Monat: September 2016

„Kino-Kultur bewegt Kärnten“ – Horst Dieter Sihler über das Kino im 20. Jahrhundert

„Eigentlich hätte dieses Kinobuch schon in den 90er-Jahren, gegen Ende des letzten Jahrhunderts erscheinen sollen, aber eine schwere Krankheit verhinderte das. Nach Jahren aufgetaucht aus dieser bewusstlosen Zeit, aus meinem ganz persönlichen schwarzen Loch, schrieb ich im ersten Hoch – zur Überraschung aller – mein Poesiebuch AM ANFANG WAR DIE POESIE (Meine Gedichte des 20. Jahrhunderts) – und konnte jetzt, fast zehn Jahre später, in meinem zweiten Hoch, endlich mein Kinobuch fertigstellen“, erklärt der Kärntner Autor, Filmkritiker und Gründer der DIAGONALE Horst Dieter Sihler die Umstände, die dieses Buch entstehen ließen, in seinem Nachwort.

Sihler bewertet seine 391 Seiten Kinoliteratur als eine „subjektive, aber ehrliche Rückschau“, er sieht sich selbst nicht als Filmhistoriker, auch nicht als Filmwissenschaftler, sondern nur als einen Filmjournalisten, „einen stets neugierigen Sucher nach dem Neuen und Humanen in der Filmkunst, wo immer es auftritt“ (S 391). Wie alles für den jungen Journalisten 1969 begann, kann man auf Seite 200 nachlesen: „Kino-Kultur bewegt Kärnten“.
70 Jahre Filmgeschichte im Überblick werden in 13 Kapiteln in fesselnden Berichten nachvollziehbar gemacht: Auszüge aus Essays, Filmkritiken und Festivalberichten, die in der Presse und im ORF erschienen sind, können nun nachgelesen werden. Zwischen den Analysen eingeflochten sind immer wieder autobiographische Splitter („Nachruf auf mich selbst – Vorzutragen beim Abschiedsfest nach meinem Ableben“ S 312), das Beste aus dem „Filmtagebuch von hds“, aufgelockert durch Gedichte Sihlers, Anekdoten aus einem erlebnisreichen Journalistenleben und einer historisch wertvollen Fotogalerie zur Dokumentation. Daher kann man diese Sammlung auch als enormes zeitgeschichtliches Dokument verstehen und nachlesen, wie die Kulturpolitik mit dem Medium Film umgegangen ist: Erlebte und genau dokumentierte Filmgeschichte. Man erfährt auch von den Förderern in Graz und jenen aus Klagenfurt (Humbert Fink/ Trude Polley/ Walter Novotny) (S 292) und Sihlers Begegnung mit Christine Lavant (S 293). Diesen Überblick über 70 Jahre Kino legt man nicht kurzerhand zur Seite, es interessiert den Leser vom Anfang bis zum Ende.

Von den ersten Filmerfahrungen bei der Nazi-Wochenschau, über jugoslawische Filmvisionen, der Kamera als Waffe bis zu den heimischen Film- und Kinokämpfen deckt Sihler ein breites Spektrum ab. „Wir sind alle kleine Mephistos“ schreibt Sihler zu István Szabós Erfolgsfilm:
„MEPHISTO markiert einen Neubeginn. Die Wahl des Themas – der unpolitische Künstler, der sich zum Aushängeschild einer politischen Macht machen läßt – sichert das Interesse im Westen. Aber jede Interpretation ist naiv, die nur das Thema Künstler im Dritten Reich sieht. Szabós Schlüsselfilm über das Verhältnis des Künstlers zur Macht geht weit über die Satire von Klaus Mann hinaus. Sein MEPHISTO zielt auch auf den Künstler unter Stalin und vor allem – und das macht seine eigentliche Bedeutung aus – auch auf alle Anpassungskünstler, Kompromissler und Opportunisten in unseren westlichen Demokratien. MEPHISTO trifft auch den Kulturbetrieb im Westen und die Alibifunktion bürgerlicher Fassadenkultur. Um es mit den Worten Szabós zu sagen: MEPHISTO ist ein Grundtyp, den jedes mangelhaft funktionierende politische System für sich nutzen kann. Wir sind alle kleine MEPHISTOS.“ (S 103)

Horst Dieter Sihler: Geboren 1938 in Klagenfurt. Sihler ist bekannt als Vater der alternativen Kinoszene in Österreich, als Programmkinoleiter und als Gründer der DIAGONALE.
Ursprünglich war er Maschinenbau-Ingenieur, gleichzeitig Kulturkritiker und auch Poet, Lehrbeauftragter und Kinomacher. Filmkritiker für die regionale und überregionale Presse („Neue Zeit“, „Kleine Zeitung“, ORF, FAZ usw.). Zahlreiche Reisen zu Filmfestivals in West- und Osteuropa seit 1966.
Organisator unzähliger Filmveranstaltungen. 1977 „1. Österreichische Filmtage“ (heute „Diagonale“) in Velden gegründet, 1982 „1. Österreichische Kino-Tagung“ in Tainach/Tinje. 1979 Gründer des Vereins Alternativkino. Programmkinoleiter (Neues Volkskino Klagenfurt). Medien-Kulturpreis des Landes Kärnten 2008, Kärntner Lyrikpreis. Veröffentlichungen: Gedichte in „manuskripte“, „Frage und Formel“, „Literatur und Kritik“. „Am Anfang war die Poesie“ (Meine Gedichte des 20. Jahrhunderts, Wieser-Verlag 2009).

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Horst Dieter Sihler
Mein Kino des 20. Jahrhunderts
Erlebte Filmgeschichte
Wieser Verlag,
Klagenfurt 2016
ca. 400 Seiten, gebunden,
ISBN: 978-3-99029-181-8
29,95 €

https://www.wieser-verlag.com/buch/mein-kino-des-20-jahrhunderts/

Ich danke Horst Dieter Sihler und dem Wieser-Verlag Klagenfurt für das Rezensionsexemplar.

Alles Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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„Vielleicht erbreche ich dann mein Schweigen …“ – Anna Baars beeindruckender Debütroman: DIE FARBE DES GRANATAPFELS

Bei Anna Baars Debütroman „Die Farbe des Granatapfels“ (Wallstein Verlag, Göttingen 2015) geht es um eine weibliche Ich-Erzählerin, die ihre Familiengeschichte vom Kleinkind bis ins Erwachsenenalter erzählt und das Leben ihrer dominanten kroatischen Großmutter, der sie in Hassliebe und Abhängigkeit verbunden ist.

In dieser in rhythmischer, empathischer Sprache dargestellten Geschichte in vier Teilen geht es um Zugehörigkeit zu Muttersprache oder Vaterland, um Entfremdung, Identitätsfindung und die Zerrissenheit zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen. Es geht auch um Zwänge, Ekel und hingebungsvolle Liebe, an der sich ein Kind bis zum Erwachsenenalter stößt, um am Ende sich selbst hingebungsvoll an diese Beziehung zu klammern und die Großmutter nicht verlieren will.
Die Schauplätze ihrer eigenen Kindheit, pendelnd zwischen einer rauen, entbehrungsreichen, kargen Inselwelt in Kroatien und einer behüteten winterkalten wohlhabenden Welt in Österreich (Kärnten) bei den Eltern.

Für die besitzergreifende Großmutter NADA ist die kleine ANUSCHKA jeden Sommer ihr liebstes Kind, das sie erziehen und zurechtbiegen will nach kroatischer Art und nicht so wie die verwöhnten „Esterreicher“. Schon als Kleinkind leidet Anuschka unter den Eskapaden und Eigenarten der Großmutter, besonders unter dem ständigen Rauchen und den verdorbenen, weil aus Sparsamkeit zu lange aufgehobenen Lebensmitteln, die stets Erbrechen zur Folge haben. NADA hält das Kind mit Ängsten in Schach. Da erscheint die Hexe Baba Roga und macht den Kindern Angst. Anuschka leidet unter der Abwesenheit der Mutter – „wann kommst sie? BALD!“ und unter der Abscheu der Großmutter gegenüber ihrem Vaterland Österreich. Sie wird innerlich zerrissen, sucht Halt im Winter in Kärnten bei den Kinderfrauen, im Sommer bei NADA in Kroatien.

„Sag du mir, was ich sagen soll, wie du es immer getan hast, vielleicht erbreche ich dann mein Schweigen, weil meine Wirklichkeit so schlecht auf deine passt. Vielleicht speie ich dir dann alles Verheimlichte vor die schlecht durchbluteten Füße oder klappe meine Schädeldecke auf – mein Kopf dann ein aufgeplatzter Granatapfel, aus dem Millionen kleiner, fleischiger Kerne explodieren. Los prügle Wort für Wort aus mir!“ ( S 94)

Was nach Großmutters zähem Liebeskampf um die jeden Sommer geborgte Anuschka aussieht, stellt Identitätsfragen in den Mittelpunkt: Was ist Vaterland? Kann man zweimal Heimat spüren und sich zuhause fühlen? „Da unten“ in Kroatien feiert man noch immer den Sieg gegen die „Ibermenschen“ – die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Und macht jenen, die jetzt Touristen sind, trotzdem das Frühstück, weil sie Geld bringen und auch die Großmutter widerwillig Fremdenzimmer betreibt.

Die dichten und mit starken Ambivalenzen spielenden Textfolgen sind durchsetzt mit Aussprüchen und Weisheiten der Großmutter: Die meisten davon in Kroatisch, dadurch wird die Vehemenz unmittelbar spürbar, auch dann, wenn man nicht jedes Wort versteht.
Durch die sprachlichen Verschränkungen mit dem Kroatischen und den vielen Redensarten, die die Großmutter ihrer Anuschka einhämmert, wird diese Person genau charakterisiert und die Bindung, die das Kind zur Großmutter hat, Zeile für Zeile erfassbar gemacht. Durchbrochen sind die einzelnen Textblöcke durch Einschübe direkter Rede zwischen Großmutter (Sie) und Anuschka (ich)

„Sie: Wen liebt Nona am meisten? – Sag: Mich!
Ich: Mich.
Sie: Wer ist Nonas ganzes Glück? – Sag: Ich!
Ich: Ich!“ ( S 114)

Ein weiteres Stilmittel (besonders für das Vaterland und die „hohe Sprache“, die „Mördersprache“ dort) setzt Anna Baar ein, um Wortgruppen mehr Nachdruck zu geben: Die Zusammenziehung von Wortfolgen zu einem Ganzen, das gleichzeitig als entfremdete Worthülse optisch auftritt: „Nichtvordenkindern!“, „Dassagtmannicht“, Dastutmannicht“, „Machdasichnichtsterbe“ oder „Ichhabeesdirgleichgesagt!“.

Das erinnert an die 1908 von Rainer Maria Rilke verwendet Form des Zusammenziehens in seinem Gedicht DIE ENTFÜHRUNG aus: DER NEUEN GEDICHTE ANDERER TEIL. Dabei setzt Rilke im letzten Absatz dieses Stilmittel ein, um durch das Zusammenziehen bekannter Worte wie „ ich bin bei dir“ optisch die Entfremdung darzustellen:

„Sie kroch in ihren Mantelkragen
und befühlte ihr Haar, als bliebe es hier,
und hörte fremd einen Fremden sagen:
Ichbinbeidir“

http://gutenberg.spiegel.de/buch/rainer-maria-rilke-der-neuen-gedichte-anderer-teil-828/45

Auf das Drängen der Großmutter reagiert das Kind aus Trotz mit Sprachlosigkeit. Im Text wird aber gerade durch die Sprache der Großmutter (Kroatisch) die ständige Umklammerung spürbar, einerseits das Bedrängen und die Erpressungen durch ständig geforderte Liebesbeweise.

Sie: Wer ist mein Augenlicht?
Ich schweige. Zähneknirschend.
Sie dann: Sag: Ich!
Den Teufel werd ich tun.

„Nada bedauerte das Kind, so still, wie es geworden war. Nur wenn sie seiner vaterländischen Unarten überdrüssig wurde, wenn es bei Tisch zu steif saß oder eine Speise rühmte oder von Gott sprach oder allzu grüblerisch war, blies sie ihm den Rauch ins Gesicht, und wenn es sich darüber beklagte, stritt sie jede Absicht ab – Uch, das ist doch nichts!“ (S 155)

Als Anuschka herangewachsen ist, fragt sie die Großmutter nach dem Krieg und der Leser erfährt von drastischen Schicksalen während der Kriegsjahre. Seitenlang erzählt die Großmutter von Kampfhandlungen, vom Lazarett und von Beppe, dem Großvater.
Die Erzählungen sind eindrücklich geschildert, mit starken Worten verdichtet und verleihen der Frauengestalt der Großmutter plötzlich Größe durch das erfahrene Leid.

Der Literaturkritiker Stefan Gmünder, der Anna Baar 2015 zum Bachmannpreis eingeladen hatte, meinte zu seiner Autorin, dass sei ein Text, „der aufs Ganze geht“, „ein strukturell und sprachlich sehr gut und präzise gearbeiteter Text“. Die zeitgeschichtlichen Spots und Bilder in dem Text findet er „subtil und schön, ohne aufdringlich zu sein“. Auch der zweite österreichische Juror beim Bachmannpreis, Klaus Kastberger, fand Gefallen an der Stilistik des Textes. „Die präzise Art und Weise der Beschreibungen“ fand er ebenso gelungen wie, dass sich der Text auf Paradoxa einlasse. Deshalb halte er den letzten Satz der Geschichte („Denn so wie mich die Worte würgen, berausch ich mich daran.“) für „aufrichtig“.
2016 gewann ANNA BAAR den 2. Platz beim Rotahorn-Literaturpreis. Die Jurorin Barbara Frischmuth begründet ihre Bewertung folgendermaßen: „Was mir so gefällt ist, dass sie so eine direkt wirkende, sehr rhythmische Sprache verwendet – und dass sie Empathie gar nicht verleugnet.“

Die Kärntner Schriftstellerin Anna Baar wurde als Tochter eines österreichischen Vaters und einer kroatischen Mutter aus Dalmatien 1973 in Zagreb geboren und wuchs zweisprachig in Wien, Klagenfurt und auf der Insel Brač auf. Nach der Matura am Musikzweig des Stiftsgymnasiums Viktring studierte sie Publizistik, Slawistik, Theaterwissenschaft und Öffentlichkeitsarbeit an den Universitäten Wien und Klagenfurt. 2008 promovierte sie an der Universität Klagenfurt zum Dr. phil. Schon während des Studiums schrieb sie für Presse und Rundfunk. Anna Baar lebt in Klagenfurt.
Auf Einladung des Literaturkritikers Stefan Gmünder nahm Baar am Ingeborg-Bachmann-Preis 2015 teil. 2016 erhielt sie den 2. Platz beim Rotahorn-Literaturpreis für ihren Debütroman.

http://steiermark.orf.at/news/stories/2794650/

Blog-Granatapfel-Cover
Anna Baar
Die Farbe des Granatapfels
Roman
Wallstein Verlag, Göttingen 2015
320 Seiten
ISBN: 978-3-8353-1765-9 (2015)
€ 20, 50

http://www.wallstein-verlag.de/9783835317659-anna-baar-die-farbe-des-granatapfels.html

Alle Fotos (c) Gabriele Russwurm-Biro

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“Ich zähle die Sterne, alle, die es gibt” – ein Buch13-Leseabend im Eboardmuseum

“Literarische Räume sind wichtig für die heutige Zeit,” betont Buch 13 – Obmann Gerald Eschenauer bei der Saisoneröffnung Anfang September in Klagenfurt. Ein neuer und ungewohnter Leseort wurde eingeweiht, das Klagenfurter Eboardmuseum (Hausherr Gert Prix) in der Florian-Gröger-Straße 20 beim Messegelände. Die Literaturinitiative BUCH 13, die vor über drei Jahren gegründet wurde, um neuen und erfahrenen AutorInnen aus Kärnten eine ungezwungene Plattform und ein breites Publikum zu bieten, verfügt derzeit über drei Standorte in Villach und neben dem Eboardmuseum auch noch den Studioklub in der Rosenbergstraße in Klagenfurt. “Literatur muss frei bleiben, wir brauchen unabhängige Orte, wo wir lesen können. Wir sind niemanden gegenüber verpflichtet, am wenigsten der Politik”, so Eschenauer.

An diesem sommerlich heißen Abend wurden an einem passenden Lesetisch (Gehäuse einer Hammond Orgel), zwei sehr scheue Autoren präsentiert: Johannes Tosin und Günther G. Mörtl.

Johannes Tosin wurde 1965 in Klagenfurt geboren. Als er ein Jahr war, zog er mit seinen Eltern nach Deutschland, am längsten waren sie im Dorf Elliehausen bei Göttingen, Niedersachsen, nahe an der damaligen DDR-Grenze. Er lebt in Pörtschach am Wörthersee.
Er überrascht mit seinen Kurzgeschichten und Gedichten das Publikum durch Fiktionales, Mystisches und Trauriges. Wie seine Geschichten entstehen, kann er nicht sagen, er hat keine Lieblingsthemen. Wichtig für ihn ist es, mit der Hand zu schreiben.

„Mit 9 zog ich mit meinen Eltern und meiner Schwester für 1/2 Jahr nach Klagenfurt, dann für 4 1/2 Jahre nach Wien. Als ich 14 1/2 war zog ich wieder nach Klagenfurt, ab dem Sommer 1979. Mit 16 verließ ich mein Elternhaus und zog mit meiner späteren 1. Frau, der Mutter meiner Tochter, zusammen. Ich war wegen Geldmangels gezwungen, aus dem Gymnasium auszutreten, machte zirka 3 Jahre lang üble Jobs wie Kohleträger, Fensterputzer und Prospektverteiler (eigentlich muss man sagen, dass Kohleträger gar nicht so schlecht war – von fast jedem Haushalt Trinkgeld und Bier). Nach der Trennung von meiner 1.Frau lernte ich Bürokaufmann, machte die Buchhalterprüfung, lernte Sprachen (bis auf Englisch wieder ziemlich vergessen), absolvierte danach in Leoben, die HTL für Maschinenbau-Hüttentechnik und arbeitete parallel als Sachbearbeiter. Matura 1993, danach Verkaufsingenieur, später Wechsel in die Maschinenbauindustrie für Kunststofftechnik, Anlagen für PVC-Fenster und -Türen, Oberösterreich, Verkaufsinnendienstleiter, danach Regional Sales Manager für Fernost, dann Maschinenbau für Kabel, Oststeiermark …(andere Verkäuferjobs in anderen Bundesländern, anderen Technologien und anderen Ländern, die zu bereisen waren) … später zwei Jobs als Projektmanager für einmal Metallumschmelzung, das zweite Mal für einen Giftfilter, später ein gemischter Job.
Schreiben ist bestimmt das, was ich am besten kann. Allerdings hätte ich als Projektmensch und Personalunion aus Techniker und Kaufmann sehr viel weniger Konkurrenz, und solche Jobs sind gut bezahlt. Andererseits, wer weiß? Vielleicht hätte ich sonst auch einmal gesagt: „Ich hab da überhaupt keinen Bock mehr darauf, dauernd regulär zu arbeiten.“ Und das Schreiben hat eben den großen Vorteil, dass man dabei kreativ ist, man kann etwas ausdrücken, man kann sich für etwas einsetzen. Ich sehe auch vom Können her keinen Plafond, es geht immer noch aufwärts,” erzählt Johannes Tosin.

Aus der Lesemappe: “Neues von der Kommandobrücke” 2016 von Johannes Tosin:

Losgelöst

Er hielt nichts mehr fest,
und nichts mehr hielt ihn.
Doch endlich den Knoten entschnürt.
Entschlüsselt das Geheimnis des Kreuzes.
Aus dem Suppentopf kochend
entwich er mit dem Dampf.
Verfing sich in den Wolken.
Fiel als Regen hernieder.

Punkt

Mathematik.
Kann Sprache sein.
Geschriebene, nicht gesprochene.
„Ich habe Hunger. Ich habe Durst.“
Stellt sich überall gleich dar.
Auf der Welt.
Was heißt dann:
„Ich liebe dich“?
Welche ist dafür die Formel?
Es gibt eine, sicherlich.
Für ihren Stamm.
Und für ihre tausenden Blätter?

160 Zeichen müssen genügen.
So viele haben Platz in einer SMS.
Das wirbt um der Begehrten Gunst.
Ein Rinnsal von Worten.
Für das weite, ausgedörrte Land.
Richtig gesetzt, mag es ihr Herz berühren.
Blumen sprießen neben Rissen.
Oder das Haus wird zur Ruine.

„Dear friend.
Nice to meet you.
Glad to see you.“
Preisen an Laptops, Tablets, irgendwas.
Stummelsätze, Pidgin-English, Rechtschreibfehler.
Fängt der Spam-Filter auf.
Keines Ungebetenen Stimme gelangt an mein Ohr.

Sekündlich getaktet.
Stündlich fast die Virendefinitionen aktualisiert.
Die Programme upgedated.
Die Erinnerung ist eine Datei.
Aus Schrift, Bild und Ton.
Wird angehängt.
Wird versendet.
Öffne sie, dann bist du ich.

Der Schreiber auf dem Stein,
einsam und allein,
findet tausend Worte
für den fliegenden Vogel.
Wer sie liest,
sieht ihn vor sich,
auch des Nachts im dunklen Haus.
Den Himmel durchschneidend.
Übertragen die Sinne.

Sie liest.
Sie versteht.
Keine Angst.
Sie wird vergeben.
Zwischen Punkt und Komma steckt mein halbes Leben.


Der Sternenzähler

Ich zähle die Sterne,
alle, die es gibt.
Bei einer immensen Zahl bin ich angelangt,
und ich bin lange noch nicht fertig.
Wie viele Leben ich schon zähle, weiß ich nicht,
es müssen sehr sehr viele sein.
Ist mein Vorgänger müde, der mir gleicht aufs Herz,
nennt er mir seine letzte Zahl.
Werde ich müde, werde ich meine letzte Zahl meinem Nachfolger nennen.
Dann schlafe ich.
Wir alle sind eine einzige Person,
bestehen aus identem Genmaterial
und haben dieselben Sinneseindrücke.
Wenn unsere große Aufgabe vollbracht ist,
all die Sterne des Universums zu erfassen,
dann sterben wir alle, die, die schlafen,
und auch der Letzte, der noch tatkräftig sein mag.
Dann sterbe ich, der Sternenzähler.

Johannes Tosin veröffentlicht Kurzgeschichten und Gedichte, seitdem er regelmäßig schreibt (2005) in Zeitschriften (“Apropos”, “Tarantel” und “EULENSPIEGEL”), Anthologien (Ent(z)weihnachtet, Malandroverlag 2014; Mein Garten ,Drava Verlag 2015) und im Internet bei “Sandmeer”, “Zarathustras miese Kaschemme”, “Telepolis”,”Twilightmag”, “Das Dosierte Leben”, “Phatastikon” und “verdichtet.at”.
Er erhielt im Jahr 2010 den 1. Platz des Wettbewerbes des Hauses Sankt Martin am Autoberg, Hattersheim, Deutschland, „Wohnungslose Menschen“, mit der Kurzgeschichte „K¬DAHAM9“.
Es gibt nur selten die Gelegenheit ihn bei öffentlichen Lesungen “live” zu erleben.

http://www.sandammeer.at/homepages/tosin/tosin.htm

http://www.das-dosierte-leben.de/tosin.htm

http://kaschemme.de/author/johannes-tosin/

Der zweite Autor des Abends las einen Auszug au einer Erzählung und hat aufgrund seiner Berufstätigkeit keine eigenständige Publikation, dafür ein bühnenfertiges Stück. Bei ihm überwiegt die Gesellschaftskritik in einer scharf beobachtenden sezierenden Schreibweise.

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Günther G. Mörtl wurde am 1. März 1940 in Klagenfurt geboren. Er absolvierte eine Lehre als Einzelhandelskaufmann. Nach beruflichen Aufenthalten in Deutschland war er von 1971 bis 1983 Österreich‐Verkaufsleiter bei Mannesmann‐Handel in Wien und auch verantwortlich für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit. In dieser Zeit war er auch freiberuflicher Texter für Wiener Werbeagenturen und schrieb zudem mehrere Fachartikel in namhaften Tageszeitungen wie „Kurier“, „Presse“, „Architektur und Bau“, u.v.m. Nach seiner Rückkehr nach Kärnten, 1984, war er Marketingleiter der „Kärntner Tageszeitung“. Danach bekleidete er mehrere Führungspositionen bei Kärntner Unternehmen. Später arbeitete er als freiberuflicher Journalist, für die Region Villach, bei der „Kleinen Zeitung“, bei der „Kärntner Tageszeitung“ und bei den „Kärntner Regionalmedien“, wo er von 2004 bis 2009 die Verlagsleitung des „Draustädter“ inne hatte. Nach einer kurzen Unterbrechung war er wiederum‐ von 2010 bis 2013‐ als freier Journalist für das „Kärnten‐Journal“ in Villach und für die Wirtschaftsredaktion der „Kärntner Tageszeitung“ tätig.
Mir seiner gesellschaftskritischen Kolumne „Zeigefinger“, die er für den „Draustädter“ und danach auch für das „Kärnten‐Journal“ schrieb, gelang es ihm, mit einem neuen, sehr persönlichen Stil, große Beachtung im Lesermarkt zu finden.
Den Weg, den Mörtl mit seiner Literatur geht, begleiten „Reime‐Verse‐ Gedichte‐Lyrik“, „dramatische Lyrik“, Essays, Erzählungen und sein bühnenfertiges Drama „…und alles unter einem Himmel“. Für dieses Drama sucht er interessierte Theater‐ Agenturen mit sehr guten Kontakten zu Dramaturgie und Bühne, um das Stück einem großen Publikum zugänglich zu machen.
Mörtl sieht sich‐ trotz seines „hohen Alters“ – als „junger Autor“ und verwehrt sich gegen die merkbare Diskriminierung älterer Autoren, die noch auf keine Veröffentlichungen verweisen können, wenn es um die Möglichkeit öffentlicher Präsenz‐ Lesungen, Preisverleihungen bei Literaturwettbewerben, Agentur‐Verträge, u.s.w. – geht. Er unterstützt daher die Initiative Gerald Eschenauers, von „Buch 13“, die auch bisher unbekannten Autoren, die Möglichkeit bietet, sich einer breiten, an Literatur interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren.

http://www.eboardmuseum.com

Das Eboardmuseum ist eine Sammlung elektronischer Tasteninstrumente. Es wurde 1987 vom Musiker, Mathematiklehrer und Techniker Gert Prix gegründet. Die ursprüngliche Sammlung war räumlich bald stark beengt. 2007 zog das Museum in eine Halle an der Südseite des Klagenfurter Messegeländes um und gilt seitdem als das größte seiner Art in Europa. Auf 1.700 m² Fläche zeigt das Eboardmuseum ca. 1.500 Exponate. Ungewöhnlich für ein Instrumentenmuseum ist, dass die ausgestellten elektronischen Orgeln nicht nur in Führungen live präsentiert werden, sondern von Besuchern auch selbst bespielt werden dürfen. Viele nehmen diese Möglichkeit gerne wahr. Wöchentlich werden Live-Konzerte veranstaltet. Der Veranstaltungsbereich ist mit Sofas möbliert und bietet Wohnzimmeratmosphäre.

Alle Fotos © BUCH13/Eschenauer

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