husten, zu einer Entscheidung

mkt2017 © Marlies Karner –Taxer

Christine Tidl (zum Thema Blutrot)

Von hinter der Schirmakazie, die sich dornenbewehrt, dunkel und stumm über dem gelbroten Himmel verzweigt, zieht ein letztes Aufleuchten durch die rahmenlose Öffnung, gleitet über festgetretenes Erdreich, kriecht hoch an graubraunen Wänden aus Lehm zum fein gesponnenen Netz in der Ecke des Raumes. Dort lauert die Spinne auf eine der Fliegen, die über die Glasscherben tanzen am Ende des Tisches.
Schwach, aus stimmloser Kehle, das Wimmern. Schweiß zwischen eng geflochtenen Zopfbahnen. Kaltbetropft die Stirn über schreckweiten Augen, weiß wie Akazienblüten, die der Wüstenwind aus der Blattnarbe löst. Sie haben es wieder getan. Das Lager mit Tüchern bedeckt, das Festkleid über den reglosen Körper gezogen. Das Rot und Gold heben sich kaum ab vom Blut, das unter den dicht verschnürten Beinen hervorquillt. Die Schnitte werden heilen, sagen sie. Doch von den Narbenwülsten der Seele sprechen sie nicht.
Draußen rhythmisches Trommeln, Lachen der Frauen, zufriedene Stimmen der Männer am züngelnden Feuer.
2017 © Christine Tidl für Blutrot

Elisabeth Hafner – Gedicht zur Weiblichkeit

Häute

Keimblatt
milchig und jungfräulich
wächst zu
Netzhaut und Vorhaut und Hirnhaut.
Zu Gänsehaut, Hornhaut und Narbengewebe.
Zu Mückenfell und Fledermausleder.
Zu Elefantenhaut und Mäusepelzchen.
Sie sind weich,
die Häute,
und werden hart,
sie sind dünn und wachsen ledrig,
Unter Ober Lebenshaut.
Zarte Herzhäute
verwachsen zu faltiger Wundenhaut.
Mir wächst ein granatroter Herzhautmantel.

© Elisabeth Hafner

Ina Loitzl (bildende Künstlerin, Kuratorin der Ausstellung BLUTROT):

FRAUSEIN

Die Kindheit ohne Penisneid
Ja lieber Dr. Freud!
Trotz doofer Witze:
Uns fehlt wirklich nichts in der Körpermitte
Oh nein, ich war auf keinem Trip!
Gefühlt als Mensch mit Mädchennamen
Die erste Regel mit Sekt zu Hause gefeiert
Ein großes DANKE an die starken Frauen in meiner Familie
Ich hab’s einfach gut erwischt: Die Zeit, den Ort,….
Viele haben das nicht
Wo das Kreuz im Geburtsschein kompromisslos bedeutet:
Nicht zu wählen, nicht Auto zu fahren,
nach der Scheidung zu leben wie eine Witwe,
als Letzte am Tisch das Essen zu bekommen
Eiskalt wird mir da gleich und die Gänsehaut steigt in mir hoch
Daher mache ich mich als Künstlerin stark – für das Weibliche
Noch immer als „schmutzig“ und mit Scham betitelt
Es fehlen….. die 1000 schönen Worte
Gedanklich überschreibe ich heute noch
die vielen „FUT“s, die mir als Mädchen
auf Straßenwänden entgegenkamen
fett mit einem dicken Edding zu „AUTO“
Doch ach – da sind sie wieder:
Halbnackte Frauen mit Schaum und Schwämmen
waschen sie diese schnellen männlichen Prestigeobjekte sauber …
Revanche? Nein, auch keine Gleichberechtigung,
keine Zwangsquoten, einfach das Menschsein
als das Ganze aller Dinge zu sehen
und erkennen, wie schön es ist
Weib bleibt Weib Frau bleibt Frau
Nicht mehr und nicht weniger
Aber für mich ein Geschenk

© Ina Loitzl, zur Ausstellung „Weibsbilder – Ženske“ 2014

Karin Prucha

imraumstille

vorsichtig sodass sie sich nicht stösst
in dem raum in der stille
steigt sie als kleines kind in die fußstapfen
auf den nächsten hohen berg
fährt auf dem fluss im grünen kanu
die stromschnellen auf und ab
bis der weiße wasserschaum sie hebt
klettert die bäume in den himmel bis zum mond
trägt die sehnsüchte wie verborgene früchte

sie läuft als junges mädchen
barfuß durch schulgesetze und new yorker parks
drückt ihre fußspur in den weichen untergrund der sandbänke
läßt sich auf den warmen felsen
der zukunftslabyrinthe nieder
verweilt im dichten weben der windnetze

begehrt störrisch die berechtigung ihres geschlechts
stöckelt als junge frau in den kindheitstraum
der ewigen liebe
vergißt sich verwirrt sich verläßt sich
begibt sich auf die zeit
die ungeheuer der vergangenheit im weg
in die weggebrochene luft
starrt stumm die stille

sie riecht den duft von frischgebackenem brot
das alte wird neu verwandelt
das gesetz gebrochen die erde befühlt
das atmen aufgetaut und im raum stille

© Karin Prucha 2017

Miriam Auer Didgeridoolittle

Du spielst the fairest Lady hier von allen, der Bass,
dein Stimmband, der lose Strumpf. Terra Australis Incognita.
Dich kennen sie genauso wenig, von deiner neuen Vulva da
erzählst du kaum. Die Perücke, das Nylon deiner Frisur,
wenn du wohin musst, entschuldigst du dich
mit den Augen, Mascara macht sie dir
etwas zu schwer.
»Hier können Sie als Frau durchgehen«
Doch da ist nirgends so ein Schild.
Komm heim, zu dir.
Bei meinem letzten Besuch hast du mir ein Bärtchen zeigen
müssen, das du dir in einem Weckglas ziehst, wie Kefir
Hefepilz ganz hübsch sogar, ein Bart ohne Mensch daran.
Von Wissenschaft versteh ich wenig, du sagst, im Glas
überlebt ein Relikt. Ich gebe mir deine Hand zur Ruhe,
und wünsche mir das gültige Ja-Wort von uns.
Man mag dir den Mund verboten haben,
aber deines Namens unbekanntes Lied:
ich singe dich ganz.

Heute ist morgen lange gestern, wir lernen einander auswendig, eher körperlich
peripher ein kleines Feuer, nagelunter, French Nails brennend, so to speak.
Man sprang dir ins Gesicht, dein Glück,
dass du es noch nicht verloren hattest,
man konnte so nicht in dich gehen,
eiserne Maske, c’est la vie.
Letztgestern hast du dann deinen Kopf vergessen, ich rannte
und brachte ihn dir nach, weil du doch sonst
nichts essen kannst.
Wir teilen uns Früchte der Arbeit des Baumes und Erdäpfel haben wir
gemeinsam, egal von wo wir sind, wir zwei verschlingen nichts,
das fühlt, beide wissen wir wie es ist, nicht
zu atmen.
Morsch werden die Bissen noch etwas bleiben, trocken
der Schwamm, die Psychologin, l‘amour fou.
Wir lassen die Tauben los, ohne zu zaubern
in Kriegen, die so anders toben als Kinder …
Da, die Majolaschlange. Du sagst mir die Wolken ein ohne heimlich zu tun, alles
Wahre steht auf deiner Haut, wo du gegangen bist, gekrochen auch,
hat der Boden nicht aufgehört sich an dich zu erinnern, jeder
Kiesel lässt sich stoßen von den Schuhen, die du warst, pars
pro toto.
Du weißt, was das heißt, deine Schule im Kopf, die echte in Trümmern,
Stein auf Stein, dein Name jetzt ein neuer, du stehst auf Rosanna
von Toto, kleine Rockerin, so be it.
Beim Headbangen das Kopftuch leicht wie ein
Schleier aus Löwenzahnsamen, an ihnen
festhalten, wegfliegen, oben sein bei
Nacht
Mama
Stoner-Rock im CD-Player, hast den erst für Kriegsgerät gehalten, Eintopf
am Fenster, zwei Mal zu kühl, aber dort wo du herkommst
war alles nur lau, meet you all the way, Rosanna …

Am Stockbett oben ist es mondleer geworden.
No woman, no cry …

© Miriam H. Auer

Eva Possnig – Wandlungen (zur Ausstellung Blutrot)
„Wenn ich so zurückdenke, war es vor allem die Kunst, die mein Leben beeinflusst hat“, beginnt Tina, als sie nach der Aufführung in einem Lokal sitzen.
„Schon als Kind hab ich Bücher geliebt. Einige hab ich immer wieder gelesen. Tom Sawyer und Huckleberry Finn zum Beispiel. Oder Rascal, der Waschbär, an diesen Roman denk ich fast wehmütig zurück“.
„Weil dem Schlingel nach den Jahren, in denen er von einem Kind aufgezogen wird, ein Leben in der Wildnis geschenkt wird?“
„Ja, stimmt. Das ist ein Aspekt. Wer die Nachtigall stört von Harper Lee hat mich aus der Naivität der Kindheit herausgeführt. In der Menschlichkeit des Atticus, der seine Kinder alleine aufzieht und sich unter schwierigen Bedingungen für Toleranz und Gerechtigkeit stark macht, hab ich meinen Großvater wieder erkannt. Ich war dreizehn, als er gestorben ist. Im Buch bin ich ihm wieder begegnet. Beglückend war das und gleichzeitig sehr traurig“.
„Für mich war „Narziss und Goldmund“ von Hermann Hesse wichtig. Mein Gott, diese Passagen über Erotik und Begehren! So ganz ohne moralischen Zeigefinger! Endlich hat es für uns Jugendliche eine wundervolle Sprache für alles Prickelnde, Verwirrende gegeben! Eine echte Alternative zur Zeitschrift Bravo!“
„Wie eine Therapie“, meint Tina und knabbert an einem Thunfisch-Sandwich.“ „Simone de Beauvoir hab ich ähnlich erlebt. Sie kam und blieb war befreiend für mich. Und dann hat mich natürlich Violette Leducs Roman Die Bastardin verführt. Meine Mutter war entsetzt, als sie es in meinem Zimmer gefunden und den Klappentext gelesen hat. Hat sich wohl gedacht, dass gewisse Erziehungsmaßnahmen bei mir völlig für die Hennen gewesen sind“. Die Freundinnen lachen.
„Die siebziger Jahre in Österreich waren für Frauen kein Honiglecken. Eine Ausbildung durften wir machen, ja. Aber eine selbstbestimmte Sexualität? Wie geht das denn zusammen mit einer traditionellen Familie?“ Sie zwinkert Carla zu. „Aber ich erinnere mich, dass immerhin der Status des Vaters als Oberhaupt der Familie abgeschafft worden ist. 1974 glaub ich, ist das gewesen. Jedenfalls, als Kreisky Kanzler war. Mutter brauchte meinen Vater damals nicht mehr um Erlaubnis zu fragen, als sie eine Stelle als Sekretärin angenommen hat. Aber trotz alledem: wir Töchter sollten brav und bürgerlich sein. Das war der Fokus, auf den alles gerichtet war in der Provinz. Und bloß nicht zufriedener werden wollen als die Mutter! Ich jedenfalls hab‘ mich Jahre später mit der Malerei befreit!“, ruft Vera aus.
Sie fasst ihre Haare im Nacken zusammen und bindet sie geschickt zu einem Knoten.
„Ich denk‘, ich war sechzehn, als mich Der Fall Franza aufgewühlt hat. Die Sprache Ingeborg Bachmanns. So wahr! Der Mensch ist dem Menschen Wolf. Tagelang bin ich im Zimmer gehockt und hab über ihre Sätze nachgedacht. Und unterstrichen, was für mich bedeutsam war. Für Unverständliches hat sie mir eine Sprache gegeben und mir geholfen, klarer zu sehen. Auch manche Filme haben mir Wege aufgezeigt. Die zwei Gesichter einer Frau mit Romy Schneider beispielsweise. Unvergesslich ist für mich auch Die Frau nebenan mit Fanny Ardant. Die erotische Autonomie, die sie da entwickelt, hat mich fasziniert. Ich war ja als junges Ding geradezu gehemmt. So was von brav und angepasst. Immerzu bemüht, es allen recht zu machen. Meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Es war die Kunst, die mir geholfen hat, meinen eigenen Weg zu finden. Plötzlich hab‘ ich gewusst, dass ich mit meinem damaligen Freund im falschen Leben steck und hab mich dann von ihm getrennt.

© Eva Possnig 2017

Elisabeth Schwendner

10 Gebote

©Elisabeth Schwendner 2017

Gabriele Russwurm-Biro – Gedicht zur Ausstellung Blutrot

alles aus allem
kommt seidenrot
ans licht
das, was gedanken
gebären
bleibt
voller wunder
das, was verschlossen
dahinsiecht
versinkt
folge dem blick
nach innen
und lass die welten
ziehen
geht etwas verloren
bleibt die lücke
und warm
der atem
bis er bricht

© Gabriele Russwurm-Biro 2017

Ina Loitzl las einen Auszug aus dem Text TOD (ohne Titel) Kapitel 4/ der Schriftstellerin
Nadine Kegele (Du sollst nicht so große Füße haben….).
Sie war 2014 Stadtschreiberin in Klagenfurt (Publikumspreis bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2013).

„Du sollst nicht so große Füße haben. Du sollst keine zu langen Arme haben. Du sollst keine dicke Nase haben. Du sollst keine Hände haben wie ein Mann. Du sollst keinen schlechten Teint haben. Du sollst keine fettigen Haare haben.

Du sollst täglich duschen und Unterwäsche tragen, in der du schwitzt. Du sollst ihm nachlaufen wie ein Hund. Du sollst dich domestizieren und dressieren lassen. Du sollst lieblich sein. Du sollst dir nicht die Freiheit nehmen, nein zu sagen.

Du sollst heiraten wollen für Strümpfe und Konservendosen. Du sollst ja sagen, wenn er dich fragt. Du sollst yes, Sir sagen, wenn er was sagt. Du sollst aufpassen müssen, was du sagst. Du sollst nicht aus dem Zimmer gehen, wenn er redet mit dir. Du sollst jeden Morgen in diese Rolle schlüpfen. Du sollst ihm eine bildschöne Schauspielerin sein. Du sollst seine Muse, seine Trophäe sein. Du sollst ihn zum Lächeln bringen. Du sollst lächeln. Du sollst nicht selbständig sein.

Du sollst ihn lieben in Ewigkeit. Du sollst krank sein vor Liebe. Du sollst dich hassen lassen. Du sollst dich interpretieren lassen. Du sollst ihn nicht erniedrigen mit Vielwisserei.

Du sollst kleiner sein als er. Du sollst bloß stotternd sprechen. Du sollst dein Bücherregal abreißen lassen. Du sollst dich nicht schützend vor deine Bücher stellen. Du sollst die Philosophie gegen ein Kochbuch tauschen. Du sollst dich fein ausführen lassen von ihm.

Du sollst schick ins Theater gehen mit ihm. Du sollst nicht reisen ohne ihn. Du sollst nicht nach Nürnberg sehen. Du sollst nach Zürich, nach Paris und nach Japan schauen. Du sollst dich von ihm umarmen lassen. Du sollst dir von ihm ein Kind machen lassen. Du sollst seine Kinder großziehen.

Du sollst ihn bei Krankheit pflegen. Du sollst ihm eine fürsorgliche Ehefrau sein. Du sollst dich keiner Hysterie bedienen. Du sollst nicht Emanzipation kennen. Du sollst kein eigenes Gesetz begehren. Du sollst unter dem seinen stehen. Du sollst genügsam sein. Du sollst naiv sein. Du sollst kein anderes Losungswort kennen als ihn.

Du sollst nicht aufsteigen. Du sollst am Fuße der Pyramide warten. Du sollst dich von ihm vergewaltigen lassen. Du sollst auf deinen Schädel fallen. Du sollst im erstickenden Sand versinken. Du sollst dich Hilfe rufend zu Tode erschrecken. Du sollst die anderen Toten liegen lassen.

Du sollst einem Hai vom Boot vor die Schnauze schwimmen, wenn er sagt, spring. Du sollst dich auch beim Schwimmen schminken. Du sollst dich nicht schminken, als gingest du auf den Strich. Du sollst ihm nicht peinlich sein. Du sollst ihm Notiz um Notiz für seine Anekdoten sein.

Du sollst dich von ihm bannen und lähmen lassen. Du sollst über gelähmten Beinen kurze Röcke tragen. Du sollst keine zu kurzen Röcke tragen. Du sollst die Röcke nicht für dich tragen, sondern einzig für ihn. Du sollst den Trauerflor nie mehr ablegen, wenn er nicht mehr ist. Du sollst ihm ein Stück Holz und seine Hindin sein. Und Civetta Sôva sagt, ich kann es von hier oben sehen, es brennen immer bloß: die Röcke der Frauen.“
© Nadine Kegele

Foto © Willi Wolschner
Bildtitel: Gabriele Russwurm-Biro, Marlies Karner-Taxer, Karin Prucha, Ina Loitzl, Betty Quast (mit Leopold) und Monika Grill (von li.)

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Laibachandacht

Gastbeitrag von Del Vede

War er einfühlsam wie ein Dichter, der France Prešeren, wenn er als SODNIK, Richter, in Klagenfurt SLOWENISCH Gericht gehalten hat? Mein Vortrag auf den Stufen seines Denkmals war der barbusigen Muse des Nationaldichters gewidmet, und allen Maiandachten in den Dorfkirchen, die nicht mehr durchgeführt werden.

Allen Dorfkirchen, in denen es die slowenischen Andachten nie mehr geben wird.

Die Bäuerinnen vergessen ihre Gliederschmerzen oder die VARTA überall im Leib, die vom Übermaß der Arbeit hervorgerufen wird, und nehmen sich ein Stündchen frei. Sie beten SLOWENISCH ihre Himmelskönigin an, singen SLOWENISCHE Marienlieder und bleiben unter sich. Ein Pfarrer nimmt nicht teil. Wir Buben sind dabei und können in betender Haltung ausgiebig die DEčVE betrachten, die Mädchen, die uns nicht aus dem Sinn wollen. Etwas anzufangen wissen wir mit ihnen nicht. Bald werden wir im scheuen Einverständnis mit ihnen auf den Wiesen lagern und Entdeckungen anstreben. 

Zu Hause behaupten wir, zur šMARNICA; Maiandacht zu gehen, die DEčVE auch, anstatt zu beten und zu singen.

La i b a c h a n d a c h t 

Je angel Gospodov oznanil Mariji
in ona spocela od Svetega Duha.
“ česčena si, Marija“, je angelski glas;
bo zadnja ura bila, Marija prid‘ po nas.

Heute sind ihm wieder himmlische Schmerzen verordnet worden. „Wer sie erträgt, lebt“, sagt sich der OBLAK, die Wolke. „Ich war ein guter Arzt und guter Mensch. Doch jetzt ist Nacht.“ Er verrichtet seinen Dienst ganz oben. Mit seiner Abteilung hat er die Gewitterwolken zu lenken, die LERMA.
In den Grenzbergen DOLINE KRKE, des Gurktales, machen er sich über den Weiler Ingolsthal her, Dienst ist Dienst. Er jagt die alten Leute in die Häuser. Und er vertreibt den alten Kerschbaumer, der seine Hühner ein letztes Mal mit TUGLEE TUGLEE lockt und füttert. Das EE ist beinahe ein II oder umgekehrt. Siegfried Kerschbaumer blickt nicht mehr hinauf in das schwarze Gebräu. Er schwingt sich auf sein Fahrrad, das ihn auf der Erde hält und verlässt seinen Hof. Den OBLAK im Rücken und neben der linken Lenkstange vom Berg herunter fauchend, strampelt er unter der Wachtburg talab. Die stets so genannte Straßburg ist keine Straßenburg. Sie leitet sich seit eintausend Jahren von der STRAZA ab, der Wacht. Als sie errichtet wurde, riefen die Gurktaler schon vierhundert Jahre lang TUGLEE TUGLEE, do schau, do schau!

Und so rufen sie auch heute. Mit ihren Hühnern sprechen die Gurktaler SLOWENISCH. Vorher noch mit dem Vieh im Stall und auf der Weide, čOLA čOLA (sprich „tsch“, Bedeutung: Kühlein, Kalble). Davor auch miteinander in den Dörfern. Dem Radreisenden Siegfried Kerschbaumer ist zu verdanken, dass die Hühner überall in Kärnten wieder SLOWENISCH hören und Flügel schlagend herbeieilen.
Sie verstehen noch.
Er kann nicht glauben, dass die das Gurktalerische verstehen. Und dass der Hühnerlockruf SLOWENISCH erklärbar ist.

In Klagenfurt treibt die OBLAK-Abteilung den VIKTOR SPENDAL durch die Stadt. Er ist slowenisch aufgewachsen in seiner Stadt und nie begegnet er einem vertrauten Wort. Er spricht mit den Bäumen und säubert die Pflanzstreifen unter den Baumkronen und Büschen. Sie kommen ihm dankbar vor, obwohl sie nicht sprechen, nur ächzen, rascheln und manchmal säuseln in der Nacht. POJDI, POJDI, KOMM, KOMM! Wohin, wohin mit den Wörtern, die immer noch gesprochen werden wollen? Seit er die über 300 Lehnwörter kennt, die das SLOWENISCHE dem Alltag der Deutschsprechenden überlassen hat, erträgt er die Schmerzen manchmal lächelnd.
Die LERMA des OBLAK braust über PODJUNA, das Jauntal, und verspricht eine HUDA URA, Böse Stunde, zu werden. MARIJA, die MIčE MIC, legt ihre Schurze ab und säubert die Hände am Brunnen. In ihrem Hof sah sie als Kind im Krieg den Kämpfern beim Aufspielen mit dem Akkordeon, Singen und Tanzen zu. Im nahen GLOBASNICA eilten sie von der PECA, der TOPICA und aus den OJSTRABUNKERN herbei.

DANES PA MI URADUJEMO. Heute ist aber unser Amtstag.
Die MICE MIC eilt in die Dorfkirche von GOSELNA VAS und läutet gegen die HUDA URA, die böse Stunde, an. Im Dorf entzünden sie Gewitterkerzen auf den Tischen und beten. Die MIC zieht am Strang und sie rüttelt und stößt gegen ihn. Ein blechernes Fis steigt ruckelnd und jaulend vom Kirchturm auf und verbreitet sich in GOSELNA VAS. Es vertreibt die Böse Stunde. Und mit ihr den Schmerz.

Der MIC sitzt er in den geschwollenen Fingergelenken und im Rücken. Jetzt ist er fort. Der OBLAK kennt das alles. Er macht sich mit den Seinen auf, das schwarze Gewölk an der SUHA, dem Trockenbach entlang nach KRašNA VAS zu treiben. Das ist Kristendorf unter der ROZALIJA, dem Rosalien- oder Hemmaberg. Christendorf schreibt man nicht. Diese korrekte Schreibweise würde zu sehr an die ALTSLOWENEN erinnern, die das Römerkastell eroberten. Den unterlegenen Christen wiesen sie ihr eigenes Dorf zu. 
HEMO HEMO rufen die Hirtinnen und Hirten des OBLAK. Heim geht’s, heim geht’s!
In der Dämmerung rufen die KRAVE, die Kühe, nach dem Stall, pieseln die DECVE, Mädchen und die PUEBI, die Burschen, das Hirtenfeuer aus. Das Lager der KAZAZEN, des altkärntner Militärs, das immer „die Edlinger“ genannt wird, ist geräumt. Unter den Bäumen warten ihre Schatten auf ein Signal. Beim KRES, dem Sonnwendfeuer, bemächtigen sie sich der Dörfler. Sie springen mit ihnen übers Feuer, sie singen und jauchzen mit ihnen. Ihre struppigen Pferde stampfen und stoßen gegen die Wurzeln und schnauben. Die Kühe finden von selbst in ihre Ställe. Die Sprünge der barfüßigen Hirten gelingen jetzt besonders weit. Mit geschlossenen Augen dauern sie kleine Ewigkeiten.

Auch diese Gösselsdorfer und die anderen Dörfler rundum gibt es nicht mehr. Sie feiern an der LJUBLJANICA in der Nacht. Der Letzte von ihnen, der im Dorf SLOWENISCH sprach, reiste oft mit dem Rucksack weißbärtig und gebeugt und immer SLOWENISCH sprechend nach CELOVEC, Klagenfurt. Im Café Kristall in der Bahnhofstraße, das es auch nicht mehr gibt, durfte er außen seinen Kaffee einnehmen, niemals innen. Nachts lebte er auf. Er fütterte seine Tiere und sprach mit ihnen. Eines nachts spannte er sich wieder in den Garling, Ziehkarren, ein, um Futter zu schneiden. Ob er die žOVNCA, die PEHTRA oder einen anderen dieser Felsen am Fuß der SLIEMNA östlich des Dorfes PODJUNA benutzte, weiß man nicht. Nachts öffnen sich die Weg, wusste er, die unter dem Gebirge hindurch nach Hause führen. In seinem Gehöft unter der Kirche von GOSELNA VAS lag er einige Wochen lang. Als seine Gösselsdorfer Nachschau hielten, stand sein Mund offen wie ein Mauseloch, glich seine Haut dem Kalkstein seines Hauses und war von Nachttieren angeknabbert.

Es ist Nacht in LJUBLJANA und ein Dichterbus rollte winzig geworden und unerlaubt in den Mondschatten des France Prešeren – Denkmals auf dem Hauptplatz Sloweniens. Er ist bis auf den letzten Platz mit Nachttieren besetzt, auch mit Hirsch- und Borkenkäfern, Kakerlaken und Ohrenschliefern und Marienkäfern. Und mit Dichterinnen und Dichtern. Die LITERARNA KAVARNA, das Literaturcafé, das es nicht mehr gibt, öffnet seine Pforten und alle sind wieder da, die es nicht mehr gibt.

Der Kerschbaumer, der SPENDAL, die MIčE MARIJA MIC, der letzte Gösselsdorfer SLOWENE, sogar der OBLAK mit seinen Untergebenen. Und die Dichter. So lange sie schreiben oder vorlesen und einander zuhören, spüren sie keinen Schmerz. Je mehr Zuhörer und Leser sie finden, desto leichter wird ihnen ums Herz. Und ihnen gehört die Nacht.


 
Del Vede ist ein sprachgewaltiger, in beiden Landessprachen beheimateter Kärntner Literat, der als phantastischer Märchenerzähler in den letzten Jahren bekannt und sehr beliebt wurde. Von 1983 bis 1987 war Del Vede (als DEL Vedernjak) Regionaldelegierter der IG Autoren für Kärnten und veranstaltete in dieser Zeit jährlich das Literatur-Festival KÄRNTNER FRÜHLING. Dieser hatte sich aus einer literarischen Initiative einiger junger Kärntner Autoren heraus zu einer Veranstaltung entwickelt, die in der literarischen Öffentlichkeit auch außerhalb des Landes steigende Beachtung und Anerkennung fand.

Fotos © Gabi Russwurm-Biro

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